sich seine Finger langsam von den ihrigen ; er ließ ihre Hand fallen und trat zurück . „ Du wußtest es also , “ sagte er . „ Und mit diesem Bewußtsein hast Du neben mir gestanden und ruhig zugesehen , wie ich mit einer unsinnigen Leidenschast rang , wie ich ihr schließlich unterlag . Du ließest mich an eine Erwiderung meiner Gefühle glauben und stacheltest mich damit bis zum Wahnsinn , während Du heimlich die Tage und Stunden zähltest , bis zu dem Zeitpunkte , wo ein Deiner Meinung nach tödtlicher Schlag mich treffen mußte . Mit dieser Gewißheit lagst Du gestern in meinen Armen und hörtest mein Geständniß . Beim Himmel , das ist zu viel – zu viel . “ Seine Stimme klang noch dumpf und verhalten , aber es verrieth sich schon der nahende Ausbruch darin . Gabriele fühlte es , wie machtlos sie diese Anklage gegenüberstand ; dennoch machte sie einen Versuch , sich dagegen zu erheben . „ Höre mich , Arno ! Du bist im Irrthum ; ich habe Dich nicht getäuscht , nicht verrathen . Wenn ich etwas wußte – “ „ Schweig ’ ! “ unterbrach er sie mit furchtbar ausbrechender Heftigkeit . „ Ich will nichts hören ; ich weiß genug . Dein Verstummen vorhin sprach deutlicher als alle Worte . Rechtfertige Dich bei ihm , bei Deinem ‚ Georg ‘ , daß Du es nicht vermochtest , sein Geheimniß bis zum letzten Augenblicke zu bewahren ! Vielleicht verzeiht er Dir . Die Warnung wäre ja doch zu spät gekommen . Ihm freilich habe ich Unrecht gethan als ich ihn für einen Alltagsmenschen erklärte . Er versteht es , aus dem gewöhnlichen Geleise zu treten und Dinge zu unternehmen , die vor ihm Niemand gewagt hat und nach ihm so leicht Keiner wagen wird . Vielleicht macht er Carriere damit , der Herr Assessor , den gestern noch Niemand kannte und dessen Name morgen in Aller Munde sein wird , weil er die Kühnheit besaß , mich anzugreifen . Aber er wird sie theuer bezahlen – ich gebe Dir mein Wort darauf . Noch habe ich keinen Kampf und keinen Gegner [ 373 ] gescheut , und auch diesem wäre ich unbewegt entgegengetreten , aber daß Du , Du im Einverständnisse warst , daß Du mich verriethest , das hat meinen Feinden den Triumph verschafft , mich auch einmal – fassungslos zu sehen . “ Seine Stimme schwankte bei den letzten Worten . Mitten durch den Zorn und Haß des Mannes , der sich in seiner Ehre , wie in seiner Liebe gleich tödtlich verletzt sah , brach es wie ein heißer Schmerz , und der Ton ließ Gabriele alles Andere vergessen . Sie flog auf den Freiherrn zu , legte beide Hände auf seinen Arm und wollte sprechen , bitten , aber es war umsonst – mit einer wilden Bewegung rang er sich von ihr los und stieß sie zurück . „ Geh ’ ! Ich bin einmal ein Thor gewesen ; jetzt ist die Täuschung zu Ende . Zum zweiten Male lasse ich mich nicht wieder umstricken von diesen Augen , die mir gelogen haben mit ihrer Angst und Zärtlichkeit . Sage Deinem Georg , er habe es doch wohl nicht bedacht , was es heiße , mich zum Kampfe herauszufordern , er werde es kennen lernen . – Du und ich , wir sind zu Ende miteinander , für immer . “ Er ging . Die Thür fiel schmetternd hinter ihm zu . Gabriele blieb allein . Sie blickte auf die Broschüre nieder , die noch auf dem Tische lag , auf den Namen , der dort stand , und sah doch nichts von beiden . In ihrem Innern halten nur die letzten Worte nach . Ja wohl , es war zu Ende , für immer . – Die Befürchtungen , welche man auch heute für die Ruhe der Stadt hegte , sollten sich nur zu bald erfüllen . Die militärischen Maßregeln wurden absichtlich mit der größten Offenheit getroffen , weil man Einschüchterung davon erwartete , aber sie hatten die entgegengesetzte Wirkung und steigerten nur die allgemeine Erbitterung gegen den Gouverneur . Es gährte freilich schon seit Monaten , aber diese Gährung hatte erst in den letzten Tagen einen wirklich bedrohlichen Charakter angenommen . Bis dahin hatte es freilich an feindseligen Kundgebungen nicht gefehlt , war aber noch nicht zur offenen Auflehnung gekommen . Man war in R. zu lange gewohnt gewesen , sich dem Willen des Gouverneurs zu beugen , als daß man sich so schnell von dieser Gewohnheit hätte losmachen können . Man kannte den Freiherrn und wußte , daß von ihm keine Schwäche und Nachgiebigkeit zu erwarten war ; deshalb blieb es wochenlang bei dem Grollen und Murren . Die Autorität eines energischen , unbeugsamen Charakters bewährte sich auch hier . Raven hatte bisher noch immer den drohenden Sturm beherrscht ; noch gestern war der Macht seiner Persönlichkeit die Menge gewichen , freilich in einer Weise , die auch ihm zeigte , daß es mit dieser Macht zu Ende ging . Jetzt aber schien die Sache an einem Wendepunkte angelangt zu sein . Die Verhaftungen , die vor einigen Tagen aus Befehl des Freiherrn vorgenommen wurden und bei denen man mit vollster Härte und Rücksichtslosigleit zu Werke ging , fachten das schon längst glimmende Feuer zu heller Flamme an . Der gestrige Tumult hatte dem Versuch gegolten , die Freilassung der Verhafteten zu erzwingen , und als der Versuch scheiterte und der Gouverneur auch jetzt noch allen Vorstellungen und allem Drängen ein unbeugsames Nein entgegensetzte , brach die nur für den Augenblick beschwichtigte Aufregung mit verdoppelter Macht los . Der Abend war herangekommen . Im Regierungsgebäude herrschte überall Unruhe und Aufregung . Die sämmtlichen Eingänge bis aus das Hauptportal waren verschlossen und bewacht ; die Dienerschaft drängte sich in ängstlicher Erwartung auf den Treppen und Corridoren , und draußen vor den Fenstern blitzten die Bajonnette der Soldaten . Eine starke Militärabtheilung hielt den Schloßberg besetzt ; sie war gerade zu rechter Zeit gekommen , um zu verhindern , daß man das Schloß selbst bedrohte . Das war allerdings abgewendet und die Menge zurückgedrängt worden , aber dafür wogte der Tumult in den nächstgelegenen Straßen um so heftiger , und es stand jeden Augenblick ein Zusammenstoß zu erwarten . In den Zimmern des Gouverneurs ging es sehr lebhaft zu . Dort jagte eine Meldung die andere : Polizeibeamte und militärische Ordonnanzen kamen und gingen . Hofrath Moser war an die Seite seines Chefs geeilt , den er nun einmal bei jeder Gefahr als den Hort der Sicherheit betrachtete ; auch Lieutenant Wilten , der einen Theil der Besatzung des Schlosses commandirte , befand sich bei dem Freiherrn und vor wenigen Minuten war auch der Bürgermeister angelangt , der sich nun doch zu diesem letzten Versuche entschloß , den er heute Morgen unterlassen hatte . Raven selbst stand kalt und unbewegt inmitten all dieses Drängens und Treibens . Er hörte die Meldungen an und gab die Befehle , ohne auch nur einen Augenblick seine Ruhe zu verleugnen , aber die Umgebung hatte sein Antlitz noch nie so hart und eisern gesehen , wie an diesem Abende . Vielleicht hatten die Stürme der letzten vierundzwanzig Stunden die Härte verschuldet , die jetzt in seinen Zügen eingegraben stand , aber was er seit gestern Abend auch durchgekämpft hatte , fremden Augen gegenüber war und blieb er der stolze , unerschütterliche Freiherr von Raven , an dem Alles abglitt , was Andere fast zusammenbrechen ließ . „ Ich bitte und fordere zum letzten Male , daß Sie es nicht zum Aeußersten kommen lassen , “ sagte der Bürgermeister . „ Noch ist es Zeit ; noch ist es nicht zum Blutvergießen gekommen ; in der nächsten Viertelstunde möchte es zu spät sein . Es heißt , Sie hätten Befehl zum schonungslosen Vorgehen gegeben . – Ich kann und will das nicht glauben – “ „ Sollte ich vielleicht das Schloß einem Angriffe preisgeben ? “ unterbrach ihn der Freiherr . „ Sollte ich abwarten , bis man den Eingang stürmte und mich hier in meinen Zimmern beleidigte ? Ich glaube hinreichend gezeigt zu haben , daß ich es nicht liebe , mich und meine Person mit Sicherheitsmaßregeln zu umgeben , aber ich habe noch für Andere einzustehen und vor allen Dingen das Regierungsgebäude zu sichern . Das ist einfach meine Pflicht , der ich nachkommen werde . “ „ Es handelt sich um eine Demonstration , nicht um einen Angriff , “ erklärte der Bürgermeister . „ Doch gleichviel – das Schloß mußte unter allen Umständen gesichert und die Menge zurückgedrängt werden . Das ist aber jetzt geschehen , der ganze Schloßberg ist besetzt , und damit kann es genug sein . Der Tumult da unten ist unschädlich und wird sich zerstreuen , wenn man ihm seinen Lauf läßt . “ „ Oberst Wilten wird die Straßen räumen lassen , “ sagte Raven kalt . „ Und wenn man ihm Widerstand dabei entgegensetzt , so wird er von den Waffen Gebrauch machen . “ „ Das giebt ein unberechenbares Unglück . Das Militär hält die Zugänge der Schloßstraße besetzt . Die Menge ist von beiden Seiten eingekeilt und hat nicht einmal Raum zur Flucht . Lassen Sie das nicht geschehen , Excellenz ! Es handelt sich um das Leben von Hunderten . “ „ Es handelt sich um die Ruhe und Sicherheit der Stadt , die nicht länger durch eine Pöbelrotte bedroht werben darf – “ die Stimme des Freiherrn hatte den Klang eiserner Entschlossenheit . „ Ich habe lange genug mit dieser Maßregel gezögert , nun sie aber einmal beschlossen ist , wird sie auch ihren Lauf nehmen . Werden die Straßen ohne Widerstand geräumt , so ist kein Grund zur Besorgniß vorhanden im anderen Falle – die Folgen auf das Haupt der Empörer ! “ In diesem Augenblicke öffnete sich die Thür , und der Polizeidirector trat ein . Raven ging ihm entgegen . „ Nun , wie steht es ? “ „ Ich habe meine Leute von den Hauptpunkten zurückgezogen , “ versetzte der Gefragte . „ Wir können nichts mehr thun ; der Tumult wächst mit jeder Minute ; es scheint , man macht sich zum Widerstande bereit . – Ich lasse soeben einige Verwundete in das Schloß bringen , es ist nicht möglich , sie jetzt nach der Stadt zu transportiren , sie müssen vorläufig hier Aufnahme finden . “ „ Hat es bereits Verwundete gegeben ? “ fiel der Bürgermeister ein . „ Vor zehn Minuten , als ich den Schloßberg passirte , war es noch zu keinem Zusammenstoß gekommen . “ „ Es war vorhin , kurz vor dem Anrücken des Militärs , als wir noch allein den Anprall der ganzen Menge auszuhalten hatten , “ entgegnete der Polizeidirector . „ Zwei meiner Leute sind dabei ziemlich arg verletzt worden . Leider auch noch ein Dritter , gänzlich Unbetheiligter , ein Arzt , der uns zu Hülfe eilte und die Verwundeten verband . Er war gerade auf dem Rückwege begriffen , als einer der zahlreichen Steinwürfe ihn traf und er leblos niederstürzte . Es ist der Doctor Brunnow , von dem wir heute Morgen sprachen , “ fügte der Redende halblaut zu dem Hofrath Moser gewendet hinzu . „ Wer ? “ fragte Raven , der den Namen gehört hatte , mit Lebhaftigkeit . [ 374 ] „ Ein junger Arzt , der sich seit einigen Wochen hier aufhält . Max Brunnow ist sein Name . Sein Vater lebt in der Schweiz , wohin er wegen Betheiligung an der Revolution flüchten mußte . “ Der Polizeidirector warf diese Worte ruhig und scheinbar absichtslos hin , aber sein Auge ruhte dabei forschend auf den Zügen des Freiherrn ; er allein sah das fast unmerkliche Erbleichen darin und hörte die Erregung in der Frage : „ Ist der junge Mann schwer verwundet ? “ „ Ich fürchte es , vielleicht sogar tödtlich . Er liegt besinnungslos da , der Steinwurf hat ihn gerade am Kopfe getroffen . “ „ Es wird Alles zur Pflege der Verwundeten geschehen . Ich werde selbst – “ der Freiherr that einen Schritt nach der Thür hin , besann sich aber und blieb stehen . Der befremdete Blick des Bürgermeisters und der scharf beobachtende des Polizeidirectors mochten ihn wohl daran erinnern , daß diese Theilnahme in zu grellem Gegensatze zu der Gleichgültigkeit stand , die er soeben erst gegen fremdes Leben gezeigt . „ Ich werde selbst dem Haushofmeister die nöthigen Weisungen geben , “ fügte er langsamer hinzu und legte die Hand an die Klingel . „ Der Haushofmeister trifft bereits mit großer Umsicht alle Anstalten , “ erklärte der Polizeichef . „ Es ist nicht nöthig , daß Sie sich selbst bemühen , Excellenz . “ Der Freiherr schwieg und trat an das Fenster . War es eine Warnung , die ihm gerade in diesem Augenblicke den Namen des Jugendfreundes in das Gedächtniß rief , eine Erinnerung daran , daß Arno Raven auch einst zu jenen „ Empörern “ gehörte , die der Gouverneur Freiherr von Raven niederschießen lassen wollte – es war eine lange verhängnißvolle Pause , welche die nächsten Minuten ausfüllte . „ Ich kehre nach der Stadt zurück , “ brach der Bürgermeister endlich das Schweigen . „ Soll ich wirklich jene Worte als letzten Entschluß Euer Excellenz mit mir nehmen ? “ Der Freiherr wandte sich um . Es lag etwas wie innerer Kampf in seinen Zügen , als er erwiderte : „ Oberst Wilten hat das Commando in der Stadt . Ich kann in seine Maßregeln nicht eingreifen ; die militärischen Dispositionen sind seine Sache . “ „ Der Oberst handelt auf Ihre Weisung . Ein Wort von Ihnen , und er enthält sich wenigstens des directen Eingreifens . Sprechen Sie dieses Wort aus ! Wir warten Alle darauf . “ Wieder vergingen einige Secunden . Die Stirn des Gouverneurs zog sich in finstere Falten ; plötzlich richtete er sich empor und rief den jungen Officier an seine Seite . „ Herr Lieutenant Wilten , können Sie Ihren Posten hier im Schlosse auf eine Viertelstunde verlassen ? Ich möchte Sie ersuchen Ihrem Vater selbst – “ Er hielt inne und horchte auf . Von der Stadt her klang es herüber , entfernt zwar , aber mit furchtbarer Deutlichkeit , ein nicht mißzuverstehender Laut – das Knattern von Gewehren . „ Mein Gott – das sind Schüsse , “ rief Hofrath Moser aufschreckend , während der Bürgermeister und der Polizeidirector zum Fenster eilten . Die Dunkelheit erlaubte freilich nicht , irgend etwas zu sehen , aber dessen bedurfte es auch nicht mehr . Es krachte zum zweiten , zum dritten Male – dann war alles still . „ Die Botschaft würde nichts mehr nützen , “ sagte der junge Officier leise zu dem Freiherrn . „ Man schießt bereits . “ Raven erwiderte keine Silbe ; er stand unbeweglich da , die Hand auf den Tisch gestützt , das Auge nach dem Fenster gerichtet ; erst als die anderen Beiden von dort zurückkehrten , wandte er sich zum Bürgermeister : „ Sie sehen , es ist zu spät . Ich kann nicht mehr eingreifen , selbst wenn ich wollte . “ „ Ich sehe es , “ sagte der Angeredete mit schneidender Bitterkeit . „ Sie haben jetzt das Blut zwischen sich und uns gestellt , und da ist jedes fernere Wort überflüssig . Ich habe nichts mehr zu sagen . “ Textdaten zum vorherigen Teil < < < > > > zum nächsten Teil zum Anfang Autor : W. Heimburg Titel : Um hohen Preis aus : Die Gartenlaube 1878 , Heft 24 , S. 387 – 390 Fortsetzungsroman – Teil 16 [ 387 ] Wenn irgend Jemand Veranlassung hatte , über das seltsame Spiel des Zufalls Betrachtungen anzustellen , so war es sicher der Hofrath Moser , denn gegen ihn hatte sich der Zufall eine Malice erlaubt , wie sie ärger gar nicht gedacht werden konnte . Er , der allergetreueste Unterthan seines allergnädigsten Souverains , der Inbegriff aller Loyalität , der geschworene Feind aller revolutionären und demagogischen Elemente , er mußte es jetzt erleben , daß unter seinem Dache , in seiner Wohnung der Sohn eines Hoch- und Staatsverräthers gepflegt wurde , und was das Schlimmste war , die Unvorsichtigkeit und Uebereilung der eigenen Tochter hatte dieses Schicksal über das Haupt ihres Vaters gebracht . Es war nicht zu leugnen , daß Agnes Moser allein die Schuld daran trug , wenn sie dabei auch zweifellos von den frömmsten Motiven geleitet wurde . Agnes hatte von jeher die kurze Zeit , die sie noch im Hause ihres Vaters zubringen sollte , ehe sie der selbstgewählten Bestimmung folgte , als eine Vorbereitung für diese betrachtet . Die kranke Frau des Copisten war nicht die Einzige , die sich ihrer Sorgfalt erfreute . Wo es im Schlosse oder in der näheren Umgebung nur irgend etwas zu trösten oder zu pflegen gab , erschien das junge Mädchen , das sonst niemals zum Vorschein kam , um seine stille , aufopfernde Thätigkeit zu beginnen , und was bei einer Andern befremdlich erschienen wäre , galt hier als selbstverständlich . Man wußte ja allgemein , daß die Tochter des Hofraths den Schleier nehmen werde ; man sah in ihr bereits die künftige Nonne , und dies im Verein mit ihrer Bereitwilligkeit , überall zu helfen , wo Hülfe nothwendig war , verschaffte ihr bei sämmtlichen Bewohnern des Schlosses einen Respect , der sonst siebenzehnjährigen jungen Mädchen selten zu Theil wird . Man fand es daher sehr natürlich , [ 388 ] daß an jenem Abende , als die Verwundeten in das Schloß gebracht wurden , auch Fräulein Moser sich an den Hülfeleistungen betheiligte , und kam ihr auf das Bereitwilligste entgegen , als sie den Vorschlag machte , den am schwersten Verletzten , den Doctor Brunnow , in die Wohnung ihres Vaters zu bringen , wo sie ihn selbst pflegen werde . Der Gouverneur hatte befohlen , auf ’ s Beste für die Verwundeten zu sorgen , besonders für den jungen Arzt , dem die Ausübung seiner Pflicht beinahe das Leben gekostet hatte ; einer besseren Pflege aber konnte man diesen gar nicht anvertrauen . Er mußte seines bedenklichen Zustandes wegen vorläufig im Schlosse bleiben , während die beiden Sicherheitsbeamten , die leichtere Wunden davongetragen hatten , am nächsten Tage nach der Stadt gebracht werden konnten . Der Haushofmeister war sehr erfreut , den Befehlen seines Herrn so pünktlich nachkommen zu können ; er unterstützte das Fräulein nach Kräften in ihrem von der christlichen Barmherzigkeit eingegebenen Vorhaben und hatte die Genugthuung , zu sehen , daß der Freiherr , dem er diese Wendung der Sache meldete , außerordentlich zufrieden damit war . Um so weniger zufrieden aber war der Hofrath . Er gerieth förmlich außer sich , als er bei der Rückkehr diesen „ staatsgefährlichen “ Patienten in seiner Wohnung fand , und verlangte entschieden die Entfernung desselben , stieß aber hier auf einen ebenso entschiedenen Widerstand . Die sanfte , stille Agnes zeigte zum ersten Male in ihrem Leben Festigkeit und Energie , als sie sich weigerte , dem Vater zu gehorchen , und da sich auch die resolute Frau Christiae auf die Seite ihres Fräuleins schlug , so wurde Moser überstimmt . Man machte ihm begreiflich , daß man den Schwerkranken nicht wieder fortschaffen könnte , ohne sein Leben zu gefährden und sich geradezu zu seinem Mörder zu machen . Der Hofrath sah das schließlich ein , aber es minderte nicht seine Verzweiflung ; er lief gleich am nächsten Morgen zu seinem Chef , um ihm die Schreckenskunde zu überbringen und sich feierlichst gegen jede Mitschuld zu verwahren , aber er erhielt statt des gehofften Machtwortes , das ihn von dem aufgedrungenen Gaste befreien sollte , den Rath , sich dem eigenmächtigen Verfahren seiner Tochter zu fügen , das der Freiherr im höchsten Grade zu billigen schien . Doch er verhieß , dafür zu sorgen , daß der Vorfall zu keinem Zweifel an der Loyalität des Hofrathes Veranlassung gebe , und erklärte sogar , seinen eigenen Hausarzt senden zu wollen . Man sei durchaus verpflichtet , sich des jungen Arztes anzunehmen , der sich so aufopfernd bewiesen habe . Dieser Autorität fügte sich der Hofrath denn endlich , aber es geschah mit schwerem Herzen . Er konnte es seiner Tochter nicht verzeihen , daß sie die Barmherzigkeit gegen ihre leidenden Mitmenschen so in ’ s Extrem trieb , und wenn er auch an der vollendeten Thatsache nichts ändern konnte , so betrachtete er sie doch täglich mit neuem Entsetzen und neuer Entrüstung . – Es war am dritten Tage nach der Verwundung Max Brunnow ’ s. Der Arzt , welcher ihn behandelte , hatte soeben die Moser ’ sche Wohnung betreten . Es war ein kleiner schmächtiger Herr mit hellblondem Haar , milden Augen und einer sehr sanften Stimme ; er sprach mit dem Hofrath , der sich eben in seine Kanzlei begeben wollte . „ Nein , Herr Hofrath , ich habe wenig oder eigentlich gar keine Hoffnung mehr , den Patienten zu retten . Es steht schlecht mit ihm , sehr schlecht ; wir müssen aus das Schlimmste gefaßt sein . “ „ Sie haben ihn heute noch nicht gesehen , “ sagte der Hofrath . „ Meine Tochter sagte mir , er habe die ganze Nacht ruhig geschlafen . “ Der kleine Herr zuckte die Achseln . „ Das ist Schwäche , Betäubung . Der Blutverlust war sehr stark , und nach diesem heftigen Wundfieber mußte nothgedrungen eine um so größere Erschöpfung eintreten . Ich sage Ihnen , es ist vorbei – ganz vorbei ! “ „ Das thut mir leid , “ eutgegnete der Hofrath . Im Angesichte des Todes wich denn doch sein Groll und machte dem Mitleid Platz . „ Und auch meiner Tochter wird es leid thun . Sie hat sich mit so großem Eifer der Pflege angenommen und ist fast nicht von dem Krankenbette gewichen . Ich fürchte , Agnes überanstrengt sich dabei , denn ich habe sie noch nie so blaß gesehen wie jetzt . Heute Morgen mußte ich sie beinahe zwingen , einige Stunden zu ruhen , nachdem sie die ganze Nacht gewacht hatte . “ „ Ja , Fräulein Moser widmet sich mit einer wahren Leidenschaft der Krankenpflege , “ meinte der Arzt bewundernd . „ Sie bringt eine unendliche Hingebung für ihren künftigen Beruf mit und wird sehr segensreich darin wirken . Hier freilich wird ihre Thätigkeit bald zu Ende sein . Ich fürchte , die Stunden des Armen sind gezählt ; er wird kaum den Abend erleben . “ Er schüttelte melancholisch den Kopf und verabschiedete sich , um zu dem Kranken zu gehen . Der Hofrath blieb zurück , gleichfalls sehr melancholisch , aber aus anderen Gründen . Das fehlte noch . Nun gar ein Todesfall im Hause , nachdem man zwei Tage lang all die Angst und Sorge durchgemacht hatte ! Und wie schrecklich , wenn in den Zeitungen zu lesen stand : „ Der Sohn des aus der Revolutionszeit hinreichend bekannten Doctor Brunnow ist in R. im Hause des Hofrath Moser gestorben , nachdem er bei einem Straßenauflauf schwer verwundet worden war . “ Diese rücksichtslosen Zeitungen pflegten solche Nachrichten ja immer nur ganz kurz und trocken zu bringen , ohne Erklärungen und Auseinandersetzungen . Der Hofrath sandte einen anklagenden Blick zum Himmel . Er , der pflichttreueste , gewissenhafteste Beamte , mußte einem solchen Schicksal verfallen ; er senkte den Kopf tief auf die weiße Halsbinde nieder , als er endlich den Weg nach seiner Kanzlei antrat . Der Arzt hatte sich inzwischen in das Krankenzimmer begeben . Er trat sehr leise , sehr vorsichtig ein , wie man das bei Sterbenden zu thun pflegt . Frau Christine , die auf kurze Zeit ihr Fräulein in der Pflege abgelöst hatte , saß am Bette . Der Doctor tauschte flüsternd einige Worte mit ihr aus und sandte sie dann fort , um neue Compressen zu holen . Er selbst trat an das Bett und beugte sich über den Kranken , der jetzt erwachte und , wie es schien , mit voller Besinnung die Augen aufschlug . „ Wie befinden Sie sich ? “ fragte der kleine Arzt in sehr sanftem Tone den Patienten . „ Ich danke , ganz leidlich , “ erwiderte dieser , dessen Augen irgend etwas zu suchen schienen . „ Was ist denn eigentlich mit mir vorgegangen ? “ „ Sie sind sehr schwer verwundet , aber beruhigen Sie sich ! Ich werde mein Möglichstes thun . Sie sind in den besten Händen . “ Max , dessen Blick mittlerweile das ganze Zimmer durchforscht hatte , ohne zu finden , was er suchte , begann jetzt den Redenden zu mustern . „ Vermuthlich ein Herr College ? “ sagte er . „ Mit wem habe ich denn die Ehre – ? “ „ Mein Name ist Berndt , “ versetzte der Herr College . „ Seine Excellenz der Gouverneur , der große Theilnahme bei Ihrer Verwundung zeigte , wollte Ihnen seinen eigenen Hausarzt senden . Der Herr Medicinalrath ist aber leider erkrankt , und so habe ich , sein Assistent , die Behandlung übernommen . – Aber Sie dürfen nicht reden , sich überhaupt nicht regen . Beantworten Sie meine Fragen durch Zeichen , wenn Ihnen das Sprechen schwer fällt ! Sie sind so unendlich matt und angegriffen und bedürfen der äußersten – “ Er hielt erschrocken inne , denn der dem Tode Geweihte richtete sich urplötzlich mit einem kräftigen Rucke empor und setzte sich aufrecht , während er mit einer nichts weniger als matten Stimme fragte : „ Wo ist denn meine Pflegerin geblieben ? Sie war doch sonst immer an meiner Seite . “ „ Fräulein Moser , meinen Sie ? Sie ruht ein wenig , nachdem sie die ganze Nacht an Ihrem Krankenbette gewacht hat . Sie haben eine sehr aufopfernde Pflegerin gefunden ; das Fräulein ist ein Engel der Barmherzigkeit . “ „ Barmherzigkeit ? “ wiederholte Max in gedehntem Tone . „ Ja freilich , die intime Bekanntschaft mit den Pflastersteinen Ihrer liebenswürdigen Stadt hat mich auf die Barmherzigkeit der Menschen angewiesen . Es ist eine ganz verwünschte Benutzung des Straßenpflasters , wenn man es den Leuten an die Köpfe wirft . “ „ Regen Sie sich nicht auf , bester Herr College ! “ bat Doctor Berndt sanft . „ Nur ja keine Aufregung ! Nur Ruhe , Stille , Schonung ! Aber da Sie doch wieder bei klarer Besinnung sind , möchte ich fragen , ob Sie noch irgend einen Wunsch , irgend ein Verlangen haben . “ [ 389 ] Der Ausdruck seines Gesichtes zeigte deutlich , daß er nichts Geringeres , als eine letztmalige Verfügung erwartete . Statt dessen erwiderte der Patient mit der größten Seelenruhe : „ Gewiß , ich habe ein sehr dringendes Verlangen etwas zu essen . “ „ Zu essen ? “ fragte der Doctor , auf ’ s Höchste betroffen . „ Nun , wenn Sie es wünschen , können wir ein wenig Bouillon versuchen . “ „ Ein wenig genügt nicht , “ erklärte Max . „ Es muß sehr viel sein . Ueberhaupt bedarf ich etwas Consistenteres , als bloße Bouillon . Ein Beafsteak – ich würde deren auch zwei essen . “ „ Um Gotteswillen ! “ rief Doctor Berndt entsetzt und griff wieder nach dem Puls , da er der Meinung war , der Kranke phantasire , dieser aber zog ärgerlich die Hand zurück . „ So machen Sie doch nicht so viel Aufhebens von dem Loch in meinem Kopfe ! Das heilt in acht Tagen . Ich kenne meine Natur . “ Der kleine Arzt blickte mit kummervollem Ausdruck auf den Ahnungslosen . „ Sie täuschen sich vollständig über Ihren Zustand , Herr College . Sie sind schwer krank , trotz dieses Aufflackerns Ihrer Lebenskraft . Sie lagen zwei Tage lang im heftigsten Wundfieber . “ „ Das ist kein Grund , daß ich mich nicht am dritten Tage , wenn das Fieber vorbei ist , ganz wohl befinden sollte . – Aufflackern der Lebenskraft ? Bilden Sie sich etwa ein , daß ich in Lebensgefahr schwebe ? “ „ Das bilde ich mir nicht blos ein – das ist Thatsache , “ sagte Doetor Berndt etwas pikirt . „ Ich fürchte im vollen Ernste – “ „ Fürchten Sie gar nichts ! “ unterbrach ihn Max . „ Ich habe noch nicht die mindeste Lust , nach dem Jenseits abzureisen . Jetzt aber haben Sie die Güte , mir zu sagen , wie ich eigentlich behandelt worden bin ! “ Die so unzweideutig kund gegebene Lebenslust seines Patienten , dem er das Leben mit solcher Entschiedenheit abgesprochen hatte , schien den Doctor völlig aus der Fassung gebracht zu haben . Er schwieg und sah ganz verdutzt aus ; erst als die Frage mit hörbarer Ungeduld wiederholt wurde , ließ er sich zu der gewünschten Auseinandersetzung herbei und zählte mit großem Selbstgefühl sämmtliche Maßregeln auf , die er ergriffen hatte , um den Kranken dem Tode zu entreißen . Max hörte mit geringschätziger Miene zu . „ Verehrtester Herr College , da hätten Sie etwas Besseres thun können , “ sagte er in seiner rücksichtslosen Weise . „ Ich bin gar nicht für solche Gewaltmittel ; ich pflege sie niemals bei leichten Fällen anzuwenden und lasse dort hauptsächlich die Natur walten , um sie dann nach Kräften zu unterstützen . “ „ Es war aber kein leichter Fall , “ rief der kleine Arzt , der trotz seiner Sanftmuth jetzt gereizt zu werden begann . „ Ich sage Ihnen , Ihr Zustand war äußerst gefährlich ; er ist es noch , und Sie werden das bald genug erfahren , wenn die augenblickliche Erregung vorüber ist . “ „ Und ich sage Ihnen , daß ich