ihr das Alles unendlich fern , als handle es sich dabei gar nicht um ihre eigene Freiheit . “ Der Baron zuckte die Achseln . „ Sie leidet bei dem Gedanken an das unvermeidliche Aufsehen , an die Weitläufigkeiten und Unannehmlichkeiten des Processes , die ihr nicht erspart werden können ! Es ist immer ein bitterer Schritt für eine Frau , solch eine Scheidung , und dennoch muß er gethan werden . Wenigstens haben wir in diesem Falle die ganze Residenz auf unserer Seite ! [ 220 ] Es war leider kein Geheimniß , weshalb diese Heirath geschlossen wurde ; man wird es begreiflich finden , daß wir uns jetzt beeilen , sie zu lösen . “ „ Da kommt Berkow ! “ sagte Curt halblaut , als die Thür des Nebenzimmers geöffnet wurde . „ Du willst mit ihm sprechen , Papa . Soll ich Euch allein lassen ? “ Windeg machte eine verneinende Bewegung . „ Du bist der älteste Sohn unseres Hauses , und bei solchen Unterredungen pflegt die Gegenwart eines Dritten heilsamen Zwang aufzuerlegen . Du bleibst , Curt ! “ Während diese Worte rasch und leise gewechselt wurden , hatte Arthur das Nebenzimmer durchschritten und trat jetzt ein . Die Begrüßung war artig und eisig wie gewöhnlich , und die Unterhaltung begann mit den üblichen Floskeln . Die Gäste bedauerten , so selten der Gesellschaft ihres Wirthes theilhaftig zu werden , und dieser schützte eine Anhäufung von Geschäften vor , die ihn des Vergnügens beraubten – beiderseitige Höflichkeiten , die natürlich beiderseitig nicht geglaubt wurden und hinter die man sich verschanzte , um doch wenigstens etwas zu sagen . „ Ich hoffe , Eugeniens stete Gegenwart entschädigt Sie hinreichend für meine gezwungene Abwesenheit ! “ fuhr Arthur fort , indem er durch den Salon einen Blick gleiten ließ , der die junge Frau zu suchen schien . „ Eugenie hat sich eines leichten Unwohlseins wegen zurückgezogen , “ erklärte der Baron , „ und ich möchte das benutzen , um Ihnen , Herr Berkow , einen Wunsch vorzutragen , dessen Erfüllung hauptsächlich von Ihnen abhängt . “ „ Wenn die Erfüllung von mir abhängt , so befehlen Sie , Herr Baron ! “ Der junge Mann nahm seinem Schwiegervater gegenüber Platz , während Curt , der da wußte , was jetzt eingeleitet werden sollte , sich wie zufällig in eine Fensternische zurückzog und scheinbar aufmerksam auf die Terrasse hinausblickte . Windeg ’ s Haltung zeigte die vollste Gemessenheit und die vollste aristokratische Würde , die ihm zu Gebote stand ; er fand es wohl nöthig , dem bürgerlichen Gemahl seiner Tochter damit zu imponiren und jeden etwaigen Widerstand von vornherein zu brechen , denn er hielt die angebotene Trennung von Seiten Arthur ’ s höchstens für eine Aufwallung nach irgend einer heftigen Scene , ernstlich glaubte er nicht daran . „ Man scheint der Bewegung hier auf Ihren Besitzungen eine größere Tragweite beizulegen , als sie vielleicht in Wirklichkeit hat , “ begann er . „ Als ich gestern die Stadt berührte und dabei dem Commandanten der dortigen Garnison , einem Jugendfreunde , einen Besuch abstattete , wurde mir die Stimmung unter Ihren Arbeitern als eine äußerst bedrohliche und der Ausbruch von Unruhen als sehr wahrscheinlich geschildert . “ „ Man scheint sich in der Stadt mehr mit meinen Werken und meinen Leuten zu beschäftigen , als ich voraussetzte , “ sagte Arthur kalt . „ Jedenfalls habe ich den Herrn Oberst nicht um eventuelle Hülfe ersucht . “ Der Baron verstand die Abweisung . „ Ich meinerseits habe natürlich kein Urtheil darüber ! “ entgegnete er rasch . „ Ich wollte Sie nur darauf aufmerksam machen , daß es nicht passend wäre , Eugenie etwaigen Scenen und Auftritten hier auszusetzen . Ich wünschte sehr , meine Tochter mit mir nach der Residenz zu nehmen , nur auf einige Zeit , bis die Verhältnisse hier sich geklärt haben . “ Eine leichte Bewegung zeigte sich in dem Gesichte des jungen Mannes ; er warf einen schnellen Blick hinüber nach der Thür , die zu den Zimmern seiner Gattin führte , als wollte er errathen , ob der Wunsch von dort ausgegangen sei ; aber seine Erwiderung klang völlig unbewegt : „ Eugenie ist durchaus Herrin ihres Willens . Wenn sie die Entfernung für nöthig hält – ich lasse ihr vollkommene Freiheit ! “ Windeg neigte sehr befriedigt das Haupt . „ So begleitet sie uns also morgen ! Was die Dauer ihrer Abwesenheit betrifft – wir kommen da auf einen Punkt , den zu berühren uns Beiden wohl gleich peinlich ist ; aber ich ziehe es dennoch vor , ihn mündlich zur Sprache zu bringen , um so mehr , als ich weiß , daß in der Hauptsache sich unsere Wünsche begegnen . “ Arthur schien von dem Sessel auffahren zu wollen ; aber er bezwang sich und behielt seinen Platz . „ Ah so ! Eugenie hat Ihnen bereits Mittheilungen gemacht ! “ „ Ja ! Befremdet Sie das ? Dem Vater konnte und mußte sie sich wohl zunächst anvertrauen . “ Die Lippen des jungen Mannes zuckten . „ Ich setzte voraus , daß die Sache ein Geheimniß zwischen uns Beiden bliebe , bis die Zeit zum Handeln da wäre . Ich habe mich geirrt , wie ich sehe ! “ „ Weshalb einen einmal gefaßten Beschluß aufschieben ? “ fragte der Baron ruhig . „ Die Zeit zur Ausführung ist gerade jetzt günstig . Die augenblicklichen Verhältnisse auf Ihren Gütern geben den besten und unverfänglichsten Vorwand zur Entfernung meiner Tochter . Daß diese Entfernung eine dauernde ist , braucht die Welt ja für ’ s Erste noch nicht zu erfahren . Jetzt im Sommer , wo Alles die Residenz verläßt , können die vorbereitenden Schritte am unbemerktesten geschehen . Wo sich das Aufsehen nun einmal nicht vermeiden läßt , ist es immer vorzuziehen , der Gesellschaft eine Thatsache gegenüberzustellen ; daran pflegt die Klatschsucht sich noch am ehesten zu brechen . “ Es entstand eine kurze Pause ; Arthur heftete den Blick wieder , diesmal mit einem räthselhaften Ausdrucke , auf die Thür zu den Zimmern seiner Frau ; dann wandte er ihn langsam auf deren Vater . „ Ging der Wunsch nach einer Beschleunigung dieser Angelegenheit von Eugenien selbst aus ? “ Der Baron hielt es für passend , diesmal die Wahrheit zu verschweigen ; das führte jedenfalls schneller zum Ziele , und jedenfalls war ihm Eugenie dankbar dafür . „ Ich spreche im Namen meiner Tochter ! “ erklärte er gemessen . Arthur erhob sich plötzlich und so heftig , daß der Sessel zurückflog . „ Ich willige in Alles , Herr Baron ! in Alles ! Ich glaubte Ihrer Frau Tochter meine Gründe für einen Aufschub mitgetheilt zu haben ; sie wurden zumeist von der Rücksicht auf sie dictirt ; ich kam dabei nicht in Betracht . Wenn sie dessenungeachtet doch eine Beschleunigung wünscht – es sei ! “ Der Ton dieser Worte war so eigenthümlich , daß Curt , der , obwohl er keine Silbe des Gesprächs verlor , doch immer noch die Terrasse zu beobachten schien , sich auf einmal umwandte und seinen Schwager verwundert ansah . Auch Windeg schien etwas betroffen zu sein ; es war doch hier wahrlich kein Grund zur Gereiztheit vorhanden , wo man einen beiden Theilen lästigen Zwang etwas früher aufheben wollte . „ Sie sind also mit der Trennung unbedingt einverstanden ? “ fragte er ein wenig unsicher . „ Durchaus ! “ Der Baron athmete auf . Also hatte Eugenie doch Recht , als sie die sofortige Einwilligung ihres Gatten voraussetzte . Was nun noch zu erledigen war , bot nach seiner Meinung kaum noch eine Schwierigkeit . „ Ich bin Ihnen sehr dankbar für Ihr Entgegenkommen , “ sagte er artig ; „ es wird beiden Theilen den peinlichen Schritt erleichtern . Jetzt bleibt nur noch Eins , das freilich hierauf keinen Bezug hat , aber doch geordnet werden muß . Ihr Herr Vater , “ die Stirn des nunmehrigen Majoratsherrn überflog eine dunkle Röthe bei der Erinnerung , „ Ihr Herr Vater hatte die Güte für mich einzutreten , Verpflichtungen gegenüber , denen ich damals nicht gerecht werden konnte . Jetzt bin ich in der Lage , dies zu thun , und ich möchte mich beeilen – “ Er hielt inne , denn Arthur schlug das Auge voll und finster auf , und der Blick verbot die Fortsetzung . „ Sollten wir diesen Punkt nicht besser ruhen lassen ? Ich meinerseits bitte darum . “ „ Er konnte ruhen , so lange unsere gegenseitigen Beziehungen bestanden , “ erklärte Windeg ernst , „ nicht wenn sie sich lösen . Sie werden mich nicht zwingen wollen , Ihr Schuldner zu bleiben ! “ „ Von einer Schuld im gewöhnlichen Sinne war wohl hier nicht die Rede . Meine Vater vertrat schließlich nur seine eigenen Forderungen , und die betreffenden Documente wurden , so viel ich weiß , vernichtet , als – “ hier brach die furchtbare Gereiztheit des jungen Mannes für einen Augenblick doch durch die erzwungene Ruhe , „ als Sie den Preis dafür zahlten ! “ Der Baron erhob sich verletzt . „ Damals wurde die Verbindung geschlossen , “ erwiderte er kalt , „ allerdings auf Wunsch des Herrn Berkow ; jetzt soll sie gelöst werden , zumeist auf unseren Wunsch . Die Verhältnisse liegen nunmehr umgekehrt – “ [ 221 ] „ Ist es durchaus nothwendig , daß wir auch bei der Scheidung den Geschäftsstandpunkt eines Kaufvertrages festhalten ? “ unterbrach ihn Arthur mit schneidender Bitterkeit . „ Ich hoffe , man wird mich und meine Frau nicht zum zweiten Male zum Gegenstand eines Handels machen wollen . Es war genug an dem ersten ! “ Der Baron mißverstand die Worte völlig , wie er die Regung mißverstand , welche sie dictirte ; er nahm seine vornehmste Miene an . „ Erinnern Sie sich gefälligst , Herr Berkow , daß der Ausdruck ‚ Handel ‘ , den Sie zu brauchen belieben , nur auf eine der beiden Parteien Bezug hat – uns trifft er nicht . “ Arthur trat einen Schritt zurück , aber seine Haltung war so stolz und unnahbar , wie sie der Majoratsherr ihm gegenüber kaum jemals zu zeigen wußte . „ Ich weiß jetzt , wie diese Heirath zu Stande kam , und ich weiß auch , wie diese Verpflichtungen entstanden , die Sie zur Einwilligung zwangen . Sie werden es danach wohl begreifen , wenn ich verlange , daß jene Schuld mit keiner Silbe mehr berührt wird . Ich fordere von Ihnen , Herr Baron , daß Sie einen Sohn nicht zwingen , über das Andenken seines Vaters zu erröthen ! “ Windeg war schon einmal seinem Schwiegersohn gegenüber aus der Fassung gekommen , als dieser sich beikommen ließ , das Adelsdiplom auszuschlagen , aber das war doch immer noch in der ruhigen , halb nachlässigen Weise , noch immer in der Art des früheren Arthur Berkow geschehen – dieses Auftreten und diese Haltung versteinerten den Baron förmlich ; er sah unwillkürlich zu seinem Sohne hinüber , der aus der Fensternische hervorgetreten war , und dessen jugendliches Gesicht ein grenzenloses Erstaunen ausdrückte , das er sich gar keine Mühe gab , zu verbergen . „ Ich wußte nicht , daß Sie die Sache so auffassen , “ sagte Windeg endlich . „ Es war keineswegs meine Absicht , Sie zu beleidigen , aber – “ „ Ich setze das voraus . Also übergeben wir diesen Punkt der Vergessenheit ! Was die Scheidungsangelegenheit betrifft , so werde ich meinen Rechtsanwalt dahin instruiren , jedem Schritte des Ihrigen entgegenzukommen . Wenn irgend eine Anforderung an mich persönlich gestellt werden sollte , so bitte ich , über mich zu verfügen . Ich werde Alles thun , damit die Sache schnell und schonend beendigt wird . “ Er machte den beiden Herren eine Verbeugung und verließ das Zimmer . In der nächsten Minute war Baron Curt bereits an der Seite seines Vaters . „ Was heißt das Alles , Papa ? Was , um Himmelswillen , ist in den drei Monaten aus diesem Arthur geworden ! Ich fand ihn zwar schon gestern Abend weit ernster , bestimmter als sonst , aber dieses Auftreten hätte ich ihm doch nun und nimmer zugetraut ! “ Der Baron hatte sich noch nicht von seinem Erstaunen erholt . Erst der Ausruf seines Sohnes brachte das zuwege . „ Er scheint also wirklich die Rolle nicht gekannt zu haben , die sein Vater bei uns spielte ! Das ändert allerdings die Sache , “ meinte er betreten . „ Wenn er nur nicht die Zumuthung stellte , daß ich sein Schuldner bleiben soll ! “ „ Er handelt vollkommen richtig , “ rief Curt auflodernd , „ wenn er jetzt den Wucher kennt , mit dem Berkow uns in ’ s Unglück hetzte ! Nicht ein Viertheil jener Summe , die uns nachher so riesengroß gegenüberstand , hat er wirklich dargeliehen und für die aufgekauften Forderungen bezahlt , und nicht einen Pfennig davon darf der Sohn wieder annehmen , wenn er sich nicht auch entehren will . Man sah es ja , wie die Scham über die ganze schmachvolle Geschichte in ihm wühlte , aber es ging eigentlich seltsam mit dieser Unterredung . Er spielte doch ohne Frage darin die schlimmste , die beschämendste Rolle , und schließlich brachte er es dahin , daß wir uns beinahe zu schämen hatten mit unserem Anerbieten . “ Windeg schien die letzte Bemerkung ziemlich ungnädig aufzunehmen , vielleicht weil er sie nicht widerlegen konnte . „ Wenn wir ihm Unrecht thaten , so bin ich bereit , ihm jetzt Gerechtigkeit widerfahren zu lassen , “ sagte er , „ ich bin es um so mehr , als wir ihm in der Scheidungsangelegenheit wirklich zum Danke verpflichtet sind . Ich hatte nicht geglaubt , daß sich das so leicht machen werde , trotz der Gleichgültigkeit , die er von jeher gegen diese Heirath zeigte . “ Curt nahm wieder die nachdenkliche Miene an , die ihm sonst gar nicht eigen war . „ Ich weiß nicht , Papa , mir kommt die Sache noch gar nicht so ausgemacht vor . Berkow war keineswegs so ruhig , wie er sich den Anschein geben wollte , und Eugenie auch nicht . Die Heftigkeit , mit der er aufzuckte , als Du behauptetest , sie bestehe auf der sofortigen Trennung , hatte nichts von Gleichgültigkeit und das Gesicht , mit dem Eugenie uns verließ , noch weniger . Mir ist dabei eine ganz eigenthümliche Idee aufgestiegen . “ Der Baron lächelte mit großer Ueberlegenheit . „ Du bist doch bisweilen ein rechtes Kind , Curt , trotz Deiner zwanzig Jahre und Deiner Epauletten . Meinst Du denn wirklich , der Entschluß , den die Beiden , wie sich jetzt ergiebt , längst gefaßt haben , sei ohne vorhergegangene Scenen und Auftritte entstanden ? Eugenie hat jedenfalls schwer darunter gelitten , vielleicht auch Berkow . Was Du so weise bemerkt hast , ist der Nachhall früherer Stürme , weiter nichts . Gott sei Dank , wir sind jetzt beiderseitig im Klaren , und die Stürme haben ein Ende . “ „ Oder sie fangen erst an ! “ murmelte Curt halblaut , indem er mit dem Vater den Salon verließ . Es war Abend geworden , und im Hause herrschte eine unruhige Geschäftigkeit . Noch am Nachmittage hatte Baron Windeg eine längere Unterredung mit seiner Tochter gehabt , und unmittelbar darauf erhielt das Kammermädchen die Weisung , die Toilettensachen ihrer Herrin einzupacken . Schon vorher hatte Herr Berkow selbst der Dienerschaft angekündigt , daß seine Gemahlin morgen früh ihren Vater nach der Residenz begleiten und einige Wochen dort verweilen werde , daß also die nöthigen Vorbereitungen zu treffen seien , eine Nachricht , die vom Hause aus natürlich sofort die Runde durch sämmtliche Beamtenwohnungen machte , und dort wie hier weit mehr Besorgniß als Aufsehen erregte . Es war ja sonnenklar , daß der Herr die gnädige Frau nur fortsandte , weil er gleichfalls überzeugt war , daß es nächstens auf den Werken „ losgehen “ werde . Er wollte sie in der Residenz in Sicherheit wissen und hatte wahrscheinlich selbst ihren Vater veranlaßt , zu kommen und sie abzuholen . Windeg hatte Recht , der Vorwand war so wahrscheinlich , daß es Keinem einfiel , daran zu zweifeln . Das eigenthümlich kalte Verhältniß zwischen dem jungen Ehepaar war freilich anfangs in der Colonie viel besprochen und gedeutet worden ; jetzt hatte das allmählich aufgehört . Man wußte ja , daß die Heirath nicht aus Neigung geschlossen war , aber da man nie etwas von heftigen Scenen oder bitteren Auftritten hörte , die der Dienerschaft doch wohl nicht entgangen wären , da Berkow immer die Höflichkeit selbst gegen seine Gemahlin und diese die Ruhe selbst ihm gegenüber blieb , so mußten sie sich doch wohl aneinander gewöhnt haben und ganz zufrieden miteinander sein – der gewöhnliche Ausgang solcher aus Berechnung geschlossenen Ehen . Ihre etwas seltsame Art zu leben schien wirklich nur eine Sitte der großen Welt zu sein ; man lebte in den vornehmen Kreisen der Residenz wohl meist auf diesem getrennten , höflich kühlen Fuße , und daß Baroneß Windeg und der Sohn des Millionärs Berkow dies auch hier taten , konnte am Ende nicht weiter befremden . Daß diese Abreise , der ja keine Streitigkeit irgend einer Art vorangegangen war , eine Trennung in sich schloß , das ahnte Niemand , und es fiel auch nicht weiter auf , als die Herrschaften den Abend ganz getrennt zubrachten . Die beiden fremden Herren speisten allein im Eßzimmer , die gnädige Frau hatte sich , da sie nicht wohl war , den Thee in ihr Boudoir bringen lassen , rührte jedoch zur Verwunderung ihres Kammermädchens nichts davon an , und Herr Berkow endlich speiste gar nicht , sondern zog sich „ Geschäfte halber “ in sein Arbeitscabinet zurück , nachdem er den Befehl gegeben , ihn unter keiner Bedingung zu stören . Draußen herrschte bereits völlige Dunkelheit , und hier drinnen warf die auf dem Schreibtisch brennende Lampe ihr Licht auf den Mann , der seit länger als einer Stunde ruhelos auf- und abwanderte , der jetzt endlich hinter geschlossenen Thüren den so lange getragenen Zwang der Gleichgültigkeit abwarf und den Sturm austoben ließ , der in ihm wühlte . Das war freilich nicht der blasirte junge Erbe mehr mit seiner apathischen Schwäche , aber auch nicht der junge Chef mehr , der mit so plötzlich erwachter Energie und Besonnenheit seinen Untergebenen zu imponiren und seinen Beamten Muth einzuflößen wußte . [ 222 ] In diesem Antlitz stürmte die ganze Gewalt einer Leidenschaft , deren Größe er wohl selbst nicht gekannt hatte , bis zu dem Momente , wo es sich um das Verlieren handelte . Der Moment war jetzt gekommen , und jetzt forderte sie ihr Recht . Auf dieser bleichen Stirn , in diesen zuckenden Lippen und brennenden Augen stand es deutlich geschrieben , was ihm die heutige Unterredung gekostet , von der Baron Windeg meinte , er habe nicht geglaubt , daß die Sache sich so leicht machen werde . Also jetzt war sie da , die so lang gefürchtete Stunde der Trennung , und es war gut , daß es so kam , daß ein fremder Wille hier eingriff , wo der eigene sich machtlos erwies . Wie oft während der letzten vierzehn Tage hatte Arthur daran gedacht , selbst den Vorwand zu gebrauchen , den der Baron ihm jetzt in die Hand gab , und damit die Folter dieses Zusammenlebens abzukürzen , denn diese abgemessene Kälte nach außen , welche die Gluth im Innern jeden Augenblick Lügen strafte , ließ sich nicht mehr ertragen ; das ging über Menschenkräfte – und dennoch war nichts geschehen . Freilich ist es eine unbestrittene Wahrheit , daß das Unvermeidliche am besten schnell geschieht , aber nicht Jeder , der den Muth besitzt , mit fester Hand das Messer an eine vergiftete Wunde des Körpers zu setzen , hat ihn auch da , wo es sich darum handelt , eine verzehrende Leidenschaft aus dem Herzen zu reißen ; mit ihr kommt unabweisbar die Furcht vor dem Verluste . Sie waren ja längst getrennt , diese Beiden , aber er sah doch wenigstens immer noch das schöne blonde Haupt mit den stolzen , jetzt so ernsten Zügen und den sprechenden dunklen Augen , hörte doch wenigstens noch diese Stimme , und dann kamen auch Momente eines blitzähnlich aufflammenden Glückes , die ganze Tage und Wochen voll Bitterkeit aufwogen , wie vorgestern im Walde , wo sie mit so sichtbarer Angst ihr Pferd an das seinige drängte , wo sie in seinen Armen bebte , als er sie herabhob – mochte es Feigheit sein , aber er hatte nicht freiwillig , nicht eher verzichten können , bis man es forderte , wie es jetzt geschah . Die Thür wurde leise geöffnet und ein Diener erschien zögernd auf der Schwelle . „ Was giebt ’ s ? “ fuhr Arthur auf . „ Habe ich nicht befohlen – “ „ Um Vergebung , Herr Berkow ! “ sagte der Mann schüchtern . „ Ich weiß wohl , daß Sie nicht gestört sein wollen – aber da – da die gnädige Frau selbst – “ „ Wer ? “ „ Die gnädige Frau sind selbst hier und wünschen – “ Der Diener hatte keine Zeit zu vollenden und er war auch etwas überrascht von dem Ungestüm , mit dem sein Herr die Thür aufriß und in ’ s Vorzimmer eilte , wo er wirklich seine Gattin erblickte , die dort zu warten schien . In der nächsten Minute war er an ihrer Seite . „ Du läßt Dich melden ? Welche überflüssige Etiquette ! “ „ Du wolltest Niemand sehen , wie ich höre , und Franz sagte mir , der Befehl gelte für Alle ohne Ausnahme . “ Arthur wandte sich mit finsterer Miene zu dem Bedienten , der entschuldigend sagte : „ Ich wußte wirklich nicht , was ich da thun sollte . Es ist ja das erste Mal , daß die gnädige Frau hierher kommt . “ Die Worte enthielten wirklich nur eine verlegene Entschuldigung , weiter nichts , aber Eugenie wendete sich doch rasch ab und die Zurechtweisung , die ihr Gemahl bereits auf den Lippen hatte , unterblieb . Der Mann hatte im Grunde Recht ; für einen so ungewöhnlichen Fall , wie das Erscheinen der gnädigen Frau in der Wohnung des Herrn war , reichten seine Instructionen nicht aus ; es war in der That das erste Mal , daß sie diese Wohnung betrat . Man hatte sie bisher immer nur im Salon , im Eßzimmer oder in den Gesellschaftsräumen getroffen ; so konnte und mußte denn der heutige Besuch die Dienerschaft wohl befremden . Arthur gab dem Bedienten einen Wink , sich zu entfernen , und trat mit seiner Frau in das Arbeitszimmer . Sie schien auf der Schwelle zu zögern . „ Ich wünschte Dich zu sprechen ! “ sagte sie mit unterdrückter Stimme . „ Ich stehe Dir ganz zu Befehl . “ Er schloß die Thür wieder und schob einen Fauteuil heran , indem er sie mit einer Handbewegung einlud , darauf Platz zu nehmen . Die wenigen Minuten hatten genügt , dem jungen Manne wieder die ganze Fassung zurückzugeben , in der er sich in den letzten Wochen hinreichend geübt ; Antwort und Bewegung waren so kühl und abgemessen , als ob er der fremdesten Dame in dem fremdesten Salon eine Höflichkeit erweise . „ Willst Du Dich nicht setzen ? “ „ Ich danke ! Ich werde Dich nicht lange in Anspruch nehmen . “ Es war etwas Scheues , Unsicheres in dem Wesen der jungen Frau , das eigenthümlich mit ihrer sonst so sicheren Haltung contrastirte . Vielleicht fühlte sie sich fremd in diesen Räumen , und vielleicht wurde es ihr auch schwer , den Anfang des Gespräches zu finden . Arthur erleichterte ihr Beides nicht ; er sah , wie sie zweimal vergebens nach Worten suchte , ohne sie finden zu können , aber er stand stumm und finster ihr gegenüber am Schreibtische und wartete . „ Mein Vater hat mir sein heutiges Gespräch mit Dir mitgetheilt , “ begann Eugenie endlich , „ und auch das Resultat desselben . “ „ Das habe ich erwartet , und eben deshalb – verzeih ’ , Eugenie ! – war ich anfangs so überrascht , Dich hier zu sehen . Ich glaubte Dich mit den Vorbereitungen der Abreise beschäftigt . “ Die Worte sollten wohl den Eindruck seiner Bewegung bei ihrem Erscheinen verwischen , und sie schienen es auch zu thun . Es vergingen einige Secunden , ehe die junge Frau antwortete . „ Du hast diese Abreise bereits heute Nachmittag der Dienerschaft angekündigt ? “ „ Ja ! Ich glaubte Deinen Wünschen zuvorzukommen und überdies hielt ich es für besser , wenn der Befehl zu den Vorbereitungen von mir ausging ; Du kennst ja den Vorwand , den wir brauchen . Beabsichtigtest Du die Sache anders einzuleiten ? Dann bedaure ich , Deine Absichten nicht gekannt zu haben . “ Der Ton war eisig , und es schien auch daraus wie ein Eishauch zu Eugenien herüberzuwehen ; sie trat unwillkürlich einen Schritt zurück . „ Ich habe nichts zu erinnern . Es überraschte mich nur , daß der einmal festgesetzte Termin meiner Abreise beschleunigt werden soll . Du hattest doch Deine Gründe , ihn festzuhalten . “ „ Ich ? Es war Dein Wunsch , Deine Forderung , der ich in diesem Punkte nachkam . Baron Windeg sagte mir wenigstens , daß es so wäre . “ Eugenie fuhr auf . Es schien , als ob mit dem tiefen erleichternden Athemzuge , der jetzt ihre Brust hob , auf einmal alle Scheu und Unsicherheit verschwinde , als ob ihr mit der einen Antwort der ganze Muth zurückgekommen sei . „ Ich ahnte es ! Mein Vater ist zu weit gegangen , Arthur ; er hat in meinem Namen gesprochen , wo er nur seinen eigenen Wunsch vertrat . Ich bin gekommen , das Mißverständniß zu lösen und Dir zu sagen , daß ich nicht abreisen werde – wenigstens nicht eher , bis ich aus Deinem Munde höre , daß Du es verlangst . “ [ 235 ] Eugenie hatte den Blick fest , aber wie in banger , athemloser Erwartung auf Arthur ’ s Antlitz gerichtet , als wolle und müsse sie jetzt in seinem Auge lesen , aber dieses Auge blieb verschleiert und die Worte brachten überhaupt gar keine Wirkung hervor . Wohl fuhr ein Zucken durch seine Mienen , als sie das „ Mißverständniß “ löste , vielleicht war es ihr auch nur so vorgekommen , denn die Bewegung ging so schnell wie sie kam , aber das Gesicht blieb unverändert und die Stimme hatte den alten eisigen Klang , als er nach einer secundenlangen Pause antwortete : „ Du willst nicht abreisen ? Und warum nicht ? “ Die junge Frau trat mit voller Entschiedenheit vor ihren Gatten hin . „ Du hast mir gestern selbst gesagt , daß es sich in dem bevorstehenden Kampfe um Deine Existenz handelt ; daß er bis auf ’ s Aeußerste ausgefochten wird , weiß ich seit der letzten Begegnung mit Hartmann , und Deine Lage ist jedenfalls noch bedrohlicher , als Du mir zugiebst . Ich kann und werde Dich gerade in solchem Momente nicht verlassen , das wäre eine Feigheit und – “ „ Du bist sehr großmüthig , “ unterbrach sie Arthur ; aber jetzt barg sich hinter der Kälte seines Tones bereits eine schlecht verhehlte Bitterkeit . „ Aber um Großmuth ausüben zu können , dazu gehört auch , daß sich jemand findet , der sie annimmt , und ich nehme die Deinige nicht an . “ Eugeniens Hand drückte sich wie im verhaltenen Zorne fest in die sammetüberzogene Lehne des Sessels . „ Nicht ? “ „ Nein ! Der Plan ging von Deinem Vater aus – sei es ! Er hat ohne Zweifel das Recht , für seine Tochter , die ihm in Kurzem wieder ganz gehören wird , Schutz und Sicherheit vor den Rohheiten und Excessen zu fordern , die aller Wahrscheinlichkeit nach hier vorkommen werden . Ich gebe ihm darin vollkommen Recht und füge mich unbedingt der morgenden Trennung . “ Die junge Frau hob energisch das blonde Haupt . „ Und ich fügte mich ihr nur so lange , als ich sie für Deinen Wunsch hielt ; dem bloßen Willen meines Vaters weiche ich darin nicht . Ich habe die Pflichten Deiner Gattin nun einmal übernommen , vor der Welt wenigstens ; vor ihr werde ich sie auch durchführen , und sie gebieten mir , Dich im Angesichte dessen , was bevorsteht , nicht feig zu verlassen , sondern an Deiner Seite zu bleiben , bis die Katastrophe vorüber und der ursprünglich beschlossene Termin unserer Trennung da ist . Dann werde ich gehen , eher nicht . “ „ Auch nicht , wenn ich es ausdrücklich von Dir verlange ? “ „ Arthur ! “ Der junge Mann stand zur Hälfte abgewendet , seine Rechte zerknitterte nervös eins der Papiere seines Schreibtisches , das er mechanisch ergriffen hatte ; die so gewaltsam zusammengeraffte Selbstbeherrschung wollte diesem Blicke und Tone gegenüber nicht mehr Stand halten . „ Ich habe Dich schon einmal gebeten , keine Großmuthsscene mit mir zu spielen , “ sagte er bitter . „ Ich bin nicht empfänglich dafür . Pflichten ! Eine Frau , die ihrem Manne freiwillig Hand und Herz giebt , die hat die Pflicht , in der Gefahr bei ihm auszuhalten und sein Unglück , vielleicht seinen Untergang zu theilen , wie sie sein Glück getheilt hat – das war unser Fall ja wohl nicht . Wir haben keine Pflichten gegen einander