gezeigt , und wenn er in den Fürstenstand erhoben würde , es könnte doch unmöglich den Widerwillen in Liebe zurückverwandeln . “ „ Bei einer so eitlen , ehrgeizigen Seele , wie Flora , ohne Weiteres , “ versetzte Henriette in bitter verächtlichem Ton . „ Und Bruck ? Du wirst sehen , er geht bei ihrer ersten Annäherung über das Geschehene hinweg , als sei es nie gewesen . “ – Den Kopf zurückhaltend schloß sie einen Moment die Augen . – „ Ja , wenn die Liebe nicht wäre , dieses ewig unlösliche Räthsel ! “ sagte sie halb flüsternd vor sich hin . „ Und er liebt sie wie vordem ; wie ließe sich sonst sein Ausharren , sein geduldiges Ertragen erklären ? “ Sie hob die Wimpern wieder , und ein Gemisch von tiefem Schmerz und bitterer Ironie brannte in ihren unirdisch glänzenden Augen . „ Und wenn ihn aus ihrem schönen Gesicht ein Teufel anblickte , und wenn ihre Hände nach ihm schlügen , er würde sie doch lieben und diese Hände zärtlich küssen . “ Das Lächeln , das so scharfe Linien in ihre abgezehrten Wangen grub , hatte etwas Herzzerreißendes ; sie suchte es auch zu verbergen , indem sie das Gesicht in die Kissen drückte . „ Ihre Umkehr wird mithin hohen Werth für ihn haben , “ sagte sie nach einer momentanen Pause entschlossen , mit gewaltsam beherrschter Stimme ; „ er wird glücklich werden , und deshalb muß auch von unserer Seite Alles geschehen , daß die Zeit der Verirrung nie mehr berührt wird . “ Käthe sagte kein Wort mehr . Die Kranke erwartete mit kaum bezähmbarer Ungeduld den Moment , wo sie den Mann , den sie als ihren Arzt vergötterte , wieder glücklich sehen würde . Was sollte werden , wenn Flora nicht kam , wenn Henriette endlich doch erfahren mußte , daß die treulose Braut der langen Qual eigenmächtig ein rasches , gewaltsames Ende gemacht hatte ? „ Dann wirst Du unseren Namen nie mehr auf die Lippen nehmen , “ hatte Henriette gestern in ihren Fieberphantasien gegen Bruck geklagt . In Käthe ’ s Seele dauerte der chaotische Zustand fort , der sie schon gestern Abend betroffen gemacht . Die Gesetze der Moral hatten ein scharfes Gepräge für sie , und sie war noch unerfahren genug , Lohn und Strafe stets als gerechte Folgen vorausgegangener Handlungen zu denken – und nun in diesem wunderlichen Weltgetriebe wurde alles Ernstes gewünscht und gehofft , daß unerhörter Uebermut und systematische Pflichtverletzung nicht nur straflos ausgehen , sondern auch noch eines seltenen Glückes theilhaftig werden sollten . Man bemühte sich , das Vergehen totzuschweigen ; man hätschelte die Sünderin und dankte ihr wo möglich auf den Knieen für ihre Umkehr , die , wenn sie wirklich erfolgte , nicht einmal wahre , innere Reue , sondern nur durch den Umschwung der äußeren Verhältnisse hervorgerufen worden war . Und er , den sie moralisch mit Füßen getreten , nahm er sie wirklich augenblicklich wieder an sein Herz , wenn sie sich herabließ , zu ihm zurückzukehren ? Ganz sicher ; hatte er sie doch nicht beigegeben , selbst nachdem sie ihm erklärt , daß sie ihn hasse . Jetzt fühlte Käthe einen mächtigen Zorn in sich aufglühen gegen die unselige Schwachheit , die einen Mann so erbärmlich , so unmännlich handeln ließ . Sie hätte so recht von Herzen ihren Groll ausweinen mögen über diese Erfahrung , die ihr das Leben und sogar die schöne , strahlende Welt für einen Augenblick verdunkelte , aber sie verbiß trotzig das wunderliche Schmerzgefühl und saß äußerlich fast noch „ fischblütiger “ da , als vorher . Weinen ? Was ging sie denn die ganze abstoßende Geschichte weiter an ? Sie hatte nun nichts , gar nichts mehr dabei zu bedeuten , als das Hochzeitsgeschenk für die Schwester – etwa ein Teppich oder ein Sophakissen – das sie nunmehr schleunigst anfangen müsse , wenn wirklich die Hochzeit zu Pfingsten stattfinden sollte . Die Tante kam herein , legte einen frischgebrochenen Syringenzweig voll junger Blätter auf die Bettdecke und brachte der Leidenden einen Gruß vom Frühling , der gar so golden , so helltönig und würzig draußen hinziehe und einen wahren Genesungsbalsam in seinem Athem trage . Sie bestand darauf , ihren Platz am Bett wieder einzunehmen , und erklärte Käthe ’ s Anwesenheit im Krankenzimmer für den Moment als vollkommen überflüssig ; draußen im Garten möge sie sich ein wenig Bewegung machen und frische , sonnige Gottesluft atmen ; das tue ihr sichtlich noth ; die gestrige Alteration und Anstrengung sei noch auf ihrem Gesicht zu lesen . Das junge Mädchen ging rasch hinaus . Ja , Luft und Sonnenschein , das waren zwei gute Freunde , die ihr stets das Gefühl innerer Kraft und des Jungseins wonnig zum Bewußtsein brachten , die den Blick klärten und alles angekränkelte Empfinden über den Haufen bliesen . Und die Tante hatte Recht , die Welt war so maienhaft , so blüthenverheißend , und die schwach wehende , sonnentrunkene Luft hauchte „ Genesungsbalsam “ in Leib und Seele . Käthe trat hinaus auf die Freitreppe ; ihr schöner Busen wogte in tiefen , zitternden Athemzügen . Sie hob und streckte unwillkürlich die Arme , die fest und doch mädchenhaft gerundeten mit den stählernen Muskeln . Und die Stufen hinabsteigend , ließ sie den Blick in die blaue Fremde hinein fliegen , über das niedere Staket hinweg , über die Wiesengründe draußen , über das sie durchschneidende , rasch strömende Gewässer mit den Dorfhäusern und Kirchthürmen an seinen fernen Ufern – wunderliches Menschenherz , das angesichts dieser Herrlichkeit doch so gepreßt blieb ! Und dort , vom Holzschuppen her , der am Gartenzaun stand , klang liebliches Gezwitscher , und blauschwarzes Gevögel mit metallisch funkelndem Rücken und rostbrauner Kehle tummelte sich um die offene Bodenluke – die ersten Schwalben waren da . Die Bodenluke war ihr alter Nistplatz . Käthe hatte schon als Kind , im Grase liegend , ihr Aus- und Einfliegen beobachtet , aber wie einsam und verloren hatte damals das Zwitschern geklungen in das eintönige Wellengemurmel und die um das verschlossene Haus webende athemlose Stille hinein , die hie und da das Fallen einer reifen Frucht von den Obstbäumen unterbrach ! Jetzt schmetterten auch vornehme , verzogene Stubenvögel aus den offenen Fenstern ; der Rauch des Heerdfeuers zog hoch droben als dünner , sonnenvergoldeter Schleier über den Rasenplatz hin ; am Schuppen stand auch das Hundehaus , und der ungeberdige , struppige Köter riß an seiner Kette und schnappte nach einem schönen , lichtgelben Huhn , das sich dummdreist immer wieder in seine Nähe wagte , um einige versprengte Getreidekörner aufzulesen . Die Köchin hatte auf Wunsch der Tante Diakonus einen prächtigen Hahn und fünf Hennen aus ihrem Dorfe mitgebracht – es sollte Alles werden , wie im alten , lieben Pfarrhause . … Käthe scheuchte die krakelnde Henne aus dem Bereiche des zornig knurrenden , gereizten Hundes und wandelte langsam unter den Obstbäumen hin . Der vorjährige , dürre Graswuchs zu ihren Füßen erschien da und dort gesprenkelt mit jener Bläue , die selbst das älteste , verdrossenste Menschenauge noch aufleuchten macht – die ersten Veilchen blühten , und das große stattliche Mädchen bückte sich so emsig danach , wie es einst kaum der kleine Rücken des Müllermäuschens gethan . … Fast verwundert dachte sie jetzt daran , daß sie ja eigentlich als einzige Erbin ihres Großvaters vor wenigen Wochen noch Herrin hier gewesen sei ; das Kapital , das der Doktor für die kleine Besitzung hingegeben , gehörte ihr – es lag wohl auch in dem bewußten eisernen Schranke , das mühsam ersparte , redlich erworbene Scherflein , vermischt mit dem Reichtume , den der Kornwucher aufgehäuft . Sie schrak zusammen und verschüttete unwillkürlich die gepflückten Veilchen auf den Rasen . Das schneidende Gefühl namenloser Demüthigung und erlebter Schande überkam sie , wie gestern inmitten der erbitterten Weiberschaar . Da hatte sie noch im ersten Aufschrecken gegen die entsetzliche Beschuldigung protestiert , aber nun , so oft das harte , mürrische , grobe Gesicht ihres Großvaters vor ihr auftauchte , mußte sie sich eingestehen , daß er recht wohl das grausame Wort von den „ pfeifenden Mäusen “ gesagt haben konnte ; sie ballte in stummer Qual krampfhaft die Hände . Daß sie mütterlicherseits aus den untersten Schichten der Gesellschaft stammte , wußte sie ja ; nie war ihr auch nur der Wunsch gekommen , daß es anders sein möchte – sie leitete vielmehr ihre prächtige Mitgift , Kraft und tadellose Gesundheit , dankbar von „ dem Großmütterlein “ her , das in frischer Waldluft mit kräftigem Arme die Holzaxt geschwungen , aber die Gemeinheit der Gesinnung , die Brutalität , mit welcher der ehemalige Müllerknecht einen erbarmungslosen Druck auf die Armut ausgeübt , um zu einem großen Vermögen zu gelangen , erfüllten sie mit Ekel und Abneigung , und an den eisernen Spind mit seinen aufgespeicherten Schätzen mochte sie gar nicht mehr denken . Ohne es zu wissen , war sie , am Flusse hingehend , in einen förmlichen Sturmschritt verfallen . Da , wo der Zaun das Grundstück begrenzte und mit seinem Weißdorngeflecht noch ein Stück des abschüssigen Ufers hinablief , blinkten weiße Glasscherben , die Splitter des kleinen Glases , aus welchem sie gestern Abend die nervenberuhigende Mischung getrunken . Die Köchin hatte die Trümmer , an welche sich eine beschämende Erinnerung für das junge Mädchen knüpfte , achtlos hingeworfen , damit das Wasser sie mit fortnehme . Ein schmerzender Stich durchfuhr Käthe ’ s Herz , und brennende Thränen traten ihr in die Augen , wie jedesmal , wenn sie an die gestrige Szene im Zimmer des Doktors dachte . Sie hatte sich mit ihrem „ tollen Kopf “ entsetzlich blamiert . Und wenn der milddenkende , feinfühlende Mann auch sofort ein beschwichtigendes Wort , eine Entschuldigung für sie auf den Lippen gehabt , innerlich hatte er doch jedenfalls verwundert lächeln müssen über „ die große , körperstarke Person “ mit den kindisch schwächlichen , sentimentalen Vorstellungen in ihrem Gehirn . Aber solch eine Uebereilung ihres bis zur Schwachheit mitleidigen Herzens passierte ihr auch gewiß nicht wieder ! Lieber wollte sie für grausam , boshaft , ja , für eine böse Sieben gelten . Und der Doktor sollte gewiß nicht wieder über sie lächeln – ah , dazu fand er auch bald genug keine Veranlassung mehr . Wie lange noch , da wurde Henriette in die Villa zurückgebracht ; die Verbindung zwischen „ Hüben und Drüben “ wurde abgebrochen , und der Doktor „ nahm nicht einmal mehr die Namen Derer in der Villa auf die Lippen “ . Nach Allem , was gestern Abend geschehen , was sie als einziger Zeuge mit angehört , mit angesehen , war die gehoffte Umkehr Flora ’ s unmöglich , mochte Doktor Bruck auch mit aller Energie auf seinem Rechte bestehen – heute noch mußte er die Ueberzeugung gewinnen , mußte sich Alles entscheiden , wenn die Braut ausblieb . Oder that er doch , was Henriette befürchtete ? Hatte er das Verlangen nicht unterdrücken können , bei seiner Rückkehr vom fürstlichen Schlosse in der Villa einzukehren , um Flora von der glücklichen Wandlung in seinem Leben nunmehr persönlich in Kenntniß zu setzen ? Dann sagten ihm die zwei kleinen Brillantringe an ihrem Finger sofort , und zwar deutlicher als jedes erklärende Wort , was er noch zu hoffen habe . Käthe lief in diesem Augenblicke vom Ufer weg auf den Rasengrund zu ; ein abscheulicher Lärm , der möglicher Weise bis ins Krankenzimmer dringen und Henriette erschrecken konnte , erhob sich in der Nähe des Schuppens ; das Hühnervolk zerstob , entsetzt aufschreiend , nach allen vier Winden , und der Hofhund stürzte sich mit nachschleifender Kette wüthend auf die gelbe Henne , die ihn geärgert hatte . Käthe war ihm sofort auf den Fersen ; sie packte sein schmutzig weißes , zottiges Fell im Genicke , in demselben Momente , wo bereits die Schwanzfedern seines unglücklichen Opfers umherflogen . Sie lachte wie ein Kind über das zerzauste Huhn , das sich kläglich krakelnd im Holzschuppen verkroch , und zog den Hund nach seiner Hütte zurück . Das ungeberdige Thier sträubte und sperrte sich mit allen Kräften ; es versuchte , nach der kräftigen Mädchenhand zu schnappen , die es unerbittlich wieder in die Gefangenschaft schleifte . Für einen Dritten mochte dieser Kampf um die Herrschaft etwas Beängstigendes haben ; denn der Hund war tückisch wild , groß , von sehnigem , gedrungenem Gliederbau , und die rotfleckige Zeichnung auf Rücken und Flanken gab ihm ein tigerartiges Ansehen , aber er wand und stemmte sich vergeblich . Käthe stieß mit der freien Linken den ausgehobenen Kettenhaken wieder in den eisernen Ring der Mauer und sprang , den Hund plötzlich loslassend , weit zurück ; er fuhr ihr wüthend nach und erwischte noch den Saum ihres Kleides , den er in Fetzen riß . „ Bösewicht ! “ drohte sie mit dem Finger und nahm das Kleid auf , um den Schaden zu betrachten . Sie hörte eilige Schritte von der Brücke her kommen ; sie wußte auch , daß es der Doktor war , der von der Stadt zurückkehrte , aber sie sah nicht auf . Sie hoffte , er werde in das Haus gehen , ohne sie weiter zu beachten . Wer konnte denn wissen , ob er nicht direct aus der Villa und vielleicht in sehr trüber Stimmung kam ? Er war ohnehin so still und in sich gekehrt , so wortkarg heute ; fast wollte es ihr scheinen , als habe er gestern Abend mit dem sanften , unerklärlich weichklingenden „ Gute Nacht , gute Nacht ! “ einen Abschluß seines bisherigen Wesens und Verhaltens andeuten wollen . Er ging nicht in das Haus , sondern direct auf Käthe zu . Drohend hob er den Stock gegen den boshaft knurrenden , kläffenden Hund , der plötzlich mäuschenstill wurde und sich demüthig neben seiner Hütte hinstreckte . Der Doktor nahm einen Stein und trieb den Kettenhaken noch tiefer in den Ring . „ Ich werde das Thier doch wohl abschaffen müssen ; es ist zu wild und ungeberdig , “ sagte er , sich aufrichtend und den Stein fortwerfend . „ Seine scharfe Wachsamkeit wiegt den Schrecken nicht auf , den er verursacht . Sie sind freilich mit ihm fertig geworden ; ich glaube , im Bewußtsein Ihrer Kraft lassen Sie sich leicht verführen , tollkühn zu sein . “ Er sagte das in ernstem , nahezu tadelndem Tone , jedenfalls hatte er den Vorgang im Näherkommen durch das Ufergebüsch mit angesehen . Sie lachte . „ Glauben Sie das ja nicht ! Ich habe meine wohlgemessene Dosis Aengstlichkeit in der Seele , wie jedes andere Mädchen auch , “ entgegnete sie freimüthig . „ Vor fremden Hunden habe ich sogar eine ganz besondere Scheu und gehe ihnen gern aus dem Wege . Aber in kritischen Augenblicken muß man sich doch zu helfen wissen ; angeborene Schwächen dürfen nicht aufkommen ; da beiße ich die Zähne fest zusammen und greife unbedenklich zu , und das mag denn so furchtbar tapfer aussehen . “ Der Doktor hatte mit den Augen eine Schwalbe verfolgt , die vom Schuppen wegflog , und jetzt lächelte er auch , aber ohne Käthe anzusehen . Es kam ihr vor , als sei dieses Lächeln ein ungläubiges ; jedenfalls blieb er dabei , sie wolle sich heldenhaft hervortun und poche unweiblich genug auf ihre Kraft , und das entsprach durchaus nicht ihrem Geschmacke , am wenigsten aber der Wahrheit . „ Sie zweifeln ? “ fragte sie mit einem halb ernsten , halb schelmischen Aufblicke . „ Wissen Sie auch , daß die Heldin da vor Ihnen erst seit Kurzem das letzte Restchen Furcht vor Nachtdunkel und Geisterspuk von der Seele geschüttelt hat ? “ Ein köstlicher Humor umspielte ihre Lippen und vertiefte die Wangengrübchen . „ Sie können sich wohl denken , daß in der alten Schloßmühle Kobolde und Heinzelmännchen in allen Ecken hocken und rumoren ; dem fürstlichen Erbauer fällt es auch bisweilen ein , aus seinem wackeligen Rahmen zu steigen , um höchsteigenhändig die Kornsäcke auszuschütten , und gespenstige Müller , die vor alten Zeiten ihren Mahlkunden das Mehl verkürzt haben , fehlen auch nicht . Suse hat mir selbstverständlich von diesen unumstößlichen Thatsachen nicht ein Tüpfelchen vorenthalten , und ich war so festgläubig , als sei ich in einer thüringer Spinnstube aufgewachsen . Von diesem wundervollen Gruseln durften aber der Papa und meine Lukas um Alles nicht merken – Suse wäre sehr gescholten worden , und ich schämte mich auch – , da galt es denn , sich zu überwinden und zähneklappernd , aber ohne Widerrede in tiefster Dunkelheit bis auf den Hausboden hinaufzusteigen , wenn es auf Grund der Erziehungskonsequenz befohlen wurde . “ „ Sie haben sich also von jeher gewöhnt , an Ihre innere Kraft hohe Anforderungen zu stellen . Wie mag es da kommen , daß es Ihnen so leicht wird , beim Manne eine That der Feigheit und Schwäche vorauszusetzen ? “ Sie stand plötzlich wie mit Blut übergossen . „ Sie haben mir gestern meine Uebereilung verziehen , “ sagte sie sichtlich verletzt und nicht ohne Trotz und strich , sich abwendend , wiederholt die Löckchen aus der Stirn , lediglich um die Flammenglut auf ihrem Gesichte zu verdecken . Er schüttelte den Kopf . „ Diesen Ausdruck sollten Sie doch nicht wieder gebrauchen , nachdem ich Ihnen versichert , daß Sie mir nichts zu Leide gethan haben , “ versetzte er , unwillkürlich seine schöne , klangvolle Stimme dämpfend , als berühre er eine geheime Beziehung zwischen sich und dem Mädchen , um welche die ganze übrige Welt nicht wissen dürfe . „ Ich wollte vorhin nur sagen , daß ich umsonst der Wurzel nachspüre , aus der Ihre gestrige Befürchtung entsprungen sein mag . “ Käthe ließ die Augen über das Haus hingleiten ; sie sah wieder geklärt , lieblich und rosig aus wie eine Apfelblüthe , und um ihre Lippen zuckte es wie verhaltenes Lachen – der flechtengekrönte Kopf mit dem kindisch schelmischen Gesichte saß fast befremdend jung auf der junonischen Gestalt . Sie zeigte nach dem verhängnißvollen Eckfenster . „ Vor alten Zeiten hat dort eine schöne Edelfrau gelebt – “ „ Ach , die romantische Geschichte , die man sich auch in den Spinnstuben erzählt ! “ unterbrach er sie . „ Also das tragische Ende der Verlassenen ist ’ s gewesen – “ „ Das nicht allein . Henriette hauptsächlich hat mir bange gemacht – “ „ Henriette ist krank ; ihr tief erschüttertes Nervenleben drängt ihr Denken und Empfinden aus der natürlichen Bahn . Sie aber sind gesund an Leib und Seele . “ „ Ja , gewiß , aber es giebt Dinge , für die man in seiner Jugend und Unkenntniß keinen Maßstab , kein eigenes Urtheil hat – “ „ Für die Liebe , zum Beispiel , “ fiel er ein , und ein rascher , scheuer Seitenblick streifte das Mädchen . „ Ja , “ bestätigte sie einfach . Er senkte den Kopf und stieß , in tiefes Nachdenken versunken , mechanisch mit der Stockspitze gegen einen mächtigen Würfel aus Sandstein , welcher , der Hausthür gegenüber , mitten im Rasengrunde lag . Früher war er für die kleine Käthe ein wunderlicher , aber hübscher Tisch gewesen , lediglich zu dem Zwecke hingestellt , daß Kinderhände gefallenes Obst , Blumen und gesammelte Steinchen darauf legen sollten . Jetzt erkannte sie in ihm das ehemalige Postament einer Statue noch sah man den Trümmerrest eines kleinen Fußes mit zarten Zehen auf der grünmoosigen oberen Fläche . Käthe strich mit ihrer schlanken Hand schmeichelnd über die zierliche Form . „ Das ist eine Nymphe oder Muse gewesen , “ sagte sie . „ Das schlanke Geschöpfchen hat schwebend , mit gehobenen Armen auf der einen Fußspitze gestanden ; ich kann mir die ganze Gestalt auf der einen hochgeschwungenen Linie des Füßchens aufbauen . Vielleicht war ihr schöner Kopf seitwärts der Brücke zugewendet , und sie hat auch den Reiter über die Brücke kommen sehen , und dann die stolze Schloßfrau in der bunten Brokatschleppe – “ sie verstummte unwillkürlich und sah ihm in das Gesicht ; er war offenbar weit fort mit seinen Gedanken ; er hörte nicht , was sie sagte , und das , was ihn beschäftigte , war sicher sehr deprimierend ; zum ersten Male sah sie in diesem edelschönen , ruhig beherrschten Antlitze einen ausgesprochen gramvollen Zug . Flora ! Sie war der Fluch dieses Mannes ; er ging an seiner Leidenschaft für sie zu Grunde . Das plötzliche Schweigen des jungen Mädchens machte ihn aufblicken . „ Ach ja , “ sagte er sich sichtlich zusammennehmend , „ die wirthschaftlichen Leute , die lange Zeit hier gehaust , haben sich das Vergnügen gemacht , die Statuen herabzustürzen . Der ganze Garten muß mit diesen Sandsteinfiguren bevölkert gewesen sein ; rings im Gebüsche finden sich noch viele Postamente . Ich werde dem Grundstücke seine ehemalige Gestalt zurückzugeben suchen . Man sieht , trotz der Verwilderung , noch deutlich den Plan , der dem Garten zu Grunde gelegen hat . “ „ Dann wird es sehr hübsch und sehr vornehm hier werden , aber der Blick ins Grüne , in diese köstliche , verwachsene Wildniß geht verloren ; Ihr Arbeitszimmer – “ „ Mein Arbeitszimmer wird vom nächsten October an eine liebe Freundin meiner Tante bewohnen , “ unterbrach er sie gelassen . „ Ich siedle im Herbst nach L … .. g über . “ Sie sah ihn bestürzt an und faltete unwillkürlich die Hände . „ Nach L … .. g ? “ wiederholte sie . „ Mein Gott , Sie wollen sich von ihr trennen ? Und was sagt sie dazu ? “ „ Flora ? Sie geht selbstverständlich mit mir , “ sagte er eiskalt , aber in seinen Augen lohte es auf wie ein schmerzlicher Zorn . „ Glauben Sie , ich werde Ihre Schwester hier zurücklassen ? Sie dürfen ruhig sein . “ Wie schneidend seine Stimme klang ! Käthe hatte von der Tante gesprochen , allein sie war nicht fähig , das Mißverständniß zu berichtigen ; so betroffen machte sie seine Antwort – er schien seiner Sache so gewiß . „ Sie waren eben in der Villa ? “ fragte sie schüchtern , und doch fieberhaft gespannt . „ Nein , ich war nicht in der Villa , “ betonte er – klang es doch , als persifliere er sie , der feinfühlende Mann , der sonst nie seine Zunge zu einer Geißel des Spottes machte . „ Ich bin überhaupt heute noch nicht so glücklich gewesen , Jemand von drüben zu sehen . Moritz hätte ich gern begrüßt , aber die Herren , die sich eben von ihm verabschiedeten , als ich an der Villa vorüberging , kamen so laut und heiter vom Frühstückstisch , daß ich es vorzog , unerkannt zu passieren . “ Er hatte demnach Flora heute noch nicht gesprochen , und dennoch diese Zuversicht ! Es war zum Verzweifeln ! Käthe wünschte sich weit weg aus diesem Dilemma – sie kam sich vor wie des Priamos unglückselige Tochter , die einzige Wissende unter den Verblendeten . Es war gut , daß in diesem Augenblicke die gezüchtigte Henne abermals unvorsichtig auf ihren erbitterten Feind losspazierte . Käthe fand dadurch einen Vorwand , das Gespräch abzubrechen ; sie scheuchte das Thier über den Rasen hin in den Schuppen zurück , schloß die Thür und schob den Riegel vor . 16. Als sie sich wieder umdrehte , sah sie den Doktor noch neben dem Postamente stehen , aber sein Gesicht war in starrem Hinüberblicken der Brücke zugewendet . Er war blaß geworden . Sein Profil mit den hartgeschlossenen Lippen unter dem Barte erinnerte sie an jenen Moment in der Schloßmühlenstube , wo sie ihn nach der Todesart ihres Großvaters gefragt hatte ; er rang mit einer heftigen inneren Bewegung . Unwillkürlich folgte sie der Richtung seines Blickes , und wenn dort der Schatten der ertrunkenen Edelfrau über den Fluß hingeschwebt wäre , sie hätte nicht entsetzter aufschrecken können , als beim Anblicke der schönen Schwester , die so graziös , so vollkommen unbefangen über den Holzbogen daherkam , als sei sie gestern Abend mit einem „ fröhlichen Wiedersehen “ auf den Lippen von hier weggegangen . War es möglich ? Sie glitt schlangenhaft leicht über die Stelle , auf der sie sich für frei und auf immer getrennt von dem mißachteten Manne erklärt hatte ; nur Stunden waren vergangen , seit sie seinem Heim , seinem Grund und Boden mit den härtesten Ausdrücken der Verachtung für alle Zeiten den Rücken gewendet , und jetzt kehrte sie das schöne , lächelnde Gesicht der „ spukhaften Spelunke “ wieder zu ; ihre Füße betraten flink und zuversichtlich den Rasengrund ; keine Welle zischte empor , kein Lüftchen regte sich , um ihr von Schuld , Willkür und beispiellosem Wankelmut vorzuflüstern , und der Sonnenschein umschmeichelte und vergoldete die feingliederige Gestalt , als sei sie ihm das liebste Erdenkind . Sie war dunkel gekleidet . Schwarze reiche Spitzenkanten lagen auf den blonden Locken ; sie umwogten den schneeweißen Hals und fielen in langen Enden tief über die Schultern hinab , wie die gesenkten dunklen Flügel eines Engels der Nacht . Hinter ihr ging der Kommerzienrat ; er sah sehr animiert aus ; er führte die Präsidentin so respectvoll am Arme , daß sich Käthe alles Ernstes besann , ob sie von seinem höhnischen Blicke am heutigen Morgen und den Auslassungen über „ die alte Katze mit den Sammetpfötchen “ nicht etwa nur geträumt habe . Der Doktor ging jetzt langsam den Kommenden entgegen , während Käthe starr , wie festgewurzelt , am Schuppen stehen blieb und unbewußt den vorgeschobenen Riegel umklammert hielt . Sie sah , wie man sich gegenseitig begrüßte , genau wie sonst auch . Nichts Außergewöhnliches war geschehen , kein böses Wort gefallen . Der Kommerzienrat umarmte beglückwünschend den Doktor ; die Frau Präsidentin zeigte gütig und verbindlich lächelnd ihre weißen Zahnspitzen – und Flora ? Ihre Wangen erschienen allerdings momentan wie in eine lebhafte Rosenglut getaucht , und der sonst so selbstbewußte Blick irrte vom Antlitze des Doktors weg auf den Rasen nieder , aber sie streckte in gewohnter biderber Weise die Hand aus , und die Fingerspitzen wurden erfaßt , wenn auch nicht festgehalten , ganz wie neulich bei Käthe ’ s Ankunft , und als sich Doktor Bruck umwandte , da waren seine Züge geradezu steinern ruhig . Schon beim Betreten des Gartens hatte Flora die junge Schwester mit einem spöttischen Kopfschütteln vom Scheitel bis zu den Fußspitzen rasch gemustert und dann eine offenbar boshaft witzige Bemerkung über die Schulter zurück dem Kommerzienrat hingeworfen , jetzt aber , als sie näher getreten war , sah Käthe , daß auch etwas wie unterdrückter Aerger , ja eine Art von Feindseligkeit in ihren blinzelnden Augen aufglomm . „ Nun , Käthe ? Hast Dich ja schon recht hübsch hier eingenistet , “ rief sie ihr zu . „ Tust ja wirklich , als seiest Du zu Hause und trügst den Schlüsselbund zu allen Thüren und Kästen am Gürtel . “ Das junge Mädchen antwortete nicht . Sie ließ die Hand vom Riegel gleiten und wandte das Gesicht mit den strenggeschlossenen Lippen langsam der Schwester zu . Ob die Uebermüthige dort nicht erschrak , ob sie sich nicht schämte vor dem Laute der eigenen Stimme , hier auf dieser Stelle ? „ Mich sieht dieses Haus nie wieder , “ hatte sie gestern gerufen , und jetzt stand sie bereits auf der ersten Thürstufe , um einzutreten , um zurückzukehren in „ die bedrückend armselige Umgebung “ . „ Nimmst Du Flora ’ s Scherz übel , mein Liebling ? “ fragte der Kommerzienrat , rasch zu Käthe tretend . Er legte ihren Arm in den seinen . „ Du kannst Dir das getrost gefallen lassen , bist Du doch auch ein reizendes Hausmütterchen . Du sahst zum Malen hübsch aus unter dem bunten Hühnervolke . Warte nur , Du sollst einen Geflügelhof bekommen , wie er sich prächtiger nicht denken läßt . “ Die Präsidentin , die eben majestätisch die Steinstufen hinaufstieg , hielt einen Moment inne , als versage ihr der Athem – sie drehte den leicht nervös zitternden Kopf verächtlich nach dem zärtlichen Vormunde zurück , dann beschleunigte sie ihre Schritte . „ Hirnloser Schwätzer ! Er ist und bleibt sein Lebenlang der abgeschmackte Kommis Voyageur ! “ murmelte sie erbittert Flora zu , die schnell das Taschentuch vor den Mund hielt , um nicht in ein lautes Gelächter auszubrechen . Käthe ließ wie unbewußt ihre Hand auf dem Arme ihres Schwagers liegen . Sie hörte kaum , was er sagte ; sie bemerkte auch nicht die seltsame Ueberraschung , mit welcher Doktor Bruck , stumm und starr wie eine Bildsäule , das Paar an sich vorüberschreiten ließ ; sie sah nur , daß Flora an der schmalen Hand , die sie eben mit dem Taschentuche zum Munde führte , einen schwarzen Halbhandschuh trug ; das feine durchbrochene Seidengewebe harmonierte mit den Spitzen , die über die ganze Gestalt gleichsam hinrieselten ; dies machte die weiße Haut wie Elfenbein aufleuchten und ließ die Finger schlank hervortreten . Die zwei kleinen Brillantringe funkelten nicht mehr am Ringfinger , „ der einfache Goldreifen , der grob wie Eisen drückte “ , blinkte matt über dem Handschuh . Unmöglich ! Dort rauschten ja die Wellen über ihn hin . Käthe hatte plötzlich die Empfindung , als sei sie der natürlichen Ordnung aller Dinge entrückt , als dürfe sie ihren gesunden Augen und Ohren nicht mehr trauen . „ Nun ? “ fragte die Präsidentin erstaunt im Hausflur stehen bleibend ; sie zeigte pikiert mit finster zusammengezogenen Brauen auf das umherstehende Geräth aus der Villa . „ Henriette