doch die verhaltene Aufregung kund . „ Ich werde doch wohl das Recht haben zu fragen , weshalb man mich plötzlich aus meinem Hause reißen und in ’ s Gefängniß schleppen will ! Ich gebe Ihnen mein Wort darauf , daß ich auch nicht die leiseste Ahnung davon habe . “ Der Beamte zögerte . Vielleicht siegte die Rücksicht gegen den Mann , der ihm bekannt , ja fast befreundet war , vielleicht glaubte er auch durch Ueberraschung zu wirken und ein Geständniß zu erpressen , genug , er setzte die Amtsformalitäten , die hier ohnedies nicht so streng gehandhabt wurden , auf einen Augenblick aus den Augen und entgegnete ernst : „ Der gegen Sie schwebende Verdacht hängt mit der Ermordung des Grafen Rhaneck zusammen . “ Bernhard richtete sich heftig auf . „ Hält man mich etwa für den Mörder des Grafen ? “ Der Landrichter schwieg und sah ihn fest an . „ Die Untersuchung wird das Nähere ergeben , “ sagte er endlich ausweichend . „ Für jetzt ersuche ich Sie , mir unverzüglich zu folgen ; mein Wagen wartet draußen ; die Abfahrt wird in aller Stille und vorläufig noch ohne jedes Aufsehen geschehen . “ „ Nein , das wird sie nicht ! “ tönte plötzlich eine fremde Stimme dazwischen . Die Thür des Nebenzimmers war aufgeflogen , und auf der Schwelle stand , außer sich , hochroth im ganzen Gesichte , Fräulein Reich ; hinter ihr erschien das bleiche Antlitz Luciens . Franziska begnügte sich keineswegs mit diesem Proteste aus der Entfernung . Rasch schritt sie durch das Zimmer und stellte sich dicht an Günther ’ s Seite , als sei dies der Platz , der ihr von Rechtswegen gehöre und den sie sich von Niemandem auf der Welt streitig machen lasse . „ Nein , das wird sie nicht ! “ wiederholte sie zornbebend . „ Glauben Sie etwa , wir lassen uns hier in Dobra so ohne weiteres überfallen und wegschleppen , blos weil es Ihren Gerichten einfällt , einen geradezu lächerlichen Verdacht auf uns zu werfen ? Herr Günther , Gott im Himmel ! so stehen Sie doch nicht da mit dieser entsetzlichen Gelassenheit , als ob man Sie zu einer Spazierfahrt aufforderte ! Gebrauchen Sie doch Ihr Hausrecht und zeigen Sie , wer hier Herr auf diesem Grund und Boden ist ! “ „ Mein Fräulein , “ sagte der Landrichter sehr höflich , aber sehr bestimmt , „ ich begreife , daß Sie in der Aufregung und dem Schreck des Augenblickes Ihre Worte nicht allzu genau wägen . Das Gesetz muß seinen Lauf haben , und ich habe für alle Fälle zwei meiner Leute draußen , ich hoffe nicht in den Fall zu kommen , sie herbeirufen zu müssen . “ Franziska zuckte zornig die Achseln . „ Es ist ihr Glück , wenn sie nicht in den Fall kommen , versichere ich Ihnen . Herr Günther wirft sie alle beide zum Fenster hinaus , wenn es ihm sonst beliebt , und Sie , Herr Landrichter , “ sie blickte sehr verächtlich auf den kleinen schwächlichen Beamten , „ Sie nehme ich nöthigenfalls auf mich ! “ Der also Bedrohte wich zurück und warf einen Blick auf die Thür . Er kannte das sehr entschiedene Wesen der Dame schon von früheren Begegnungen her , und zweifelte nicht , daß sie im Stande sei , ihre Drohung im Nothfall auch auszuführen . Er hatte bei anderen Verhaftungen schon genug Scenen des Schreckens und Entsetzens von Seiten der Angehörigen erlebt , aber solch eine rücksichtslose Empörung gegen die gesetzliche Gewalt war ihm denn doch nicht vorgekommen . Zum Glück kam ihm Günther zu Hülfe . „ Ruhig , ich bitte Sie ! “ sagte er gelassen , aber fast befehlend , indem er die Hand auf den Arm seiner energischen Vertheidigerin legte . „ Ich wiederhole Ihnen , es ist ein Irrthum , der sich aufklären muß . Der Thäter muß über kurz oder lang gefunden werden , ich nehme Ihren ganzen Amtseifer dafür in Anspruch , mein Herr , denn geschieht es nicht , so würde mit dem Verdachte auch ein Flecken auf meiner Ehre haften bleiben , der nie auszulöschen wäre , selbst wenn man sich gezwungen sieht , mich freizusprechen . “ Es lag doch eine tiefe Blässe auf dem Gesicht des Mannes bei diesen Worten , sie verrieth , wie furchtbar er trotz alledem erregt war . Dem Beamten imponirte diese Haltung doch . „ Von unserer Seite wird selbstverständlich Alles geschehen , was im Bereiche der Möglichkeit liegt , “ entgegnete er , „ und nun – “ „ Sie werden mir doch erlauben , von meiner Schwester und meiner Hausgenossin Abschied zu nehmen ? “ unterbrach ihn Bernhard . Der Landrichter verneigte sich zustimmend und zog sich bis an die Thür zurück , aber ohne seinen Gefangenen aus den Augen zu lassen ; dieser wandte sich um . „ Komm zu mir , Lucie ! “ Lucie stand noch immer auf der Schwelle des Nebenzimmers . Es war in der That eine furchtbare Veränderung mit ihr vorgegangen und es schien nicht blos die letzte Viertelstunde zu sein , die diese Veränderung hervorgebracht . Das liebliche , einst so rosige Antlitz war bleich wie der Tod , die Lippen krampfhaft geschlossen , als müßten sie gewaltsam eine innere Qual verbergen , die sonst so weichen Züge schmerzvoll gespannt , und in den blauen Augen stand nichts mehr von Kinderglück und Kinderfrohsinn zu lesen . Franziska hatte Recht , es lag eine leichenhafte Starrheit in diesem Blick und dem ganzen Wesen des jungen Mädchens . Erst der Ruf des Bruders schien sie wieder zu sich zu bringen , sie flog auf ihn zu und legte den Kopf an seine Schulter , aber die Thränen , die sonst immer so leicht und reichlich flossen , kamen diesmal nicht , das Auge blieb trocken , wie es die ganze Zeit über gewesen . Bernhard beugte sich beruhigend zu ihr nieder . „ Aengstige Dich nicht , Lucie ! Ich hoffe bald zu Euch zurückzukehren , bis dahin bleibst Du in der Obhut von Fräulein Reich , ich kann Dich keinen besseren Händen anvertrauen . Lebe wohl . “ Lucie hob das Auge zu ihm empor , aber es war ein Blick so grenzenloser Angst , so hoffnungsloser Verzweiflung , daß seine Stirn sich plötzlich umdüsterte . „ Kind ! “ fragte er vorwurfsvoll . „ Hältst Du Deinen Bruder für einen Mörder ? “ Das junge Mädchen zuckte zusammen bei diesem Worte , in der nächsten Secunde aber schlang sie leidenschaftlich beide Arme um seinen Hals . „ Nein , mein Bernhard ! Dich nicht ! “ Es war ein herzzereißender Ausdruck in diesem Tone , der Bruder verstand ihn nicht , er sah darin nur die Angst um ihn selber ; aber Franziska ahnte mit dem Instinct der Frau , der geängstigten Frau , die jetzt für ein fremdes Leben zitterte , die wahre Bedeutung . Sie wollte auffahren , wollte eine heftige Frage an Lucie richten , zwang sich aber mit einem Blick auf den Beamten zum Schweigen . Günther ließ mit anscheinender Ruhe seine Schwester aus den Armen und wandte sich zu ihr , aber jetzt senkte er die Stimme so , daß nur sie allein ihn verstehen konnte . „ Ich muß nun auch Ihnen Lebewohl sagen , hoffentlich nicht auf lange . Es war sehr thöricht und nutzlos , daß Sie es wagten , sich dem Beamten zu widersetzen , sehr ! Aber es geschah um meinetwillen – ich danke Ihnen , Franziska ! “ Es war das erste Mal , daß er den Namen wieder aussprach seit jener Unterredung zwischen ihnen , unwillkürlich senkte Franziska das Auge . Das energische trotzige Fräulein , das eben noch bereit war , es mit allen Gerichten der Welt aufzunehmen , zitterte leise , als seine Hand die ihrige faßte , noch ein fester verständnißvoller Druck , dann ließ er sie wieder sinken . „ Und jetzt keine Abschiedsscenen weiter ! Ich stehe zu Ihrer Verfügung , Herr Landrichter ! “ – Die beiden Frauen blieben allein zurück . Franziska eilte an ’ s Fenster und sah Günther mit seinen Begleitern einsteigen , Lucie verharrte unbeweglich auf ihrem Platze , sie regte sich nicht . Erst als der Wagen den Hof verlassen hatte und sein Rollen ferner und ferner verhallte , wandte sich die Erstere wieder um , ein paar große Thränen standen in ihren Augen , aber es war jetzt keine Zeit zum Weinen . Sie näherte sich rasch dem jungen Mädchen , zog sie an sich und blickte ihr fest in ’ s Gesicht . „ Und nun stehen Sie mir einmal Rede , Lucie ! Vorhin in Gegenwart des Richters konnte ich Sie nicht fragen , es hätte den albernen Verdacht vielleicht bestärken können , jetzt aber sind [ 203 ] wir allein und jetzt frage ich Sie , was meinten Sie mit Ihrem angstvollen ‚ Dich nicht , Bernhard ‘ ? Daß Sie ihn nicht für den Mörder halten konnten , weiß ich , Sie aber wissen mehr , Sie meinten irgend einen Anderen , ich hörte es an Ihrem Tone ! “ Mit einer heftigen Bewegung machte sich Lucie frei , aber sie schwieg , die Lippen preßten sich nur fester zusammen und das Antlitz nahm wieder jenen Ausdruck an , dem man es ansah , daß sich ihm weder mit Güte noch mit Gewalt etwas abzwingen ließ . Franziska wartete vergebens auf einen Laut aus ihrem Munde . „ Kind , jetzt fange ich wirklich an , mich vor Ihnen zu fürchten ! “ sagte sie ernst , „ denn menschlich und natürlich ist dies Wesen nicht . Sie hören , daß man Ihren Bruder der That beschuldigt und ihn deswegen verhaftet , Sie wissen , daß seine Ehre , sein Leben auf dem Spiele steht , und schweigen , während ein Wort von Ihnen vielleicht Licht in die Sache bringen und ihn frei machen kann ! Lucie , um Gotteswillen , was können Sie denn noch zu schonen oder zu verschweigen haben nach dieser letzten Viertelstunde ? “ Es erfolgte auch jetzt keine Antwort , aber die letzte Mahnung schien doch tiefer gegangen zu sein . „ Bernhard ’ s Leben ? “ fragte Lucie leise mit halb erstickter Stimme , „ Sie glauben , daß sein Leben in Gefahr ist ? “ „ Ich meine , daß die Gerichte gegen einen Mann von seiner Stellung nicht so vorgehen würden , wenn sie nicht dringende Verdachtsgründe hätten , “ Franziska war jetzt plötzlich ganz auf Seiten des vorhin so geschmähten Gerichtes , „ und wenn sie verhaften , können sie auch verurtheilen . Bei einer Anklage auf Mord handelt es sich immer um Leben und Tod . “ Das junge Mädchen bebte wieder zusammen , wie vorhin bei dem Worte des Bruders . „ Bernhard wird nicht verurtheilt werden ! “ sagte sie tonlos , aber fest . Franziska fuhr vom Stuhle auf . „ Nicht ? Und das wissen Sie mit solcher Bestimmtheit ? Also können Sie ihn retten , Lucie , in ’ s Himmels Namen , sagen Sie mir nur das eine Wort , können Sie es ? “ „ Ich – “ hoffe es , wollte sie antworten , aber das Wort erstarb ihr auf den Lippen , hoffen konnte sie diese Rettung nicht . „ Ich – will es versuchen ! “ „ Gott sei Dank ! “ rief Franziska aufathmend . „ Endlich ist das Eis gebrochen ! Und nun vertrauen Sie sich mir an , Kind , was haben Sie vor ? “ „ Morgen ! Heute kann ich nicht . “ „ Aber – “ „ Ich kann nicht ! “ wiederholte Lucie entschieden und machte der Unterredung dadurch ein Ende , daß sie nach ihrem Zimmer schritt . Franziska folgte ihr zwar , aber sie mußte bald genug einsehen , daß heute wirklich nichts mehr von dem jungen Mädchen zu erreichen war , sie gab endlich die nutzlosen Versuche auf . Von Schlaf war bei den beiden Frauen in dieser Nacht nicht viel die Rede . Lucie hatte sich angekleidet niedergelegt , aber ihre Gefährtin sah nur zu gut , daß sie das Auge auch nicht einen Moment lang schloß . Franziska selbst ließ sich erst gegen Morgen von einem leichten Schlummer überraschen , zu ihrem Schaden , denn als sie erwachte , war ihre junge Pflegebefohlene von ihrer Seite verschwunden und im ganzen Zimmer nicht zu entdecken . Erschreckt sprang die Erzieherin auf und eilte hinaus , aber dort traf sie bereits das ganze Haus in Aufruhr : die Nachricht von Günther ’ s Verhaftung , die gestern Abend noch verborgen geblieben , war heute in aller Frühe bereits durch den Briefboten aus E. nach Dobra gebracht worden und hatte dort leicht begreifliches Entsetzen erregt ; Franziska hatte Mühe , sich in dem allgemeinen Durcheinander Luft zu einer Frage nach Lucie zu schaffen . „ Fräulein Lucie ist schon vor einer Stunde abgereist ! “ erklärte das Mädchen , welches sie Beide bediente , „ sie läßt aber das Fräulein bitten , sich nicht zu ängstigen , sie würde vor Abend wieder zurück sein . “ Franziska stand da wie vom Donner gerührt . „ Abgereist ! Wohin ? “ Das Mädchen zuckte die Achseln . „ Das weiß ich nicht ! Wahrscheinlich weiß es nur der alte Joseph , der das Fräulein führt ; sie hat Niemandem ein Wort davon gesagt . “ „ Nun , das ist ja eine schöne Geschichte ! Herr Günther vertraut sie ausdrücklich meinen Händen an , und jetzt geht sie mir heimlich auf und davon ! Wo kann sie hin sein ? Natürlich nur nach E. zum Bruder , um ihm mitzutheilen , was sie mir verschwieg . Und man wird sie nicht einmal zu ihm lassen ! Konnte das thörichte Kind mich nicht mitnehmen ? ich hätte mir den Weg in ’ s Gefängniß gebahnt , und wenn zwölf Landrichter und vierundzwanzig Gerichtsdiener davor Posto gefaßt hätten , um mir den Eingang zu wehren ! “ Franziska wurde in ihrem zum Glück nicht laut geführten Selbstgespräch unterbrochen , denn von allen Seiten stürmten jetzt Fragen , Erkundigungen , Bitten auf sie ein . Die Beamten kamen mit schreckensbleichen Gesichtern , die Dienerschaft lief verstört und rathlos durcheinander , der ganze Haushalt schien aus den Fugen gegangen , da galt es energisch einzugreifen und den sämmtlichen Untergebenen zu zeigen , daß wenigstens noch eine leitende Hand da war , die Ordnung in das so plötzlich entstandene Chaos zu bringen wußte . „ Das Fräulein steht ihren Mann ! “ sagte der unter Günther ’ s Leitung sehr tüchtige , aber nichts weniger als selbstständige Oberinspector , als er nach Verlauf einer Stunde von ihr zurück kam . „ Die versteht sich auf ’ s Commandiren fast so gut , wie der Herr selber . Gott sei Dank , daß wir wenigstens noch Einen haben , der den Kopf nicht verliert . Wenn sie nicht wäre , ich glaube , es ginge jetzt in Dobra Alles drunter und drüber ! “ Im Hochgebirge hatten die Stürme während der letzten Tage wieder mit verheerender Gewalt gewüthet . Ausgetretene Bergwasser , entwurzelte Bäume , niederstürzendes Felsgeröll hatten die Wege unpassirbar gemacht und die höher gelegenen Bergorte , wie N. , gänzlich von der Ebene abgeschnitten . Die Verbindung damit war fast ganz abgebrochen , denn die Gebirgsbewohner , die allenfalls noch zu Fuße hinauf- oder heruntergelangen konnten , scheuten sich , ohne Noth den gefährlichen und mühseligen Weg zu machen . Um so mehr wunderte sich der rüstig voransteigende Bauer , daß die junge Dame , welche ihm folgte , dies Wagniß unternehmen wollte . Sie war mit ihrem Wagen nur ungefähr bis zur Hälfte des Weges gekommen , da erwies sich die Weiterfahrt als unmöglich , aber vergebens bat sie der alte Kutscher mit Thränen in den Augen , zurückzubleiben , vergebens warnten die Dorfleute , sie hatte erklärt vorwärts zu müssen , nach N. hinauf zum Pfarrer Clemens , wie sie sagte , hatte einen der Männer durch das Anerbieten eines reichlichen Lohnes bewogen , ihren Führer zu machen , und setzte nun wirklich die Reise mit ihm zu Fuße fort . Es war ein arger Weg , er zeigte überall noch die Verheerungen des Sturmes , der sich glücklicherweise während der Nacht gelegt hatte . Der Führer blickte sich oft genug besorgt um nach seiner schweigsamen Begleiterin , ob sie auch überhaupt zu folgen vermöge , woran er ernstlich zweifelte ; freilich sie war jung und leichtfüßig , aber doch gar zu zart für solchen Gang und für solches Wetter , zudem waren ihre Schuhe so entsetzlich dünn und fein , jeder Tritt mußte sie ja schmerzen hier auf den scharfen Steinen , und der Regenmantel , der über die leichte Kleidung geworfen war , schützte sie auch nicht viel vor dem noch immer scharfen Bergwinde . Sie schien aber Beides nicht zu empfinden , sondern folgte unverdrossen , ohne Ausruhen und ohne Klage , als kenne sie weder Ermüdung noch Furcht . Ungefähr eine Stunde lang waren sie so vorwärts gegangen und erreichten jetzt eine freiere Höhe . Zur Seite des Weges stand ein roh geschnitztes Heiligenbild , das auch dem Sturme zum Opfer gefallen war , das hölzerne Schutzdach war zertrümmert , das Bild selbst lag zerschmettert am Boden , nur der Pfahl , der es getragen , stand noch zur Hälfte aufrecht , von dem moosigen Felsstück gehalten , an das er sich lehnte . Unten am Abhange , nur einige hundert Schritte entfernt , lag ein einsames , armseliges Gehöft , das halb verdeckt durch die Tannen gänzlich öde und ausgestorben schien . Auf der Höhe angelangt blieb das junge Mädchen plötzlich stehen und berührte den Arm ihres Begleiters . „ Wir müssen ausruhen ! – Ich kann nicht weiter ! “ Der Bauer sah sich um und erschrak , denn er gewahrte jetzt erst die tiefe tödtliche Erschöpfung in ihren Zügen und in [ 204 ]  ihrer ganzen Haltung , die Brust hob und senkte sich schwer von der ungewohnten Anstrengung , das Gesicht unter den braunen Locken war erschreckend bleich – sie hatte augenscheinlich ihre Kräfte auf ’ s Aeußerste angespannt , bis sie ihr versagten . Der gutmüthige Führer geleitete sie rasch zu dem moosbedeckten Felsstück und ließ sie niedersitzen , aber er schüttelte bedenklich den Kopf . „ Das wird nimmermehr gut , Fräulein , Sie kommen nicht weiter ! Wir wollen lieber umkehren , Sie halten ’ s nicht aus ! “ Sie machte eine heftig verneinende Bewegung . „ Nein , nein , es geht vorüber ! Ich bin nur müde , lasten Sie mich einige Minuten ausruhen ! Haben wir noch weit bis N. ? “ „ Zwei volle Stunden bis zur Wallfahrtskirche , und dann noch ein gutes Stück bis zum Dorfe hinauf , denn die ‚ wilde Klamm ‘ ist jetzt nicht zu passiren . Das Schlimmste vom ganzen Wege haben wir noch vor uns ! “ Das junge Mädchen schauerte leise zusammen , ob vor dem Wege oder vor dem Orte , den er nannte , sie gab keine Antwort . Der Bauer begriff trotzdem , daß von Umkehr nicht die Rede sei , er blieb also an ihrer Seite stehen und wartete geduldig auf den Wiederaufbruch . „ Hab ’ ich doch gemeint , wir Zwei seien die Einzigen unterwegs ! “ begann er plötzlich wieder , „ und da kommt Hochwürden der Herr Caplan grade vom Ecken-Hof herunter ! Der scheut auch nicht Weg , nicht Wetter , er ist wahrhaftig heute von N. gekommen , weil im Ecken-Hof ein Krankes liegt ! “ Es war in der That der junge Caplan des Pfarrer Clemens , der aus dem Gehöfte hervorkam und gleichfalls die Höhe erstieg , er blickte flüchtig auf den Bauer , der ehrfurchtsvoll grüßend am Wege stand , und mit seiner breiten Gestalt völlig die des jungen Mädchens verdeckte . „ Bist Du auch unterwegs , Ambros ? “ fragte er im Vorübergehen . „ Ja , Hochwürden , aber nicht allein ! Ich verdiene mir ein Führerlohn bei der Dame da – “ er wich bei den letzten Worten seitwärts und gab den Anblick seiner Begleiterin frei , kam aber nicht weiter in seinen Auseinandersetzungen , denn was er sah , dünkte ihm doch etwas befremdlich . Der Caplan stand da – als habe einer der Berggeister , von denen die Sagen des Gebirges erzählen , ihn auf einmal berührt und in Stein verwandelt , nur das Auge flammte auf , groß und dunkel , und nur der Blick allein redete , aber er sagte genug . Sie war wohl mehr dämonisch als zärtlich , diese Gluth , die so plötzlich wieder aus der Tiefe hervorbrach , aber sie schien auch das einzige Leben zu sein in diesen starren Zügen . Auch das junge Mädchen war aufgezuckt bei seinem Erscheinen und einen Augenblick schien es , als wolle der heiße Purpur wieder ihr Antlitz überfluthen , doch es kam nicht dazu , kaum daß ein schwacher Hauch von Röthe es überflog , und auch der schwand schon in der nächsten Minute , um der früheren tiefen Blässe wieder Platz zu machen . Ihre Kräfte hätten doch wohl nicht ausgereicht zu dem ganzen Wege , aber wenn diese unerwartete Begegnung , die sie ja allein nur suchte , ihr auch erwünscht kam – leichter war ihr dabei nicht geworden . „ Das Fräulein will nach N. zum Pfarrer Clemens , “ nahm der Bauer endlich das Wort , als er sah , daß Niemand von den Beiden redete . „ Das ist jetzt nicht mehr nöthig ! “ unterbrach ihn seine Begleiterin leise , aber mit sichtbarer Anstrengung . „ Ich kann auch – ich werde es auch dem Pater Benedict mittheilen können , was mich herführte . Erwarten Sie mich dort unten im Gehöft , in einer Viertelstunde bin ich wieder bei Ihnen . “ Der Bauer nickte und nach nochmaligem ehrfurchtsvollem Gruße gegen den Caplan trollte er ab . Er war sehr froh , sein Führerlohn so leichten Kaufes verdient zu haben , ohne den beschwerlichen Weg machen zu müssen , und fand es gar nicht auffallend , daß auch die junge Dame diesen scheute und es deshalb vorzog , sich dem Caplan anzuvertrauen , der ihre Botschaft oder ihr Anliegen ja jedenfalls dem Pfarrer überbrachte . Er sprach einstweilen in dem Gehöfte ein und wartete dort verabredetermaßen . Benedict und Lucie waren allein zurückgeblieben . Sie befanden sich hier in halber Höhe des Gebirges , das einen seiner großartigsten Punkte vor ihnen aufrollte . Dort drüben thürmten sich in schwindelnder Höhe die riesigen Gipfel der „ steilen Wand “ empor ; sie war völlig klar heute , weißleuchtend lag der Schnee auf den Spitzen , in den Schluchten und Scharten des gigantischen Felskolosses , aber noch jagte graues Sturmgewölk darüber hin und warf ein trübes , mattes Licht auf ihn und auf die ganze Umgebung . Ringsum nur Tannenwipfel , so weit das Auge reichte , an den Bergen , an den Felswänden , bis dort hinauf , wo der Schnee begann , überall nur das einförmige ewig dunkle Grün und tief unten im Thale der Bergstrom , der wie ein kochender Strahl aus den Tannen hervorbrach , zwischen ihnen verschwand und sich dann weiß schäumend auf ’ s Neue hervorwand , sein dumpfes Brausen drang fern und undeutlich herauf , der einzige Laut in der großartigen schweigenden Einsamkeit . „ Sie wollten zu Pfarrer Clemens , mein Fräulein ? “ begann Benedict endlich die Unterredung . Lucie schüttelte das Haupt . „ Nicht zu ihm , “ entgegnete sie leise ; „ ich hoffte , Sie am sichersten dort zu finden . – Ich suchte Sie allein ! “ „ Mich ! “ Es war ein stürmisches Aufwogen in seiner Stimme , aber es sank sofort wieder bei dem Blick auf ihr Gesicht . Was war aus diesem Kinderantlitz geworden , seit er es zum letzten Male gesehen ! „ Mich ! “ wiederholte er langsam , „ und was konnte Sie zu mir führen ? “ Lucie schwieg . Jetzt , wo sie vor der Entscheidung stand , drohte der Muth zusammenzubrechen , der sie bisher aufrecht erhalten , sie hatte den Bruder retten wollen und fühlte doch jetzt , daß sie zu viel unternommen , daß sie eher seine Gefangenschaft , seine Gefahr ertragen hätte , Alles – nur nicht seine Rettung um diesen Preis ! Benedict sah den Kampf in ihren Zügen . „ Kostet es Ihnen so schwere Ueberwindung , auch nur das Wort an mich zu richten ? “ fragte er bitter . „ Ich begreife es , nach dem , was geschehen ist , aber Sie werden sich doch wohl entschließen müssen , noch einmal zu dem Verhaßten zu sprechen , wenn ich anders Ihren Wunsch erfahren soll ! “ Er zog den Mantel fester um die Schultern . Luciens Blick heftete sich wie in angstvollem Forschen auf diesen Mantel von dunklem einfachen Tuche , als suche oder – fürchte sie dort etwas , aber der Saum verschwand völlig in den Falten , er ließ sich nicht verfolgen . „ Ich habe eine Frage an Sie , “ sagte sie endlich fast unhörbar , „ und eine Bitte ! “ „ Nun wohl , ich warte . “ Es lag eine seltsame Härte in dem Ton , es war überhaupt etwas Hartes , Starres in seinem ganzen Wesen ; Lucie wußte wohl , daß es schwinden würde , wenn sie das Auge zu ihm emporhob , aber sie wußte auch , daß es um ihre Fassung geschehen war , wenn er sich jetzt nicht herb und hart zeigte , ihr Blick blieb an den Boden geheftet . „ Es betrifft den Tod des Grafen Rhaneck – “ Sie schwieg plötzlich , es schien ihr , als sei er aufgezuckt bei dem Namen , aber eine Antwort erfolgte nicht . „ Man sagt , er sei – “ sie hielt wieder inne , das entsetzliche Wort konnte nicht über ihre Lippen , „ es sei kein bloßes Unglück gewesen , dem er zum Opfer gefallen . “ Wieder dies entsetzliche Schweigen . Benedict blieb stumm , Lucie wagte es noch immer nicht , ihn anzublicken , aber sie raffte den letzten Rest ihrer Kraft zusammen . „ Die Gerichte haben sich bereits der Sache bemächtigt . Man beschuldigt meinen Bruder – er ist gestern verhaftet worden . “ Jetzt zum ersten Male zuckte er wirklich auf , sie sah , wie seine Hand sich krampfhaft ballte . „ Günther ? Ah ! “ Es war ein Ausruf halb der Wuth und halb des Entsetzens , aber es blitzte dabei etwas wie ein Hoffnungsstrahl auf in der Seele des jungen Mädchens . „ Sie wußten es nicht ? “ „ Wir sind seit drei Tagen abgeschnitten von der Ebene , selbst die gewöhnlichen Boten kommen nicht mehr zu uns herauf . Ich ahnte nicht , daß man überhaupt Verdacht hegte , sonst – “ „ Sonst wären Sie gekommen und hätten Bernhard gerettet – ich wußte es ! “ [ 206 ] Benedict trat zurück und sah sie starr an , aber das vollste Entsetzen lag in diesem Blick . „ Ich ? Lucie , allmächtiger Gott , wer hat Sie gelehrt die Rettung bei mir zu suchen ? “ Die bebenden Lippen des jungen Mädchens versagten ihr fast die Worte . „ Ich – ich ahnte es , daß die Hülfe nur hier zu finden sei . Mein Bruder ist gefangen , seine Ehre , sein Leben steht auf dem Spiel . Retten Sie ihn ! “ [ 232 ] Jetzt endlich sah Lucie Benedict an , aber es war ein Ausdruck der Todesangst in diesem Blick , und doch galt ihr Flehen in diesem Augenblick nicht dem Bruder . Nicht die Verweigerung , die Gewährung der Bitte war es ja , die sie fürchtete . Wäre er jetzt befremdet zurückgetreten , hätte er gesagt : „ Ich kann nicht , mein Fräulein , mir fehlt jede Macht dazu “ – ihr eignes Leben und Bernhard ’ s Freiheit hätte sie hingegeben für das eine Wort aus seinem Munde , aber dies Wort kam nicht , er sah sie an , nur einen Moment lang , dann wandte er sich plötzlich ab und – schwieg . Lucie wußte genug ! Sie schlang den Arm um den noch aufrecht stehenden Stamm des gestürzten Heiligenbildes und lehnte halb bewußtlos das Haupt an das feuchte Holz . Einige Secunden vergingen so , sie standen so nahe bei einander und doch gähnte eine Kluft zwischen ihnen , tiefer als jene , in der Ottfried den Tod gefunden . Ueber ihnen der graue Himmel mit den jagenden gährenden Wolkenmassen , um sie her die rauschenden Tannenwipfel und tief unten der Fluß mit seinem dumpfen Brausen . Erst Benedict ’ s Stimme rief das junge Mädchen wieder zur Besinnung zurück , er stand jetzt neben ihr . „ Ich will nicht fragen , wer Ihnen das Geheimniß verrathen hat , das Sie wissen müssen , um so mit mir zu sprechen , aber Sie kamen zur rechten Zeit . Zittern Sie nicht so angstvoll um den Bruder , Lucie , seine Gefahr ist zu Ende mit meinem Schweigen ! Hätte ich gewußt , daß der Verdacht sich auf einen Unschuldigen richtet , es wäre längst gebrochen . Ich habe jetzt nichts mehr zu schonen . “ Lucie ließ die Stütze fahren und richtete sich empor . „ Sie kennen also – den Thäter ? “ Es folgte eine secundenlange Pause . „ Ja ! “ sagte er endlich schwer . „ Und Sie werden ihn nennen ? “ „