Ton ein verfängliches Gelb ist ... Alles das vergißt man freilich in Italien um einer einzigen Palme willen , die aus solchem Gewirr in einem kleinen Gärtchen versteckt emporwächst ... Auch hinter jener Pforte , wo der Todtenbruder verschwunden war , lag , wie Benno jetzt sah , ein solches Gärtchen ... Wer wohnt hier ? fragte er einen am Wasser mit dem Ausladen eines verspätet angekommenen Kahns Beschäftigten ... In diesem Palazzo - ? erwiderte der Angeredete und bot sofort statt der Antwort , auf die er sich die Miene gab , sich gründlich besinnen zu wollen , vorerst seine Waaren an , die der Herr gerade hier am zweckmäßigsten angetroffen hätte ... Walzbreter zur Bereitung von Nudeln , hölzerne Löffel , einen Steinkrug zur Aufbewahrung seines Oels ... Wer in Italien handelt , glaubt , daß man sich zu jeder Zeit aus dem Gebiete gerade seiner Branche assortiren könne ; in die Eilwägen hinein reicht man zinnerne und blecherne Küchengegenstände , » die man jetzt gerade wohlfeil haben könnte « ... Und auch dieser Mann wahrte erst seinen Vortheil und zeigte auf hundert Schritte weiter seinen Laden ... Aber den Besitzer des » Palazzo « konnte er nicht nennen ... Dann war es eine großmüthige Regung von ihm , daß er , als Benno keinen Steinkrug für sein Oel mitnahm , doch einen andern Mann anrief und diesen fragte : Wer wohnt in dem Palazzo ? ... Nach vorn hin , hatte Benno inzwischen gesehen , stand allerdings ein stattliches Gebäude ... Ein Advocat ... Ein reicher Mann - hieß es ... Ein Advocat ? ... Vielleicht Bertinazzi ? dachte Benno und sah sich nach einem mittelalterlichen alten Hause , dem des Rienzi , um ... Wie auch bei uns die Kinder in die Läden treten und fragen können : Wollen Sie mir nicht sagen , wie viel die Uhr ist ? und , wenn sie ' s gehört haben , als Zugabe ihrer Frage ein Paar Rosinen verlangen , so tauschten sich auch hier mit den paar Worten die Interessen der sich versammelnden Italiener aus ... Benno bekam so viel Anerbietungen von Waaren , so viel Verlangen nach Bajocci , so viel Anerbietungen zum Führen , zum Tragen , zum Helfen , daß er zu dem seiner Natur wenig entsprechenden Mittel greifen mußte , aus der Geberdensprache der Italiener eine Miene zu wählen , die die einzige ist , der die unerträgliche Zudringlichkeit weicht ... Macht jemand diese Miene , so ist der Italiener gewiß , einen Landsmann vor sich zu haben , von dem er nichts zu erwarten hat ... Benno streckte nicht gerade die Zunge aus , was in solchen Fällen , um vor dem italienischen Bettelgesindel Ruhe zu bekommen , das allersicherste Mittel ist ; er warf nur einfach den Kopf in den Nacken mit der Miene eines gleichsam vor Hochmuth Närrischgewordenen ... Da ließ man ihn gehen ... In der That hatte er aber doch erfahren , daß dieser Hausbesitzer , dieser reiche Mann und Advocat - Signore Clemente Bertinazzi war ... Bertinazzi ! ... Wieder blickte er auf die Pforte und siehe da , wieder trat jemand , diesmal ein Mönch mit heraufgezogener Kapuze ein ... Das sind Verschworene ! sagte sich Benno ... Der Gedanke überlief ihn wie siedende Glut ... Er sann und sann nun um so mehr : Wer war der schwarze Todtenbruder , der dich offenbar kannte , der dir seine Verachtung ausdrückte - trotz deiner Erwähnung Rienzi ' s ... Benno wandte sich in größter Aufregung wieder der Brücke zu ... Hier hatte er einen Fiaker zu finden gehofft ... Schon suchte er danach nicht mehr ... Es trieb ihn in die Straße , nach der hinaus das Wohnhaus des Advocaten seine Vorderfront hatte ... Auch hier bemerkte er , rasch nacheinander kommend , zwei weiße Todtenbrüder , die in dem offenen Thorweg des Hauses verschwanden ... Bertinazzi hält eben seine Loge ... Diese Vorstellung stand nun fest bei ihm ... Sollte er folgen ? ... Er hatte das Losungswort ... Er trug in seinem Portefeuille ein Zeichen von Silberblech mit einem aus den Flammen sich erhebenden Phönix ... Beides hatten ihm die Brüder Bandiera für den Fall gegeben , daß er in Rom die Bekanntschaft des Advocaten Bertinazzi machen wollte , dem sie aufs wärmste über ihn geschrieben zu haben behaupteten ... Mit lautklopfendem Herzen kehrte er zur Flußseite zurück ... Hier war es jetzt stiller geworden ... Ruhig wogte der Strom ... Den Besuch der Mutter gab er auf ... Schon schlug es zehn ... Im Hause des Advocaten , dem er von der Gartenseite näher zu kommen suchte , war alles still und dunkel ... Es mußte eine gewaltige Tiefe haben ; die Entfernung vom Ende des Gärtchens bis zur Vorderseite war eine ansehnliche ... Wieder näherte sich ein Schatten der Gartenpforte - ... Wieder huschte dieser an Benno vorüber und ging ins Haus ... Benno stand - wie am Scheidewege seines Lebens ... Der Gedanke an morgen war ihm an sich schon der Tod - was verschlug es , wenn er den letzten Anlauf nahm und sich in den Abgrund stürzte ? ... Wo sollte er die Stimme , den Wuchs , den Gang des schwarzen Todtenbruders hinbringen ... Eine fieberhafte Ideenverbindung zeigte ihm die drei Reiter , die ihm im Gebirge so seltsam den Weg hatten abschneiden wollen ... Erschien sein Umgang mit den Tyrannen Italiens denen verdächtig , an die er empfohlen war ? ... Voll Unruhe begab sich Benno abermals nach vorn ... Jetzt sah er einen Kapuziner zu Bertinazzi eintreten ... ... Und nur ihm schien alles das aufzufallen ; die Straße hatte ganz ihr übliches Leben ... Schon griff Benno nach seinem Portefeuille und überzeugte sich , daß er das Symbol des Phönix bei sich hatte ... Einen in Hemdärmeln vor der Thür seiner Taverne stehenden Wirth fragte er : Ist das - da drüben - ein Kloster ? ... Nein , Signore ! war die Antwort ... Das Haus , des Advocaten Bertinazzi ... Ich sehe Mönche eintreten ... Bei einem Arzt und Advocaten , Herr , sagte der Wirth lachend , hat alle Welt zu thun ... Und nicht jeder zeigt ' s dann gern ... Mancher Principe wartet auf den Abend , wo er die Kutte des Todtenbruders umlegen darf - Und - nun - die Pfaffen gar ... Der Wirth machte eine Miene , als wäre Rom einmal die Stadt des Carnevals und der Carneval stünde nicht blos im Februar im Kalender - sondern zu jeder Zeit und dann hätten am meisten die Priester ihre Heimlichkeit ... Die Geberdensprache des Südens ist die Sprache der größten Deutlichkeit ... Benno mußte , um dem vertrauensvollen Manne zu danken , seinen Wein versuchen ... Es war nicht der Wirth der nahen Goethe-Campanella ... ... Der Orvieto , den Benno begehrte , war gut ... Stürmisch rollte das Blut in Benno ' s Adern auch ohne den Wein ... Er war in einer Stimmung , die Welt herauszufordern ... In dem dunkeln Gewölbe der Kneipe saßen beim qualmenden Licht der Oellampe Männer aus dem Volk ... Die Unterhaltung betraf noch immer den Grizzifalcone ... Einige Häuser weiter hatte der Räuber gewohnt , als er die Courage gehabt , nach Rom zu kommen ... Man erzählte seine Heldenthaten ... Man rühmte auch den Muth der beiden deutschen Mönche ... Benno horchte und horchte ... Der Wirth pries sich glücklich , den Pasqualetto nicht beherbergt zu haben ... Die Polizei hätte jeden Winkel der Herberge an der Tiber nach dem Tode des Räubers durchsucht ... Alle Welt wußte , daß niemand durch diesen Tod glücklicher war , als die Zollbediente , auf deren Strafe der alte Rucca es abgesehen hatte ... Die Pfiffigen und Klugen haben hier immer Recht ... Um den Grizzifalcone blieb es » Schade , daß er nicht - Gonfalionere in Ascoli geworden « ... Benno hörte lachen - die Gläser aufstampfen - hörte Gesinnungen , die denen der Lazzaronis Neapels entsprachen ... In seinem Innern klangen die Worte des Attilio Bandiera : » Man muß die Völker zur Freiheit zwingen ! « ... Damals hatte er noch erwidert : » Mit der Guillotine ? « ... Neue Welten waren in ihm aufgegangen ... In jenem Hause konnte er das Schicksal der Freunde erfahren , um die er sich in so große Gefahren des Lebens und der Seele gewagt hatte ... Der Tag , vielleicht die Stunde konnte ihm dort genannt werden , wann die Brüder in Porto d ' Ascoli landen mußten , wann Ravenna , Bologna sich erhoben ... Er sagte sich : Es ist der Weg des Todes ! Sollst du ihn beschreiten ? ... Und gehst du ihn nicht schon ? antwortete eine Stimme seines Innern ... Bleib ' auf deiner Straße - des Verhängnisses ! ... Wild mit der Rechten durch seine Locken fahrend erhob er sich ... Stürmenden Muthes verließ er die Schenke ... Sie rufen mich ! sprach er vor sich hin und sah - jene Geister des Beistands , von denen ihm Attilio gesprochen ... Auf der Höhe seines Lebens war er angekommen ... Dahin also hatten alle Ziele seines Schicksals gedeutet ... Er sah seine ersten Anfänge wieder - fühlte den Kuß jener schönen Frau , die sich trauernd über ihn beugte , wenn sie aus dem Wagen gestiegen - Die in Spanien erworbenen goldenen Epaulettes seines Adoptivvaters Max von Asselyn blitzten auf ... Zigeunerknabe , du bist in deiner Heimat ! klang es um ihn her wie aus tausend silbernen Glöckchen ... Dann wieder waren es Geigentöne - wie sie damals der bucklige Stammer zwischen seinen Erzählungen von der Frau , die nur die deutschen Worte : » Tar Teifel ! « kannte , auf dem Finkenhof strich ... Du gehst ! sagte er sich und schritt dem Hause näher ... Und dennoch würde Benno vorübergegangen sein , wenn nicht die menschlichen Entschließungen unter dämonischen Gesetzen stünden ... Der eine Flügel des offen stehenden Hausthors war soeben von einer nicht sichtbaren Hand von innen geschlossen worden ... Eben bewegte sich der andere Flügel , um gleichfalls zuzufallen ... Der Anblick dieser kleinen , noch eine Secunde offen gelassenen Spalte bestimmte den wie vom Schwindel Ergriffenen und halb Besinnungslosen rasch vorzutreten und die beiden Worte zu sprechen : Con permesa ! ... Eine Stimme antwortete : Que commande ? ... Eine kurze Pause folgte ... Die Schlange wechselt ihr altes Kleid ! ... Das Erkennungswort des » Jungen Italien « war ausgesprochen ... ... Es war kein freier Wille gewesen , der diese verhängnißvollen Worte von Benno ' s Lippen brachte ... Es war ein fremder Geist , der aus ihm sprach , ja - der ihn diese Losung ganz deutlich und fest aussprechen ließ ... Er trat in den wiedergeöffneten Flügel und befand sich in einem dunkeln Gange ... Die Thorpforte fiel hinter ihm zu ... Fußnoten 1 Thatsache . 10. Kommen Sie aus der Schweiz ? fragte aus dem Dunkel heraus eine heisere rauhe Stimme ... Das menschliche Wesen , dem die Stimme angehörte , entwickelte sich seinem Auge erst allmählich als eine Frau ... Ich will Sie dem Herrn anmelden ... lautete die seinem Schweigen folgende Rede ... Ein Schlorren , ein asthmatisches Keuchen ... Ein langes Verhallen der Schritte ... Diese Räume schienen endlos zu sein ... Es ist geschehen ! sprach er zu sich selbst und sagte fast hörbar : Also nur die aus der Schweiz Kommenden erkennt man an diesem Losungswort , das ich von den Bandiera weiß ! ... Benno zog sein Portefeuille , um das Zeichen des Phönix zur Hand zu haben ... Die Flüchtlinge , die sich in Robillante an ihn wandten , um in allerlei Verkleidungen weiter zu kommen , hatten auch ihm ein solches Zeichen entgegengehalten ... Wenn die ohne Zweifel in diesem Augenblick hier versammelte Verschwörung entdeckt - wenn er selbst mit den Mitgliedern derselben aufgehoben wurde ! ... Darin sah die Zerrüttung seines Innern , die Hoffnungslosigkeit seiner Seele kein Unglück mehr ... Beim Suchen nach dem Portefeuille fand Benno ein Mittel , sich Licht zu machen ... Nach italienischer Sitte führte er ein Streichfeuerzeug bei sich ... In den finstern großen Häusern Italiens hilft man sich auf diese Art gegen die überall mangelnde Beleuchtung ... Kleine brennende Wachsenden reichen aus für jeden zu erkletternden vierten Stock ... Benno sah nun eine Halle , die in einen gedeckten und überbauten Hof führte ... Da hingen alte Bilder an den feuchten Wänden ... Sollte hier die Tiber zuweilen so weit austreten , um diese Häuser überschwemmen zu können ? ... Die Alte , die mit einer Lampe zurückkam , unterschied er nun ... Sie war vom Alter gekrümmt und schien aus dem Reich der Nacht zu kommen ... Mit der Lampe den Fremdling beleuchtend , sagte sie : Der Herr soll wiederkommen - ! ... War dein Losungswort eine Beschwörung , die nicht kräftig genug wirkte ? sagte sich Benno ... Jetzt überreichte er sein zweites Creditiv , das Zeichen von Silberblech und eine Karte mit seinem Namen ... Die Alte nahm beides , betrachtete es flüchtig und entfernte sich wieder ... Inzwischen ging Benno in den Hof , der überbaut war ... Wieder sah er einen langen Gang ... Sessel standen in diesem an den Wänden , ohne Zweifel für die Clienten vom Lande , die an jedem Markttag die Schreibstuben der Advocaten belagern ... Er verglich Nück ' s Lage mit der Bertinazzi ' s ... Jener der leidenschaftliche Freund der Jesuiten und allen Umtrieben derselben ganz wie ein geheimer Verschwörer zugethan ; dieser , wie er wußte , ein Angehöriger der Familie jenes Ganganelli , der als Papst die Jesuiten aufgehoben hatte , und im Geist seines Ahnen fortwirkend ... Das System der Menschen- und Lebensverachtung mußte bei beiden dasselbe sein ... Die Alte kam zurück und winkte nun schweigend ... Sie zeigte nach hinten , kehrte noch einmal in den Hof und zur Pforte um , die sie mit einem eisernen Querbalken verschloß , und bedeutete Benno , der bei einer Stiege angekommen war , diese nicht zu betreten , sondern auf eine Thür zuzugehen , die sie öffnete ... Es war eine jener südlichen Matronen , die die Freude eines Balthasar Denner gewesen wäre , des Runzelmalers ... Durch einige mit Büchern und Landkarten gefüllte Zimmer hindurch kam Benno jetzt erst an eine andere Treppe , die er ersteigen mußte , um endlich bei dem unter den Römern hochberühmten Doctor der Rechte Clemente Bertinazzi einzutreten ... Dieser trat ihm lächelnd entgegen ... Benno fand einen langen , hagern Mann ... Der Ausdruck seiner Gesichtszüge war der jener fanatischen und träumerischen Beharrlichkeit , die sich zunächst als mathematische , oft pedantische Strenge zu geben pflegt ... Ebenso verband sich die Pedanterie mit Schwärmerei bei Luigi Biancchi , dem armen Gefangenen von Brünn ; ebenso leidenschaftlich war in seiner träumerischen Welt der trockene und magere Püttmeyer ... Diese Menschen wußte Benno unterzubringen ... Sie hatten nicht die Schönheit der Willensäußerung , die Grazie der Lebensformen Bonaventura ' s ; aber der feste , beharrliche Sinn war derselbe ... Clemente Bertinazzi hätte in seinem langen Hauskleide , das ihm bequem um die magern Glieder hing , ebenso einen alten Geizhals darstellen können , der über seinen Schätzen wacht und sich nächtlich mit einer alten Dienerin in diesem weitläufigen Hause ängstlich abschließt ... Doch die allmählich erglühende Kraft seiner Augen verrieth edlere Eigenschaften ... Bald sah Benno , daß dem Mann ein eigenthümlicher Flor über seinen Augen und den untern Anfängen seiner Stirn lag , jener geistige unbestimmte Dämmer , der sich vorzugsweise bei mystischen Naturen findet ... Endlich , endlich , Signore d ' Asselyno ! sagte der Advocat und streckte die Rechte aus zum traulichen Gruße und zugleich den Eindruck prüfend , den ihm der junge Mann in Gestalt und Haltung machen würde ... Benno d ' Asselyn ! ... erwiderte dieser bestätigend und legte seine zitternde Hand in die des Advocaten ... Warum kommen Sie erst jetzt ? Ich weiß von Ihnen schon seit lange über Malta her , wo sich die Brüder Bandiera für Sie verbürgt haben ... Man hat Sie dort verdächtigen wollen ... Allerdings kann man Ihre Beziehungen zu unsern Tyrannen zweideutig finden ... Ich hörte , Sie lernten unsere Machthaber in Wien kennen und da dachte ich : Um so besser , wenn Sie diese Menschen beobachten ... Ich vertraue jeder Bürgschaft , die die Bandiera leisten ... Kennen Sie meine Freunde persönlich ? sprach Benno noch in Befangenheit und ausweichend ... Nein ... erwiderte Bertinazzi und zog , um das Bild eines alten Garçon zu vervollständigen , eine Tabacksdose ... Aber ich habe Ursache von Ihnen das Beste zu denken ... Ja auch sonst hab ' ich das Princip gehabt , fuhr er schnupfend und von unten her Benno musternd fort , nicht zu weise sein zu wollen ... Die Verschwörer , die überall Spione wittern , haben nie mein Vertrauen gehabt ... Haben Sie noch ein drittes Erkennungszeichen außer dem Gruß und dem Phönix ? ... Benno verneinte ... So gehören Sie den Vertrauten an , nicht den Wissenden ... Die Zahl dieser Vertrauten , wußte Benno , war in Italien so groß , wie bei uns die der Freimaurer ... Sind die Wissenden die oberste Spitze ? fragte er ... Die oberste noch nicht ! entgegnete Bertinazzi ... Sie haben durch den Phönix den zweiten Grad - einen vorbereitenden - und vielleicht gar ohne Schwur ... Die Wissenden sind erst der dritte ... Der vierte sind die Leitenden ... Erst der fünfte ist der höchste ... Das ist der Grad der Namenlosen ... Zu diesem gehör ' ich nicht einmal selbst und weiß kaum , ob in Rom ein » Namenloser « existirt ... Diese Organisation kann sich halten und wird nicht verrathen ? ... fragte Benno - unwillkürlich der Worte Ceccone ' s - über seinen Mörder gedenkend ... Sie kann an einzelnen Theilen verrathen werden und wird es auch , antwortete Bertinazzi ... Aber die Theile sind nicht das Ganze ... Einer kennt den andern auch noch nicht auf dem Standpunkt der Wissenden ... Derjenige , der wie ich den Grad der » Leitenden « hat , kennt immer nur zwölf Wissende ... Diese , die eine Loge bilden , sind sich untereinander selbst völlig unbekannt ... Die Gruppe , zu der Sie gehören , ist groß und an Vertrauten mögen wir wol in Rom allein dreitausend haben ... Der erste Grad vollends , derjenige , der die Losung kennt , ist dem Verrath am meisten ausgesetzt ... Sie werden genug Priester und Verdächtige in diesen Reihen finden ... Ich würde Ihnen auch noch auf den Phönix nicht Gehör gegeben haben in so später Stunde , wenn ich nicht glaubte , daß Sie irgendeine wichtige Sache zu mir führte ... Weiß man in den hohen Kreisen , daß in diesen Tagen - ... Der Advocat hielt forschend inne ... Ich beunruhige mich über das Schicksal der Gebrüder Bandiera , sagte Benno ... Man erwartet ihren Einfall ... Wann findet er statt ? ... Bertinazzi ' s Miene drückte eine Verlegenheit über diese Frage aus ... Er sagte : Für solche Dinge haben Sie den Grad nicht ... Dann aber , und gleichsam , um seine Ablehnung zu mildern , kam er auf Benno ' s Lebensverhältnisse ... Seltsam - Sie werden , hör ' ich , von der kleinen Fürstin Rucca gefesselt ... Der Unseligen ! ... Nun , nun - Sie sind jung und pflücken die Kirschen , wo sie reif sind ! ... Von Geburt sind Sie ein Deutscher ... Meine Mutter ist eine Italienerin ... Gut - gut - ! Und Sie bringen nichts , was mit Ceccone - Fefelotti - Rucca oder irgendeinem unserer Tyrannen zusammenhängt ? ... Benno schwieg ... Einige Zimmer weiter schien laut gesprochen zu werden ... Ohne Zweifel hatte Benno die Loge unterbrochen und störte Bertinazzi ... Dieser nahm auch eine Lampe vom Tisch und sagte aufhorchend und mit ausweichender Miene : Ich habe mich gefreut - Sie besuchen mich wieder ? ... Auf Benno ' s Lippen brannten die Fragen : Befindet sich hinter jenen Wänden nicht jetzt die Loge - ? ... Wer war jener schwarze Todtenbruder ? ... Was hab ' ich zu thun , um die Stunde des beabsichtigten Aufstands zu erfahren ? ... Natürlich , daß seine Stimmung diese Fragen unterdrückte ... Aber sein Zögern gab dem Advocaten Veranlassung zu den leicht hingeworfenen Worten : Treten Sie doch in den dritten Grad ! ... Sie schwören nur , die Unabhängigkeit und Freiheit Italiens mit jedem Mittel zu fördern , das von den Führern Ihnen vorgeschrieben wird ... Mit jedem Mittel - ? ... Auch mit dem Mord ? - sagte Benno nach einiger Ueberlegung ... Das ist der vierte Grad ... Zu dem Sie gehören ? ... wallte Benno auf ... Der vierte Grad anerkennt nur zuweilen die Nothwendigkeit des Todes für Verräther und Tyrannen ... Erst der fünfte Grad vollzieht ihn ... Ich sagte schon , ein » Namenloser « befindet sich vielleicht in diesem Augenblick weder in Rom noch in Italien ... Ceccone weiß , daß ihn ein Verschworener tödten soll ... sagte Benno ... Bertinazzi horchte auf , schüttelte dann aber den Kopf und sagte : Das spricht aus ihm die Furcht ... Sein Tod ist von niemand beschlossen worden ... Er hat Feinde , die der sonst Allwissende vielleicht an seinem eigenen Busen nährt ... In Italien sterben die Menschen zuweilen , etwa wie bei der Cholera , aus gelegentlichem Versehen ... Ja , er soll sich in Acht nehmen ... Aber nun bitt ' ich - mich in der That zu entschuldigen ... Ich habe mich gefreut , daß Sie an uns dachten - ! Wirken Sie in Ihrem Kreise durch die Gesinnung , soviel es geht und - verweilen Sie nicht zu lange in ihm ! ... Man könnte Sie falsch beurtheilen wie schon einmal in Malta ... Benno ' s Blut ließ sich nicht mehr beruhigen ... Wann landen die Gebrüder Bandiera - ? sprach er mit drängender Hast ... Bertinazzi zuckte die Achseln und erwiderte : Darüber - muß ich schweigen ... Die Landung wird in Porto d ' Ascoli stattfinden ... Haha ! erwiderte Bertinazzi ... Das erwartet Ceccone - ? ... Der Advocat stand von plötzlichem Zorne geröthet ... Ein krampfhaftes Zucken glitt über seine Züge ... Doch Sie verstehen meinen Unwillen nicht - beruhigte er Benno und sich selbst ... Die Loge erwartet mich ... Bleiben Sie der Gesinnung treu , deren mich zwei edle Menschen über Sie versichert haben ... Und in allem Ernst - theilen Sie mir aufrichtig die Gefahren mit , die uns von den Tyrannen drohen , wenn Sie dergleichen durchschauen ... Für heute nun - gute Nacht ! ... Benno hielt den Arm des Advocaten , der ihm freundlich hinausleuchten wollte ... Ein fernes Geräusch , das wol aus der Loge kam , fesselte seine Aufmerksamkeit ... Warum konnte Bertinazzi so aufwallen über die Erwähnung jenes Hafens an der adriatischen Küste ? ... Alle Verwickelungen seines vergangenen , seines künftigen Lebens sah Benno jetzt in einem einzigen Augenblick mit magischer Helle ... Geboren durch ein Verbrechen , geboren ohne einen Vater , auf den er sich mit Ehren berufen konnte , geboren ohne eine Mutter , die er sorglos sein nennen durfte , gehegt , gehütet von Frauen , von Priestern , hatte er eine Einwurzelung im deutschen Leben um so weniger finden können , als auch daheim die Knechtschaft waltete ... Alles , was damals in Deutschland rang und zum Lichte strebte , war in diesem Augenblick sein Bundsgenosse ... Deutschland wollte frei sein von demselben Geist , dessen Consequenzen Italien gefesselt hielten ... Von Italiens Tyrannen gingen die Bannflüche über Freiheit und Aufklärung in die Welt aus ... Drei Gestalten traten ihm schon immer aus der Geschichte vors Auge - sie lebten und wirkten gleichzeitig : Friedrich Barbarossa , der Kaiser - Hadrian IV. , der Papst - Arnold von Brescia , der Tribun von Rom ... Wer sollte nicht die Größe des Hohenstaufenkaisers bewundern - und doch schloß Barbarossa Frieden mit Hadrian , seinem wahren Feinde , und überlieferte ihm zur Besiegelung eines Actes der Falschheit , den der nächste Augenblick zerriß , einen der edelsten Menschen , Schüler Plato ' s , Petrarca ' s , einen Weisen , der nach langen Irrfahrten in Frankreich und der Schweiz elf Jahre lang Rom ohne die Päpste regierte , der die Kirche verbesserte , der Vorläufer der Waldenser und der Reformatoren wurde ... Barbarossa sah mit seinen bluttriefenden Söldnerscharen den Scheiterhaufen auflodern , mit dem sich unter dem schützenden Banner des deutschen Adlers Hadrian an seinem geistigen Todfeind rächte ... Unsere Zeit kann nicht mehr mit Friedrich Barbarossa , sie muß mit Arnold von Brescia gehen ... Auch Benno ' s Vater war kein Ghibelline - Doch war er ein Welf im schlechten Sinne ... Wie der Kronsyndikus wollte sich Benno nicht zu Roß schwingen und die eigene Fahne und die Freiheit seiner Hufe wahren im Geist Heinrich ' s des Löwen , vor dem Barbarossa einst kniete und vergebens um Hülfe die Hände rang ... Auch der welfische Geist Klingsohr ' s war nicht der seine ... Er wollte die Vernichtung des Ichs zum Besten des Allgemeinen ... Die Form der Freiheitsthat , das lehrten die Bandiera , ist in unsern Tagen die Verachtung der materiellen Welt ... Diese , die nur anerkennt , was in Glanz und Würde steht , diese , die den Widerschein der regierenden und mit momentaner Macht ausgestatteten Thatsachen in hohler Gesinnung liebedienerisch auch auf sich zu lenken sucht , diese , die für äußerstes Unglück hält , gehässig gekennzeichnet zu werden durch den Widerspruch mit dem Gegebenen , hatte Benno schon längst verachten gelernt ... In diesem einen magischen Augenblick hörte er eine himmlische Musik der Ermuthigung ... Voten des Friedens schwebten über die Erde und retteten ihn von allen Folgen seiner falschen Stellung - retteten ihn vor den Schrecken - vielleicht des nächsten Tags ... Bonaventura war unter diesen Seligen - Bonaventura , umringt von den Erfüllungen seiner Träume , von den Tröstungen seiner Klagen ... Was in so vielen stillen Nächten von Robillante nur von des Freundes beredten Lippen gekommen , schien in himmlischen Gestalten verkörpert zu sein ... Bertinazzi ' s erwartungsvoller Blick sagte : Ich rette dich vor dir - vor Olympien - vor dem geistigen Tode - ... Und fändest du auch den wirklichen , wäre der nicht besser als solch ein Leben - ? ... Benno entschloß sich , nur noch Italiener zu sein und der Revolution den Schwur des dritten Grades zu leisten ... Wenn Bertinazzi über diese Erklärung lachte , so war es ein Lachen ohne Falsch ... Es war das Lachen über einen erwarteten und zutreffenden Erfolg ... Bertinazzi hob von der Wand über seinem Schreibtisch einen Spiegel und stellte ihn auf die Erde ... Dann drückte er auf die scheinbar leere Wand ... Sie öffnete sich ... Benno sah einen Schrank mit verschiedenen Schubfächern ... Das sind die Acten meiner Loge ! sagte Bertinazzi und ließ Benno in Papiere einblicken , die mit allerhand mystischen Zeichen beschrieben waren ... Ohne Zweifel eine Chiffreschrift , die ohne den dazu gehörigen Schlüssel nicht gelesen werden konnte ... Den Schlüssel behauptete Bertinazzi in seinem Kopf zu tragen - nur mit diesem allein würde man seine Geheimnisse entziffern ... Die Handbewegung auf seinen Kopf als Preis der Eroberung seiner Geheimnisse war der Ausdruck höchster Entschlossenheit ... Benno sah in den Fächern einen leeren Raum , der seinem Schicksal bestimmt sein konnte ... Bertinazzi schrieb verschiedene Adressen auf , die ihm Benno gab und wieder andere , die dieser für Mittheilungen an ihn empfing ... Dann verbrannte er vor Benno ' s Augen alles , was Benno selbst geschrieben hatte , auch seine Visitenkarte ... Hierauf legte er ihm das Formular eines Eides vor und gab ihm als Erkennungszeichen des dritten Grades einen gußeisernen Ring , den er auf den kleinen Finger der linken Hand Benno ' s anpaßte mit den Worten : Ein Stück der gebrochenen Sklavenkette der Welt ... Ich werde Sie den Versammelten unter dem Namen Spartakus vorstellen ... Auch Spartakus , der zuerst in Italien das Wort : Freiheit ! ausgesprochen hat , war ein Fremder ... Den Eid müssen Sie in der Loge selbst leisten ... Lesen Sie ihn zuvor ! ... Benno nahm ein Papier , das ein Gelöbniß enthielt , dem » Jungen Italien « als ein » Wissender « zu dienen - mit Leib und Seele , mit Wort und That , mit der Spitze des Schwerts im offenen Kampf , mit dem Beistand bürgerlicher Hülfsmittel bis zum Betrag des vierten Theils seines eigenen Vermögens - endlich mit steter Werbung zur Mehrung des Bundes ... Alles das auf die Unabhängigkeit Italiens von fremder Herrschaft , Einheit im allgemeinen , Freiheit im besondern ... Die republikanische Form blieb unerwähnt ... Der Eid wurde auf christliche Symbole geleistet ... Es gibt eine Partei , sagte Bertinazzi , die den Schwur allein auf den Todtenkopf vorziehen möchte ... In Benno ' s Ohr klang das Wort des alten Chorherrn wieder , der ihm in Wien gesagt : Das Kreuz des Erlösers wird die Reform mittragen müssen ! ... Auch Bonaventura dachte so ... Ihm waren diese Formeln gleichgültig ... Nun erschloß Bertinazzi einen andern Schrank und nahm ein Hemd der Todtenbruderschaft heraus , ein weißes , dazu eine gleichfarbige Kopfverhüllung - nur mit zwei Oeffnungen für die Augen und einer für den Mund ... Nehmen Sie diese Kleidung ! sagte er ... Legen Sie sie inzwischen an ... Wenn Sie eine Klingel hören , treten Sie in diese Thür , durch die ich Sie jetzt verlasse , um in die Loge zu gehen ... Sie haben Zeit genug , sich umzukleiden ... Niemand wird