sie näher trat ? » Barmherziger Gott , hilf mir ! « flüsterte sie . Über ihr starres Gesicht glitt plötzlich ein Lächeln , mit raschem Griff hatte sie ihr Armband abgenommen und drehte es spielend und lockend hin und her , während sie einen Schritt vorwärts tat , und noch einen und noch einen . Jetzt erfaßte sie das lange Kleidchen , ein schwacher Schrei entrang sich – der kleine Körper schlug rückwärts , aber kraftvoll griff die zweite Hand nach , und im nächsten Augenblick kniete sie auf dem Teppich , das zu Tode erschreckte Kind im Schoß . Die zitternden Knie hatten ihr den Dienst versagt , halb ohnmächtig sank ihr Kopf gegen den Pfeiler eines Spiegeltisches , während ihre blauen , großen Augen wie erloschen aus dem kreideweißen Antlitz blickten . Es kniete jemand neben ihr , genau so erschreckt , so blaß , so zitternd . Zwei heiße Lippen preßten sich auf ihre Hände und auf des Kindes Gesichtchen . » Lothar ! « murmelte sie und strebte zitternd empor . Er nahm ihr das Kind vom Schoß , trug es ins Bettchen und trat dann zu ihr , die hochaufgerichtet dort stand und nun mit schnellen Schritten an ihm vorüberstrebte . » Klaudine ! « scholl es bebend , und seine Gestalt vertrat ihr den Weg . » Es war beinahe zu spät « , sagte sie und versuchte zu lächeln . Er faßte ihre Hand und führte sie zu dem Bettchen . Die Kleine saß aufrecht darin und lachte . Er hob sie empor und hielt des Kindes Gesicht an die blasse Wange des Mädchens . » Bedanke dich ! « sagte er mit seltsam bewegter Stimme , » dein Vater darf es nicht . « Klaudine sah , wie die Hände , die das Kind hielten , zitterten . Sie küßte flüchtig die kleine Wange . » Ich war vorher sehr zornig auf mich « , sprach sie kühl , » daß ich Ihre Einladung doch noch annahm , Vetter – ich darf mir jetzt wohl verzeihen . « Eine schwüle Pause entstand . Die Kleine hatte jauchzend nach dem Stern in dem blonden Haar gegriffen , Klaudine mußte den Kopf neigen , um die Fäustchen zu lösen . Draußen flog eben mit zischendem Laut eine Rakete empor , das Zeichen für den Beginn des Mahles . Musik , Lachen , plaudernde Stimmen drangen deutlicher herauf , und ein glutroter Schimmer brach durch die Fenster . Sie war vor den Spiegel getreten , um die zerzausten Löckchen etwas zu ordnen . Sie sah nicht den leidenschaftlichschmerzlichen Blick der dunklen Männeraugen , die ihr folgten , wie sie nicht gesehen hatte , daß vor ein paar Minuten in der weit geöffneten Tür eine zierliche Gestalt im blaßblauen Seidenröckchen wie hingeweht gestanden hatte , um gleich wieder zu fliehen , als sei dort in dem dämmernden Zimmer etwas entsetzliches zu erblicken gewesen , während es doch das entzückendste Bild war , ein schlankes Mädchen an der Seite des schönen Mannes , der sein spielendes Kind auf den Armen hält . » Ich werde veranlassen , daß die Wärterin kommt « , sagte Klaudine jetzt im Hinausgehen , » die kleine Unternehmungslustige möchte sich sonst zum zweitenmal aus dem Bettchen entfernen . « In diesem Augenblick erschien zwar nicht die unzuverlässige Kinderfrau , wohl aber Frau von Berg . » Sie werden die Güte haben , Frau von Berg , an Leonies Bett zu bleiben , bis die Kinderfrau , die Sie übrigens vortrefflich unterrichtet zu haben scheinen , zur Stelle ist . Ich möchte nämlich nicht gern , daß die Kleine noch einmal in die Gefahr kommt , dort hinauszustürzen . « Klaudine war rasch auf den Flur getreten , sie konnte nicht mehr das namenlos bestürzte Gesicht der schönen Italienerin erblicken , die auf ein paar verzweiflungsvoll geflüsterte Worte der Prinzeß Helene über das befremdende Schauspiel kraft ihres Amtes einmal in der Kinderstube nachschauen wollte . Klaudine schritt schon am Ende des Ganges , als Lothar sie einholte . Nebeneinander betraten sie die Treppe , die in die Halle führte . Es ging wie staunende Bewunderung einen Augenblick durch alle die Menschen , die den Raum füllten oder draußen vor der Halle standen . Die Herzogin aber winkte mit ihrem Granatstrauß empor . » Klaudine « , sagte sie , als das Mädchen vor ihr stand , » wir haben beschlossen , mitzulosen . Warum sollten sich der Herzog und ich nicht auch einmal dem Zufall anvertrauen ? Unsere liebenwürdige Wirtin hat noch rasch unsere Namen hineinwerfen müssen . « Und als jetzt Komtesse Moorsleben in einem blumigen Rokokokostüm mit zierlichem Knicks Ihrer Hoheit die silberne Schale darbot , welche die goldgeränderten Zettelchen mit den Namen der Herren enthielt , griff die schmale Frauenhand keck hinein und entnahm eine der kleinen Rollen . Prinzeß Thekla dankte . Die Hand der Prinzeß Helene , die einen Schritt hinter Ihrer Hoheit stand , zitterte , als sie den kleinen Zettel nahm . » Liebste Klaudine « , sprach die fürstliche Frau , » Ihr Schicksal winkt « , und die Angeredete ergriff nun auch eines der Zettelchen . » Noch nicht lesen ! « sagte die Herzogin . Ihre großen , dunklen Augen glänzten freundlich , sie stützte sich leicht auf Klaudines Arm . Das weiß gepuderte Köpfchen der hübschen Hofdame war hin und wieder aus der Menge aufgetaucht . Jetzt hielt sie das geleerte Silberkörbchen in die Höhe , und im nämlichen Augenblick begann die Kapelle den Hochzeitsmarsch aus dem » Sommernachtstraum « . Die Damen sollten die ihnen durch das Los zugeteilten Herren zur Tafel führen . So war es von Prinzeß Helene bestimmt . Lachen , Ausrufe wurden laut . Ihrer Hoheit Augen leuchteten . Sie hatte den Namen eines blutjungen , schüchternen Leutnants auf ihrem Zettel gefunden . » Nun , Klaudine ? « fragte sie , indem sie in das Papier der Freundin blickte . » Oh ! « machte sie dann , » Seine Hoheit ! « Klaudine war bleich geworden , der Zettel in ihrer Hand bebte . » Eigentümlicher Zufall ! « flüsterte eine leise Stimme hinter ihr . Die Herzogin wandte sich langsam um und maß Prinzeß Helene mit einem kühlen Blick von oben bis unten . Aber aus ihren Augen war plötzlich die harmlose Freude gewichen . Stumm legte sie ihren Arm in den Klaudines und zog das Mädchen vorwärts durch die suchende , wogende Menge , die ehrerbietig zurückwich . » Hier , mein Freund « , sagte sie zu dem Herzog , der noch immer neben Palmer stand , » deine Tischnachbarin , die dir ein gütiges Geschick bestimmte . Mein Herr von Palmer , bringen Sie mir den Leutnant von Waldhaus , er wurde mir durch das Los zugeteilt . « Herr von Palmer flog davon . Die fürstliche Frau stand , das Antlitz lächelnd in dem Granatstrauß geborgen , neben Seiner Hoheit und Klaudine . Dann kam atemlos , dunkelglühend , ein schlanker , blonder Husarenoffizier und verneigte sich tief vor Ihrer Hoheit . Der Herzog wandte sich mit Klaudine dem Garten zu und deutete auf das Dunkel der Linden . » Es ist schwül hier in der Halle « , erklärte er . Auf den Stufen der Treppe blieb er stehen und blickte in das von peinvoller Verwirrung unsagbar liebliche Mädchengesicht . » Um Gottes willen , gnädiges Fräulein « , sagte er erschreckt und mitleidig , » was glauben Sie ? Ich bin weder ein Räuber noch ein Bettler , und Sie haben mein Wort . Mißgönnen Sie mir doch diese harmlose Freude nicht ! « Sie ging mechanisch neben ihm die Treppe hinunter zu einem der kleinen Tische unter den Linden , der nur vier Gedecke trug . Ihre lange rosa Schleppe lag noch im silbernen Mondlicht auf dem Rasen , sie selbst stand im Dunkeln hinter ihrem Stuhle , hochaufgerichtet jetzt . » Eh ! « rief der Herzog plötzlich , » Gerold , hier ist noch Platz ! « Der Baron war mit seiner Dame , der jungen , harmlosen Frau des Landrats von N. , die Stufen herabgeschritten , er kam nun im völligen Sturmschritt auf den Tisch des Herzogs zu ; die niedliche Frau an seiner Seite vermochte kaum ihm zu folgen . » Hoheit haben befohlen « , sprach er . Es war , als hole er tief Atem , während er seiner Dame den Stuhl hielt , als sie Platz nahm . Und er winkte dem Diener , der die Platte mit Speisen trug . Der kleinen Prinzeß war Herr von Palmer durch das Los zugefallen . Sie saß in der Halle an der Tafel Ihrer Hoheit , ebenso Prinzessin Thekla . Baron Lothar erhob sich einmal , trat auf die Treppe und brachte das Hoch auf die Hoheiten aus . Der Herzog ließ die Damen leben . Die Augen der Prinzeß Helene hingen mit wahrhaft dämonischem Ausdruck an jenem Tisch dort unten im Garten , man schien sehr heiter dort , das tiefe Lachen des Herzogs scholl deutlich in ihr Ohr . Zuweilen wandte sie das bleiche Gesicht mit den funkelnden Augen nach der Herzogin und sah mit stiller Befriedigung , wie auch sie ihre Blicke unablässig dorthin sandte , eine bange Frage schienen sie zu enthalten , obgleich ihr Mund lächelte , obgleich sie so heiter schien , wie seit langer Zeit nicht . Zum Nachtisch , als die Knallbonbons mit den Raketen draußen wetteiferten , saß Prinzeß Helene plötzlich neben der Herzogin , sie hatte Herrn von Palmer gebeten , den Stuhl mit ihr zu tauschen , worauf er eifrigst einging . Ihre Hoheit hatte sowieso kein Wort für ihn gehabt , nur für ihren jungen Kavalier . Die kleine Prinzessin blieb anfänglich stumm . Trotz ihrer besinnungslosen Eifersucht klopfte ihr das Herz bei dem Gedanken an das , was sie tun wollte . Sie trank gegen alle Hofsitte ihren Sektkelch einigemal rasch aus , Herr von Palmer wußte ihn immer wieder unbemerkt füllen zu lassen . In ihrem tollen , leidenschaftlichen Köpfchen sah es erbarmungswürdig aus an diesem Abend . Das rebellische , durch den Wein erhitzte Blut stieg ihr verwirrend zum Kopf . » Hoheit « , flüsterte sie besinnungslos und beugte sich zu ihr , die eben nach Fächer und Strauß griff . » Hoheit ! Elisabeth , um Gottes willen , Sie vertrauen zu viel ! « Hatte es die Herzogin nicht gehört ? Sie erhob sich langsam und würdevoll . Das Zeichen zur Aufhebung der Tafel war gegeben , Stühle wurden geschoben , und draußen unter den dunklen Bäumen flammte ein verschlungenes A. E. auf mit der Herzogskrone . Alles flutete zurück in den Garten , zum Tanz . » Prinzeß Helene ! « befahl die Herzogin ihrem Kavalier . Sie setzte sich nicht mehr , der Befehl für die Wagen war bereits gegeben . Nur der Herzog stand noch unter den Linden , mit Klaudine plaudernd . Prinzeß Helene flatterte eilfertig daher , auf ihrem heißen Gesichtchen lag eine Art verzweifelten Trotzes . » Erklären Sie sich deutlicher , Cousine « , sprach die Herzogin laut zu ihr . Es war jetzt niemand weiter in dem kleinen , von rosiger Dämmerung erfüllten Zelte , vor dessen zurückgeschlagenen Vorhängen das Fest im Mondlicht wogte . » Hoheit ! « rief das leidenschaftliche Mädchen heftig , » ich ertrage es nicht , zu sehen , wie Sie hintergangen werden ! « » Wer hintergeht mich ? « Noch einmal gewann alles Vornehme , alles Gute in diesem Mädchenherzen die Oberhand . Sie sah diese so schwer nach Atem ringende Frau , sie wußte , was das nächste Wort bedeute für dieses Leben . » Nichts ! Nichts ! « stieß sie hervor . » Lassen Sie mich gehen , Elisabeth , schicken Sie mich fort ! « » Wer hintergeht mich ? « fragte die Herzogin noch einmal bestimmt , mit Aufbietung aller Kräfte . Die kleinen Hände der Prinzessin falteten sich und ihr Blick wandte sich zu Klaudine , die dort noch immer von dem Herzog festgehalten wurde . Die Augen der Herzogin folgten ihr , eine erschreckende Blässe breitete sich über ihr Gesicht . » Ich verstehe nicht « , sagte sie kühl . Das Herz der Prinzessin pochte wie wahnsinnig gegen die Kapsel , in der sie den Brief des Herzogs verwahrte . » Hoheit wollen nicht verstehen « , flüsterte sie , » Hoheit wollen die Augen verschließen ! « Sie hob die noch immer gefalteten Hände empor und preßte sie auf das blauseidene Jäckchen . » Klaudine von Gerold ! « stieß sie hervor . Sie vollendete nicht , die Gestalt der Herzogin wankte ; mit einem leisen Schreckensruf hielt die Prinzessin sie umfangen , aber nur einen Augenblick , die Herzogin war schon wieder Herrin ihrer selbst . » Es scheint , als ob die schwüle , betäubende Nacht Fieber erzeugte « , sagte sie mit einem Lächeln um den blassen Mund . » Gehen Sie zu Bette , Cousine , und trinken Sie kühle Limonade . Sie reden irre ! Rufen Sie Fräulein von Gerold , liebe Katzenstein « , wandte sie sich dann an die alte Hofdame , die herbeigeeilt war und unter ihrem Spitzenhäubchen hervor besorgt in das blasse Gesicht der Herzogin schaute . Und als das schöne Mädchen kam , sagte sie freundlich und so laut , daß auch die Außenstehenden es hören mußten , indem sie das trauliche » Du « gebrauchte : » Führe mich zum Wagen , Dina , und vergiß nicht , daß du morgen an einem Krankenbett sitzen wirst . Ich fürchte , für meine Kräfte ist dieses schöne Fest zuviel geworden . « Sie stützte sich fest auf Klaudines Arm und schritt , begleitet von dem Herzog , von Baron Lothar und dem Gefolge , nach allen Seiten freundlich grüßend , der Freitreppe zu , wo die Wagen hielten . Sie übersah dabei die tiefe Verneigung der Prinzessin Helene . – Als Klaudine an der Seite Lothars zurückkehrte , trug sie den Granatstrauß der Herzogin in der Hand . Sie weilte noch einige Augenblicke unter all den Menschen , die plötzlich kein Auge mehr für sie zu haben schienen , aber sie bemerkte es nicht , sie sehnte sich nach Ruhe . » Gute Nacht , Beate , ich möchte heim . « » Wie sonderbar die Herzogin war beim Abschied ! « sprach Beate , als sie neben Klaudine dem Wagen zuschritt . » Sie sah dich an , als wollte sie bis auf den Grund deiner Seele schauen , und doch , als hätte sie dir etwas abzubitten . Wie lieblich die Art und Weise war , als sie dir den Strauß noch zuletzt aus dem Wagen reichte und : › Meine liebe Klaudine ‹ sagte , als könnte sie dir nicht liebes genug tun . « » Wir haben uns sehr lieb « , antwortete Klaudine einfach . Prinzeß Helene tanzte weiter in dieser Nacht . Dann meinte sie plötzlich , die innere Unruhe , die Herzensangst nicht mehr aushaken zu können , warf sich im Dunkel eines Gebüsches auf eine Bank und preßte ihre glühende Wange an das kalte Eisen der Lehne . Frau von Berg stand mit finsterer Miene vor ihr . » Mein Gott « , sagte sie , » wenn jemand Eure Durchlaucht so sähe ! « » Kommt der Baron ? « fragte die Weinende , rasch die Augen trocknend . Die Berg lächelte . » O , doch nicht , er spricht mit dem Landrat von Besser über Feuerversicherungen . « » Haben Sie gesehen , Alice ? Die Gerold wurde von der Herzogin beim Abschied noch mit dem Strauß begnadet , das war « – hier lachte die Prinzessin – » das Ergebnis meiner gutgemeinten Warnung . « Frau von Berg lächelte noch immer . » Durchlaucht verzeihen , die Herzogin konnte nicht anders ! Auf ein bloßes Gerücht hin läßt ein so vornehmer Charakter seine Freundin nicht fallen . Ich habe geglaubt , Sie kennen Ihre Hoheit besser . Sie bestanden ja selbst so dringend auf Beweisen ! « Die Prinzessin fuhr mit beiden Händen an die Ohren , als wollte sie nichts mehr hören . » Beweise ! « wiederholte Frau von Berg noch einmal , » Beweise , Durchlaucht ! « 20. Die Herzogin hatte sich gleich nach der Rückkehr in ihr Schlafgemach zurückgezogen und sich zur Ruhe begeben . Sie hatte ihr kühlendes Himbeerwasser getrunken und lag , die Arme unter dem Haupt , in ihrem stillen Zimmer . Zuweilen hustete sie und ihre Wangen begannen zu glühen . Es war zuviel gewesen für sie , dieses rauschende Fest , sie hätte im Krankenzimmer bleiben sollen , wo sie hin gehörte – aber es ist doch so hart , so jung noch und schon so gebrechlich ! Ob es je besser wird ? Sie griff an ihre linke Seite , sie fühlte da einen sonderbaren dumpfen Schmerz . » Merkwürdig , was kann es nur sein ? « Wie lähmende eiskalte Angst kroch es durch ihre Adern und legte sich betäubend auf ihr Denken . » Unmöglich ! « flüsterte sie . Sie wußte plötzlich , woher der dumpfe Schmerz kam . » Unmöglich ! « Sie richtete sich energisch im Bette auf und schaute um sich , als wolle sie sich vergewissern , daß sie wach sei , daß kein schwerer Traum sie quäle . Die Herzogin ergriff einen elfenbeingefaßten Handspiegel und schaute hinein . Zwei tief eingesunkene Augen , ein mageres , gelbliches Gesicht sahen ihr in der mattrosigen Beleuchtung entgegen . Sie ließ den Spiegel auf die Bettdecke fallen und legte sich zurück , ein qualvolles Erschrecken auf ihren Zügen . » O du lieber Gott ! « flüsterte sie . Und sie nahm das Bild des Herzogs vom Tischchen neben ihrem Bette , starrte das schöne , stolze Gesicht an und drückte es dann leidenschaftlich an ihre Lippen . Oh , sie wußte am besten , wie sehr man diesen Mann lieben mußte ! Das Bild an die Brust gedrückt unter ihren gefalteten Händen , blieb sie liegen , die Blicke unverwandt ins Leere gerichtet . Klaudines hinreißende Erscheinung , wie sie dieselbe vor ein paar Stunden gesehen hatte , gaukelte vor ihren Augen , sie sah sie neben dem Herzog bei Tische , beim Tanz unter den Linden – das Mädchen hatte so oft die Farbe gewechselt . – Wie war sie nicht stets befangen , wenn Seine Hoheit ins Zimmer trat ! Sie wollte immer so ungern singen , wenn er zugegen war ! » Arme Klaudine ! Eine schöne Freundin , die hier an dich denkt , die dich erst mit aller Gewalt herangezogen hat , um dann an dir zu zweifeln ! « Nein , sie zweifelte gar nicht . Unerhörter Klatsch ! Die kleine Prinzessin war bisweilen nahezu unbegreiflich ! Die Herzogin lächelte , und dennoch standen plötzlich perlende kalte Schweißtropfen auf ihrer Stirn , und durch das summende Geräusch des aufgeregten Blutes in ihren Ohren war ein heller unbarmherziger Glockenton , die Stimme der Prinzessin , gedrungen – » Hoheit wollen nicht sehen , Hoheit wollen nicht verstehen ! « – so bestimmt , so entsetzlich unabweisbar . Die heißen Hände drückten das Bild fester gegen das unruhige , laut klopfende Herz . Ihre Lippen flüsterten : » Lieber tot , als das erleben – laß mich sterben , guter Gott , laß mich sterben ! « Ihr ganzes Eheleben zog vor ihren Augen vorüber . Sie selbst hatte den Altar ihres Glückes verschwenderisch mit Rosen geschmückt . Sollte sie übersehen haben , daß er ohne das ein recht schmuckloser gewesen ? Daß sie allein davor gebetet hatte ? Wie kam sie nur darauf ? Nein , sie hatte sich nicht hineinphantasiert in dieses Glück , sie besaß es wirklich ! Er war doch stets so freundlich , so nachsichtig , so ritterlich gewesen , besonders jetzt , wo sie krank war . Freundlich ? Nachsichtig ? Ist das alles , was die Liebe geben kann ? Sie stöhnte auf , es schien ihr plötzlich , als sei ein Schleier von ihren Augen gerissen und lasse sie in eine grenzenlose Nüchternheit und Ärmlichkeit schauen . Aber niemals hatte er ihr doch einen Grund zur Eifersucht gegeben , dieser bürgerlichen Leidenschaft , wie Prinzeß Thekla sagte , die einer Fürstin unwürdig sei . » Ich kenne diese Leidenschaft nicht « , hatte sie damals geantwortet , » ich habe noch , Gott sei Dank , keine Gelegenheit dazu gehabt . « In diesem Augenblick aber fühlte die regierende Herzogin , die königliche Prinzessin , daß auch sie dieser Leidenschaft verfallen war in furchtbarem Grade , daß auch sie auf dieser Folterbank liegen werde , ohne Rettung . Wieder blickte sie in den Spiegel , dann schlug sie die Hände vor die Augen . War sie denn blind gewesen ? Was konnte sie ihm noch sein , sie , die Kranke , dem Grabe Zuwankende ? Nichts , nichts als eine Last . Aber konnten sie nicht warten , bis sie tot war ? Wie lange würde es denn noch dauern ? » Ach , nur Schonung , Mitleid so lange , nur so lange ! Erbarmt euch ! « Sie sank zurück in einem ohnmächtigen Zustande , unfähig sich zu bewegen und doch fühlend , daß sie wache , daß es entsetzliche Wirklichkeit sei , daß ihr Schicksal die lächelnde Maske abgeworfen hatte , um sein wirkliches Antlitz zu zeigen , ein trostloses , verzweiflungsvolles Antlitz . Der kalte Schweiß rieselte ihr über die Stirn , mit einer entsetzlichen Anstrengung schnellte sie endlich empor und riß in wilder Verzweiflung an der Klingel . Erschreckt stürzte die Kammerfrau herzu . » Die Fenster auf ! « stöhnte die Herzogin , im Bette sitzend , » ich ersticke ! « Die Kammerfrau eilte zum Fenster , raffte die Vorhänge zurück und da brach der erste funkelnde dunkelglühende Strahl der Morgensonne in das Gemach und traf das geängstigte fieberhaft erregte junge Weib auf seinem Lager . Sie starrte wie fragend hinaus in diese wunderbar schöne Welt , über die im Morgenwind zitternden Wipfel der Bäume des Parkes hinweg zu den blaugrünen tannenbewaldeten Bergen . Sie atmete die reine , frische Luft , sie hörte das Zwitschern der Vögel im Geäst und sie brach in Tränen aus , in Tränen der Scham über ihre Verzweiflung , über ihr Mißtrauen . Lange noch lag sie schluchzend und schlief endlich ein . Als sie erwachte , saß Klaudine an ihrem Lager . Sie ordnete einen Strauß Rosen , die sie von Heinemanns Stöcken erbeten hatte , und war damit so lautlos emsig beschäftigt , daß sie nicht merkte , wie die Augen der Herzogin schon eine ganze Weile auf ihr ruhten . Als sie aufblickte , ging ein froher Zug über ihr sorgenvolles Gesicht . » O , du ! « rief sie und kniete an dem Bette nieder mit ihren Rosen . » Wie hast du mich erschreckt , Elisabeth ! Was fehlt dir ? In aller Morgenfrühe ließ mich Frau von Katzenstein schon holen . Ist dir das Fest gestern nicht bekommen ? « Die Herzogin hatte den Kopf schwer auf die Hand gestützt und unverwandt in das schöne Antlitz , aus dem Angst und Betrübnis so deutlich sprachen , geblickt . Dann strich sie wie liebkosend über das duftige Blondhaar . » Mir ist schon besser « , sagte sie leise , » wie gut , daß du gekommen bist ! « Sie blieb stumm während des ganzen Vormittags , aber sie folgte Klaudine immerwährend mit den Augen . Gegen Mittag wollte sie aufstehen , aber sie taumelte wie eine Trunkene und mußte wieder zu Bette . » Bleib bei mir , Klaudine « , bat sie . » Ja , Elisabeth . « Die Kranke machte die müde zugesunkenen Augen auf , und als wundere sie sich über diese rasche Zusage , fragte sie : » Du kannst doch ohne Sorge fort von daheim ? « » Sprich davon nicht , Elisabeth . Selbst wenn es dort eine Lücke gäbe , ich würde dennoch kommen . Ich schreibe ein paar Worte an Joachim und lasse mir einiges notwendige holen . Ängstige dich nicht ! « » Erzähle mir etwas « , bat die Herzogin gegen Abend . Sie hatte den Tag über fast regungslos mit geschlossenen Augen gelegen . » O gern , Elisabeth , aber was ? « » Aus deinem Leben . « » Ach Gott , da ist wenig zu berichten . Ich meine , Elisabeth , du kennst das alles . « » Alles ? « » Ja , meine liebe Elisabeth ! « » Hast du niemals eine Neigung gehabt , Dina ? « Über des Mädchens Gesicht flog ein glühendes Rot ; langsam neigte sie den Kopf . » Laß das , Elisabeth « , bat sie mit erstickter Stimme ; » frage nicht weiter – ich – « » Kannst du es mir nicht sagen ? « sprach die Herzogin leise und dringend . » Schenke mir dein Vertrauen , Dina , schenke es mir . Du weißt doch alles von mir . « In diesem Augenblick meldete die Kammerfrau den Herzog , und fast verstört erhob sich das schöne Mädchen und trat mit einer Verbeugung an ihm vorüber in das Nebenzimmer . » Klaudine ! Klaudinel « rief die Kranke , und als sie zurückeilte , deutete die Herzogin auf den Sessel neben ihrem Bette . » Bleib hier ! « sagte sie herrisch . Es war zum erstenmal , daß sie so zu ihr sprach . Gehorsam setzte sich Klaudine . Sie hörte , wie teilnehmend der Herzog mit der Kranken redete , wie er hoffte , daß sie morgen doch wieder an dem Fest im Garten teilnehmen könne , daß sicher auch Mama erscheinen werde . » Ich will mir Mühe geben , gesund zu werden « , erwiderte sie . » Das ist prachtvoll , Liesel ! Gib dir Mühe « , lachte der Herzog . » Wenn alle Kranken so dächten , gäbe es weniger Patienten . Der Wille tut wirklich etwas zur Genesung , frage nur den Medizinalrat . « » Ich weiß es , ich weiß es « , sagte sie hastig . » Ich meine , du hast dich einfach erkältet , mein Kind « , sprach der Herzog weiter . » Du mußt durchaus mehr geschont werden , Nachtluft ist nichts für dich . Zum Winter gehst du auf jeden Fall nach dem Süden . « » Zum Winter ! « dachte sie bitter und sagte laut mit völlig ungewohntem Trotz : » Ich will mich aber nicht mehr schonen ! « Seine Hoheit schaute verwundert auf das sonst so fügsame Geschöpf . » Du bist in der Tat angegriffen « , erwiderte er , und sich zu Klaudine wendend , sagte er , dem Gespräche eine andere Wendung gebend : » Ihr Vetter hat gestern aber in Wahrheit ein reizendes Fest veranstaltet . Welch geschmackvolle Anordnung und welch eigenartige Trachten ! Die Ihrige zum Beispiel , gnädiges Fräulein , einfach großartig ! Nicht , Elisabeth ? « » Ich kann das Sprechen nicht ertragen , Adalbert , bitte – geh « , sagte die Kranke mit nervös zuckender Lippe . Und als er mit einer ungeduldigen Bewegung zurücktrat , reichte sie ihm ängstlich die Hand , während ihre Augen in Tränen schimmerten : » Verzeiht mir ! « Und dann faßte sie Klaudines Hand , und sie mit ihrer heißen Rechten haltend , legte sie sich zurück und schloß die Augen . Er war gegangen . Der Himmel hatte sich indessen mit schweren dunklen Wolken bezogen , gewitterschwül und beängstigend war die Luft . In der trüben Regenbeleuchtung sah das Gesicht der Herzogin aus wie das einer Toten . So lag sie unbeweglich , und so saß Klaudine neben ihr , stundenlang . 21. Die Nachricht , daß die Herzogin krank sei , war bereits überall verbreitet . » Sie sah so merkwürdig bleich zuletzt aus « , bemerkte Prinzeß Thekla , als man im Neuhäuser Speisesaal beim Abendessen saß . » Meine Cousine wurde schon in aller Morgenfrühe hingeholt « , erzählte Beate , der man keine Spur von Müdigkeit ansah , obgleich sie gar nicht zu Bette gegangen war , um sämtliche Spuren des Festes beseitigen zu lassen . Da befand sich jede Silbergabel wieder an ihrem Platz , jede Tasse , jedes Möbel , nichts erinnerte mehr an das Feenmärchen der letzten Nacht . » Sie schreibt mir soeben « , fuhr Beate fort , » daß sie die Herzogin pflegt und ganz nach Altenstein übersiedelt ist . « » Welch rührende Freundschaft ! « rief die alte Prinzessin , die sehr schlechter Stimmung war , denn heute früh hatte Baron Lothar die Kinderfrau knall und fall entlassen , und Frau von Berg war schon in aller Morgenfrühe ein Schreiben an das Bett gebracht worden , das sie just in einem beglückenden Traum störte . Es enthielt die Entlassung von ihrer Stelle als Erzieherin » meiner Tochter « in aller Form , zwar unendlich artig gehalten , aber es war so , wenn auch liebenswürdigerweise der Baron am Schlusse die gnädige Frau bat , sie möge über die Gastfreundschaft in seinem Hause verfügen . Sie hatte nur ein Morgenkleid übergeworfen und war gegen alle Hofsitte in das Schlafzimmer der Prinzessin Helene gestürzt . Die kleine Durchlaucht hatte elend ausgesehen , mit dunklen Ringen um die Augen , als habe sie während der Nacht mehr geweint als geschlafen . » Was ist da weiter ? « war der verdrießliche Trost gewesen . » Sie kommen dann zu Mama , Alice , ich werde mit ihr sprechen . Die Moorsleben geht ja ohnehin zu ihren Eltern zurück . « Mama