. Ich habe dir oft meine künftigen Männer geschildert . Lasally war eigentlich das Modell . Männer ohne Vorurtheile , die mich lieben um meiner selbst willen ! Fürst Egon von Hohenberg ist keiner von Denen , die auf dies Modell passen . Er wird dich ... Schlurck unterbrach sich selbst . Er wollte sagen : Er wird dich zu seiner Geliebten machen wollen ! ... Er besaß bei aller Leichtigkeit seiner Den-kungsart die Kraft nicht , diese vernichtenden Worte auszusprechen . Melanie verstand aber schon vollkommen , was er sagen wollte . Sie schwieg . Nach einer Weile schüttelte sie das Haupt und flüsterte : So nicht ! Wie nicht ? Träumerisch wiederholte Melanie : So nicht ! Und als Schlurck ungläubig über die Idee , der Fürst könnte Melanie zur legitimen Gemahlin erheben , aufschaute , die Brille , die er sich wieder aufgesetzt hatte , auf die Stirn zog und sein Kind mit den wasserglänzenden Augen fixirte , brach Melanie in eine Wehmuth aus , die ihn zum Tod erschreckte ... Was hast du ? rief er und hielt das plötzlich umgewandelte Mädchen , das sich auf die Kante des Schreibtisches beugte und ihr Antlitz unter den gekreuzten Armen verbarg ... Noch verstand er nicht recht , was sie bewegte . Unmöglich ! sagte er hastig . Wie kann dieser Kalte , Feindselige eine solche Aussicht im Ernste bieten ! Ich war an jenem Abend mit ihm allein . Ich bat ihn um einige vertrauliche Worte . Er war die Sprödigkeit , die Feindseligkeit selbst . Voll Mistrauen begrüßte er mich . Wie so gern hätt ' ich das Gespräch sogleich auf dich gelenkt , seine Gesinnungen über dich erforscht ! Vergebens , er wich mir aus und blieb bei dem Schlurck , der seinem Vater diente , den er im Heidekrug hatte in einer Nacht Champagner trinken , Trüffeln essen sehen . Ich sagte ihm : Durchlaucht , Sie irren sich , wenn Sie glauben , daß ich in der Verwaltung Ihrer Güter leichtsinnig verfuhr . Schreiben Sie die heillose Verschleuderung nur Ihrem Vater zu ! Mein Vater war brav ! fuhr er auf . Durchlaucht , ich denke nicht daran , ihn herabzusetzen . Mein Vater war der edelste der Menschen , er wurde betrogen , getäuscht , hintergangen von aller Welt und von Keinem mehr als Denen , die ihm am nächsten standen ! Einen solchen Zornausbruch zu bestreiten , war unmöglich . Ich mußte mildere Saiten aufziehen . Ich mußte ihm sagen : Durchlaucht , die Administration Ihrer Güter war die Hauptaufgabe meiner geschäftlichen Thätigkeit ! Ich habe um ihretwillen meine Praxis vernachlässigt . Die Gläubiger schenkten mir ihr ganzes Vertrauen . Ich war fast der Minister dieser kleinen Besitzungen , deren schwierige finanzielle Verwickelung ich in einer Reihe von Jahren zu lösen hoffte . Nun ist Das hin ! Abgeschnitten mit einem Scheerenschnitt ! Ein Fremdling erntet die Vorbereitungen meines Fleißes ! Geben Sie mir diese Administration zurück ! - Der Fürst überlegt sich den Antrag eine Weile , eine düstre Wolke lagert sich auf seiner Stirn , er schüttelt das strenge , kalte , blasse Haupt . Nein ! sagt ' er . Nun dann , sagt ' ich , Durchlaucht , dann ein Andres ! Sie sind Minister . Lassen Sie den Prozeß des Staates wegen der Johannitererbschaft fallen ! Ich komme an den Rand des Abgrundes , gestand ich ihm , wenn mir auch diese Hülfsquellen versiegen . Melanie , dasselbe Wort braucht ' ich ! Einem Menschen zum ersten Male dieses Wort ! Dieses Geständniß der elendesten Situation , in der sich meine Angelegenheiten befinden , ihm ! Und ? warf Melanie gespannt ein , um den in stiere Abwesenheit und träumerisches Brüten versinkenden Vater aufzurichten . Schlurck erschrak fast über dieses Und ? Er schlug mir auch diese Bitte ab . Kalt wünschte er mir einen guten Abend ! Kalt entließ er mich ! O , Melanie , wie es da in mir gährte ! Ach , verdammt ! Nicht zu einer großen und edlen Handlung gährte es . Wo hätt ' ich die Kraft dazu ! Aber an das Äußerste ... an den Tod dacht ' ich - Vater ! Vater ! Melanie war hier aufgesprungen . Sie warf sich , erschüttert von der Andeutung ... vielleicht eines Selbstmordes ... über den Unglücklichen , der nicht arm sein konnte . Sie streichelte seine Wange , liebkoste sie , lachte unter Thränen ... Nein , nein , so nicht ! sprach sie zärtlich . So nicht , Vater ! Ich ergründe diesen Egon nicht . Die Grausamkeit gegen dich und seine Liebe zu mir ! Nach jener Seene im türkischen Zelt kam er blaß und kalt in den Saal zurück und würdigte mich keines Blickes . Am folgenden Tage ließ er die Worte fallen : Ihr habt so recht Eure Fäden um mich gesponnen und wißt Euch Alle im Preise zu halten ! Daraus entnahm ich , daß ihn Euer Gespräch verstimmt hatte . Und nun bitt ' ich , Vater , um Eines ! Es ist hier ein Ziel zu erreichen , das uns wenigstens vor der Welt nicht gering erscheinen darf . Aber es gehört Weisheit und Selbstbeherrschung dazu ! Jede Andeutung eines persönlichen Vortheils , den wir etwa suchten , jede Gier der Eroberung , jedes marktende und schachernde Selbstgefühl wäre hier ein heißer Stein , auf dem alle Möglichkeiten in Dampf auseinander zischten ... Welche Möglichkeiten ? Daß ich den Mann , der mich einst tyrannisiren , quälen , morden würde , wirklich fände , aber ich müßte ihn doch wol nehmen , weil er - ein Fürst ist . Schlurck erhob sich . Er begriff nicht ganz den Zusammenhang dieser verworrenen Kombination . Wie ist Das ? fragte er , sich an seinen Sessel lehnend . Dich morden ? Egon von Hohenberg liebt mich , Vater ! sagte Melanie ruhig . Ich verrathe ihm , daß ich meinen Werth zu hoch halte , um ihn ohne Bedingung zu erhören . Er sinnt über die Möglichkeit einer Ehe . Zu werben um ebenbürtige Geschlechter ist er zu träge , zu lebensdüster geworden . Er haßt die Frauen sogar , vollends , da sich ihm jetzt Alle , Alle aufdrängen . Auch Pauline von Harder hat Angst vor der Anknüpfung neuer Verbindungen , die ihr den angebeteten Mann entführen . Als er dir so rundweg alle deine Bitten abschlug , war es erst der Zorn über eine Konspiration , der ihn so reden ließ ; dann aber auch , ich ahn ' es , ein edleres Gefühl . Er denkt , an mir gutzumachen , was er gegen dich seinem sonderbaren Pflichtgefühl , seiner staatsmännischen Würde schuldig zu sein glaubte . Eine solche Idee würde Schlurck unter andern Verhältnissen nach seiner , etwas Großes und Stoisches nicht begreifenden Philosophie für Narrheit erklärt haben . Jetzt war er zu zerknirscht glücklich dafür . Er athmete auf , wie wenn tausend Lasten von seiner gequälten Brust fielen . Und nur das Eine noch preßte ihm die unendliche Wonne zurück : Aber warum sollte dich Egon denn tyrannisiren , dich so mit Füßen von sich stoßen , daß dir nichts bliebe , als der in solchem Falle erbärmliche Titel einer Fürstin ? Es war todtenstill im düstern Gemach ... Hackert wußte , was Melanie sagen wollte ... Als Melanie eine Weile schwieg und dann in heiße Thränen ausbrach ... ahnte es Schlurck . Vaterzorn gegen Hackert brach so furchtbar jetzt in Schlurck hervor , wie damals , als er den aufgenommenen , wie einen Sohn behandelten und so früh verwilderten Findling fast mit Füßen trat und aus dem Hause warf . Es wallte in ihm auf wie siedende Glut . Er fühlte die Kraft , in den Winkel zu springen und den Lauscher , der so früh die Ehre seines geliebten Kindes zerstört hatte , zu erwürgen ; aber ein Blick auf die zerbrochene Scheibe , auf die unter den Schrank gestoßene Brechstange , die Besinnung über die That , die er an diesem Sonntagvormittage wollte zu einem scheinbaren Ausbruch kommen lassen - Simulation eines Einbruchs in sein Comptoir - lähmte seine Kraft . Er konnte nichts , als sich über Melanie beugen , ihr Haupt erheben , ihre Stirn küssen , mit ihr weinen ... Da schellte es am Hause . Melanie erhob sich . Rasch gefaßt sagte sie zum Vater : Papa , nur noch einige Wochen Muth und Selbstbeherrschung ! So war sie geschwind wie eine Gazelle auf die Wendeltreppe gesprungen und hinauf zum oberen Zimmer verschwand sie ... Noch vergeblich nach Fassung ringend wandte sich Schlurck , als er Hackerten schon vor sich stehen sah . Er erwartete von dem Elenden , der den Werth seines Kindes so tief herabgesetzt , ein Verbrechen an ihr begangen hatte , ein höhnisches , boshaftes , teuflisches Grinsen . Er fand dies aber nicht . Ruhig schlug Hackert die Arme unter und eher furchtsam , nicht drohend war sein Blick . Dieser Blick ermuthigte doch den von den innersten Qualen zerrissenen Mann und stachelte ihn zu der Anrede : Bube ! Hast du nun Alles gehört , was ich dir danke ? Hackert fuhr nicht auf . Er sah sich nur ruhig im Zimmer um ... Einen Fürsten als Schwiegersohn , sagte er dann mit der ihm eignen heiseren , kalten Tonlosigkeit . Ist Das so wenig ? Aber es ist wahr . Sie hätten mich lieber im Waisenhause lassen sollen , Justizrath ! Ich will gehen . Durch diese Thür kann ich ' s nicht . Das Schloß ist ja prächtig verdorben . Na ! Ich will mich oben durchschleichen . Ich denke , Sie schicken heute noch nicht auf die Polizei , um den Einbruch anzuzeigen . Sonst , Schlurck , legen Sie sich keinen Zwang an ! Ich glaube , daß Sie nur sich , nicht mich in ' s Unglück bringen wollten . Vom nächsten Sonntag an will ich jeden Morgen daran denken , daß ich für mein Alibi Zeugen habe . Sonst können Sie thun , was Sie wollen ! Es ist wahr , ich habe nichts in Ihrer Schule getaugt , Justizrath ! In Ihrer ! Ihrer ! Aber Eins kennt auch Melanie an mir , ich bin diskret . Ja , Schlurck ! Ihre verdammte Dose da , aus der Sie bei jedem Besuche eine Prise nahmen und Witze niesten . Ich naschte aus derselben Dose und war zu jung mit meiner Nase , ich mußte nur Dummheiten niesen . Ihr gabt mir Wein statt Milch . Juchhei am Morgen . Juchhei am Abend . Des Nachts lief ich sogar im Schlafe um und konnte aus dem Jubel nicht mehr herauskommen . Melanie kam einst mit mir von einem Kinderball . Sie war grade vierzehn Jahre ! Ich hatte getanzt , daß ich trotz meiner Haare der Abgott der - Kinder war ! Das vierzehnjährige Kind ... Genug ! Justizrath , weinen Sie nur nicht ! Sonst thaten Sie ' s ja nur , wenn Ihr Geburtstag war und Melanie Ihnen ein Paar Hauspantoffeln gestickt hatte ! Oder bei Ihren Jugenderinnerungen weinten Sie ... Jetzt ... sammeln Sie sich ! Versuchen Sie ' s noch zu guter Letzt , ein Herz von Stahl zu haben ! Adieu , Justizrath ! Alibi oder nicht ... Lassen Sie unterwegs , was Gefahr bringt . Ich möchte nicht , daß Sie auf Ihre alten Tage ... Justizrath , lieber keine Seide mehr spinnen , als ... Wolle ! Wir sehen uns wieder , wo ' s der Teufel bescheert ; nur nicht in ... Bielau ! Schlurck blickte nieder , wollte Hackert ' s dargereichte Hand nicht nehmen und sagte nur : Hast den Ring ? Ich hab ' ihn ; antwortete Hackert fast hohnlächelnd und triumphirend . Dann schlich er wie eine Katze über die Wendeltreppe und durch die Zimmer , die er wie seine Tasche kannte , zum Hause hinaus . Schlurck folgte vernichtet . Er sann darüber nach , wie er bis zu einer Entscheidung über Melanie ' s seltsame Andeutung den Zustand seiner Angelegenheiten verdecken sollte . Zum zweiten Male verdankte er seinem geliebten Kinde einen großen moralischen Sieg über sich selbst ! Vor Hackert hatte er niemals Furcht gehabt ... Hackert schwankte seiner kaum selbst bewußt durch die Straßen . Er war nicht im Stande , zum Profoßhause zurückzukehren . Es war ihm , als sprächen Stimmen mit ihm aus der Luft . Was ihn sonst von ähnlichen bewegten Regungen auf frivole Stimmungen gebracht hatte , verfehlte heute seine Wirkung . Wie malte er sich aus , was er erlebt hatte ! Erst den blutigen Tod , die Trauer , dann ein Verbrechen , erstickt wol nur im ersten Keime , dann Melanie und ihre Geständnisse ! Wie einsam , wie jammervoll sah es in allen diesen Herzen aus ! Zum ersten Male kam es ihm , daß er sich selbst fast ohne Schuld , ohne Reue erschien . Ein junger Lebensmuth konnte sich über Das , was Melanie beklagte , keine Vorwürfe machen . Es rührte ihn , aber es peinigte ihn nicht . So bracht ' er den Tag bis zum Abend hin , wo in den Straßen die Zeitungen ausgeboten wurden , die die Geschichte vom gestern gesprengten Maschinenarbeiterverein erzählten . Am Schloß des Königs standen die kleinen » fliegenden Buchhändler « , unter ihnen trotz der Trauer , trotz ihres häuslichen Leids , Wilhelm und Karoline , die eignen Geschwister des Getödteten . Sie riefen ihres eignen Bruders Tod aus ... Und Hackert kaufte ihnen ihre Blätter ab und hörte , daß sie eigentlich deshalb weinten , weil sie heute zum letzten Mal die Zeitungen auf der Straße verkaufen durften . Und Euer guter armer Bruder Karl ? Darauf sagten sie nichts , als weinend die Worte : In der heutigen Zeitung steht Alles ... Es ist aber die letzte ... Und indem verkauften sie ihr Leid . Daß die Regierung den Straßenverkauf der Zeitungen heute zum letzten Male gestattete , war ihnen fast größerer Kummer ... Hackert wollte bitter werden . Er fand im Menschen Etwas , was vom Uranfange an zum Schlimmen zieht . Er sagte sich , daß die Lage , in der wir uns der Materie gegenüber befinden , unsre Tugenden und unsre Laster bedinge . Der Mann mit dem rothen Barte ! spottete er . O ! O , Louise ! So leicht bizarre Äußerungen bei Hackert den Übergang zu seinem genußsüchtigen , gedankenlosen Leichtsinn bezeichneten , heute verlockten sie ihn nicht recht . Er ergab sich nur der Verachtung aller Lebensverhältnisse und beschloß , am Montag zu Assessor Müller zu gehen und ihn zum letzten Male , da Madame Ludmer ihm wiederholt geschrieben hatte , um Einlaß bei Murray zu bitten . Wie er am Montage in der Frühe an das Profoßhaus kam , ging eben eine Gruppe von Menschen aus dem Hause tretend an ihm vorüber . Die Menschen schienen ihm bekannt . Der , welcher ihm am meisten auffiel , war Murray selbst ; er erkannte ihn an der schwarzen Binde . Die Übrigen waren Dankmar Wildungen , der von Melanie so Heißgeliebte ; jener wunderliche , verwachsene Fremde , den er in die Stadt hatte einfahren sehen und ein ihm Unbekannter , wir kennen ihn , Louis Armand . Louis hatte den gebückten , lächelnden Gefangenen unter ' m Arme gefaßt und führte ihn wie im Triumph . Auch Otto von Dystra schien den Befreiten wie einen längst Bekannten zu begrüßen und Dankmar betrachtete ihn so forschend , daß er Hackerten übersah , obgleich dieser dicht an ihm stehen blieb und verwundert den Vieren nachsah . Am Portal des Profoßhauses erführ er , daß man auf eine persönliche Bürgschaft jenes Herrn im Schnurrock und die Niederlegung einer großen Summe eingewilligt hätte , Murray während seiner Untersuchung , die sich ohnehin schon zu seinen Gunsten gewandt hätte , auf freien Fuß zu stellen ... Zu spät gekommen ! sagte er und gedachte des üblen Eindrucks , den er mit diesem so gescheiterten Auftrage bei der Verwandten seines Vorgesetzten Pax machen würde . Diese Entdeckung war ihm nicht gleichgültig ; ja , als er lauernd jenen Vieren folgte und Murray ' s Ruhe , die Freundschaft und Zuvorkommenheit jener Ehrenmänner für den Verdächtigen beobachtete , witterte er schnuppernd die Fährte neuer Lügen und Laster . Doch zu nahe wagte er sich den ruhig Dahinschreitenden nicht . Es war ihm , als könnte sich Dankmar wenden und ihm ein Wort zurufen wie einst auf dem Hohenberg . Wenn er dich einen elenden Spion hieße , was könntest du erwidern ? Die Möglichkeit mehrte doch seine Pein . Louisen ' s Jammer an der Leiche ihres Bruders , die sittliche Gefahr des Justizraths , Melanie ' s Thränen hatten sein Inneres nicht erweicht , aber ein wenig erhellt . Er wurde Andern ein Licht , wie sollte es in ihm selber dunkel bleiben ! Er sah sich wenigstens wie im Spiegel und war aus der brütenden Ruhe seiner Unmittelbarkeit aufgeschreckt . Da überfiel ihn eine solche Angst , daß er jener Frau , die ihm so viel Vertrauen geschenkt hatte und beunruhigt einmal über das andre in seine Wohnung schickte , ob Herr Hackert nicht sogleich zur Geheimräthin von Harder kommen wollte , keine Anzeige von Murray ' s Freiheit zu machen wagte , ihm aber nachschlich und außerhalb des Gefängnisses , in das ihn die Richter nicht hatten einlassen wollen , sich ihm irgendwie zu nähern suchte . Am Mittwoch früh fand das Begräbniß des Karl Eisold statt unter Umständen , die die ganze Bevölkerung in Bewegung setzten und Veranlassung wurden , daß Hackert den Privatauftrag erhielt , die am Grabe gehaltenen Reden zu überwachen . Die Sicherheitsbehörde hatte keinen feierlichen Leichenzug dulden wollen und deshalb sogleich den Todten auf den neuen Kirchhof schaffen lassen , wo er bis zum Begräbniß im Leichenhause beigesetzt blieb . Die Arbeiter der Willing ' schen Fabrik aber hatten den Todten bei Nacht aus jenem Hause mit Gewalt entfernt und ordneten ein Begräbniß an , das durch die ganze Stadt gehen sollte . Es war eine eigenmächtige Handlung , die später einer strengen Untersuchung verfiel . Ein Ministerrath verbot das öffentliche Begräbniß , bis bei Hofe jene religiöse Scheu vor Allem , was Leben und Sterben berührte , entschied und man von dorther wünschte , es sollte dem Drange jener Menschen , diesen Todesfall in ihrer Weise aufzufassen , kein Hinderniß gesetzt werden . So fand denn jenes Begräbniß unter Vortragung von Insignien aller Art und mit Begleitung einer Trauermusik unter dem Zustrom von Tausenden Statt . Alle Maschinenarbeiter folgten . Sogar einige elegante Trauerkutschen schlossen sich an . Am Grabe wurden Reden gehalten , Choräle gesungen . Man bemerkte überall die Zeichen einer an diesem Trauergepränge sich aussprechenden Demonstration der erzürnten Gemüther . O , rief ein junger Redner , der auf die feuchte gelbe Erde der Grube trat , das Haupt entblößte und die zuckenden Mienen seines blassen Antlitzes kaum vor innerer krampfhafter Erregung bemeistern konnte . O , so kommen sie denn immer näher die Boten des Sturmes , der bald uns Alle wie Staub aufwirbeln und durcheinander treiben wird ! Noch eine kurze Ruhe und die Zornschaalen der Prophezeiung werden ausgegossen werden ! Bis dahin , Brüder , wankt und verzagt nicht ! Der Tod hält seine Ernte . Wie ein Schnitter fährt er dahin und mäht mit seiner Sichel schonungslos und grausam ! An das Leben muß sich nun schon Niemand mehr klammern . Die Zeiten sind vorüber , wo ein Jeder sich hütete , unter den Dächern der Häuser zu gehen , um nicht von einem fallenden Ziegel erschlagen zu werden . Die Zeiten sind vorüber , wo man seines Leibes und Lebens schonte und pflegte und sich vornahm , gebessert , reich an Tugenden und gesammelt vor den Thron des ewigen Richters zu treten . Jetzt geht es im Fluge . Das Leben ist nichts . Die Kugeln werden Niemanden schonen . Eine Leiche ? Hunderte werden wir begraben sehen , Tausende ! Die Wuth der Menschen , die es ahnen , daß ihre Stunde schlug , ist grenzenlos . Nicht mehr Könige und Könige bekämpfen sich , nein , alle Monarchen , alle Reichen , alle Großen werden Frieden unter einander schließen und die Armeen sind nur noch da , um Schlachten den Brüdern zu liefern . Unsre Plätze und Straßen , unsre Stuben und Kammern werden die Schlachtfelder werden , wo künftig die großen Feldherren ihre Lorbeern sammeln . Tod ist nichts mehr , Brüder ! Wo wir hinblicken , krachen die Flinten der Executionen . Die Diplomaten schreiben die Bluturtheile auf ihren seidnen Polstern , ihre Chokolade schlürfend . Die Maschinen dieser Menschen vollführen es und jeder Soldat sieht auf seine Büchse , sein Pulverhorn , drückt los ; was geht ihn die Kugel und ihr Ziel an ! O Brüder , verzagt nicht ! Zittert nicht , daß Ihr Euch erscheint wie zusammengetriebenes Wild in einem Walde . Alle Wege sind umstellt . Unser Denken , unser Fühlen , unser Reden ist ein Verbrechen ! Wir stören den Staat , wenn wir uns versammeln . Wir sollen nur arbeiten . Hört Ihr , nur arbeiten ! Arbeite und iß dein Brod im Schweiße deines Angesichtes , Das ist der Fluch , mit dem du in die Welt getreten bist ! Aber die Stunde wird schlagen mit ehernem Glockenschlag , furchtbar dröhnen wird sie durch alle Lande die Sonntagsfrühe der Erlösung ... Weiter konnte der Redner nicht sprechen . Denn eine Anzahl der Polizeidiener , die in der Nähe stand , trat auf den Hügel und zog mit lärmender Unterbrechung den jungen Mann von ihm herunter . Dies wurde das Signal eines allgemeinen Tumultes , der mit der Ruhe des Friedhofes und mit dem Schmerz der auf dem Sande knieenden Louise und ihrer Geschwister in schreiendem Widerspruche stand . Man entriß den Häschern ihre Waffen , man tobte , schrie , stieß Verwünschungen aus . Die Häscher ließen ihre Nothpfeifen ertönen , um von der Wache eines nahegelegenen Thores Hülfe zu bekommen . Die Wächter der öffentlichen Ordnung waren so bedrängt , daß ihnen fast nichts übrig blieb , als sich an den durch diese Scenen entweihten Sarg zu flüchten , der auf den Brettern über der Grube stand und eben hinabgelassen werden sollte . In diesem Tumult riefeine donnernde Stimme : Ruhe ! Friede am Grabe ! Achtung vor den Todten ! Es war Leidenfrost , dessen Autorität unter diesen Menschen Wunder wirkte . Seine gewöhnlich nur polternde Art hatte ihn ganz verlassen . Der Augenblick begeisterte ihn . Er war nur bei der Sache und ganz von ihr durchglüht . Wenn mein Wort unter Euch etwas gilt , rief er , so steht von Aufruhr und Empörung ab ! Ehret den Schmerz der Leidtragenden , die dort auf dem kalten Boden verhindert sind , ihre Andacht zu verrichten ! Schreckt den Schlummer des gebrochenen Auges nicht auf ! Wir kommen so nicht fort , wie Ihr meint , wir nützen uns nichts und Denen nicht , die nach uns kommen werden ! Glaubt doch nicht , daß Ihr allein dasteht mit Eurem Kummer um diese Zeit ! Gebt dies weichliche Jammern um Eure Lage auf und erschließt Euern Geist einer höhern Betrachtung . Es arbeiten mehr , als Ihr denkt , wenn auch nicht mit Schwielen in der Hand . Aber es denken auch mehr und hoffen auch mehr . Ihr seid nicht die Einzigen und seid nicht verlassen ! Ihr fahrt nicht wie dieser Jüngling in die Grube und düngt nur die Erde ! Haltet Schritt mit dem Allgemeinen ! Folgt nicht dem nächsten Gelüst Eures Zornes , sondern glaubt an den im Stillen arbeitenden Weltgeist , der uns mit Schöpfungen überraschen wird , von denen Ihr keine Ahnung habt . Eine Ordnung in diesem Leben muß sein ! Sie beruht nicht auf der Vertheilung der Güter , die nur Mord und Brand erzeugen würde , sie beruht auf dem geänderten Begriffe vom Staat . Dahin arbeitet ! Nicht zur Auflösung , sondern zur neuen Bildung hin ! Gehorchen wollen wir , dienen , uns beherrschen , Das ist das Ziel , das wir nur im Siege des Geistes , nicht dem Siege der Materie finden können . Die rechte Freiheit und die rechte Begrenzung ! Darin liegt Glück , darin die Bürgschaft neuen Friedens . Die Römer wußten , was sie wollten ; die ersten Christen wußten , was sie wollten ; wir wissen noch nicht , was wir wollen . Deshalb entwaffnet die materielle Kraft , die Euern Forderungen gegenüber steht , entwaffnet sie nicht durch die schwache , sogleich besiegte Faust , sondern durch den milden Sonnenschein des Geistes und der Verständigung . Der Sonnenschein blies dem Wanderer den Mantel ab , den der Sturm nicht abblasen konnte . Gebt Ruhe , Friede den Todten ! Scheidet von diesem Grabe mit der Hoffnung auf einen neuen Frühling und werfe Jeder eine Handvoll Erde dem edlen Jünglinge nach , als Zeichen , daß wir Erde werden , wie er und uns versöhnen wollen mit unserm Loose , das uns diese Welt gab als einen Schauplatz der Entsagung und eine dunkle Kammer räthselvoller Hoffnung ! Diese wie ein Strom hervorquellenden Worte verfehlten ihre Wirkung nicht . Einer nach dem Andern trat an die Grube und warf eine Handvoll Erde über den Sarg . Louise und die Kinder schütteten Blumen . Die Frauen vieler Arbeiter umringten die Weinenden und führten sie an das Thor des Friedhofes zurück , wo einer der schönsten Wagen , dem ein zweiter , in welchem Mangold saß , folgte , sie aufnahm . Die verstärkte Thorwache machte Spalier . Die Arbeiter gingen ruhig auseinander . Leidenfrost erhielt den Handschlag Dankmar ' s und jenes kleinen mit dem Offizier der Wache sich unterhaltenden Fremden , in dem Hackert wieder den vornehmen Reisenden erkannte , den er in die Stadt Rom gewiesen hatte . Als der Kirchhof von dem Menschengewühl sich entleerte und nur noch die Todtengräber thätig waren und das Grab zuschütteten , bemerkte Hackert in einiger Entfernung einen einsamen , zurückgebliebenen Wanderer . Es war Murray , der Alte mit der schwarzen Binde . Er sah , daß er die Hände über den Rücken zusammenschlug und von Grab zu Grab trat trotz der Kälte , trotz der schon schneidenden trocknen Winterluft . Er hatte ihn schon vorher im Auge gehabt und nur im Tumult nach der ersten Grabrede verloren . Jetzt schlich er sich ihm nach . Jetzt spornte ihn Neugier und die Eitelkeit , sich das Haus einer Geheimräthin verbindlich zu machen ... Doch immer stand der Alte , wenn er dicht an ihn heran kam , an einer Grabschrift und las sie , was ihm schwer zu werden schien , da er sich nur eines Auges bedienen konnte . Hackert fühlte , daß er über den Tod , über diese Grabschriften mit ihm reden mußte , wenn er ihn ansprechen wollte . Dazu konnte er sich trotz der auch in ihm durch die Grabesscene hervorgerufenen Erschütterung nicht entschließen . Religiöse Empfindungen waren ihm fremd . Murray las unter dem feuchten , modernden Blätterabfall hinschreitend zuweilen die Grabschriften halblaut . Derselbe Mann , den er als zweideutigen Gauner im Gefängnisse besuchen sollte , der ihm als hochfahrend , anmaßend , frech bezeichnet war , sprach , indem er bei einer entblätterten Trauerweide stand und er ihm von ferne zuhörte : » Sanfter Schlaf halte dich umfangen bis zum Tage des Wiedersehens . « Es war eine Grabschrift auf ein junges Mädchen ... Hackert blickte zu Murray hinüber , der weiterging und sprach vor sich hin : Es ist kein Engländer ! Das hör ' ich doch wol schon ... Murray stand vor einem Kreuze und las wieder halblaut : » Seit ich entbehre , glaub ' ich . « Murray stand nachdenklich , überlegte offenbar diese Worte und ging wieder weiter . Hackert vergegenwärtigte sich die Kennzeichen , die ihm die Ludmer genannt hatte . Das Haar ist nicht echt , sagte er sich und las nun selbst die Inschrift , die Murray vor ihm gelesen hatte ... Murray war inzwischen weiter gegangen und flüsterte vor einem andern Denkstein die Inschrift lesend . Hackert bemerkte , daß sich das Haar verschob und unter ihm ein helleres sichtbar wurde . Er ist ' s ! sagte er sich . Indem murmelte Murray vor einem Kreuze von Gußeisen : Anbetung Ihm , der die große Sonne Mit Sonnen und Erden und Monden umgab , Der Geister erschuf , Ihre Seligkeit ordnete , Die Ähren hebt , der dem Tode ruft , Zum Ziele durch Einöden führt und den Wandrer labt , Anbetung Ihm ! Finden Sie nicht , sagte nun Murray , sich selbst zu dem nahegetretenen jungen Manne wendend , der wie er an den Gräbern Interesse zu nehmen schien , finden Sie nicht , daß alle diese Denksteine sich recht an den Tod anklammern wie an den einzigen Enthüller des großen Lebensräthsels ? Es ist doch schlimm damit . Man glaubt erst , wenn man an die Schwelle unsres Daseins tritt und in der Stille , die um einen Sterbenden waltet , es doch so gar sonderbar rascheln und flüstern hört , grade wie Sie immer so hinter mir her raschelten , ohne daß ich Sie sah . Hackert konnte nicht recht antworten . Er bemerkte , während Murray sprach , die Ohrlöcher , von denen ihm die Ludmer gesagt hatte . Sie waren verwachsen , aber unverkennbar . Murray ging ohne die Antwort abzuwarten weiter und sprach , halb lesend , an einem kleinen sehr geschmackvollen Denkmal von Marmor : Ein Kind von drei Jahren ? Der kurze Traum eines Schmetterlings ! Sehen Sie die Idee des Künstlers ! Ein Kind mit einem Schmetterling ! Wie es fürchtet , daß eben