Das soll dir nicht gemein sein . Das geschah aber dreimal und als Petrus vom Geiste getrieben war , eben der Stimme zu folgen , da ward Alles in dem Tuche wieder hinauf gen Himmel gezogen . Hackert hatte diese und ähnliche Reden seines Vaters , die er von einem Andern nicht ohne Lachen würde haben vernehmen können , ruhig und befremdet hingenommen . Er fühlte , daß grade sein Herz ein solches Tuch voll unheimlicher wimmelnder Unruhe und ängstlichsten unreinen Lebens war . Murray aber nahm ihn noch , wie er war und ohne daß er einzuräumen brauchte , er sollte sich verachten oder hassen . Der Vater beschloß , ihn gewähren zu lassen , so lange er wollte und wie er wollte . Fahre in deinem Leben so fort , sagte er . Verlange Geld von mir ! Ich bin nicht reich und würde die große Bürgschaft des edlen Otto von Dystra nicht sogleich haben leisten können , aber ich habe so viel , um leidlich auszukommen . Und versprich mir , jeden Morgen aufrichtig zu erzählen , was du am Tage vorher gethan , wofür du Geld ausgegeben , was du mit Pax verhandelt hast ! Ich werde dich über Nichts tadeln , ich versichre dich , mein Sohn , über Nichts . Ich werde auch Nichts verrathen . Aber die Nothwendigkeit , dich auszusprechen , wird dir lehrreich sein . Du wirst dadurch , daß du nicht Alles in dir ersterben , ersticken lässest , dein Herz zum Gegenstande deiner längeren Betrachtung wählen und dir selbst in ' s Auge sehen . Wo ein Geist der Spiegel des andern ist , findet sich der Eingang zur Wahrheit ... Und für seinen ängstlichen Zustand des träumenden Wandelns und Aufstehens gab ihm der Vater den einfachen und praktischen Rath , sein Lager mit jenen Tüchern zu umlegen , die Frau Zipfel so ärgerten . Lächelnd und milde sagte der Vater : Sieh , Fritz - ich nenne dich so lieber , als Paul - sieh , Fritz , da erschrickt sogleich der nackte Fuß und es bedarf der eisernen Riegel und Stangen nicht , die ja an ein Gefängniß erinnern . Unmuthig über die Neugier seiner Wirthsleute ging Hackert eben in die Brandgasse zu seinem Vater . Er hatte , ihm gegenüber , ein Beichtbedürfniß bekommen , das seine ganze Seele erweiterte und leichter athmend machte . Er reflectirte zuweilen schon ohne Spott . Er urtheilte objectiv nach üblichen Voraussetzungen . Murray konnte erwarten , daß er sich bald von selbst von seiner gegenwärtigen Bahn abwenden und ganz an seinem warmen Vaterherzen vielleicht aufthauen würde . In der That war Louise Eisold im Begriff , in den dem Schlosse Buchau nahe gelegenen Ort gleiches Namens zu reisen und ihre Geschwister mitzunehmen . Es drängte sie fort von hier und selbst der rauhe Winter schreckte sie nicht . Sie hatte Hackert wiedergesehen , ihn weicher , sanfter gefunden - von seinem Verhältniß zu Murray erfuhr sie nicht die volle Wahrheit - ihre Neigung für den dämonischen Jüngling war trotz seiner Beziehung zu Pax gestiegen . Da sie aber sah , daß nur Mitleid , nicht Liebe für sie in diesem Herzen schlug , nahm sie den Vorschlag Otto von Dystra ' s an , der sie besuchte , die Kinder kleiden , reichlich ausstatten ließ , ihr Mittel , soviel sie nur wünschte , zu Gebote stellte . Auch Dankmar Wildungen gehörte zu Denen , die ihr zusprachen , nach Buchau zu reisen . An eine Erfüllung der Wünsche des innigst betrübten Mangold dachte sie nicht . Auch saß ja noch der gute Danebrand ... Dankmar und Hackert trafen nicht zusammen . Jenen machte die zweite verlorne Instanz seines Prozesses menschenfeindlich und düster . Er bedurfte recht der endlichen Ankunft seines Bruders Siegbert , um von seiner eisigen Verstimmung aufzuthauen . War auch die erste Stunde ihres endlichen Wiedersehens durch das Andenken an die verstorbene Mutter getrübt , so heiterte sich doch Dankmar ' s Stirn auf , als Siegbert von Plessen , von Randhartingen und vor Allem vom Ullagrunde erzählte . Seine Angst , der Bruder möchte von Selma liebend befangen sein , hatte sich gemildert , seit ihm Dystra den Brief zeigte , den Siegbert ihm über Olga und die Fürstin schrieb . Es leuchtete aus ihm unverkennbar das Interesse für Olga , den naiven , leider in eine gefährliche Schule gerathenen schönen Flüchtling hervor . Dankmar fragte nach Selma und hörte das Erfreulichste ; der Zusatz , daß Selma ihm , dem Erzähler , abgeneigt wäre , machte ihn lachen und er gestand dem Bruder , daß in all seine innere Finsterniß der Gedanke an diese Begegnung mit Ackermann und dem Knaben Selmar ihm doch wie ein mildes Sternenlicht flösse . Erstaunen erregte ihm freilich anfangs die Mittheilung , daß Ackermann und Selma nie lange von ihm gesprochen hätten , ihn vielleicht gar nicht gründlicher kannten . Dann aber besann er sich und sagte lachend : Himmel , das ist ja natürlich ! Sie halten mich für den Fürsten Egon ! Es versteht sich von selbst , daß Dankmar kein Recht zu haben glaubte , irgendwie Selma , die ihm als Ackermann ' s Tochter völlig Fremde , an sich zu erinnern . Auch Siegbert schrieb wol nach Hohenberg , aber nur an Oleander , mit dem sich ein inniger und gedankenreicher , wie wir sahen , leider schon bewachter Briefwechsel entspann . Louis Armand , der fast nur in seiner Werkstatt zu treffen war , tauschte mit Oleander nicht nur Gedichte und ästhetische Ansichten , sondern auch die Freude , ihn in den Kreis der Ideen eintreten zu sehen , der die Freunde verband . Je länger Oleander die Geistesleere und eitle Gesinnung der Vornehmen beobachtete , mit denen ihn die Winterzeit zusammenführte , je mehr er sich an Ackermann ' s klarer und ruhiger Objectivität stärkte und erhob , desto bekehrter fühlte er sich zu jenen Ansichten , die er früher mehr mit Gründen des Gemüths , ja wie er sich gestand , auch mit dem Vorurtheile eines gewissen Gelehrtenstolzes bekämpft hatte . Während Dankmar ungetheilt strebsam arbeitete , wollte Siegbert auch wieder bei Professor Berg seinen alten Platz im Atelier einnehmen , wurde aber freilich durch die Beziehung zu Otto von Dystra , zu Rudhard und vor Allem zur Fürstin Wäsämskoi in seinem Schaffen oft gestört ... Die Fürstin Adele Wäsämskoi hatte in der That mehr durch den Gegendruck ihres Kindes , das ihr plötzlich unter der Hand so jungfräulich sich entwickelte , als durch eigne bewußte Gefühlswärme für Siegbert Wildungen eine leidenschaftliche Neigung gefaßt . Im ersten Augenblick der Abreise Siegbert ' s gerieth sie in Verzweiflung . Sie glaubte , diese Abreise stünde im Zusammenhange mit Olga ' s Flucht . Als sie aber gewiß war , daß Olga bei ihrer Schwester , Siegbert auf dem Lande war , kämpfte sie mit dem Plan , ihn zu überraschen . Ihre Briefe , in denen freilich ihr Stolz und ihr Schicklichkeitsgefühl sich nichts vergab , waren voll Neckereien , sie werde ihm folgen , sein Treiben untersuchen , seine neuen Bekanntschaften prüfen . Dann aber zerstreute sie Otto von Dystra ' s Ankunft und das Studium dieses sonderbaren Charakters . Das innerste Wesen dieses Mannes war , schien es , die Universalität . Ein echter Sohn des neunzehnten Jahrhunderts begrüßte er jede nur irgendwie über das Gewöhnliche hervorragende Lebensäußerung wie ein Phänomen , das sein ganzes Interesse in Anspruch nahm . Mit Leidenfrost , den er einst aus Polen als Bedienten entführt hatte und den er als so vielseitig gebildeten Geist wiederfand , konnte er die bizarrsten Ideensprünge versuchen , mit Rudhard philosophiren , mit Dankmar über Rechtsfragen , mit Louis Armand über die Gewerbe reden , er war die verkörperte geistige Gourmandise dieser Zeit . Er schlürfte Alles ein , was die Zeit an seltsamen Gestaltungen bot . Er sammelte Kupferstiche mit Gelbsattel , Autographen mit Voland , Münzen , phrenologische Abgüsse , Alterthümer mit einer Menge von alten und neuen Bekanntschaften , die ihm alle selbst wieder von psychologischem Werthe waren . Sein Ideal waren Kongresse , große Industrieausstellungen , gemeinschaftliche Reisen , Vereinswirksamkeiten aller Art , wobei ihm selbst der Sozialismus Bedeutung gewann und überhaupt die Ideen der Neuerung nichts Schreckhaftes boten . Sein Tisch war von Prospekten , Aktien , Cirkulären zu Unterschriften nie leer . Jede angekündigte Schaustellung mußte er sehen , jede berühmte Persönlichkeit sprechen und sollte er sie mit seinem verwachsenen , aber behenden Körper erst unter einem Dache aufsuchen . Dystra war ein liebenswürdiger Mensch , voll Gemüth und Verstand , duldsam , theilnehmend an jedem Schmerz , hülfreich , wo er konnte . Für jeden Angriff hatte er eine Vertheidigung , für jeden Irrthum eine Entschuldigung . Die Frauen stritten um ihn , weil er witzig , voll treffender und doch Niemanden verwundender Einfälle war . Man machte ihm Geschenke , neidete sich um seine kleinen Billets , die immer einen witzigen Einfall brachten , und dennoch versank er nicht in Egoismus , sondern gehörte dem Allgemeinen . Auch gegen die Fürstin war der Freund ihres verstorbenen Gatten voller Aufmerksamkeit und ließ sie nicht im Mindesten fühlen , daß Rudhard , im Drange der Aufrichtigkeit , ihn , als einen edlen Menschen , den man nicht täuschen durfte , über den Stand der ganzen Familie au fait gesetzt hatte . Auch Anna von Harder , die den Winter in der Stadt wohnte , lernte Dystra kennen , obgleich die Musik das Einzige war , dessen Organ ihm zu fehlen schien . Dennoch trug er viel dazu bei , daß die Fürstin sich Anna immer inniger anschloß . Anna weckte wieder die musikalischen Talente der jungen Frau , die eingeschlummert waren . Sie gab ihr Anknüpfungen für das Bedürfniß , aus einer gewissen geistigen Ohnmacht herauszukommen und sich in klaren Empfindungen zu stärken ... Anna von Harder hatte nichts , was im Mindesten an das Bestreben erinnerte , für ihre , allerdings mehr religiöse , als poetische Weltauffassung Proselyten zu machen , aber diese Proselyten kamen von selbst . Ihre Ruhe , ihre erprobte Kraft im Dulden , ihre heitre Gottergebenheit und das emsige Walten um den weltscheuen , nur seinem Berufe und seinen Liebhabereien lebenden uralten Greis , ihren Schwiegervater , den wir bald näher kennen lernen werden , gaben ihr das Wesen eines so festen Mittelpunktes , daß sie unwillkürlich magnetisch anzog und sich eine Menge kleinerer , schwächerer Naturen an sie ansetzten . Die Fürstin Wäsämskoi gefiel sich alle Mal darin , von ihr wie ein Kind behandelt und wie neu erzogen zu werden und Rudhard , so sehr er der Geistesrichtung Anna von Harder ' s abgeneigt war , ließ Das gehen . Er störte sie nicht . Sah er doch , wie beruhigend dieser Umgang wirkte , wie der aufgeregte Vulkan ihrer Gefühle nachließ zu kochen und zu drohen . Er sah , wenn er an die Verirrung von diesem Herbste dachte , schon nur noch die Asche davon . Nun kam freilich Siegbert zurück ! Er war durch den Trauerfall , durch den Aufenthalt unter bedeutenden Menschen und die Abwechselungen der Reise männlicher , gereifter geworden . Er hatte immer etwas von jenen sanften , bestrickenden Männernaturen , die man mit den Christusköpfen vergleicht und sah dem Heilande , wo er mit blondem Haar dargestellt wird , in der That so ähnlich , daß ihn jede am Manne Gemüth und Nachgiebigkeit , nicht Witz und Thatkraft allein schätzende Frau hochverehren und lieben mußte . Aber nun war er männlicher denn je . Otto von Dystra erkannte seine siegende Wirkung auch sogleich und machte sich ihrer in Siegbert ' s Gegenwart kein Hehl ... O mein Himmel , sagte er ihm mit der größten Aufrichtigkeit , als er neben ihm im Hotel de Rome um einen Kopf niedriger auf dem Sopha saß ( Dankmar ' n , der ihn einführte , gegenüber ) , o mein Himmel , was ist Das für ein ungleicher Wettkampf ! Es gab Zeiten , wo ich den ansprechenderen Erscheinungen meines Jahrhunderts beigezählt wurde . Sie sind noch nicht gar zu lange vorüber ; aber ich habe in dem Sande Arabiens und in Nubiens Wüsten zu schlechte Haar- und Hautpflege gehabt . Ich bin eine etwas lederne Mumie geworden und kokettire eigentlich schon mit meiner Glatze à la père Enfantin . Ich verdenk ' es Olga nicht , daß sie Geschmack hat und jedenfalls ist die jetzige Chance , daß sie sich in Sie , Wildungen , verliebt hat , doch noch viel vortheilhafter für die Familie , als wenn wir in Odessa erlebt hätten , sie hätte sich liebend für irgend einen jungen tscherkessischen Häuptling erklärt und ihrem Kaiser die Schmach angethan , mit irgend einem Schamyl in den Kaukasus durchzugehen . Siegbert sprach sich auf diese Selbstpersiflage offen dahin aus , daß er kaum annehmen dürfte , Olga würde in den Zerstreuungen Italiens und bei den eigenthümlichen Auffassungsweisen ihrer Tante lange ihm die Gesinnung erhalten , deren sie ihn hier gewürdigt hätte . Und Dankmar meinte gradezu , es ginge das Gerücht , der Maler Heinrichson wäre der Freund und Begleiter der Frau Gräfin d ' Azimont und noch stünde es dahin , ob nicht sein gewählter Geschmack dabei eigentlich Olga im Auge hätte . Doch wurde diese vorschnelle Äußerung Veranlassung , daß Dystra sagte : Nein , nein ! Man irrt in allen diesen Voraussetzungen . Lesen Sie , was Olga hierüber an Rudhard geschrieben hat . Es ist ihr zweiter Brief , originell wie der erste und in der festgerannten eigenthümlichen romantischen Auffassung wiederum komisch genug . Ich gestehe dabei freilich , daß das Burleske in dem Gegensatz zu dem prosaischen nüchternen und aller Schwärmerei baaren und abholden Erzieher liegen mag . Lieber Papa Rudhard , schreibt sie , lesen Sie ! ... » Lieber Papa Rudhard , dein Brief wurde uns nach Rom gesandt , in diese große und allmächtige Stadt , die Gott der Herr mit allen seinen himmlischen Heerschaaren selbst erbaut zu haben scheint . Hier ist nichts Gemeines ! Hier ist Alles groß und unsterblich ! Ach , Papa , ich las deine Warnungen und guten Lehren mit der Geduld , die man fühlt , wenn man Menschen reden hört , die Italien nicht gesehen haben . Es ist grade , als wenn du mir vom Nutzen eines transportablen Ofens sprächest und mir Vorwürfe machtest , daß ich nach Rom trotzdem , daß wir eine Espece von Winter auch hier haben , keine nordische Feuerung mitgenommen hätte . Ich bin , seit ich Italien sehe und alle diese herrlichen Kirchen , diese Villen , diese Paläste und den Baldachin des blauen Himmels und die dunkle Azurfläche des großen Meeres , mit Euch Allen eigentlich versöhnt und fühle nur noch Mitleid , keinen Haß mit Euch . Mein Tagebuch wird Euch vielleicht einst die Empfindungen sagen , die ich an jeder berühmten Statue , an jedem bewunderten Bilde , das ich sehe , in meinem Herzen belauschte . Ich ergreife alle Gelegenheiten , etwas zu lernen und antworte den dummen Stutzern , die uns besuchen und den Hof machen - es drängen sich in allen Städten besonders die Engländer und Russen an uns - immer mit antiquarischen Gegenständen , wodurch sie sich sogleich entfernen , wie Ungeziefer vor scharfen Gerüchen . Ich finde , daß ich dadurch vielen Vortheil vor andern Mädchen voraus habe , die sich nur darin gefallen , von hundert Männern immer dieselben faden Schmeicheleien zu hören . Diese Frauen sprechen immer nur von Musik , von schönen Gegenden , von guten Gasthöfen , ich aber lese Homer und Virgil und spreche dann auch darüber , was die Elegants nicht gut vertragen können . Natürlich wollen sie dann nicht ganz dumm erscheinen , aber sie wissen nur über England und seine Staatsverfassung , über Rußland , den Kaiser und das Militär zu sprechen , was ich ruhig , aber kalt anhöre . Baron Krutusoff führt mich jetzt durch die Museen und muß mir Alles sagen , was er über die Museen von Paris und Wien gelernt hat . Ich erstaune oft , wie unterrichtete Menschen , und ein solcher ist Krutusoff doch schon , dennoch so fade sein können und einer jungen Frau gegenüber immer sogleich ihren Verstand verlieren . Die Tante hört , weil sie schon sehr viel weiß , diese Schmeicheleien ruhig mit an . « Weil sie schon sehr viel weiß ! unterbrach Dystra lachend die Naivetät auch dieses Briefes . Dankmar und der Baron mußten Siegbert um Verzeihung bitten , der lächelnd erwiderte : Wie könnt ' ich über diesen Spott empfindlich sein ! Ich habe Olga nie anders betrachtet , als wie ein gutgeartetes Kind , dem man nur Zeit lassen muß , seinen Weg zu gehen . Darauf hin , sagte Dystra Beifall nickend , ist Ihr Bruder so gütig und fährt fort . Dankmar las : » Die Tante wird , weil sie schön und gut ist , von den eitlen Männern sehr belästigt , aber sie lebt nur ihren Erinnerungen und ihrem Schmerze . Oft beobacht ' ich sie im Traume und höre , daß sie still für sich hinseufzt und ruft : Mein Egon ! Mein Egon ! Dann weint sie und ich weine mit ihr , weil ich sie ganz verstehe und ihr Schicksal in dem Leben selbst , in der Natur und in der Kunst wiederfinde . Denn alles Schöne ist traurig , ihr Menschen ! Immer , wenn ich sehe , daß Andre bewundern , möcht ' ich weinen . Die schönsten Madonnen und die edelsten Physiognomieen unsres Heilandes sagen alle : Unser Erbtheil ist der Schmerz und auf den weiten Ebenen , wo Kirchen , Kapellen , Ströme , Felder und Wälder sichtbar sind , liegt eine Melancholie ausgebreitet , die mich an meine früheste Kindheit erinnert , wo mir innerlich etwas wehe that , ich wußte nicht was , wo ich weinen mußte , ich wußte nicht wie , und wo ich nur Eines klar verstand : Deinen Tadel , Papa Rudhard , deine schneidenden Proteste gegen meinen stillen Hang zur Einsamkeit ! « Dankmar mußte inne halten und voll Überraschung Dystra und den Bruder anblicken ... Charmant ! charmant ! sagte Dystra beistimmend und fast von aufwallender Liebe bewegt . Drei Männer , so die Entwickelung eines Mädchens kritisirend , boten Siegbert fast den Stoff eines Gemäldes . Er selbst blickte tief innenwärts und gedachte des Augenblicks , wo dies träumerische Kind einst an seine Brust sank und mit den großen braunen Augen ihn wie in eine unergründliche Tiefe blicken ließ . Dann horchte er dem Folgenden : » Viel Belehrendes über das Schöne erfuhr ich auch von Heinrichson , der ein berühmter Maler ist und uns in Mailand begegnete , weil er auch nach Rom reist . Dieser Mann ist sehr schön und ich höre ihn gern reden , weil er Kenntnisse und Witz besitzt . Auch lieb ' ich an ihm , daß er ... « Lesen Sie ' s nur ! rief Dystra dem stockenden Dankmar zu , der Siegbert sich entfärben sah ... » Ich liebe an ihm , daß er der Freund meines Freundes ist « ... Das geht doch noch ! sagte Dystra und nickte Siegbert zu . Siegbert fand , um auszuweichen , es vollkommen im Charakter Heinrichson ' s , sich bei Olga unter dem Schutze einer Lüge einzuführen . Mein Freund ! sagte er staunend . » Die Tante , fuhr Dankmar zu lesen fort , ist gegen Herrn Heinrichson kühl und gleichgültig . Er muß uns jetzt in Rom , wo wir ihn wiedergefunden haben , oft den Shawl und die Operngläser tragen . Ich glaube , daß er dies , so lächerlich es ist , gern thut , weil er die Tante liebt . Aber die gute Helene wird nie mehr lieben . Ihr Andenken ist dem unvergeßlichen Egon geweiht , den ich doppelt und dreifach hasse , weil er so viel Zärtlichkeit mit Geringschätzung erwidern konnte . Oft weint meine gute Helene , nimmt mich dann auf den Schooß und erzählt mir , worin Alles Egon so liebenswürdig gewesen ist . Seine Seele war kindlich und rein , spricht sie dann , er tändelte durch ' s Leben und Alles , was er wie im Spiele ergriff , hatte hohe Bedeutung . Ich weiß es auch , wenn ihn jetzt der Beifall eines ganzen Volks begrüßt und sein König ihm gestattet , alle Orden der Welt zu tragen und ihm den besten , den er selbst besitzt , umhängen mag , sein Herz wird nicht Ruhe haben . Ich weiß es , selbst im Besitz der schönen Melanie wird ihm oft weh um sein Inneres werden und in stillem Schmerze wird er ausrufen : Helene ! Helene ! Und dann tröst ' ich sie , so gut ich es kann , indem ich ihr von den Schicksalen Valentinen ' s , Indianen ' s , Faustinen ' s erzähle . Auf alle diese edlen Frauen , deren Leiden Georg Sand und die deutsche Gräfin beschrieben haben , senkte sich das himmlische Manna der Ergebung und Erlösung herab . Ach , Papa Rudhard ! Warum zürnst du so den Mönchen und Nonnen ! Klöster hab ' ich gesehen , Klöster ... mit Gärten , mit kleinen Cellen , mit heiligen Kirchen , in denen die Lichter brennen und Weihrauchdüfte die Seele emporziehen . Ach ! so einen stillen Platz wie in Florenz und Genua oft die frommen Schwestern haben , Weinranken um das kleine Fenster , jeder Schwester ein Blumenbeet gehörend und das Alles jetzt , wo bei Euch der Winter schon tobt , noch so frühlingsfrisch , so maiblühend ... ich bin gewiß , die Tante bliebe in einem solchen Kloster , wenn sie nicht in Paris noch gebunden wäre « ... Aha ! sagte Dystra , Das ist das bekannte Ende ! Das arme Kind wird methodisch ruinirt ! Aber Bitte ! sagte Siegbert . Das noch einmal ! Gebunden in Paris ? Dankmar und Dystra mußten gestehen , daß der Ausdruck : » Wenn sie nicht in Paris noch gebunden wäre « für eine eheliche Verpflichtung ein Triumph der modernen gesellschaftlichen Freigeisterei war . Siegbert aber im Stillen war über die Klosterschwärmerei seiner Olga doch tief ergriffen ; denn er fühlte , daß diesem Triebe alles Das zum Grunde lag , was ihn selber beseligte , mochte er auch mit Klöstern nur in ästhetischer und kunstidealer Verbindung stehen . Wir sind sogleich zu Ende , sagte Dankmar und schloß die Vorlesung : » Ich wünsche Rurik und Paulowna die besten Weihnachtsgeschenke und bitte dich , Papa Rudhard , aus meiner Sparbüchse etwas für sie zu kaufen . Herr von Dystra hat sie , wie ich höre , sehr reich beschenkt . Es ist die Art der Menschen , die « ... Lesen Sie nur ! sagte Dystra , als Dankmar stockte ... » Es ist die Art der Menschen , die nicht durch sich selber Interesse einflößen können « ... Abscheulich ! ... Dystra trat vor den Spiegel , seine Toilette musternd und auf den Fußspitzen sich erhebend ... » Sich auf die Wirkung ihrer Geschenke zu verlassen . Wenn dieser Herr glaubt , dadurch auf mich vortheilhaft zu wirken , so bedaur ' ich die Verblendung . Nach Allem , was ich von dem Baron höre , glaubte er in mir ein Kind zu finden , das ihm für seine Liebe die Hand küssen würde . So habt ihr mich ihm dargestellt ... nein , ich will diese Zeilen mit keinem Miston schließen . Sie kommen aus dem Lande der Harmonieen ! Grüßt Die , die mich verstehen ! Und wo meine Seele weilt , weißt du , Vater Rudhard ! Ein Gott und eine Liebe ! Das ist der Wahlspruch Eurer Olga Wäsämskoi . « Als Dankmar geendigt hatte , bemerkte Dystra , zu Siegbert gewandt , der nachdenklich das Haupt stützte : Sie werden gestehen , daß mich diese kleine Emanzipirte sehr falsch beurtheilt , wenn sie glaubt , daß ich nur gemeiner Empfindungen fähig bin ! Gibt es etwas Heroischeres , als den Reiz , den mir dieser allerliebste Flüchtling verursacht , unterdrücken und dem Manne , dem sie ihr Herz so offen und frei anträgt , den ganzen Einblick in ihr Inneres zu gönnen , ja dasselbe ihm darzubieten ? Ich bitte mir aus , daß Sie einen Dichter für diesen Gegenstand interessiren ! Herr Baron , sagte Siegbert und drückte dem wirklich trotz der Ironie bewegten Dystra die Hand , ich selbst werde volle Kraft besitzen , diese Neigung in mir zu ersticken . Wenn Olga unter allen Schmeicheleien , denen sie sich durch ihren gewagten Schritt ausgesetzt hat , die Ägide einer ihr heiligen Neigung durch mich sich schmiedete , so ist Das auf dem gefährlichen Boden , Heinrichson gegenüber und in der Umgebung der excentrischen Helene , vorläufig vortheilhaft . Ich bin der Stab , an dem das Pflänzchen aufwachsen mag . Ist es erstarkt , so wird es Ihnen ohne mich blühen . Warum sollten Sie nicht der Gatte Olga ' s werden ? Es wird so kommen , nicht anders und seien Sie versichert , Ihre Güte , Ihr Vertrauen ist an keinen Unwürdigen verschwendet ... Dystra schien nicht ohne Trauer . Offenbar waren seine Scherze über dies Verhältniß nur Deckmäntel seiner wahren Gesinnung , die in der That in alle Dem , was der dem Sonderbaren geneigte Mann von Olga erfuhr , einen lebhaften Stachel seines Interesses fühlte . Er hörte aber darum nicht auf , den Brüdern Wildungen mit voller Seele anzugehören und wurde nicht nur ihr » Freund « , wie der oberflächliche Ausdruck der großen Welt wohl lautet , sondern ihr geheimster Vertrauter und ihnen auch der Gesinnung nach wenigstens gleichgestimmt , wenn auch sein Skepticismus keine politische Schwärmerei aufkommen ließ . Schwieriger war Siegbert ' s Begegnung mit der Fürstin . Die mußte doch endlich auch stattfinden . Die mußte doch irgendwie eingeleitet werden . Rudhard fühlte dies selbst , obgleich er inständigst bat , das Wiedersehen nicht zu übereilen und Siegbert ' s Rückkehr so lange geheim zu halten als nur möglich . Der rationalistische Kopf , der in seinem Priesteramte nur im Grunde einen Beruf sah , die Menschen aus unklaren religiösen Stimmungen aufzustören und Das für Religion gelten zu lassen , was Begriff , logische Thatsache war ... ihm geschah die wunderliche Nothwendigkeit , Siegberten zu rathen , am zweiten Adventssonntage in die Stadtkirche zu gehen und dort nicht weit von dem Stuhle , der Anna von Harder gehörte , die Fürstin zuerst flüchtig und vorläufig zu begrüßen . So vertraute er schon dem mildernden Gegendruck der religiösen Stimmung . Siegbert war nicht abgeneigt , die Fürstin auf diese Art zuerst zu sehen . Propst Gelbsattel predigte und diesem hatte er ohnehin der Schönau ' schen Empfehlung wegen zu danken . Anna von Harder und die Fürstin , in Pelze gehüllt , waren unter dem immer gefüllten Auditorium , das der gefeierte Kanzelredner trotz seiner Opposition gegen die Zeit und ihre Strebungen versammelte . Siegbert grüßte sie , als die wie immer geistreiche , aber innerlichst unwahre Predigt vorüber war . Die Fürstin erblaßte und wartete den Segen nicht ab , ohne den Anna von Harder nicht gehen wollte . Auch Anna erkannte Siegbert und grüßte mit der ganzen Huld , die ihr immer in jeder Lage eigen war ... Nun sah Rudhard freilich mit Schrecken , daß die Fürstin , kaum nach Hause gefahren - - die Livrée Grün mit Gold trug noch immer Peters - in einen heftigen Weinkrampf ausbrach , nicht zu Tisch kam , die Kinder von sich wies , sich einschloß und mit allen Leidenschaften ihrer aufgeregten Brust kämpfte ; allein es war doch , als Siegbert dann einige Tage später wirklich kam und nun vor ihr saß , der erste Sturm glücklich vorüber und gefaßter und würdiger konnte ihm Adele Wäsämskoi die Hand reichen und mit ihm über ihr Leben , ihren mannichfach veränderten Umgang , über seine inzwischen erfahrenen Schicksale sprechen ... Dann kam Weihnachten heran ... Die Kinder schmiegten sich wieder dem alten Freunde an ... Rudhard zwar zuckte die Achseln und die Fürstin nahm Siegberten wie früher als ein Element , das zu ihrem Leben gehörte , wenn auch ohne Leidenschaft , ohne irgend eine Zumuthung ihrer schlummernden Gefühle . Doch von Olga durfte nicht gesprochen werden , auch von Dystra nicht viel , der ihr , wie sie sich auch schon ausdrückte , nicht » sympathisch « war . Rudhard blinkte Siegberten bei diesem Worte zu und sagte ihm später im Vertrauen , daß dies eines jener Wörter wäre , die Adele hier nun auch schon aufgriffe und gegen die er vergebens den Don Quixote , den Gil Blas , Tausend und eine Nacht und ähnliche , wenn auch altbackne , doch bewährte Lectüre empföhle , deren Wirkung sich bei Peters noch immer sichtbar zeige , denn Der ließe seine Frau ruhig schalten und walten in dem Etablissement der Herren Hitzreuter und Niemand ertappe ihn mehr auf melancholischen Scheidungsgedanken , im Gegentheil spekulire er , wenn seine Katherine einige Tausend Thaler zusammengebracht hätte , sich irgendwo auf eine solide Ökonomie zurückzuziehen ... Von Dankmar berichten wir noch , daß er gegen Weihnachten mit Siegbert eine jener Ausstellungen , die um diese Zeit die vornehme Welt zur Unterstützung wohlthätiger Zwecke veranstaltete , besuchte und dort auch Fräulein Friederike Wilhelmine von Flottwitz wiedersah . In einem großen Saale , wo Gräfinnen und Baronessen vor zierlichen kleinen Boutiken die eingelieferten Gegenstände verkauften , behauptete sie einen Stand , der dicht an einer großen Blumendecoration errichtet war , die dem Gipsbrustbilde des Königs galt . Dankmar , der sich dieser Begegnung nicht versah , grüßte lächelnd . Das Fräulein erwiderte hocherröthend . Der Saal war nicht übermäßig gefüllt , doch auch