, und ich verweigerte es ihm . “ „ Und wer steht Dir dafür , daß er den Versuch nicht wiederholt ? “ „ Reinhold ? Da kennst Du ihn nicht ! Ich habe ihn von meiner Schwelle gewiesen ; jetzt betritt er sie sicher nicht zum zweiten Male . Er kannte von jeher Alles , nur das Eine nicht , sich zu demüthigen . “ „ Wenigstens hatte er Tact genug , Mirando so bald wie möglich zu verlassen , “ sagte Erlau . „ Diese Nähe wäre auch auf die Dauer nicht zu ertragen gewesen . Aber viel nützte uns seine Entfernung auch nicht , denn nun tauchte Marchese Tortoni auf , der Dir so ununterbrochen von seinem Freunde vorschwärmte , daß ich mich endlich genöthigt sah , ihm einen Wink zu geben , daß dieses Thema sich bei uns auch nicht der geringsten Sympathie erfreue . “ „ Vielleicht thatest Du das zu deutlich , “ warf Ella leise hin . „ Er hatte ja keine Ahnung davon , was er mit diesem Punkte berührte , und Deine schroffe Ablehnung desselben muß ihm nothwendig aufgefallen sein . “ „ Meinetwegen ! So soll er sich von seinem vielbewunderten Freunde den Commentar dazu geben lassen . Sollte ich es vielleicht dulden , daß Du eine stundenlange Verherrlichung Signor Rinaldo ’ s aushieltest ? Freilich , hier sind wir nicht viel besser daran . Man kann ja keine Zeitung in die Hand nehmen , keinen Besuch empfangen , kein Gespräch führen , ohne auf diesen Namen zu stoßen ; das dritte Wort ist Rinaldo . Er scheint es der ganzen Stadt angethan zu haben mit seinen Tönen und mit seiner neuen Oper , die man hier als eine Art Weltereigniß zu betrachten scheint . Armes Kind ! und zu dem Allen mußt Du still halten , mußt es mit ansehen , wie dieser Mann in Siegen und Triumphen förmlich schwelgt , wie er den Gipfel des Glückes erstiegen hat und sich unangefochten dort behauptet . “ Die junge Frau stützte den Kopf in die Hand , so daß diese ihr Gesicht beschattete . „ Vielleicht täuschest Du Dich doch . Er mag berühmt und gefeiert sein wie kein Anderer , glücklich – ist er nicht . “ „ Das freut mich , “ sagte der Consul heftig , „ das freut mich ganz außerordentlich . Es gäbe auch kein Recht und keine Gerechtigkeit mehr in der Welt , wenn er es wäre . Und daß er Dich gesehen hat , so wie Du Dich jetzt zeigst , trägt hoffentlich auch nicht sehr zu seinem Glücke bei . “ Er war bei den letzten Worten aufgestanden und ging mit der alten Lebhaftigkeit im Zimmer auf und nieder . Es trat ein kurzes Stillschweigen ein , das Ella endlich unterbrach . „ Ich habe eine Bitte an Dich , lieber Onkel . Willst Du sie mir erfüllen ? “ Erlau blieb stehen . „ Gern , mein Kind . Du weißt , daß ich Dir so leicht nichts abschlage . Was wünschest Du ? “ Ella hatte den Blick auf den Boden geheftet , und sie blickte auch nicht auf während des Sprechens . „ Es heißt , daß Rein – daß Rinaldo ’ s neuestes Werk übermorgen in Scene gehen soll “ „ Ja wohl , und dann wird es vollends nicht mehr auszuhalten sein mit der Vergötterung , “ grollte Erlau . „ Du wünschest dem ersten Lärm darüber zu entgehen ? Ich begreife das vollkommen ; wir wollen auf acht oder vierzehn Tage in das Gebirge fahren . So lange muß Doctor Conti mir Urlaub geben . “ „ Im Gegentheil ! Ich wollte Dich bitten – mit mir die Oper zu besuchen “ Der Consul blickte sie mit der Miene äußerster Befremdung an . „ Wie , Eleonore ? Ich habe wohl nicht recht gehört ? Du willst an dem Tage in das Theater , das Du bisher entschieden geflohen hast , sobald der Name Rinaldo damit in Verbindung stand ? “ Trotz der beschattenden Hand sah man es deutlich , wie die tiefe Röthe , die das Antlitz der jungen Frau färbte , bis zu den Schläfen emporstieg , als sie kaum hörbar erwiderte : „ Ich habe es nie gewagt , das Opernhaus daheim zu betreten , wenn seine Töne es beherrschten . War es mir doch immer , als müßten sich aller Augen auf mich richten und mich suchen , selbst im dunkelsten Hintergrunde unserer Loge . In Deinen Salons und in denen unserer Gesellschaftskreise hörte ich selten oder nie jene Compositionen . Man vermied sie , sobald ich zugegen war ; man kannte ja das Geschehene und suchte mich in jeder Weise zu schonen . Ich habe es nie versucht , diesen Kreis schonender Rücksicht zu durchbrechen , den Ihr Alle um mich gezogen hattet , vielleicht war ich zu feig dazu , vielleicht auch verbittert . Jetzt , “ sie erhob sich plötzlich mit einer heftigen Bewegung und ihre Stimme gewann volle Festigkeit , „ jetzt habe ich Reinhold wieder gesehen ; jetzt will ich ihn auch in seinen Werken kennen lernen – ihn und sie . “ Erlau blieb bei seinem Staunen ; die Sache überraschte ihn augenscheinlich auf ’ s Höchste , aber man sah es deutlich , daß er nicht gewohnt war , seinem Lieblinge irgend etwas zu versagen , selbst wenn es ihm bedenklich erschien . Für den Augenblick jedoch wurde er einer directen Zusage enthoben , denn der Diener trat ein mit der Meldung , daß Doctor Conti soeben vorgefahren sei , und daß auch Herr Capitain Almbach sich im Empfangszimmer befinde . „ Dieser Capitain ist doch von einer beneidenswerthen Unbefangenheit , “ sagte der Consul . „ Trotz allem , was zwischen Dir und seinem Bruder geschehen ist , macht er nach wie vor ganz ruhig sein Verwandtenrecht geltend , als wäre nicht das Geringste vorgefallen . Das kann auf der ganzen Welt auch nur Hugo Almbach fertig bekommen . “ „ Siehst Du seine Besuche nicht gern ? “ fragte Ella . „ Ich ? “ Erlau lächelte . „ Kind , Du weißt ja , daß er mich gerade so vollständig erobert hat , wie Jeden , den zu erobern er sich überhaupt vornimmt , vielleicht einzig meine Eleonore ausgenommen , vor der er einen ganz unglaublichen Respect zu hegen scheint . “ Damit nahm er den Arm seiner Pflegetochter und führte sie hinüber in das Empfangszimmer . Der ärztliche Besuch war nicht von langer Dauer und auch Hugo verließ nach einer halben Stunde bereits wieder das Erlau ’ sche Haus , das er allerdings öfter zu besuchen pflegte . Ob Reinhold davon wußte , ließ sich nicht entscheiden , jedenfalls vermuthete er es , aber es schien ein stillschweigendes Uebereinkommen zwischen den Brüdern zu sein , diesen Punkt nicht zu berühren . Es war nicht die Art des Capitains , sich in ein Vertrauen zu drängen , das ihm so hartnäckig und fortdauernd versagt wurde , und so folgte er denn dem Beispiele Reinhold ’ s , der über die Begegnung in der Locanda ein vollständiges Schweigen beobachtete , und den Namen seiner Frau und seines Kindes nicht mehr nannte , seit er wußte , daß sie sich in seiner Nähe befanden . Was sich eigentlich hinter dieser undurchdringlichen Verschlossenheit barg , das vermochte auch Hugo nicht zu enträthseln , aber er war überzeugt , daß es nicht der Gleichgültigkeit entstammte . Der Capitain hatte die Wohnung seines Bruders erreicht und betrat jetzt sein eigenes Zimmer , wo er Jonas vorfand , der auf ihn zu warten schien . In dem Wesen des Matrosen lag heute entschieden etwas Ungewöhnliches ; sein sonstiges Phlegma war einer gewissen Unruhe gewichen , mit der er wartete , bis sein Herr Hut und Handschuhe abgelegt und sich niedergelassen hatte . Kaum war dies geschehen , so kam er herbei und pflanzte sich dicht vor dem Stuhle des Capitains auf . „ Was giebt es denn , Jonas ? “ fragte dieser , aufmerksam werdend . „ Du stehst ja da , als beabsichtigtest Du eine Rede zu halten . “ „ Das will ich auch , “ bestätigte Jonas , indem er sich halb feierlich , halb verlegen in volle Positur setzte . „ So ? Das ist mir neu . Ich war bisher der Meinung , Du würdest eine äußerst schätzbare Acquisition für ein Trappistenkloster abgeben . Wenn aber angesichts all der classischen Erinnerungen hier der Rednergeist auch über Dich gekommen ist , so soll es mich freuen . Also beginne ! Ich höre zu . “ [ 557 ] „ Herr Capitain – “ Der Rednergeist des Matrosen schien doch nicht hinreichend entwickelt zu sein , denn über diese beiden Worte kam er vorläufig nicht hinaus , und anstatt fortzufahren , blickte er so beharrlich und angestrengt auf den Fußboden nieder , als wolle er die Mosaiksteine desselben zählen . „ Höre , Jonas , Du bist mir verdächtig , “ sagte Hugo nachdrücklich , „ sehr verdächtig schon seit länger als acht Tagen . Du brummst nicht mehr ; Du wirfst der Padrona und ihren Mägden nicht mehr wüthende Blicke zu ; Du legst bisweilen Dein Gesicht in Falten , die man mit einiger Phantasie für den ersten schwachen Versuch eines Lächelns halten könnte – ich wiederhole Dir , daß das höchst bedenkliche Symptome sind , und daß ich mich auf Schreckliches gefaßt mache . “ Jonas schien gleichfalls einzusehen , daß er sich etwas klarer äußern müsse . Er nahm einen energischen Anlauf dazu und brachte wirklich einen halben Satz zu Stande . „ Herr Capitain , es giebt Menschen – “ „ Eine ganz unbestreitbare Thatsache , die ich nicht entfernt anzugreifen beabsichtige . Also ‚ es giebt Menschen – ‘ nun weiter . “ „ Die die Frauenzimmer leiden mögen , “ fuhr Jonas fort . „ Und andere , die sie nicht leiden mögen , “ ergänzte der Capitain , als eine zweite Pause eintrat . „ Gleichfalls ein unleugbares Factum , zu dem Capitain Hugo Almbach und Matrose Wilhelm Jonas von der Ellida die redenden Beispiele liefern . “ „ Das wollte ich eigentlich nicht sagen , “ versetzte der Matrose , den diese eigenmächtige Fortsetzung seiner augenscheinlich einstudirten Rede ganz aus dem Concepte brachte . „ Ich meinte nur , es giebt Menschen , die sich den Frauenzimmern gegenüber wer weiß wie schlimm anstellen , und es doch im Grunde gar nicht sind , weil sie sich nichts aus ihnen machen . “ „ Ich glaube , das läuft auf eine höchst schmeichelhafte Illustration meiner eigenen Persönlichkeit hinaus , “ bemerkte Hugo . „ Jetzt aber sage mir um Gotteswillen , was bezweckst Du eigentlich mit all diesen Vorreden ? “ Jonas holte einige Male tief Athem ; die nächsten Worte schienen ihm entsetzlich schwer zu werden . Endlich sagte er stockend : „ Herr Capitain , ich weiß ja doch am besten , wie Sie eigentlich sind , und – und – ich kenne ein junges Frauenzimmer . “ Um die Lippen des Capitains zuckte es wie mühsam unterdrücktes Lachen , aber er zwang sich , ernsthaft zu bleiben . „ Wirklich ! “ sagte er kaltblütig . „ Das ist bei Dir allerdings ein höchst merkwürdiges Ereigniß . “ „ Und ich bringe sie Ihnen , “ fuhr Jonas fort . Jetzt begann der Capitain überlaut zu lachen . „ Jonas , ich glaube , Du bist nicht gescheit . Was zum Kukuk soll ich denn mit diesem jungen Frauenzimmer anfangen ? Soll ich sie heirathen ? “ „ Sie sollen gar nichts mit ihr anfangen , “ erklärte der Matrose mit gekränkter Miene , „ Sie sollen sie blos ansehen . “ „ Ein sehr bescheidenes Vergnügen , “ spottete Hugo . „ Wer ist denn eigentlich die betreffende Donna , und welche Nothwendigkeit bedingt dieses ‚ Ansehen ‘ meinerseits ? “ „ Es ist die kleine Annunziata , das Kammermädchen der Signora Biancona , “ berichtete Jonas , der jetzt endlich etwas in Redefluß kam . „ Ein armes blutjunges Ding , ohne Vater und Mutter . Sie ist erst seit ein paar Monaten bei der Signora , und es ging ihr so soweit auch gut , aber da ist ein Mensch , “ der Matrose ballte im vollen Ingrimme die Fäuste , „ Gianelli heißt er und ist Capellmeister ; der geht dem armen kleinen Dinge auf Schritt und Tritt nach und läßt sie nicht in Ruhe . Sie hat ihn einmal derb abgefertigt , und dafür hat er sie bei der Signora verklatscht , und Signora ist seit der Zeit so unfreundlich und heftig zu ihr , daß sie es nicht mehr aushalten kann . In dem Hause sieht sie überhaupt nicht viel Gutes , und deshalb soll sie fort und muß sie fort , und ich leide es nicht , daß sie länger da bleibt . “ „ Du scheinst ja über diese kleine Annunziata sehr genau unterrichtet zu sein , “ bemerkte Hugo trocken . „ Sie ist doch Italienerin ; hast Du all diese Details auf pantomimischem Wege erfahren ? “ „ Der Diener der Signora hat uns dann und wann ausgeholfen , wenn wir gar nicht fertig werden konnten , “ gestand Jonas ganz treuherzig . „ Aber der spricht ein schauderhaftes Deutsch , und ich mag es auch nicht , daß er seine Nase in Alles steckt . Sie soll ohnedies fort von der ganzen Sippschaft ; sie muß absolut in ein deutsches Haus . “ „ Wegen der Moral , “ ergänzte Hugo . „ Ja , und dann auch wegen des Deutschlernens . Sie spricht ja kein einziges Wort Deutsch , und es ist ein wahrer Jammer , wenn man sich so gar nicht versteht . Da habe ich denn gedacht . – Sie gehen ja so oft zu dem Consul Erlau , Herr Capitain ; die junge Frau Erlau könnte vielleicht ein Kammermädchen gebrauchen , und in solch einem reichen Haushalte kommt es ja gar nicht auf eine Person mehr oder weniger an – , wenn Sie ein gutes Wort für die Annunziata einlegten – “ er stockte und blickte seinen Herrn bittend an . „ Ich werde mit der Dame sprechen , “ sagte der Capitain , „ und jedenfalls ist es besser , Du stellst Deinen Schützling erst dort vor , sobald ich eine bestimmte Zusage habe ; ich werde ihn mir dann gleichfalls ansehen . Aber noch Eines , Jonas – “ er nahm eine feierliche Miene an – „ ich setze voraus , daß Dich bei der ganzen Sache nichts weiter leitet , als nur das Mitleid mit dem armen verfolgten Kinde . “ „ Nur das reine Mitleid , Herr Capitain , “ versicherte der Matrose mit einer so treuherzigen Offenheit , daß Hugo sich auf die Lippen biß , um nicht in ein erneutes Gelächter auszubrechen . „ Ich glaube wahrhaftig , er ist im Stande , sich das selbst einzubilden , “ murmelte er und setzte dann laut hinzu : „ Es ist mir lieb , das zu hören . Ich war im Voraus überzeugt davon , denn nicht wahr , Jonas , wir heirathen nie ? “ „ Nein , Herr Capitain , “ antwortete der Matrose , aber die Antwort kam etwas kleinlaut heraus . „ Weil wir uns aus den Frauenzimmern gar nichts machen , “ fuhr Hugo mit unerschütterlichem Ernste fort . „ Denn weiter als bis zum Mitleide und zur Dankbarkeit geht die Geschichte doch nie , dann segeln wir davon , und sie haben das Nachsehen . “ Diesmal gab der Matrose gar keine Antwort , aber er blickte seinen Herrn äußerst betroffen an . „ Und es ist auch ein wahres Glück , daß es so ist , “ schloß der Capitain mit vollem Nachdrucke . „ Frauenzimmer auf unserer ‚ Ellida ‘ ! Gott bewahre uns davor ! “ Damit ließ er ihn stehen und ging aus dem Zimmer . Jonas schaute ihm mit einer Miene nach , von der sich schwer entscheiden ließ , ob sie mehr verdutzt oder mehr trübselig war , endlich aber schien die letztere Empfindung vorzuherrschen , denn er ließ den Kopf hängen und stieß einen Seufzer aus , als er halblaut sagte : „ Ja freilich , sie ist auch ein Frauenzimmer – leider Gottes ! “ – Hugo war hinübergegangen in das Arbeitszimmer seines Bruders , den er allein fand . Der Flügel stand offen , Reinhold selbst aber lag auf dem Ruhebette ausgestreckt , den Kopf tief in die Kissen zurückgeworfen . Das Antlitz mit den halbgeschlossenen Augen und die hohe Stirn mit den dunkeln Haaren , die darüber hinfielen , sahen erschreckend bleich aus . Es war eine Stellung , nicht der Ruhe , sondern der grenzenlosesten Ermüdung und Erschöpfung , und er veränderte sie kaum beim Erscheinen seines Bruders . „ Reinhold , das ist doch wirklich unverantwortlich von Dir , “ sagte dieser herantretend . „ Die halbe Stadt hast Du in Aufruhr gebracht mit Deiner Oper ; im Theater geht es drunter und drüber ; im Publicum kämpft man förmlich um die Billets . Eccellenza der Intendant weiß nicht mehr , wo ihm der Kopf steht , und Donna Beatrice ist in einer geradezu nervösen Aufregung . Und Du , der eigentliche Anstifter all dieses Unheils , träumst hier im dolce far niente , als ob es weder Oper noch Publicum noch sonst etwas auf der Welt gäbe . “ Reinhold wandte mit einer matten , gleichgültigen Bewegung den Kopf nach dem Eintretenden ; man sah es seinem Gesichte an , daß sein Träumen eher alles Andere , nur nicht süß gewesen war . „ Du warst in der Probe ? “ fragte er . „ Hast Du Cesario gesehen ? “ „ Den Marchese ? Allerdings , obgleich er so wenig in der Probe war wie ich . Er zog es diesmal vor , selbst eine Vorstellung in der höheren Reitkunst zu geben ; ich habe seiner Bravour die höchste Bewunderung gezollt . “ [ 558 ] „ Cesario ? Wie so ? “ „ Nun , er ritt nicht weniger als drei Mal dieselbe Straße auf und nieder und ließ regelmäßig unter einem gewissen Balcon sein Pferd so unsinnig courbettiren , daß jeden Augenblick ein Unglück zu befürchten stand . Er wird sich den Hals brechen und seinem schönen Thiere dazu , wenn er das öfter probirt . Leider war diesmal meine ihm wohl nicht sehr wünschenswerthe Physiognomie die einzige , die er am Fenster erblickte . “ Der offenbar gereizte Ton dieser Worte machte Reinhold aufmerksam – er richtete sich zur Hälfte empor . „ An welchem Fenster ? “ Hugo biß sich auf die Lippen ; er hatte in seinem Aerger ganz vergessen , zu wem er sprach . Der Bruder bemerkte sein Zögern . „ Meintest Du vielleicht das Erlau ’ sche Haus ? “ fragte er rasch . „ Mir scheint , Du besuchst es ziemlich oft . “ „ Wenigstens bisweilen , “ war die ruhige Entgegnung des Capitains . „ Du weißt ja , ich habe dort von jeher den Vorzug der Neutralität genossen , selbst damals , als der Streit im Hause des Onkels am heftigsten entbrannt war . Ich habe diesen alten Vorzug auch hier geltend gemacht , und er wird stillschweigend von beiden Parteien anerkannt . “ Reinhold hatte sich vollends erhoben , aber die Abspannung war gänzlich aus seinen Zügen gewichen , statt dessen stand ein Ausdruck finsteren Forschens dort , als er sagte : „ Also Cesario hat gleichfalls Zutritt im Erlau ’ schen Hause ? Freilich , Du stelltest ihn ja selbst vor . “ „ Ja , ich war so – albern , “ fuhr der Capitain im vollsten Aerger heraus , „ und etwas ganz Allerliebstes scheine ich damit angerichtet zu haben . Kaum hatten wir Mirando verlassen , als Don Cesario , der ‚ sich nicht entschließen kann , seine Freiheit zu opfern ‘ , der an der einzigen Dame der Nachbarschaft vorüberreitet , ohne sie sich auch nur anzusehen , nichts Eiligeres zu thun hatte , als sich auf Grund jener Vorstellung in der Villa Fiorina angenehm zu machen , und das geschah , wie mir der Consul ganz offen erklärt , in einer so bescheidenen liebenswürdigen Weise , daß man ihn unmöglich zurückweisen konnte , um so weniger , als mit unserer Entfernung von Mirando der alleinige Grund der Zurückgezogenheit gefallen war . Nun hatte er auch noch das Glück , den Doctor Conti zu entdecken , der irgendwo in der Nähe von S. Villeggiatur hielt , und ihn dem Consul zuzuführen . Die Behandlung des Doctors hat einen Erfolg weit über Erwarten gehabt , und es fehlt nicht viel , so wird Don Cesario in der Familie als eine Art Lebensretter betrachtet , was er auch gehörig auszunutzen weiß . – Traue einer den Weiberfeinden ! Sie sind die Allerschlimmsten , davon lieferte mir mein Jonas soeben erst ein redendes Beispiel . Der hat sich für den Augenblick zwar noch eine höchst wunderbare Mitleidstheorie zurecht gemacht , an die er so fest glaubt , wie an das Evangelium , aber nichtsdestoweniger hat es ihn rettungslos gepackt , und der aristokratische Marchese Tortoni ist genau auf demselben Punkte . “ Einem ruhigen Beobachter wäre es schwerlich entgangen , daß sich unter den Spottreden des Capitains , die sonst nur der Uebermuth dictirte , diesmal eine Bitterkeit barg , deren er mit all seinen Spöttereien nicht Herr zu werden vermochte , aber Reinhold war nichts weniger als ruhig . Er hatte zugehört , als wolle er dem Bruder jedes Wort von den Lippen ablesen , und bei der letzten Bemerkung desselben schreckte er wild auf . „ Auf welchem Punkte ? Was willst Du damit sagen ? “ Hugo trat betroffen einen Schritt zurück . „ Mein Gott , Reinhold , wie kannst Du so auffahren ! Ich meinte ja nur – “ „ Es handelt sich doch um Ella ? “ unterbrach ihn Reinhold mit der gleichen Heftigkeit . „ Wem anders können denn diese Huldigungen gelten ? “ „ Allerdings , um Ella , “ sagte der Capitain ; es war das erste Mal seit Monaten , daß dieser Name wieder zwischen ihnen ausgesprochen wurde . „ Und eben deshalb kann und muß es Dir doch gleichgültig sein . “ So einfach die Bemerkung war , so schien sie Reinhold doch mit ungeahnter Schwere zu treffen . Er durchschritt einige Male hastig das Zimmer und blieb endlich vor seinem Bruder stehen . „ Cesario hat keine Ahnung der Wahrheit , “ sagte er gepreßt . „ Er machte im Anfange auch gegen mich einige enthusiastische Bemerkungen ; ich mag ihm wohl unwillkürlich verrathen haben , wie sehr sie mich peinigten , denn seitdem berührt er diesen Gegenstand nicht wieder . “ „ Erlau scheint ihm einen ähnlichen Wink gegeben zu haben , “ bestätigte Hugo . „ Er suchte mich darüber auszuforschen , ob und welche Beziehungen zwischen Dir und jener Familie beständen . Ich wich natürlich aus , aber er scheint durchaus nur eine frühere Feindschaft zwischen Dir und Erlau zu vermuthen . “ Reinhold sah finster vor sich nieder . „ Diese Beziehungen werden wohl nicht allzu lange mehr Geheimniß bleiben können . Beatrice kennt sie bereits , und wie ich fürchte , durch eine sehr unlautere Quelle , von der kein Schweigen zu erwarten ist . Jedenfalls wird Cesario sie früher oder später erfahren müssen , nach dem , was Du mir soeben entdeckt hast . Er ist Schwärmer genug , so etwas ernst zu nehmen und sich mit ganzer Seele in eine hoffnungslose Leidenschaft zu vertiefen . “ Der Capitain lehnte mit verschränkten Armen am Flügel , auf seinem Antlitze lag eine leichte Blässe , und auch die Stimme verrieth ein leises Beben , als er erwiderte : „ Wer sagt Dir denn , daß sie hoffnungslos ist ? “ „ Hugo , das ist eine Beleidigung , “ brauste Reinhold auf . „ Vergißt Du , daß Eleonore mein Weib ist ? “ „ Sie war es , “ sagte der Capitain , das Wort schwer betonend . „ Du denkst wohl so wenig mehr daran , jetzt noch Rechte geltend zu machen , wie sie geneigt wäre , Dir dieselben zu gewähren . “ Reinhold verstummte . Er wußte am besten , mit welcher Entschiedenheit ihm auch der geringste Schein eines Rechtes versagt worden war . „ Ihr habt es Beide bei der bloßen Trennung bewenden lassen , “ fuhr Hugo fort , „ ohne die gerichtliche Scheidung nachzusuchen . Du bedurftest ihrer nicht , und was Ella davon zurückhielt , begreife ich nur zu gut . In solchem Falle mußten endgültige Bestimmungen über den Verbleib des Kindes getroffen werden . Sie wußte , daß Du Deine Vaterrechte nie ganz opfern würdest , und zitterte vor dem Gedanken , Dir den Knaben auch nur zeitweise zu lassen . Dein stillschweigender Verzicht auf ihn war ihr genug ; sie entsagte lieber jeder Genugthuung , um nur im ungestörten Besitze ihres Kindes zu bleiben . “ Reinhold stand da , wie vom Blitze getroffen . Die Gluth der Erregung , welche eben noch seine Stirn färbte , verschwand , er war wieder leichenblaß geworden , als er mit unterdrückter Stimme fragte : „ Und das – das , meinst Du , sei der alleinige Grund gewesen ? “ „ Wie ich Ella kenne , der einzige , der sie verhindern konnte , den Schritt , den Du begonnen hattest , nun auch ihrerseits zu vollenden . “ „ Und Du glaubst – daß Cesario Hoffnung hat ? “ „ Ich weiß es nicht , “ sagte Hugo ernst . „ Aber das wissen wir Beide , daß Ella ’ s Freiheit nichts im Wege steht , wenn sie wirklich gesonnen wäre , sie jetzt noch geltend zu machen . Du hast sie verlassen , hast sie jahrelang völlig aufgegeben , und die ganze Welt weiß , weshalb es geschah , und was Dich ihr dauernd fern hielt . Sie hat nicht allein das Gesetz , sondern auch die öffentliche Meinung auf ihrer Seite , und ich fürchte , diese würde Dich zwingen , ihr auch den Knaben zu lassen . Beatrice steht Deinem Vaterrechte zu furchtbar im Wege . “ „ Du glaubst , daß Cesario Hoffnung hat ? “ wiederholte Reinhold , aber diesmal klangen die Worte dumpf und drohend . „ Ich glaube , daß er sie liebt , leidenschaftlich liebt , und daß er früher oder später eine Werbung versuchen wird . Er wird dann allerdings erfahren , daß die vermeintliche Wittwe die Gattin seines Freundes war und noch jetzt dessen Namen trägt , ich zweifle aber , daß dies irgend einen Einfluß auf ihn übt , da auf Ella nicht der geringste Schatten fällt . Nur Eure Freundschaft dürfte einen unheilbaren Riß erhalten , aber damit ist es ohnedies zu Ende , sobald die Leidenschaft spricht . Bedenke das , Reinhold , und laß Dich zu keiner Unbesonnenheit fortreißen ! Du sprengtest Deine Fesseln , um Dich frei zu machen . Du hast damit auch Eleonore frei gemacht – vielleicht für einen Anderen . “ Die Stimme des Capitains sank bei den letzten Worten , und [ 559 ] rasch , als wolle er eine heftige Bewegung unterdrücken oder verbergen , wandte er sich zum Gehen . Wenn ihm auch die Aufregung seines Bruders , den er jetzt allein ließ , nicht entgangen war , so ahnte er doch nicht entfernt , welchen Brand er mit seinen Worten in dessen Inneres warf . Wenn Reinhold seiner Umgebung in der letzten Zeit fast nur noch Ermüdung und Gleichgültigkeit gezeigt hatte , wenn es ihn selbst oft überkam , wie ein Gefühl , als sei es nun zu Ende für ihn mit dem Leben und Lieben , diese Stunde bewies , daß es noch in ihm stürmen konnte mit der ganzen wilden Leidenschaftlichkeit , die den jungen Künstler einst den Heimathbanden entrissen hatte , und die Art , wie der Sturm entfesselt ward , verrieth , wenn nicht Anderen , doch ihm selber , was er bisher nicht wissen wollte , und was sich jetzt in schonungsloser Klarheit vor ihm enthüllte . Vor dem heißen Schmerze , der plötzlich in seinem Inneren aufflammte , sanken der Trotz und die Bitterkeit zusammen , mit denen er sich gegen die Frau waffnete , die es wagte , ihn fühlen zu lassen daß er sie einst schwer beleidigt hatte , und daß sie diese Beleidigung nun und nimmermehr verzieh . Aber wenn sein Stolz ihn lehrte , der Kälte und Gleichgültigkeit , der Unversöhnlichkeit mit Schroffheit zu begegnen , er hatte es doch nicht hindern können , daß , sobald das Bild seines Kindes vor ihm auftauchte , auch die Gestalt der Mutter an dessen Seite stand . Freilich war es nicht jene Ella mehr , die vor wenigen Monaten kaum noch einen Platz in seiner Erinnerung behauptete , sondern die Frau , die ihm einen so unbeugsamen Stolz , einen so energischen Willen und eine niegeahnte Gluth der Empfindung gezeigt , an jenem Abende , wo er zum ersten Male erkannte , was er frevelhaft aufgegeben und was er nun unwiederbringlich verloren hatte . Neben dem blonden Lockenkopfe des Kindes schwebte immer und immer das Antlitz mit den tiefblauen Augen , deren Strahl ihn gleichwohl so verachtend getroffen hatte . Er gestand sich selbst nicht , mit welcher Leidenschaft er an diesem Bilde hing , mit welcher [ 560 ] Sehnsucht er Stunden in diesen Erinnerungen verträumte ; er gestand sich auch den Gedanken nicht , der unausgesprochen in seiner Seele lag , daß die Frau , welche noch immer seinen Namen trug , welche die Mutter seines Kindes war , trotz