kahlen Höhen die wenigen Stellen suchten , wo die Vegetation von ihren üppigsten Entfaltungen , die die Reisenden noch gestern begleitet hatten , in letzten Kräutern und Grashalmen erstarb ... Gestern noch Oliven , Gärten voll Orangen , Gebüsche von Myrten und hier und da die einsam träumende Dattelpalme ; noch in Sospello die nächsten Anhöhen bewaldet von Kastanien - jetzt aber schon seit einer Wanderung von zwei Stunden nichts als niedriges Buschwerk und selbst die Alpenflora durch die große Trockenheit des Bodens gehindert ... ... Hier und da leuchtete wol das schöne Himmelblau der Genzianen ... Die beiden Frauen , in breitrandigen , am Kinn befestigten » Nizzahüten « , deren Strohgeflecht fest genug ist , um von den jeweiligen Windstößen nicht bald diese , bald jene Gestalt zu gewinnen , sammeln dem Kinde , der kleinen Erdmuthe , was sie allenfalls an blauen , auch hier und da noch weißen und rosenrothen Blumen entdecken können ... Die Alpenrose findet sich hier nicht , sagte die ältere und kleinere Dame ; sie muß doch mehr Schnee und Eis haben , um fortzukommen ... Vielleicht jenseits - auf dem niedergehenden Abhang - entgegnete die jüngere und nickte vertröstend der Kleinen zu , die verlangend von der Straße her aus dem Wagen ihr Händchen streckte , an ihrem hastigen Begehren durch den Fahrenden gehindert , der sie auf seinem Schooße schaukelte ... Der Arme ! Wie er hustet ! seufzte die ältere der Frauen mit Hindeutung auf den Mann im weißen Staubhemd ... Sie fügte hinzu : Er hätte gar nicht aussteigen sollen ... Auch die Nähe eines Kranken kann bald zur Gewöhnung werden ... Selbst ein hoffnungsloser Zustand wird zuletzt mit Ergebung in die einmal nicht zu ändernde Lebensordnung seiner Umgebungen hingenommen ... Auf den schottischen Hochgebirgen fand ich , wie hier am Mittelmeer , nahm die jüngere mit Beziehung auf die fehlende Alpenrose wieder die frühere Aeußerung auf , ganz die gleichen Blumen ... Dieselben Formen haben sie , dieselben Farben ... Auch die langen Wurzeln , mit denen sie sich festklammern müssen , um den Stürmen zu trotzen ... Die Stiele sind immer kurz ... Keine wagt sich zu sehr über den schützenden Boden hinaus ... Und siehe da ! Die kleinen Sternblümchen schon verwelkt ! ... Alles wie in Schottland ... Ein kurzer schöner Frühling - kein Sommer - gleich der Winter ... Die Mutter , die wir an ihren grauen Locken als Monika von Hülleshoven erkennen , war schon an sich bewegt vor Erwartung des Ziels dieser Wanderung ... Noch heute konnte sie hoffen , endlich nach langer , langer Trennung die greise , dem Tod nahe Gräfin Erdmuthe von Salem-Camphausen auf Castellungo zu sehen , die Pathe da der kleinen Erdmuthe Hedemann ... Mehr als zehn Jahre nach den Tagen damals in der Residenz des nun auch schon zu seinen Vätern versammelten Kirchenfürsten , als die Gräfin so fest darauf gerechnet hatte , ihre geliebte Monika würde schon den nächsten Frühling in Castellungo zubringen ... Was war nicht alles dazwischengekommen , bis sie die edle Greisin endlich auf ihrem schönen italienischen Schlosse wiedersah ... Nun ergriff sie noch Armgart ' s Wort : » Ein kurzer Frühling - ohne Sommer - gleich der Winter ! « ... Auf wen wol paßte die Vergleichung mit dem Leben der Alpenblumen mehr , als auf sie , die jetzt - achtundzwanzigjährige - unvermählte Armgart ! ... Sie hatte sich mit den Jahren dem Vater da , der , um sich etwas zu verschnaufen , mit einem Ziegenhirten plaudert , nachgebildet , war in Wuchs gekommen und ein hochaufgeschossenes , schlankes Fräulein geworden , wofür sie nie Aussicht gegeben ... Um so zarter und behender waren ihre Glieder geblieben ... Der Kopf unter dem Strohhut war wol jetzt vom Steigen rosig erglüht ; sonst aber sah ihr Antlitz bei weitem blasser aus , als in ihrer Jugend und als noch jetzt die Mutter aussieht , die an ihrer apfelgleichen Frische und Rüstigkeit nichts eingebüßt hat ... Jenes ihr eigene halbe Lächeln mit den beiden schimmernd weißen Vorderzähnen hatte Armgart behalten , aber es gab ihr jetzt eher etwas Strenges ; ihre schönen Augen waren ernst und fast ein wenig starr geworden ... Eine Jungfrau , die mit ihren Hoffnungen abschließt , macht schmerzhafte Krisen der Seele durch ... Im übrigen würde Monika , die immer die Gegenwart und die nächste Pflicht im Auge behielt , kaum so in Rührung gekommen sein über diese Vergleichung ... Noch in Sospello , wo sie den Berg taxirte und dem Posthalter , der drei Pferde Vorspann begehrte , eines als einen Misbrauch abgehandelt hatte , war sie wie immer laut und entschlossen gesprächsam gewesen ... Jetzt lag das Jenseits des hohen Kulms geheimnißvoll vorm Auge ... Nun konnte sie nur mit Wehmuth auf die da und dort sich sorglos bückende Armgart sehen - konnte sich nur sagen : Arme Alpenblume auch du ! Auch du hattest einen schönen Mai- und Wonnemond , dann sogleich den Herbst und vielleicht - den ewigen Winter ! ... Armgart aber rief jetzt lachend : Fühlt ihr nun , daß der Col de Tende sich sehen lassen kann ? ... Ich sagt ' es ja gleich nach allem , was ich in Nizza erzählen hörte ... Den Gipfel erreichen wir noch vor drei Stunden nicht ... Seht ihr auch da oben noch das Haus ? ... Da füttert der Postillon noch eine Stunde und auch wir werden ohne Collation nicht fortkommen ... Armgart schien die Ruhe und Ergebung selbst geworden zu sein ... Sie war selbst um Paula und ihre liebe alte Gräfin , ihr ketzerisches » Großmütterchen « , nicht aufgeregt , die auch sie seit zehn Jahren nicht gesehen hatte und dort - jenseits der kahlen Höhe morgen , eine Sterbende , finden sollte ! ... Paula ! Sogar von ihrer geliebtesten Freundin hatte das Leben und die bewegte Zeit sie fast im Geist verdrängen können ... Zu den bitteren Kämpfen , die sie alle und zumal ihre Familie seit zehn Jahren durchgemacht , gehörte ein wehmüthiger , wenn auch unausgesprochener Zwiespalt Armgart ' s mit Paula , hervorgerufen durch die so mannichfache Verschiedenheit der Meinungen und Ueberzeugungen ... Nächster Anlaß dieser Reise war keinesweges allein das dringende Bedürfniß , sich endlich wiederzusehen , sondern mehr noch der zufällige Umstand , daß Hedemann , der sich in einer bewegten Zeit dem Wohl des Obersten von Hülleshoven geopfert hatte , heftig an der Brust erkrankt war , Genf , wo der Oberst mit den Seinigen seit den letzten Jahren gewohnt hatte , erst mit Nizza vertauschte und dann in der Heimat seiner Porzia für immer zurückbleiben - vielleicht dort sterben wollte ... Die Aerzte hatten ihn aufgegeben ... Doch die Auflösung eines so kraftvoll gebauten Körpers ließ einen langen Kampf erwarten ... Ulrich von Hülleshoven , dessen Locken nun auch schon ergraut sind , schreitet schon wieder wacker voraus ... Seit Jahren begleitete ihn auf solchen und ähnlichen Wanderungen immer derselbe mächtige Alpenstab ... Er kehrte diesen jetzt um , hielt das Ende mit der eisernen Spitze oben und streckte den Griff seiner Frau und Tochter zu mit der scherzenden Aufforderung , sich festzuklammern , er wollte sie hinaufziehen ... Aber Armgart stemmte im Gegentheil beide Hände an seinen Rücken , um ihm hinaufzuhelfen ... Vorwärts ! Vorwärts ! rief sie und ihre Kraft gab ihr das Zeugniß noch der Jugend ... Porzia unterhielt sich indessen mit dem Postillon über ihre endlich wieder begrüßte Heimat , in der sie die Aeltern nicht , die in Deutschland waren , nicht die alten Seidenwürmerkammern ihrer mütterlichen Hütte fand , aber die Pathin ihres Kindes , die edle Gräfin , die sie einst nach England mitgenommen hatte ... Die kleine Erdmuthe plauderte bald deutsch , bald italienisch ... Da sie so viel vom Sterben hörte , fragte sie , ob es von hier in den Himmel ginge ... Das war nun alles so , wie es war und nicht anders sein konnte ... Darum brannte die Sonne so drückend wie nur in jedem Juni , pfiff ein scharfer , der Hitze widersprechender Wind aus Nordost herüber - hüpften die Ziegen , zankten die Hirten , grüßten die über den Berg gekommenen Fuhrleute , die in zweirädrigen , maulthierbespannten Karren den guten Wein von Coni und Robillante nach diesseits führten , und - zankte auch wol Monika , die , als der Postillon am Wirthshaus wirklich hielt und die Locandiera auf die Bestellung einer Collazione lauerte , sagte : Das muß man den Leuten ganz abgewöhnen , den Reisenden ihren freien Willen rauben zu wollen ... In Italien soll man nur immer den Muth haben , in jeder Lage Ja ! oder Nein ! zu sagen ... Sie ließ der kleinen Erdmuthe nur Milch geben ... Mutter , entgegnete Armgart , milde lächelnd , dies Haus ist in der Voraussetzung gebaut worden , daß man hier nach Eiern und Schinken , nach Wein und vielleicht selbst nach einem kalten Huhn frägt ... Es zu bauen hat Mühe gekostet ... Die Galerie da , die Thüren , die Verschläge sind von Holz und Holz wächst hier nicht ... Unser Leben ist ja eine einzige große Verschwörung der verbündeten Menschheit gegen den Schöpfer , der uns vieles doch so gar , gar schwer gemacht hat , besonders die Existenz ... Muß denn nun immer alles so regelrecht gehen ? ... Wenn es nach mir ginge , ich kehrte in jedem Wirthshause ein - ich bestelle auch hier Schinken , Eier und Wein ... Das waren nun so die kleinen Intermezzis des gemeinschaftlichen Reisens , wo sich die gegenseitigen Stellungen ergaben ... Der Oberst ging gern auf den Ton seiner Tochter ein , der ihm sympathisch war , wenn er auch wol sich hütete , die Mutter in solchen Fällen ganz Unrecht behalten zu lassen ... Der kleine Imbiß wurde bestellt ... Am öde und einsam gelegenen Wirthshause wurde es mit der Zeit ganz lebhaft ... Die Weinfuhrleute richteten an den abgestiegenen und sich ganz , als wäre er gesund und nur ein Diener , benehmenden Hedemann die Frage , ob sie denn auch Neuigkeiten aus der Welt mitbrächten und vor allem von Rom Entscheidendes über die Belagerung der ewigen Stadt durch die Franzosen ... Armgart trat über diese Fragen zur Seite und Monika wußte , warum sie es that ... Nun bestellte die Mutter selbst noch mehr , als Armgart gewollt hatte ... Auch der Oberst verstand Armgart ' s Beiseitetreten , seufzte und bedeutete Hedemann , der den Fuhrleuten in gebrochenem Italienisch kurz erzählte , was er wußte , daß er sich dem scharfen Winde nicht aussetzen und sogleich ins Zimmer treten sollte ... Hedemann erwiderte mit einer Stimme , die seine alte Kraft und Männlichkeit nicht mehr erkennen ließ , daß ihm wohl wäre ... Auf dieser luftreinen Höhe , unter dem blauen Dach des Himmels hatten aus dem Munde eines rettungslos Dahinsiechenden die Worte der Ergebung einen doppelt wehmüthigen Nachdruck ... Nach einer Rast von mehr als einer Stunde erklommen die Gefährten neugestärkt die Spitze des nun immer noch kahler werdenden Passes ... Wie glich ihr mühsames Aufwärtsschreiten den Kämpfen ihres eigenen Lebens selbst , denen erst jetzt eine etwas glücklichere Ruhe gefolgt war ! ... Aber Muth ! leuchtete aus dem Auge Monika ' s , Hoffnung ! aus dem Auge Armgart ' s ... Des Vaters kräftige Hand half jetzt den Klimmenden nach und mancher Scherz über die Possirlichkeiten der Kleinen erheiterte die Stimmung , trotz Porzia ' s Trauer , trotz Hedemann ' s wiederholtem : Die Gräfin ruht wol schon in Gottes Schooß ! trotz aller der Mischungen von Freude und Schmerz , die ihnen die Nennung der Namen Paula ' s , des Grafen Hugo und des jetzigen Erzbischofs von Coni , Bonaventura von Asselyn , bereiten durften . 2. Das waren denn jene muthigen Menschen , die einige Jahre hindurch , schon vor Paula ' s Vermählung , mit einer Stadt wie Witoborn , mit einer Landschaft wie die um Kloster Himmelpfort und weit hinaus in die Ebene hin , einen geistigen Kampf zu beginnen gewagt hatten , in dem sie auf alle Fälle unterliegen mußten ... Sie waren nur Sieger über sich selbst geworden oder trugen , wie Hedemann sich ausdrückte , das Sterben des Herrn am eigenen Leibe , auf daß an ihnen auch das Leben des Herrn offenbar würde ... Der Oberst hatte sein kleines Vermögen , auch fremdes , auf die Anlage einer Papierfabrik verwandt ... Gerade deshalb , weil in jener Gegend diese Industrie brach lag , hatte er geglaubt , die Wasserkraft der Witobach und die schon vorhandenen Mühlenwerke für eine solche Unternehmung nutzen zu können ... Die Kapitalien wurden vom Onkel Dechanten , sogar zuletzt vom Onkel Levinus dargeboten , letztere allerdings nur von Paula entlehnt - vor dem mächtigen Blick und der bündigen Rede Monika ' s verstummte auf Schloß Westerhof jeder Widerspruch ... Lenkte doch auch sie die so wünschenswerth gewordene friedliche Ausgleichung mit der jüngeren Linie der Camphausen in einer so entschiedenen Weise , daß überall die nächsten äußerlichen Sorgen schwanden ... Endlich hatte auch der Oberst magnetische Gewalt über Paula ... Unentbehrlich war er ihr geworden in jenen Zeiten , wo sich in Paula ' s Herzen die schmerzlichsten Kämpfe vollzogen , Kämpfe , die ihren Körper zu zerstören drohten - ihr Wachschlummer , ihre Visionen , die sonst lindernd auf sie gewirkt hatten , traten nach und nach zurück ... Der Oberst mußte seiner Pensionsansprüche wegen dann auf kurze Zeit eine Reise nach England machen ... Um Paula ' s Leiden kehrte er zeitiger heim , als er im Interesse Armgart ' s wünschen konnte ... Diese hatte er mitgenommen , da sie trotz der Aussöhnung ihrer Aeltern , trotz der Befreiung von Terschka ' s Werbungen ein tief in sich verschüchtertes Leben darbot und in ihrem Stift Heiligenkreuz um so weniger sich heimisch fühlte , als Armgart , wie Lucinde , zu jenen Naturen gehörte , die selten die Anerkennung der Frauen gewinnen ... Was sie that , wurde wenigstens in ihrer Heimat abenteuerlich gefunden ; was sich an ihren Namen knüpfte , wurde ihr zur Ungunst gedeutet ... Sie hatte , sagte man , Benno von Asselyn , Thiebold de Jonge , vielleicht selbst Terschka » auf dem Gewissen « ... Die Scheu der katholischen Rechtgläubigkeit vor allem , was den Nimbus ihrer Kirche gefährden konnte , verhinderte , daß man um Witoborn offen von Terschka , als von einem » Jesuiten der kurzen Robe « sprach , von einem Proselyten dann , der Glauben und Gelübde in London gewechselt ... Die Aufregung der Gegend um die Vorgänge auf Westerhof , um den Brand , um die Urkunde , den vielleicht erneuerten Proceß , das mögliche Auftreten und Erstarken lutherischer Elemente in dortiger Gegend wurde so groß , daß Armgart den Vater auch ganz gern begleitete ... Er ließ sie zurück bei Gräfin Erdmuthe , die bei Lady Elliot theils in der Stadt , theils auf dem Lande wohnte ... Armgart wurde allmählich den Töchtern der Lady unentbehrlich ; sie hatte in der Gesellschaft Erfolge , die die Aeltern nicht stören mochten ... Selbst die Nähe Terschka ' s beunruhigte sie nicht ... Ihr Vater hatte ihn in London wiedergesehen , hatte seinen Muth , mit den Jesuiten zu brechen , bewundert und vermittelte eine Verständigung des Flüchtlings mit dem Grafen Hugo ... Letztere gelang äußerlich , zumal da der Graf durch Terschka die Aufforderung erhielt , der beim Brand von Westerhof gefundenen Urkunde entschieden zu mistrauen und unerschrocken wieder aufs neue den Proceß zu beginnen ... Als man Terschka ' s Einfluß auf diese von Wien verlautenden Drohungen erfuhr , wollten ihn zwar auf Schloß Westerhof Tante Benigna und Onkel Levinus als einen unverbesserlichen Sohn der Hölle darstellen , Monika aber fand sein Benehmen in der Ordnung und erklärte , daß sie an des Grafen und Terschka ' s Stelle ebenso handeln , vor allem Lucinden in Wien , den Mönch Hubertus in Rom , den Doctor Nück in der Residenz des Kirchenfürsten vernehmen , ja verhaften lassen würde ... Als dann Bonaventura , nach Lucindens Beichte zu Maria-Schnee in Wien , dies große Aergerniß von einer der ersten Familien Deutschlands abgewandt hatte , als Graf Hugo plötzlich auf Westerhof erschien und Paula nach dem ausdrücklich und wunderbarerweise von Robillante gekommenen Zeugniß Bonaventura ' s : Dieser Mann darf dir gehören und du ihm ! jetzt willenlos geworden , ja durch Bonaventura ' s plötzliche Verpflanzung auf einen Boden , auf den sie ihm gebührenderweise - als Gattin des Grafen - sogar folgen durfte , überwältigt , ja davon wie berauscht , nachgegeben hatte , gewannen der Oberst und Monika eine mächtige Anlehnung auch an den von ihnen immer empfohlenen Grafen ... Dieser schätzte und verehrte schon lange die ehemalige Bewohnerin des Klosters der Hospitaliterinnen in Wien ... Paula selbst fand er dann unter dem magnetischen Rapport des Obersten ... Sein eigenes beklommenes , tief verdüstertes , erst durch jenen mit Bonaventura auf Schloß Salem hingebrachten » Einen Tag « dem Leben wiedergewonnenes Gemüth schloß sich zuletzt besonders innig dem frischen , lebendigen Sinn der Bewohner Witoborns , den » Papiermüllers « an , wie Oberst Hülleshoven und die Seinen spottend von der ganzen Provinz und den adeligen Genossen genannt wurden ... Und anfangs machten sich die Verhältnisse ganz nach Wunsch ... Monika ' s Rath war für die irrend hin-und hertastende Schwester Benigna , für den vom Erscheinen des Grafen Hugo um alle Fassung gebrachten Levinus unerlaßlich ... Paula ' s Aufregung mußte freilich die Freunde und Verwandte mit Schrecken erfüllen ... Sie schlief zwei Wochen lang nicht eine Nacht und sprach und that dabei doch alles , was man verlangte , ordnete ihre Ausstattung , wobei sie selbst wie eine Magd angriff , der ein höheres Geheiß geworden ... Wenn alles erstaunte : » Der Domkapitular ist Bischof in Italien ! « - wenn man lächelte : » Bischof in dem Sprengel , wo die Güter der künftigen jungen Gräfin Salem-Camphausen liegen ! « , so hörte und sah Paula nichts von Alledem ... Graf Hugo wurde ihr in der That noch der liebste von all den Menschen , die es außer Bonaventura und Armgart in der Welt gab - war er nicht der Bote , der Bevollmächtigte Bonaventura ' s - war er nicht zart und rücksichtsvoll in seinem Benehmen ... ? Paula war scheinbar so lebensmuthig geworden , daß sie selbst dem Trostworte Monika ' s nachdenken konnte : » Un mariage de raison ! Le comte renoncera à tout droit de possesion - ! « ... Freilich hörte sie nicht , was Monika zur Schwester Benigna hinzusetzte : Muß man französisch sagen , was uns nicht erröthen lassen soll ! ... Sie hörte das Schmollen nicht über die Unnatur des katholischen Priesterstandes , über die Unnatur des Lebens der höhern Stände überhaupt ... Doch allerdings erklärte Monika , hier keinen andern Weg zu wissen , als den » eurer üblichen Convenienz « - ... Die Familienzweige der Dorstes durften nicht auseinander gehen ... Niemand unterstützte diese Wendungen mehr , als Bonaventura ' s Mutter , die Präsidentin von Wittekind-Neuhof ... Ihr war es fast , als könnten nur so die düstren Schleier gewahrt bleiben , die sich inzwischen schon theilweise von Angiolinen , von Benno und von der Herzogin von Amarillas gelüftet hatten ... Wenn Graf Hugo fand , daß gerade er es » nicht um Benno und Bonaventura von Asselyn verdient « hätte , auf Schloß Neuhof so scheu empfangen zu werden , so gab seine » lutherische Religion « einen Entschuldigungsgrund für eine Scheu , eben in ihm den Pflegevater , den Geliebten Angiolinens zu sehen ... Durfte man doch die Besorgniß hegen , ihn wol gar von dem flüchtigen Terschka über alles unterrichtet zu wissen , was damals in jener von Löb Seligmann belauschten Verhandlung zur Sprache gekommen war ... Die kluge Präsidentin wollte ihren Gatten , den » Büreaukraten « , wie er um Witoborn hieß , mit dem Geist der Provinz versöhnen und nahm sogar an den Exercitien der ab- und zugehenden , seltsamerweise dem Schloß Westerhof entschieden feindlichgesinnt bleibenden Frau von Sicking Theil ... Schon war Paula , opferfreudig und nunmehr in ihrem katholischen Sinn heilig überzeugt , daß sie gerade durch ihre Heirath dem Abgott ihrer Seele , einem Priester , noch eine Glorie des Himmels mehr gäbe - ihrem Gatten nach Wien gefolgt , als man immer anregendere und überraschendere Mittheilungen aus England erhielt ... Terschka spielte in London eine glänzende Rolle ... Auch dort standen ihm fördernd seine geselligen Talente zur Seite ... Sein Bruch mit dem katholischen Glauben , seine Flucht vor den Jesuiten , zu deren Orden er gehört hatte , sein Anschluß an Giuseppe Mazzini , den italienischen Agitator , und dessen Freunde , alles das gab ihm selbst in den Kreisen der englischen Aristokratie einen Nimbus ... Armgart begegnete ihm in den hohen Kreisen , in denen sie lebte ... Freilich sah sie in ihm ihrerseits nur das Abbild jener düstern Tage , wo sie geglaubt hatte , sie müßte sich dem ungewissesten Schicksal opfern , um nur ihre Mutter vor einer Verirrung zu bewahren , die die Aussöhnung mit dem Vater unmöglich machte ... Aber ihre ganze Verachtung vor dem innerlich hohlen , nur gesellschaftlich verwendbaren Mann durfte sie ihm nicht ausdrücken , da die Aeltern selbst zu viel auf seine gegenwärtige Gesinnungsänderung hielten , die Gräfin Erdmuthe ihm verziehen hatte , Lady Elliot ihm eine Stellung über allen Makel gab ... Die Briefe , die in Witoborn bei dem » Obersten Papiermüller « ankamen , brachten immer überraschendere Mittheilungen ... Um Terschka fingen an sich Gerüchte zu verbreiten , als spielte er eine doppelte Rolle ... Er hätte nicht aufgehört das zu sein , was er war ... Ganz übereinstimmend mit jener vom alten Zickeles in Wien zu Benno gethanen Aeußerung : » Die Jesuiten lassen ihn auch sein Protestant ! « ... Schon verlautete mancher Zweifel an seiner fanatisch zur Schau getragenen lutherischen Kirchlichkeit und italienischen Freiheitssympathie ... Armgart sprach von ihm als von einem » ewig Gezeichneten « ... Sie lehnte seine Begleitungen ab , schlug die Huldigungen aus , die ihr seine immer noch lebhafte Galanterie und unbeugsame Elasticität im geselligen Verkehr brachte ... Manche behaupteten , schrieb sie , Terschka spiele leidenschaftlich und wäre stets in Verlegenheiten ... Letzteres mußte wol der Fall sein ; denn man bemerkte , daß ihm der Präsident von Wittekind Geld schickte ... Armgart selbst befand sich im Punkt der Religion immer noch da , wo sie gleich anfangs mit ihrem , inzwischen nach Westerhof , Wien und Italien gegangenen » ketzerischen Großmütterchen « Gräfin Erdmuthe gestanden ... Lady Elliot besaß denselben Bekehrungseifer , wie Gräfin Erdmuthe - hätte sie nicht Gegner gefunden , sie würde sie gesucht haben ... Da kam nun ihrer dogmatischen Streitsucht ein geistesfrisches Mädchen nach Wunsch , das von den Entdeckungen , die Armgart an dem Glauben ihrer Aeltern machte , in einer steten , oft , nach Empfang von witoborner Briefen und Nachrichten , fieberhaft kampflustigen Beunruhigung lebte ... Die Engländerinnen konnten Armgart um die Geltendmachung ihrer noch ungebrochenen katholischen Gesinnung nicht zürnen ; denn einmal war und blieb sie in ihrem Wesen für eine weniger engherzige Beurtheilung , als die in Stift Heiligenkreuz , die Anmuth selbst und ebenso bestrickend war die eigenthümliche Art ihres Wahrheitssinns , der seinerseits aus freiem Trieb selbst nichts schonte , was ihr am katholischen Leben die flüchtige und entstellte äußere Erscheinung war . Sie behauptete , nur den Kern festzuhalten , und rechnete dann freilich dazu das Martyrium , ihren Umgebungen so beschränkt und lächerlich wie möglich zu erscheinen . Sie aß am Freitag kein Fleisch , sie machte ihre Kreuze , sie ging in die Messen ; sie sagte : Das ist blos meine Religion , euch lächerlich zu erscheinen ! ... Wenn man ihrer spottete und sie fragte : Wie viel Jahre Ablaß und Milderung für die Läuterung im Fegefeuer sie schon gewonnen hätte ? zeigte sie ihr Büchelchen und gab die Addition von einigen Millionen Jahren an mit den Worten : Die Ewigkeit ist lang ! ... Aber im Grunde der Seele wurde sie über dies und anderes doch ernster und bekümmerter ... Aus ihrer sichern , ja trotzigen Lebens- und Denkweise , die von einigen großartigen , bis zum Anerbieten glänzender Heirathspartieen gehenden Huldigungen unterbrochen wurde , weckten die , trotz ihres Protestes dagegen , doch zur halben Engländerin Gewordene mehre der erschütterndsten Botschaften , die fast zu gleicher Zeit in England eintrafen ... Die eine war die Nachricht von jener Bewegung um den » Trierschen Rock « , der sich die Aeltern , Hedemann und einige Gleichgestimmte , selbst in dem urkatholischen Witoborn , angeschlossen hatten ... Die Aeltern hatten in der That förmlich mit der Kirche gebrochen ... Sie hatten eine deutschkatholische Gemeinde gebildet , der sich auch Protestanten anschlossen ... Den Gottesdienst leiteten abwechselnd durchreisende , von ihren Pfarreien oder Vikarieen gewichene Kaplane ... Statt der Orgel spielte die Tochter des Pfarrers Huber die Harmonika ... Sogar Püttmeyer wurde seinen Gönnern und geistigen Gefängnißwärtern rebellisch und ließ sich einigemale bei jenen Erbauungen betreffen , bis dann Angelika Müller von den Adeligen aus Wien verschrieben wurde und die Rechte einer zwanzigjährigen Verlobung geltend machte , um den großen Mann in die Kirche und die Beichtstühle von Eschede wieder zurückzuschmeicheln ... Manche in gemischten Ehen lebende Gatten oder Brautpaare entschlossen sich , diesen Ausweg einer neuen Kirche aus allerlei confessionellen Bedrängnissen zu ergreifen ... Der protestantische Staat , damals überwiegend jesuitisch inspirirt , erschwerte die Bildung auch dieser witoborner Gemeinde , konnte sie aber nicht hindern ... Für Witoborn und Umgebung war hiermit ein Aergerniß ohne gleichen gegeben ... Norbert Müllenhoff betheuerte auf der Kanzel der Liborikirche : Die Familie des Obersten von Hülleshoven und sein Anhang müßte aus dieser rechtgläubigen Gegend , wo bisher nur Gottes Athem geweht hätte , weichen , es kostete was es wolle ! ... Stutzig wurde er zwar , als die alte Hebamme , auch der buckelige Stammer und sogar die Finkenhof-Lene der neuen Religion sich anschlossen - Das ist das schmerzliche Verhängniß der besten Principien , daß sie anfangs die umirrenden und moralisch heimatlosen Naturen zuerst anlocken ! - Aber sein Wort verhallte nicht und da die Familie Hülleshoven nicht wich , da die Gemeinde sich durch die achtbarsten Elemente vergrößerte , so kam es zu Aufläufen , zu Beschädigungen der Fabrik , zum Einschreiten der bewaffneten Macht ... Allen diesen Prüfungen setzte die kleine Gemeinde , die ihre schlechten Elemente bald ausschied , Muth und Entschlossenheit entgegen ... Sie vergrößerte sich durch die Arbeiter der Fabrik , die aus fernen Gegenden genommen werden mußten , weil auf Priestervorschrift heimische schon gar nicht mehr in sie eintreten durften ... Damals holte sich Hedemann die Keime seiner Krankheit ... Der Vielgeprüfte , der an seinen verkümmerten Aeltern erlebt hatte , wohin getäuschtes Vertrauen zur Priesterwürde führen konnte , wollte nach beiden Richtungen hin auf dem Platze bleiben , wollte den Betrieb des Geschäfts ebenso abwarten , wie den Ausbau einer von Rom abgefallenen , apostolischen Kirche ... So gewaltig seine Körperkraft war , sie erlag diesen Mühen , Beunruhigungen , Nachtwachen , Kämpfen , die bis zum Handgemenge gingen ... In einer kalten Winternacht , als Hedemann im Mühlenwerk noch spät allein gearbeitet hatte , ging er , über und über in Schweiß gebadet , in seine nahe gelegene Wohnung ... Dort warf ihn ein auflauernder Haufe Fanatiker in die an ihrem Ursprung nicht frierende , aber eiseskalte Witobach ... Mit Stangen hatten sie den Unglücklichen verhindert , aus dem bis an seine Brust gehenden Strom herauszukommen ... Sein Hülferuf , der Hülferuf Porzia ' s , die schon im Bett lag und durch die lärmende Scene ans Fenster getrieben wurde , verjagte die böse Rotte und endlich konnte der Mißhandelte ans Ufer ... Fieberfrost durchschauerte ihn ; eine lange Krankheit warf ihn aufs Lager ... Von dieser Nacht an schrieb sich der Keim einer Krankheit , die seine Lungen zerstörte ... Noch aber würde vielleicht Armgart auf solche Schreckenskunden nicht aus England zurückgekehrt sein , hätte sich nicht auch um dieselbe Zeit auf ihre stillverschwiegene Liebe zu Benno und Thiebold - die seltsame Einigkeit beider Namen dauerte fort - der trübste Schatten gesenkt ... Die Nachricht , daß sich Benno in die Verschwörung der Brüder Bandiera eingelassen hätte , gefänglich eingezogen und auf die Engelsburg gebracht war , hatte nur vorübergehend erschütternd gewirkt ; denn wenige Wochen darauf kam die frohe Botschaft seiner Befreiung ... In diesen Wochen aber fühlte Armgart erst , daß es ihr wie Fürstin Olympia Rucca ging und Thiebold doch nur » eine schöne Eigenschaft an Benno mehr « war . Sie hatte Benno sonst nur , wie sie selbst glauben wollte , schwesterlich geliebt ; gibt es aber in der Liebe Stufen ? ... Gott , Weib , Kind - es ist dasselbe allzündende Feuer , entglommen demselben Altar , entlodert derselben Sonne - nur verehren will dies Gefühl und zuletzt erst erkennt es sich ganz - in der Sehnsucht nach Erwiderung ... Im stillen hatte sich diese Sehnsucht immer höher gesteigert ... Wer schärfer beobachtete , sah , Armgart hatte ihre Heiligen , von denen sie sprach ; sie hatte noch Heiligere , von denen sie schwieg ... So war Paula ihrem wehmüthigen Blick schon lange der Sphäre des Irdischen entrückt - sie billigte ihre Ehe , aber sie trauerte doch um sie ... » Katholisch sein heißt einen geheiligten Willen haben « , hatte sie einst zu Lucinden gesagt - diese Lehre war groß und doch in den meisten Fällen - schmerzlich ... Ebenso mit Benno und Thiebold ... Sie hatte beide in ihrer Verblendung um Terschka ' s Willen gekränkt , von beiden für immer Abschied genommen - wie gedachte sie jener Scene in der Kapelle mit