, solang er will , denn ich gehe davon aus , daß ein jugendlicher Körper , nach dem beständigen Umherspringen , auch wieder seine volle Ruhe haben muß . Gemeinhin ist er um 8 Uhr munter , wird gewaschen und gekleidet , frühstückt mit mir , liest unter Aufsicht und Anleitung und geht dann ins Freie . Gegen 11 Uhr ist er wieder um mich her , sieht sich Bilder an oder spielt , oder liest mir auch wohl aus seinen Kinderbüchern vor , wobei sich ' s gebietet , mit Geduld und Teilnahme zu folgen . Am Nachmittage beginnen dann seine Spaziergänge , zunächst wieder in den Garten , in dem er mit Hacke , Spaten und Schubkarren tätig ist , und danach , in meiner Begleitung , in Feld oder Wald . Ist schlimmes Wetter , so muß allerhand Spielzeug aushelfen . Und um 9 Uhr zu Bett . « 39 Überblicke ich alles an dieser und anderer Stelle Gesagte , so läßt sich leicht erkennen , daß er von einer auf Beispiel und Anschauung den Akzent legenden Erziehung sehr viel , von der eigentlichen » Schule « aber sehr wenig hielt . Er betonte Gesinnung , Form und gute Sitten , das Lernen dagegen mußte sich wie von selber machen . Und wenn er nichtsdestoweniger ein promptes Innehalten der Lehrstunden forderte , so geschah es vorzugsweise um Disziplin und Ordnung willen . 1804 entspann sich , bei Gelegenheit eines schon früher erwähnten Ferienbesuchs , ein intimes Freundschaftsverhältnis zwischen dem zehnjährigen » Onkel Karl « und seinem siebenjährigen Neffen Heinrich von Dankelmann . » Es ist meine tägliche Freude « , schreibt der Alte , » die Kinder zu sehen . Sie bauen und pflegen das Stück Gartenland , das ich ihnen gegeben habe , reiten und fahren , und gehen sogar auf Jagd , seit Karl eine Flinte hat . Er ist geschickt genug und hat neulich eine Elster , eine Krähe und ein Eichkätzchen geschossen . Auch im Hause wissen sie sich gut genug zu bewegen und selbst in den Unterrichtsstunden trennen sie sich nicht . Ich war heute bei einer Geographiestunde zugegen und sah , wie Heinrich , dem die Sache noch zu gelehrt vorkam , über einem Fabelbuche saß . Sie lesen viel aus dem Robinson und überhaupt aus Campes Kinderbibliothek . Alles aber verschwindet neben einem Schiff mit Segeln und mehr noch neben einer Elektrisiermaschine , die ich Karl zu Weihnachten geschenkt habe . Vor dieser sitzen sie stundenlang und drehen und laden Flaschen , und freuen sich , wenn der Funke überspringt . « Ein halbes Jahr lang dauerten diese » Ferien « , und als endlich die Trennung erfolgen mußte , beschloß der alte Freiherr , um Karl in seiner Vereinsamung zu trösten oder schadlos zu halten , eine Reise mit ihm zu machen . Und zwar nach Hamburg . Das war im Mai oder Juni 1805 , und der phantasievolle Knabe begeisterte sich nicht nur an der sich groß und neu vor ihm erschließenden Welt , sondern unterließ auch nicht , eine Beschreibung davon in einem sechzehn Quartseiten langen Briefe zu Papier zu bringen . Eben dieser Brief ist uns aufbewahrt geblieben und kann , als Elaborat eines Zehnjährigen , für musterhaft gelten . Er zeigt schon , neben einer überraschend scharfen Beobachtung , denselben guten Humor , der seine späteren Briefe , von denen ich einige mitzuteilen gedenke , kennzeichnet . In Vater und Sohn ist dasselbe talent épistolaire erkennbar , trotzdem ihre Schreibweise sehr verschieden ist . In dem Vater herrscht der Philosoph , in dem Sohn der matter of fact-Mann vor . An die Rückreise von Hamburg schloß sich ein kurzer Aufenthalt in Berlin , wo Geheimrat Dr. Formey wegen Karls » anfälliger Gesundheit « konsultiert werden sollte . Formey gab aber Trost und Hoffnung und versicherte , » daß das alles mit einem schwachen Nervensystem zusammenhänge ; später werde er gesund werden , ganz gesund . « Und er hatte wahr gesprochen . Aus den Jahren , die nun unmittelbar folgen , erfahren wir wenig , und erst um 1808 werden die Mitteilungen wieder reicher . Karl von Hertefeld ist nun vierzehn Jahre geworden und hat ganz die Beschäftigungen und Allüren eines angehenden Junkers . » Er bengelt jetzt viel und seine Passion fürs Umhertummeln wächst , seit ich ihm letzte Weihnachten die kleine Fuchsstute geschenkt habe . Beständig liegt er draußen , um einen seltenen Hasen aufzuspüren , denkt an nichts mehr als an Hunde und Pferde , und pflegt , wenn sich die Gelegenheit bietet , die sechs Meilen zwischen Liebenberg und Berlin im Sattel zu machen . « Er wurde nun auch ganz als » Erbprinz « gehalten , und im folgenden Jahre veranstaltete der alte Freiherr , der die Menschen und ganz besonders seine Liebenberger kannte , einen erbprinzlichen Geburtstag . » Am 27. vorigen Monats haben wir Karls Geburtstag durch eine Hochzeit gefeiert . Eins unserer Hausmädchen , das von mir ausgestattet war , wurde mit ihrem Bräutigam getraut , den ich vorher eigens zum Hofmeier ernannt hatte . Fockes aus Berlin waren mit zugegen und freuten sich der ländlichen Szene , die für die Großstädter etwas Neues und für die Liebenberger ein Festtag war . « In demselben Winter wurde Karl » in den Unterricht « geschickt , oder , um es noch märkischer auszudrücken , » in die Predigerstunde « , was , da Liebenberg keinen Prediger hatte , mit einer allwöchentlich zweimaligen Reise nach Zehdenick gleichbedeutend war . Ostern 1810 erfolgte dann die Konfirmation . Und nun war die Zeit da , wo die längst angeregte Frage : » wie es mit der weitren wissenschaftlichen Ausbildung des Sohnes zu halten sei « , wenigstens auf ein paar Wochen hin eine wiederum viel ventilierte wurde . Das Liebenberger Leben in seiner Eingezogenheit und Stille konnte schließlich nicht ewig dauern , und Alexandrine , die , wie bei allem , so auch hierin zu Rate gezogen wurde , proponierte schließlich Pension oder Alumnat . » Ich habe selbst schon an dergleichen gedacht « , antwortete der Alte , » gestehe Dir aber , daß ich durch alles , was ich von Berliner Pensionsanstalten gesehen und geprüft habe , geradezu zurückgeschreckt worden bin . Bei dem Direktor des Joachimsthals , wo der junge Reck ist , kann man Griechisch und Latein genug in den Klassen lernen ; aber damit Basta . Im übrigen ist der Umgang mit den dort studierenden Bengeln , trotzdem das Joachimsthal immer noch als das beste gilt , äußerst gefährlich . Lüderlichkeit herrscht in den meisten derartigen Anstalten , in der Stadt überhaupt , 40 was Du schon daraus ersehen magst , daß man , um die neue Universität vor derartig üblen Einflüssen zu sichern , den › Neustädtischen Bezirk ‹ , also den ganzen Stadtteil von der Schloßbrücke bis zum Brandenburger Tor , und von der letzten Straße ( Dorotheenstraße ) bis zur Kochstraße , von allen lüderlichen Etablissements gereinigt hat . Selbst die berüchtigte Madame Bernard hat ihr Haus in der Behrenstraße verkaufen und mitsamt ihren Nymphen sich außerhalb des eben angegebenen Bezirks niederlassen müssen . Dies ist geschehen , weil die meisten Studenten ( um in Nähe der Universität zu sein ) in dem Neustädtischen Bezirk Wohnung genommen haben . « Erwägungen dieser Art führten begreiflicherweise zu dem Entschluß , es mit » Pension und Alumnat « nicht übereilen zu wollen , bis nach Ablauf von abermals anderthalb Jahren , eine Verpflanzung in die große Stadt nicht wohl länger hinausgeschoben werden konnte . Doch auch jetzt nicht in eine » Pension « . Es wurde vielmehr beschlossen , den nun Siebzehnjährigen ohne weiteres in den Kreis der Studierenden eintreten und im Hause des befreundeten Geheimrats Focke Wohnung nehmen zu lassen . Das war im April 1812 . Allerhand Kollegia kamen auch wirklich an die Reihe , viel regelmäßiger aber als diese wurden Visiten gemacht und Gesellschaften besucht , und aus zahlreichen Nachschriften und Randbemerkungen ersehen wir , daß es die Reckes und Itzenplitzes , die Beymes und Boguslawskis waren , in deren Zirkel er vorzugsweise verkehrte . Dazu die Fockes selbst . Zu den ihm gleichaltrigen Söhnen einiger dieser Häuser unterhielt er alsbald die herzlichsten Beziehungen , und wenn in Liebenberg ein Fuchs gejagt oder ein ländliches Fest gefeiert wurde , so brach die ganze Freundschaft auf , um auf einen Tag oder eine Woche daran teilzunehmen . » Am 1. August hatten wir Erntefest « , schreibt der Alte . » Karl und drei Söhne von Geheimrat Focke waren herüber gekommen , und als weitere Zuschauer hatten sich die Seilers und hernach auch die Gentzs und Bergemanns von Gransee her eingefunden . Die jungen Leute wollten tanzen , und es entstand nun ein Ball von sechs Paaren , der bis 10 Uhr dauerte . Ich hätte gewünscht , Du wärest mit dabei gewesen . Ein solches Impromptu verläuft oft besser als eine geplante Festivität . « Und vier Tage später : » Auch eine Goldene Hochzeit haben wir gehabt , die der alten Guichards , wobei sich ' s traf , daß Karl und die jungen Fockes noch hier waren . Alles verlief aufs beste . Die Neumann hat etwas davon in die Zeitung rücken lassen , was mit meinem Hange vergessen zu sein , wenig übereinstimmt . « Er schreibt wörtlich : » mit meiner Gemütlichkeit vergessen zu sein . « Überhaupt finden sich viele sprachlich originelle Wendungen . In dieser Weise ging das Leben Karls von Hertefeld und erst bei Beginn des Winterhalbjahres war er der gesellschaftlichen Zerstreuungen insoweit überdrüssig , daß er ein regelrechtes Studium anfing , statt sich bloß » Studierens halber aufzuhalten « . Er warf sich zunächst auf Physik und deutsche Literatur , insonderheit auf das » Alt-Deutsche « , was eben damals in die Mode gekommen war . Obenan das Nibelungenlied , über das man übrigens in Liebenberg ebenso klein und gering dachte , wie dreißig Jahre früher in Sanssouci . Wenigstens schrieb der Alte : » Gestern , beim Aufräumen , ist mir auch das Nibelungenlied in die Hände gekommen , und schick ' ich es Dir , weil ich mittlerweile vernommen habe , daß Du Vorlesungen darüber hörst . Wenn übrigens der Nibelungen-Siegfried in Xanten seinen Sammelplatz gehabt hat , so ist vielleicht eine Dissertation über den Ort zu schreiben , wo er den Lindwurm totschlug . Ich , meinesteils , würde vermuten , daß es in der an Xanten grenzenden Bonnekater Heide geschehen sein müsse , die so wüst daliegt , als ob ein Lindwurm seine volle Bahn darauf gehabt habe . Vor Zeiten trugen unsere Bänkelsänger die Geschichte vom gehörnten Siegfried und vom Reineke Voß auf dem Lande herum und sangen ihre Knittelverse dazu . Wer damals gedacht hätte , daß solche Märchen noch aufs Katheder kommen würden ! Tempora mutantur et nos mutamur in illis . « * Es läßt sich annehmen , daß Karl von Hertefelds Eifer an diesem Spotte nicht erlahmte , die Zeit im ganzen aber war der wissenschaftlichen Beschäftigung ungünstig , selbst widerstrebend , und als in den ersten Tagen des Jahres 1813 die Yorksche Kapitulation in Berlin bekannt wurde , war es mit dem Studium auf lange hin vorbei . Nur ein Gefühl beherrschte die Gemüter , insonderheit der Jugend , und Karl von Hertefeld wäre mit unter den ersten gewesen , die damals die Waffen nahmen und auszogen , wenn nicht seinem eigenen Enthusiasmus ein absolut unenthusiastischer Vater mit sehr abweichenden Ansichten und Wünschen entgegengestanden hätte . So bracht ' er seiner Kinderliebe das denkbar schwerste Opfer und blieb , ohne sich durch Mißdeutungen , denen er kaum entgehen konnte , beirren oder umstimmen zu lassen . Als aber ein halbes Jahr später die Leipziger Schlacht geschlagen und der Marsch auf Paris eine beschlossene Sache war , wurde ihm der Zwang unerträglich , und er brach auf , um wenigstens ein Zeuge der letzten entscheidenden Ereignisse zu sein . Am 5. März 1814 war er in Leipzig , am 9. in Frankfurt , am 16. in Chaumont , und sah sich , am selben Abend noch , in die beinah fluchtartige Rückzugsbewegung des großen Hauptquartiers hineingerissen . Endlich wieder zur Ruhe gekommen , schrieb er , anderthalb Wochen später , von Dijon aus . » Ich wollte zur Armee , wie Du weißt , und muß statt dessen im Rücken derselben umherziehen . Daß es im Gefolge des Hauptquartiers geschieht , bessert wenig . In diesem Augenblick sind wir , abgedrängt und gefährdet , ohne jede Nachricht von der Armee . Morgen aber will ich mich an Graf Lottum wenden , um aus seinem Munde zu hören , wie die Dinge stehen . Inzwischen gefällt mir Frankreich recht gut , wenigstens überall da , wo man noch etwas zu leben vorfindet . Die Leute sind höflich und freundlich und ich werde vortrefflich mit ihnen fertig . Zugleich erhalte ich Komplimente über Komplimente à cause de ma honnêteté . Ich bin fest überzeugt , daß die gelegentlich feindliche Haltung der Einwohner nur von dem zügellosen Betragen der alliierten Armeen herrührt . Die Verheerungen übersteigen alle Vorstellungen . Von Chaumont bis Troyes habe ich in den Dörfern keine Einwohner und von Nancy bis drei Lieues von Chatillon kein Federvieh gesehen . Und wem schaden wir durch solch Gebaren am meisten ? Uns selbst . Die nachrückenden Truppen finden nichts und müssen , nach starken Märschen , auch noch hungern . Eben hör ' ich , das Hauptquartier werde sich nach Lyon begeben . Ich glaub ' es jedoch nicht , daß wir bestimmt sind , so weit nach Süden hin auszubiegen . Geschäh ' es doch , so bekäme ich die schönsten Städte Frankreichs zu sehen und könnte vielleicht immer noch sagen › die Kampagne mitgemacht zu haben ‹ . « So Karl von Hertefeld am 27. März . Vier Tage später hatten sich die Dinge sehr geändert , und die Nachricht von der entscheidenden Niederlage Napoleons bei Arcis sur Aube , wie sie dem großen Hauptquartier bekannt geworden war , war auch zur Kenntnis unseres Briefschreibers gelangt . Er meldet erst das Tatsächliche dem Vater und fährt dann fort : » Es kommt dies alles vom Tische des Staatskanzlers , muß also wohl richtig sein . Übrigens wissen wir erst jetzt , daß wir in Bar sur Aube nahe daran gewesen sind , inklusive Hauptquartier und Kaiser von Österreich , aufgehoben zu werden . Am Morgen um 4 Uhr brachen wir von Bar sur Aube auf , und am Abend war – Napoleon in der Stadt . Der ganze Landstrich , in dem wir uns hier befinden , ist nicht annähernd so verwüstet , wie Lothringen und die Champagne , vielleicht weil überhaupt und vor allem keine Russen hierher gekommen sind . Die Einwohner sind äußerst zuvorkommend und das Hauptquartier hat keine Ursache zur Klage . Hier hab ' ich auch zum ersten Male ein französisches Schauspiel gesehen . Es war ein bürgerliches Lustspiel und übertraf alle meine Erwartungen . Wie hölzerne Klötze kommen mir unsere deutschen Schauspieler dagegen vor . Gestern wurde eine dreiaktige Oper › Virginie et Paulin ‹ angekündigt . Da fand ich nun freilich , und zumal in den effektvollen Szenen , meine Leute sehr verändert . Es gab ein förmliches Heulen , Schreien und Herumfahren auf dem Theater , alle waren wie Besessene , und ich fürchtete ein paarmal , sie würden sich die Kleider vom Leibe reißen . Wenn ich nicht mehrere Schauspieler vom Tage vorher in ihnen wiedererkannt hätte , so würde ich nie geglaubt haben , daß diese Menschen in einem Genre so gut und in dem anderen so unsinnig sein könnten . « Dieser zweite Brief aus Dijon ist vom 31. März . Schon am Tage vorher hatten sich die Dinge vor Paris entschieden , und Karl von Hertefeld brach aus der burgundischen Hauptstadt ( Dijon ) auf , um sich , auf nächstem Wege , nach der Landeshauptstadt zu begeben . Am 5. oder 6. April traf er daselbst ein und schrieb von hier aus einige durch gute Beobachtung , bon sens und Humor ausgezeichnete Briefe , denen ich folgende Stellen entnehme . Paris , 18. April 1814 . Ich habe nun die herrlichen Kunstwerke mit Muße angesehen und jedesmal , daß ich wieder hinkam , hab ' ich etwas neues Herrliches entdeckt . Welcher Reichtum an Gemälden hier zusammen gehäuft ist , kannst Du daraus abnehmen , daß sich hier allein fünfundzwanzig Raphaels befinden . Alles ist nach Schulen geordnet , und wundert es mich nur , daß man die deutsche mit der niederländischen zusammen geworfen hat . Und wie die Sammlungen , habe ich nun auch die berühmtesten Theater gesehen . Die große Oper ist herrlich , trotz des Gebrülls der Sänger bei Bravourarien . Ich sah Iphigénie en Aulide . Mir gefiel der Gesang anfänglich recht gut , als aber die Stelle kam , wo Achill und Agamemnon sich zanken , war es kaum zum Aushalten . Und doch erfolgte gerade jetzt ein Applaudissement , daß das Haus dröhnte . Hernach sah ich Orphée , der mir viel besser gefiel , weil nicht voll so stark geschrien wurde . Aber was soll ich vom Ballett sagen ! Das reißt einen ganz hin ; alles steht an seinem Platz und greift ineinander ; jeder Figurant ist in seiner Art ein Künstler . Will man aber einen Körper sehen , der zum Äther wird , so ist es die Gardel . Beschreiben läßt sich ihr Tanz gar nicht . Man sieht weder Gliederverdrehungen , noch tours de force ; alles ist Grazie , wenn sie über das Theater hinschwebt . Was aber am meisten zu verwundern ist , ist das , daß diese Frau schon zweiundvierzig Jahre zählt . Im Théâtre français habe ich Semiramis gesehen . Die berühmte George spielte die Semiramis und Talma den Arsace . Talma hat mir sehr genügt , aber die George gar nicht . Es ist sonderbar mit der französischen Tragödie ; man begreift anfänglich nicht , wie diese Deklamationsweise gefallen kann , und am Ende bringt sie doch einen schönen Effekt hervor . Bei dieser Gelegenheit muß ich noch etwas erwähnen , was mir in diesem Stücke sehr auffiel und vielleicht als Kommentar für die wahre Stimmung des französischen Volkes dienen kann . Talma hat nämlich als Arsace folgende Worte zu sprechen : » le ciel donne souvent des rois dans sa vengeance . « Bei dieser Sentenz erfolgte ein Beifall , daß das ganze Haus widerhallte . Und gewiß wurde nicht bloß deshalb applaudiert , weil Talma die Worte schön gesprochen hatte . In der eigentlichen leichten Komödie sind die Franzosen unübertrefflich , und in den kleineren Vaudevilletheatern , wo dergleichen aufgeführt wird , muß man sich fast totlachen . Sinn ist in allen diesen Stücken herzlich wenig , aber darauf kommt es auch gar nicht an ; wenn nur der Unsinn gut gespielt wird , so geht das Publikum vergnügt nach Haus . Und mir ist es ebenso gegangen . In Deutschland müßte man vor Langeweile umkommen , wenn einem so was vorgespielt würde . Zum Schluß muß ich Dir noch schreiben , wie sich alle Theater beeifern , Gelegenheitsstücke vorzuführen , in denen ein vive le roi angebracht werden kann . Da nun aber die französische Geschichte ziemlich arm an edlen Königen ist , so fällt alles über Henri IV. her , der jetzt unter allen möglichen Formen , auf allen möglichen Bühnen herumwandeln muß . Da gibt es la partie de chasse de Henri IV. , Henri et d ' Aubigny , le souper de Henri IV. ou la dinde en pal , ja sogar le dessert de Henri IV. In allen diesen Stücken sind Lieder angebracht zum Lobe der Könige , der » souverains legitimes « , die dann möglichst beklatscht werden . Doch war kein Applaudissement so stark , wie bei den oben erwähnten Worten Talmas . Von Bekannten hab ' ich hier noch Dönhoff , Salpius und Serre , den Vater , gesprochen . Paris , den 30. April 1814 . Die Bauten und Arbeiten , die Napoleon teils hat vornehmen lassen , teils vornehmen wollte , grenzen wirklich an das Riesenhafte . Auf dem Platz , wo die Bastille stand , sollte ein Elefant von Bronze , zwölfmal größer als ein natürlicher , zu stehen kommen . Bloß um das Modell arbeiten zu können , hat man ein turmähnliches Gebäude aufführen müssen . Dieser Elefant sollte über den projektierten Ourcq-Kanal gestellt werden , so daß die Schiffe unter ihm weggingen , bei welcher Aufstellung er zugleich als Prospekt der ebenfalls neu edierten rue impériale gedient haben würde . Die Herstellung dieser neuen Straße wurde , weil alte Häuser niedergerissen werden mußten , auf vierzehn Millionen Francs berechnet . Ich gehe gern ins Theater , aber es wird einem fast zuwider , weil immer nur Gelegenheitsstücke gegeben werden , in denen man bei jeder passenden oder nicht passenden Strophe wütend applaudiert . Jedes der verschiedenen Theater hat sich , wie ich Dir schon schrieb , ein von Henri quatre handelndes Stück angeschafft , das nun jeden Abend zur Aufführung kommt . Die Stimmung des Volkes zeigt sich dabei in einem sehr grellen Lichte . Der Kaiser von Rußland glänzt vor allen anderen Fürsten und wird fast als der einzige angesehen , der etwas zu sagen habe . Dazu kommt noch , daß sein Name sich in Gedichten gut anbringen läßt , wohingegen Frédéric Guillaume und François in keinem Couplet recht reimen wollen , so sehr sich auch die Dichter abarbeiten , solche Reime zu finden . Paris , den 8. Mai 1814 . Paris enthält jetzt so viele merkwürdige Männer , wie wohl nie zuvor . Außer den Monarchen ist fast die ganze englische Generalität hier , Lord Wellington an der Spitze . Ich habe diesen merkwürdigen Mann in der Oper gesehen . Schade war es , daß er in einer dunklen Loge saß und sich , um einiger englischen Damen willen , fast wie in einen Winkel gesetzt hatte , so daß ich mir seine Gesichtszüge nicht recht einprägen konnte . Nur soviel sah ich , daß ihm keines der mir in Berlin bekannt gewordenen Gemälde glich . Er ist hager und sein Gesicht länglich ; außerdem aber schien mir etwas ganz unenglisch Anspruchsloses darin zu liegen , was ihn mir noch lieber machte . Der Einzug Ludwigs XVIII. ist am vorigen Dienstag in Szene gegangen . Wegen der Kürze der Zeit hatte man nicht viel Anstalten zu seinem Empfange treffen können ; auf dem Pont neuf indessen war die Statue Heinrichs IV. vorläufig in Holz aufgerichtet worden und von den Türmen wehten weiße Fahnen mit darin eingestickten Lilien . Das Tor von St. Denis , durch das er einzog , war mit Tapeten aus der Gobelin-Manufaktur behangen . Ich ging in den Faubourg und stellte mich auf ein zum Zuschauen erbautes Gerüst . Alsbald erschien der König . Er war fast mehr von Nationalgarden als von französischen Truppen begleitet , und weil der Zug , des Gedränges halber , oft stopfte , hatt ' ich Gelegenheit , Seine Majestät mit aller Muße zu betrachten . Gerade vor unserem Gerüst mußt ' er fast eine Viertelstunde halten , ehe der Weg durch das Tor offen war . Nach den Gemälden Ludwigs XVI. zu urteilen , hat er viel Ähnlichkeit mit seinem unglücklichen Bruder . Die Nationalgarden riefen vive le roi , die Truppen aber marschierten stumm vorüber . Besonders die Garden . Ein verbissener Ingrimm war in die Gesichter der alten Grenadiers eingezeichnet . Vor einigen Tagen traf ich im Theater mit einem Herrn in einer Loge zusammen , den ich anfänglich für einen Deutschen oder Holländer hielt , bis ich durch ihn erfuhr , daß er Besitzungen in Anjou habe und jetzt als Deputierter hier sei . Weiterhin erzählte er mir , er habe seit drei Monaten weder Abgaben bezahlt , noch seien Rekruten eingezogen worden . Es habe sich nämlich in Anjou , Maine und der Vendée eine starke Partei organisiert , deren Mitglieder , mit der weißen Kokarde am Hut , das Land durchzögen und die Polizeibeamten , die die Steuern und Konskribierten einziehen wollten , einfach wegjagten . Es seien zwar zweitausend Gendarmes samt Kavallerie von der spanischen Armee heranbeordert und mit Herstellung der » Ordnung « beauftragt worden , einige Deputierte hätten aber dem Präfekten rundweg erklärt , daß er die Gendarmes wieder fortschicken müsse , widrigenfalls sie wahrscheinlich totgeschlagen würden . Und das sei denn auch befolgt worden . Inzwischen habe die königliche Sache gesiegt , und alles sei wieder ruhig . Paris , den 14. Mai 1814 . Ich habe neuerdings Graf Eberhard Dankelmann hier kennen gelernt . Er will nach London und hat mich aufgefordert , mich ihm anzuschließen . In Voraussicht Deiner Zustimmung werd ' ich es tun . Die Reise macht sich leicht ; in drei Tagen bin ich dort und gedenke mich anderthalb Wochen daselbst aufzuhalten , in welcher Zeit sich schon einiges sehen läßt . Graf Dankelmann geht von London aus nach Gothenburg , und von Gothenburg auf seine Güter in Livland , ich aber gedenke das Paketboot zu benutzen , das von Harwich auf Amsterdam fährt und werde von dort aus einen Abstecher nach Diersforth zu Onkel Wylich machen . * Karl von Hertefeld hatte sich entschlossen , in Gesellschaft von Graf Eberhard Dankelmann , einen Abstecher nach London zu machen und führte diesen Entschluß auch aus . Er berichtete darüber nach Liebenberg hin . London , den 30. Mai 1814 . Erst am 25. Mai konnten wir von Boulogne absegeln , weil sich das Schiff bis dahin durch widrigen Wind im Hafen zurückgehalten sah . Genannten Tages aber wurden wir eilig an Bord gerufen und kamen glücklich aus dem Hafen heraus . Anfangs belustigte mich dies nie gesehene Schauspiel außerordentlich . Bald indessen wurd ' es anders und die Nacht zählt zu den unangenehmsten , die ich je zugebracht habe . Die Kajüte war nur klein , und in diesem engen Raume lagen , wie Kraut und Rüben durcheinander , zehn , zwölf Menschen , die alle mehr oder minder seekrank waren . Dabei macht einen das Übel so träge , daß man sich nicht überwinden kann aufzustehen und den einmal eingenommenen Platz , um eines besseren willen , zu wechseln . Am andern Morgen wollten wir mit der Postkutsche nach London ; da jedoch drei Paketboote schon vor uns in Dover angekommen waren , so waren alle Insideplätze besetzt . Die » Outside « hat sich aber seit Moritz ' Zeiten sehr verändert . Seine Beschreibung paßt gar nicht mehr , und ich kann füglich versichern , in Deutschland mit Extrapost nicht angenehmer gefahren zu sein . Freilich mag sehr viel von der Gesellschaft abhängen , mit der man reist . Wir haben es hierin glücklich getroffen . Unsere Reisegesellschafter waren Gentlemen , die , wie wir , von Paris kamen , und meistens etwas französisch sprachen . In Canterbury , wo gefrühstückt wurde , machten wir Bekanntschaft und fanden in ihnen ebenso höfliche wie zuvorkommende Leute . Die Gegend , durch die wir fuhren , war herrlich , und in den Dörfern hatten die Pächterwohnungen Spiegelscheiben . Auf dem Wege von Canterbury nach Rochester sahen wir die russische Flotte vor Anker liegen . In Rochester selbst wurde diniert , versteht sich ganz auf englische Art. Wir bekamen erst vortrefflichen Fisch , dann köstliche Beefsteaks und danach einen kleinen Pudding . Den Beschluß machte ein ungeheures Stück Käse . Man erhält hier weniger Gerichte als in Frankreich , aber alle sind trefflich zubereitet und die Portionen kolossal . In Gadshill hielten wir vor einem Wirtshaus , auf dessen Schilde wir Sir John Fallstaff erkannten , der von Poins und dem Prinzen abgeprügelt wird . Eine halbe Stunde später erschien St. Paul am Horizont , und ehe die Dämmerung einfiel , ging es über die Westminsterbrücke , an Whitehall vorbei , nach Charing cross , wo die Postkutsche hielt . Und nun nahm uns ein Mietswagen auf und bracht ' uns nach dem Hotel Bauer in Leicester-Square . London , den 5. Juni 1814 . Ich bin nun eine Woche hier und habe mancherlei beobachtet . Was einem in dieser ungeheuren Stadt am meisten auffällt , ist , daß alles ohne Soldaten , Gendarmen und Polizeibeamten in Ordnung gehalten wird . Des Abends bei den Theatern , wo zuweilen hunderte von Wagen stehen , entwickelt sich das Gewirre so ruhig , daß man darüber erstaunt . Die Fußgänger verhalten sich ebenfalls ganz passiv . Da die Trottoirs , und zwar gerad ' in den lebhafteren Straßen , nur schmal sind , so kommt es vor , daß man derb gestoßen wird und zur Schadloshaltung wieder andere stößt ; dies wundert aber niemanden und noch weniger fällt es ihnen ein , mit einem » Pardon « um Verzeihung zu bitten . Die Theater sind hier prächtig , besonders das von Drurylane ; alles blinkt in dem Hause von Vergoldung , Spiegel und Bronze . Die Schauspieler gefallen mir aber in Coventgarden besser . Ich habe dort den Hamlet und Othello gesehen , und obwohl ich nichts davon verstand , machten diese Vorstellungen doch einen bei weitem tieferen Eindruck auf mich , als die Phédre und Semiramis im Théâtre français . Von Merkwürdigkeiten hab ' ich bis jetzt nur die Westminster-Abtei , den Tower , St. Pauls und einige unbedeutendere Sachen gesehen . Was mir im Tower am meisten imponierte , war die kolossale Menge von Gewehren . Der Führer sagte mir , daß 800000 da wären , und ich glaube nicht , daß er übertrieben hat . Denn außer denen , die aufgestellt sind , war noch ein Saal , etwa in Größe einer kleinen Reitbahn , ganz mit Kisten angefüllt , in denen sich eingepackte Gewehre befanden , alle bestimmt , nach Deutschland und Spanien abzugehen . Es sollen , nach der Aussage des Führers ,