Leben und heißt jetzt so die Ordnung dieser rasenden Welt ? Wer ist der Dämon , der uns diese Grauenbilder schuf ? Welchem erbarmungslosen Moloch bringen wir diese furchtbaren Opfer eines kalten rücksichtslosen Ideengesetzes ? Nur wegen der Worte : Meuterei im Heere ! Bestand der eisernen Ordnung ! Ein Beispiel ! Ein Beispiel ! Wie ein Denkmal hingestellt die grause Warnung ! Was ist Euch , die Ihr so sprachet , so zu Gericht saßet , so die Kugeln zur Abstimmung zähltet , die Feder ergriffet zur Unterschrift , was ist Euch eine Person ? Eine Null ! Ein Nichts , gekleidet bei diesem Fall in eine bunte Jacke , die Hunderttausend tragen ! Sind wir nicht mehr Menschen , nicht eingebürgert auf der Erde zur Erfüllung irgend eines hohen Zweckes , den wir doch ahnen ? Und welche Sitten , welche Institutionen , welche Einrichtungen treiben uns hinweg von der friedlichen Vorbereitung auf diese unsre stillgeahnte Bestimmung ! In mein Ohr tönt es wie eine Disharmonie von tausend durcheinander fahrenden Instrumenten ! Mußte Das sein , du gutes , treues , bescheidnes Herz , das da unten für mich , zum Jammer für Menschen , deren Existenz auf dem großen Markt kalt ignorirt wird , verblutete ! Was löst diese Dissonanzen in einen reinen Akkord ? Was gießt wieder Wohllaut in diese friedlichen Herzen , Öl über diese stürmischen Fluten ? Worin begegnen wir uns zu unsrer wahren , sittlichen Menschenaufgabe ? Da liegen Bücher vor mir . Ich denke nicht mehr an die Lüge eines falschen Briefes , die mich hierher gebracht hat , an die Richter , die sie nicht glaubten , die mich aber doch verurtheilten , weil ich verurtheilt sein sollte . Ich schlage diese Bücher auf , die die Geschichte erzählen . Wo ich hinblicke , Dissonanz ! Menschen , die man liebt , niedergeschmettert von jenem Blitzstrahl des Himmels , den frevelnde Menschenhände wie einst Prometheus meist nur gestohlen haben , um das Schicksal nachzuäffen . Nero , Alba , Philipp , Das ist bekannt , Das ist von Allen verflucht - nein aber auch die glücklichsten Zeiten wimmeln von Schmerzen und grausamen Irrthümern . Soll Das ewig bleiben ? Ewig ? Nichts uns gewiß , als der ungewisse Blick empor und das dunkle , räthselvolle , ewig stille Grab ? So klagt der Gefangene ... Sein Auge kann das gräßliche Bild nicht mehr bannen . So lieblich die Sonne scheint , so blau der Himmel , so trostreich ihm anfangs der Blick über Wall , Fluß und Städtchen war , er konnte nicht mehr an ' s Fenster treten . So blieb er den Tag über ... Gegen Abend erinnert ihn der täglich wechselnde Gefängnißwärter , heute ein steinalter Invalide , an seinen vergessenen Spaziergang . Der Major lehnt ihn ab . Der Wärter soll gehen ... Es ist Abend geworden ... Der Alte im weißen Barte , die Brust mit Ehrenbändern geschmückt ... bleibt stehen ... Es wünscht Sie Jemand zu sprechen , Herr Major - Und schon war ein Offizier eingetreten in Mantel , in Uniform , mit Federhut - Der Major wendet sich . Der Greis zieht sich zurück . Der Besucher schlägt den Mantel auf ... Ein kurzer prüfender Blick des Auges ... eine Umarmung ... hervorstürzende Thränen ... Jagellona ! Werdeck ! Der Invalide hatte sich entfernt . Die Thür war ins Schloß gefahren ... Der abgelegte Hut , der weggeworfene Mantel enthüllt eine zierliche Gestalt , der unter der schützenden Verkleidung die Brust vor wildmächtigster Erregung klopft . Die Mienen des entschlossenen Antlitzes todtenbleich . Die Augen zitternd vor glühendem Eifer . Jede Muskel des Halses , jede Sehne der Hand heldisch gespannt und doch zittert der ganze Körper vor Fieberangst . Das kurzgeschnittne schwarze Haar steht dem edlen Haupte jugendlich schön . Diese Frau , nicht mehr in erster Jugend , hat sich die Jugend des Charakters erhalten und wenn sie auch zittert , so hat sie recht zu sagen : Werdeck , es sind die Nerven , die zittern ; mein Herz zittert nicht . Du mußt fliehen . Weißt du , daß der Sergeant , der dich retten wollte , zum Beispiel für den gefährdeten Geist der ganzen Armee erschossen werden soll ? Werdeck zeigte zum Fenster ... Die Blutspuren im Sande auf dem Glacis wären noch sichtbar gewesen . Aber es war inzwischen Nacht geworden ... Wieder sang schon die Sängerin im Lindenbaum ... Der Major besaß die Ruhe und Ergebung , die sich in Gefängnissen so von selbst findet . Die Angehörigen ahnen kaum diese schmerzlichste Umwandlung des Gemüths . Aber jetzt die Flucht ablehnen , dem heldenmüthigen , geliebten Weibe , ihr , ihr - diesen kühnen Eingriff in sein Schicksal abschlagen ? Es ist ein Bund des Geistes , sagte er , den man mir als Verschwörung auslegte ! Ich werde jene Ehre , die unter meinen Standesgenossen gilt , nicht wieder gewinnen , wol aber einst die Freiheit ... die mich rechtfertigen wird . Laß mich bleiben , dulden ... Und auch , wie könnten wir fliehen ? Die muthige Frau spricht nicht von der Möglichkeit , sondern von der Nothwendigkeit . Sie weint , sie klagt . Ihn auch schon erschlafft , ergeben , demüthig zu finden , ihn , den sie in den vollen Flammen des Zorns und der Begeisterung der Unschuld , in der lodernden Gluth der Rache zu finden gehofft hatte ! Ist Das denn wahr , was man von den Gefängnissen erzählt ! Da ermannt sich Werdeck ... Er verläßt die Zelle , den Corridor , den Wall , die Veste , stolz , emporgerichteten Ganges , den Mantel seines Weibes umgeschlagen ; sie , als Offizier gekleidet , neben ihm . Er unkenntlich im Mantel ... Sie sind beschützt . Es folgt ihnen Jemand ... Es ist der Invalide ... Er folgt nicht bis zum Thor ... er folgt weiter ... weiter als die Parole gefragt wird ... die Parole , die alle drei kennen ... Der Strom rauscht . Es ist derselbe , auf dem einst Murray entflohen ... Ein Kahn steht am Ufer ... Rasch gleitet er die Strömung hinunter ... Der Alte rudert ... Wer ist dieser Retter , Jagellona ? Wer fährt uns da ? Die Heldin schmiegt sich an die Brust des Gatten und sagt nur : Dieser Alte hat mich schon einmal vom Tode gerettet ... Werdeck sann hin und her . Vom Tode schon Einmal ? Wer ist der Alte ? Eine halbe Stunde vorüber ... Die Flüchtlinge steigen an einer einsamen Fischerhütte aus ... betreten die menschenleere aber erleuchtete Hütte und finden Kleider , die für sie bestimmt sind . Wer ist der Greis ? fragt Werdeck wiederholt , als er sein muthvolles Weib nun in Frauentracht in die Arme schließt . Wir brauchen einen Zeugen für unsre Erzählung , sagte sie . Komm nur ! Damit folgen sie dem Alten , der eine Blouse übergeworfen hat , folgen über ein sandiges Ufer , dann einen Wiesenrain , zuletzt stehen sie auf der Landstraße . Ein Wagen mit zwei Pferden , dessen Zügel Jemand , unkenntlich in der Nacht , wartend in der Hand hält ... Der Major tritt näher ... forscht ... Es ist Leidenfrost ? Aber rasch ! Rasch ! Der Invalide spricht ' s , ergreift die Peitsche , springt mit noch jugendlicher Kraft auf den obern Sitz und während Leidenfrost , Werdeck und Jagellona , die drei im Geist Verbundenen , rasch in den Wagen steigen , spricht die muthige Frau endlich mit erleichtertem Herzen , weinend in ihrer Freude , erlöst von den bangendsten Gefühlen : Wir sind in Sicherheit . Die Schläge des Geschickes , das so gespenstisch mit uns redete , machen endlich eine Pause . Die zerrissenen Bruchstücke dieser Tage , wo der Eine hier , der Andre dort die grausame Hand eines uns wahrlich zuweilen wahnwitzig erscheinenden Verhängnisses fühlte , bilden doch ein Ganzes , ein Großes , die Einheit eines Zieles , an das wir nun wol werden Alles geben müssen . Freiheit höre ! Die Liebe will dir erzählen ! Ende des achten Buches . Neuntes Buch Erstes Capitel Tempelheide Des Herbstmorgens erste Frische war vorüber . Die Nebel , die der Sonne Aufsteigen umschleierten , sanken auf die große Ebene nieder , in deren breiter Ausdehnung die Hauptstadt hingegossen lag mit ihren Kirchthürmen , ihren Riesenschornsteinen , dem Dampf der Essen , dem aufgewirbelten Staub der Straßen und Plätze , einer Hülle , die den schärfsten Pfeilen des Sonnengottes Widerstand leistete und mit ewigem Grau , zu jeder Jahreszeit , selbst gegen die reinste Bläue des Himmels Einspruch that . Rings aber um die große Ebene und ihr Gewühl zog sich ein grüner Rand , unentweihter , je entlegener von der Berührung mit den Menschen des Trottoirs . Am westlichen Ende Solitüde mit seinem Park , seinen Niederungen , seinen Eichenhainen ; am östlichen eine Aufdachung von Sand- und Kalksteinbergen , dicht bewaldet , von Straßen , von Eisenbahnenkerfen durchschnitten . Tempelheide dieses Aufganges Beginn . Wie eine Hüterin lag die alte Kirche mit ihren Linden oberhalb der Landstraße , die an Lebendigkeit gewonnen hatte , seit der allmächtige Fürst Egon von Hohenberg sich von den Mühen eines nun fast einjährigen Regimentes für einige Wochen auf seinem väterlichen Schlosse ausruhte . Wie ruhig liegt die Stadt da unten , die Egon gebändigt hatte ! Nach Solitüde , wo jetzt die königlichen Herrschaften wohnten , sprengten nicht so viel Kuriere , Gendarmen , reitende Boten , wie hier an der alten Kirche mit dem Dreiblattkreuze , dem Gartenpavillon und dem Tannenparke des alten Obertribunalspräsidenten von Harder vorüber nach Hohenberg . Doch da es hier bergauf ging und Alles langsamer fahren und mäßiger reiten mußte , so wurde der Friede der ländlichen Besitzung nicht zu sehr gestört . Anna von Harder war ohnehin keine krankhafte Einsiedlerin . Sie liebte den Zusammenhang mit der Welt , wenn sie auch nicht an die Welt verloren gehen mochte . Sie saß gern unter dem kleinen Schirmdache , von dem herab sie einst Siegbert Wildungen in der heißen Julihitze einen Becher Weins gespendet hatte . Sie erwiderte gern jeden Gruß , den man ihrer würdevollen hohen Gestalt mit den einfachen Trauerfarben ihrer schlichten Kleidung bot . Zuweilen stand , ein stolzes Rad schlagend , der von glänzenden Farben übersäete Pfau aus dem Hühnerhofe hinter ihr , wie neben der Juno ; aber die edle Frau hatte nur die Haltung , nicht den Stolz der Beherrscherin des Olymps . Sie dachte auch von dem majestätischen indischen Vogel anders als die Kinderlehre . Sie gab dem gekrönten Thiere mit dem klugen schüchternen Auge freudig Körner aus ihrer Hand - im Schlitz des Kleides war eine nie leere Vorrathskammer für die Thierwelt ihres greisen Pfleglings - und fand den stolzen , wiegenden Gang des schönen Thieres , während das emporgehaltene mit blaugrünen Augen eingefaßte Rad in der Sonne funkelte und wie ein Fächer schwankte , sich hob und sich senkte , eben so würdig wie lehrreich , und oft genug hatte sie die kleine Paulowna Wäsämskoi auf den Pfauengang aufmerksam gemacht , als eigentlich den Gang , der sich in Gesellschaften , Vorstellungen , bei Hofe und mit gesenktem Haupte auch in der Kirche zieme . Die gewöhnliche Thiermoral existirte nicht in Tempelheide . Hier vertrug sich Reh und Hund , Hund und Katze , ja hier war schon vorgekommen , daß eine Katze die Jungen eines Mäuschens aufgezogen hatte . Für den Tannenhain , der die einfache Besitzung mit ihren grünen Rabatten , dem kleinen Gemüse- und Blumengarten , dem einem Jagdschlosse ähnlichen , gedrückten Hause und die großen Räumlichkeiten des Hofes rings umgab und sie von dem unmittelbar daran stoßenden großen Walde trennte , hätte man freilich lieber ein Gehölz von Buchen , von Linden und Eichen wünschen mögen . Anna selbst hätte diese rauschenden vollen Blätterwipfel sicher lieber über sich schwanken gehabt als diese ewig gleichen , ewig düstern Tannen , unter denen man oft , wenn die Nadeln reichlich gefallen waren , wie auf dem ihr so wenig mehr geläufigen glatten Parkett der Salons wandelte . Tannenzapfen , hölzerne , trockne , kleine Schuppenpyramiden waren ihre einzige Belohnung für die Liebe , mit der sie dennoch auch die Hut dieses Haines führte . Und der alten Excellenz war grade diese durchsichtige Baumwelt die genehmste . Wie durch einen Mastenwald im Seehafen sah er durch diese lichten , oben röthlich , unten grau schimmernden Stämme . Wie mit staubigen Kamaschen , wie aus der schmuzigsten Straße in die Stadt gekommen , seht ihr aus , ihr schlanken , hölzernen Grenadiere , sagte Anna wol , wenn sie mit dem Alten durch den Park schritt und er sich an ihrem Arme führte . Aber er lobte für seine Zwecke grade diese Durchsichtigkeit . Sein zahmes Reh konnte nicht die jungen Eichenblätter fressen , seine Hühner konnten sich hier nirgend verstecken , seine Katzen nicht auf lauernden Raub gehen , seine Hunde witterten und schnoberten hier nicht wie auf den Anschlag , und fremdes Gevögel , fremde Maulwürfe , Iltisse , Marder waren leicht beobachtet und aus dem offnen Bereich entfernt . An Singvögeln fehlte es auch in den Tannenwipfeln nicht . Die alte Excellenz liebte grade die Kreuzschnäbel und die Holzheher , die unter Tannen am liebsten weilen . Für das süße Rauschen und Flüstern der grünen unzähligen Blätterwelt hatt ' er ja seiner guten , bei ihm so liebevoll ausharrenden Schwiegertochter am Ende des Parks auf einer künstlichen Erhöhung von Felssteinen , alten Baumrinden , durchbrochenem Mauerwerk , gleichsam wie in einem alten gothischen Thurmgemäuer - denn das Ganze war auch vom treuen Zeitenbegleitenden Epheu umrankt - harmonisch gestimmte Windharfen aufhängen lassen , die sie für das ewige Gekrächz , Gebelfer , Geschmetter , Gegurr und Gegacker im Vorderhause schadlos halten mußten . An dieser melancholischen künstlichen Ruine , die den Blick zunächst auf einen grünen Wiesenplatz und dann in den dichten Tannen- , hier und da von weißen schimmernden Erlen unterbrochnen Wald streifen ließ , suchte eben Anna von Harder ein junges Mädchen auf , das auf einer Bank von ungeschälten Baumästen an einer Lehne von starken geflochtenen Weiden saß , ein Buch in der Hand und bald in die düstre Waldung , bald zum blauen Himmel , bald zu jenem Raben aufsehend , den wir schon als den treuen Begleiter des hier waltenden wunderlichen alten Philosophen kennen . Die Luft war so still , daß die in ihr aufgehängten Leiern nur zuweilen einen ganz leisen , aber auch dann unendlich wehmüthigen Ton erklingen ließen . Wie blau ist der Himmel ! rief Anna schon von unten herauf , die Hand auf die epheubewachsene Treppenlehne stützend . Hier weilst du und liest ? Die Bücher über Italien , die aus den Bibliotheken nicht endigen wollen ! Komm und zerstreue dich an dem Pavillon ! Das ist ein Reiten , ein Fahren nach dem Schlosse Hohenberg ! Die schöne Fürstin wird ihre Flitterwochen nicht in Ruhe genießen können . Statt aller Antwort drückte das junge Mädchen Anna neben sich nieder , legte den Arm um ihre Schulter und preßte sie an ihr Herz . Ein sanfter Akkord der Luftmusik begleitete den stummen Gruß ... Sieh ! Draußen steht unser Mentor und wartet , daß er folgen darf ! sagte Anna lächelnd und zeigte die Ruine hinab an die erste Stufe der steinernen Treppe auf einen magern , grauen , stelzbeinigen Vogel mit gewundenem Hals und spitzem Schnabel , der hin und her sprang , bald auf das eine , bald auf das andre Bein sein Gewicht legte und sich wie ein Tanzender geberdete . Als das junge Mädchen schwieg und nur Anna ' n inniger die Hand drückte , sagte diese : So froh solltest du sein wie unsre Thiere ! Das springt heute und freuet sich des sommerlichen Tages ! Biche und Alkmene jagen sich und spielen wie wilde Buben ! Hektor hat Lust , seiner alten Dressur sich zu erinnern , die ihm doch Großpapa um jeden Preis austreiben will . Er zaust die Hühner fast über die Gebühr . Unser Jupiter kann nicht Räder genug schlagen und sich dem Vorüberfahrenden in seinem besten Staate zeigen . Und das Wetter wird sich halten . Die Laubfrösche sitzen auf der obersten Sprosse ihrer kleinen Leitern im Glase . Isis und Osiris putzen sich den Bart und selbst der gespenstische alte große Bafomet , vor dem du sonderbarerweise nicht die geringste Furcht hattest , als du zu uns kamst , selbst Der besinnt sich in seiner majestätischen Würde , daß er den Schöpfer loben muß und spinnt , spinnt , was er seit Jahren nicht gethan hat und was uns Glück bedeuten muß . Komm ! Unser stelzfüßiger Lakai wartet draußen . Wollen wir Solitüde besuchen ? Wollen wir anspannen lassen und einmal an die Terrasse fahren , die du so liebst ? An den Teich , wo man Schwäne füttert , die wir leider nicht halten können , wär ' es auch nur , um zu sehen , was wol an dem Schwanengesang vor ' m Sterben Wahres ist ! Ach , ich Abscheuliche ! Ich wünsche doch immer auch noch Thieren den Tod , um Experimente zu machen ! Wenn Das Großpapa hörte ! Er hielte mir gleich eine Vorlesung über das Naturrecht ! Komm ! Komm ! Wenn du gesprächig wirst , wie ich , die ich heute wie unsre Elstern plaudere , so erzähl ' ich dir auch , was mir den heutigen Tag so ganz besonders lieb und werth macht . Das junge Mädchen stand schweigend auf . Sie drückte der guten Anna , die so viel Worte seit Jahren nicht in einer einzigen Rede verbunden hatte , mit einer gewissen Feierlichkeit wieder die Hand und ging dann , an ihren Arm sich hängend , die steinernen Stufen hinab , begleitet von dem Nachruf eines Akkords aus den Lüften ... Anna von Harder wandte sich und sah zu den Schallöffnungen , die den Wind zum Musiker machen , noch einmal stehenbleibend empor ... Ja ! Ja ! Ich kenne den Zauber dieser stillen Warte , sagte sie zu dem jungen Mädchen . Wie gern hab ' ich auch sonst stundenlang hier geweilt und beim Erwachen der Abendwinde , die meist mit dem Untergang der Sonne eine Weile lebendiger wehen , bis gleichsam die Sterne Kraft gewinnen und wieder Ruhe auf der Erde gebieten , wie oft hab ' ich da den Tönen gelauscht , in denen die Luft hier zu uns spricht ! Ich wußte freilich , es ist das Alles nur künstlich hervorgerufen , es kommt nicht von selbst , eine menschliche Vorrichtung eroberte sich diesen Gruß der Winde . Und doch ist der Ton als solcher so selbständig , als Gewordenes doch so ein Ureignes , so ein von Menschenhänden gar nicht zu schaffendes Geschaffenes . Wir können das Licht absperren , ab- und zulassen , anzünden , auslöschen , aber wir können das Licht selbst nicht machen . Kein Seifensieder , kein Kerzenzieher erschafft das Licht . Auch den Ton macht kein Instrumentenmacher . Man erobert ihn nur , man fängt ihn ein , man läßt ihn hinaus , man gewinnt ihn sich und Andern . Das blasse junge Mädchen hörte und schwieg . Der Vogel , ein Kranich war ' s , sprang voraus mit seinen wunderlich tanzenden Sprüngen . Ach , sagte Anna , des Mädchens träumerische Empfindungen unterbrechend , wie gut es unser armer Lakai meint ! Der gute Vogel ! Sein Tanzen ist keine angeborne Freude . Großpapa kaufte ihn von einem Vogelabrichter , der das arme Thier zum Tänzer für Jahrmärkte gezogen hatte . Auf einen Fußboden von heißen Blechplatten hatte er das Thierchen , als es jung war , eingesperrt . Entsetzt von der Hitze , die sein an Sümpfe und Moor gewöhnter Fuß nicht verträgt , fing es an zu hüpfen und hüpfte und hüpfte so lange , bis es nicht mehr gehen konnte . Armer Schelm , wie bin ich froh , wenn ich dich vor wirklicher Freude tanzen sehe und nicht an die glühenden Kohlen denken muß , die deinen Schmerz zu einer nur scheinbaren Freude machten ! In die ernsten , fast unbeweglich starren Züge des jungen Mädchens schlich sich bei diesen Worten jetzt ein außerordentlich feines , fast bittres Lächeln . Es war als wollte sie sagen : Das ist die Lustigkeit der Weltbildung , des Zwanges , der Convenienz ! Das sind die Bewegungen des scheinbaren Tanzes , die nur von den brennenden Kohlen unter uns kommen ! Anna verstand dies Lächeln und seine Bedeutung sehr wohl . Sie wollte aber , daß Heiterkeit waltete ... Nein , sagte sie , man soll nicht lügen ! Man kann in der Freude und auch im Schmerze zu unwahr sein ! Ich mache mir Vorwürfe , daß ich viel zu oft unter meinen Windharfen saß und mich zur Sklavin ihrer traurigen Töne machte ! Dann und wann ! Wenn die Seele nicht übervoll , sondern wenn sie leer ist ! Wenn die Alltäglichkeit uns übermannt , das tiefste Leid , die heiligste Pflicht vergessen ist , dann ein solcher Akkord und gleich haben wir uns wieder gefunden ! Ich würde nicht immer in den Büchern über Italien lesen , um mich in Italien heimisch zu fühlen . Ich würde vorziehen , der Gegenwart , der nächsten Umgebung anzugehören und dann und wann plötzlich einen Lichtstreifen , einen solchen goldnen , daß er gleich ganz Rom und alle Seen des Südens uns vorzaubert , über mich fallen lassen . An einen einzigen Lichtstrahl knüpft sich eine ganze Welt ! Ich brauche nur einen gewissen Akkord zu hören und gleich weckt er mir eine ganz bestimmte Empfindung . Ich schlage auf dem Klavier einige Töne in A-Moll an und ich sehe gleich aus den Fluthen und Nebeln ein wunderbares Eiland steigen , das Land meiner Jugend , meines Glückes , meiner seligsten Hoffnungen . Fast glaub ' ich , daß das Übermaß der in diesen Ton gesetzten Rhythmen das Bild verscheucht , den Zauber der Erinnerung abstumpft . Ich bin viel zufriedener mit mir , seit ich Pflichten der Gegenwart habe und meinem stillen Kultus der Trauer um die Vergangenheit nur manchmal lebe . Das junge blasse Mädchen hörte ruhig dem bezüglichen Wort zu und erwiderte den Handdruck , den sie von Anna empfing , die ihren rechten Arm in ihrem linken trug . Sie lächelte ein wenig , als Anna beim Hinausschreiten aus dem Parke , sich umsehend , sagte : Der grillenfängerische Rabe ist uns nicht gefolgt ! Der Schelm trauert , daß man ihm seine Sucht zu stehlen abgewöhnte . Ihm ziemt es , unter den Tannen zu philosophiren . Unser Kranich aber hüpft zum Pavillon . Er weiß , daß wir dort mehr Zerstreuung finden . Sieh , sieh , er ist doch vergnügt der Schelm ! Er wirft kleine Steine in die Luft und fängt sie auf ! Der Herr Balletmeister amüsiren sich , obgleich Sie pensionirt sind ! Ich habe dem Großpapa erst glauben mögen , daß die Thiere der Erziehung fähig sind , als ich sah , daß sie spielen . Gibt es einen redenderen Beweis für eine gewisse Freiheit auch innerhalb der sonst gebundenen Thierseele ? Hunde und Kätzchen spielen , Hasen treiben die tollsten Possen , Goldfische mögen sich langweilen , wie alle Vornehmen , aber Forellen wahrlich nicht ! Forellen tummeln sich . Und was spielen nicht die Vögel ! Auch Pferde spielen und reiben sich mit den Köpfen , selbst wenn sie vor den Häusern der Reichen bis tief in die Nacht frieren müssen und eigentlich ungeduldig und zornig über uns sein sollten . Nein sieh , sieh , Olga ! Sieh den Kranich ! Jetzt wirft er ein Hölzchen empor und duckt sich unter ihm weg , daß es ihn im Fallen nicht trifft ! Du närrischer Patron du ! Olga Wäsämskoi war es , die eben mit der so freundlich ihr zuredenden und wie wir wol bemerken werden , mit Absicht sie erheiternden Anna von Harder auf den kleinen Rasenhügel stieg , wo jenes Schirmdach stand , unter welchem man im heißen Sommer einigen Schutz vor den Sonnenstrahlen fand . Olga hatte sich zur vollkommnen Jungfrau entwickelt . Zwar nur klein waren alle ihre Formen geblieben , doch zeugten sie von vollendeter Reife ; der Bau ihrer Schultern war kraftvoll , der Nacken sicher , das Antlitz von einer Bestimmtheit , die leider , um noch kindlich erscheinen zu können , zu sehr vom auffallendsten Ernste beherrscht war . Die Haut zart , von jenem braungelben Schimmer , wie das Inkarnat des Südens . Die Augen noch schwärzer beschattet als im vorigen Jahre . Die Hüften wölbten sich im schwarzen , sehr langen Atlaskleide , in der Sonne glänzend , von der nicht sehr engen Taille ab . Sie bot das Bild einer südlichen Schönheit , die von unsrer nordischen wespenartigen Grazie kein Merkmal hat . In dichten Flechten war das schwarze Haar im Nacken festgebunden ohne Gefallsucht . Ihr ganzes Wesen schien innerlich und nur zu sehr vergeistigt , nur zu sehr der Wirklichkeit entrückt , von der man nicht wußte , verachtete oder bemerkte sie sie nur nicht . Das Wesen Olga ' s seit ihrer Rückkehr von Wien , bis wohin ihr Rudhard im Frühjahr entgegengereist war , hatte sich als das seltsamste von der Welt angekündigt . Ihren Briefen zufolge hätte man die lebhafteste Empfänglichkeit für alle ihre Umgebungen , ein gewisses Aufthauen aus ihrer früheren oft eisigen Lethargie , eine große Lust der Mittheilung erwarten sollen . Von dem Allen fand sich nichts . Olga war nicht nur ganz in ihre frühere träumerische Art zurückgesunken , sie war viel weiter zurückgegangen , sie zeigte einen apathischen Zustand , der an Starrheit grenzte . Sie war krank , nervenkrank . Sie litt an sich selbst , ohne sich in ihrem Schmerze äußern zu können . Sie bot einen erschreckenden Anblick . Schön , fesselnd , träumerisch , in jeder Beziehung ein weibliches Ideal , entsetzte an ihr eine tödtliche Kälte , die fast wie ein Krampf , wie eine Starrsucht zu nehmen war . Rudhard brachte sie so von Wien zurück . Sie hatte die abenteuerlichste Fahrt von Rom aus gehabt und Rudhard deutete an , daß ihr Zustand mit Erlebnissen zusammenhing , die er verschwieg . Er hätte von Siegbert die einzige günstige Einwirkung auf die in solchem Zustand Wiedergewonnene hoffen müssen . Aber Siegbert Wildungen war bald nach der Flucht seines Bruders durch geheime Warnungen , denen er Glauben schenken durfte , veranlaßt worden , sich von der Hauptstadt und ganz aus dem Lande zu entfernen . Er war erst mit Otto von Dystra nach dem Schlosse Buchau , an die im äußersten Westen Deutschlands liegende Tempelsteiner Ruine gereist , die in voller Wiederherstellung begriffen war . Dann hatte sich Siegbert zu Louis Armand nach Belgien begeben . Beide lebten in Antwerpen , wo sich Siegbert mit erneutem Eifer auf seine Kunst warf und zu gleicher Zeit für die Zwecke des Bundes so wirkte , wie ihm sein Bruder Dankmar die briefliche Anleitung gab . Als Dystra zurückkehrte , fand er zwar Olga , aber nicht mehr Rudhard . Dieser hatte sich , da die Fürstin Wäsämskoi nicht im Stande war , sich irgendwie mit ihrer Tochter zu verständigen , entschließen müssen , sie und die jüngeren Kinder gleichfalls nach Westen zu begleiten , zum großen Ärgerniß der Welt , die , wir wissen noch nicht , mit welchem Rechte , behauptete , Siegbert Wildungen wäre die Veranlassung dieser Reise . Aber Anna von Harder hatte den Einfluß , den ihr die Fürstin auf sich zugestand , selbst dahin benutzt , ihr diese Reise anzurathen , ihr sogar Paris als künftigen Aufenthaltsort umsomehr vorzuschlagen , als die Gräfin d ' Azimont wieder aus Italien zurück war , in Paris lebte und es sich ihrem versöhnlichen Herzen als eine Möglichkeit einschmeichelte , diese Schwestern würden sich eher versöhnen , als es ihr mit der ihrigen , Paulinen , möglich war . Und Olga hatte sie für sich behalten . Jetzt vollends , wo Olga Liebe , Schonung , Pflege verlangte ! Olga war von einer Reizbarkeit der Nerven , die die Mutter nimmermehr würde geschont haben . Adele war ergebener geworden , beruhigter durch Anna ; sie hatte sich den jüngern Kindern angeschlossen , aber vom Herzen kam ihr der pflegende Muttertrieb nicht . Wie hätte sie Geduld gehabt mit Olga , die jetzt Geduld bedurfte ! Im Laufe des Sommers kehrte Dystra , der in seiner Gewissenspflicht , Olga zur Gattin zu wählen , von dem sich beherrschenden Siegbert nicht gehindert wurde , vom Tempelstein , der im großartigsten Style hergestellt wurde , nach der Residenz zurück und sah nun Olga zuweilen . Er hatte von ihrem so plötzlich verwandelten Wesen gehört . Als er sie in Tempelheide zuerst begrüßte und von ihr mit der Geringschätzung , die er voraussetzen konnte , behandelt wurde , erschrak er , sie in einem Grade abstoßend zu finden , der ihn gleich zu der Bemerkung veranlaßte : Das hat sich gut getroffen ! Ein Wesen dieser Art mußte in eine Anstalt kommen , wo man wilde Thiere bändigt ! ... Er begriff nicht , wie von diesem Mädchen jene Briefe hatten herrühren können , die ihn so fesselten . Er hatte noch auf der Reise nach dem Tempelstein zu Siegbert gesagt : Wildungen , wir führen zusammen einen psychologischen Konflikt auf , an dem mir nur störend ist , daß er zu sehr an die Gefühlswelt des achtzehnten Jahrhunderts erinnert ! Sie wissen , ich halt ' es mit dem neunzehnten und erlebe auch noch die zeitgemäße Ummodelung , daß Sie von Olga vergessen werden oder daß Sie sie selbst vergessen ! ... Nun aber Olga wirklich sehend , fand er es auch unmöglich ,