blitzte in Benno ' s Augen ... Er küßte den Arm um dieses goldenen Glanzes willen , der wie ein Zauber auf ihn wirkte ... Seine Knie wankten ... Erst jetzt war er in gleicher Höhe mit ihr ... Er verlor die Besinnung ... Olympia war es , die sein glühendes Antlitz mit Küssen bedeckte ... Sie nannte ihn Verräther ! Treuloser ! Geliebter ! ... Sie versicherte , ihn nicht mehr lassen zu können , ihn bis in den Tod lieben zu müssen - ... Benno ! sagte sie dann , fast die Buchstaben zählend , und nichts mehr anderes sprach sie ... Aber dennoch will das Glück seinen vollen Ausdruck haben ... Diese Statuen , die hier einst standen , rief sie endlich , kann ich nicht mehr anrufen , Zeugen unserer Liebe und Hörer unserer Schwüre zu sein ... Vernimm , mein Freund ! Im Braccio Nuovo bin ich auf dem Fest des Heiligen Vaters ! Ich bin nur allein dort ! Nur bis elf Uhr darf im Vatican der Fuß eines Weibes verweilen ! Die Männer werden sich so zeitig nicht von dem Bacchanal Sr. Heiligkeit trennen wollen ! Geliebter , mein Auge sieht dich auf dem Fest in allem , was die Statuen Schönes bieten ... Antinous , Apollo bist nur du ... Das genügt - gehe du selbst nicht auf dies Fest ! ... Sei aber um die elfte Stunde an Villa Rucca , wo ich - übernachten will ... Dort , an der Stelle , wo Pasqualetto Lucinden und die Herzogin entführen wollte , ist ein leicht zu gewinnender Eingang in die Villa ... Ersteige die Mauer ! ... Du kennst die Stelle an der Veranda ... Dorthin begeb ' ich mich , wenn ich vom Fest zurückgekommen bin ... Ich werde vorschützen , im Garten noch frische Luft schöpfen zu wollen und find ' ich dann dich - so bleibst du in meinen Armen - ... Schwöre mir ' s , daß du kommst ! ... Zwei Nächte noch - Schwöre ! ... So lag einst Armgart an Benno ' s Brust - Sie » das Vögelchen « in seiner Hand , wie er sie damals genannt ... Die Genien senkten die Fackeln ... Keine Störung , keine Hülfe ... Feuer loderte durch Benno ' s Adern ; die Berührung hatte die Glieder seines Körpers mit elektrischen Strömen erfüllt ... Auf der Lippe brannte ihm der Ausruf : Ich komme ! ... Nur ihre Lippen hinderten ihn , ihn wirklich auszusprechen ... Da zuckte sie aber plötzlich selbst auf ... Diesmal war es nicht der sickernde Tropfenfall am moosbewachsenen Gestein , es war der Fuß eines eilend Daherschreitenden ... Ich komme ! war noch nicht gesprochen ... Die Fürstin nahm sein Ja ! aus seinen Augen , von seinen Lippen ... Die Störung verdroß sie nicht mehr ... Das junge Paar fuhr auseinander und gab sich die Miene , als wär ' es hier nur aufgehalten worden von einer gleichgültigen Absicht ... Benno ließ die Fürstin frei , trat seitwärts , suchte etwas Blinkendes unter den Steintrümmern an der Bogenlichtung des Gemäuers ... Die Fürstin that , als wartete sie nur auf ihn , um weiter vorwärts zu schreiten ... Der Zeuge , der sie überraschte , war Lucinde ... Da ihr Antlitz glühte , so war sie rasch gegangen ... Als sie sah , daß sie das Paar zu stören fürchten mußte , kam sie wie auf einer harmlosen Promenade und that , als suchte auch sie nur , selbst eine Verirrte , auf diesem Weg zur übrigen Gesellschaft zurückzukommen ... ... Sie leuchtete im festlichen Glanz ... Ein leichter Sommerhut mit kleinen Federn schwebte lose auf ihrem gescheitelten Haar ... Ueber dem hellfarbigen seidenen Kleid trug sie einen großen breitgewebten Shwal von phantastisch bunten , grünen , rothen und gelben Querstreifen ... Indem sie scheinbar ruhig die Hände übereinander legte , schlugen die beiden Flügel dieses Shawls zusammen und machten den Eindruck einer Erscheinung aus der Zigeuner- oder Zauberwelt ... Sie wollte Olympien nicht erzürnen , vermied auch die leiseste Spur eines Lächelns und sagte nur athemlos : Ich suchte Sie , Herr von Asselyn ... Ich bekam eben vom Cardinal , der sich empfohlen hat , Mittheilungen , die nicht gut sind - ... Worüber ? fragte Olympia ohne allen Verdruß ... Sie bot Benno den Arm , um weiter zu wandeln ... In der Ferne hörte man die Annäherung der Gesellschaft ... Lucinde beherrschte ihre Erregung ... Konnte sie doch diesen Augenblick der Leidenschaft Olympiens für Benno zu irgendeinem Vortheil benutzen ... Ich höre , sagte sie , daß die Gefahren Ihres Vetters , des Bischofs , immer drohender heraufziehen ... In der That ist er förmlich nach Rom beordert und befohlen worden ... Was kann ihm geschehen ? fragte Olympia , sich an Benno ' s Arm pressend ... Benno wiederholte , wie mit Beschämung : Der Bischof von Robillante ist nach Rom beordert worden ? ... Ich kann nicht sagen , fuhr Lucinde fort , ob wegen Prüfung des Magnetismus von der Pönitentiarie oder wegen der Dominicaner und seiner Vorwürfe gegen die Gerechtsame der Inquisition ... Der Bischof von Robillante ? sagte Olympia leicht und obenhin ... Was thut das ihm und uns ! ... Tod seinen Feinden ! ... Fefelotti soll ihm sein eigenes Erzbisthum abtreten müssen ! ... Das will ich ! Ich ! Ich ! Der Hut des Cardinals soll ihn für jede Kränkung entschädigen ... Das will ich ! Ich schütze ihn - und seine Freunde ... Sie blickte voll Zärtlichkeit auf Benno ... Lucinde hielt ein Papier in Händen , das sie halb in ihrer Brust verborgen getragen und zaghaft halb hervorgezogen hatte ... Es war ein in lateinischer Sprache gedruckter kleiner Zettel ... Die an alle Cardinäle vertheilte Anfrage des Domkapitels von Witoborn über den Magnetismus ! erklärte Lucinde , als Olympia dies Papier ihr abgenommen hatte ... Benno nahm das Blatt , versprach , es Bonaventura zu senden und fragte , ob es nicht möglich wäre , den Freund zu einer nur schriftlichen Vertheidigung zu veranlassen ... Nein ! Nein ! Er soll persönlich kommen ! sagte Olympia ... Er soll seine neuen Würden selbst mit nach Hause tragen ! ... Ein Asselyn ! ... Ein Kampf ? ... Divertimento ! ... Wer sind seine Gegner ? ... Nach einem Augenblick des Nachdenkens sagte sie lachend : Ha , ich besinne mich , die Dominicaner ! ... Wohlan , reisen wir selbst nach Porto d ' Ascoli , um den deutschen Mönch und den Pilger zu suchen ! ... Ich weiß , worauf hier alles ankommt ... Olympia kannte die geheimnißvollen Umstände , unter denen Pasqualetto nach Rom gekommen war ... Sie kannte das Interesse , das ihr Schwiegervater an jenem Vermittler dieses Wagnisses , an dem Pilger von Loretto hatte ... Sie kannte die Botschaft , die der deutsche Mönch Hubertus übernommen ; kannte die mannichfachen Deutungen , die man jetzt dem spurlosen Verschwinden sowol des Suchenden als des zu Findenden geben wollte ... Mein Oheim soll alle seine Zweifel lösen ! fuhr die Fürstin fort ... Noch ist , denk ' ich , Cardinal Ceccone , was er war ... Man sagt , eine Revolution ist im Anzuge ... Nun wohl ! Sie wird mit dem Schaffot endigen ! Wer will uns hindern , die Gesetze zu handhaben ! ... Ich danke Ihnen , Signora , für Ihre Theilnahme zum Besten der Asselyns ... Niemand soll diesem Heiligsten der Priester , der unter meinem Schutze steht , ein Haar krümmen ... Nicht das erste mal , daß ich von den Fußzehen des Heiligen Vaters nicht früher aufgestanden bin , bis ich nicht die Gewährung meiner Bitten erhielt - und - die Zahl der Knienden nach mir war - nicht klein ... Das alles , mit dem Ton des größten Uebermuthes gesprochen , klang wie beruhigende Musik ... Lucinde fühlte ganz die Erquickung , die diese Worte gaben ... Auch Benno stellte sich , sie zu fühlen ... Olympia weidete sich an den Wirkungen ihrer Macht ... Schon war inzwischen der nachgebliebene Rest der Gesellschaft sichtbar geworden ... Graf Sarzana kam fast schmollend auf Lucinde zu und erklärte , sie überall gesucht zu haben ... Er bot ihr den Arm und entführte sie fast wie mit Eifersucht ... Thiebold bildete den Mittelpunkt der Lustwandelnden ... Er war in einem nationalökonomischen Streit mit dem alten Rucca begriffen und zeigte sich nicht im mindesten befangen , als » Marchese « seine Kenntnisse der Holzcultur zu verrathen ... Sah er doch auch nach allen Seiten hin diesen römischen Adel mit Speculationen beschäftigt ... Einige der nähern Verwandten Ercolano ' s , die die Nacht über auf Villa Torresani bleiben wollten , glichen vollkommen den Zickeles und den Fulds ... An ein ungestörtes Alleinsein für den Ablauf des Tags mit Olympien war für Benno glücklicherweise nicht mehr zu denken ... Der unheimliche , Benno zuweilen mit zweideutigem Blick fixirende Sarzana war zwar mit Lucinden auf Villa Tibur gefahren , andere fuhren nach Rom , die Nachbarn zerstreuten sich in ihre Villen , aber genug blieben zurück , die Olympien in Anspruch nahmen ... Genug , die auch unbefangen darüber plaudern konnten , daß Donna Lucinda und Graf Sarzana sicher in kurzer Zeit durch das Band der Ehe verknüpft sein würden ... Schon im Herbst würden sie das kleine Palais bei Piazza Sciarra beziehen , hieß es ... Olympia hörte wenig darauf - Sie ließ allen ihr Glück ; hatte sie doch ihr eigenes ... Jeder Blick aus ihren Augen verwies auf die elfte Stunde nach - noch zwei Sonnenuntergängen ... Für Benno - die ausgelöschten Fackeln seines Lebens , denen eine ewige Nacht folgen mußte ... Einen Punkt in sich zu wissen , wo es nicht hell und rein im Gemüth ist , wird dem edeln Sinn zum tiefsten Schmerz ... Jeder unbelauschte Gedanke fällt dann in ein Grübeln zurück : Wie kannst du diesen Flecken von dir tilgen ! Wie kannst du Ruhe und Zufriedenheit mit dir selbst gewinnen ! ... Jünglinge , Männer können zuweilen in die Lage kommen , an Frauen Empfindungen zu verströmen , die nur formelle Erwiderungen ohne wahre Betheiligung des Herzens sind ... Irgendeine Schonung fremder Schwäche galt es da , irgendein mildes Entgegenkommen gegen einen Wahn , der sich so schnell , wie wol die Wahrheitsliebe mochte , nicht im verirrten Frauengemüth heilen ließ ... Verstrickt dann zu sein in die Folgen solcher Unwahrheit , die sich das Herz , um seiner thörichten Schwäche willen , vorwerfen muß , leiden zu müssen um etwas , was man so gar nicht empfunden , so gar nicht gewollt hatte , das sind Qualen der Seele , die an ihr brennen können wie das Kleid des Nessus ... Nach dieser Scene in den dunkeln Gängen der Villa Hadriani saß Benno am Whisttisch bei den geöffneten Fenstern des schönen Gesellschaftssaals der Villa Torresani ... Da gab es einen Seitenflügel , dessen Zimmer ganz zur nächtlichen Herberge der Verwandten und Gäste bestimmt waren ... So saß im Saal bis zur neunten , zehnten Stunde noch eine große Gesellschaft beisammen ... Die milden Düfte der Orangenbäume zogen in die Fenster ein ... Phalänen mit durchsichtigen Flügeln schwirrten um die Glasglocken zweier hoher bronzener Lampen , die , aus dem Boden zwischen den Säulen sich erhebend , hier einen Atlas vorstellten , der die Weltkugel trägt , dort eine schwebende Eos , die zwei Leuchtgläser auf ihren Fingerspitzen balancirt ... Auf schwellenden Ottomanen rings an den Wänden des Saals entlang streckten sich die ermüdeten Schönen , die halbschlafend sich keinen Zwang mehr anlegten ... Andere schlürften Sorbet und wehten sich mit ihren Fächern Kühlung , hingegossen an den offenen Fenstern auf niedrigen Sesseln , die kaum einen Fuß hoch über dem Marmorboden sich erhoben ... Weich und lind zog die Nachtluft herein ... Bis in die Fenster wuchsen die üppigen Beete ausgewählter Pflanzen mit ihren seltsam gestalteten Blütenkelchen , an sich schon Symbolen der Freiheit der Natur , Symbolen des allbindenden alles entfesselnden Liebestriebs - wer kann Blüten von Orchideen , Lilien , Nymphäen , Gardenien sehen , ohne an die Mysterien des Lebens erinnert zu werden ... Ein fernes leises Rauschen konnte vom Sturz des Anio kommen - es konnte auch der Sang der Cicaden sein ... Trenta due ! schnarrten die Methusalems der Rucca-Familie beim Spiel ... Der Alte selbst war bei seinem Sohn geblieben und nicht nach Villa Tibur gefahren , wo er überhaupt nur selten verweilte , weil er dort morgens nicht zum Auszanken all seine Arbeiter beisammen hatte ... Aber auch diese genossen abendlich ihren Lebenstraum ... Einige sangen in schmelzenden Tenortönen : » Amore re del mondo ! « ... Andere spielten bei Laternenschimmer die Morra - leidenschaftlich und wild und wie alles in Italien gleich auf Leben und Tod ... Felicissima notte ! ... sprach endlich gegen halb elf Uhr Olympia zu Benno , als sie von des schon halb schlafwandelnden Ercolano Arm entführt wurde ... Es klang wie der letzte Gruß - einer Braut vor dem Hochzeitstage ... Gegen Thiebold konnte sich Benno nicht mehr aussprechen ... Die Lose waren zu ernst , zu furchtbar bestimmend gefallen ... Thiebold sprang dem zum Pavillon Vorauseilenden von der Gesellschaft angeregt und lachend nach ... Benno erzählte , als sie durch den Garten huschten , von Bonaventura ' s Gefahr , von seiner Berufung vor ein geistliches Gericht , vom Stab , der für immer über Paula ' s Seelenleben gebrochen wurde ... Thiebold fand sich aus seinen römischen Verwickelungen mit Schwierigkeit in die eigentliche Aufgabe der Freunde zurück ... Die aus Thiebold ' s Vaterstadt gekommene , an sich wohlwollende , die Anschuldigungen der Frau von Sicking und des Cajetan Rother sogar zurückweisende Anfrage enthielt Stellen , die in deutscher Uebertragung lauteten : 1 » Ist die Person , über welche die Manetisirte gefragt wird , abwesend , so ist dazu eine Haarlocke von deren Haupte vollkommen hinreichend . Sobald die Haarlocke in ihrer Handfläche ruht , sieht sie schlafend und mit geschlossenen Augen , wo diese Person verweilt und was sie thut « ... Eine Haarlocke ! ... sprach Benno ... Schon ergrauten des theuern Freundes Locken ... Und seine eigenen - ? ... Er sah den Aschenbecher Armgart ' s ... Gedachte des Abschieds - des Briefwechsels durch - » ausgetauschtes Blut « ... Thiebold verstand Benno ' s heute so düsteres Leid nur aus Bonaventura ' s Gefahr und vertröstete , übermüdet von den Huldigungen , die seine Galanterie so vielen Contessinen und Principessen dargebracht hatte - und die wiederum auch ihm zu Theil geworden waren , sich entkleidend , mit Olympiens und Ceccone ' s Schutz ... » O so wolle « , übersetzte Benno eine andere Stelle , » eine hohe Curie nach deren Weisheit , zur größern Ehre des Allmächtigen , zur größern Wohlfahrt der Seelen , die unser Heiland so theuer erlöst hat , entscheiden , ob alles das eine göttliche oder nur satanische Einwirkung ist « -2 Benno schleuderte das Papier von sich ... Die Versicherung Thiebold ' s , daß Olympia alle schützen würde , konnte wenig nachhaltenden Trost gewähren ... Thiebold ermunterte zum Ausharren ... Mit größter Spannung sprach er von dem Fest im Braccio Nuovo , auf das er sich nicht nur in der Toilette , sondern auch mit einem Handbuch der Antiquitäten gründlich vorbereiten wollte ... Am folgenden Morgen - wieder ein Brief der Mutter und - unter dem mit verstellter Handschrift geschriebenen Couvert , wieder die kurze Anzeige , daß sich Advocat Clemente Bertinazzi aufs neue nach Signore d ' Asselyno hätte erkundigen lassen ... Benno kleidete sich rasch an , ließ im Stall des Fürsten ein ihm immer zu Gebot gestelltes Roß satteln , verbarg sich vor jedermann , selbst vor Thiebold , und sprengte sofort und in höchster Eile nach Rom . Fußnoten 1 Dieser Anfrage wörtlich entlehnt . 2 Gleichfalls . 9. Unterweges hatte Benno ein Misgeschick mit seinem Pferde ... Er mußte dem Thier , das sich den Fuß verstauchte , mitten auf der Heide , in einer Schäferhütte der Campagna , einige Stunden Ruhe gönnen ... So war es schon spät Nachmittag , fast Abend geworden , als er in Rom ankam ... Er mußte sogleich das kranke Pferd in Palazzo Rucca den Leuten des alten Fürsten übergeben ... Dann eilte er in seine Wohnung ... Sein Zustand war der der Verzweiflung ... Für morgen erwartete ihn die junge Fürstin auf Villa Rucca ... Zu gleicher Zeit mahnten ihn die Freunde der Gebrüder Bandiera ... Nicht umsonst war er in die Kreise der Revolution getreten ... Unsichtbare Geister nicht nur , nicht nur die Stimmen seines Innern , sondern wirkliche Personen , die ihn beobachteten , ihn vielleicht richteten , verlangten eine Entscheidung .... Todt blickte ihn die » Stadt der Städte « an ... Nur Opfer des geistigen Despotismus sah er überall ... Jeder Abbate , der an ihm vorüberhuschte , lächelte ihm wie mit geheimem Hohn ... Die Menschen gingen und kamen so gedankenlos und leer ... Die Trümmer des Alterthums waren ihm mehr denn je nur Gräberstätten - und was war - die lebendige Gegenwart ? Aus Gebetbüchern an den Schaufenstern der Buchläden sprach sie ... Es war fast Abend ... Er fürchtete sich , zur Mutter zu gehen ... Die Scham , eingestehen zu müssen , wie weit er mit Olympien gekommen , hielt ihn zurück ... Aber dennoch , dennoch mußte er nach einer Trennung von mehreren Tagen sie begrüßen , mußte um die auffallenden Mahnungen Bertinazzi ' s nähere Erkundigungen einziehen ... Er nahm ein leichtes Mahl in der Nähe des Corso ... Im Winter besuchte er , um den Kaffee zu trinken , öfters das Café Greco ... Sonst setzte er sich gern zu den deutschen Malern , die im Café Greco hausen ... Aber auch hier war es ihm jetzt nur unheimlich geworden ... Die Monotonie klappernder Dominosteine , das Rascheln der Tassen auf den schmuzigen Marmorplatten der Tische , die rauhen Kellnerstimmen , die in den lächerlichsten Tonschwingungen Erfrischungen , die aus der Küche herausgebracht werden sollen , ausschreien , die phantastisch aufgeputzten Bettler an der Schwelle , die sich als Modelle vermiethen zu jener unwahren Welt , die die Romantik der Maler noch immer in ihren Ateliers mit südlichen Staffagen gruppirt , während Italien diese Trachten und Sitten naturwüchsig nur noch an wenig Stellen bewahrt hat - vollends die Künstler selbst konnte Benno schon lange nicht mehr sehen , ohne auch sie der Fortpflanzung jener lügenhaften Zauber anzuklagen , mit denen Rom die Welt gefangen hält ... Die Akademie sage ihnen schon , was sie allein hier finden sollten ... Selten , daß sich eine Urkraft gegen die Tradition erhöbe und von Rom nicht blos Lehren , sondern auch Warnungen mitnähme ... » Eine phrasenhafte Welt , in die ich alle diese Künstler verstrickt gefunden habe ! Klingsohr - das wäre ihr Mann ! Klingsohr müßte auch hier mit der Cigarre sitzen und orakeln ! « ... Benno begab sich , da er auf den Monte Pincio wollte , in ein Café am Spanischen Platz ... Da konnte er eine deutsche Buchhandlung übersehen , besucht von ab- und zukommenden Geistlichen , die sich nur Schriften kauften , die in Wien , München , Regensburg , Münster und Köln erscheinen ... Er sah die augsburger » Allgemeine Zeitung « , auf die ihn der Staatskanzler angewiesen hatte ... Er fand in allem Deutschen nur noch die Spuren Klingsohr ' s ... Es war ihm jener fortgesetzte Vatermord , dessen dieser sich fast in Wirklichkeit schuldig gemacht hatte ... Er sah in Deutschland überall vom hohen Roß der gelehrten doctrinären Anmaßung die grünen Saaten der Neubildungen im Geistesleben der Völker zertreten und was gab den geheimen Druck der Sporen ? Das egoistische Interesse der Fürsten , des Adels , der Geistlichkeit ... Die Bewegung um den » Trierschen Rock « hatte immer mehr um sich gegriffen ... Die » Allgemeine Zeitung « verrieth ihm , wie selbst nach Witoborn die Bewegung hinüberzuckte ... Er dachte an Monika , Ulrich von Hülleshoven , Hedemann ... An Gräfin Erdmuthe und - ihre apokalyptischen Bilder über Rom ... Es gibt Naturen , die vom Zweifel und einer Weltauffassung der Ironie in überraschender Plötzlichkeit zu einer Leidenschaft überspringen können , die an ihnen völlig unvermittelt erscheint ... Es gibt Naturen , die jede Voraussetzung , die sogar nur von ihrer Besonnenheit gehegt werden durfte , plötzlich durch die thörichtsten Handlungen Lügen strafen ... Die Umstände hatten Benno aus der Bahn des heimatlichen Lebens und Denkens hinausgeworfen ... Jene Courierreise , von den Umständen so harmlos geboten , gab ihm den Anstoß zu einer immer mehr um sich greifenden Revolution seines Innern ... Auf dem Capitol beim Gesandten seines engern Vaterlandes war er deshalb vorm Jahr kalt empfangen worden ... Aber auch auf dem Venetianer Platz beim Gesandten Oesterreichs , wo er ausgezeichnet worden , erwartete man vergebens seine Wiederkunft ... Durch ein zufälliges Begegniß , durch einen Antheil seines Herzens , genährt durch die Erinnerung an seine Mutter , genährt durch die Mahnung , daß römisches Blut in seinen Adern floß , hatte er sich den hervorragenden Erscheinungen des » Jungen Italien « genähert - ... Schon hatte man ihm mehr Vertrauen geschenkt , als er begehrte und als vielleicht von andern gutgeheißen wurde ... Und dennoch lebte er in vertraulichster Beziehung zu Menschen , die er haßte und die er aus Grund der Seele hätte meiden sollen ... Diese Gegensätze unterwühlten seine Ruhe , brachen seinen Muth ... Auf seinem Antlitz fühlte er eine brennende Maske , ein Mal der Scham ... Sein Glaubensbekenntniß des Sichergebenmüssens in Lagen , in die uns die Laune des Zufalls gestellt hätte , war dahin ... Nimm Partei ! riefen ihm geheimnißvolle innere Stimmen schon seit jener Stunde , als sich ihm die Mutter in Wien in der ganzen Einseitigkeit ihrer Nationalität offenbart hatte ... Als er dann Italien selbst gesehen , als er auch Bonaventura in so wunderbarer Schnelligkeit auf den gleichen Boden verpflanzt gefunden , da führten die gemeinschaftlichen Anschauungen , die übereinstimmenden Ergebnisse des Nachdenkens beide auf die feste Ueberzeugung , daß nur in Italien und vorzugsweise aus der römischen Frage heraus die Entscheidung der weltgeschichtlichen Schicksale Europas zu suchen wäre ... » Die Zeit deiner großen Revolutionen « , hatte Benno noch vor kurzem an den Onkel Dechanten geschrieben , » ist näher , als Du in Deinem friedlichen Asyle ahnst ! ... Die Frage , um die sich Beda Hunnius so erhitzt , die Frage eines Bruchs der deutschen Kirche mit Rom ist nur ein Symptom ... Rom und die große Sache der Geistesfreiheit können zu ihrem Abschluß nur durch die politischen Schicksale Italiens kommen ... Wird der Schemel der irdischen Macht dem Stellvertreter Christi unter den Füßen weggerissen , dann kann ihm nichts mehr von seinen alten , auch den geistigen Druck der Welt unterstützenden Machtansprüchen bleiben ... Eine Weile wird er sich noch Patriarch von Rom nennen dürfen ; aber jede neue Phase der Geschichte nimmt ihm eine Würde nach der andern ... Damit bricht der Bau der Hierarchie und das schon halbvollendete Werk der Jesuiten zusammen « ... Ob auch der Katholicismus ? ... Benno hatte seinen zwischen Katholicismus und Protestantismus in der Mitte gehenden Standpunkt offen dargelegt ... Er hatte dem Onkel geschrieben : » Ich glaube nicht an die propagandistische Kraft des protestantischen Geistes ; ich zweifle sogar an dem entscheidenden Ausschlag , den die Völker der germanischen Zunge überhaupt noch der Geschichte geben ... Das germanische Mutterland ist in zwei Hälften gespalten : Oesterreich hat die Gedankengänge der romanischen Welt angenommen ; Preußen hat die kühne Neugestaltung Friedrich ' s des Großen nicht zu verfolgen gewagt ... Die germanische Welt wäre nur insofern kraftvoll , als ausschließlich mit ihr der Protestantismus geht ... Eine durch Oesterreich vertretene germanische Welt ist keine oder der Name Deutschland wird zum Schrecken jeder Nation , die ihre Freiheit anstrebt ... Nun aber lieb ' ich Deutschland , liebe seine Bildung , anerkenne seinen Beruf ... So seh ' ich keine Hülfe , die ihm geboten werden kann , als den Untergang Roms , die Zertrümmerung derjenigen Bestandtheile der katholischen Kirche , die uns Katholiken von einer engern Gemeinschaft mit den Protestanten trennen ... Ein gestürztes Papstthum wird Deutschland einigen ; ein frei gewordenes Italien wird Oesterreich erinnern , wo Kaiser Joseph die Kraft des Kaiserstaates suchte - in einer Fortsetzung des Fridericianischen Zeitalters der Preußen ... Gibt es einen Katholicismus ohne den Papst ? ... Das ist die große Frage der Befreiung der Gewissen ... Und wird sie in dem Sinne beantwortet , daß Rom aufhört , die Metropole der katholischen Kirche zu sein , was kann , das ist die zweite Frage , von ihrem Leben zurückbleiben , um die Schranken zwischen ihr und den Protestanten niederzureißen ? ... Bonaventura will die Bibel und eine geläuterte Messe ... Es sind seine täglichen Gedanken - sie erfüllen ihn ganz ... Ich selbst besitze zu wenig das Bedürfniß des - Cultus , um darüber ein Urtheil zu haben « ... Benno fand die Mutter nicht daheim ... Marco , der ihn bei jedem Besuch mit größerm Befremden musterte , versicherte , er würde sie beim Kloster der » Lebendigbegrabenen « oder vielleicht jenseits der Tiber finden ... Sie hätte Sancta Cäcilia , der heiligen Sangesmuse , ihrer alten Schutzpatronin , » der sie so vieles Gute dankte « , ihre Verehrung bezeugen wollen ... Von bedenklichen Vorfällen meldete Marco nichts ... Der Advocat Bertinazzi hatte in der That zweimal anfragen lassen ... Was ist Religion ! sagte sich Benno - als er sich auf den Weg machte zu den » Lebendigbegrabenen « ... Bei ihnen war heute die Mumie ausgestellt ... Die Menschen standen noch bis auf die Straße hinaus und jeder hatte dem gläsernen Kasten ein Leiden vorzutragen ... Starr hing das braune Schreckbild der Eusebia Recanati an seinen goldenen Klammern ... Die Menschen berührten den Glasschrank und erwarteten Hülfe ... Selbst aus der Zahl der Falten ihrer Kleider suchten sie sich die Nummern - die sie für die nächste Tombola setzen wollten ! ... Die Masse ist unverbesserlich ! sagte sich Benno ... Die Eingeweide der Vögel oder die Gewänder einer Mumie - gleichviel ! Auch in der protestantischen Kirche läßt die Hebamme unter dem Kissen des Täuflings die Nabelschnur der Gebärerin mittaufen - ! ... Nur auf die Vertheilung der Herrschaft kommt es an , nur darauf , was im Gesetz den Vorzug hat , die Vernunft oder die getaufte Nabelschnur - Alles andere macht die Strömung der Luft , der Wind , das ansteckende Beispiel - Ohne den Widerstand der Priester und der Doctrinäre könnte der Deutschkatholicismus sogar den Rationalismus zu einer Art von Mystik erheben , deren die Menschheit nicht scheint entbehren zu können ... Weder vor der Kirche , noch im Kloster bei Olympiens Mutter fand sich die Herzogin ... Equipagen gab es genug ; keine mit dem Wappen des Marquis Don Albufera de Heñares , Herzogs von Amarillas , ein Wappen , das der Miethkutscher auf seine Wägen zu setzen gestattet hatte ... Benno wollte nach Sancta Cäcilia , zu welcher Kirche gleichfalls ein Kloster gehörte ... Es war nun in den Straßen dunkel geworden , obgleich die Abendröthe noch schimmerte ... Das Volksgewühl begann in dieser Gegend wie täglich bei Untergang der Sonne ... Da wogten die Menschen durcheinander , da erscholl jener Lärm des Südens - um ein Nichts , um ein Paar alte Schuhe , um Schwefelfaden , um etwas Wasser mit einem Stückchen Eis ... Immer glaubt man , ein Kauffahrteischiff wäre eben angekommen und lüde die Schätze beider Indien aus ... Schon dampften Maccaroni in den auf offener Straße errichteten Küchen ... Fische wurden gesotten in Pfannen , über die - wende dich ab , deutscher Geschmack ! - der aufgekrämpte rothnackte Arm der Volksköchin die Oelflasche gießt ... So mancher Arbeiter hält jetzt erst sein Mittagsmahl auf Piazza Navona ... Die Fleischerbuden bieten noch feil ... Seltsam geformt und fast an die alten Arenen erinnernd sind die zertheilten Stücke , an denen die Knochen mehr als bei uns zurückbleiben ... » Unsere Sitten das und unsere Sitten sind gut ! « - liegt auf den Mienen dieser schreienden , singenden , schmausenden - dann auch dazwischen wieder betenden Welt - ... Die Thüren der erleuchteten Kirche Santa Agnese stehen weit offen ... Auf ihren Stufen im herausströmenden Weihrauchduft lagert sich in bequemster Behaglichkeit das südliche Abendleben ... Vorüber am Pasquino - am Palazzo Rucca - am Ufficio delle SS . Reliquie e dei Catacombe , wo Cardinal Ambrosi wohnt ... Benno stand schon zu mehreren malen an dem grauen spanischen Gebäude mit den vergitterten Fenstern ... Er dachte : Da hinten im düstern Hofe wohnt ein Mensch , der ein Geheimniß ist ! ... Bonaventura erfuhr sein Leben von mir ... Er floh vor einem Sektirer - hatte die Mutter erzählt ... Und doch soll er mit Fra Federigo im Einverständniß leben ? ... So bilden sich die Sagen , so verknüpft der Volksglaube ... Das Volk kann das Seltene sich nicht denken ohne unmittelbare Beziehung zu Gott ; das Edle kann ihm nie ohne Wunder sein ; zwei große Menschen können ihm nicht ohne das Band des Einverständnisses leben - ... Dieser einfache , ascetische Mönch erhielt eine Geschichte , von der er schwerlich selbst eine Ahnung hatte ... Benno mußte auf den Beistand auch dieses Cardinals rechnen , wenn Bonaventura in Rom erscheinen sollte ... Eine Regung der Dankbarkeit für Fra Federigo ließ sich bei ihm voraussetzen ... Und Fra Federigo selbst ! ... Benno ' s eigene Erinnerungen trugen von Friedrich von Asselyn kein Bild ... Nur aus Bonaventura ' s Charakter , nur aus dem Bestreben seines Vaters , für die Welt seinem Weibe zu Liebe ein Gestorbener sein zu wollen , konnte er