In die Festung sah er dann lustig und fröhlich zuweilen Soldaten ziehen - die Garnison wurde von den in der Hauptstadt liegenden Truppen in bestimmten Zwischenräumen ergänzt - sah auch wol einmal einen verschlossenen , von Gensdarmen geleiteten Wagen über die Fallbrücke fahren ; verglich fremdes Loos und eignes , verglich den Strom des Flusses und den der Welt ... und kehrte dann spät Abends heim , nicht ohne bei der Wohnung seines Sohnes zu horchen und zu spähen , ob er wol schon zur Ruhe wäre oder schwärme ... er hatte beschlossen , ihn noch mindestens ein Jahr ganz allein sich entwickeln und ihn an seiner ihm täglich bewiesenen Liebe allmälig aufthauen zu lassen . Mitten in diese Auflösung einer Menge von bisher so traulich beisammen bestandenen Beziehungen kam eine Botschaft von Olga Wäsämskoi , die neue Sorgen wecken mußte . Als Dystra eines Abends zur Fürstin kam , hörte er , daß Rudhard trotz seiner Jahre und zunehmenden Schwäche sich eben aufgemacht hatte , um ohne Abschied in höchster Eile nach Wien zu reisen . Die Fürstin vermied Auskunft zu geben , da Siegbert zugegen war . Sie schützte eine Veranlassung vor , die Siegbert nicht kennen konnte . Sie war aber so unruhig , so bewegt , sie wandelte in dem Garten , den sie nach langem Winterschlafe wieder zum ersten Male begrüßte , so unsicher an seiner Seite , daß er irgend eine neuerstandene Schwierigkeit fürchtete . Einige Tage darauf las er bei Dystra einen Brief , den ihm der treue Gönner und im innersten Herzen vielbedrängte Freund nicht vorenthalten zu dürfen glaubte . Olga schrieb an Rudhard : » O Vater Rudhard , ich ergreife mit Zittern heute die Feder und möchte sie statt in Tinte , in Blut und Thränen tauchen . Wie bin ich betrogen worden ! Welchen Schmerz hat mir die Tante bereitet ! Ich kann nicht mehr in ihrer Nähe bleiben , ich hasse nun die treulose Verrätherin . Ach , Himmel und Erde ! Helene ist ja nicht was sie scheint . Gott ! Gott ! Daß Engelzüge lügen können ! Du weißt , wie wir litten , Papa ! Du weißt , wie wir den Mond und die Sterne beschworen haben und unserm Schmerze einen ewigen Kultus widmen wollten . Ach , Helene hat ihren Schwur gebrochen . Es war eine Lüge , daß sie sich nach den Zellen der Klöster umsah , Lüge , wenn wir Kirchen besahen , daß sie sich in die Beichtstühle setzte , bis ein Kirchendiener kam und ihr sagte : die Patres hörten grade keine Beichte oder ob sie sie rufen sollten ? Dann sprang sie unmuthig auf und ich glaubte , sie würde die Religion unsrer Väter wechseln . Es ist Täuschung gewesen , Papa ! Helene liebt wieder ! Sie liebt ! Wie an einem erstarrten Baume , sagte sie mir , als ich ihr zornig gegenüber trat , geschieht an mir das Wunder , daß er einen neuen Keim trieb . Nein , sagt ' ich , Tante , dein Herz ist ein Polyp . Er lebt im Sterben und wächst durch den Tod , er bedarf der grausamen Zerstückelung , um zu wachsen . Aber was hilft ' s ! Du entsinnst dich jenes Heinrichson . Ich sprach nicht mehr von ihm , weil seine Huldigungen mir nicht gefielen und ich den Schein vermeiden wollte , als rühmte ich mich meiner Erfolge . Diesen Heinrichson liebt die Tante ! Ich entdeckte eines Abends , daß ich betrogen bin ... Vor diesem Anblick schauderte mich ' s. Ich nahm meinen Hut , einen Mantel und floh von dem Landhause , das wir so schön , so reizend an einem kleinen Wasserfalle unter Oliven- und Kastanienbäumen gemiethet hatten . Ich wußte nicht , wohin ich fliehen sollte . Aber Das wußte ich , zurück zu Helenen , die den Schmerz um Egon in den Armen eines Heinrichson zu ersticken sucht , kehrt ' ich nicht wieder . Mein Instinkt trieb mich auf unsre Gesandtschaft . Ich warf mich der Baronin von S. zu Füßen - Der Gesandtin in Rom , erklärte Dystra ... » Und flehte sie an , mich zu beschützen . Sie nahm diese Bitte gnädig auf , unter der Bedingung , daß ich mit einer befreundeten Familie nach Wien reise und dort von dir , Papa , mich abholen lasse . Ich mußte diese Bedingung eingehen , so entsetzlich mir der Gedanke ist , ein Land wiederzusehen , wo dieser Teufel Otto von Dystra wohnt . Ich werde kommen , aber ich schwöre Euch beim ewigen Gott , eher durchbohrt mich eine Dolchnadel , die ich auf meinem Herzen trage , eh ' ich in eines Eurer grausamen Verlangen willige . Die Tante ist außer sich . Sie will mich nicht lassen . Sie fährt vor . Ein gewisser Herr Rafflard , den ich schon bei Euch gesehen , ihr zur Seite . Sie wollen die Baronin sprechen , mich - ich höre Alles - der Kurier geht ab . Ich fliehe ! Ich fliehe ! Ich muß schließen . Olga . « Das sind ja entsetzliche Zustände ! sprach Siegbert , als er den so abgerissen endenden Brief staunend noch einmal überflog ... » Ein Land wiedersehen , wo dieser Teufel Dystra wohnt « , wiederholte der so schlimm Angefeindete . Wo denken Sie , daß dieser kleine Grobian jetzt schon ist ? Rafflard in Rom ! Sie ist doch in Rom geblieben ; sie ist Zeuge dieser ... O nein ! Die Konsequenzen der Freiheit bringen dies tolle Mädchen zur skrupulösesten Tugend , sagte Dystra . Kann eine Dame , die in einer Pensionsanstalt mit lauter Gefühl , Bibelsprüchen , Musik , Goldschnittlyrik , Sonntagsmoral und sogenannter edler Weiblichkeit aufgezogen ist , prüder denken als diese kleine Emanzipirte , die durch die Konsequenz ihrer unmoralischen Ideen über Liebe und Weltschmerz strengmoralisch wird ? Wenn da nicht eine Eifersucht wegen Heinrichson ' s im Spiele istNein , rief Siegbert mit innigster Wärme und zitternd vor Sehnsucht , Olga wiederzusehen ; darin widersprech ' ich Ihnen auf das Feierlichste . Ich glaube in der That , daß Olga leidet bei dem Gedanken , diese Helene d ' Azimont , in der sie die ewige Resignation unglücklicher Liebe zu erblicken glaubte , könnte wieder lieben , könnte einen Heinrichson für einen Egon wählen und alle ihre Thränen Lügen strafen ... es ist wirklich die sittlichste Entrüstung , die Olga von Rom treibt ! Wenn Das wäre , Freund , schieß ' ich mich mit Ihnen ! Ich liebe Olga ! Dystra sagte diese Worte scherzhaft , aber mit heimlichen Spuren des Ernstes ... Siegbert entdeckte diese Spuren wohl und ging trotz aller Zureden des Barons mit wehmüthigem Nachdenken von ihm . Ihm war Olga ein Ideal geworden , der Sammelpunkt aller seiner zerrissenen Gefühle . Wie es den Bruder zu Selma trieb , sich ein Asyl zu suchen , da am Herzen eines edlen Mädchens auszuruhen von seinem unermüdeten Streben , da in ' s Auge seiner Geliebten blickend die Wunden zu heilen , die das Misgeschick ihm schlug , eben so drängte es Siegberten nach der Gegend hin , wo Olga weilte . Wie gern wär ' er in Rom gewesen ! Um wieviel lieber hätt ' er am Strande des Meeres mit ihr Muscheln gesucht und die Brandungen der Wogen gezählt , als hier in das Faß der Danaiden Hoffnungen und Wünsche zu füllen und sich am tiefsten Weh des Lebens zu verzehren ... Dystra rief ihm zwar noch nach : Siegbert , Siegbert ! Bleiben Sie doch ! Sie soll zwischen uns wählen ! Allein grade das Beispiel Helenen ' s zeigte ihm , welcher Metamorphosen , welcher Gewöhnungen die Herzen fähig sind . Er mied Dystra voll Trauer , voll sichrer Erwartung Dessen , was ihm schien nun kommen zu müssen . Der unermeßlich Reiche , der durch seinen Geist seine äußere Unförmlichkeit bei längerer Bekanntschaft ganz vergessen ließ , suchte ihn zwar auf . Er beschwor ihn , kein Mistrauen zu hegen . Er bot ihm scherzend sogar an , ihm zu Liebe , um recht abschreckend zu erscheinen , eine lockige blonde Perrücke zu tragen und in dieser Olga zu begrüßen , wenn sie ankäme und nicht der Jesuit Rafflard , die verletzte Eitelkeit Helenen ' s und hundert dunkle Räthsel sie zurückhielten ... Siegbert nahm diese komischen Anerbietungen für Erleichterungen und Übergänge zu Dem , was nicht zu ändern wäre und versicherte Dystra , daß er seine Träume schon würde beherrschen lernen . In diesen edlen Wettstreit kam ein Brief von Dankmar aus dem Ullagrunde . Sie fanden ihn , als Siegbert Dystra eines Tages in seine Wohnung zurückbegleitete . Er war der Vorsicht wegen an Otto von Dystra adressirt und lautete : * * * * » Diese vier Punkte sollen Blumen sein ! Keine Kugeln , Bruder ! Nicht Kugeln in ' s Herz , nicht Kugeln an den Fuß , wie sie die Züchtlinge tragen ! Nicht Tod , nicht Gefängniß , nein Freiheit und Liebe ! Siegbert , der Baron und wer sonst noch diesen Brief liest und wär ' es ein Agent am geheimen Dechiffrir-Bureau , wo man im Angesichte Europas und der Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts falsche Briefe schmiedet , die Ehrenmänner in die Gefängnisse führen ... lest und hört es Alle , ich halte mich für geborgen und glücklich ! Du weißt es , Bruder , wo ich bin : du weißt , was mich glücklich macht . Ich nenne keinen Namen , bezeichne die Gegend nicht : nimm die Landkarte und schreibe » Arkadien « über den Platz , wo ich ackre und die Kühe hüte ! Das goldne Zeitalter kehrt wieder , Bruder . Ich bin ein Hirt und sitz ' im Haberrohr und weide Schafe . Ich schrieb dir einst von hier : Lies den Ariost , um dich auf meine Abenteuer vorzubereiten . Jetzt schreib ' ich : Lies den Virgil , den Theokrit , Bruder ! Nicht Geßner ! Nein , Bruder , in rothseidenen Bändern tanz ' ich nicht und meine Phyllis ist durchaus nicht des Reifrocks würdig und schreitet nicht in bemalten Stelzenschuhen - wir sind ein echtes , wirkliches bukolisches Paar und alle Hecken an dem kleinen Bach , der sich durch unsern Grund zieht , wissen von uns zu plaudern , wissen von uns zu flüstern . Ich liebe , Bruder und ich darf lieben ! Man nahm mich für etwas Andres , als ich bin . Man nahm mich für Den , der uns ein großer Feind geworden ist und sich selbst ein noch größerer - man liebte und haßte mich - eine Locke meines Haares blieb der mystische Schlüssel der Versöhnung , des Glaubens , der Hoffnung auf mich und mein nicht zu tief verlornes Herz ! Da kam ich und bin Der , der ich nicht bin , ein Andrer und doch ich selbst - Was schwatz ' ich - was plaudr ' ich dir in Räthseln ! Löse sie dir nur ganz einfach mit der Gewißheit : dein Bruder hat Ursache , an der Welt noch nicht zu verzweifeln . Eines Mädchens treueste Liebe umfängt ihn . Er ward zum Kinde an ihrem Herzen . Verstand , Zweifel , kalte Berechnung , Alles ist aus der Deichsel gegangen und grast nun unter Blumen , Kraut , Rüben , Raps , Sommer- und Wintersaat und neckt sich nur noch mit den Bienen . Wenn ich sonst ausspannte , Bruder , d.h. die Waffen , mit denen man die böse Welt bekämpft und ihren Angriffen Widerstand leistet , so kam ich mir wunderlich vor . Ich sagte dann : Dankmar , das Kindische steht dir nicht ! Jetzt steht es mir prächtig , wenigstens nach meinem eignen Geschmack ; ich lache nicht mehr über mich , ich habe keine spöttischen Falten mehr um den Mund , ich glaube , ich liebe in Liebe liebend . Und nicht nur für Augenblicke hab ' ich zu danken ; nein für ein ganzes Leben , das mir neu geschenkt wird . Die Liebe , die ich sonst empfand , Alter , war so ein blitzendes Streiflicht , das einen Wonnemoment übergoldete . Jetzt ist aber mein ganzes Dasein in Verklärung getaucht : ich kann diese Liebe unterbringen bei meiner Vergangenheit und Zukunft . Ich kann sie mir denken , wie sie mir in Glück und Freude , wie sie in Noth und Elend mir folgt . Ich kann mir denken : dies Mädchen ist jung und lieblich ; aber sie wird dir auch werth sein , wenn es ein altes Mütterchen geworden ist und du selbst graue Haare trägst ! Das springt um mich , Das athmet Lust und Leben , Das ist gut und gefällig , heiter und dienstbeflissen , Das schmollt ein Viertelstündchen , zankt ein Weilchen , fährt auf und will Recht haben und küßt dann doch wieder alle Launen weg und gesteht dir offen , es könne nur sein und fühlen durch Unsereins , auch wenn wir Unrecht hätten . Da widerstehe nur und wirf nicht deine ganze Lebensphilosophie wie alten Plunder über den Heckenzaun ! Und denke nur nicht , Bruder , daß ich darum im Idyllischen wie marklose Poeten zu Grunde gehe ! Ich behalte mein Auge klar und den Verstand offen . Das ist eben das Wesen einer gesunden und reinen Liebe , daß sie uns nichts von unserm Besten nimmt , sondern daß sie Alles zum Schüren ihres eignen Brandes brauchen kann . Mein Mädchen fühlt das Alles mit klopfendem Herzen mit , was mich bewegt und so wachsen wir Beide zum Hören und Sehen , und lehnen und trösten uns recht aneinander . Unsern Bund , den des Herzens und den andern , den des Geistes , hab ' ich dem Vater natürlich verrathen . Der Hohe , Edle nahm beide ernst und sinnend auf . Dem ersten gab er selbst den Segen , für diesen zweiten erfleht er ihn . Ich glaube mich nicht zu irren , wenn ich annehme , daß wir nun schon weit über einige hundert Bekenner haben , die ein gemeinsames unsichtbares Band verbindet , ein Gedanke , eine Führung , die Niemand kennt , die auch nirgends da ist , als in dem Bewußtsein , dem Glauben einer Führung . Der Geist ist es , der fortwirkt und eine Stunde wird kommen , wo seine Werke , die jetzt noch in der Stille sich vorbereiten , an das Tageslicht treten . Noch in diesem Jahre , jedenfalls im nächsten , hoff ich auf den ersten großen Bundestag , wo wir uns durch Abgeordnete begrüßen und eine Form für das bewußte Fortschreiten unsrer Entwickelung aufzustellen hoffen . Könnt ' ich dann dieser Schöpfung gegenüber treten und mit dir sagen : Hier schütt ' ich aus dem Füllhorn Fortunens auch jene irdischen Güter , die uns den Kitt für den geistigen Bau geben sollen ! Könnt ' ich dann sagen : Hier ist eine kräftige Hand , die über die Länder und Völker hin das Flammenschwert des Erzengels Michael zücken und den ewigen Sündenfall aus dem Paradiese jagen will ! Ich verzweifle nicht ; so wie ich mich rühren kann , beginnt die letzte Entscheidung . Der Vater meines Mädchens behauptet , zum Präsidenten des Obertribunals , zu unserm greisen Rhadamanthus von Tempelheide , in einem eigenthümlichen Verhältnisse zu stehen , das uns nützen soll . Mit seinen Raben und Adlern kommt mir dieser letzte Richter vor wie der greise Johannes auf Pathmos , neben dem der Adler horstet , wenn er über Meere hinweg die Gesichte der Offenbarung schaut . Viel Persönliches , was ich sonst auf dem Herzen habe , muß ich lassen , bis ich weiß , ob der Weg , den ich wähle , um mich dir verständlich zu machen , sicher ist . Tausend Grüße von und an ! Von Denen , die du dir denken kannst , auch Oleandern , der zum Dichter auch ein Denker geworden ist , und an Die , die unsre Grüße verdienen ! « Während Siegbert mit bebender Freude diese Zeilen für sich gelesen hatte und sich einen Augenblick besann , ob er wol wagen könnte , sie Dystra zu zeigen und ihn in das Geheimniß eines Bundes der Ritter vom Geiste zu ziehen , warf dieser eine neueste Zeitung , die er eben gelesen , auf den Tisch und rief : Gott ! Gott ! Der unglückliche Mann ! Ich beschwöre Sie , sagte Siegbert erschreckend , jetzt keine Hiobspost ! Was ist ? Dystra ging im Zimmer auf und ab . Siegbert ergriff die Zeitung ... Eine Meuterei in Bielau ! Eine Militärrevolte ! In Bielau ? Siegbert durchflog die Zeitungen . Die Darstellung mag noch hinter der Wahrheit zurückbleiben , ergänzte Dystra . Der Geist dieser Mannschaften soll wild , ganz unzuverlässig sein , wie mich Voland noch kürzlich versicherte . Man läßt diese kleine Festung der Reihe nach von der hiesigen Garnison besetzen und die dritte Compagnie des Leibregimentes - Es ist dieselbe , die zu Werdeck ' s Bataillon gehört ... Kaum dort angekommen ... und der Major ... Siegbert hatte sich von dem Vorgefallenen unterrichtet . Er war so erschüttert , daß er sich auf einen Sessel niederlassen und zu Worten erst sammeln mußte ... Das Vorgefallene bestand in einem Vorgang , der dem seit einigen Tagen wirklich kassirten und wegen Antheilnahme an einer » Verschwörung « für mehre Jahre auf die Festung Bielau geschickten Major von Werdeck eine Flucht hatte erleichtern sollen . Die Nähe dieser Festung begünstigte das Einvernehmen der Soldaten , die in Werdeck ' s Verhaftung nur einen , ihren eignen Interessen geführten Schlag sahen . Bei dem ersten Spaziergange , den Werdeck , um sich zu erholen , auf dem Walle der Festung machte , war eine Wache , aus zwölf Soldaten bestehend , zufällig von seinen eignen früheren Leuten besetzt gewesen . Bielau ' s übrige stehende Besatzung war nur ein Invalidenkorps . Die Ergänzungen desselben kamen der Reihe herum an die in der Residenz befindlichen Truppenkörper . Viele hatten , des demnächst abzuführenden Gefangenen von Werdeck wegen , widerrathen , sein eignes Bataillon nach Bielau zu schicken ; doch da die Reihe einmal an diesen Truppentheil kam , wollte man am wenigsten einen öffentlichen Beweis von Unzuverlässigkeit der so hochgepriesenen Armee geben . Ein Komplott zur Befreiung des wegen Mitgliedschaft eines Geheimbundes , Korrespondenz mit auswärtigen Revolutionären und Zerbrechens seines Degens kassirten und zu sieben Jahren Festung verurtheilten Majors machte sich wie von selbst . Das Loos traf eine Wache , die dem Spaziergänger das Thor freilassen , alle Ausgänge öffnen konnte . Ein Sergeant war mit der Ausführung beauftragt . Werdeck kommt , tumultuarisches Geschrei begrüßt ihn , man gibt ihm die Gelegenheit zur Flucht . Aber Werdeck weigert sich . Der Major ermahnt seine alten Krieger selbst , ihrer Pflicht treu zu bleiben . Aber schon hatte der Kapitän von Aldenhoven von dem Vorfall an dem sogenannten Sternwall Kunde . Die Sternwall-Wache wird vom Invalidenkorps abgelöst , einige der verzweifelnden Soldaten versuchten Gegenwehr , andre die Flucht ... Der Sergeant wird verhaftet ... Werdeck in einen engeren Gewahrsam geführt ... So viel ließ sich den Zeitungen entnehmen . Es entspann sich zwischen Siegbert und Dystra ein Gespräch über die möglichen Folgen dieses Vorfalles , über die Ursachen des Unglücks , das den Major betroffen , über den Geist der Pflicht und die Gefahren der freien Selbstbestimmung . Der schnell gewonnene Freund und Gönner zeigte sich so voll Antheil , blickte so frei über die Widersprüche des Lebens hinweg , hatte so von jeder Meinung und Überzeugung , die in ihm lebte , die schroffen Kanten und Ecken des Vorurtheils und des Egoismus abgeschliffen , daß ihn Siegbert den Brief seines Bruders lesen ließ und in das Geheimniß des Bundes vom vierblättrigen Kleeblatt einweihte . Dystra erstaunte . Er gedachte seines eignen Tempelsteins und wie er an dessen Ruinen das dreiblättrige Kleeblatt am Kreuze oft genug beobachtet hätte . Er war erfüllt von der Bedeutsamkeit dieser Mittheilung und äußerte , ehe er zustimmte , fast erschrocken : Ein Vierblatt ist selten , mein Freund ! Selten ist alles Neue und Große ! antwortete Siegbert , von dem Wirken seines Bruders ergriffen , erschüttert von Werdeck ' s Schicksal , das ihm Thränen abgewann ... Ernst und in Gedanken verloren prüfte Otto von Dystra die empfangene Mittheilung . Schon zitterte Siegbert , daß er hier eine Übereilung zu bereuen hätte , schon wollte er Dystra beschwören , ihm , wenn nicht Übereinstimmung , doch Verschwiegenheit zu geloben , als der Baron das Wort ergriff : Ich bin , sagte er , durch Sie und Ihre Freunde etwas stark aus meinem bisherigen geistigen Schlummer geweckt worden . Ich interessirte mich bisher für Alles und deshalb im Grunde für Nichts . Ich schlug heute das wirkliche Buch der Natur , morgen Kupferwerke auf , die mir Das ergänzten , was ich noch nicht kannte . Ich glaube , ich bin in der Lage mit vielen , vielen Tausenden , die sich von der Zeit und der Wirklichkeit , so gut es geht , fernzuhalten suchen und sich mit ihren Abbildern begnügen lassen . Uns interessirt erst dann Alles , wenn es historisch geworden ist . Wir sind gerecht sogar gegen Das , was uns widerstrebend ist und dennoch wären wir selbst für Das , was uns zusagt , nicht im Stande einzustehen , so lange es im Entstehen , im Werden begriffen . Ein Haus soll uns , wenn wir mit ihm in Berührung kommen , gleich fertig sein . Staub , Schutt , Mörtel , der Lärm des Schaffens , des Niederreißens und Aufbauens ist uns widerwärtig und wir genießen Jedes , nur in Ruhe , nur in Behaglichkeit , auf einem Sopha , unter Teppichen , unter Polstern . Das ist die Stellung der sogenannten Bildung zu den Fragen der Gegenwart ! Aber wohlan ! Es soll nicht so sein . Es kommt die Reihe nun auch an uns ! Wir sollen mit angreifen , auch wir sollen Partei halten und uns schämen , immer nur zu reflectiren und unsern einsiedlerischen geistigen Genüssen zu fröhnen . Wenn ich erst erschrak über Das , was Ihr Bruder da angelegt hat und was ich nun schon so im Keimen und Wachsen sehe , so fühl ' ich wol die Bedeutung seines Gedankens . Ich finde Europa zerrüttet . Ich sehe einen Welttheil , der nicht leben , nicht sterben kann . Irgendwie muß ihm geholfen werden , dem Verlebten zur Bahre , dem Neuen zur bequemeren Wiege . Ich will es mir noch einen Tag überlegen , Wildungen , was ich von Ihrem Bunde des Geistes denken soll . Weigr ' ich meinen Beitritt , so stirbt das Geheimniß mit mir . Tret ' ich aber bei , so gehör ' ich ihm mit ganzer Seele und sollt ' es auch sein , wie Byron einst seine letzten Flammen aus einem zwecklosen Leben zusammenraffte und sich läuternd im Brande Griechenlands zu Grunde ging . Siegbert dankte für diese offne , unter Dystra ' s Verhältnissen bedeutsame Erklärung ... Beide erhoben sich . Der Baron , um sich nach dem Schicksal des gefangenen armen Leidenfrost zu erkundigen , in dem er so frühe schon eine künstlerische Entwickelung geahnt hatte und den er mit innigstem Bedauern in einem allgemeinen Scheitern seiner Fähigkeiten und Lebensentwürfe antreffen mußte . Das Leben dieses so vielseitigen Genies lag vor ihm aufgeschlagen wie das Werk eines Dichters , der vom Himmel die prometheische Flamme nur entwandt hat , um sich in ihr selbst zu verzehren . Er kannte den wirren vielverschlungenen Lebenslauf des Max Brüning , mit dem er die Verwandtschaft einer großen Seele und einer gewöhnlichen , ja abstoßenden Hülle derselben gemein hatte . Er kannte das Band der Wehmuth , das dies Soldatenkind an Werdeck knüpfte ... Siegbert aber eilte zu Jagellona von Werdeck , einer Frau , die über zwei Männer , die sie zu gleicher Zeit , wenn auch mit tiefstverschiedenen Organen der Seele , liebte , das dunkelste Loos geworfen sah . Sechszehntes Capitel Ein Nachtgemälde Es warf auf offner Gasse eine Löwin Und Gruft ' erlösten gähnend ihre Todten . Wildglüh ' nde Krieger fochten auf den Wolken In Reih ' n , Geschwadern und nach Kriegsgebrauch , Wovon es Blut gesprüht auf ' s Kapitol . Das Schlachtgetöse klirrte in der Luft ; Es wiehern Rosse , Männer röcheln sterbend Und Geister wimmerten die Straßen durch . Julius Cäsar . Daß wir den Vorhang könnten fallen lassen über ein dunkles Grauenbild ! Aber die Zeit ist eisern . Unheildeutende Raubvögel sieht der Augur zur Linken fliegen . Er sieht die unglücklichen Zeichen . Er sieht in nächtlicher Stille rothe Flammen am Himmel . Darf er verschweigen , was er sah ? Ein stiller Junimorgen . Tiefe Ruhe , morgenrothe Dämmerung auf den Fluren . In der kleinen Veste Bielau ein schauerliches Schweigen . Die Sonne naht . Es künden die purpurnen Wolkenboten erst ihr Kommen an . Es singt ihr auf dem Lindenbaum am Wall entgegen die wachende Nachtigall . Die Sängerin ist ' s der Liebe und der Sehnsucht ! Es ist der blühende , der duftende Lindenbaum - Aber auf dem Glacis graben zwei Männer stumm und traurig eine Grube - Sie tragen die bunten Röcke des Kriegers ... Die Erde blinkt und funkelt unter dem Spaten von Glaskörnchen , von Metallstückchen , von Schnecken , von Kieselsteinen - was ist da zu weilen ! Einen Hügel nur von Erde soll es geben und neben ihm eine Grube , so tief , wie die beiden Krieger in ihr stehen ... Sie ist fertig . Die Spaten liegen auf der frischen Erde ... Die Krieger gehen traurig . Die Sonne nähert sich . Es ist , als rauschte sie empor mit Donnerton . Und doch ist Alles still , nur die Nachtigall singt , der Lindenbaum säuselt und nur die Welle des Flusses , an dem die kleine Veste sich erhebt , kann man plätschern hören . Da Männertritt ... In gleicher Ordnung ... aus einem verdeckten Gange , der zu den Kasematten führt , zwanzig , dreißig Mann ... wozu sie zählen ! Sie umstehen die Grube . Nur dem aufgeworfenen Hügel bleibt der Rücken frei ... Ein metallner Klang - ein Klingeln fast - die Ladstöcke fahren in die Musketen - Acht Krieger haben geladen . Die Nachtigall singt Liebe und Sehnsucht ... O sänge sie Muth dem Armen in leinenem Kittel , der aus dem verdeckten Gange tritt ! Ein Jüngling , gebräunten Antlitzes , spärlich der Bart , blond das Haar , das Auge voll Wehmuth , aufgeschlagen gen Himmel , zum ersten Lichtstrahl der Sonne , der ihm grade über den Scheitel fährt wie ein Glorienschein ! Umschlungen hält ihn eine lange Gestalt im Priesterkleide , ein ernstes liebevolles Haupt , niedergebeugt zu dem schwankenden Wandrer , der sich in den Reihen der Krieger umsieht und sie voll Trauer und Ergebung begrüßt ... Der Jüngling schreitet den Todesgang - Ein Bauer , in greisem langem Haar , liegt in den Armen eines rüstigen Jägers mit rothem Barte , der ihn führt . Wie kann er sich halten , wie noch leben - es ist ja sein Sohn , sein Stolz , seine Ehre , die ihm geraubt wird - seine Knie wanken . Er stammelt Gebete , die er selbst nicht hört - Mein Sohn ! Mein Sohn ! Der junge ernste Priester tröstet . Er redet laut . Seine Stimme klingt wie Orgelklang , wie Cherubströstung ... Der Jüngling , der zum Tode geht , er klammert sich fest an seine willensstarke Hand ... Vater und Sohn umarmen sich zum letzten Male . Die Sonne verklärt den Abschied . Alles weint und auch die Nachtigall schweigt nun . Sie läßt die Menschen still ihre Fragen an das Jenseits richten : Muß Das sein ? Soll Das sein ? Was lohnt uns dafür ? Was finden wir dort ? Der Sohn spricht die letzten Worte zum Vater . Der Alte hört sie nicht mehr . Er sank schon zusammen und liegt in den Armen des guten treuen Jägers , dem die Thränen den rothen Bart befeuchten , und der keine Hand frei hat , sich ihn zu trocknen . Er muß sie rinnen lassen ... Der junge Geistliche vernimmt des Sohnes letzte Wünsche , hört seine letzten Grüße - ein Vermächtniß seines ganzen Erbes an ein Mädchen , das er liebt , ein Vermächtniß aller seiner fahrenden Habe an eine arme Tischlerfamilie in der Stadt , das Andenken eines einfachen Instruments , einer Flöte , an einen in der Ferne jetzt weilenden Fremdling , Namens Louis Armand ... Der junge Geistliche kennt die so leidvoll Bedachten Alle und segnet den milden Geber , zu dem ein Kamerad tritt , ihm die Augen zu verbinden ... Noch ein Blick ! Der letzte ! Dort an jenem Fenster hoch über den Kasematten steht ein Mann mit wehmüthigem Auge . Hinter Eisenstäben winkt er mit seinem Tuche . Ach , es ist kein Tuch der Gnade ! Er selbst ist ja gefangen ... Der Jüngling weiß es wohl . Die Liebe zu ihm gibt ihm ja den Tod . Er kniet nieder . Acht Schüsse strecken ihn zu Boden . Er hat ausgelebt . Den ohnmächtigen Vater führt der Waidmann hinweg , der kaum sich selber hält . Solch Wild sah er nie ! Der Geistliche bleibt ... bleibt auch bei der Leiche , sorgt für ihre Ehre , ihre Bestattung ... Und der Gefangene , der oben mit dem Tuche Abschied winkte , muß er nicht ausrufen : Gott im Himmel ! Erfindet Das eine grausame Phantasie , nur um mich zu martern , oder ist Das Wirklichkeit ? Ist ' s ein Traum oder ist ' s