zu zeigen , wie gut damals , nach der wissenschaftlichen Seite hin , unsere Herrenhäuser ausgerüstet waren . Es waren Überbleibsel aus der durchaus auf Literatur gestellten friderizianischen Zeit . * Am 6. Juli 1807 sehen wir den Briefwechsel mit der Tochter , Alexandrine Gräfin Dankelmann , wieder aufgenommen und gewinnen anfänglich den Eindruck , als solle das patriarchalische Leben , das dem Ausbruche des Krieges vorausging , nach nunmehriger Beilegung der Feindseligkeiten ( der Tilsiter Friede war geschlossen ) wieder aufgenommen werden . Aber dieser Eindruck ist nicht von Dauer . In kürzester Frist sah man in Liebenberg , anstelle der bis dahin feindlichen Bataillone , die sogenannten » friedlich-durchziehenden Bataillone « treten , und mußte sich überzeugen , durch diesen Namenswechsel wenig gewonnen zu haben . Ja , es kamen Tage vor , die den Plünderungstagen sehr ähnlich sahen . Auch hierüber hat Friedrich Leopold von Hertefeld in gewissenhafter Weise Buch geführt , und wir erfahren sogar die Namen der Regimenter , die sich ' s in kleineren und größeren Trupps auf längere Zeit im Liebenberger Schlosse wohl sein ließen . Alles in allem mag die Zahl der Einquartierten über tausend betragen haben . Unterm 26. August 1808 finden wir beispielsweise folgendes : » Es kamen heut in Quartier : 1 General , 1 Adjutant , 1 Kapitän , 2 Leutnants und 76 Mann vom 10. leichten Infanterieregiment . Dem General ( oder vielleicht dem Kapitän ) war attachiert : eine Frau mit 2 Kindern und eine Magd . Ferner 8 Bediente , II Pferde des Generals und 3 des Kapitäns . « Ein andermal heißt es : » 1 Kürassiergeneral , 1 Adjutant , 2 Unteroffiziere , 9 Bediente , 23 Pferde . « Man erkennt aus allem den außerordentlichen Luxus , in dem sich die damaligen Machthaber Frankreichs gefallen durften . Es braucht nicht erst versichert zu werden , daß unter Verhältnissen , wie diese , der kritische Hang unseres Liebenberger Einsiedlers eher wuchs als schwand ; aber er wechselte den Gegenstand und wandte sich vom Nächstliegenden dem Allgemeinen , von Haus und Hof dem Lande , dem Staate zu . Kurz und gut , es war über Nacht ein Politiker aus ihm geworden , der nun , mit der ihm eigenen Geistesschärfe , Stellung zu den Zeitereignissen , insonderheit auch zu den » Neuerungen « im eigenen Lande zu nehmen begann . Alles mißfiel ihm , und wenn er einerseits voll tiefster Abneigung gegen den » großen Würger « war , so war er voll kaum geringerer gegen die heimischen » Reformer « , denen es oblag , sich mit diesem Würger zu stellen . Er neigte ganz und gar der Ansicht zu , » daß der Wiederaufbau des Staates unter geringerer Schädigung privater Interessen möglich gewesen wäre « , mißtraute Stein und Hardenberg , und selbst Scharnhorst , und verhielt sich absolut feindselig gegen die » Finanzkünstler « , die denn auch in all diesen Briefen entweder ernsthaft abgekanzelt oder mit der Lauge des Spottes übergossen werden . All das liest sich vortrefflich und mag im einzelnen nicht bloß dem Buchstabenrecht entsprechend , sondern auch innerlich unanfechtbar gewesen sein , im großen und ganzen aber trägt es nichtsdestoweniger den Stempel einer gewissen opferunlustigen Engherzigkeit , von der , meinem Gefühle nach , der ganze damalige Landadel , und an seiner Spitze der märkische , nicht frei gesprochen werden kann . Alle wußten sie ' s besser , ohne doch irgendwie , diesem Besserwissen entsprechend , ein Geringstes zu tun oder auch nur tun zu können . Ein paar der heftigsten Auslassungen mögen hier eine Stelle finden : » Ich bin jetzt « , so schreibt er im Mai 1810 , » unter anderm auch mit der lieben › Einkommensteuer ‹ beschäftigt , deren Reglement so viel Unklarheit und Unbestimmtheit zeigt , daß sich nur die wenigsten darin zurecht finden können . Das Ganze grenzt an Prellerei , was schon daraus hervorgeht , daß die Steuer , die zur Tilgung der Landesschulden verwendet werden soll , zur Verpflegung der drei besetzten Festungen mit herangezogen wird . Alles was geschieht , läuft darauf hinaus , die den › Finanziers ‹ so lästigen ständischen und städtischen Gerechtsame zu beseitigen . Ein Neues soll an die Stelle treten , eine Nachäffung des Französischen , das für uns paßt , wie die Faust aufs Auge . « Und an anderer Stelle : » Der Staatskanzler ist in der Wahl seiner Unterarbeiter überaus unglücklich . Man hat ihm lauter junge idealistische Theoretiker vorgeschlagen , die nun ihr Wesen treiben . So sind z.B. die Herren von Raumer und Peter Beuth die Urheber des Stempeledikts , das in manchen Punkten ebenso widersinnig wie empörend ist . In diese Kategorie gehört auch der Herr von Ladenberg , der Blasenzinsregierer . ( Blasenzins ist Branntweinsteuer ) . Die Proben hat er in einer Fabrik machen lassen . Und nun meint er , unsere kleinen ländlichen Brenner können es auch so treiben . Diese theoretisierenden Herren haben sich den Kopf mit englischen und französischen Einrichtungen vollgepfropft , und in ihre mitgebrachten Modelle sollen wir hineingepaßt werden , ohne Rücksicht darauf , ob wir sie ausfüllen können oder nicht . « Als er diese letzten Zeilen schrieb , stand schon ein neues Gewölk am Himmel : der Krieg gegen Rußland , über dessen endlichen Ausgang er nicht zweifelhaft war . » Ich hör ' eine innere Stimme , die mir deutlich sagt : › wir sind am letzten Aufzuge dieses Trauerspiels ‹ , und ich beklage nur , daß wir mit unserem Gut und Blut in Mitleidenschaft gezogen werden . « Und wirklich , einige Wochen später war das Land abermals überschwemmt und das Drangsalieren begann in alter Art und Ausdehnung . Aber ich verweile nicht bei Szenen , wie sie schon früher von mir geschildert wurden , und nehme die Erzählung erst im Beginn von 1813 wieder auf . Es war des alten Freiherrn allerschwerste Zeit . Eine große Begeisterung hatte das Land erfaßt , alles , was Waffen tragen konnte , trug sie , selbst Kinder traten ein , und der damals achtzehnjährige Karl von Hertefeld empfand wie seine Genossen , wie die Jugend überhaupt . Aber der Vater , in grenzenloser Liebe zu dem einzigen Sohne , mochte von diesem » Mitgehen « nichts wissen , das ihm vielfach als ein » Mitlaufen « erschien , und entschied sich endlich dahin , ein Immediatgesuch an den damals in Breslau weilenden König zu richten . Er hob in demselben hervor , daß der Eintritt seines Sohnes in die zum Kampfe gegen Frankreich ausziehende Armee die Konfiskation seiner rheinischen Güter unmittelbar im Gefolge haben würde , bat deshalb um vorläufige Zurückstellung und verpflichtete sich gleichzeitig , behufs Equipierung anderer Freiwilligen , eine Summe von eintausend Talern einzuzahlen . Es währte geraume Zeit , ehe ein Antwortschreiben eintraf . Endlich kam es , aber nicht aus dem Kabinette , sondern aus dem Ministerium , und – ablehnenden Inhalts . » Es sei kein Grund vorhanden , in dem vorliegenden Falle die militärische Verpflichtung aufzuheben . « Unser alter Freiherr war wie niedergeschmettert , und in einem Zustande völligen Außersichseins schrieb er an seine Tochter Alexandrine : » Das mit so vieler Ungeduld von mir erwartete Schreiben empfing ich eben . Es ist leider , statt vom Könige , vom Staatskanzler unterzeichnet . Also so weit sind wir gekommen , daß einem der König nicht mehr einer Antwort würdigt , so weit , daß man die Hardenbergschen Meinungen als königliche Resolutionen annehmen muß . Auf die Gründe meiner Vorstellung ist gar nicht attendieret , sondern nur einfach ausgesprochen worden , daß ein Besitz von Gütern im Clevischen eine solche Befreiung vom Dienst nicht zulasse . Zorn und Ärger über die Behandlungsart , dazu Wehmut über die Auslieferung meines einzigen Sohnes , durchkreuzen meinen Kopf , und ich kann Dir nicht sagen , wie sehr ich affiziert bin . Aber eins will ich aussprechen , ich empfinde eine Verachtung gegen den Resolutionsgeber , die mir unauslöschlich in der Seele bleiben wird . In meinem Nächsten meld ' ich Dir , was für Maßregeln ich zu nehmen gedenke . « Dieses » Nächste « ließ denn auch nicht lange auf sich warten . Unterm 17. März erfahren wir das Folgende . » Geheimrat Serre 36 will ein zweites Schriftstück aufsetzen und Sorge tragen , daß es dem Könige direkt zu Händen komme . Karl aber soll nichts davon erfahren ; er will begreiflicherweise von keinem Schritte wissen , der sein Ehrgefühl kompromittieren könnte . Was mich angeht , so kann ich meiner Empörung immer noch nicht Herr werden und will es auch nicht . Meine Verachtung gegen den Urheber aber werde ich mit ins Grab nehmen ... Von Patriotismus sprechen solche Menschen , die vom Staate leben , immer . Ich habe keine Gelegenheit versäumt , um nützlich zu sein , habe dem Staatsfond keinen Heller gekostet , nie Vergütigung verlangt , aber auch niemals in die Zeitungen setzen lassen , wenn ich für den Staat den Beutel zog . Und diese elenden Menschen wollen einem alten Manne nicht einen einzigen Sohn freilassen , dessen Freilassung durch vernünftige Gründe als notwendig vorgetragen wird ! Bei Gott , es wären Vormünder nötig , die die Schurken fortschafften ! Doch genug davon , denn mir wallt das Blut zu sehr , um nicht auszuschweifen . Emprunts forcés und › gezwungene Freiwillige ‹ gehören in die Kategorie des schändlichsten Nonsenses . « In der ganzen Reihe der Briefe stehen diese beiden einzig da . Nirgends sonst begegnen wir einer ähnlichen Indignation , und leider am unrechten Orte . So wenigstens erscheint es mir . Ein Allerhöchstes stand auf dem Spiel und die Rücksicht auf den Einzelnen mußte hinschwinden neben der Rücksicht auf das Ganze . Daß die Formen unter Umständen etwas artiger und gewählter hätten sein können , mag zugestanden werden . Aber die Dinge lagen so pressant , daß auch zu » Formen « , die meist Zeit kosten , keine Zeit war . Auch der alte Freiherr , vermut ' ich , konnte sich gegen Sätze , wie diese , nicht verschließen , und viel leicht war es gerade das , was ihn über alles Maß hinaus in Leidenschaft und Empörung brachte . Hardenbergs Antwort , so mußt ' er sich sagen , auch wenn er sich es nicht sagen wollte , war scharf , aber nicht ungerecht . Es lag nicht an dem Gegner , es lag an ihm selbst , an ihm , der , aus einem egoistischen Gefühl heraus , um etwas gebeten hatte , um das er nicht bitten durfte . Wurde es bewilligt , so war es gut , so trat das Mißliche der Bitte zurück , wurde es aber nicht bewilligt , so gesellte sich zu dem Schmerzlichen eines Refus auch noch die Kränkung einer Reprimande . Und wie sehr er sich dagegen sträuben mochte , in dieser Erkenntnis lag die tiefste Quelle seines Zornes . 37 Er war , von Breslau her , abschlägig beschieden worden , aber endlich , wie die Freunde keinen Augenblick bezweifelt hatten , entwickelte sich doch alles im Einklang mit seinen Wünschen . Ein längerer Aufschub wurde bewilligt , und als Karl von Hertefeld im März 1814 aufbrach , um sich , nach Ablauf der Frist , den verbündeten Armeen anzuschließen , standen diese schon in der Nähe von Paris und schlugen ihre letzten Schlachten . Er hatte sich ohne Schuld verspätet . Aber , ob mit ob ohne Schuld , als im folgenden Jahre die Kriegsflamme noch einmal aufloderte , war es doch jedenfalls ein unerläßliches Gebot der Ehre für ihn geworden , ein zweites Mal nicht zu fehlen , vielmehr rasch und rechtzeitig am Platze zu sein . Auch der alte Freiherr entschied sich jetzt in diesem Sinne , bezwang sein Herz und beschränkte sich darauf , an den eben damals in Berlin weilenden Sohn eine Reihe kurzer Briefe zu richten , die hier , sowohl zur Kennzeichnung des Schreibers , wie der Situation , eine Stelle finden mögen . Alles in ihnen ebenso weisheits- wie liebevoll . 19. April . » Mein lieber Sohn . Für mich , als Deinem Dich liebenden und seinem Ende sehr nah sich fühlenden Vater , ist es ein Hartes , Dir in einer Sache Rat zu geben , die mich niederdrückt . Ich wünsche nicht , daß Du als Gemeiner in eine ohnehin trübselige Laufbahn eintreten möchtest . Wäre es möglich , daß Du als Freiwilliger auf Deine Kosten dienen und in der Adjutantur ankommen könntest , so wäre mir das das Liebste . Ich weiß , daß Enthusiasmus Dich treibt , aber sieh Dich vor , daß er Dich nicht zu Schritten verleitet , die Dir später unangenehm werden könnten . Glaube mir als einem alten , erfahrenen und vorurteilsfreien Manne , der Militärstand ist eine splendide Misere . Wenn man eine Zeitlang darin gearbeitet hat , so fühlt man erst das Angenehme der Independenz , und wie nützlich sich der macht , der als Privatier seine Güter selbst bewirtschaftet . Er dient dem allgemeinen Besten und braucht mit seiner Meinung nicht zurückzuhalten . Er ist ein freier Mann , der auch frei sprechen darf . Fessele Dich also nicht für immer . « Den 22. April . » Ich kenne nun Deinen Entschluß , bei Major von Colombs Husaren eintreten zu wollen und kann ihn nicht tadeln . Der Major hat den Ruf eines tätigen und gescheiten Mannes . Wenn Du mit ihm sprichst , so sag ' ihm Deine verfehlte vorjährige Dienstnehmung . Vielleicht kann er Dich zum Junker ernennen . Daß Du die Garden vermeiden willst , kann ich nur billigen ; diese haben den alten unschicklichen Ton angenommen , 38 der sie dem Bürgerstande anstößig machen muß . « 25 April . » Über unser Aufrufs-Edikt , wenn ich darüber sprechen wollte , wäre kein Ende . Was soll die Menge Kinder , die zusammenläuft , teils um der Schule , teils um der elterlichen Vormundschaft zu entweichen . Wir hatten ja Landwehren genug , die nur allenfalls der Komplettierung bedurften . Ich bin ein Feind alles Enthusiasmus , weil er sich auf Kosten der gesunden Vernunft eindrängt . › Kalt überlegt und warm ausgeführt ‹ , das ist mein Denkspruch . « 8. Mai . » Du mußt mich nun verlassen , mein lieber Sohn , in einem Zeitpunkte , in dem ich aus dieser Zeitlichkeit scheiden werde . Gott segne Dich und stehe Dir bei in Gefahren und führe Dich gesund und tugendhaft in Deine väterliche Wohnung zurück . Mich wirst Du nicht wiederfinden . Ist es aber meinem Geist erlaubt , Dich zu umschweben , so wird er stets mit Dir sein . Auf Dir ruht das Glück und der Wohlstand Deiner Schwester ; Du kannst als ein unabhängiger Mann leben und als solcher viel Gutes fördern . Darum , lieber Sohn , verlasse Deine Güter nicht , gib sie nicht aus der Hand um bloßer Ehrenvorzüge willen , sondern bleibe selbständig . Dein Schwager ist Dein Vormund bis zu Deiner Großjährigkeit . Nochmals lebe wohl und glücklich , und denk ' an Deinen dahin welkenden Vater , als an einen verlorenen , schlichten , aber treuen Freund . « Es war des Alten aufrichtiger Glaube , daß er vor Rückkehr des Sohnes abscheiden werde . Der rasche Gang des Krieges aber übertraf alle Hoffnungen und im Herbste war ihm noch ein Wiedersehen gegönnt , die letzte große Freude seines Lebens , denn seine Tage waren allerdings gezählt . Immer deutlicher stellte sich ein wassersüchtiger Zustand heraus , und der alte Heim wurde konsultiert , ohne daß seine Mittel eine Linderung herbeigeführt hätten . Im Gegenteil . Unter diesen immer wachsenden Beschwerden und Beängstigungen war es , daß ihm , zum Ordensfeste 1816 , das Eiserne Kreuz verliehen wurde . Die Nachricht davon konnte nur noch ein Lächeln in ihm wecken , und nebenher eine Verlegenheit darüber , wie der Dank dafür wohl abzustatten sei . Den Eitelkeiten der Welt hatte sein Herz früh entsagt , und das Wenige , was ihm davon geblieben sein mochte , war angesichts des Todes hingeschwunden . In allem übrigen aber blieb er unverändert , und seine Briefe zeigen ihn bis zuletzt in allen Vorzügen seines Geistes und Gemütes , vor allem auch als einen feinen und liebenswürdigen Spötter . Und der Schluß dieser seiner Korrespondenz ist es , dem ich die nachstehenden , über die mannigfachsten Gebiete sich verbreitenden Äußerungen entnehme . Liebenberg , im Januar 1816 . » ... General York muß zur Unzufriedenheit sehr geneigt sein , wenn er den Abschied darum nehmen will , daß nicht genug für ihn geschehen ist . Meiner Meinung nach kann er zufrieden sein . – Aus Kölner Briefen ersehe ich , daß Fürst Blücher gute Stunden , aber auch wieder › Abwesenheiten ‹ hat . – Und nun wünsch ' ich vor allem Herrn Geheimrat Heim zu befriedigen , dem man , wie ich wohl weiß , mit einer mäßigen Retribution nicht kommen darf . Ich habe Geld bei Schicklers und werde die Firma benachrichtigen , 500 Taler an Dich verabfolgen zu lassen . Sobald Du sie hast , stelle sie dem Geheimrat Heim namens meiner zu . « Den voraufgehenden Briefen zufolge waren ihm durch Heim – sein eigener Arzt vor Formey , früher Stosch – ein paarmal Pillen verordnet worden , die seine Beschwerden eher gesteigert als gemindert hatten . Aber gesteigert oder gemindert , unter allen Umständen ein imposantes Honorar . Und das alles in » armen Zeiten « . Liebenberg , den 14. Januar . » Ich habe Niebuhr und Chateaubriand aufmerksam gelesen . Niebuhrs Stil hat mich einigermaßen verwundert ; um kräftig zu sein , ist er hin und wieder dunkel und gezerrt . Chateaubriand aber hat sein Thema sehr artig ausgeführt , nur der Franzose leuchtet überall durch , Tiraden und Phrasen stürzen übereinander her , und › l ' honneur des Français ‹ ( das A und das O dieser Nation ) muß auch hier wieder als Aushängeschild dienen . Und diese sogenannte › honneur ‹ besteht doch in weiter nichts , als in dem törichten Versuch , ihr Besiegtsein nicht eingestehen zu wollen . « Liebenberg , den 10. Februar . » Ich bitte Dich , grüße Dankelmann , und frag ' ihn , ob auf das Eiserne Kreuz , das ich empfangen , ein Danksagungsschreiben erfolgen müsse . Wenn dem so sein sollte , so bitt ' ihn , daß er das Nötige gleich aufsetze . Laß es dann abschreiben und unterschreib ' es , und send ' es , wo es hin muß . Vermutlich an das Ordens-Departement . ( Er nimmt es offenbar nicht sehr feierlich damit . ) ... Ich lasse jetzt die Pillen und trinke Wachholdertee ... Niesigs Hochzeit ist vorüber und soll die junge Frau so tölplich wie möglich gewesen sein ... Gestern hat sich ein alter Fuchs in der Marderfalle gefangen und sie bis an seinen Bau fortgeschleppt . Da hat ihn Rackwitz ( der Förster ) in Empfang genommen . « Liebenberg , den 12. Februar . » Ich muß doch den › Rheinischen Merkur ‹ tadeln über die Schärfe , mit der er vorgeht . Hier heißt es mit Recht › est modus in rebus ‹ . Wird dem Redakteur etwas derartiges zugeschickt , so muß er es entweder unterdrücken , oder es moderieren . Das ist aber der Journalisten Sache nicht , weil ihre Schriften mehr Abgang haben , wenn sie bitteren Spott auskramen . Besser aber wird die Welt dadurch nicht , denn die Serenissimi lesen es nicht . Es ist nur ein Weg , um die Wahrheit bis an den Thron zu bringen : solche Vorstellungen , wie die der Württemberger Stände . Hierzu gehört aber Einigkeit und allgemeiner Sinn . Und wo soll man die suchen . « Nachschrift . » Vorgestern kam Ritter Claer hier an . ( Ein Liebenberger Tagelöhnerssohn , der sich , 18 Jahre alt und vom alten Hertefeld als Landwehrulan ausgerüstet , bei Hagelberg , durch Sprengung eines feindlichen Carrés , das Eiserne Kreuz erworben hatte . ) Er war sehr mißvergnügt und mit Recht . Sein Landwehr-Kavallerieregiment ist aufgelöst worden , und man hat ihnen die neuen Uniformen abgenommen bis auf die Hosen , ohne welche man sie füglich nicht nach Hause schicken konnte . Der König weiß gewiß nichts davon . Es kommen auch bei der Entlassung wieder allerhand Willkürlichkeiten vor , was schon daraus hervorgeht , daß unserer Infanterielandwehr ihre Röcke belassen wurden , obschon sie meist neu waren . « Liebenberg , den 14. Februar . » Da mich nichts mehr verwundert , so befremdet mich auch nicht die Anstellung des gemeinen Spions O ... Wer weiß , ob nicht ein Bureau errichtet wird , mit diesem Menschen als Präsidenten . Aber diese Klasse , die jeder Ehre bar und bloß ist , läßt sich zu allem brauchen . Folglich ist sie nützlich . « Liebenberg , den 16. Februar 1816 . » Über den Aufenthalt Luisens ( Enkelin des alten Freiherrn ) im Hause J ... will ich nur bemerken , daß man in diesem Hause sehr neugierig ist und allerlei sonderbare Leute zu sehen bekommt . Ich bitte grüße tutti quanti . Rackwitz ' älteste Tochter ist nun förmlich mit dem Falkenthaler Prediger verlobt . Beide tun eine dicke Sottise . « Das ist der Schlußbrief , und es ist hübsch , daß die letzte Zeile , die wir von dem Liebenberger Einsiedler haben , ihn noch einmal in seiner ganzen Eigenart widerspiegelt . Am 3. April starb er und wurde wenige Tage später in der Liebenberger Gruft beigesetzt . * Es erübrigt nur noch der Versuch einer Charakteristik . In Familienaufzeichnungen findet sich über Friedrich Leopold das Folgende : » Er war von großer Herzensgüte und stets darauf bedacht , den Seinigen eine Freude zu machen . An allem nahm er Interesse . Seine Enkeltochter ( Luise Dankelmann ) mußte ihm stets , bis in die Details , von ihrem Umgang und ihren Beschäftigungen erzählen , bei welcher Gelegenheit er mit jugendlichem Verständnis auf alles und jedes einging . Besondere Freude gewährte es ihm , Geschenke zu machen und damit zu überraschen . So schickte er einst seiner Tochter vier schöne Wagenpferde nach Liegnitz , wohin – während der Besetzung Glogaus durch die Franzosen – sein Schwiegersohn als Chef des Landgerichts mit der ganzen Behörde übergesiedelt war . Ähnliche Züge finden sich viele in seinem Leben . Er war einfach und natürlich . Sein scharfer Verstand , seine großen Kenntnisse , sein Interesse für die Wissenschaften machten ihn , im Verein mit den edlen Eigenschaften seines Herzens und der Lebhaftigkeit seiner Ausdrucksweise , zu einem selten liebenswürdigen Menschen . « Einige Züge mögen dies Bild , das ich vorfinde , vervollständigen . In der nüchternen Beurteilung einerseits des Geschehenden , andererseits derer , die die Dinge geschehen ließen , erinnert er außerordentlich an Marwitz , und ein Vergleich mit diesem erleichtert die Schilderung und Hervorkehrung dessen , was das Wesen unseres alten Freiherrn ausmachte . Marwitz war in Standesvorurteilen befangener , auch leidenschaftlicher und aufbrausender , aber zugleich die weniger egoistische Natur . Er hatte durchaus den Sinn für das Ganze , den weiteren Blick , und wenn es Prinzipien galt oder ein Eintreten für Staat und Stand , so brachte er jedes Opfer an Gut , Gesundheit , Leben . Unseres Liebenberger Einsiedlers Vorzüge lagen nach anderer Seite hin und zeigten sich vor allem in großer gesellschaftlicher Liebenswürdigkeit , in der er auch aushielt , als er kaum noch innerhalb der Gesellschaft stand . Er war rücksichts- und formvoller als Marwitz , behaglicher und jovialer . Aber diese Tugenden erwuchsen doch zu nicht geringem Teil aus einem selbstsüchtigen Hange nach Ruhe , Geborgensein und umfriedetem Glück . Er war nicht bloß unsensationell , er war auch , seinem eigenen Zeugnisse nach , unenthusiastisch , und sah , ähnlich wie König Friedrich Wilhelm III. , in allem , was ihn umlärmte , nur eine Mischung von Unordnung und Unzugehörigkeit , an der teilzunehmen etwas wenig Schönes und im ganzen genommen auch nicht sonderlich Ehrenvolles war . Es führte meistens in schlechte Gesellschaft , und – Kinder spielten Weltgeschichte . Wie weit er es in dem allem traf oder nicht traf , mag hier um so lieber unerörtert bleiben , als ich mich über diese Frage schon an anderer Stelle geäußert und namentlich auf das Mißliche seiner und der Marwitzschen Adelsopposition gegen die » Neuerer « hingewiesen habe . Was aber freilich in dieser Opposition überall erquickt , ist die konsequente Verspottung der Phrase , ganz besonders der Freiheitsphrase , zu deren abweisender Kritik er speziell um so berechtigter war , als er für die wirkliche Freiheit und » für das Recht , das mit uns geboren ist « , ein volles und freudiges Verständnis hatte . Und dies erscheint mir als seine schönste Seite , zugleich als die , der wir unschwer entnehmen können , daß er nicht in den vorwiegend militärisch-gedrillten Ostprovinzen unserer Monarchie , sondern im Westen , an der holländischen Grenze geboren und erzogen war . In der Tat , all seiner Loyalität unbeschadet , ist doch ein wohltuend republikanischer Zug in seinem ganzen Tun und Denken erkennbar , und jedesmal empört er sich , wenn er wahrnimmt , wie wieder einmal hier oder dort , aus bloßer Machthaberlaune , mit dem Menschenleben erbarmungslos gespielt worden ist . Am ablehnendsten verhielt er sich gegen das politische Gebaren der Rheinbundfürsten , denen er nicht bloß ihre frühere Schweifwedelei , sondern vielmehr noch ihre Haltung , ihren eigenen Untertanen gegenüber , zum Vorwurf machte . Jedem Absolutismus abhold , interessierten ihn aufs lebhafteste die Verfassungskämpfe jener Zeit , und es war wenige Wochen vor seinem Tode , daß er schrieb : » Ich erkenne mehr und mehr , daß die Politik die Wissenschaft des Betruges ist . Und so wird es bleiben , bis vernünftige Landesverfassungen da sein werden , die Kraft haben , die Großen zu binden . « Solche Worte werden uns mit einer gewissen Enge , wie sie seinem zu stark ausgeprägten Familiensinn entstammte , leicht wieder aussöhnen , und um so leichter , je mehr wir im Gedächtnis behalten , daß er sich , wider Wunsch und Willen , in Zeitläufte gestellt sah , die seiner Natur widersprachen und der Betätigung seiner auf Beschaulichkeit und stilles Glück gerichteten Gaben ungünstig waren . Er hatte nicht den großen Sinn für den Staat , aber er war ein nachgeborener Patriarch und ein Ideal innerhalb des Hauses und seiner Umfriedung . 4. Kapitel 4. Kapitel Liebenberg unter Karl von Hertefeld 1816 – 1867 Seinem Vater Friedrich Leopold folgte Karl von Hertefeld , der sogenannte » alte Hertefeld « , im Besitze von Liebenberg . Er stand demselben fünfzig Jahre lang vor und starb kinderlos . Mit ihm erlosch das alte Clevesche Geschlecht , das den brandenburgisch-preußischen Landen so viele durch Geist , Charakter und freiere Lebensauffassung ausgezeichnete Männer gegeben hatte . Denn beinahe allen war ein reformatorischer Zug eigen , derselbe Zug , der sich auch in so vielen unsrer Hohenzollern unschwer erkennen und verfolgen läßt . Karl von Hertefeld wurde den 27. Oktober 1794 auf Schloß Bötzlar geboren . Die Freude , » daß nun ein Erbe da sei « , war groß , und kein Brief aus jener Zeit , der nicht Zeugnis davon ablegte , wie von einem allerglücklichsten Familienleben überhaupt . » Karl schackert wie eine Elster . Er grüßt Dich und reitet , seit er ein Steckenpferd hat , täglich zu Schwester Dine . « So heißt es im Mai 1797 . Und als nun im selbigen Herbst eben dieser Schwester ( Alexandrine Dankelmann ) ein Sohn geboren wurde , wurde es versucht , dem dreijährigen » Onkel Karl « eine Vorstellung von seiner neuen Würde beizubringen . Es schien nicht gelingen zu sollen , als aber , einige Tage später , » Onkel Wylich « , ein Bruder der Frau von Hertefeld , in den Schloßhof einfuhr , lief ihm Karl entgegen und rief schon von weitem : » Onkel , ich bin nun auch Onkel . « Die frühesten Kindheitsjahre verliefen infolge der vielen , im vorigen Kapitel geschilderten Hin- und Herzüge ziemlich unruhig , und von » Erziehung « konnte wohl erst die Rede sein , als der alte Freiherr in Liebenberg ein für allemal eingebürgert war . In vielen seiner Briefe werden von diesem Zeitpunkt an pädagogische Fragen verhandelt ( es war ja die Basedow-und Pestalozzi-Zeit ) und die mannigfach eingestreuten Mitteilungen und Ratschläge geben uns , auch nach dieser Seite hin , ein Bild aus jenen Tagen . » Ich bin für harte Bestrafungen , aber für augenblickliche . Ein Klaps zur rechten Zeit wirkt wahre Wunder . « Und bald darauf : » Ich höre von allerhand Erziehungsnöten , in denen Du Dich befindest . Nun , ich bin mit Deinem Bruder Karl in der gleichen Lage . Was ich zu sagen habe , ist kurz das : studiere die Gesinnungen und Neigungen des Kindes . Ist er cholerisch-lebhaft , so suche , sobald er hartnäckig einen eigenen , ihm unzulässigen Willen zeigt , diesen Willen zu brechen . Entgegengesetzten Falles hast Du später einen schweren Stand . Ist er aber bloß lustig , wild und aus Leichtsinn unwillig , so mußt Du seine Aufmerksamkeit abzulenken suchen , was bei einem Kinde meistens nicht schwer ist . Das aber , worauf Du vor allem zu sehen hast , ist das , daß er erstens überhaupt und zweitens nach einer bestimmten Ordnung und seinem Naturell entsprechend beschäftigt ist . In einer solchen Ordnung erziehe ich jetzt Deinen Bruder . « Und im nächsten Briefe hören wir denn auch in welcher Ordnung . » Ich beginne mit dem Schlaf , dieser › Nährmutter unsrer Natur ‹ . Er kann schlafen