der Schmetterling von der erhobenen linken Hand fliegen will ! Es will ihn haschen ! Knabe , die Seele entfliegt dir nicht ! Tröste dich ! Aber nach mußt du ihm ! Hackert bemerkte , daß Murray fast keine Augenbrauen hatte . Und damit er doch nicht zu lange schwieg , äußerte er kalt : Ganz hübsch ! Haben Sie die Reden an dem Grabe gehört ? fragte Murray den ihm sonderbar nun sich anschließenden jungen Mann mit den magern Gliedern , dem durchglasten Auge , dem blassen Gesicht , dem rothen Haar , in einfacher Tracht mit schäbigem Paletot ... In zu großer Entfernung ! sagte Hackert . Die Scene war ein Bild unsrer Zeit , fuhr Murray fort . Noch Kampf am offnen Grabe ! Der besänftigende Redner fand gute Wendungen , aber die Wechsel , die er ausstellte , haben zu lange Sicht . Da werden die Zinsen so groß wie das Kapital . Hackert , in der sichern Überzeugung , daß die Vermuthung jener Frau über diesen Mann vollkommen zuträfe , konnte natürlich solche Art , sich zu äußern , solche stille Ergebung und philosophirende Ruhe nicht begreifen . Von einer Verstellung , ihm gegenüber , konnte doch wol kaum die Rede sein . Er mußte sich gestehen , daß er hier ja ein ganz kindlichgestimmtes , frommes , ergebenes Gemüth vor sich hatte , von dem Schlimmes zu denken er sich schämen mußte ... Murray wanderte immer so fort . Hackert folgte ihm und hörte forschend zu , wenn er sprach oder Grabschriften las . Manche schrieb sich Murray auf . Er zog sein Portefeuille und merkte sich manchen Gedanken , manches tröstende Bild . Hackert wurde davon fast ergriffen . Er hörte keinen Frömmler sprechen , keinen phrasenhaft Gläubigen , sondern einen Mann , der das Leben und die Welt als ein Geheimniß nahm und deshalb , weil er mit zu diesem Geheimniß der Welt gehörte , ein höheres Walten , eine Harmonie des uns nur unharmonisch klingenden Lebensspieles voraussetzte . Und doch verließ Hackerten noch immer nicht die schlimme Vorstellung , die ihm die Ludmer eingeflößt hatte . Er sah , daß Murray schön schrieb und bemerkte dies , ihm über die Schulter schielend ... Ich bin ein Kupferstecher , antwortete Murray in aller Ruhe und steckte den Bleistift durch die Löcher , die sein Portefeuille zusammenhielten . Auch diese freiwillig eingestandene Beschäftigung paßte ... Murray schien von dem heftig brausenden Novemberwind , der die Blätter aufwirbelte , nichts zu fühlen . Hier und da hatte sich noch ein Blumenstock von den vielen , die hier auf den Rasenhügeln welkten , frischer erhalten . Er verweilte dann bei ihm und lobte seinen Widerstand gegen den Sturm . Halt aus ! Halt aus ! sagte er . Aber noch zwei Tage , so mußt du dich auch ergeben ! Dann wandte er sich an Hackert mit den freundlichen Worten : Glauben Sie denn an ein Wiedersehen nach dem Tode , junger Mann ? Hackert war betroffen , faßte sich rasch und schüttelte entschieden den Kopf . Ich kann Sie nicht widerlegen , mein Lieber , nahm Murray sein Bekenntniß entgegen ; allein denken Sie sich doch einmal , als wäre die Menschheit vielleicht ein Baum oder ein großes Wachsthum , will ich sagen , das immer steigt , immer neu ansetzt , immer drängt und drängt und irgend etwas werden will - was , weiß ich nicht . Aber es ist ein Geheimniß damit . Ich glaube , unser physisches Leben ist der Durchgang eines großen räthselhaften Naturtriebes , eines Dranges zur Unsterblichkeit . Sehen Sie , es ist mir fast , als wenn diese Erde , deren beste Produkte wir doch sind , etwas aufhat , ein Thema , nämlich das , uns so vollkommen hinzustellen als nur möglich , möglicher Weise unsterblich . Die Erde kann Das nun nicht vollbringen . Da sinkt Einer hin , da und dort . Meinen Sie nun wirklich , daß der unglückliche Knabe , der so mit sechszehn Jahren sterben mußte , nun rein ausgeblasen ist ? Hier ist er ' s. Das , was in ihm irdisch war , ist hin . Aber wenn Einer so stirbt an einem ererbten Übel , an der Schwindsucht , an unverschuldeten Fehlern der Organisation , bei einem Eisenbahnunglück - kommt da der schwachen Erde , die uns so gibt , wie sie eben kann , nicht vielleicht doch ein höherer Geist zu Hülfe und nimmt Die in seine rettenden Arme , die die Erde nicht fertig bringen konnte und führt uns in andern Verhältnissen , andern Bedingungen fort und hinüber in andere Substanzen ? Hackert hörte ruhig zu . Ich philosophire stümperhaft , sagte Murray . Was kann man auch anders , als sich hier der Natur gefangen geben und sagen : Da hast du mich mit gefesselter Vernunft ! Liefre mich dem Tode aus auf Gnade oder Ungnade ! Wenn man aber doch ein Bild für diese Hoffnungen haben möchte , so mein ' ich immer , man nimmt getrost die christlichen Bilder und überantwortet sich einem liebenden Vater , einer allwaltenden Fürsorge und sagt : Durch Christus , durch seine Lehre ist dafür gesorgt , daß wir nicht zu Staub verwehen ! Es sammelt uns schon Jemand irgendwie in dem Schooße Gottes . Alsdann sprach Murray ein altes Lied , von dem er sagte , daß man es zu seiner Zeit gesungen hätte . Es war Salis ' schönes Lied : » Das Grab ist tief und stille . « Murray sprach alle Verse ohne Pathos , ohne Übertreibung , melodisch und weich . Als er mit dem Verse geschlossen hatte : Das arme Herz , hienieden Von manchem Sturm bewegt , Erlangt den wahren Frieden Nur , wenn es nicht mehr schlägt - war es Hackerten doch , als wühlte eine Geisterhand sonderbar sein Inneres um . Thränen , die , wie er oft gesagt hatte , nicht in sein Herz wären gesäet worden , meldeten sich freilich nicht , leise quillend und unwillkürlich , aber er mußte doch zu Murray sagen : Sie sind ein Priester von der Art , wie wir keine haben ! So wär ' s mir schon recht . Jeder müßte eigentlich seinen eignen ... Hackert stockte ; aber Murray verstand und fuhr rasch fort : Seinen eignen Erlöser finden ... So etwas ! sagte Hackert ; wenigstens Einen , der ihn hinausführte in die Natur und ihn durch Milde bekehrte ! Junger Mann , sagte Murray ... Suchen Sie nur die Einsamkeit , dann ist der Priester immer bei Ihnen . Hackert dachte an den schönen Julitag , wo er zu Tempelheide im Korne unter den blauen Blumen lag und sich an Siegbert anschließen wollte , aber nicht konnte , da es noch viel zu wild in ihm damals tobte ... Indem fesselte Murray eine neue Inschrift . Er zog sein Portefeuille , um sie aufzuschreiben . Indem er es aufschlug , klang etwas auf dem Grabstein , vor dem er stand . Etwas Metallenes war ihm entfallen . Hackert hob es auf . Es war ein halber goldner Ring ... Wie Murray diesen halben goldnen Ring , den ihm Louis Armand nach dem Wiedersehen und dem Erörtern des im Schranke der Jägerwohnung Gefundenen gegeben hatte , von Hackert empfing und wieder in das Portefeuille legen wollte , sah er in dem jungen Manne eine seltsame Bewegung . Was ist Ihnen ? fragte Murray . Unwillkürlich griff Hackert in seine eigne Rocktasche und zeigte mehr wie zu spielendem Zufall die andre von Schlurck empfangene Hälfte eines Ringes . Murray erst scherzend , hielt seine Hälfte an diese , sagte aber nun plötzlich erschreckend , während seine Hand zitterte : Gott ! Sie passen ja ! Hackert , wirklich nicht minder bewegt , blickte in den innern Rand . Wie er die Buchstaben P.v.R. deutlich zusammengefügt erblickte , mußte er sich an einem Kreuze halten , so erschütterte seine schwachen Nerven dies Zusammentreffen ... Und Murray rief mit schon ersterbender Stimme : Was ist Das ? Woher haben Sie die Hälfte dieses Ringes ? Dabei streifte er mit der Hand die Binde zurück , sein Hut entfiel , die Binde entfiel , die Gestalt hob sich ... Ich bin ein Findelkind , sagte Hackert . Wie man mich an der Thür des Waisenhauses dieser Stadt aussetzte , fand sich in dem Korbe , in dem ich schlief , die Hälfte dieses Ringes ... Und Murray sank schon halb auf einen Leichenstein , halb hielt er Hackert ' s Arm , bohrte seine Augen in die des jungen Mannes , hob die Lippen , als wollte er sprechen , wischte die Augen , als wollten sie weinen , lachte , griff nach seiner Stirn , betrachtete den Ring - Paul ? rief er endlich . Nicht Paul ... sagte Hackert ... Gütiger Heiland , nicht Paul Zeck ... stammelte Murray erblassend . Paul Zeck ? Paul Zeck ? ... rief Hackert sich besinnend . Und schon wühlte er in den Papieren seines Portefeuille . Der Schein , den Hackert in jener Nacht Bartuschen abgenommen , zitterte in Murray ' s Händen ... Dann sammelte sich Der aber und sprach , indem er krampfhaft Hackert ' s Hand ergriff : Diesen Ring gab ich einst meiner Schwester Ursula Zeck . Paul Zeck ist nicht ihr Kind ; es ist mein Sohn und der Sohn dieser Frau , deren Name P.v.R. lautete . Es sind jetzt drei Fälle ! Entweder : Paul Zeck ist durch Naturgesetze todt , oder Ursula Zeck hat ihn ermordet , oder sie setzte Paul Zeck am Waisenhause dieser Stadt aus und machte den Ursprung des Kindes kenntlich durch die Hälfte dieses Ringes , die andre wurde bei ihr gefunden ... Hackert blickte bald auf die Ringtheile , bald auf Murray und sagte dann leise : Ihr Sohn ? Sie ? Und ich ? Ja , ich bin ja dieser ausgesetzte , erst im Waisenhause erzogene Findling ... Es war das erste reine Gefühl der gebrochenen Eiseskälte des Herzens , das erste Herzensbeben dieses jungen Mannes , indem er diese Worte sprechen mußte . Murray betrachtete den Sprecher , die Gestalt , die Züge des Antlitzes ... Auch das Haar ging ihm plötzlich wie in Flammen auf ... Ha ! sagte er . Daher ! Daher ! Von jener Nacht ! Lichterlohes Haar ! Du bist ' s ! Bist - mein Sohn ? ... Die Todtengräber überraschten eine Gruppe . Sie wollten das Thor schließen , das auf zwei Schritte in der Nähe war . Unwissentlich hatten der Vater und der Sohn diesen Weg genommen ... Sie halfen Hackerten , der sich bald sammelte , den ohnmächtigen Mann , der seinen Sohn gefunden und seine Freude nicht auszujubeln wagte , an das Thor führen , wo noch Miethwägen hielten ... Die beiden verspäteten Theilnehmer des Leichenzuges fuhren , wie Hackert dem Fiaker zugerufen , nach der Brandgasse Nr. 9 , wo Murray ja noch wohnte ... Die Todtengräber fanden die Scene , die Ausrufungen , die Umarmungen seltsam . An der Stelle , wo alles Das vorfiel , fand sich nichts zur Aufklärung , kein Leichenstein , kein Denkmal , nur ein Blättchen Papier , auf dem mit Bleistift eine der Grabschriften ihres Friedhofes in der Nähe aufgeschrieben stand . Sie lautete : » Den Lebenden ist Nacht . Den Todten bricht , Den Schlummernden ein neuer Morgen an . « Vierzehntes Capitel Wolken Der umsichtige , thätige Oberkommissär Pax saß eines Morgens bald nach dem Begräbniß des Karl Eisold noch im Schlafrock und blätterte in gemischten Papieren . Sieht es bei alten von Frauen verwöhnten Junggesellen ohnehin schon in ihrer Behausung behaglich und mit pedantischer Ordnungsliebe gepflegt aus , so hat ein hochgestellter Diener der öffentlichen Sicherheit vollends Gelegenheit , sich eine comfortable Existenz zu begründen . Herr Pax schlüpfte über Teppiche , lehnte die Arme auf Stickereien , den Rücken an schwellende Kissen , die ihm von seinen Verehrern , den reichen Bürgern der Stadt , Sollicitanten und selbst dann und wann Contravenienten zum Geschenke gemacht wurden . Da waren die Glasschränke voll Porzellan , voll Gold und Silber . Kostbare Blumentöpfe beschatteten die Fenster , die mit Ampeln und hängenden Rankengewächsen geziert waren . Selbst ein Papagey , vor Allen aber Schooßhunde und Katzen fehlten nicht , wie bei einer alten Jungfrau , die ihren reichen Schatz an Liebe zuletzt doch mit irgend Jemand in der Welt theilen muß . Charlotte Ludmer hatte den ehemaligen derbauftretenden Wachtmeister doch zum verweichlichten Junggesellen erzogen , und die halbe Stadt wußte , wann Herr Pax seinen Geburtstag feierte . Die guten Bürger erdrückten ihn dann mit Überraschungen , von denen ihn die Naturalgeschenke trotz seines guten Appetits oft in Verlegenheit setzten , da sie zur Verköstigung für Monate ausreichen konnten . Eben trug ihm eine junge Haushälterin in silbernem Service den Kaffee herein , als ihn Hackert freundlich begrüßte und ihm Glück wünschte zu den wahrscheinlich sehr reichen Fängen , die er auf seiner Rundreise gemacht hätte . Pax lächelte mit dem Bewußtsein eines Mannes , der das Wohl des Staates an seinen Fingern hat und , wenn er nicht Acht gäbe , das ganze Gewebe der öffentlichen Ordnung fallen lassen könnte ... Er rückte einen kostbaren Fauteuil seinem Protégé zu und fragte ihn , ob er schon gefrühstückt hätte . Die Sahne war schäumend . Das Weißbrot war das zarteste . Der Mocca vom schönsten Rothschwarz . Die Haushälterin allerliebst . Doch lehnte Hackert ab . Schmelzing hat mir schon gestern Abend mancherlei erzählt , sagte der Oberkommissär . Was haben denn inzwischen Sie erlebt ? Hackert zog seine Liste verdächtiger Personen und die Notizen noch verdächtigerer Zustände hervor und bat den Oberkommissär , ihm nur auf den Zahn zu fühlen . Er würde ihm dann eine reiche Ernte mittheilen können . Das ist ja charmant . Die Zeiten sind schlimm ! Die Umtriebe wachsen immer gefährlicher . Setzen Sie sich , Hackert . Wirklich ? Haben Sie schon gefrühstückt ? Damit wollte der freundliche Herr , der wie Mancher erst im Schlafrock Gemüth hatte , an einem kostbar gestickten Schellenzuge klingeln und hatte schon den krystallnen Ring in der Hand ... Hackert lehnte ab ... Wie Sie wollen ! sagte der freundliche Wirth und lenkte zu den Geschäften ein . Schmelzing erzählt mir ja Wunderdinge von dem Karl Eisold ' schen Begräbniß . Er hat alle Namen aufgeschrieben , die er erkannte - Ich sah Schmelzing nicht - Er war zugegen . Es ist erstaunlich , was sich für Menschen kompromittirt haben . Der Staatsanwalt wird zu thun bekommen . Es ist viel gesprochen worden , sagte Hackert ruhig , aber Aufregendes ? Hackert , entgegnete Pax herablassend , aber doch drohend . Sie haben keine Neigung für politische Fragen . Sie sind Schmelzing überlegen in der Auffassung , aber Schmelzing beobachtet schärfer ... Ohne hören und sehen zu können ? Pax lächelte und schlürfte seinen Mocca , den er stark trank , da es ihm an Bewegung nicht fehlte ... Sie wissen doch , sagte er , daß es in der Gaunersprache der Revolutionärs ein Auf- und Abwiegeln gibt . Nichts ist gefährlicher als das Abwiegeln . Da werden die Leidenschaften zurückgedrängt und brechen nur um so gefährlicher in unbewachten Augenblicken hervor ... Aha ! sagte Hackert ruhig . Leidenfrost soll in dieser Art am Grabe abgewiegelt haben . Er ist , berichtete Hackert , mit einer Sendung von Maschinen auf die Güter unsres Premierministers , um sie dem dortigen Generalpächter Ackermann zuzuführen . Zwei Arbeiter , Heusrück und Alberti , begleiten ihn ... Der dritte im Bunde , Danebrand , soll sitzen ... Man beschuldigt ihn , den Karl Eisold durch eine Heldenthat haben rächen zu wollen , die an die bekannte Geschichte von Arnold von Winkelried erinnert . Kennen Sie diese Geschichte , Herr Oberkommissär ? Der ehemalige Wachtmeister schien die Geschichte der Schweiz nicht studirt zu haben , ob er gleich mit ihr in naher Verbindung stand und einen lebhaften Briefwechsel über das » Treiben « der Flüchtlinge daselbst unterhielt . Die Geliebte Danebrand ' s hat einen andern Verehrer gefunden , fuhr Hackert fort ; einen Inspektor auf dem königlichen Schlosse Buchau . Es ist derselbe Mann , der jene Auguste Ludmer heirathen wollte ... Apropos , Hackert , unterbrach Pax die unangenehme Erinnerung an seine Pseudo-Schwester , ich habe ein Briefchen von der Familie des Geheimraths von Harder vorgefunden . Man dankt mir sehr für Ihre Empfehlung ; aber Sie haben sich einem Auftrage nicht unterzogen , den man Ihnen daselbst ertheilte - In Betreff jenes zweideutigen , falschen Engländers - Ganz Recht ! Das Briefchen ist schon einige Tage alt . Dieser Mensch ... Den man auf Caution freigelassen hat ... Etwas voreilig - Assessor Müller ließ sich von hohen Personen imponiren - Die Identität des Individuums , das jene charmante Dame , Madame Ludmer , zu erkennen wünscht , paßte nicht auf diesen Murray - es sind völlig verschiedene Personen ... auch wollte mich Müller in keiner Beziehung zur Justiz anerkennen . Hm ! Ich meine denn doch , der Fall war wichtig . Ich habe in Hohenberg diesen Mann mit großem Aufwand beobachten lassen und seine Gefangennehmung ist mit einem Verbrechen verbunden gewesen . Gegen alles Das hat ein ehemaliger Diplomat , Baron von Dystra , durch sein Zeugniß und eine enorme Kaution den Beweis besseren Sachverhalts geführt . Hab ' ich gehört und beauftrage Sie auch , diesen Dystra in ' s Auge zu fassen . Alles , nachgrade Alles wird verdächtig ! Einstweilen weiß ich , daß dieser Sonderling sich beim königlichen Schlosse Buchau ankaufen will und eine gewünschte Parzelle dazu erhalten hat . Er interessirt sich für das Unglück der Eisold ' schen Familie und hat Louisen vorgeschlagen , sie möchte in seinem Auftrage mit ihren Geschwistern nach Buchau gehen und ihm dort Vorbereitungen treffen , dem Bau , den er auf der Ruine Tempelstein für den Sommer vorbereitet , mit Bequemlichkeit anwohnen zu können . Sie sind gut unterrichtet - sagte Pax . Doch find ' ich darin nichts Staatsgefährliches - wenn nicht diese Nähe von Demokraten bei einem königlichen Schlosse ... Ich meine , sagte Hackert mit bittrer Ironie , es ist sehr nützlich , daß eine neue Tochter Jephtha ' s , eine Jeanne d ' Arc der Arbeiter , von hier entfernt wird - Pax schwieg bedeutungsvoll . Er stellte sich , als verstünde er die geschichtlichen Anspielungen seines Volontairs , der eigentlich mit ihm wie die Katze mit der Maus spielte . Das Mädchen wird schon dieser Tage gehen , erzählte Hackert . Mangold ist voraus und Baron von Dystra hat den Tempelstein gekauft . Er wird ihn im Frühjahr ausbauen lassen . Einstweilen sammelt er Handschriften , was bedenklich ist ... Wie so ? Er sammelt Handschriften ! wiederholte Hackert trocken . Ich fürchte , er wird einmal einen gewissen Brief des Majors Werdeck finden und dann einen Brief von Schmelzing ' s Hand mit ihm zusammenlegen und einen Kenner fragen , ob beide Hände Ähnlichkeit miteinander haben oder nicht . Hackert hatte diese Worte ruhig hingeworfen . Pax aber blickte groß auf und schien überrascht ... Was ist Das ? Schmelzing , Werdeck ? Ich wollte nur bemerken , sagte Hackert ruhig und sehr einfach , daß Schmelzing zwar ein durchtriebener Spitzbube ist und die Kunst , falsche Handschriften nachzuahmen , aus dem Grunde versteht , aber er soll sein Geschäft vorsichtiger betreiben und nicht Aldenhoven , Lieutenant Flottwitz , Major Türk und ähnliche Mitglieder des Reubundes zu oft besuchen - Hackert ! Hackert ! sagte Pax erstaunt . Sie haben Katzenaugen ! Ist gegen den Major von Werdeck - Was ist denn ? - Hackert schwieg ... Werdeck ist ein eid- und pflichtvergeßner Offizier , fuhr Pax heraus . Er hat einen Umgang , den ein Mann in seiner Stellung nie haben darf - Dankmar Wildungen , Louis Armand , Leidenfrost - Diese Menschen ! Was ist Das für ein Brief ? Es circulirt , erzählte Hackert , seit einigen Tagen unter den Offizieren ein aufgefangener Brief , den man zuerst bei einer Parade , als die Parole ausgetheilt wurde , mit Erstaunen herumreichte . Diesen Brief soll der Major Werdeck an einen im Auslande lebenden Flüchtling geschrieben haben . Er bietet ihm darin die Ergebenheit einer großen Partei in der Armee an und wünscht die genauere Angabe der Zeit , wann man hoffen könne , loszuschlagen . Eine Untersuchung wird später folgen . Vorläufig ist dem Major von Werdeck der Degen abgefordert worden ... Ist es möglich ! Aber Schmelzing ? Einige Reubündler leiden an dem Wahn , sich periodisch für Dichter zu halten . Schmelzing schrieb ihnen holprige Verse ab , aber gestern fand ich bei Schmelzing ein Billet des Majors , das unverfänglich und echt und irgend Jemandem , der es von dem Major empfangen hat , entwendet war . Schmelzing entriß mir den Fetzen , dem ich ansah , daß er ihn durch Fließpapier durchgezeichnet hatte , um sich - in des Majors Handschrift einzuüben ... Hackert ! Sie sind ein Hauptfänger ! rief Pax und stand aus seinem schwellenden Kissen auf . Aber auf diesem Gebiete lassen Sie weitres Forschen ! Die Armee wird schon Grund haben , Werdeck zu überwachen . Les ' ich doch in diesen Papieren , daß der Kommunist Louis Armand , den der Fürst Hohenberg jetzt gänzlich von sich entfernt hält , sogar mit Werdeck ' s Familie verkehrt , Zutritt in seinem Hause hat - Er ist verwandt mit der Frau des Majors . Und mit einem Pfarrvikar in Plessen bei Hohenberg , Namens Oleander ... Das schwarze Kabinet in der Post überwacht die Korrespondenz , die an Louis Armand eintrifft . Diese Verfügung soll von hoher Stelle ausgehen . Man traut selbst Egon , dem gegenwärtigen Premierminister , nicht und kann der Besorgniß noch immer nicht entledigt werden , daß Fürst Hohenberg auf ein doppeltes Spiel setzt ! Da ist an Louis Armand ein Brief aus Plessen gekommen , worin jener Pfarrvikar ihm sozusagen politische Aufsätze schreibt . Selbst von einem Bunde ist darin die Rede ... Hackert gedachte des Bundes der Ritter vom Geiste , brach rasch ab und bemerkte auf Veranlassung des Pfarrvikars : Guido Stromer steht auch auf meiner Liste . Streichen wir ihn nicht ? Er soll den Titel eines Hofraths von einem kleinen Fürsten an der Donau erhalten haben . Der Minister dieses Fürsten ist von Frau von Harder darum angegangen worden . Auf der Straße sieht man den Hofrath Stromer in seinem neuen kostbaren Biberpelze nun wie einen Narren . Jedes Mädchen macht ihn stutzig . Die Augen verdreht er wie ein Kalb und über die einfachsten Dinge soll er einen Schwall von Worten gießen , wie ein Überspannter ... In der Provinz wird Guido Stromer bewundert , sagte Pax . Seine Aufsätze im » Jahrhundert « liest alle Welt . Jedermann will wissen , ob man ihm nichts von Guido Stromer erzählen könne - besonders die Damen - O erzählen Sie ihnen doch , sagte Hackert , der in der That über Alles unterrichtet schien , daß dieser Hochfliegende die Seinen daheim in einem armseligen Dorfe sitzen hat , sein Amt von Oleander verwalten läßt und hier eine prächtige Wohnung bezog , die für ihn zwei Damen Wandstablers gemiethet haben - Sie kennen sie - Die Wandstablers ... vom Fürsten ? Die Dore ist im Palais geblieben - die Lore aber und Flore haben ein Stockwerk für sich allein gemiethet . Köstlich meublirt vermiethen sie es nun scheinbar an Hofrath Stromer , dem seine Ideen mit Gold aufgewogen werden . Er hat drei mit Sammttapeten geschmückte Zimmer der beiden Damen gemiethet und wohnt bei ihnen , man sagt , mit unverschlossener Verbindungsthüre . Sie müssen ihm jeden Morgen den Kaffee in idealischer Tracht bringen , bald griechisch , bald orientalisch . Das Gefäß ist von Silber und es ist schon vorgekommen , daß er sich des Morgens an der Wellenlinie einer neuen Milchkanne gestoßen und aus beleidigtem Schönheitsgefühl lieber kein Frühstück genossen hat . Die beiden Wandstablers müssen dann vor ihm knieen und mit einem eignen Tonfall bitten : Trink , Guido ! Dann hält er seinen rothen Pantoffel über den Nacken der Flora , legt sie in eine Attitüde , wünscht sich Bildhauer herbei und möchte die Gruppe ausgehauen haben - O , rief Pax , der sich vor Lachen kaum halten konnte und etwas Sardanapalisches in sich selber aufgeregt fühlte , Das ist ja auch prügelnswerth - woher wissen Sie denn diese Tollheiten ? Die Leute sind sehr unvorsichtig , sagte Hackert . Sie wechseln alle acht Tage mit ihren Dienstboten . Der schwärmerische Ex-Geistliche will nur Ideale zur Umgebung haben und doch sind die Wandstablers eifersüchtig . So gibt es ewig Zank , unaufhörlich Abschied , folglich Geschichten . Wenn dieser große Mann sich nicht bei Zeiten besinnt , kann es noch dahin kommen , daß ihn die beiden Demoiselles jeden Abend gemeinschaftlich durchwalken , während Hunderttausende bewundernd seine Artikel lesen . Pax hatte an diesen Schilderungen , die Hackert mit aller Anschaulichkeit fortsetzte , seinen Spaß . Er mußte nun aber in seinen Dienst und sich ankleiden . Er lobte Hackerten für seine eben so reichhaltigen wie amüsanten Mittheilungen . Er hatte Stoff , nun wieder seinen Vorgesetzten zu unterhalten . Dieser unterhielt dann wieder seinen Vorgesetzten . Dieser wieder den seinen und so fehlt es in einem geordneten Staatswesen nicht an harmonischem Zusammenhang und prächtig schließenden Kettengliedern . Geld lehnte Hackert heute wieder ab . Er sagte , er hätte dessen noch hinlänglich ... Hackert ' s heit ' re Laune , die acht Tage lang von dem wundärztlich Zipfel ' schen Ehepaar bewundert wurde , schien nur einigermaßen getrübt , als er nach Hause zurückkehrte und die Frau Wirthin etwas schmollend von - durchnäßten Fußböden anfing . Durchnäßt waren die Fußböden in Hackert ' s Zimmer durch nasse Tücher , die er sich Abends wieder um sein Bett legen mußte ... Sein Vater hatte ihn nach den Eisenstäben der früher von ihm bewohnten Zimmer gefragt und mit Schaudern und Wehmuth von seiner Mondsucht gehört ... O , hatte er ihm seufzend gesagt , mein Sohn , auch darüber sollst du Aufschluß haben , wenn es Zeit ist , dir Die zu nennen , die dir das Leben gab ! Ich bin Schuld auch an diesem grauenvollen Übel ! Und als der Sohn darüber erstaunte , hatte Zeck erklärt : Dunkel und tief ist das Reich der Natur . Wie ich dich so wiederfinde , mein Sohn , bist du wie unmittelbar erst aus der Hand der Schöpfung hervorgegangen . Du bist noch wie ein Kind vor Angst und Gelüst . Ein Zauberer würde dich erziehen mit Hülfe eines reinen Lichtwesens , das unter Musik aus den Wolken steigen und dich sänftigen müßte . Ach , deine Eltern sind dein Schicksal ! Wo anders her kann es kommen , daß dich ein schlimmer Geist der Unruhe mitten im Schlafe befällt und dich dir selber unbewußt von deiner Schlummerstätte treibt , woher anders , als daß deine Mutter in jener Nacht , als sie dich unter dem Herzen trug , von einem Entsetzen ergriffen war - einem Entsetzen - doch genug - ! ... Hackert hatte auch nicht forschen mögen . Er ehrte den Wunsch seines Vaters , ihm mit allen seinen Enthüllungen Zeit zu lassen . Und einstweilen hatte der wunderliche Alte mit dem Sohne fast einen ähnlichen Pakt eingegangen , wie mit Auguste Ludmer , die er nach seinem festen Glauben zu einem Engel umgewandelt hätte , wenn ihm nicht Mangold und die Intrigue seiner Feinde den Rettungsplan zerstört hätten . Auch so , sagte er sich oft zum Troste , auch in diesem Irrsinn , der sie dahin raffte , war sie reiner denn vordem . Was ist Irrsinn ? Wer deutet dies Dunkel ? Auguste kam ihm immer nur wie im weißen reinen Gewande vor die Seele , nicht als die verworfene Sünderin . Grade daß ihr der Himmel den irdischen Verstand nahm , machte ihm in der Erinnerung den Eindruck , als hätte sie eben die Sprache des Urgeistes schon reiner verstanden als die vernunftklaren Menschen . An Paul , seinem Sohne , entdeckte Zeck freilich bald alle moralischen Fehle und schauderte vor seinem geistigen Tod . Er hatte gefürchtet , in seinem Kinde , wenn es noch lebte , vielleicht einen gemeinen Verbrecher zu finden . Das war Hackert nicht . Er hatte aber , wie Zeck sagte , an seiner Seele tiefen Schaden gelitten und bewies ihm dies , als Hackert ihm gestand , in welchem Incognito , vor aller Welt verborgen , er lebte . Ein Spion , hatte er ihm gesagt , allmächtiger Gott ! Ein Spion ist nach meinem Begriffe eines der elendesten Geschöpfe der Welt ! Du bist in diese Bahn gerathen aus sittlichem tiefstem Verfall . Du liebtest nur sinnlich . Dieser Schlurck hat durch seinen Leichtsinn und seine Schwäche , die er Herzensgüte nannte und die es wohl auch ist - denn , ewiger Gott , schaltete Zeck ein - die Geheimnisse der Seele sind unergründlich ! - durch diese Mischung von Gut und Böse hat er dich um dein wahres geistiges Wachsthum gebracht . Deine Seele , mein Sohn , kommt mir vor wie jenes Tuch , das einst dem Apostel Petrus in der Stadt Joppe vor den Augen vom Himmel nieder gelassen wurde . Darin sah er allerlei Gethier der Erde , schlimmes Gewürm , aber auch Vögel des Himmels . Und er hörte eine Stimme , die sprach zu ihm : Stehe auf , Petre , schlachte und iß ! Petrus aber sprach : O nein , Herr ; denn es ist nie Gemeines noch Unreines in meinen Mund gegangen . Aber die Stimme antwortete Petro zum andern Male vom Himmel : Was Gott gereinigt hat ,