, weil sie vernünftige Schlüsse zieht und auf einem höheren Standpunkte steht als auf dem der › sogenannten Menschenliebe ‹ , die verdiente – einen Mann wie Sie , Herr Professor ! « Professor Normann war anfangs ganz starr vor Ueberraschung bei diesem Ausfall . Er war es bisher nur gewohnt , Grobheiten auszuteilen , und nun mußte er auch einmal eine echte , unverfälschte Grobheit in Empfang nehmen und noch dazu aus dem rosigen Munde eines jungen Mädchens . Das nötigte ihm bei alledem eine gewisse Hochachtung ab , so unangenehm es ihn traf . Und dabei sah das Mädchen so bildhübsch aus mit dem heißgeröteten Gesicht und den blitzenden Augen – es war , um aus der Haut zu fahren ! » Das ist also das Schlimmste , was Sie einer Frau wünschen können , – mich zum Mann ? « brach er endlich los . » Recht schmeichelhaft für mich , aber seien Sie nur unbesorgt , mein Fräulein , das Unglück passiert keiner Ihres Geschlechtes . Halten Sie mich nur für ein Ungeheuer , ich sage Ihnen noch einmal , ich halte gar nichts von der sogenannten Menschenliebe , ganz und gar nichts . Wie die Welt und das Leben nun einmal beschaffen sind , können wir nur gesunde , kraftvolle Menschen brauchen , keine Schwächlinge , die man mühsam aufpäppelt und die dann doch nichts leisten können . Was nicht lebenskräftig ist , dem ist auch besser , nicht zu leben ! Das lehrt uns die Natur , die Wissenschaft , die Vernunft , das sehen wir überhaupt – « Er hielt inne , denn ein schwacher Angstruf , dem ein lauter Aufschrei Doras folgte , unterbrach die Auseinandersetzung . Friedel hatte bereits den größten Teil des gefährlichen Weges zurückgelegt und setzte eben den Fuß auf einen Stein , als dieser plötzlich unter seinen Tritten wich , – der Knabe strauchelte , fiel und glitt dann unaufhaltsam abwärts . Wohl klammerte er sich im Sturze noch an ein Felsengesträuch , das die schmächtige Gestalt allein vielleicht festgehalten und getragen hätte , aber die schwere Tasche hatte bei dem jähen Falle die rettenden Zweige geknickt und zog ihn unaufhaltsam nieder . Nur einen Augenblick lang hing er dort an der Wand , dann verlor er den Halt und verschwand in der Tiefe . Dora Herwig war ein mutiges , entschlossenes Mädchen . Wohl stand sie eine Minute lang starr vor Entsetzen bei dem Unglück , das sich so unmittelbar unter ihren Augen zutrug , dann aber hielt sie sich nicht mit nutzlosen Angst- und Schreckensrufen auf , sondern setzte ihren Bergstock ein und begann den Weg , den sie eben zurückgelegt hatte , so rasch wie möglich wieder abwärts zu steigen . Nach ihrem Begleiter sah sie sich dabei gar nicht um , denn von ihm erwartete sie keine Hilfe . Aber da hemmte ein höchst unerwarteter Anblick ihre Schritte . An ihr vorüber sauste Professor Normann auf demselben steilen Felspfade , den er vorhin als halsbrechend bezeichnet hatte und der dem armen Friedel so verhängnisvoll geworden war . Der Weg war natürlich beim Abstieg noch weit gefährlicher als beim Emporklimmen , besonders wenn man diesen Abstieg in so tollkühner Weise unternahm wie der Professor . Er sprang , kletterte , rutschte , wie es gerade kam , als ginge es auf Tod und Leben , und verschwand gleichfalls vor den Augen des jungen Mädchens in der Tiefe . Als Dora endlich atemlos unten anlangte und nach dem Gestürzten spähte , sah sie , daß ihre schlimmste Befürchtung sich nicht bestätigte . Friedel war nicht in die eigentliche Tiefe gestürzt , sondern lag auf dem Wege selbst . Nur wenige Schritte seitwärts und der Abgrund hätte ihn zerschmettert aufgenommen , aber auch jetzt war der Anblick bedenklich genug . Der Knabe lag totenbleich und regungslos da , während von seiner Stirn das Blut niederrieselte und der Professor sich mit hastigen , ungeschickten Hilfeleistungen um ihn bemühte . » Ich glaube , der Junge ist tot , « sagte er in einem eigentümlich dumpfen Tone . » So ziehen Sie ihn doch vor allen Dingen seitwärts , « rief Dora heftig . » Er liegt ja dicht am Abhang und kann bei der ersten Bewegung von neuem stürzen . « Normann gehorchte . Er hob den Knaben auf und trug ihn seitwärts , dann stand er stumm da und blickte auf ihn nieder . Er hatte in dem Kleinen bisher nur den Diener gesehen , der regelmäßig und geräuschlos die gewohnten Dienste verrichtete und ihm bequem war , weil er ihn nicht in der Arbeit störte , und jetzt lag ein blutendes Kind vor ihm , leblos , mit geschlossenen Augen und dem scharf und deutlich ausgeprägten Leidenszug in dem blassen Gesichtchen . Das war ihm ganz neu . Er sah mit einer Art von hilfloser Bestürzung seine junge Begleiterin an , die ihm zurief : » So , nun geben Sie Ihre Feldflasche her ! Wir wollen versuchen , ihm Wein einzuflößen , oder ihm wenigstens die Schläfe damit reiben . Legen Sie ihm den Plaid unter den Kopf – so ! Vielleicht ist er nur ohnmächtig vom Sturze . « Sie kniete nieder und suchte mit ihrem Taschentuche das reichlich hervorquellende Blut zu stillen ; auch der Professor zog das seinige hervor , aber er hatte wahrscheinlich noch niemals in seinem Leben jemand solchen Beistand geleistet , denn er benahm sich dabei in der ungeschicktesten Weise . Zunächst goß er die Hälfte seiner bis an den Rand gefüllten Feldflasche über den Bewußtlosen aus , und als das nicht helfen wollte , faßte er ihn bei den Schultern und begann ihn derb zu schütteln , wobei er in halb angstvoller , halb zorniger Weise seinen Namen rief . Nora wollte unwillig auffahren , aber diese merkwürdige Behandlung hatte trotz alledem Erfolg . Friedel machte eine matte Bewegung und schlug gleich darauf die Augen auf . Er versuchte zu lächeln , als er das Fräulein erkannte , und griff mit der Hand nach der blutenden Stirn . » Bleib ruhig , Friedel , « ermahnte das junge Mädchen . » Rühre dich einstweilen nicht ! Schmerzt es sehr ? « Damit warf sie ihr eigenes blutgetränktes Taschentuch beiseite und ergriff das des Professors , mit dem sie einen notdürftigen Verband herstellte . » Ich weiß nicht , « sagte Friedet matt . » Es blutet ja – ich bin wohl gestürzt ? « » Natürlich ! « rief Normann , der seine innere Erleichterung sofort wieder mit Barschheit verdeckte . » Kopfüber bist du die Felswand heruntergeschossen und wir haben nachklettern müssen . « » Ich konnte wirklich nichts dafür , « entschuldigte sich Friedet , » der Stein brach los und die Tasche – « » Ungeschickt bist du gewesen ! « fuhr ihn der Professor an , gab jedoch dabei der seitwärts liegenden Tasche einen nachdrücklichen Fußtritt ; plötzlich aber hob er ohne weiteres den Knaben empor und stellte ihn auf die Beine . » Kannst du stehen ? Jetzt hebe einmal den Arm ! Nun , gebrochen wenigstens ist nichts und das Loch im Kopfe wird auch heilen . – Da wird er schon wieder ohnmächtig ! Solch ein Jammerwesen ! « Er fing den Sinkenden noch rechtzeitig auf und legte ihn nieder . Jetzt aber schritt Dora ein und verbat sich nachdrücklich diese Behandlung . » Ueberlassen Sie mir den Friedel , « sagte sie in gereiztem Tone , » Ihre sogenannten Hilfeleistungen sind ja schlimmer als der Sturz vom Felsen . Haben Sie wenigstens die Güte , nach der Alm vorauszugehen und ein paar Leute herzusenden , die den armen Jungen tragen , denn daß er nicht gehen kann , sehen Sie doch hoffentlich ein , « Normann blickte auf den Knaben nieder , der sich unter Doras Bemühungen schon nach wenigen Minuten wieder erholte , und schüttelte unwirsch den Kopf . » Damit er noch dazu den Sonnenstich bekommt , « brummte er . » Hier in der Nähe ist ja nirgends ein Schattenplatz zu finden , und ehe jemand von der Alm kommt , vergeht eine Stunde – da trage ich ihn lieber selbst . « Dora sah ihn in wortlosem Erstaunen an . Es war freilich das beste , wenn der kaum notdürftig verbundene Knabe so bald als möglich nach der Alm geschafft wurde , wo man ihm die nötige Hilfe leisten konnte , daß aber Professor Normann sich selbst dazu erbot , erschien ihr doch sehr sonderbar . Dieser wartete übrigens gar nicht ihre Antwort ab , sondern hob den Knaben von neuem empor ; die empfangene Zurechtweisung schien indessen doch gefruchtet zu haben , denn es war eine merkwürdig schonende und vorsichtige Bewegung , mit der er ihn in die Arme nahm , während seine Stimme schon wieder sehr befehlshaberisch klang . » Jetzt legst du den Kopf an meine Schulter und rührst dich nicht – so ! Und nun kannst du zum drittenmal ohnmächtig werden , wenn es dir Vergnügen macht ! « Er trat mit dem Knaben in den Armen den Rückweg an , während Dora folgte . Die schmächtige Gestalt Friedels war keine schwere Last , aber auf dem steilen , schattenlosen Bergwege , auf welchen die Sonne in voller Mittagsglut niederbrannte , machte sie sich doch sehr fühlbar , zumal für den Herrn Professor , der nicht gewohnt war , irgend etwas zu tragen . Jetzt keuchte er und verlor den Atem , jetzt rann ihm der Schweiß in Strömen von der Stirn . Er ging zwar unverdrossen weiter , aber sie wurde ihm doch blutsauer , diese erste Leistung im Dienste der » sogenannten Menschenliebe « . Die Wohnung des Professors Herwig in Schlehdorf war ziemlich einfach , wie man es in dem kleinen Bergorte nicht anders erwarten konnte , und ließ manche der gewohnten Bequemlichkeiten vermissen , aber das Häuschen war freundlich und sauber und hatte die volle Aussicht auf das Gebirge . Ein kleiner Garten trennte es von dem Nebenhause , wo sich Professor Normann angesiedelt hatte , und selbstverständlich verkehrte man bei der nahen Nachbarschaft täglich miteinander . In dem großen , zu ebener Erde gelegenen Zimmer , das Herwig bewohnte , saßen die beiden Herren in angelegentlichem Gespräche und hatten sich so darin vertieft , daß sie weder den schönen Sonnenuntergang noch den Gesang beachteten , der durch das offene Fenster hereindrang . Draußen in der Laube saß Dora und bemühte sich , dem Friedel einige Lieder beizubringen . Er schien auch ein gelehriger Schüler zu sein , denn er sang mit schwacher , aber vollkommen reiner Stimme die Melodie nach , die er schnell begriff . » Wie ich Ihnen sage , « schloß Herwig soeben eine längere Auseinandersetzung . » Professor Welten geht im nächsten Frühjahr nach Wien ; die Verhandlungen schweben augenblicklich noch , aber er wird jedenfalls annehmen . Ich weiß aus bester Quelle , daß man Sie sehr gern für unsere Universität gewinnen möchte , allein Sie hatten ja bisher eine entschiedene Abneigung gegen jede umfangreichere Lehrtätigkeit und wollten sich nicht binden . « » Ja – bisher ! « sagte Normann mit einer gewissen Verlegenheit , die seinem Kollegen aber vollständig entging , denn dieser fuhr lebhaft fort : » Ich hoffe , Sie nun endlich umgestimmt zu haben . Glauben Sie mir , es ist doch ein erhebendes Wirken vom Lehrstuhl aus , und wir brauchen eine jüngere tüchtige Kraft , wenn Welten uns verläßt . Ich zweifelte nur bisher , ob Sie eine etwaige Berufung annehmen würden , denn – der Gesang da draußen stört Sie wohl ? Dora hätte sich auch einen anderen Platz dazu aussuchen können ! Wir wollen das Fenster schließen . « Er machte eine Bewegung nach dem Fenster hin , denn er hatte bemerkt , daß Normann , anstatt auf ihn zu hören , unausgesetzt dorthin blickte . Aber wie ein Stoßvogel schoß der Professor herbei und stellte sich davor . » Wozu denn ? Ich höre gar nicht darauf – es ist doch etwas heiß im Zimmer ! « » Nun , wie Sie wollen , « sagte Herwig . » Was also unser Heidelberg betrifft , so sind Ihnen die akademischen Verhältnisse ja hinreichend bekannt , die gesellschaftlichen Kreise sind sehr angenehm und die schöne Lage der Stadt kommt doch auch in Betracht bei einer etwaigen Uebersiedlung . « » Ich gehe nie in Gesellschaft , « erklärte Normann in seiner gewohnten Schroffheit . » Und aus der Lage mache ich mir gar nichts . Sie wissen ja , ich bin nicht angelegt für Landschaften . « » Ja , das weiß ich und habe es auch aufgegeben , Sie zu bekehren – aber Dora , was soll denn das ? Hören Sie nur , das übermütige Mädchen hat jedenfalls Ihre letzten Worte gehört und macht sich lustig über Sie ! « Dora hatte in der That ein angefangenes Lied in der Mitte abgebrochen und urplötzlich ein anderes angestimmt . Sie besaß eine etwas verschleierte , aber liebliche Stimme , und durch die Abendstille ringsum klang es weich und lockend : » Alt Heidelberg , du feine , Du Stadt an Ehren reich , Am Neckar und am Rheine , Kein ' andre kommt dir gleich . « Bei der zweiten Strophe fiel Friedel ein , noch etwas schüchtern und unsicher , aber die Melodie wurde ihm schnell geläufig und den dritten Vers sang er tapfer mit . » Ja , Fräulein Dora scheint förmlich etwas darin zu suchen , mir bei jeder Gelegenheit einen Possen zu spielen , « sagte Normann in grollendem Tone . » Den Friedel hat sie mir überhaupt fortgenommen und thut , als wäre er ihr ausschließliches Eigentum . Ich bekomme den Jungen gar nicht mehr zu Gesicht ! Und jetzt lehrt sie ihn gar singen – singen , weil sie weiß , daß ich das nicht leiden kann . Aber gnade ihm Gott , wenn er sich einfallen läßt , bei mir zu singen ! « Indessen stand der Herr Professor trotz aller Entrüstung unverrückbar am Fenster , um den ihm bereiteten Aerger recht gründlich zu genießen . Herwig geriet in einige Verlegenheit , denn die Beschwerde war wirklich nicht ganz unbegründet . Dora stand mit seinem Kollegen nun einmal auf dem Kriegsfuße und ließ sich durchaus nicht zu der schuldigen Ehrfurcht bewegen . Selbst der Vater richtete mit seinen Ermahnungen nichts aus , und auch jetzt zuckte er nur die Achseln . » Sie müssen Nachsicht mit dem Uebermut haben . Ich gebe ja zu , daß meine Tochter etwas verzogen und eigenwillig ist . Sie hat früh die Mutter verloren und weiß nur zu gut , daß sie die erste Stelle im Herzen und im Hause des Vaters einnimmt , wo sie die Hausfrau vertritt . In der Gesellschaft wird sie nun vollends verwöhnt , die Studenten machen ihr eifrig den Hof und die jüngeren Dozenten thun das auch , zum Teil wohl mit ernsteren Absichten , Da bildet sich solch ein junges Ding ein , es dürfe mit aller Welt spielen , und vergißt bisweilen , was es einem Manne von Ihren Jahren und Ihrer Bedeutung schuldig ist , « Die gutgemeinte Entschuldigung hatte nicht die beabsichtigte Wirkung . Herr Professor Normann verzog den Mund , als gäbe man ihm etwas sehr Bitteres zu kosten . » Von meinen Jahren ? « wiederholte er gedehnt . » Für wie alt halten Sie mich denn eigentlich ? « » Ich denke , Sie werden in der Mitte der Vierzig stehen . « » Bitte , ich bin erst neununddreißig ! « » Nun , nehmen Sie es mir nicht übel , « lachte Herwig . » Sie sehen wirklich älter aus . Aber das darf Ihnen gleichgültig sein , in der Wissenschaft zählen Sie unbedingt noch zu den Jüngeren . « Das Gespräch wurde hier unterbrochen ; die Hauswirtin trat ein und berichtete , der Kutscher , der den Herrn Professor und das Fräulein morgen nach der Bahn bringen solle , sei da und möchte wegen der Abfahrtszeit und des Gepäckes noch mit den Herrschaften reden . » Ich werde wohl selbst mit dem Manne sprechen müssen , « meinte Herwig , indem er aufstand . » Wir sehen uns ja noch vor der Abreise , lieber Kollege , Sie werden froh sein , wenn Sie die unruhige Nachbarschaft endlich los sind ! « Der Herr Kollege war so unhöflich , nicht zu widersprechen , aber er sah nicht gerade besonders froh aus , als er sich gleichfalls erhob und das Zimmer verließ ; er schien im Gegenteil recht übler Laune zu sein , trotzdem die ersehnte Ruhe und Stille nun in sicherer Aussicht stand . Draußen in der Laube saß Dora und ordnete ihre Skizzen und Zeichnungen , die während des Aufenthaltes in Schlehdorf entstanden waren und nun eingepackt werden sollten . Es waren einige Landschaften in Wasserfarben und einige Studienköpfe darunter , und die sämtlichen Arbeiten verrieten zwar keine hervorragende künstlerische Begabung , aber doch ein hübsches , frisches Talent . Friedel legte die einzelnen Blätter in die Mappe und verschlang sie dabei fast mit den Augen . Er trug noch eine breite , frische Narbe auf der Stirn , ein Erinnerungszeichen an jenen Sturz vom Felsen , sonst aber hatte er sich merkwürdig verändert in den letzten vier Wochen . Seine Haltung war freier und kräftiger , sein Aussehen frischer geworden , und statt der krankhaft bleichen Farbe zeigte sich bereits eine leise Röte auf seinen Wangen . Die dunklen Ränder um die Augen waren verschwunden , ebenso wie das Scheue , Gedrückte in seinem Wesen . Er trug auch nicht mehr die dürftige , abgetragene Kleidung , die er mitgebracht hatte , sondern einen nagelneuen Anzug , und die Joppe mit den grünen Aufschlägen und das Lodenhütchen standen ihm allerliebst , man sah es jetzt erst , daß der Friedel eigentlich ein sehr hübscher Junge war . Das arme , verkümmerte Stadtkind , das zum erstenmal die frische Bergesluft hatte atmen dürfen , zum erstenmal Freiheit und Freude kennen gelernt hatte , war förmlich aufgeblüht bei dieser heilkräftigen Arznei . In das muntere Geplauder , das Dora mit ihrem Schützling führte , kam der Herr Professor wie ein Ungewitter hineingefahren und störte die ganze Gemütlichkeit . » Hast du denn ganz vergessen , daß es sieben Uhr ist ? « schalt er . » Deine Abendmilch sollst du trinken , pünktlich soll sie getrunken werden ! Da nahm ich den Jungen auf das unnütze Drängen des Doktors hin mit in die Berge , damit er ein menschliches Aussehen bekommen soll , und nun sitzt er da und guckt Bilder an , statt seine Milch zu trinken , um dann natürlich als das gleiche Jammerwesen nach Hause zurückzukehren . Auf der Stelle gehst du nach dem Kuhstall ! « Dora hatte erstaunt zugehört . » Aber Herr Professor , « rief sie , » das klingt ja fast nach der dummen Menschenliebe , die Sie jüngst so verurteilt haben ! – Geh nur , Friedel , « fuhr sie fort , » ich werde schon allein fertig . Da nimm meinen Hut mit und trage ihn in das Haus ! « Der Knabe warf einen wehmütigen Abschiedsblick auf die Zeichnungen , die er gar zu gern noch einmal angesehen hätte , aber er gehorchte , nahm den Hut – es war das Filzhütchen mit dem blauen Schleier , das Dora stets auf den Bergwanderungen getragen hatte – und trottete davon . Das junge Mädchen sah ihm nach und fragte dann den Professor : » Finden Sie nicht , daß der Friedel sich merkwürdig erholt hat in den vier Wochen ? « » Das finde ich gar nicht merkwürdig , « versetzte Normann . » Der Junge wird ja gepäppelt und verhätschelt und verwöhnt wie ein Prinz . Und einen neuen Anzug habe ich ihm auch kaufen müssen , der ein Heidengeld kostet ! « » Er sieht aber so hübsch darin aus ! Uebrigens bat ich nur ganz bescheiden um ein neues Jäckchen , da kauften Sie den ganzen Anzug und noch dazu vom teuersten Stoff , « » Weil ich mich schämte , daß der Junge in seinen Lumpen den ganzen Tag mit uns herumläuft . Sie nehmen ihn ja überall mit , es geht gar nicht mehr ohne ihn , und dabei trägt er höchstens Ihre Skizzenmappe , weil er sich beileibe nicht anstrengen soll . Ich muß mir meine Sachen selber tragen , ich werde überhaupt gar nicht mehr gefragt , eine förmliche Tyrannei wird über mich ausgeübt . « » Friedel befindet sich aber sehr gut bei dieser Tyrannei , « sagte Nora ruhig , » und Sie auch , Herr Professor . « » Bitte , ich befinde mich sehr schlecht dabei , denn der Junge wird mir in Grund und Boden verdorben . Ich hatte ihn mir so schön angelernt . Er wagte früher in meinem Zimmer nicht den Mund aufzuthun , – jetzt schwatzt er nur so drauf los , fängt sogar an , aufzumucken . Bei jeder Gelegenheit bekomme ich zu hören : Fräulein Dora mag das aber nicht ! Fräulein Dora will das aber so haben ! Und dann thut er natürlich , was das gnädige Fräulein will , und kümmert sich den Kuckuck um mich und meine Befehle . « » Ja , warum lassen Sie sich das gefallen ? « fragte Dora . » Ich thäte es eben nicht an Ihrer Stelle ! « Dabei nahm sie ihren Sonnenschirm von der Bank und lehnte ihn seitwärts an das Holzgitter . » Ja , warum lasse ich mir das eigentlich gefallen ? « wiederholte Normann in hochgradiger Entrüstung und nahm schleunigst den leer gewordenen Platz auf der Bank ein . » Sie kümmern sich ja gar nicht um meinen Widerspruch . « » Nein , und ich leide es auch nicht , daß der Friedel wieder zur Maschine gemacht wird wie früher . Was gedenken Sie denn eigentlich mit ihm anzufangen , wenn Sie wieder in der Stadt sind ? « » Die Stiefel soll er mir putzen ! « erklärte der Professor mit grimmigem Behagen . » Oder glauben Sie etwa , daß ich ihn so weiter verhätscheln werde wie Sie , mein Fräulein ? Schwindsüchtig ist er nicht , nur verkümmert , hat der Arzt gesagt , er braucht nur Luft , Bewegung , kräftige Kost . Nun , die hat er jetzt , und wenn er dabei gesund wird , um so besser für ihn ! Dann aber ist es zu Ende mit dem Herrenleben , dann muß er wieder Stiefel putzen , vom Morgen bis zum Abend . « » Haben Sie denn eine so unendliche Menge Stiefel ? « rief das junge Mädchen und brach in ein helles Gelächter aus , das den Professor vollends zur Verzweiflung brachte . » Lachen Sie nicht , Fräulein Dora , « sagte er zornig . » Ich muß dringend bitten , daß Sie mich nicht auslachen , mich – « » Den Professor Julius Normann , die Leuchte der Wissenschaft , die so viele Stiefel besitzt , daß man vom Morgen bis zum Abend daran zu putzen hat , « ergänzte Dora und lachte , daß ihr die Thränen in die Augen traten . » Das möchte doch über die Kräfte des armen Friedel gehen , und ich wollte Ihnen auch ohnedies einen ganz anderen Vorschlag machen . « » Soll der Junge etwa Opernsänger werden ? « fragte Normann boshaft . » Oder soll ich ihn studieren lassen , damit er dereinst auch eine Leuchte der Wissenschaft wird ? « » Das gerade nicht , aber Aehnliches . Sehen Sie sich einmal dies an – Friedels erste künstlerische Leistung ! « Dora zog aus der Mappe ein einzelnes Blatt hervor und reichte es dem Professor , der es sehr mißtrauisch in Empfang nahm . Aber kaum hatte er einen Blick darauf geworfen , so fuhr er in heller Wut auf . » O dieser infame Schlingel , das ist also seine Dankbarkeit ! Jetzt zeichnet er mich als Vogelscheuche . Nun , der kann sich freuen , wenn er mir unter die Hände gerät ! « Um die Lippen der jungen Dame zuckte es von neuem bei diesem Wutausbruche , aber sie bemühte sich , diesmal ernst zu bleiben . » Ah , Sie erkennen also doch das Bild ? « » Natürlich , es ist ja sprechend ähnlich . Aber das hat er Friedel nun und nimmermehr allein gemacht , dabei haben Sie ihm geholfen . « » Ich habe auch nicht einen Strich daran gezeichnet , er hat es ganz heimlich gethan und wollte mir das Blatt durchaus nicht geben , als ich ihn dabei überraschte . So sehen Sie aus , wenn Sie übler Laune sind , und das sind Sie eigentlich immer . « Das war dem Professor zu viel , er sprang auf . » Was , so soll ich aussehen ? Bin ich ein Popanz , mit dem man die kleinen Kinder zu Bette jagt ? Habe ich eine solche Nase , eine solche Urwaldsmähne ? « » Die Nase ist allerdings etwas zu groß geraten , aber Stirn und Augen sind vorzüglich getroffen , und Ihr Haarwuchs – Sie sehen wohl nie in den Spiegel , Herr Professor ? « » Nein ! « schnaubte Normann , der immer erregter wurde , je mehr er das Bild anblickte , das allerdings nicht besonders schmeichelhaft war . » Nun , dann thun Sie es morgen und dann lassen Sie dem Friedel Gerechtigkeit widerfahren ! Bei Ihrer Urwaldsmähne – bitte , das Wort stammt von Ihnen – hat er wirklich nicht übertrieben , die ist naturgetreu . « » Soll ich sie vielleicht abschneiden und mit geschorenem Kopfe umherlaufen wie ein Sträfling ? « » Nein , Sie sollen es vorläufig nur mit etwas Haaröl versuchen , vielleicht würden Sie dann menschlicher aussehen . « Der Professor fuhr mit beiden Händen durch die Haare . » Ich sehe also unmenschlich aus ? Unmenschlich ! Meinten Sie das , Fräulein Dora ? « » Ganz unmenschlich , Herr Professor , « sagte Dora kaltblütig , » und nun geben Sie mir das Bild zurück ! « » Erst will ich es dem Jungen um die Ohren schlagen , « erklärte Normann , aber die junge Dame verhinderte ihn an dieser freundlichen Absicht , indem sie ihm das Blatt einfach fortnahm und es in die Mappe legte . » Bitte , ich nehme es mit nach Heidelberg und zeige es meinem Lehrer , der einer unserer angesehensten Maler ist . Ich weiß freilich im voraus , was er sagen wird ! » Wenn der Knabe das wirklich ohne jeden Unterricht , ohne die geringste Anleitung gezeichnet hat , dann ist er ein gottbegnadetes Talent , das man fördern muß . « « » Oho , also darauf läuft es hinaus ? « rief der Professor , dem jetzt in der That ein Licht aufging . » Einen Maler wollen Sie aus dem Jungen machen , weil er mit Bleistift irgend etwas hingekritzelt und mich zur Vogelscheuche gemacht hat ! Sie denken es sich wohl sehr romantisch , so ein › gottbegnadetes Talent ‹ in Lumpen zu entdecken und der Welt einen modernen Raffael zu geben , junge Damen denken sich das immer so . Das ist ja so rührend , so menschenfreundlich , so erhaben – der Kuckuck hole all die schönen Gefühle , mit denen so viel Unheil angerichtet wird in der Welt . Ich , das wissen Sie – « » Ja , Sie stehen natürlich wieder auf dem höheren Standpunkte , « unterbrach ihn Dora . » Sie halten gar nichts von der sogenannten Menschenliebe , das weiß ich . « » Und darum leide ich es nicht , daß dem Jungen Mucken in den Kopf gesetzt werden , « erklärte Normann , den der Spott vollends reizte . » Da soll er wohl gar Zeichenunterricht haben , soll sich einbilden , er könne ein großer Maler werden , sich an ein Herrenleben gewöhnen , und dann wird schließlich nichts daraus , dann bleibt er mit seinem sogenannten Talente elendiglich sitzen oder wird Stubenmaler , und dann ist er erst recht unglücklich , denn die Mucken gehen nicht so leicht wieder aus dem Kopfe , wenn sie erst einmal drin sind . Nein , mein Fräulein , daraus wird nichts ! Sie nennen es wahrscheinlich auch Menschenliebe , solch einen Burschen ohne weiteres seinem Lebenskreise zu entreißen und ihn aufs Geratewohl in einen anderen zu versetzen , ich sage Ihnen , das ist ein Unglück für ihn , und diesmal stehe ich ganz entschieden auf dem höheren Standpunkte , ganz entschieden . « Die Entschiedenheit half dem Herrn Professor vorläufig sehr wenig . Dora schloß die Mappe und sagte dann so gelassen , als habe sie die freundlichste Zustimmung gefunden : » Mein Urteil ist natürlich nicht maßgebend , aber wenn mein Lehrer es bestätigt , so muß irgend etwas für Friedel geschehen . Mein Vater ist leider nicht reich genug , um solche Opfer zu bringen , Sie sind vermögend , also müssen Sie es thun . « » Ich muß ? « wiederholte Normann , ganz starr über diese Wirkung seiner hitzigen Erklärung . » Also weil Kollege Herwig die Dummheit nicht machen kann , muß ich sie machen ? Das ist ganz selbstverständlich ? Aber da irren Sie sich denn doch , mein Fräulein . Der Friedel ist ein Taglöhnerkind und muß sich durch die Welt schlagen , wie alle seinesgleichen es thun , der bleibt beim Stiefelputzen – Punktum ! « Er setzte sich mit einem hörbaren Ruck auf die Bank nieder , um seinen Worten mehr Nachdruck zu geben , und dachte mm mit diesem » Punktum ! « fertig zu sein ; aber er unterschätzte seine jugendliche