und von Anfang an den finstren Mächten verfallenen Menschen . Er hatte nur einen Mitschuldigen : die Halbheit , Zerfahrenheit und Verwirrung der Zeit , in der er lebte . Nichts war innerlich in Ordnung , ein Bovist , alles hohl und faul , und ein bitteres Lächeln überkommt den , der jene Tage noch mit durchkostet hat , wenn er von ihnen wie von einer hingeschwundenen » guten , alten Zeit « oder gar wie von einem » verlorengegangenen Paradiese « berichten hört . Liebenberg 1. Kapitel 1. Kapitel Liebenberg bis zum Besitzantritt der Hertefelds 1652 An der Grenze der Grafschaft Ruppin , aber mit ihrem Hauptbesitzstande schon der Uckermark angehörig , liegt die große , mehr als 20000 Morgen umfassende Herrschaft Liebenberg . Über die Vorgeschichte von Dorf und Schloß Liebenberg , die der Herrschaft den Namen gaben , ist wenig bekannt . Aller Wahrscheinlichkeit nach war es , in der wendischen Zeit , ein von den Ukranern ausersehener Verteidigungspunkt , der dann , als die deutsche Sache gesiegt hatte , eben dieser wieder als Stützpunkte diente . Dafür sprechen noch ein paar Ortsbezeichnungen . Insonderheit eine : mitten auf einer schmalen Landzunge , die sich in einen Waldsee , die » große Lanke « , hinein erstreckt , erhebe sich der nach drei Seiten hin von Wasser umgebene » Burgberg « , dessen vierte Seite , nach Art eines heranführenden Passes , leicht zu verteidigen war . Die Verteidiger desselben waren zuletzt Deutsche , wie der Name » Burgberg « andeutet , aber Deutsche , die sehr wahrscheinlich ein bloßes Erbe hier angetreten hatten . Ausgrabungen würden unschwer Gewißheit darüber geben . Um die Mitte des 15. Jahrhunderts finden wir Liebenberg im Besitze der Bischöfe von Brandenburg , die sich desselben jedoch um eben diese Zeit entäußerten . Und zwar kam es , in Gemeinschaft mit dem gesamten » Lande Löwenberg « , an die Bredows . Bei diesen blieb es bis 1652 , wo dann das unter den Drangsalen des Dreißigjährigen Krieges absolut verwüstete Gut in Konkurs geriet und durch Jobst Gerhard von Hertefeld , einen Cleveschen , eben damals in die Marken gekommenen Edelmann erstanden wurde . Von jenem Zeitpunkte ab sehen wir es , bis zum Erlöschen des Geschleches ( 1867 ) also durch mehr als zwei Jahrhunderte hin , unverändert im Besitze der Hertefelds . Diese – vom 13. Jahrhundert an in zahlreichen Cleveschen Urkunden immer wiederkehrend genannt – waren von Anfang an hervorragend in der Geschichte des Niederrheins , errangen aber erst eine allgemeine Bedeutung , als sie 1609 unter Stephan von Hertefeld in Beziehung zu dem Hause Brandenburg traten . In eben diesem Jahre 1609 starb der letzte Herzog von Cleve , bei welcher Gelegenheit Stephan von Hertefeld das Clevesche Land für den Kurfürsten Johann Sigismund , Großvater des » Großen Kurfürsten « , in Besitz nahm . Er schlug öffentlich das brandenburgische Wappen an die Tore der Stadt , ohne Rücksicht auf die große Gefahr , der er sich dabei aussetzte . Sein Versuch , einen gleichen Akt in Düsseldorf vorzunehmen , scheiterte an dem Widerstande der dort übermächtigen Anhänger des Hauses Pfalz-Neuburg . Stephan von Hertefeld hatte , wie begreiflich , durch diese Parteiergreifung für das Haus Brandenburg in Wien Anstoß gegeben , und als einige Jahre später spanische Truppen ins Clevesche eindrangen , suchten sie sich des brandenburgischen Parteigängers auf seinem Rittersitze Kolk zu bemächtigen . In der Tat gelang es auch einer kleinen , von Xanten aus abgesandten Truppenmacht , ihn zu überrumpeln , und nur mit genauer Not entkam er einer Abteilung , die schon bis auf den Schloßhof gedrungen war . Er verbarg sich in einem benachbarten Sumpfe , von dem aus er Zeuge war , wie seine Burg Kolk von Grund aus zerstört wurde . Stephan von Hertefeld starb 1636 . Seitens des Kurfürsten Johann Sigismund war er schon vorher , in Anerkennung seiner Verdienste um das Haus Brandenburg , zum kurfürstlichen Geheimrat ernannt worden . Ebenso waren einige seiner Söhne , schon bei Lebzeiten des Vaters , in brandenburgische Dienste getreten . 2. Kapitel 2. Kapitel Liebenberg unter den drei ersten Hertefelds von 1652 bis 1790 Jobst Gerhard von Hertefeld von 1652 bis 1659 Oberjägermeister Samuel von Hertefeld ( nach einem neunzehnjährigen Interregnum ) von 1678 bis 1730 Kammerherr Ludwig Kasimir von Hertefeld von 1730 bis 1790 Die Hertefelds hatten in der Person Stephans von Hertefeld dem regierenden Hause Brandenburg einen wichtigen Dienst geleistet , aber zu dem Lande Brandenburg als solchem waren sie bis dahin in keine Beziehungen getreten . Auch das kam , und zwar unter einem der Söhne Stephans . Jobst Gerhard von Hertefeld 1652 – 1659 Dieser Jobst Gerhard von Hertefeld erwarb , wie schon hervorgehoben , um das Jahr 1652 einerseits durch Tausch , andererseits durch Kauf ein großes Gutsareal , das aus den seit längerer oder kürzerer Zeit in Devastation übergegangenen Feldmarken von Häsen und Liebenberg ( Grenze von Ruppin und Uckermark ) und aus hundert Hufen ebenfalls wertlos daliegendem Havelbruchland bei Liebenwalde bestand . Aus diesem Wertlosen einen Wert zu schaffen , lag ihm ob . Und er war der Mann , sich dieser Aufgabe zu unterziehen . Was er für Häsen und Liebenberg getan , darüber liegen keine bestimmten Mitteilungen vor , aber die Art und Weise wie er die hundert Hufen Havelbruchland in Angriff nahm , muß als epochemachend für die Kulturgeschichte der Mark bezeichnet werden . Er zog nämlich clevisch-holländische Landarbeiter heran und gründete , nach vorgängiger Errichtung von Deichen und Dämmen , eine auf Viehzucht und Molkerei gerichtete Kolonie , der er den Namen Neu-Holland gab . Er gab dadurch , und das war das Wichtigste , das erste Beispiel von Urbarmachung wertloser Bruchgegenden , ein Beispiel , das später am Rhin , an der Oder und Warthe befolgt und eine Quelle nationalen Wohlstandes geworden war . Er wurde ( wie sein berühmterer Neffe , mit dem er nicht zu verwechseln ist ) in Anerkennung seiner Verdienste zum Oberjägermeister ernannt . Im Herrenhause zu Liebenberg , das er wenigstens zeitweilig bewohnt zu haben scheint , befindet sich ein gutes Bildnis von ihm , in betreff dessen dahin gestellt sein mag , ob es schon bei seinen Lebzeiten oder erst gegen Ausgang des 17. Jahrhunderts gemalt wurde . Mir erscheint das letztere wahrscheinlicher . – Einem zweiten Bilde Jobst Gerhards begegnen wir auf einem großen figurenreichen Tableau , das sich im Oranienburger Waisenhause ( wohin es , zu nicht zu bestimmender Zeit , aus dem Oranienburger Schlosse geschenkt wurde ) vorfindet . Ich habe dies Tableau in dem Kapitel Oranienburg ( Band III. meiner » Wanderungen « ) ausführlicher beschrieben . Es enthält , außer den Porträts von Kurfürst und Kurfürstin , die Bildnisse des Geheimrats Otto von Schwerin , des Obermarschalls Christoph Otto von Rochow , des Obersten von La Cave und des Oberjägermeisters von Hertefeld . Eine dieser vier Figuren führt eine halb spontonartige Waffe , worauf hin der , der diese Waffe trägt , von den Bildererklärern ohne weiteres als Oberst La Cave festgesetzt worden ist ; aber gerade dieser Waffenträger ist sehr wahrscheinlich Jobst Gerhard von Hertefeld . Der angebliche Sponton ist nämlich nichts weiter als ein Jagdspieß , der sich auch auf seinem Liebenberger Porträt vorfindet . Jobst Gerhard starb 1659 . Oberjägermeister Samuel von Hertefeld bis 1730 Samuel von Hertefeld , unter allen seines Namens und Geschlechts der berühmteste , war ein Neffe Jobst Gerhards , und folgte seinem Oheim erst 1678 im Besitze von Liebenberg . Auch um diese Zeit war er noch minderjährig . Samuel von Hertefeld wurde 1667 geboren . Er trat mit fünfzehn Jahren in die Dienste des Kurprinzen Friedrich , der nachmals als der erste König von Preußen den Thron bestieg . Der junge Hertefeld war einer seiner Jagdpagen und bildete als solcher eine solche Fertigkeit in dem damals noch ganz ungewöhnlichen Schießen im Lauf und im Fluge aus , daß er bei den älteren Jägern in den Verdacht der Zauberei kam . Erst als er die feierliche Versicherung gegeben , daß alles natürlich zugehe , traute man ihm und ließ sich von ihm förmlich in der Fertigkeit des im Fluge Schießens unterrichten . Als Ziele dabei dienten rollende Kegelkugeln . Samuel von Hertefeld folgte dem Kurfürsten übrigens nicht nur auf seinen Jagden , sondern auch auf den Kriegszügen desselben gegen Frankreich und wohnte namentlich der bekannten Belagerung von Bonn bei . Im Jahre 1697 wurde er Clevescher Jägermeister , 1704 aber , wie vor ihm sein Oheim Jobst Gerhard , Oberjägermeister in den brandenburg-preußischen Landen überhaupt . Um eben diese Zeit , oder doch nicht viel später , war es auch , daß er die durch eben diesen Oheim begonnene Kolonisation von Neu-Holland beendete . Dieses , wie schon angedeutet , überaus ersprießliche Werk entging nicht der Aufmerksamkeit König Friedrich Wilhelm I. , der , die Bedeutung derartiger Arbeiten erkennend , bald nach seinem Regierungsantritt den Oberjägermeister mit der Entwässerung und Urbarmachung des großen Havelländischen Luches beauftragte . Die sinnreiche Methode , durch welche Samuel von Hertefeld das Gefäll des anscheinend immer waagerecht und geradezu bewegungslos dastehenden Wassers entdeckte , verdient einer besonderen Erwähnung . Bei hohem Wasserstand und an windstillen Tagen befuhr er in einem kleinen Kahn das überschwemmte Luch und streute Papierschnitzel aus . Die Richtung , in welcher die Papierschnitzel mit der Strömung fortschwammen , gab ihm die Richtung des richtigen Gefälles an , und mit Hilfe dieses ebenso einfachen wie sinnreichen Verfahrens entdeckte er den höchsten Punkt , die Wasserscheide der in Frage kommenden Gewässer . Wobei sich ' s einem unwillkürlich aufdrängt , welche Summen jetzt wohl für die Auffindung dieses Punktes liquidiert werden würden ! Auf dem Boden , der durch Abzugsgräben innerhalb des Luchlandes gewonnen worden war , erstand das einträgliche Amt Königshorst , das so wichtig für die ganze Viehwirtschaft der Mark geworden ist . Späterhin leitete der Oberjägermeister , unterstützt durch den geschickten Baumeister , Kriegs- und Domänenrat Stolzen , ähnliche Urbarmachungen in Ostpreußen und Litauen . In gleicher Weise schöpferisch verfuhr er auf seinem eigenen Grund und Boden . Er gab Liebenberg seine gegenwärtige Gestalt : Herrenhaus , Kirche , Dorf , alles datiert aus seiner Zeit . Insonderheit gilt dies von dem ebenso durch seine Größe wie durch seinen Stil ausgezeichneten Park . Ich komme später darauf zurück . Samuel von Hertefeld starb am 16. Januar 1730 zu Liebenberg und wurde den 22. desselben Monats in dem daselbst befindlichen Gewölbe beigesetzt . Ich entnehme diese Daten , im Gegensatz zu davon abweichenden Angaben , dem Liebenberger Kirchenbuche , das zugleich auch seine gesamten Besitz- und Ehrentitel gibt . Er war danach : Ritter des Schwarzen Adlerordens , Oberjägermeister , Geheimer Oberfinanz- , Kriegs- und Domänenrat , Clevischer Jägermeister , Drost zu Kranenburg , Waldgraf zu Nergena , Erbherr auf Hertefeld , Weeze , Kolk , Liebenberg , Häsen , Guten-Germendorf , Clevische Häuser , Bergsdorf , Grüneberg , Bötzlar , Appeldorn und Wenn und Jurisdiktionsherr zu Hönnepel und Nieder-Mörmter . Wie von Jobst Gerhard , so befindet sich auch von ihm ein gutes Bildnis im Liebenberger Herrenhause . Kammerherr Ludwig Kasimir von Hertefeld bis 1790 Aus seiner Ehe mit Anna Marie Isabella von Wylich zu Bötzlar waren dem Oberjägermeister Samuel von Hertefeld drei Söhne geboren worden : Friedrich Wilhelm , Ludwig Kasimir und Friedrich Samuel . Unter sie wurde das große Erbe verteilt . Friedrich Wilhelm ( der älteste ) erhielt Hertefeld und Kolk . Friedrich Samuel ( der jüngste ) erhielt Häsen und Guten-Germendorf . Ludwig Kasimir ( der mittlere ) erhielt Bötzlar und Liebenberg . Nur der letztgenannte , weil er , neben anderem , auch die Liebenberger Erbschaft antrat , ist für uns von Belang , trotzdem er nur etwa ein Viertel seines Lebens ( er bracht ' es bis auf achtzig Jahre ) auf dieser märkischen Besitzung zubrachte . Ludwig Kasimir wurde 1709 geboren und trat 1728 in das Regiment Gensdarmes , war also noch zwei Jahre lang ein Regimentskamerad Hans Hermanns von Katte . 1743 , nachdem er vorher den ersten Schlesischen Krieg mitgemacht hatte , schied er aus dem Dienst . Abermals sieben Jahre später , 1750 , wurde er Kammerherr bei der verwitweten Königin Sophie Dorothee , Mutter Friedrichs des Großen , und blieb in dieser Stellung bis zu deren Tode 1757 . In diesem letztgenannten Jahre zog er sich aus der Stadt auf seine Besitzungen zurück , zunächst nach Liebenberg , auf dem er alle Verbesserungen fortsetzte , die sein Vater , ein Menschenalter vorher , begonnen hatte . Seine Neigungen , wie die Neigungen beinahe aller dem Friderizianischen Hofe nahestehenden Personen , lagen vorwiegend nach der literarischen Seite hin , und die Bücherschätze , die sich , trotz mancher durch Krieg und Wetter erfahrenen Unbill , bis diese Stunde noch im Liebenberger Schloß erhalten haben , sind , aller Wahrscheinlichkeit nach , auf die Ludwig Kasimirsche Zeit zurückzuführen . Er war es , der , um diese Schätze zu bergen , eigens ein Bibliothekgebäude aufführen ließ , das freilich , weil zu niedrig und feucht gelegen , seinem Zwecke nur unvollkommen entsprach . 1777 , nach einem etwa zwanzigjährigen Aufenthalte in Liebenberg , übersiedelte Ludwig Kasimir wieder an den Rhein und zwar nach Bötzlar , das inzwischen durch den Tod seiner Mutter , der geborenen von Wylich , an die Hertefelds gekommen war . Hier erlebte er noch die Anfänge der französischen Revolution und starb hochbetagt am 24. Dezember 1790 . Der größere Teil des beim Tode seines Vaters , des Oberjägermeisters Samuel von Hertefeld , in drei Teile gegangenen Besitzes hatte sich , als Ludwig Kasimir starb , wieder in Händen dieses letzteren vereinigt . Eben dieser war seit 1738 an eine jüngere Tochter des Refugiés Jakob von Beschefer vermählt , wodurch er ein Schwager des Großkanzlers von Cocceji geworden war . Aus dieser seiner Ehe mit Luise Susanne von Beschefer lebte , beim Tode Ludwig Kasimirs , außer einer durch ihre Schönheit und ihre Schicksale berühmt gewordenen Schwester , nur noch Friedrich Leopold von Hertefeld , Landrat des Cleveschen Kreises , bei dem wir ausführlicher zu verweilen haben werden . 3. Kapitel 3. Kapitel Liebenberg unter Friedrich Leopold von Hertefeld 1790 – 1816 Friedrich Leopold von Hertefeld , geboren 1741 , stand bereits in seinem 50. Lebensjahre , als er den Familienbesitz , mit alleiniger Ausnahme von Häsen und Guten-Germendorf , ererbte . Er war 1759 bei den Gensdarmes eingetreten , also in dasselbe Regiment , in dem sein Vater während des ersten Schlesischen Krieges gestanden , und hatte die Schlachten bei Liegnitz und Torgau mitgemacht . Er fand aber , worüber er sich in späteren Jahren oftmals äußerte , wenig Gefallen am Dienst und nahm bereits 1765 den Abschied , um , auf Wunsch des damals noch in Liebenberg weilenden Vaters , die Bewirtschaftung der rheinischen Güter zu übernehmen . Einige Jahre später vermählte er sich , wie sein Großvater , der Oberjägermeister Samuel von Hertefeld , mit einer Wylich ( Hermine Luise ) , aus welcher Ehe ihm eine Tochter geboren wurde : Alexandrine , später Gräfin Dankelmann . Das war 1774 . Bald darauf erfolgte seine Ernennung zum Landrat des Cleveschen Kreises , welche Stellung er , bei Ausbruch der französischen Revolution , noch innehatte . Ziemlich um eben diese Zeit beginnen auch die dieser biographischen Skizze zugrunde liegenden Briefe . Die große Zahl derselben eröffnet ein schwarzgerändertes Schreiben vom Weihnachtstage 1790 , worin seitens des Schreibers Friedrich Leopold von Hertefeld der Frau Justizminister von Dankelmann , geb . von Bredow , das Ableben des alten Ludwig Kasimir von Hertefeld in einer allerrespektvollsten Anzeige gemeldet wird . Zugleich aber begegnen wir in einer Nachschrift der Versicherung : » Monsieur votre fils trouvera ici une reception comme le peut attendre le fils de parents , que nous aimons et honorons « , und sind , in Erinnerung an diese Nachschrift , nicht weiter überrascht , einige Monate später von der Verlobung des jungen Dankelmann mit der eben erst siebzehnjährigen Alexandrine von Hertefeld zu hören . Abermals ein Jahr später erfolgt dann die Trauung des jungen Paares , und zwar in der Liebenberger Kirche , Mark Brandenburg , wohin sich die Hertefelds vom Rhein , die Dankelsmanns von Schlesien aus , zu kurzem Aufenthalte begeben hatten . Es scheint fast , daß schon bei dieser Familienbegegnung ein Übersiedlungsplan ins Märkische gefaßt wurde , aber seine Ausführung unterblieb , und erst als zwei Jahre später das ganze linke Rheinufer unter französische Herrschaft gekommen war , legte der sehr antifranzösische Friedrich Leopold von Hertefeld sein Landratsamt nieder und schrieb unterm 5. November 1794 : » Wenn die politischen Verhältnisse sich nicht sehr bald ändern , so werd ' ich unmittelbar nach der Wiederherstellung meiner Frau den Rhein aufgeben und mich in Liebenberg wenigstens versuchsweise niederlassen . « Das » unmittelbar nach Wiederherstellung meiner Frau « bezog sich auf ein um eben diese Zeit eingetretenes , freudiges und kaum noch erhofftes Ereignis : ein Sohn war dem Hause geboren worden ( gerade 20 Jahre später als die schon verheiratete Tochter ) , und wirklich , wenige Monate nach der als Bedingung gestellten » Wiederherstellung « erfolgte , Juni 1795 , der angekündigte Versuch einer Übersiedlung . Es ist mehr als wahrscheinlich , daß aus diesem » Versuche « schon damals ein dauernder Aufenthalt geworden wäre , wenn nicht der unerwartete Tod der Frau von Hertefeld alle darauf gerichteten Pläne wieder gekreuzt hätte . Frau von Hertefeld starb an einer rasch in Schwindsucht übergehenden Lungenaffektion im Frühjahr 1797 , und wurde , wenige Tage später , von ihrer Berliner Stadtwohnung aus , nach Liebenberg übergeführt , um in der dortigen Gruft unter der Kirche beigesetzt zu werden . Ihr Tod erschütterte den Gatten tief und er schrieb unterm 8. April an seine Tochter Alexandrine : » Deine lieben Zeilen haben mich bereits hier in Liebenberg getroffen , in dessen Abgeschiedenheit ich heimischer bin , als in der großen Stadt . Anfangs kehrte mir freilich der Schmerz verdoppelt zurück , als ich die Zimmer wiedersah , die die Teure vor ihrem Heimgange bewohnte , bald aber wurd ' ich meines Schmerzes Herr , und zwar gerade dadurch , daß ich mich , abweichend von dem , was andere wohl in gleicher Lage zu tun pflegen , mit allem umgab , was der teuren Toten einst lieb und wert gewesen . Ich krame täglich in ihrem Schreib- und Nähtisch , in ihren Wäsch- und Kleiderschränken umher , stell ' alle Nippsachen an ihren rechten Platz und sehe vergilbte Blätter und Briefe durch , die mir alte glückliche Zeiten ins Gedächtnis rufen . Und warum all dies nicht ? Warum es vermeiden ? Umgekehrt , es ist mir , als ob mir ein unendlicher Trost daraus erflösse ... Meine Ruhe wiederzufinden , ist mir freilich noch nicht geglückt , aber es ist der Verlust , der mich daran hindert , nicht das Gewissen . Ich habe mir keine Vorwürfe zu machen , und das hält und trägt mich , und wird mir über lang oder kurz auch meine Gesundheit wiedergeben , die , für den Augenblick , beinahe mehr noch durch das lange Kommensehen des Ereignisses , als durch das Ereignis selbst erschüttert worden ist . « Und an anderer Stelle : » Wisse , Kind , es sind Pflichten , die mich halten . Am liebsten aber ruht ' ich mit in der Liebenberger Gruft . « Alle philosophische Betrachtung , in der er vorher so fest zu stehen vermeint hatte , reichte nicht aus , ihm jene Freudigkeit der Seele wiederzugeben , die bis dahin , wie der hervortretendste Zug seiner Natur , so sein eigenstes Glück gewesen war . Und doch vielleicht , daß er diese Freudigkeit sich wiedergewonnen hätte , wenn unser gesamtes öffentliches Leben ein anderes gewesen wäre . Aber der ganze Zuschnitt mißfiel ihm . Es war die Zeit der Üppigkeiten und der Geistererscheinungen , der Rietz und des Rosenkreuzertums , und viele seiner Briefe geben uns wenigstens Andeutungen über den Gegensatz , in dem er innerlich zu Hof und Hauptstadt stand . » Es hat nun wirklich « , so schreibt er am 18. März 1797 , » das kirchliche Aufgebot des Grafen Stolberg-Stolberg und der Gräfin von der Mark ( Tochter der Rietz-Lichtenau ) stattgefunden . An demselben Abende wurde in der Stadtwohnung der Lichtenau Komödie gespielt , und eine Oper kam zur Aufführung . Über das Brautpaar wird inzwischen allerlei gesprochen . Der Graf , dessen Vater vor dem Bankrott steht , erfreut sich keines guten Rufes . Er glaubt aber wohl in der Braut das Huhn mit den goldenen Eiern zu haben , und rechnet natürlich auf die Börse des Königs . Als ein Zeichen für die Stimmung , die gegen die Lichtenau herrscht , mag Dir das dienen , daß in derselben Stunde , wo die Theateraufführung stattfand , in ihrem Charlottenburger Palais ein Einbruch ausgeführt wurde . Diebe , die keine Diebe waren , sperrten den Kastellan ein , und begannen nun ein Werk völliger Zerstörung : Spiegel und Porzellane wurden zerschlagen , Tapisserien und Vorhänge zerrissen , Betten und Überzüge beschmutzt , all das , ohne daß auch nur eine Nadel entwendet worden wäre . Dagegen ließ man Karten zurück , auf denen die heftigsten Beschimpfungen und Schmähworte gegen die Lichtenau standen . Alles offenbar ein Akt der Rache . Die Polizei forscht den Exzedenten nach , ohne sie bis jetzt finden zu können . Aber wehe ihnen , wenn sie gefunden werden . Denn der König ist begreiflicherweise voll Entrüstung über einen Hergang , der sich unmittelbar gegen ihn selber richtet . « Einem ablehnenden Tone derart begegnen wir überall , und so kann es nicht überraschen , daß der Schreiber dieser und ähnlicher Briefe noch einmal an den Rhein zurückging , um gegen alle » Hoflust « gesichert zu sein . In Liebenberg aber ließ er nicht bloß einen Pächter zurück , » der Artigkeit und Devotion mit Wahrnehmung eigener Vorteile geschickt zu verbinden wußte « , sondern räumte die leerstehenden Zimmer auch dem Obersten von Cocceji ( Neffen des Großkanzlers ) ein , einem alten Sonderlinge , der überall , wo die Briefe seiner Erwähnung tun , um seiner enormen Grandezza willen , als » Sa Majesté , le Colonel de Cocceji « vorgestellt zu werden pflegt . * Friedrich Leopold war nun wieder in seiner Cleveschen Heimat , die wenn nichts Besseres , so nahm er an , ihm wenigstens Zurückgezogenheit und Stille bieten sollte . Doch es gestaltete sich anders , und wenn er sich aus der Hoflust heraus und in die Ruhe hinein gesehnt hatte , so mußte er bald wahrnehmen , daß diese Ruhe jenseits des Rheins noch weniger anzutreffen war , als diesseits . In dem französisch gewordenen Lande mehrten sich die Trakasserien und als er eines Tages ein ihm angetragenes Ehrenamt , aus dem sich später ein » Senateur de l ' Empire « entwickelt haben würde , zurückgewiesen hatte , war ihm klar erkennbar , daß seines Bleibens unter den neu-französischen Gewalthabern nicht länger sein könne . Dieses Erkennen war es denn auch , was ihn 1802 nach Liebenberg zurückkehren ließ , und zwar nicht mehr » versuchsweise « , sondern umgekehrt , mit dem von nun an festen Entschluß , ein für allemal auf märkischer Erde bleiben zu wollen . Er richtete sich demgemäß auch ein und intendierte sofort allerhand Reformen , hielt es aber doch für klug , ehe er zu wirklicher Änderung der vorgefundenen Zustände schritt , diese Zustände vorher sorglich zu beobachten . Ein Jahr erschien ihm dazu Zeit genug , nach dessen Ablauf er denn auch wußte , was zu tun sei . Die Wirtschaft erschien ihm altmodisch und vernachlässigt , weshalb er ihre Führung selber übernahm . » Ich habe Schreyer « , so schrieb er an Alexandrine D. , » aus der Pacht entlassen und ihm 9400 Taler für Super-Inventarium und Vorräte gezahlt . Er konnte keinen besseren Zeitpunkt finden , weil alles jetzt in doppeltem Werte steht . « Aber dies Entlassen des Pächters aus der Pacht war nur eins . Auch in seiner eignen unmittelbaren Umgebung gefiel ihm nicht alles , und er zeigte sich gewillt , auch hier eine Reform eintreten zu lassen . Als erstes Opfer fiel » die Hohendorff « , ein adliges Fräulein , das schon zu Lebzeiten der Frau von Hertefeld dem Hause zugehört und sich namentlich unmittelbar nach dem Tode derselben unentbehrlich zu machen gesucht hatte . Nicht ohne zeitweiligen Erfolg . Aus ihrem weiteren Leben aber erlaubt sich der Schluß , daß sie dabei von ziemlich selbstsüchtigen Motiven geleitet wurde . Der alte Freiherr durchschaute dies und schüttete darüber sein Herz aus . » Ich fühle mich der Hohendorff , wegen ihrer früheren Dienste , wirklich verpflichtet , es bleibt aber dabei , daß es schwer mit ihr zu leben ist . Immer ist sie krank , will es aber nicht wahr haben , und gefällt sich in diesem Heldensinn . « Und an andrer Stelle : » Ich mag nicht geradezu behaupten , daß es ihr an gutem Herzen fehlt , auch weiß sie sich in Gesellschaft gut genug zu benehmen . Aber an allem andren gebricht es ihr , und Einsicht , richtige Menschenbeurteilung und Unterscheidungskraft wird sie nie bekommen . « In der Tat , ihr nervös aufgeregtes , altjüngferlich verschrobenes Wesen , in das sich vielleicht auch stille Hoffnungen mischten ( wenn diese nicht die Wurzel alles Übels waren ) machte schließlich ein längeres Zusammenleben mit ihr unmöglich , und sie wurde zu benachbarten Predigersleuten in Pension getan , aus welcher Abgeschiedenheit sie zehn Jahre später noch einmal erscheint , inzwischen in völlig » hysterisch-pietistische Verrücktheit « verfallen . Es blieb aber nicht bloß bei der Hohendorff , und im Spätsommer 1803 war überhaupt ein aus neuen Elementen bestehender Kreis geschaffen , der nun durch viele Jahre hin ausdauerte . Genauer angesehen , war dieser Kreis ein doppelter , und zwar ein äußerer und ein innerer . Der äußere bestand aus dem Wirtschaftspersonale , dessen in den Briefen immer nur kurz und wie gelegentlich Erwähnung geschieht , während die Gestalten des inneren Zirkels auf jeder Blattseite wiederkehren und zuletzt in aller Leibhaftigkeit vor uns stehen . Es waren dies : Demoiselle Neumann , der alte Tackmann , der junge Reichmann und Herr Hauslehrer Greif . Alle vier erfreuten sich der Auszeichnung , nicht bloß Haus- , sondern auch Tischgenossen zu sein . Ebenso gestaltete sich ihr Einvernehmen untereinander aufs beste . Demoiselle Neumann , die jetzt das Haus regierte , war alles , nur keine Dame , wodurch sie gerade des Vorzuges genoß , nach dem sich der alte Freiherr durch Jahre hin am meisten gesehnt hatte . » Ich habe jetzt eine Demoiselle Neumann engagiert « , so schreibt er an Alexandrine D. , » keine elegante Gouvernante , denn sie weiß nichts von französisch , aber aus einem guten Bürgerhause , sorglich , umsichtig , fleißig . « Und bald darauf : » An die Spitze der Ökonomie habe ich jetzt die Neumann gestellt , die das alles versteht , weil sie vor Jahren schon auf dem Amte Blankenfelde die Wirtschaft gelernt hat und mit anzugreifen weiß . Und auch wirklich mit angreift . Da müssen denn die Mägde folgen . Sitzet aber die Haushälterin auf dem Lehnstuhl , so setzen sich die Mägde auf den Strohsack . « Alles was von Vertrauen aus diesen Zeilen spricht , bestätigte sich , und die Neumann , » treu wie Gold « und von selbstsuchtsloser Ergebenheit , wurd ' in allen Sachen des Hauses und der Familie Beistand und Beraterin . In Ehren dienend , beglückte sie das Haus , dem sie diente , wobei sich ' s freilich auch wieder zeigte , daß ein solches freies und selbstsuchtsloses » für andere da sein « im Laufe der Jahre zur Herrschaft über diese Anderen führt . Alles hatte Respekt vor ihr . Einmal warf eine der jungen Damen ein Stückchen Band aus dem Fenster , und die Neumann , als sie ' s aufgesucht , brachte es mit der Reprimande zurück : » So was wirft man nicht auf die Straße . « Ihr an Ansehen zunächst stand der alte Tackmann , von Profession ein Zuckerbäcker , der in seiner Jugend weite Reisen in überseeische Länder gemacht hatte . Namentlich war er das Entzücken des nun zehnjährigen Karl von Hertefeld , und hatte dabei das Vorrecht , seine wunderbaren Abenteuer bei Tische zum Besten geben zu dürfen . Ob er zu dem alten Freiherrn auch in geschäftlichen Beziehungen stand ( vielleicht als eine Art Kommissionär ) , ist aus den Briefen nicht bestimmt erkennbar . Er lebte meist in Liebenberg , in einem in der » Bibliothek « ihm eingerichteten Zimmer , und ging alljährlich auf kurze Zeit nach Berlin , um daselbst ein Zuckerbrot zu backen , auf dessen Herstellung er sich vorzüglich verstand . An Tackmann schloß sich der junge Reichmann , ein Student , der aus Mangel an Mitteln seine Studien unterbrochen hatte . Derselbe bekleidete das Amt eines Privatsekretärs und war tüchtig und gescheit , aber leider auch melancholischen Temperaments . An allem verzweifelnd , an Vaterland , Leben und sich selbst , erschoß er sich später aus romantisch-mystischen Grübeleien . Eine völlig entgegengesetzte Natur war endlich Herr Hauslehrer Greif . Er nahm nichts schwer und wußte sich in alles zu schicken , am leichtesten in Prinzipien , die den seinigen widersprachen , vorausgesetzt , daß er überhaupt Prinzipien hatte . Jedenfalls indessen war es eben diese seine Nachgiebigkeit gewesen , was ihn dem alten Herrn von Anfang an empfohlen hatte . » Zu meiner Freude « , so schreibt der Letztere , » glaub ' ich jetzt den rechten Mann gefunden zu haben . Und zwar ist dies der Herr Kandidatus Greif , der , weil er noch jung und in keinem andren Hause gewesen ist , mir passend und geneigt erscheint , sich nach meiner Meinung