kleinen Tierchen auf ihrem Schoße gespielt hatte . Unzählige Male mußte Agathe ihr versprechen , für den Papa zu sorgen , daß er alles genau so bekäme , wie er es gewohnt sei , immer bei ihm zu bleiben , ihn zu pflegen und lieb zu haben . Und Agathe versprach alles — wie sollte sie auch nicht ? Sie war ja nun mit ihrem Vater vereinigt in einem Kummer . Als Mama gestorben war , klammerten sie sich aneinander und weinten zusammen , wenigstens in den ersten Stunden nach ihrem Tode . Später fand Papa seine ruhige , würdige Haltung wieder , und Agathe verbarg ihre Thränen , um ihn nicht noch mehr zu betrüben . Ihr ganzes tägliches Dasein , ihre geringsten Handlungen waren nun gleichsam überschattet von dem Andenken der Toten . Unsichtbare Geisterhände regierten im Hause und leiteten nach wie vor alles dem Willen und den Eigentümlichkeiten der Dahingeschiedenen gemäß . Wie zu ihren Lebzeiten bürstete Agathe jeden Abend den Teppich im Wohnzimmer ab und rollte ihn zusammen , und jetzt fielen Thränen der Sehnsucht nach der Vergangenheit darauf nieder . Sie hätte nun den Haushalt führen können , wie sie wollte . Aber sie fand keine Freude mehr an diesem Gedanken . Sie leitete ihn auch nicht für sich , sondern betrachtete ihn als ein ehrwürdiges Vermächtnis der Toten . Die Verantwortung , welche sie übernommen hatte , peinigte sie , und sie hetzte sich ab in einer fieberhaften Thätigkeit , damit niemand ihr vorwerfen könne , sie zeige sich ihrer heiligen Aufgabe nicht gewachsen . Agathe stieg auf den Boden . Sie hatte begonnen , eine Inventur all der Dinge aufzunehmen , die nun ihrer Obhut unterstellt waren . Zu dem Zweck sollten auch die Kisten und Kasten dort oben untersucht werden . Bei dieser Gelegenheit bat Eugenie , die im Winter das von Walter langersehnte Töchterchen zu den zwei Jungen bekommen hatte , ihr von den kleinen Kindersachen zu geben , die Mama noch immer aufbewahrte . Mama war so eigensinnig gewesen in der Beziehung — sie gab nicht ein Stückchen heraus . Aber Agathe nützten die Sachen ja doch nichts mehr . Indem Agathe die letzte steile Treppe erklomm , fühlte sie plötzlich dasselbe Leiden , von dem ihre Mutter lange Jahre hindurch heimgesucht war ; thalergroße Stellen an ihrem Körper , in denen ein Schmerz tobte , als habe ein wütendes Tier sich dort mit seinen Zähnen festgebissen . Ihre Mutter wußte , warum sie dieses Qualen litt . Sie — die zarte Frau — hatte sechs Kinder geboren , und vier von ihnen hatte sie sterben sehen müssen . Da war es ja verständlich , daß ihre Kräfte erschöpft waren und die mißhandelte Natur sich rächte . In gewisser Weise war Mama immer stolz auf ihr Leiden gewesen . Sie trug es wie einen Teil ihres Lebens , als die Dornenkrone des Weibes — ihr von Ewigkeit her vorbestimmt . Wie kam Agathe als junges Mädchen , das geschont und gehütet war und niemals für das Menschengeschlecht auch nur das Geringste geleistet hatte , zu diesem schrecklichen Erbe ? Das war ja geradezu unnatürlich , war wie ein boshafter Hohn des Schicksals ! Der Gram um ihre Mutter ? War es nicht auch unnatürlich , wenn sie der Tod einer müden , alten Frau , die ihre Aufgabe erfüllt hatte , mit einer so maßlosen Verzweiflung ergriff , daß sie in jedem Augenblick des Alleinseins weinte und weinte und sich nicht zu fassen vermochte ? So ging es nicht weiter ! — Sie richtete sich ja zu Grunde ! Sie sah es ja — sie fühlte es ! Und sie faßte plötzlich den Entschluß , alle die Schmerzen des Leibes und der Seele durch die Kraft ihres Willens zu bezwingen . Sie sammelte alle Energie in sich und stachelte sie zum Kampf , richtete sie auf ein Ziel . — Sie begann zu lächeln und sich selbst einzubilden , nichts thue ihr weh . Sie raffte sich auf und ging mit leichten , elastischen Schritten , wie ein glücklicher , von Thatenlust überströmender Mensch an ihre Arbeit . Warme , dumpfe Luft erfüllte die Bodenkammer . Agathe stieß eine Dachluke auf . Ein Strom von Sonnenlicht schoß herein und verbreitete sich unter dem Balkengewirr , zwischen all den verstaubten Gegenständen , die im Laufe der Jahre hier heraufgewandert waren . Sie blickte durch das kleine Fensterchen . Die Schieferdächer der Stadt umgab ein leichter , bläulich-goldener Duft — von Ferne leuchtete die grüne Ebene des freien Landes mit ihren gelben Rapsfeldern und den Blütenbäumen an den Chausseen freundlich herüber . Agathe begann vor sich hinzusummen : Es blüht das fernste , tiefste Thal — Nun , armes Herz , vergiß die Qual , Es muß sich alles , alles wenden . . . Dabei zog sie eine Kiste hervor , schloß auf und kniete davor nieder . Obenauf lagen ihre Puppen . Als sie die verblichenen , zerzausten Wachsköpfchen wiedersah , wurde sie mit einer gewaltsamen Deutlichkeit in jenen Tag zurückversetzt , an dem sie sie eingepackt hatte . War es auch eine andere Bodenkammer , der Sonnenstrahl tanzte ebenso lustig in dem grauen Staubwust umher , und niemand hatte seitdem die Kiste geöffnet . Unter der rosenroten Decke fand sie , zerknittert und verdrückt , wie sie es in der glückseligen Aufregung ihrer siebzehn Jahre eilig hineingesteckt hatte , das feine , spitzenbesetzte Hemdchen . Sie wollte tapfer sein — sie wollte keine Thräne weinen . . . . Und erbleichend in der Anstrengung , die es sie kostete , packte sie hastig alle die hübschen kleinen Dinge in ihre Schürze , um sie Eugenie zu bringen , während sie ganz sinnlos noch immer vor sich hinsummte : Es blüht das fernste , tiefste Thal — Nun , armes Herz , vergiß die Qual , Es muß sich alles , alles wenden . . . Als sie sich aufrichtete , stieß sie an eine andere kleine Kiste . Es klirrte darin wie Glasscherben . Sie war angefüllt mit leeren Fläschchen , alle von der gleichen Größe . Dazwischen lagen Bündel bestaubter Etiquetten . Agathe nahm eine Handvoll heraus — sie trugen alle die gleiche Inschrift : — Heidlings Jugendborn . — Das war alles , was von Onkel Gustav auf Erden geblieben war . Agathe biß die Zähne in die Lippe . Nur nicht die leeren Hülsen gescheiterter Hoffnungen so hinter sich zurücklassen ! Nur tapfer sein , zu rechter Zeit einen Abschluß machen ! Im Eßzimmer wartete Eugenie . Als sie anfing , die lieben Sächelchen gegen das Licht zu halten , schadhafte Stellen mit dem Nagel zu prüfen , und ihr vieles nicht mehr gut genug war , als sie wegwerfend bemerkte : “ Mützen trägt jetzt kein Kind mehr , die kannst Du Dir pietätvoll einbalsamieren , ” hätte Agathe sie ins Gesicht schlagen mögen . Aber diese dumpfe Wut war thöricht — sie mußte auch überwunden werden . Agathe legte ihr freundlich beiseite , was sie gewählt hatte . Die Schwägerinnen küßten einander , und Frau Heidling junior entfernte sich in ihrer eleganten Trauertoilette mit dem Kreppschleier , der ihr lang und feierlich über den schlanken , geschmeidigen Rücken wallte . Sie würde den Burschen schicken , um den Korb zu holen . Nun noch das Spielzeug . Cousine Mimi Bär war vorstehende Schwester der Kinderstation im Krankenhause , die konnte dergleichen immer brauchen . Mimi war erfreut , als Agathe ankam , und forderte sie auf , ihre Gaben selbst unter die Kleinen zu verteilen . Wenn ' s nun auch nicht die eigenen sein konnten — es kam doch so jedenfalls Kindern zu gute . In dem großen , geweißten Saal saßen oder lagen sie reihenweise in ihren eisernen Gitterbettchen , armselige Geschöpfe , manche mit Gazeverbänden um die kleinen Köpfe , von Skropheln und Ausschlag entstellt oder von Fieber verzehrt , mit gereiftem , leidendem Ausdruck in den blassen Gesichtchen . Aber alles war hell und sauber , die Bettchen so schneeig — es machte doch einen traulichen Eindruck . Als Schwester Mimi eintrat , wendeten sich alle die Köpfchen ihr zu . Ungeduldige Stimmchen riefen ihren Namen . Sie ging von Reihe zu Reihe , mit einem behaglichen Frohsinn auf ihren großen Zügen unter der steifgestärkten Haube . Sie scherzte hier , strafte lustig dort — Agathe beneidete sie als friedliche Herrscherin hier in diesem Reich der Krankheit und des Todes . Sich überwinden — glücklich sein mit anderen — bis zur Selbstvergessenheit — bis zur Selbstvernichtung — das ist das Einzige — das Wahre ! Und sie verteilte alle ihre lieben Andenken unter die armen , geplagten Kinder des Volkes , sie spaßte und spielte mit ihnen . Da war ein kleines Mädchen — häßlich wie ein braunes Äffchen , aber voller Lebendigkeit , wie das die arme verblaßte Prinzessin Holdewina in ihrem Bettchen Purzelbäume schlagen ließ — nein , das war zu komisch ! Agathe verfiel in ein lautes Lachen — sie lachte und lachte . . . “ Aber Agathe , rege meine Kinder nicht auf , ” mahnte die ruhige Mimi . Agathe wollte sich zusammennehmen — die Thränen quollen ihr aus den Augen — das Lachen that ihr weh , es schüttelte sie wie ein Krampf — die Kleinen blickten furchtsam nach ihr , die Töne , die sie ausstieß , waren fern von Fröhlichkeit . Mimi nahm sie am Arm und trug sie fast hinaus . Sie öffnete ein Fenster und pflegte Agathe sorgsam und mit Bedacht , bis diese sich endlich beruhigte und zu Tode erschöpft auf Mimis Lager ruhte . “ Armes Kind , ” sagte Mimi mit ihrer überlegenen Güte , “ Du mußt etwas für Dich thun . Du bist sehr überreizt . ” Der Regierungsrat Heidling hörte von allen Seiten , daß seine Tochter sich durchaus eine Erholung gönnen müsse . Er selbst hatte nichts dergleichen bemerkt , sie war ja doch nicht krank und that ihre Pflicht . Aber da der Hausarzt es auch meinte , so sollte natürlich etwas geschehen . Ihm würde ein wenig Zerstreuung auch wohlthätig sein . Er vermißte seine arme Frau mit jedem Tage mehr . Agathe gab sich ja alle Mühe — aber die Frau konnte ihm so ein junges Mädchen ja doch nicht ersetzen . Seine Gewohnheiten waren trostlos gestört . So reiste er denn mit Agathe nach der Schweiz . Auf dem Wege besuchten sie Woszenskis für ein paar Stunden . Sie lagen noch immer in hartem Kampf mit der Tücke , der Häßlichkeit und Dummheit ihrer lebenden und toten Umgebung . Noch immer hinderten boshafte , mit seltsamen Gebrechen des Leibes und Geistes behaftete Köchinnen Frau von Woszenski am Arbeiten . Noch immer wurden auf dem Kunstmarkt lachende Neger und gut frisierte Jäger mehr begehrt als nackende Anachoreten und ekstatische Nonnen . Noch immer war es ein Leiden , daß Michel nichts essen mochte . Der Blödsinn seiner früheren Gymnasiallehrer wurde aber noch übertroffen von dem Stumpfsinn der Akademieprofessoren , unter denen er jetzt studierte . Noch immer hatte Herr von Woszenski die barocksten Pläne und Einfälle , und noch immer fehlte es ihm an Stimmung zu ihrer Ausführung . Sein langer Bart und das wirre Haar waren ergraut , die Adlernase trat noch schärfer hervor , die blauen Augen sahen aus tiefen Höhlen schwermütig in die närrische Welt . Mehr als je glich er seinen von wunderlichen Visionen heimgesuchten Anachoreten . Als Agathe auf dem mit einem verschossenen persischen Teppich bedeckten Divan saß , ihre Blicke über die buntbemalten , steifen Kirchenheiligen , die dunklen Radierungen an den Wänden und die gelben Einbände französischer Romane auf den geschnitzten Stühlen glitten , als sie den scharfen Duft des Terpentin und der ägyptischen Cigaretten in der Wohnung spürte , war es ihr zu Mut , als kehre sie aus einer sehr langen , öden und gehaltlosen Verbannungszeit in ihre Heimat zurück . Aber es war Thorheit , sich dem hinzugeben . Sie mußte noch an demselben Abend wieder Abschied nehmen . Und sie konnte so tiefe Empfindungen , wie sie sie einst in diesem Hause durchlebt , jetzt kaum noch in der Erinnerung vertragen . Sie hörte , daß Adrian Lutz sich verheiratet habe mit ihrer alten Pensionsgefährtin Klotilde , der Tochter des Berliner Schriftstellers . Die Ehe war nicht glücklich , — man sprach bereits von Scheidung . In Agathe regte sich Verachtung und Widerwillen der wohlerzogenen Bürgerstochter gegen das Unsichere , Schweifende solcher Künstlerexistenzen . Eine geschiedene Frau — hätte es so geendet , wenn sie die Seine geworden wäre ? Als Maler habe Lutz bei weitem nicht erreicht , was er einst versprochen . Seine Schülerin , Fräulein von Henning , habe ihn förmlich überholt . “ Das heißt — von Geist und Grazie hat die Person ja keinen Schimmer , ” sagte Frau von Woszenski . “ Aber die Energie ! Damit macht sie mehr , als hätte sie Talent ! Stellt in Paris im Salon aus . . . . ” “ Nun , Talent hat sie doch auch , ” meinte Woszenski gütig . “ Ach , mein Mann nimmt ' s mit den Damen nicht so genau , ” rief Mariechen und lachte scharf und laut . Agathe bemerkte wohl , daß ihrem Vater die Art von Woszenskis nicht sympathisch war . Wie sollte sie auch . Sie fragte , was aus dem Bilde geworden sei , an dem Herr von Woszenski damals arbeitete — die Ekstase der Novize . Ob er es verkauft habe . “ Ach , verkauft ! Ich arbeite noch daran . ” Er blickte über die Brille nachdenklich auf Agathe . “ Warum habe ich Sie nur damals nicht als Modell genommen ? ” Er brachte eine Farbenskizze zu dem neuen Entwurf . Es war im Laufe der Zeit ein völlig anderes Bild geworden . Statt des himmlischen Sonnensturmwindes , der die üppige rot und goldene Pracht des Hochaltars wirbelnd bewegte und in dem Tausende von Engelsköpfen die niedergesunkene Gottesbraut selig-toll umflatterten , glitt nun ein leichenhaftes , blaues Mondlicht durch den Säulengang eines Klosters . In dem stillen Geisterschein schwebte ein bleiches Kind mit einer Dornenkrone zu ihr hernieder . Die Nonne war nicht mehr das rosige Geschöpf , welches den kleinen Erlöser in ihren Armen empfing und mit unschuldig strahlendem Lächeln an ihr Herz drückte . Im Starrkrampf lag sie am Boden , die Arme steif ausgestreckt , als sei sie ans Kreuz geschlagen — die roten Wundenmale an der blassen Stirn und den wächsernen Händen . “ Man versucht eben auf mancherlei Weise auszudrücken , was man meint , ” sagte Woszenski leise : “ Mit den Jahren verändern sich dabei die Ideen . ” Er seufzte tief und stellte die Leinwand , die Agathe schweigend und lange betrachtet hatte , beiseite . “ Mein Freund Hamlet ” nannte Lutz einmal den grüblerischen Künstler . Und der Tag , an dem sie Lutz zum ersten Male gesehen , stand wieder vor Agathe . Zwischen damals und heute lag ihr Leben . Und nun nichts mehr ? Ein langsames Erstarren in Kälte und Entsagung ? Sie blickte nieder auf ihre wächsernen Hände und fast meinte sie , das blutige Stigma müsse dort sichtbar werden . . . . Was ihr für wunderliche , sinnlose Gedanken bisweilen kamen . . . . Acht Tage später saß Agathe auf der Veranda einer Schweizer-Pension und sah über Geranien- und Nelkentöpfe nach den hohen Bergen . Vom schwindenden Abendlicht wurden sie in braunviolette Tinten getaucht und standen mit ihren gewaltigen Linien gegen den südlich warmen blauen Himmel . Gott — war das schön ! — Auf alle ernsten , tiefen Menschen wirkt die große Natur beruhigend , erhebend , heilend . So mußte denn auch Agathe beruhigt , erhoben , geheilt werden . Es war das letzte Mittel . Es mußte helfen ! War es umsonst — dann — Ja dann ? — Sie wollte nicht daran denken , an die schreckliche Angst , die immer in ihrer Nähe lauerte , bereit , über sie herzustürzen . . . . Nur die Nächte . . . . Durch die lange Zeit des Wachens am Krankenlager ihrer Mutter hatte sie das ruhige Schlafen verlernt . Zwar nach den weiten Spaziergängen mit Vater sank sie , trunken von der Gebirgsluft , übermüdet in ihre Kissen und verlor sofort das Bewußtsein . Doch nach kurzem fuhr sie mit jähem Schrecken empor — es war , als hätte sie einen Schlag empfangen . — Etwas Furchtbares war geschehen . . . . ! Sie konnte sich nicht besinnen , was es gewesen . . . . Der Schweiß rieselte an ihr nieder , das Herz klopfte ihr . . . . O Gott , was war es denn nur ? Jemand war im Zimmer — dicht in ihrer Nähe ! — Es sollte ihr etwas Böses geschehen — sie fühlte es deutlich . Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie in die Dunkelheit . Sie mußte sich gewaltig zusammennehmen , daß sie nicht laut aufschrie in Furcht und Grauen . Dann redete sie sich Vernunft ein . Ihr Vater war ja nebenan . Sie horchte , es drang kein Laut zu ihr . Papa schlief ganz friedlich . Diebe . . . . ? In dem fremden Hotel . Es konnte ja sein — es war sogar wahrscheinlich . Wieder horchte sie angestrengt . Aber vorige Nacht hatte sie dasselbe durchgemacht und die vorige auch . Einbildung — alles war nur Einbildung . Kaum legte sie sich auf ihrem Lager zurecht — da war es auch schon wieder . . . . Das Fremde — Geisterhafte — Unbegreifliche . . . Was konnte es nur sein ? “ O Gott , lieber , lieber Gott , hilf mir doch , ” betete sie schaudernd und kroch mit dem Kopf unter die Decke . “ O Gott , lieber Gott , laß mich endlich wieder einschlafen ! ” — Aber kein Gedanke an Schlafen . Und sie lag und lauschte auf das harte Plätschern des Springbrunnens vor ihrem Fenster . Er hatte eine Sprache — aber sie verstand sie nicht . Er sang einen Rhythmus — sie mußte ihn doch endlich heraushören . . . . Vergebens . Immer das gleiche harte Plätschern . Wenn es doch einmal enden wollte — nur für eine Sekunde . . . . Es war ihr , als läge sie dort im Brunnen und das Wasser plätscherte auf ihre Stirn — immerfort — wie weh es that . — — Heut Mittag — der Herr ihr gegenüber an der Table d ' hôte . . . . Sonderbar sah er sie an . . . . Wenn er ihr auf einem einsamen Spazierwege begegnete . Und der Schiffer , der sie übergefahren , hatte sie auch mit dem Blick verfolgt . Er war eigentlich ein schöner Kerl . . . . Mein Gott , mein Gott — was ergriff sie denn ? War sie so tief gesunken , sich mit einem Schifferknecht zu beschäftigen ? Strafte Gott sie für ihr Abfallen vom Glauben , indem er sie der Gewalt des Teufels überließ ? Wenn es nun doch eine Hölle gab ? Ewige Verdammnis — ewige . . . Ewiges Bewußtsein seiner Qual . . . . . Schon fühlte sie ihre Schrecken in dieser Verlassenheit — diesem Ekel an sich selbst . — Adrian . . . . Adrian Lutz . . . . Ja , den allein hatte sie geliebt . O du Einziger , Schöner — Süßer . . . . Nein — es war ja gar nicht Adrian , an den sie eben dachte — es war Raikendorf . Und Raikendorf auch nicht . . . . Martin — Martin Greffinger ! Damals in Bornau hatte er sie doch lieb gehabt ! Hätte sie ihm den Kuß gegeben , um den er sie bat . . . . Sich dann mit ihm verlobt ! So viele Mädchen verloben sich mit Schülern . . . Martin hätte sie mit sich hinausgenommen in sein fremdes , abenteuerliches Leben . . . . Sie hätten für eine große Sache gekämpft , und sie wären selbst groß und frei und stark dabei geworden . O ja — sie hätte schon eine ganz tüchtige Sozialistin abgegeben ! Wie konnte sie nur von seiner warmen , schönen jungen Liebe damals so ungerührt bleiben ? — — Wenn Adrian sie verführt hätte — wie die Daniel ? O mein Gott ! Sie richtete sich auf und zündete Licht an . Die endlose Nacht war nicht zu ertragen ! Mit bloßen Füßen lief sie zum Fenster , lehnte sich hinaus und atmete die frische , düftegetränkte Bergluft . Wie müde — wie müde . . . In der Morgendämmerung schlief sie zuweilen noch ein . Unglücklicherweise hatte Papa die Leidenschaft der frühen Ausflüge . So wurde sie oft nach einer halben Stunde schon wieder geweckt . Und sie wagte ihm nicht zu sagen , daß sie schlecht schlief . Es würde ihm die Sommerfrische verdorben haben . Der Beginn des Tages war ja auch köstlich . Aber um zehn Uhr befand sich das Mädchen schon in einem Zustand von Abspannung und nervöser Unruhe , der nur durch eine krampfhafte Anstrengung aller Selbstbeherrschung verborgen werden konnte . Es war auch so schwül . Früh brannte und stach die Sonne in das weite , schattenlose , von den hohen Felsengebirgen umschlossene Thal . Abends entluden sich schwere Gewitter . Sie kühlten die Luft kaum . Nur ein feuchter Dampf quoll von den Matten , aus den Obstgärten , schwebte über dem wilden rauschenden Bergwasser , das den Ort durchströmte , und der warme Dunst senkte sich ermattend auf die nach Erquickung schmachtenden Menschen nieder . Dabei verging dem Regierungsrat die Lust , weitere Partieen zu unternehmen . Man saß auf der Veranda oder unter einer Edelkastanie des Hotelgärtchens — Agathe mit ihrer Handarbeit , Papa mit einer Cigarre und der Zeitung — so ziemlich , wie man daheim im Harmoniegarten auch gesessen hatte . War das Gewitter schon gegen Mittag eingetreten , so schlenderte man um die Zeit des Sonnenunterganges zum See hinaus . Sie hatten eine Gerichtsratsfamilie mit einer ältlichen Tochter zum Umgang gefunden — so blieb man hübsch in dem gewohnten Geleise der Unterhaltung . Agathe fragte sich zuweilen , warum sie eigentlich nach der Schweiz gereist waren . Sie sah die Felsenberge an in ihrer stummen , gewaltigen Größe — sie starrte in das eilig brausende Gewässer — sie betrachtete die Kastanien und Nußbäume , die thaufunkelnden Farne — die Granaten in den Gärten — die ganze schon südlich sie anmutende Vegetation — und an alle that sie die gleiche Frage . Die Felsen schwiegen in steinerner Ruhe , das Wasser brauste hinab zum See — die Granaten blühten , und die Bäume reiften ihre Früchte . Sie gaben Agathe keine Antwort . Und die aufdringliche Schönheit , die üppige Pracht dieser Natur ermüdete , beleidigte , empörte sie . Papa spielte Domino mit einem Herrn , der ihn kürzlich angeredet hatte , einem vielseitig gebildeten Mann , Professor in Zürich . Heut war er von einigen seiner Schüler im Vorüberwandern aufgesucht worden . Die jungen Männer tranken ihren Wein und aßen ihren Käse gleichfalls auf der Veranda . Die Thüren nach dem Eßsaal waren geöffnet . Plötzlich setzte einer der Studenten hastig seinen Kneifer auf und beugte sich vor . Drinnen ging ein Mann in einem grauen Anzug mit einem Strohhut vorüber . “ Herr Professor , ” rief der Student eifrig , “ da ist er — ich hatte doch recht ! Warten Sie — er wird gleich unten aus der Thür treten . ” Der Züricher Professor warf seine Dominosteine um in der Hast , mit der er aufsprang und sich über das eiserne Geländer bog . Auch die jungen Männer sahen hinaus . Dann wandte der Professor sich zurück und setzte sich wieder nieder . “ So — so — also das war der Greffinger . . . Hat mich doch interessiert , ihn gesehen zu haben ! ” “ Welchen Namen nannten Sie da ? ” fragte der Regierungsrat . “ Greffinger ! ” sagte der Professor , als genüge das und es brauche keine weitere Erklärung hinzugefügt zu werden . “ Papa ! ” rief Agathe mit der plötzlichen Lebhaftigkeit , die sie zuweilen erfaßte , “ ob es am Ende Martin war ? ” “ Ich habe einen Neffen dieses Namens , ” erklärte Regierungsrat Heidling obenhin . Die schweizer Studenten beobachteten den alten Herrn und die Dame mit Interesse . Es schienen wahrhaftig Verwandte von Martin Greffinger zu sein — und dabei wußten sie es selbst nicht einmal genau ! Heidling spielte mit der Hand in dem weichen grauen Bart. “ Ich habe lange nichts von dem jungen Manne gehört , ” sagte er , überlegend , wieviel er den Fremden von seinen Beziehungen zu Martin mitteilen dürfe , “ es freut mich aber , zu bemerken , daß Sie mit Achtung von ihm reden . Wenn wir in der That dieselbe Persönlichkeit meinen . . . ” “ Haben Sie Martin Greffingers letztes Buch nicht gelesen ? ” “ Halten Sie etwas davon ? ” erkundigte sich der Regierungsrat . “ Zweifellos ! Ich bin nicht mit allem einverstanden . Aber es ist ein tüchtiges und bedeutendes Buch . Es wird seinen Weg schon machen — in zwanzig Jahren wird man mehr davon reden als heut . Dieser Greffinger ist eine ganze , feste Persönlichkeit . Ich wollte , wir hätten mehr ihresgleichen . ” “ Nun — das freut mich — das freut mich . ” Der Regierungsrat beschloß , gelegentlich einmal in das Werk hineinzusehen . Er hielt es für richtiger , die Frage , ob er es kenne , offen zu lassen . “ Ich denke mir , daß Greffinger heut Abend wieder hier vorspricht , ” meinte der Student , der den Professor auf den Vorübergehenden aufmerksam gemacht hatte . “ Wir wollen doch unsere Frau Wirtin fragen , ob er Nachtquartier genommen hat , ” rief der Professor lebhaft . “ Es sollte mich wirklich freuen , wenn ich durch Sie Gelegenheit fände , den Mann persönlich kennen zu lernen ! ” “ Wir sind uns ziemlich fremd geworden , ” bemerkte der Regierungsrat ausweichend . Agathe amüsierte sich heimlich . Ihr Vater wurde den Menschen bedeutungsvoll , weil er ein Verwandter von Martin war ! Man erbat sich von ihm die Freude , Martin kennen zu lernen ! Wer das je gedacht hätte . . . . Das warme Gefühl für den Jugendfreund erwachte wieder . Käme er doch ! Der Nachmittag wurde ihr lang bei dem stillen Warten . Sie nahm jetzt ihren Hut , ein Stückchen durchs Dorf zu gehen . Die Studenten standen jetzt vor dem Hotel beieinander und unterhielten sich lachend . “ Köstlicher alter Kunde , ” hörte Agathe den Ältesten sagen , als sie vorüberging . Sie wußte , daß er damit ihren Vater meinte — ihren Vater , der ihr trotz allem , wodurch er sie gekränkt , als ein Mann erschien , an den ein abfälliges Urteil sich überhaupt nicht heranwagen würde . Köstlicher alter Kunde — sagte der Student von ihm . . . . Das Wort schnitt Agathe ins Herz . Sie fand es roh . Doch der junge Mann hatte ihr vorher keinen rohen Eindruck gemacht — er sah im Gegenteil intelligent und begeistert aus . Traurig ging sie an hohen Steinmauern entlang . Sie umgrenzten die Gärten der wohlhabenden schweizer Bürger , welche hier ihre Villen besaßen , und schlossen sie vor allem Fremden ab . Dicker , alter Epheu hing an ihnen nieder . So bestand der Ort aus einem weitläufigen Labyrinth enger Gänge . Niemals konnte Agathe sich zurechtfinden und wußte selten , in welchem Teil sie herauskommen würde . Am Ende der feuchten , grauen Gasse schimmerte bläulich der See . Agathe ging schnell und immer schneller , als fliehe sie vor etwas hinter ihr Liegendem , diesem fernen blauen Schein entgegen . Freilich würde es zu spät sein , ihn heut noch zu erreichen , aber sie wollte wenigstens einen ungehemmten Ausblick gewinnen . Und sie konnte nicht mehr traurig sein . Wenn sie heim kam , würde sie Martin finden ! Sie war ganz sicher , daß sie ihn sehen würde ! Plötzlich ließ sie den Gedanken an den See , wendete sich um und lief eilig heimwärts . Aber nun hatte sie einen falschen Gang eingeschlagen , und es dauerte ziemlich lange , bis sie das Hotel erreichte . Als sie heim kam , sah sie am Geländer der Veranda einen Herrn neben der Kellnerin stehen und über die roten Nelken zu ihr hinunter blicken . Sie erkannte Martin gleich , obschon er voller und älter geworden war . Mit ausgestreckten Händen kam er ihr entgegen . “ Agathe ! Das freut mich aber , Dich hier zu sehen ! ” Lachend , bewegt und erhitzt standen sie voreinander und blickten sich glücklich an . Es war , als seien die Jahre ausgelöscht und sie wieder der begeisterte Schüler und der frische Backfisch , die unter der Sommersonne im hohen Grase lagen und von Freiheit und Menschenglück träumten . Martin ließ Agathes Hände nicht aus den seinen . “ Du hast Dich gar nicht verändert , ” behauptete er kühn . “ Ist es denn wirklich so lange her , daß wir uns nicht gesehen haben ? Unglaublich ! ” Sie konnten nicht mehr nachrechnen , wie lange es wohl war . “ Seit ich Dir die verbotenen Bücher brachte ? — Ach , war das ein Unsinn ! Du warst doch viel zu fest angekettet . Sag ' mal — bist Du denn jetzt allein hier ? ” “ Nein — natürlich mit meinem Vater , ” antwortete Agathe erstaunt .