drei Geschwister stark gemacht in dem furchtbaren Umschwung der Verhältnisse , an welchem die Mama fast gestorben ist ... Uebrigens sind wir keine Hausunken , die sich in den engsten Gesichtskreis einspinnen und Egoisten werden , indem sie aus dem großen Verbande der gesamten Menschheit scheiden . Wir haben im Gegenteile unruhige Köpfe , die gern mitarbeiten und vorwärts wollen ... Du wirst lachen , wenn ich dir sage , daß wir uns den Zucker beim Kaffee , die Butter auf dem Brote versagt haben , um gute Werke und Instrumente zu wissenschaftlichen Zwecken kaufen und verschiedene Zeitungen halten zu können ... Solch ein Zusammenleben und Wirken ist unsagbar beglückend , und jetzt , da ich deine Schilderungen aus Norwegen gelesen habe , begreife ich nicht – ach , sie sind köstlich , herzerschütternd ! « – unterbrach sie sich selbst und legte die Hand auf das kleine Heft , das auf der Tischecke lag . – » Wenn du dich entschließen könntest , sie zu veröffentlichen – « » St ! – kein Wort weiter , Juliane ! « rief er – eine tiefe Blässe folgte der Glut , die bei den ersten begeisterten Worten der jungen Frau in seine Wangen gestiegen war . – » Beschwöre die häßlichen Geister nicht wieder herauf , die entschlafen sind , die du selbst mit zweischneidiger Waffe angegriffen hast ! « – Er drückte die geballte Hand auf die Brusttasche . » Dein Brief war mit mir in Wolkershausen – er ist gut geschrieben , Juliane , so wirksam geschrieben , daß er als Bannfluch gegen die männliche Eitelkeit eigentlich vervielfältigt werden müßte ... Du hast einen klaren Philosophenkopf – ich gebe dir in vielem recht , wenn ich auch zum Beispiel nicht glaube , daß man erst verarmen müsse , um einzusehen , daß ein inniges Zusammenleben allerdings das süßeste Glück in sich schließt . « Er nahm mit zerstreutem Blicke sein Manuskript auf und blätterte darin – einzelne kleine Blätter fielen heraus , nach denen er überrascht griff . » Ja , denke nur , « lachte die junge Frau leise auf , » die lebendigen Schilderungen wirkten dergestalt elektrisierend auf mich , daß ich unwillkürlich nach dem Stifte griff und zu illustrieren anfing . « » Du hast eine glückliche Hand , Juliane – das ist köstlich gemacht ! ... Merkwürdig , dein Stift schmiegt sich den Schilderungen an , als habest d u sie gedacht , nicht ich g deine Kritik spürt jeder meiner Regungen nach bis auf das kleinste Wurzelfäserchen , dem sie entsprossen , und doch – mein Gott , was grüble ich ! – Das ist ja eben die tödlichste , leidenschaftsloseste Objektivität , die dich zu meinem Meister macht . « – Er sprach herb , mit einem schneidend scharfen Klange in der Stimme . – » Wie wär ' s , Juliane , wenn wir uns associierten ? Das heißt , ich schreibe und du illustrierst ? « sagte er gleich darauf in leichtem Tone . » Gern – schicke mir Reiseberichte , soviel du willst – « » Der geschiedenen Frau ? « Sie schrak unwillkürlich zurück . Wohl hätte sie ihm sagen können : » Unser Verkehr in Schönwerth ist ein abnormer ; wir sollen Freud und Leid miteinander teilen und gehen nebeneinander mit völlig getrenntem Geschicke – du solltest mein Beschützer sein und läßt mich mißhandeln und stündlich mein ganzes Fühlen verwunden , ohne daß es dir auch nur einfällt , einen Finger drum zu rühren – das Verhältnis ist unmoralisch , und ich schüttle es ab ; dagegen stelle ich mich über manches , das die Welt unpassend nennt . « – Von allem , was sie dachte , sagte sie ihm nur dies letztere : » Ich glaube , der Schriftsteller und die Zeichnerin , die seine Werke illustriert , können getrost schriftlich miteinander verkehren , « setzte sie hinzu . » Wer kann etwas darin finden , wenn wir nicht Todfeindschaft auseinandergehen , sondern eine Art von freundschaftlicher Beziehung zwischen uns festhalten – « » Wie kannst du wagen , mir das zu bieten – ich will deine Freundschaft nicht , « fuhr er wild empor und sprang auf . » Wohl – ich bin von meiner selbstbewußten Höhe tief , tief herabgestürzt , aber ich gehöre zu denen , die lieber hungern als betteln . « Vielleicht hatte die Försterin diesen Ausbruch durch das halboffene Fenster erlauscht und wähnte einen ehelichen Zwist im Anzuge . Mit halbunterdrückter Stimme rief und lockte sie Leo zu sich , um ihm ein Füllen im Hofe zu zeigen – das Kind that ihr leid . Mainau war das Staket entlang geschritten und starrte einige Sekunden lang in die gelben Ringelblumen , die ein Kohlbeet bekränzten – dann kam er langsam an den Tisch zurück , wo die junge Frau mit bebenden Händen die auf den Rasen hingeschleuderten Papierblätter sammelte . » In Schönwerth ist während meiner Abwesenheit alles beim alten geblieben ? « fragte er gezwungen ruhig und trommelte leise mit den Fingern auf der Tischplatte . » Ich habe dir gar nichts Außergewöhnliches zu berichten – höchstens , daß Gabriel über seine nahe Abreise in Thränen schwimmt – Frau Löhn scheint tief bekümmert und erregt zu sein . « » Frau Löhn ? Was geht das die Löhn an ? Und wie kommst du auf den sonderbaren Gedanken , daß diese Frau irgend etwas in der Welt errege ? – Mit was für Augen , mit was für einer aufgeregten Phantasie siehst du die Dinge in Schönwerth an ! ... Die Löhn , dieses harte Mannweib , dieser grobzugehauene Holzklotz ohne Nerven – sie dankt sicher Gott , wenn sie den Jungen endlich los wird – « » Das glaube ich entschieden nicht . « » Ah – du hältst sie also für eine empfindsame Seele , wie du auch in dem schlaffen , energielosen Burschen das kühne Genie eines Michelangelo oder dergleichen entdeckt haben willst ? « Dieses kalte Verhöhnen , die Absicht , sie zu reizen und ihr weh zu thun , erbitterte sie ; aber sie wollte keinen Streit mehr mit ihm . » Ich erinnere mich nicht , Gabriel mit einem berühmten Meister verglichen zu haben , « erwiderte sie , ihn mit einem ernsten Blick messend . » Ich habe nur gesagt , daß ein bedeutendes Malertalent in ihm erstickt wird – und das wiederhole ich in diesem Augenblicke ausdrücklich . « » Bah – wer erstickt es denn ? – Ist es so durchschlagend , wie du meinst , dann hat es gerade im Kloster den besten Boden – die Maler haben manchen hochberühmten Mönch in ihren Reihen ... Uebrigens , weshalb um des Kaisers Bart streiten ! Weder ich , noch der Onkel haben den Knaben für den geistlichen Beruf bestimmt ; wir führen nur den letzten Willen eines Verstorbenen durch . « » Hast du diesen letzten Willen wirklich gelesen und gewissenhaft – geprüft ? « Er fuhr herum – seine aufglühenden Augen bohrten sich in die ihren . » Juliane , nimm dich in acht ! « drohte er mit gedämpfter Stimme und hob den Zeigefinger . » Mir schient , du möchtest dem Hause , dem du den Rücken wendest , noch einen Makel anhängen – du möchtest gerne sagen können : › Ich gebe zu , daß durch die Sequestration ein entstellender Flecken auf das Geschlecht der Trachenberger gefallen ist – aber dort im Schönwerther Schlosse geht auch nicht alles mit rechten Dingen zu , mit dem großen Reichtum hat es seine ganz besondere Bewandtnis . ‹ Auf diese Verdächtigung hin antworte ich dir : › Der Onkel ist geizig ; er ist vom Hochmutsteufel besessen , wie kaum ein anderer ; er hat seine kleinen Bosheiten , gegen die man sich auflehnen muß – aber mit seinem besonnenen Kopf , seiner kühlen Natur , an die nie die Verirrungen schlimmer Leidenschaften herantreten durften , hat er zeitlebens an den Hauptgrundsätzen des echten Edelmannes unerschütterlich festgehalten – darin vertraue ich ihm blind , unbedingt , und fasse es als eine tödliche Verletzung meiner eigenen Ehre auf , wollte man auch nur spielend leise auf ehrenrührige Dinge , wie z. B. einen gefälschten letzten Willen , oder dergleichen hindeuten ... Ich gebe dir das zu bedenken , Juliane ‹ . Und nun meine ich , ist es Zeit , heimzugehen – das Rauschen in den Wipfeln wird verdächtig ; wenn auch schon in den ersten Septembertagen , sind wir bei der drückenden Schwüle doch nicht sicher vor einem Gewitter ... Unser Heimkommen wird freilich kein so wonniges sein , wie du vorhin geschildert – aber was thut ' s ? – Man muß sich auch darüber hinwegzusetzen wissen . « Sie wandte ihm schweigend den Rücken und ging in das Haus , um Leo zu holen . Jeder Nerv bebte in ihr . » Liane , er ist schrecklich ! « hatte Ulrike am Hochzeitstage aufgeschrieen , und da war er doch nur ruhig kalt gewesen – was würde sie sagen solchen Ausbrüchen gegenüber , in denen er Gebärden annahm und Töne in seiner Stimme hatte , die geradezu vernichtend wirkten ! ... Und doch – wie wunderlich – Liane verstummte ängstlich und beklommen vor ihnen ; sie fühlte sich tief verletzt durch seine ungerechten Beschuldigungen ; aber er war ihr verständlicher als in seiner erkünstelten Passivität und Blasiertheit – das war seine Natur , sein Charakter , der ja auch unbewußt aus seinen schriftlichen Darstellungen hervortrat und der sie plötzlich gegen ihren Willen anzog ; wie wäre es ihr sonst möglich gewesen , ihm – jetzt , im Hineilen nach dem Hause , schlug sie beschämt die Hände vor das heißerglühende Gesicht , denn sie war ja zurückgewiesen worden – eine Art von freundschaftlicher Beziehung vorzuschlagen ? 19. Schwere Wetterwolken mit hagelweißen Konturen zogen in der That über die Schönwerther Gegend hin , als die Heimkehrenden beim Jägerhäuschen aus dem Walde traten . Mainau , der vorwärts geeilt war , ohne auch nur noch ein Wort zu sprechen , wollte das hereinbrechende Unwetter im Jägerhäuschen abwarten ; aber Liane wies auf den Hofmarschall hin , der sich jedenfalls um Leo sehr ängstigen würde , und so ging es weiter im Geschwindschritte durch den Garten . Der Sturm pfiff hinterdrein ; in den Obstplantagen wirbelten abgerissene Blätter in den Lüften , und reife Früchte klatschten schwer nieder und kollerten über den Weg . Mainau stampfte leicht mit dem Fuße auf , als in der Nähe des Schlosses ein Stallbursche im Vorübereilen meldete , die Reitpferde der Frau Herzogin und ihrer Dame ständen im Stalle – sie sei spazierengeritten und im Schlosse während des Wetters » untergetreten « . » Nun , wird mir nicht auch eine süße Heimkehr in Schönwerth ? Kann man liebenswürdiger und besorgnisvoller empfangen werden ? « fragte Mainau in kaltspöttischem Tone und neigte leicht hinüberdeutend den Kopf nach der Freitreppe des Schlosses . Die Herzogin im königsblauen Reitkleide war rasch aus der Glasthür getreten – der Sturm faßte peitschend ihre lang über den Nacken herabhängenden schwarzen Locken und riß und pflückte an der weißen Straußenfeder ihres Hutes ; aber sie ergriff mit beiden Händen des Treppengeländer und starrte so ungläubig erstaunt nieder auf das scheinbar einträchtig daherkommende Paar , welches Leo in seiner Mitte führte , daß sie Mainaus Begrüßung ganz übersah . Sie zog sich mit einer stolzen Wendung des Kopfes ebenso rasch wieder zurück und lehnte sich bequem in einem Fauteuil zwischen dem Hofprediger und dem alten Herrn , als die Heimkehrenden den Salon betraten . Es war , als zögen die Wetterwolken auch droben an der Decke des Saales hin , ein so häßlich gedrücktes Halbdunkel webte in dem weiten Raume – die weißen Gipsornamente dämmerten gespenstisch an den Wänden ; noch fahler aber erschien das maskenhaft bleiche , in grimmigen Spotte verzogene Antlitz der fürstlichen Frau ; das ungewisse trübe Tageslicht löschte selbst den Glanz ihrer schönen Augen – wie glimmende Kohlen lagen sie unter der tief eingebogenen Krempe des hellgrauen Filzhutes . Sie erwiderte Lianes höfliche Verbeugung mit einem hochmütigen Kopfnicken . » Was in aller Welt sind das für Grillen , Raoul ? « rief der Hofmarschall seinem Neffen ärgerlich entgegen . » Läßt Wagen und Pferde im Stiche , um eine sentimentale Promenade durch den Wald zu machen ! ... Weißt du auch , daß es beinahe in Unglück gegeben hat ? Wie kannst du nur einem so dummen Burschen , wie der André ist , die wilden Wolkershäuser Pferde allein überlassen ! Sie sind ihm durchgegangen – er kam halbtot vor Angst und Schrecken hier an . « » Lächerlich – er hat sie seit Jahr und Tag allein unter den Händen – sie werden wieder einmal vor dem Meilensteine gescheut haben ... Uebrigens hat meine Heimkehr durch den Wald nicht im entferntesten etwas mit der leidigen Sentimentalität zu schaffen – ich hatte nur keine Lust , mich ferner vom Sonnenbrand auf dem Kutschersitz ausdörren zu lassen . « » Und Sie , meine Gnädigste , hätten auch am besten gethan , allein nach Ihrem Forsthaus zu gehen , für welches Sie so plötzlich passioniert sind , « sagte der alte Herr mit schneidender Stimme zu der jungen Frau , ohne auch nur den Kopf nach ihr zu wenden – er hielt es nicht für nötig , seine bequeme Stellung um ihretwillen zu verändern . – » Ich muß Sie dringend bitten , meinen Enkel nicht so ausschließlich als Trachenbergsches Eigentum zu reklamieren , mit welchem Sie nach Belieben schalten und walten zu dürfen meinen – ich habe eine angstvolle Stunde um das Kind verlebt . « » Das bedaure ich herzlich , Herr Hofmarschall , « entgegnete Liane aufrichtig , die dabei fallenden impertinenten Stiche ruhig verschmerzend . Die Herzogin war sichtlich heiter geworden . Sie zog Leo zu sich heran und herzte ihn . » Er ist ja unversehrt wieder da , mein bester Herr von Mainau , « sagte sie begütigend zu dem alten Herrn . Leo wand sich mit derber Abwehr aus den schönen Armen – » dem Erbprinzen seine Mama « hatte er nun einmal nicht lieb , wie er stets hartnäckig versicherte . Desto besser gefiel ihm die Reitgerte der hohen Frau , die vor ihr auf dem Tische lag – der Griff bestand aus einem schöngearbeiteten Tigerkopf von Gold mit Brillantenaugen . » Die Reitgerte ist auch auf dem Bild , das auf Papas Schreibtisch gestanden hat , « sagte er – er meinte die große Photographie der Herzogin im Reitkostüm . » Aber jetzt steht sie nicht mehr dort « – pfeifend ließ er die Gerte durch die Luft sausen – , » alle anderen Bilder auch nicht , und wo sie gehangen haben , ist die Tapete noch sehr schön rot – und der dumme blaue Schuh ist auch fort – « » Wie , Baron Mainau , haben Sie Tabula rasa gemacht ? « fragte die Herzogin mit zurückgehaltenem Atem . » Haben Sie alle diese pensionierten Andenken in einen Winkel zurückgestellt ? « Der ganze unbändige Stolz der regierenden Frau lag in ihrer Haltung ; in ihrer tiefen , halbversagenden Stimme aber klangen tödlicher Schrecken und eine wilde Angst und Spannung nebeneinander ... Sie kannte Mainaus Zimmereinrichtung genau – zu Lebzeiten der ersten Frau hatte sie mancher Soiree in jenen Räumen beigewohnt . Er stand ihr gegenüber – ruhig , fast amüsiert begegnete sein Blick ihren leidenschaftlich flammenden Augen . » Hoheit , sie sind sorgfältig eingepackt , « sagte er . » Ich gehe ja fort auf eine lange Reise und werde doch diese Andenken nicht dem Staube und den ungeschickten Händen der Bedienung überlassen . « » Aber , Papa , mein Bild hast du doch nun dahin gestellt , wo erst die Glasglocke mit dem alten Schuh stand , « erinnerte Leo hartnäckig ; » und darüber hängt das neue Bild , das die Mama gemalt hat . « Nicht auf das Gesicht der Herzogin oder eines der anderen Anwesenden fiel Mainaus Blick in diesem Moment – mit einer jähen Wendung des Kopfes sah er nach der jungen Frau hin , so scheu und dabei so zornig , als sei er wütend darüber , daß gerade sie diese kindliche Ausplauderei mit angehört habe . » Also du hast das Bild konfisziert , Raoul ? « rief der Hofmarschall lebhaft . » Ich hatte mir erlaubt , die Behauptung der Frau Baronin , daß sie die Skizze nicht wieder an sich genommen habe , ein wenig zu bezweifeln – um Vergebung , meine Gnädigste ! Ich that Ihnen unrecht . « Er neigte den Kopf spöttisch feierlich gegen Liane . » Nun meinetwegen – bei dir ist es gut ausgehoben , Raoul ; mag es in der Fensterecke bleiben ! ... Weißt du aber auch , zu welchem Preise es die Künstlerin selbst eingeschätzt hat ? ... Vierzig Thaler – « » Ich muß dich sehr bitten , es mir zu überlassen , wie ich den Ausgleich bewerkstelligen will , « unterbrach ihn Mainau heftig . Der alte Herr schrak ein wenig zusammen vor diesem tiefverfinsterten Männergesicht – sah es doch fast aus , als wolle die festgeballte Rechte dort sich drohend heben . Die Herzogin und ihre Hofdame saßen verständnislos bei diesem kleinen Wortwechsel – der Hofprediger aber , der sich bis dahin vollkommen passiv verhalten , stemmte , den Oberkörper vorgebeugt , beide Hände auf die Armlehnen seines Stuhles – es war eine Stellung , so dämonisch lauernd und gespannt lauschend , als spüre er in Blick , Stimme und Gebärden des schönen heftigen Mannes einem scheuen Geheimnis nach . » Mein Gott , rege dich nicht unnötig auf , bester Raoul ! « beschwichtigte der Hofmarschall . » Weshalb echauffierst du dich denn ? Ich will ja nur Gerechtigkeit . « Mainau sah ihm ernst in das Gesicht . » Das will ich glauben , Onkel – nur passiert es dir leicht , daß du dich im Ausüben derselben allzusehr in der Form vergreifst ... Niemand schwört lieber auf dein Rechtsgefühl als ich – du bist ja der einzigen noch lebende Mainau , an den ich mich halten kann mit meinem Standesbewußtsein , mit dem Stolz auf die Ehrenhaftigkeit unseres Geschlechts ... Apropos , da fällt mir ein – kann ich nicht noch einmal Einsicht in die Papiere nehmen , durch die sich Onkel Gisbert auf dem Krankenbette seiner Umgebung verständlich gemacht hat ? ... Ich wurde in Wolkershausen lebhaft an ihn erinnert , als ich vor seinem wundervollen Oelbild stand und zu meinem Schrecken bemerkte , daß es durch Staub und Feuchtigkeit gelitten hat und restauriert werden muß ... Aus diesen Papieren spricht doch noch sein scheidender Gruß zu uns . « » Du sollst sie haben – muß es sofort sein ? « » Sie sind ja wohl dort in einem der Raritätenkasten aufbewahrt ? « meinte Baron Mainau leichthin und zeigte nach dem Rokokoschreibtisch . » Wenn du die Güte haben wolltest , aufzuschließen – « Der Hofmarschall stand schon auf seinen Füßen und stelzte bereitwillig durch den Saal . Er schloß denselben Kasten auf , in welchem das Billet der Gräfin Trachenberg lag . Mit spitzen Fingern faßte er zart das rosenfarbene Papier und zeigte es diabolisch lächelnd der Herzogin hinüber . » Schöne Erinnerungen , Hoheit , – ein rosiger Duft – nichts weiter , und ist mir doch Tausende wert ! « rief er frivol auflachend und warf es in den Kasten zurück . Dann nahm er eine mit schwarzem Band umwickelte dicke Papierrolle heraus . » Hier , mein Freund ! « – Er reichte sie Mainau hin , der das Band sofort löste . » Ah – da liegt ja die Verfügung bezüglich Gabriels obenauf , « sagte Mainau , einen schmalen Papierstreifen aus dem Innern der Rolle nehmend . » Es war ja wohl der letzte schriftliche Ausdruck seines Willens ? « » Es war sein letzter Wille , « bestätigte der Hofmarschall unbefangen , indem er zu seinem Rollstuhl zurückkehrte . Mainau nahm noch einige Papiere heraus und legte sie nebeneinander auf den Tisch . » Merkwürdig ! « rief er . » Diese letzte Verfügung ist nur wenige Stunden vor seinem Tode geschrieben , wie man mir sagt , und doch sind es die unverändert eigentümlichen , krausverschlungenen Schriftzüge ; selbst bis auf Punkt und Komma bleiben sie sich treu – der herannahende Tod hat keine Gewalt über die Festigkeit seiner Hand gehabt ... Und das ist gut – wie leicht könnte sonst dieses ohne gerichtliche Zeugen geschriebene Blatt angezweifelt werden . « Die Herzogin nahm ihm neugierig den Papierstreifen aus der Hand . » Charakteristisch , aber schwer zu entziffern ist diese Hand , « meinte sie . – » Ich bestimme den Knaben Gabriel ausdrücklich für den geistlichen Beruf – er soll im Kloster für seine tiefgefallene Mutter beten « – las sie stockend einen der Sätze ab . » Willst du dir diese interessanten letztwilligen Verfügungen eines Sterbenden nicht auch einmal ansehen , Juliane ? « wandte sich Mainau unbefangen an die junge Frau , die , ihre Hände auf die hohe Lehne gelegt , hinter einem leeren Fauteuil stand . Sie sah nicht auf zu ihm , der sie tief zu beschämen suchte . Niemand von allen , die um den Tisch saßen , ahnte , was er bezweckte – für sie allein war jedes Wort ein gutgezielter Messerstich . Warum war sie auch so vermessen gewesen , die Hand nach dem bedeckenden Schleier auszustrecken , auf den Frau Löhn bedeutsam hingewiesen ! ... Mainau hielt ihr zwei Blätter hin , und sie verglich sie , ohne dieselben zu berühren , mit pflichtschuldiger Aufmerksamkeit . Es war genau eine und dieselbe Handschrift , genau ein und derselbe Schnörkel am Schlußwort – dabei waren diese Züge zu originell , zu sonderbar eigenwillig , als daß man an eine Fälschung hätte denken können , und doch – Ein eintretender Lakai , der auf silbernem Teller Mainau eine Karte überbrachte , machte der peinlichen Situation ein Ende . » Ach ja ! « rief der Hofmarschall und schlug sich leicht vor die Stirn ; » das habe ich rein vergessen , Raoul ! ... Vor einer Stunde fuhr ein junger Mann vor und stieg aus dem Wagen , so selbstverständlich und ungezwungen , als beabsichtige er hier zu bleiben ... Er hat auch behauptet , auf deinen Befehl gekommen zu sein , und wäre mir nicht das unschätzbare Glück zu teil geworden , Ihre Hoheit begrüßen zu dürfen , dann hätte ich ihn angenommen , um zu hören , was er eigentlich will – « » In der That dableiben , Onkel – es ist Leos neuer Hofmeister , « versetzte Mainau gelassen und legte sorgfältig die Papiere aufeinander . Der Hofmarschall bog sich vor , als höre er nicht recht . » Mein lieber Raoul , ich glaube , ich habe dich falsch verstanden , « sagte er langsam , jedes Wort accentuierend . » Sagtest du wirklich : Leos neuer Hofmeister ? ... Mein Gott , sollte ich denn monatelang geschlafen haben oder fieberkrank gewesen sein , daß ich davon nichts weiß ? « Mainaus Mundwinkel zuckten sarkastisch . » Die Veränderung hat sich durchaus nicht monatelang vorbereitet , Onkel . Der junge Mann ist mir früher schon einmal vorgeschlagen worden , und jetzt , wo ich seiner bedurfte , habe ich ihn kommen lassen . Glücklicherweise war er gerade frei und so unbehindert , daß er zwei Tage früher hier eingetroffen ist , als ich bestimmt hatte . Das ist mir insofern nicht lieb , als ich dir wenigstens einen Tag vorher seine Ankunft anzuzeigen wünschte . « » Es würde wenig an meiner Willensmeinung geändert haben , nach welcher dieser hereingeschneite junge Mann nicht in Schönwerth bleiben wird . « Mainau hatte eben die gelösten Papiere in den Händen und war im Begriffe , sie nach dem Schreibtische zurückzutragen – bei den letzten , mit unglaublicher Impertinenz gesprochenen Worten des alten Herrn blieb er , wie durch einen Ruck festgehalten , sofort stehen und wandte das Gesicht nach dem Sprechenden zurück – die Damen schlugen unwillkürlich und ängstlich die Augen nieder vor dem Ingrimme und der tiefen Gereiztheit , die das schöne Gesicht des Mannes entstellten . Der Hofmarschall ließ sich nicht beirren ; er war innerlich wütend – man sah es an seinem scharf hervorgeschobenen Kinne , an der Art und Weise , wie er seine bleichen Finger in das purpurseidene , auf seinem Schoße liegende Taschentuch vergrub . » Darf man wenigstens erfahren , was dich veranlaßt hat zu diesem plötzlichen – Staatsstreiche ? « » Das könntest du dir selbst sagen , Onkel , « antwortete Mainau sich bezwingend , mit leichtem Hohne . » Ich verreise – was ich wohl nun sattsam ausgesprochen habe – für Jahr und Tag ; die Baronin geht nach Rudisdorf ; sie wird Leo nicht mehr unterrichten ; « – bei dieser eisigkalten Hindeutung hob die Herzogin die gesenkten Lider , und ein unverschleierter Triumphblick flog nach der jungen Frau hin , die still und gelassen in ihrer bisherigen Stellung verharrte – » und – was mir in der That die Hauptsache ist , « fuhr Mainau fort – » wir können unmöglich vom Herrn Hofprediger verlangen , daß er auch im Winter so oft nach Schönwerth kommt , um Leo Religionsunterricht zu erteilen . « » Ah bah – das machst du mir nicht weis – an diesen Grund glaubst du selbst nicht . Du weißt im Gegenteil recht gut , daß unser lieber Hofprediger sich kürzlich sogar erboten hat , das Kind auch in anderen Fächern zu unterrichten – « » O ja , ich erinnere mich , « versetzte Mainau trocken ; » aber bei meinem Grauen vor gefälschter Welt – und Naturgeschichte wirst du es begreiflich finden , wenn ich für so viel Güte und Aufopferung danke . « » Herr Baron ! « fuhr der Hofprediger auf . » Hochwürden ? « frug Mainau langsam und hohnvoll zurück und ließ aus den halbgesunkenen Augen einen messenden Blick über ihn hinstreifen . Diese ausdrucksvoll verächtliche Gebärde Mainaus war nicht zu ertragen – der Hofprediger erhob sich mit hervorbrechendem Ungestüm , aber der alte Herr umklammerte mit beiden Händen seinen Arm und versuchte , ihn wieder an seine Seite niederzuziehen . » Raoul , ich begreife dich nicht ! Wie kannst du den Hofprediger so beleidigen , und noch dazu in Gegenwart Ihrer Hoheit , der Frau Herzogin ? « rief er mit halberstickter Stimme . » Beleidigen ? ... Habe ich denn von gefälschten Wechseln oder dergleichen gesprochen ? ... Ich frage dich selbst : lehrt der orthodoxe Theologe die Dinge , wie sie sind ? Muß er nicht vieles – das so sonnenklar ist , wie der Satz , daß zweimal zwei vier ist , und in alle Ewigkeit bleiben wird – hartnäckig verneinen , wenn er auf seiner Basis bleiben will ? Läßt er nicht Weltenkörper unverrückbar feststehen , die nach des ewigen Schöpfers Willen und Gesetzen gehen müssen ? Läßt er nicht Weltereignisse , die durch den kraftvollen Geist und Willen einzelner und das Gesamtwirken von Völkerschaften notwendig heraufbeschworen werden , durch übersinnliche gute und böse Dämonen bewerkstelligen ? Stellt er nicht den heiligen Hokuspokus der Bittgänge und Wallfahrten über alle Wirksamkeit des denkenden Arztes , über die vom Alleschaffer uns verliehenen heilsamen Mittel , ja , über Gottes Weisheit selbst , dem er eine Veränderung seiner ewigen Maßregeln abzuzwingen vorgibt ? « Der Hofmarschall schlug sprachlos die Hände zusammen und sank in seinen Stuhl zurück . » Um Gotteswillen , Raoul , ich habe dich noch nie in der Weise vorgehen sehen . « » Ach ja , « versetzte Mainau die Achseln zuckend – » du hast recht ; ich habe mich eigentlich nie in diese Dinge gemischt . Man ärgert sich nur über die schwachen Argumente und Waffen des Gegners , der in der Bedrängnis hinter seinen Schild mit der Devise : › Bei Gott ist kein Ding unmöglich ‹ – im Siegesbewußtsein flüchtet ; und schließlich , wer läßt sich wohl gern die schwarzen Wespen um die Ohren summen , wenn er Gottes schöne Welt liebt und sie – genießen will ? ... Aus dieser Friedfertigkeit bin ich nur ein wenig aufgerüttelt worden durch das Hexenvernichtungsprojekt im indischen Garten , das meinem Kind um ein Haar das Augenlicht gekostet hätte . Ich hege Mißtrauen gegen den Religionsunterricht , bei welchem derartiges Unkraut so lustig fortgedeihen kann , und meine , mit der Radikalkur müsse man schleunigst bei den jungen Köpfen anfange , denn die alten , die noch zu vielen Tausenden die schöne Erde verderben , sind doch nicht mehr zu bessern . « » Wie ungerecht , Baron Mainau ! So denken Sie in Wirklichkeit über die heilige Einfalt ? « rief die bigotte Hofdame , die nicht länger an sich zu halten vermochte . » Haben Sie nicht neulich selbst gesagt , daß Sie dieselbe an Frauen lieben ? « » Das sage ich heute noch , meine Gnädige , « entgegnete er , in seinen leicht frivolen Ton verfallend . » Eine schöne , glatte , weiße Stirn unter seidenem Lockenhaar , die nicht grübelt , ein süßer , roter Mund , der harmlos plaudert – wie bequem für uns ! ... O ja , ich liebe diese Frauen , aber – ich bevorzuge sie nicht . « » Und wenn das seidene Lockenhaar erbleicht und dem süßen , roten Mund das kindlich ausdruckslose Lächeln nicht wohl mehr anstehen will , dann legt man das Spielzeug in die Ecke – wie , Baron Mainau ? « fragte die Herzogin scharf – sie ließ mit nachlässiger Grazie die Reitgerte figurenzeichnend über die Tischplatte hingleiten , wobei die brillantenen Tigeraugen farbige Blitze umherschleuderten . » Wollen es diese Frauen anders , Hoheit ? «