nicht leer . Die Mode dieser Verkäufe war schon etwas im Absterben , sie erschien als ein zu weltlicher Vorläufer der » innern Mission . « Es fand sich Gelegenheit , daß Dankmar an den Verkaufstisch des Fräuleins treten konnte , wie dieser grade leer war - seinen Bruder Siegbert fesselte Frau von Trompetta an einem andern Stande - zum Schrecken für seine Börse , die nicht ausreichte für die Fülle von jolis riens , die Frau von Trompetta schmetternd anzupreisen wußte . Die Trompetta wollte um jeden Preis das reichste Ergebniß der Ausstellung erzielen . Ihre Kasse mußte die einträglichst gewesene sein und dadurch verfiel die gute Frau förmlich in ein Locken , Zwitschern und Verführen jedes Vorübergehenden , sodaß man in ihr wirklich ein Talent für den Handelsstand entdeckte und es von den andern verletzten vornehmen Damen vielfach rühmen hörte , wie gut sie » schachern « könne . Den armen Siegbert ließ die Trompetta unter fünf Thalern wenigstens nicht von dannen . Das war ein Preisen , ein Schäkern , ein Kichern und dabei ein Predigen über Liebe und Wohlthätigkeit , Das war ein Forschen , ein Fragen nach den Schicksalen des so lange nicht Gesehenen ! Und als sie ihm nun gar noch mit Gewalt einen bunten Lappen zum Tinteausspritzen um einen Thaler empfehlen wollte , kam ihm glücklicherweise die Fürstin Wäsämskoi , mit der er sich hier ein Rendezvous gegeben hatte , zu Hülfe und kaufte so stark , so guten Humors , daß die Trompetta alle Chronique scandaleuse über ihre guten Geschäfte vergaß und im Jubel über die gefüllte Kasse alle sittlichen Irrthümer der Welt mit dem Schleier der Vergessenheit bedeckte ... Dankmar ' n aber ging es nicht so gut . Fräulein Wilhelmine , hocherröthend über diese ihr trotz der entgegengesetzten Meinung so theure Begegnung , hätte von den Offizieren , die bei ihr hatten kaufen wollen , vielleicht nicht einmal viel eingenommen . Sie hielt sie aber auch nicht fest , selbst wenn sie gefülltere Börsen hätte voraussetzen dürfen . Dankmar ' n aber ließ sie nicht , was ihm Geld kostete . In ihrem fesselnden Gespräche mußte er doch wol Falzbeine , Briefbeschwerer , Börsen , Federputzer , eins nach dem andern erstehen . Das politische Thema war dabei sogleich im Gange , sogleich mußte sie den kleinen Scherzen Dankmar ' s über die Gypsbüste des Königs in ihrer Nähe Rede stehen und ihm die Lehre geben : Sie Unverbesserlicher ! Spotten Sie schon wieder ? In diesem Bilde liegt der allmächtig ausströmende Zauber einer Persönlichkeit , die der Träger unsrer theuersten Begriffe ist ! Für mich knüpft sich an diesen edlen Jünglingskopf , der so traurig auf seine ernste Lebensaufgabe herniederzublicken scheint , doch die ganze Geschichte unsres Vaterlandes , die Vergangenheit und die Zukunft und der regelmäßige Gang unsres früheren Staatslebens und der Schmerz um die gestörte Ordnung dieses Ganges und die Verzweiflung über die neuen Bahnen , die er jetzt wandeln soll und die , wir ahnen es , zu seinem Verderben führen werden . Ja ! Ja ! Sie Böser ! In den wogenden Schwankungen des öffentlichen Lebens was bleibt sicherer , als die geheiligte Person des Monarchen , der da sagen kann : Ich , der Fürst und der Herr ? Wo ist denn auch ein Wesen , das öffentlich wirkt und von uns mit ganzer Liebe erfaßt werden kann ? Sie sprechen vielleicht von Ihrem Freunde Egon von Hohenberg , wenn er noch Ihr Freund ist ? Er ist lobenswerth , seit er seinem Könige und Herrn dient , aber wer kann sich an ihm wie an einem Anker halten ? An diesem Bilde halten wir uns . Wo der Herr und König steht , da stehen unsre theuersten Güter , da steht das Vaterland , die Ehre der Monarchie , der Ruhm des Kriegsheeres , Güter , die Sie gering achten mögen , die aber in den Zeiten der Gefahr die einzige sittlichberechtigte Entscheidung geben . Dankmar zog die Börse und zahlte schon den dritten Thaler für einen kleinen Wandhaken , um eine Uhr daran zu hängen . Seine Finanzen waren seit geraumer Zeit so schwierig , daß ihm diese Uhr selbst in Gefahr scheinen durfte , nun trotz des Wandhakens . Sie sind eine Schwärmerin , mein Fräulein , mußte er sagen , als sie ihm den Haken in eine reaktionäre Zeitschrift wickelte . Sie huldigen Ihren Göttern wie eine geweihte Priesterin . Ich ehre Ihre Weihe , fliehe aber Ihre Altäre . Diese Altäre verlangen Menschen-und Begriffsopfer . Dieser Kultus gibt verbrecherisch Alles hin , was seit Jahrhunderten von der Menschheit für die Menschheit erstrebt wurde . Ihre Freunde sind mir grauenvoll ; ich hasse sie . Verrathen Sie mich da dem Rathe , dort jenem Obersten , dem Kammerherrn ... ... ich mache Platz ; ich hindere Sie am Verkaufen . Nein , bleiben Sie ! ... Also keine Abhängigkeit , keinen Gehorsam , keine Liebe mehr ? Abhängigkeit , Gehorsam , Liebe ! Auch diese Empfindungen sollen in ' s öffentliche Leben zurückkehren , ja sogar seine Stütze werden . Aber da - diese Reubündler , sie wollen ja nur vom Fürsten und seinem Glanze abhängig sein , um in der Sonne der Majestät mit zu glänzen . Diese abscheuliche royalistische Eitelkeit ! Zu tief in das feudale Europa hat sie sich eingenistet ! Sie sind auf dem Wege , daß der Glanz der Dynastieen zu einer allgemeinen Landes- und Volkssache erhoben werden soll und in gräßlicher Überspannung ein Staatsleben geschaffen wird , das eine Sünde gegen Gott ist . So gereizt war Dankmar seit einiger Zeit , daß er selbst bei solcher Gelegenheit nicht mehr spielen und tändeln konnte . Die Gruppe der Blumen und des Monarchen war von vornehmen Damen und Herren umstanden und mit Entzücken betrachtete man den Einfall , auch das Landeswappen aus einigen Kränzen darzustellen . Sie sehen , sagte Fräulein von Flottwitz , Sie kommen mit Ihrer destruktiven Kälte hier nicht durch . Ein Ewiges , das in die Herzen der Menschen gepflanzt wird , widerlegt Sie . O , ich kenne dies Ewige und ehr ' es , antwortete Dankmar , der sich gereizt entschloß , noch einen halben Thaler an einen bunten Kalender für ' s neue Jahr zu wagen . Ich will die Bescheidenheit , das Abhängigkeitsgefühl , die Hingebung nicht ausrotten ; aber es soll hinübergelenkt werden in Gebiete , die unsrer würdig sind . Da ! Dies ist ein reicher Leinenhändler , der dem Hofe das Tischzeug liefert . Er kauft eine Kokarde bei Gräfin Mäuseburg ! Er zahlt einen Louisdor . Guter Hoflieferant ! Du widerlegst den Rousseau nicht mit deinem Louisdor ! Das da ist der Meister von Tisch und Stuhl im Reubund ; er ist Seifenlieferant der Prinzen und muß sich gut stehen mit dem Tischzeughändler . Einer verräth des Andern schlechte Waare nicht . Sie geben sich den brüderlichen Handschlag ! Kennen Sie jenen Regierungsrath ? Er ist von Adel , hat aber kein Vermögen . Dem ist Alles gleichgültig , Geschichte , Philosophie , Politik , Alles ist ihm dummes Zeug , nur am ersten jedes Quartals sein Gehalt vom Kanzleidiener gebracht , das Übrige kümmert ihn nichts . Denken Sie , wenn diese Menschen fürchten sollten , fürchten zu müssen ! Sie kämpfen für den Heerd , das Leben ihrer Familien ! Sehen Sie jetzt die Sicherheit jener Frauen ! Wenn solche Ober- und Vice- und wirkliche Geheime je etwas entbehren sollten , wenn einst der Mann sagen sollte : Kind , von Neujahr an müssen wir uns einschränken ! Die Demokratie setzt die Gehalte herab , besteuert sie , wie jedes Einkommen besteuert wird ! Ich sehe da Furien , nicht Weiber mehr . O mein Fräulein , nicht Alle schwärmen , wie Sie ! Blicken Sie auf jenen Professor ! Er trägt einen berühmten Namen , ist aber auf die Orden , die seine Brust schmücken , eitler als auf die Werke , mit denen er die Wissenschaft bereicherte . Jener Geistliche ! O diesen veracht ' ich vollends . Die Polizei schickt ihn in die Volksversammlungen und Clubs , um sich der Debatte zu bemächtigen . Hören Sie dies Organ , diese Lunge , diese Stentorstimme und diese Grobheit bei aller scheinbaren Artigkeit , mit der er eben eine Streusandbüchse von Frau von Trompetta erhandelt . Lesen Sie doch ein wenig in den Mienen jener geschmeichelten Pfahlbürger und Rentiers , die jetzt eintreten , um hier so nahe bei Excellenzen und Beamten weilen zu dürfen . Dort jene Gruppe ! Hohe Offiziere , dicht nebeneinander . Ich wünsche ihnen den Ruhm der besten Schlachtfelder , aber ich bestreite , daß diese alten Herren berechtigt sind , Meinungen über den Staat auszusprechen . Sie haben Söhne , sie haben Enkel zu versorgen . Der Staat , wie er jetzt einmal ist , gibt ihnen die Bürgschaft leidlicher Erfüllung ihrer Hoffnungen , warum sollten sie das dumme ideale Zeug denn nicht hassen , das jetzt in den Menschen sich einzunisten droht ? Kennen Sie jenen Mann mit dem Schnurrbart ? Er vertritt mir jene jungen Beamten , die Carrière machen wollen und den auf den Universitäten eingesogenen Corpsgeist auf das gemeine Leben übertragen und grob und malitiös fortpflanzen . Ach , mein Fräulein ! Soll jener Spekulant da die Zeit nicht hassen , die ihn zwang , seinen Wagen und seine Pferde abzuschaffen ? Und jene Offiziere , die dort Wühlhuber ' s und Robert Blum ' s Bildnisse aus Dragée kaufen ! Ich gönne ihnen allen Humor und alle Genüsse der Jugend ; aber welcher Übermuth spricht aus ihren schlechten Witzen ! Wie rasseln sie mit ihren Friedenssäbeln ! Wie ersetzen sie das bescheidene Nachdenken , das ihnen schön stehen würde , mit der Prahlerei einer ultra-konservativen Gesinnung ! Es sind Offiziere von der Garde , alle sind sie adlig , ihre Väter und Onkel sind Offiziere , Beamte , Landräthe ... Mein Fräulein , wenn ich mir sagen muß , daß die Zeit noch mit diesen Elementen fertig werden soll , so gerath ' ich in Verzweiflung . Ich sehe hier nur einen Kampf auf Leben und Tod . Ich begreife , wie es in Frankreich bis zur Guillotine kommen konnte . Sagen Sie mir , welche Aussöhnung soll es noch geben , wenn die Monarchie diese Idolatrie duldet , die Ministerien sie gestatten , hervorrufen , sich auf ihre Demonstrationen stützen ? Oder wo wird der Begriff herkommen , der sich einst vom hohen Himmelsthron herabsenken müßte , um hier eine friedliche Ausgleichung zweier Extreme in einem höheren Dritten möglich zu machen ? Es wird keiner kommen oder es ist der Begriff der Barbarei , die Invasion der orientalischen Horden oder die entfesselte Wuth der sozialen Gleichmacher . Wir stehen hier unter Blumen , Glaskronen , umrauscht von einer versteckten sanften Musik , aber ich sage Ihnen , in zwanzig Jahren wehen hier Trauerfahnen und wir Alle sind weggemäht vom Schnitter , dessen Sichel ich schon in furchtbarster Arbeit sehe , ohne zu wissen , wo sie Alles einst hinfahren wird und von wannen sie einst kommt ! Dankmar ergriff , um seine Aufregung zu verdecken , einige der ausgestellten Gegenstände ... Wilhelmine schwieg . Sie war so erschüttert , daß sie das Auffallende dieses langen Verweilens eines jungen Käufers an ihrem Stande nicht merkte und die über den ganzen Saal hinübergeschossenen Blicke der im Verkaufe glücklichen Trompetta nicht verstand ... Alle seine heftigen Äußerungen verband Dankmar dann wieder mit scheinbar gleichgültigen Fragen und Erwiderungen , die er über den Tisch hinweg wegen entfernter oder näherer Spielereien that . Niemand im Saale , außer Friederike Wilhelmine konnte ahnen , wie bewegt er war ... Sie können sich so mäßigen , Herr Wildungen ! sagte sie . Sie können so den Ton treffen , der immer der gute ist ! Wie oft hab ' ich Sie beobachtet ! Alle Welt kennt Ihre Gesinnung und sonderbar , Niemanden verletzt sie . Und ich nenne Das an Ihnen aristokratisch . O , Sie wissen gar nicht , wie aristokratisch Sie sind . Dankmar mußte lachen ... Lachen Sie nicht ! Ich wünschte wol , Jeder wüßte sich zu beherrschen ... Sie haben Takt - Takt ist eine der schönsten Tugenden des Menschen ! Ich wiederhole ein Wort der edlen Anna von Harder : Takt ist der Verstand des Herzens . Den Verstand des Verstandes kennen wir , den haben Tausende ! Den Verstand des Herzens haben Wenige ; Wenige dies sichre Gefühl , was Andern wohlthun , was sie verletzen könnte . Der echte , wahre Takt ist keine kalte Welttugend , keine bloße Formenglätte des Benehmens . Der Taktvolle kann im Grunde nur ein guter Mensch sein und ein bescheidner . Wie hab ' ich bei der Fürstin Wäsämskoi Ihren Takt bewundert ! Sehen Sie ! Sie kommt daher ... Dankmar zahlte eben den vollen vierten Thaler für einen Scherz , den er Armand verehren wollte und wollte nun gehen , da er die Fürstin zu vermeiden wünschte . Doch fesselte noch eine andere » Boutike « die Fürstin ... Noch Eins ! sagte Fräulein von Flottwitz . Beruhigen Sie mich , daß Sie sich nicht in Gefahren begeben . Vermeiden Sie diesen Louis Armand , diesen Leidenfrost , den verrätherischen Major von Werdeck - ich beschwöre Sie - es ziehen sich Ungewitter über Ihnen Allen zusammen - Wildungen ! Lassen Sie von dieser entsetzlichen Verblendung Ihrer Gesinnungen ! Werdeck hat sich nicht vertheidigen können . Er behält den Hausarrest , seine Papiere sind in Beschlag genommen ... Dankmar wollte erwidern . Sie wurden von Offizieren gestört , die ihre Freischärler und Wühlhubers von Chokolade und Dragée durch den Saal wie Siegstrophäen trugen und die Bärte dieser wilden Kerle analysirten ... Sie blieben bei Fräulein von Flottwitz stehen . Dankmar ging . Mit flüchtigem Gruß huschte er an der Trompetta , die ihn doch auch noch ausbeuten , wenigstens nach seinem Prozeß fragen wollte , vorüber . Wehmuth ergriff ihn über die Welt , die Zeit , auch über dies vielbewunderte und vielverspottete Mädchen . Ob seine Einwände auf Friederike Wilhelmine von Flottwitz Eindruck gemacht und ihre Ansichten berichtigt hätten , mußte er bezweifeln . Solchem Fanatismus gegenüber war keine Verständigung möglich , selbst durch die Liebe nicht und wahrhaft schmerzlich ergriff es ihn , daß ein Wesen so reiner , lichtreiner Natur , so liebenswürdig , so aufopferungsfähig , so heroisch und charaktervoll , ein Wesen , vielleicht ganz geschaffen , auch ihn zu verstehen , ihn selbst glücklich zu machen , doch durch den Zwiespalt der Zeit ewig von ihm getrennt und für ein Andersdenken völlig unempfänglich war ... Ein Weib in seinen Armen zu halten , das eine von seinem innersten Menschen getrennte Selbständigkeit beanspruchte , wäre ihm fürchterlich gewesen . Dies Mädchen , so reizend , so poetisch , so weihevoll gestimmt ... es liebte ihn ... er sah es ... und ihn selbst durchzuckte es , als er einen Augenblick beim Berichtigen seiner Einkäufe leise ihre Finger berührte . Er konnte sich denken , wie treu , wie hingegeben , wie seelenvoll Wilhelmine an ihm hängen konnte ; er fühlte die Kraft ihres Willens , ihrer hohen Weiblichkeit in ihn überströmen durch diese einzige Berührung , durch den wehmüthigen Abschiedsblick und doch getrennt - doch furchtbar getrennt ! - Es überrieselte ihn kalt , als er solcher Geheimnisse der Zeit gedachte und es bedurfte mehrer Tage , bis er sich von dem schmerzlichen Eindruck dieser Begegnung erholen konnte . Ein weibliches Bild , das ihm da dann immer lächelnd und tröstend entgegentrat , blieb Selma . Wie sehnte er sich nach dieser Gestalt , nach diesem Wiedersehen ! Doch nahm ihn der Ernst des Augenblicks zu sehr in Anspruch ... Über Werdeck ' s Brief las man in allen Zeitungen das Empörendste . Und Dankmar wurde sogar von dem halbgefangenen Major ersucht , sich ihm eine Weile fern zu halten ... In wenig Tagen hofften die Freunde die Berichtigung dieser gefahrdrohenden Irrungen . Fünfzehntes Capitel Stürme Fürst Egon von Hohenberg ging auf der Bahn , die er sich einmal vorgezeichnet hatte , unerschrocken weiter . Das sichre und feste Auftreten , das jeden seiner Schritte bezeichnete , verlieh ihnen eben so vielen Erfolg , wie die allgemeine Abspannung einer Zeit , die nach manchem Sturm und Wirbelwinde sich auf dem noch so haltlosen Platze , wo sie sich grade befand , doch erst zurechtfinden und mit dem nächsten Bedürfnisse wieder vermitteln wollte . Major von Werdeck bezeichnete Das in seiner Weise einst unter den Freunden , die voll Kummer die über ihn verbreiteten falschen und lügnerischen Berichte vernahmen , mit den Worten : Es muß doch nun Jeder erst wieder sehen , was inzwischen aus seinem Kraut- und Rübenacker geworden ist ! Die gekündigten Kapitalien müssen doch erst wieder neu angelegt werden , die Staatspapiere ein wenig höher auf der Skala des Vertrauens steigen . So rasch geht Das nicht Alles ! Wenn man marschirt , macht man immer nur so lange Tour , bis die Arrièregarde , das Bagage- und Trainwesen in Ordnung ist . So lange ruht man . Dann geht ' s weiter . Und ... setzte er in seinem noch ungestörten Humor damals hinzu . Die vielen Mädchen , die inzwischen mannbar geworden sind ! Für die muß doch auch erst wieder ihre Zeit kommen . Es müssen doch erst wieder Hochzeiten gemacht werden . Der große Lebenszweck darf doch nicht aussterben . Das geht nicht , daß sich Alles ewig und immer in prekärer Unklarheit so fortwälzt und nicht mehr Bälle und Verlobungen stattfänden . Nein , da sorgen schon die Mütter für . Die stemmen sich mit Riesenkraft gegen den rollenden Wagen der Zeit und legen seinen Rädern ihre Hauspantoffeln als Hemmschuhe unter . Die eigentliche Aufgabe des Menschengeschlechts , die Familie und ihre Versorgung , darf nicht zu kurz kommen und die Kaufleute und Krämer und Handwerker wollen doch auch einmal erst ihre Handlungsbücher wieder revidiren und ihre Kundschaft begrüßen ; hernach mag ' s weiter gehen ! Werdeck behielt seinen Gleichmuth trotz drohender Vorboten einer Katastrophe , die ihn gegen das Frühjahr vernichtend traf . Man hielt ihm mehre Briefe entgegen , in denen seiner als eines Vertrauten und Eingeweihten fremder Emissäre Erwähnung geschah . Ja von einem Briefe war die Rede , den er selbst an Flüchtlinge geschrieben hätte . Zwar bekam der Angeschuldigte namenlose Zuschriften , die ihm anzeigten , daß es sich hier um ein boshaftes Komplott und eine großartige , weitverzweigte Fälschung handelte , aber ein Eklat war doch grell genug gegeben und Werdeck mußte sich einstweilen zur Disposition stellen lassen . Er schied mit Schmerz von seinen Kriegern , aber auch voll Bitterkeit . Die Untersuchung wurde parteiisch geführt , aber es fanden sich doch Zeichen , daß Werdeck ' s Verbindung mit irgend einem Geheimwesen nicht aus der Luft gegriffen war - ein Bund war da - Werdeck war das erste Opfer des Kleeblattsymboles - er mußte seinen Degen geben und , als er ihn später wieder empfangen sollte , sich einen Hausarrest gefallen lassen . Im Zorn zerbrach Werdeck diesen Degen und verschlimmerte dadurch seine Sache . Man nahm seine Papiere in Beschlag ; man fand Aufsätze über Veränderung der Heerverfassung , Tagebücher über Dienstverhältnisse , die alle nur dazu beitragen konnten , den Triumph seiner Gegner zu erhöhen . Die ganze Schmach , die über einen aus dem Bann seiner Dienstetikette herausgerissenen Krieger von den üblichen feudalen und kriegsrechtlichen Vorurtheilen verhängt werden konnte , lag schwer auf dem unglücklichen Manne , der nach der Befürchtung seiner Freunde leicht damit enden konnte , sich eine Kugel vor den Kopf zu brennen . Werdeck konnte sich nicht ganz vertheidigen . Er war in der That Mitglied eines Bundes , über den er jede Auskunft verweigerte ... Auch den Freunden drohte Gefahr . Ihre Verbindung mit Egon war für immer abgebrochen . Einmal noch hatte Egon , der Allmächtige , an Louis Armand im alten Tone geschrieben und ihn gebeten , zu einer bestimmten Stunde sich bei ihm einzufinden , sich mit ihm zu verständigen . Er hatte ihn gewarnt vor Verbindungen , die er nicht näher angeben wollte . Er hatte ihn nicht ohne Herzlichkeit bei der alten Freundschaft beschworen , zu ihm zurückzukehren und sich durch den Weg , den er als Staatsmann genommen , nicht beirren zu lassen . Louis Armand hatte ihm herzlich , aber ablehnend geantwortet . Du hast , mein Egon , schrieb er ihm , den Traum deiner Jugend ausgelebt ! Er war schön ... und heilig bleib ' uns die Erinnerung ! Deine Fußtapfen werd ' ich einst in Frankreich wiederfinden und Thränen sollen sie benetzen . Ich denke mir , es ist nur der irdische Stoff , der unsre Seelen auseinander trieb . Unser Ideal ist vielleicht noch immer dasselbe , nur daß ich mit einer Handvoll Arbeiter und einigen unabhängigen Denkern philosophire , du aber mit einem mächtigen Thron , einer stattlichen Kirche , einem gerüsteten Heere - ich glaube wohl , daß die positive Welt ihre eignen Bedingungen hat . Du besitzest einen hohen Bildnergeist . Du willst schaffen und achtest des Materials nicht viel , wenn es nur die Spuren deiner Hand annimmt . Die find ' ich reichlich in deiner Regierung und die Art , wie du willst , macht dir alle Ehre , wenn auch Das , was du willst , mich anweht , wie das kalte gräßliche Wort : Wir haben uns furchtbar aneinander getäuscht ! Ein Fürst , der die Laune hatte , Arkadien zu spielen , konnte in arkadischen Zeiten ewig der Freund des armen Ziegenhirten bleiben , den er in den Bergen liebgewann . Jetzt aber , wo die Ziegenhirten , barfuß und in Lumpen , selber aus den Bergen hervorkriechen und die Anmaßung besitzen , über die Welt , nicht blos über eine Panflöte , eine Meinung zu haben , jetzt hält sich ein solches Arkadien nicht lange , seine Ölbäume hängen trauernd ihre Zweige und seine Gipfel sind in Schnee gehüllt ... Egon hatte auf diese theilweise in Versen geschriebene Epistel immer noch warm und bittend geantwortet . Louis verstummte . Später schrieb ihm der Fürst noch einmal , er müsse ihn wegen seines Umgangs mit Leidenfrost , Dankmar , Werdeck , besonders aber wegen seiner Besuche in der Willing ' schen Fabrik und seiner Einwirkungen auf die Arbeiter warnen , er schickte sogar Agenten und Vertraute zu ihm . Louis erklärte , er wäre sich keines Misbrauchs der ihm hier bewilligten Gastfreundschaft bewußt , ja er hätte Beziehungen seines Ursprungs entdeckt , die ihm Heimatsrechte gäben . Tags darauf bekam er die Ausweisung aus der Stadt und der ganzen Monarchie . Es war dies dieselbe Zeit , wo Werdeck schon vor dem Kriegsgericht stand . Louis war zu stolz , Einspruch zu thun . Er nahm Abschied von Dankmar , Siegbert , Dystra , der sich den Freunden theilnehmend erhielt , wollte auch zu Leidenfrost , erfuhr aber , daß dieser , der schon seit seiner Rückkehr vom Ullagrunde seiner Grabesrede wegen unaufhörlich verfolgt und natürlich auch sogleich von der Excellenz von Harder aus seiner offiziellen Sphäre verbannt war , bereits gefangen säße . So blieb ihm nur Zeit , noch die uns bekannten Zeilen an Franziska Heunisch zu schreiben , Jagellona Werdeck zu trösten , die heldenmüthig jeden Trost ablehnte , von Murray Abschied zu nehmen , der absichtlich die Wohnung der Louise Eisold behielt , sich unter seinem englischen Namen als Kupferstecher behauptete und über das Vorhandensein eines Paul Zeck unter dem Siegel der Verschwiegenheit an Louis überraschende Mittheilungen machte , seine geschäftlichen Angelegenheiten zu ordnen und eine Stadt zu verlassen , die er unter so völlig entgegengesetzten , Gemüth und Geist so völlig anders ergreifenden Verhältnissen begrüßt hatte . Er begab sich vorläufig nach Belgien mit einer Empfindung , an die sich unsre Zeitgenossen gewöhnen müssen . Es ist dies das plötzliche Entrücktwerden aus einer im vollen Gange begriffenen Lebensthätigkeit , mitten aus dem angefangenen Worte , mitten aus dem kaum sich selbst klar gewordenen Gedanken heraus , mitten aus der liebenden Einwurzelung und Verrankung in theuerste Herzen , in häusliches Glück . Dankmar und Siegbert waren gefaßt auf ' s Äußerste . Weichen wollten sie nicht . Sie lebten in ruhiger Pflichterfüllung eine Weile hin , wirkend zwar für den großen Bundeszweck der Brüder und Ritter vom Geiste , wirkend und werbend für dessen immer größre und in der That wunderbar wachsende Verbreitung , aber besonnen , emsig beschäftigt mit Kunst , Wissenschaft und der Aufgabe , nun noch den letzten Versuch zu machen , ob nicht vor dem Obertribunal , vor jenem geheimnißvollen Oberpriester des Rechts , dem uralten Greise von Tempelheide , jener Anspruch geltend gemacht werden konnte , an den sich Dankmar jetzt schon krampfhaft klammerte nicht als Anker für sich , sondern als Steuerruder für das Fahrzeug seines Ordens vom vierblättrigen Kleeblatt . Wie war ' s damit ? Wie man auf die Wiese geht und sieht in den Millionen Kleeblättern gleichsam die eine , große , ganze Menschheit , so harmlos , oberflächlich , einig , gleichbedeutend war den Uneingeweihten der Anblick des Lebens . Dankmar aber und sein Bund sah in den Millionen Dreiblättern die heimlichen Vierblätter der Verständigung , diese verkörperten Heurekas der Liebe , diese idealen Gefundenen , denen hier und dort , ohne daß sie von ihm geworben waren , zu begegnen , ihn oft mit Bewunderungsschauern vor der Macht einer Idee erfüllte . Der Tempelstein im Westen trat in Verbindung mit dieser Erfahrung . Dankmar hatte den Plan , den ersten großen Bundes- und Erkennungstag dorthin auszuschreiben . Siegbert , der am unangefochtensten schien , bezweckte zum Frühjahr eine Reise nach Buchau und diesem Tempelstein , um mit Dystra gemeinschaftlich die großen dort projektirten Bauten zu beginnen . Die Wolken mehrten sich freilich . Immer düstrer drohte der Horizont . Unter dem Symbol des vierblättrigen Kleeblattes erhielt Dankmar eine ernste Warnung nach der andern . Er sollte sein Heil in der Flucht suchen . Siegbert ' s Rath , Egon , dem doch einst so edel erfundenen Egon sich noch einmal anzuvertrauen , verwarf Dankmar als eine unwürdige Reminiscenz . Der folge seiner Bahn ! Wir gehen die unsrige . Aber ich müßte doch an irgend einem sichern Rückhalt , wie ein Luther auf der Wartburg , die Entwirrung dieses Knotens abwarten ... Siegbert sprach von Angerode . Dystra , der der ängstlichen Berathung beiwohnte , rieth , zu Mangold , Louise Eisold , zum Tempelstein zu fliehen . Dankmar aber , wie von einem Offenbarungsgedanken ergriffen , rief : Ich gehe grade in die Höhle unsrer Gegner selbst , mitten in die Gefahr ! Ich gehe nach dem Ullagrund ! Dort wohnt ein Ehrenmann ... und zu Selma zieht es mich , wie zu meinem Schutzgeiste . Ackermann war in Amerika ! Er lauscht dem Leben der Natur ! Er wird sich dem Gesetz der Freiheit nicht entziehen . Dort kenn ' ich Weg und Steg . Selige Erinnerung ! Der Frühling ist da ! Ich fliehe in den Ullagrund - Und als die Freunde Bedenklichkeiten äußerten , sagte Dankmar : Man soll mich für einen jener Arbeiter halten , die Ackermann um sich versammelt - eine Jacke her , eine Blouse , ein Wanderstab ! Ich will nach Hohenberg wandern , wie Egon einst wanderte ; aber reineren Herzens , treuer der Sache des Volkes hingegeben , kein sich zum Volk herablassender Aristokrat , nicht haschend nach dem Scheine , nicht weglügend die eigne innere Leere - dort unter den Arbeitern , die diesem Undankbaren den Acker bestellen , will ich selbst für ihn arbeiten und Selma , ihr Vater werden mir Bürge sein , daß ich unter dieser Wahl eines schweren Berufes nicht zusammenbreche ... So entwich Dankmar nach dem Ullagrunde , kurz vor jenem wirklich in den Zeitungen hervortretenden Steckbrief ... Und Murray , den so viel Gefahren umgeben hatten , grade Der blieb unter all den Bedrängnissen , die seine Freunde und Gönner trafen , fast allein unversehrt . Er hatte , als Louise Eisold mit ihren Geschwistern nach Buchau gezogen war , deren ganze Wohnung , mit all ' ihrem armseligen Hausrath , für sich behalten und lebte nur der abwartenden Beobachtung über die Entwickelung seines Sohns . Dem Drängen desselben nach den näheren Umständen seiner Geburt gab er zur Zeit nicht nach . Er bat ihn selbst um ein großmüthiges Aufgeben jeder weiteren Forschung , der nächste Zweck seiner Rückkehr von Amerika war erreicht . Er hatte sein Kind lebend und , wie er erwartete , in der Irre gefunden ; er hatte genug zu thun , Körper und Geist bei ihm auf die Bahn zu lenken , die ihm die allein gesunde schien . Die einzige Störung seiner Ruhe , die den Apostel einer eigenthümlichen , heitern und menschlich milden Religiosität noch zuweilen traf , war die fortgesetzte Untersuchung über die noch immer dunkel bleibenden Vorfälle im Forsthause , die indessen , da Murray sich so ganz in der großen Stadt verlor , ohne Mistrauen und mit Bequemlichkeit geführt wurde . Dystra , der dem wunderlichen Heiligen seine an allen Curiositäten Geschmack findende Theilnahme erhielt , forderte ihn vielfach auf , zu seiner in Amerika mit Meisterschaft geübten Kunst zurückzukehren und gab ihm mehr zu thun , als Murray aus Furcht vor Entdeckung seines wahren Ursprungs und des noch immer nicht beruhigten , noch immer ihn umschleichenden Mistrauens der Ludmer übernehmen mochte . Murray arbeitete wie der erste Künstler seines Faches , unterhielt sich im Verkehre bald mit Louis Armand , bald mit Dystra und nur die Erholung erlaubte er sich , daß er manchmal weite Spaziergänge machte , am liebsten nach der zwei Meilen entfernten kleinen Festung Bielau , wo er mit Wehmuth den Fluß , das Zuchthaus , die von ihm durchbrochene Mauerwand in der Ferne betrachtete .