Köpfchen und sagte mit einem Tone , in dem die ganze Süßigkeit ihres kindlichen Gemütes lag : „ Nein , mein Moritz , Du hattest Recht ! “ „ Siehst Du , Mama , das ist das echte Weib wie es aus der Hand des Schöpfers hervorging , wie es sein soll , um den Mann , dem es gehört , zu be ­ glücken “ , rief Moritz und preßte die reizende Gestalt an seine Brust . Die Staatsrätin stand schweigend neben dem Paare , ihr Auge ruhte mit unaussprechlicher Liebe auf ihrem Kinde und sie sah es mit einem selt ­ samen Gemisch von Freude und Sorge an dem Herzen dieses eben so zärtlichen , als herrischen Gat ­ ten ruhen . „ Diese Bräutigamsleidenschaft ist schön — aber wenn sie dereinst verraucht , — dann bleibt für das zarte Wesen nur noch der Gebieter übrig und sie ist eine unglückliche Sklavin , wie sie jetzt eine glück ­ liche ist ! “ Solche Gedanken zogen durch die Seele der Mutter und hoben ihre Brust zu einem tiefen Seufzer . Mittlerweile hatte Johannes leise mit Heim und Hilsborn gesprochen und einen Brief gelesen , den Jener ihm gab . „ Also , Väter Heim “ , sagte er , „ es bleibt dabei . “ Die Staatsrätin wandte sich ihm zu und fragte : „ Was hast Du da ? “ „ Einen Brief der Hartwich an Onkel Heim , Mutter ! “ Johannes reichte ihr das Blatt und die Staats ­ rätin las : Herr Geheimerat ! Ich weiß nicht , ob Sie sich eines kleinen Mädchens Namens Ernestine Hartwich erinnern , dem Sie einst das Leben gerettet ; aber ich weiß , daß Sie , auch wenn dies nicht der Fall wäre , einer Hilfesuchenden beiständen . Ich habe mich an die hiesige Universität gewandt , um Kolleg zu hören . Ich tat dies hinter dem Rücken meines Vormundes , denn er mißbilligte den Plan . Ich wünsche daher , die einleitenden Schritte in dieser Sache geheim zu halten , bis ich einen Erfolg errungen , der ihn mit meiner Handlungsweise ver ­ söhnen würde . „ Sehr rücksichtsvoll ! “ schaltete die Staatsrätin ironisch ein : „ doch weiter . “ Meine Bitte ist nun die , hochgeehrter Herr , dafür zu sorgen , daß die Antwort der Fakultät ohne Wissen meines Oheims an mich gelange und zwar durch Sie selbst . Ich bedarf auch Ihres ärztlichen Beistandes , denn ich fühle mich krank , und mein Vormund gestattete mir nie , einen Arzt zu rufen . Ich gehorchte ihm , bis ich erfuhr , daß Sie in meiner Nähe leben . An Sie aber wende ich mich mit dem alten Vertrauen . Kann man mir helfen , so werden Sie es tun . Ich muß Sie jedoch an einem Tage bei mir sehen , wo Leuthold von Hause entfernt ist , wenn ich nicht Auftritte der peinlichsten Art herbeiführen will . Jeden Mittwoch und Sonn ­ abend fährt er Geschäfte halber in die Stadt . An einem solchen Tage bitte ich Sie , mich zu besuchen . Hochachtungsvoll ! Ernestine Hartwich „ Nun das ist wenigstens kürzer und bündiger , als man es von einem Blaustrumpf erwarten sollte “ , meinte Moritz . Die Staatsrätin blickte trübe sinnend in den Brief : „ Er ist kalt und trocken , — kaum höflich — geschweige denn herzlich , wie ihr einstmaliger Wohltäter es von ihr verlangen konnte . “ „ Bedenken Sie , liebe Freundin , daß etwa zwölf Jahre seit jener Zeit verflossen , für ein so junges Mädchen eine lange Zeit ! “ begütigte Heim . „ Ach , Onkel Heim “ , rief Angelika — „ ich habe Dich jetzt , wo Du meinen Knaben auf den Knien wiegst , noch eben so lieb wie damals , wo Du meinen Puppen dieselbe Ehre antatest . Mir sind diese Jahre vergangen wie ein Traum ! “ „ Du bist von anderer Art als die Hartwich , mein Kind “ , erwiderte Heim . „ Ja , Gottlob ! “ bestätigte Moritz . Die Staatsrätin legte den Brief zusammen : „ Ich kann mir nicht helfen , dieses Schreiben ist herz ­ los , ich habe kein besseres Wort dafür . Und dabei ein Gemisch von Feigheit und Trotz in ihrem Be ­ nehmen ihrem Onkel gegenüber , das aus jeder Zeile hervorgeht . “ „ Ein Beweis , wie diese starke Natur von dem Schurken geknechtet wird “ , bemerkte Johannes warm . Die Mutter sah mit sorgenschwerem Blick auf ihren Sohn : „ Wie konnte sie sich , wenn sie ein edles starkes Weib ist , von einem solchen Menschen knechten lassen ? “ „ Warum nicht , beste Mutter ? “ erwiderte Johannes begütigend , „ und wenn auch noch so edel und stark , — so ist und bleibt sie ja doch immer nur ein Weib ! “ In diesem Augenblick donnerte und rasselte etwas unter dem Fenster vorbei . Alle blickten hinaus . „ Die Worronska ! “ „ Die wilde Gräfin “ , rief Moritz , „ das ist ein Prachtexemplar von einer Amazone . Wie schön sie wieder ist ! Wie sie die vier Rappen lenkt und dabei heraufschaut . Ich wette , Johannes , die hat ’ s auf Dich abgesehen — sieh nur , sie lächelt Dir zu ! “ „ Da würde ich am Ende gar dem Kollegen Her ­ bert ins Gehege kommen ! “ lachte Johannes ; „ denn ich hörte ja , er macht ihr den Hof ! “ „ Was , Herbert — der Worronska ? “ rief Moritz . „ Wie kommt denn der dazu ? “ „ Ei nun , er war ja so lange Hofmeister bei einem Freunde des Grafen in Petersburg . Daher wird er sie kennen “ , erklärte Johannes . „ Na , das wäre so ein Schwiegertöchterchen für Sie , liebe Staatsrätin “ , meinte Heim , „ wie ? Die wäre doch noch schlimmer als die Hartwich ! “ „ Bah “ , warf Johannes gleichgültig hin , „ auch diese ist nur ein Weib ; wenn sie fiel , so fiel sie durch einen Mann und ein Mann hätte sie retten können . “ Zweites Kapitel . Der Schwan . Ein hohes dunkles Gebäude überragte das Dorf Hochstetten , welches zwei Meilen von der Stadt , in reizen ­ der Gegend lag . Es führte einst den Namen Hochstetter Schloß . Seit jedoch die adelige Familie , die es durch ein Jahrhundert von Sohn auf Sohn ver ­ erbte , ausgestorben war und nur noch ein Kastellan darin wohnte , der die Besitzung für die Erben einer Seitenlinie bewachte , nannte man es im Volke das Zauberschloß , denn selbstverständlich mußte es in einem alten Hause , in dem so viele Leute verschieden waren , spuken , und was die ehrenwerten Glieder der acht ­ baren Familie vielleicht im Leben nie gehabt hatten , das legte ihnen die Volksphantasie im Tode zu und ließ ihre Geister an dem Orte umgehen , wo einst ihre körperlichen Hüllen gewandelt . Im letzten Jahre geschah es aber , daß einmal wirklich ein Geist in das Schloß kam und daß sein Erscheinen das Volk , welches in jedem „ Genie den Teufel ahnt “ , mit nicht geringerem Entsetzen erfüllte , als die Gespenster seiner früheren Herrschaft , obgleich dieser Geist noch in einem lebendigen , jungen und sehr schönen Leibe wohnte . Ernestine Hartwich hatte das Gut gemietet und trieb mit ihrem Oheim ihr selt ­ sames Wesen da . Seitdem war das Haus hinter der hohen Umgebung in dem stillen buschigen Garten erst recht verhext und wer nichts darin zu schaffen hatte , der vermied es gern . Still und einsam lag es da , inmitten lieblicher Hügel und Bergketten , umrauscht von grünen Wipfeln , umflossen vom Sonnenglanz eines tauigen Sommermorgens und doch starrten seine altersgrauen Mauern so finster in das frische wonnige Leben hinein , als sei draußen und drinnen der Tod . — Zwei Fremde , die in einer leichten Kalesche die Landstraße daher fuhren , betrachteten es ernst und schweigend ; als der Weg etwas steil wurde , stiegen sie aus und gingen neben dem Pferde weiter . Ein schmucker Bauernbursche kam mit Sense und Harke vorüber und als er in die schönen Gesichter der Wan ­ derer sah , nickte er ihnen freundlich zu . Von einem plötzlichen Einfall ergriffen , redete ihn der Ältere von den Beiden an und fragte : „ Was ist das für ein Schloß dort ? “ „ Das ? “ war die Antwort , „ das ist ja das Zau ­ berschloß ! “ „ Wer bewohnt es denn ? “ „ Das bewohnt ja die Hartwich . “ „ Wer ist die Hartwich ? “ „ Ei , die Hexe , die es gemietet hat . “ „ Warum nennst Du sie so ? “ „ Nu , weil es eben nicht recht geheuer mit ihr ist . “ „ Geh ein Stückchen mit uns und erzähle uns etwas von der Dame , wenn Du Zeit hast “ , bat der Fremde . „ Ei ja , dazu habe ich schon Zeit “ , lachte der Bursche , geschmeichelt durch das Interesse , das seine Andeutungen erweckten . „ Du lieber Gott , wo soll man anfangen , wenn man von Der erzählen will . Da gibt ’ s keinen Anfang und kein Ende . “ „ Wie sieht sie denn aus ? “ fragte der jüngere Herr , „ ist sie hübsch ? “ „ Bewahre , sie ist mager und bleich und hat große kohlschwarze Augen . Dabei macht sie immer ein so finsteres Gesicht , — man sieht es ihr auf zehn Schritte an , daß sie kein gutes Gewissen hat . “ „ Es ist bezeichnend für die Kulturstufe des Volkes “ , sagte der Ältere leise zu seinem Begleiter , „ daß es kein Verständnis für schöne Linien hat , sondern nur Geschmack an Fleisch und Farbe findet . Ein klassisches Profil erscheint ihm häßlich , wenn nicht rechts und links ein Fleischsäckchen daran hängt . Diese derbe Vorliebe für den Rohstoff ist bei dem Bauern und niederen Handwerker , der überhaupt nur mit Roh ­ stoffen zu tun hat , natürlich und verzeihlich , wo sollen solche Leute ihren Schönheitssinn bilden ? Aber es ist traurig , wenn man bedenkt , wie Viele auch unter den Gebildeten sind , bei denen der Geschmack nur die ge ­ meinste Sinnlichkeit zur Lehrmeisterin hat und deren rohe Begierde blind tastend nicht die verkörperte Schönheit , sondern nur die schöne Verkörperung sucht . “ „ Ja wohl “ , fügte der Andere hinzu , „ so ist es auch mit dem Geiste . Dem Volke ist der Ausdruck des Gedankens fremd und unheimlich , nur gedanken ­ lose Lustigkeit zieht es an . Das Gepräge des Geistes auf einer ernsten Stirn ist ihm das Gepräge des Bösen , — aber wie viele unserer Standesgenossen gibt es , die nicht besser fühlen . Wir indeß denken anders , nicht wahr , Johannes ? “ Dieser reichte dem Sprecher die Hand . „ Ja , mein Freund — das weiß Gott ! Aus dieser Ober ­ flächlichkeit des Geschmackes erklärt es sich auch , daß die Hartwich schon als Kind in dem Rufe der Häß ­ lichkeit stand , obgleich sie eine wundervolle Stirn , ein reines Profil und Augen hatte , wie ich sie nie ge ­ sehen , Augen , Hilsborn “ — er legte seine Hand auf den Arm des Freundes — „ in denen eine Welt schlummernder Empfindung lag , eine Verheißung un ­ aussprechlichen Glückes für den , der diese Empfindung einst wecken würde . — Hilsborn , ich hatte die Kleine , welche ich nur einmal traf , vergessen , aber als mich neulich ein Blick aus den Augen des schönen fremden Weibes traf , da erkannte ich das Kind in ihr wieder , das arme verlassene Kind . Ich fand die alte Scheu , das alte Weh noch in diesem Blick und es drang mir wie eine schmerzliche Mahnung in das Herz . Ich hätte sie gleich in meine Arme nehmen und von dem Hügel herabtragen mögen , wie damals von dem brechenden Ast , auf den sie vor mir geflohen war ! “ „ Gott gebe nur , daß das seltsame Wesen eines Mannes , wie Du , würdig sei “ , sagte Hilsborn . „ Sprich nicht so , Hilsborn , Du weißt , daß ich dergleichen nicht hören will . Laß uns lieber diesen Menschen noch über sie ausfragen , das ist interessant genug . “ Er wendete sich dem Burschen zu , der pfeifend auf der anderen Seite der Straße ging . „ Tut sie denn wenigstens den Armen Gutes ? “ fragte er . „ Behüte Gott Jeden , dem die was Gutes tun wollte , — es mag Niemand was von ihr . Der Oheim teilt alle Wochen Geld aus , aber es nehmen ’ s nur die allerärmsten Leute und machen doch noch ein Kreuz darüber . “ Johannes und Hilsborn sahen sich lächelnd an . „ Also sogar auf ihre Wohltaten erstreckt sich ihre unheilvolle Macht ? “ „ Ja , das will ich meinen , wo sie hingekommen ist , hat sie Unglück gebracht , — Alles hat sie besser wissen , vertrackte Neuerungen einführen wollen . Wie man ’ s machte , war ’ s ihr nicht recht , die Fieberkranken sollte man nicht mit Federbetten zudecken , den Schwachen sollte man kein Gläschen guten Schnaps reichen und was derlei Gewalttätigkeiten mehr waren . — Einmal hatte eine arme Wittfrau ein krankes Kind und pflegte es nach besten Kräften . Die Hartwich kommt dazu und redet so lange an die Frau hin , bis sie ihr erlaubt , bei dem Kinde eine Nacht zu wachen . Kaum sitzt sie aber an der Wiege , wird es immer schlimmer , der Bub kriegt Krämpfe und spricht irre , — die Hartwich schickt die Mutter aufs Schloß , um einen reitenden Boten zu bestellen , der den Physikus holen sollte , und bleibt so lange allein bei dem Kleinen . Als die Frau vom Schloß zurückkommt und zur Türe hereintritt , hat die Hexe das Kind auf dem Schoß und das arme Würmchen verendet eben . Die Frau , ganz von Sinnen vor Schreck , riß ihr die kleine Leiche weg und da sie keinen Trost von ihr annehmen wollte , ging die Hartwich endlich fort . Als der Arzt kam , schwatzte er allerhand unverständliches Zeug und wollte das Kind sezieren , wie er ’ s nannte , aber so etwas läßt natürlich keine christliche Mutter zu und da kam es denn freilich nicht heraus , was die Hartwich mit dem armen Wurm gemacht hatte ! “ „ Aber Ihr törichten Leute “ — fuhr Johannes empört auf , „ Ihr werdet doch nicht denken — “ Hilsborn winkte ihm , zu schweigen : „ Laß doch “ , sagte er leise , „ willst Du versuchen , was Götter ver ­ gebens tun , mit der Dummheit kämpfen ? “ „ Du hast Recht “ , erwiderte Johannes , „ dieses Volk können nur Jahrhunderte belehren . “ „ Nun , guter Freund “ , redete er wieder den Bauern an , „ was geschah denn dann der Hartwich ? “ „ Ei , als sie in derselben Nacht , nachdem der Arzt fort war , wieder kam und Geld brachte , wahrschein ­ lich damit die Frau schweigen sollte , wies diese ihr die Tür und sagte ihr , was sie von ihr hielte . “ „ Das war der Dank ! “ murmelte Johannes . „ Seitdem kommt sie zu Niemanden mehr ins Haus und wir sind sie los . “ „ War denn dieser unglückliche Fall der einzige ? “ fragte Johannes , „ oder hatte sie noch mehr solches Unheil angestellt ? “ „ Ja wohl , eine Menge ! Einmal überredete sie auch einen Mann , daß er in die Stadt ging und sich ein Bein abnehmen ließ , — er hatte schon seit zehn Jahren einen Schaden daran . Der Mann starb in der Stadt und hinterließ Frau und Kinder . Wenn ihn das Unglücksweib nicht hinschickte , lebte er heute noch . Hatte er das Übel zehn Jahre gehabt , konnte er ’ s auch noch länger haben ! Die arme Wittib verwünschte sie tausendmal ! “ Johannes wechselte Blicke mit Hilsborn : „ So urteilt das Volk ! “ „ Glaubst Du denn auch , daß sie eine Hexe ist ? “ fragte er den Bauern . „ Nun Herr , wenn ich auch das nicht glaube , so behaupte ich doch , daß kein Segen mit ihr ist , weil sie keine Gemeinschaft mit Gott hat . “ „ Und woher weißt Du das ? “ „ Sehen Sie , dafür gibt es gar viele Anzeichen . Es ist ihr alles zuwider , was sie an Gott mahnt , in einer Kirche läßt sie sich nun schon gar nicht sehen und zu Hause betet sie auch nicht . “ „ Das kannst Du ja aber doch nicht wissen ! “ meinte Johannes . „ Oho , das weiß ich wohl , denn Herchers Kuni ­ gund ’ dient droben auf dem Schloß und die erzählt uns Alles . — Da war zum Beispiel früher ein Glockentürmchen auf dem Herrenhaus , von dem seit Alters her Morgens und Abends das Gebet einge ­ läutet wurde . Das war gar schön und erbaulich , wenn die Glocke mit der von der Dorfkirche zusammenstimmte und wir waren ’ s so gewöhnt und hatten ’ s lieb . Sogar als die frühere Herrschaft starb , gab die Gemeinde dem Kastellan jährlich zwei Säcke Kartoffeln , damit er nur das Geläut nicht einstellte . Als aber die Hartwich auf das Gut kommt , was tut sie ? Sie läßt das Glöckchen aus dem Turm reißen , baut den ganzen Turm um und macht eine Sternwarte , wie sie es nennt , daraus , wo sie ganze Nächte sitzt und die Sterne zählt . “ „ Nun , wenn sie so viel in den Himmel sieht , denkt sie gewiß an den lieben Gott und an Alles , was dort oben ist “ , versetzte Johannes lächelnd , „ und wer gerne betet , braucht auch nicht durch Glockenklang daran erinnert zu werden . “ „ Nein , nein , dem ist aber nicht so “ , behauptete der Bursche hartnäckig . „ Sie will nicht daran erinnert sein , sonst hätte sie das helle heitere Glöckchen so lieb gehabt wie wir und hätte es hängen lassen , wo es seit hundert Jahren so Manchem Trost ins Herz geläutet hat , — sie hätte sich ja solch eine Sternkammer an den alten Turm anbauen lassen können , das wäre Alles gegangen , wenn sie recht gewollt hätte , und daß sie ’ s nicht wollte , das hat sie uns schon gleich verhaßt gemacht . “ Johannes und Hilsborn sahen sich ernst an . „ Bücher hat sie die schwere Menge , ganze Kisten voll , brachte sie mit , nur kein Gesang- oder Gebetbuch , sagt die Kundigund ’ , die immer die Bücher abstäuben muß . Das Fräulein nennt zwar die Stube , in der sie stehen , die Bibliothek , aber die Kunigund ’ hat noch keine Bibel darin entdecken können , wie sie auch gesucht hat . “ Die Herren unterdrückten das Lachen , um den empörten Erzähler nicht zu stören und dieser fuhr fort : „ Den Namen Gottes spricht sie gar nicht aus und wenn es Jemand vor ihr tut , so redet sie von was Anderem , merken Sie wohl ? — Nun kommt aber die Hauptsache : Da hat sie ein Zimmer , das Keiner außer ihr und dem Oheim betreten darf und wenn sie darin ist , schließt sie sich immer ein , auch mit dem Oheim . Was sie da machen , das weiß kein Mensch , aber die Kunigund ’ erzählt Wunderdinge davon , denn sie hat manchmal gehorcht und auch einen Blick hinein ­ geworfen , wenn das Fräulein hinein oder heraus ging . Da hat sie denn alle möglichen merkwürdigen Gerät ­ schaften gesehen , wie man sie zu gar keinem ehrlichen Handwerk braucht und schwarze Tafeln mit Augen und Ohren und dergleichen bemalt , Blasebälge und brennende Flämmchen und weiß Gott was Alles ! Dann hat sie ganz schreckliche Sachen gehört , Töne , wie wenn sie nicht von dieser Welt wären , manchmal sanft und schön wie die Orgel in der Kirche , dann wieder ein Rauschen und Brausen , wie wenn ein furchtbarer Sturm drin ginge , während sich draußen kein Lüftchen regte , oder gar Posaunenstöße wie von den Trompeten von Jericho , daß sie vor Angst da ­ von lief . “ „ Das waren Schallversuche “ , 22 sagte Johannes sehr belustigt zu Hilsborn . „ Dann behauptet die Kunigund ’ , daß es oft so hell geworden sei in dem Zimmer , daß die Strahlen durch das Schlüsselloch gefallen seien und sie geblen ­ det hätten wie Sonnenschein , wenn doch draußen schon längst die Sonne untergegangen war . Die Kunigund ’ schwört darauf , es sei kein rechtes Licht gewesen , es habe ganz bläulich geschienen und sie habe schnell die Augen zugedrückt , um nicht blind zu wer ­ den . Nun frage ich Sie , was war das für eine Helle ? Was hat sie immer mit Feuerchen und Flämmchen zu tun ? Auch sagt die Kunigund ’ , sie sei stets auf bis zum Morgen und schlafe nur wenige Stunden . Das ist jedenfalls ein gotteslästerliches Leben , denn wenn der liebe Gott nicht wollte , daß man bei Nacht schlafe und bei Tag wache , so hätte er die Nacht nicht dunkel und den Tag nicht hell gemacht , und wenn es etwas Rechtes wäre , was sie treibt , brauchte es über ­ haupt das Tageslicht nicht zu scheuen . Die Kunigund ’ behauptet auch , sie mißhandle zum bloßen Vergnügen die unvernünftige Kreatur , denn sie hat es ganz genau gesehen , daß der Oheim und sie Kaninchen und derlei Getier mit in das geheime Zimmer nehmen , die nie wieder herauskommen , was machen sie mit dem armen Viehzeug , essen können sie doch die Kaninchen nicht ? 23 Und die Kunigund ’ behauptet auch steif und fest , sie habe in dem Bücherzimmer ein Paar Totenschädel , die führen nur so unter den alten Büchern herum ! Nun frag ’ ich Einen : Welcher Christenmensch wird denn einem Toten seinen Kopf wegnehmen und ihn um die Ruhe im Grabe bringen ? Heißt das nicht aus teufelmäßigem Übermut Leichen schänden ? “ „ Das ist allerdings ein ganzer Berg von Anklagen , der sich zwischen die Hartwich und ihre Um ­ gebung türmt “ , flüsterte Johannes dem Freunde zu . „ Und ich sehe aus dem Allem , daß der Fluch der Ungewöhnlichkeit das seltene Wesen auch in diese Ver ­ hältnisse verfolgte und daß sie hier ausgestoßen und vereinsamt ist , wie sie es als Kind war . Es ist an der Zeit , daß ein kräftiger Arm sie in die heiteren Kreise des warmen normalen Lebens hereinzieht , von denen sie ihre Sonderbarkeit ausgeschlossen hat . “ „ Sehen Sie dort den grünen Balkon ? “ sagte der Bursche , als sie dem Hause ganz nahe waren . „ Da hat sie eine Art Zither hängen , die spielt ganz von selber . Ich habe es erst der Kunigund ’ nicht glauben wollen , aber dann stellte ich mich einmal daher und hörte es mit meinen eigenen Ohren , — und es war eine so liebliche sanfte Musik , wie sie gar keine Menschen machen können . Ich spürte gleich , wie sie mich verzauberte . “ „ Nun und woran fühltest Du diese Verzauberung ? “ „ Ei , es wurde mir so weich ums Herz , so ganz anders als sonst , so — als hätte , ich Lindenblütentee getrunken . Ich mußte an meinen verstorbenen Schatz denken und konnte es gar nicht satt bekommen , zu hören . Plötzlich fiel mir ein , so müsse ein Zauber beginnen , da faßte ich mir einen Entschluß und lief fort . “ „ Das war eine Äolsharfe24 , lieber Freund “ , erklärte Johannes , — „ es waren keine Geisterhände , sondern die Luft , die ihre Saiten erklingen ließ . Der Zauber , den Du fühltest , war nur die Wirkung der schönen Klänge auf Dein Ohr und Herz , und wenn Du Dich geprüft hättest , würdest Du erkannt haben , daß Du in dem Augenblick , wo Du an Dein verstorbenes Liebchen dachtest , besser warst , als wenn Du in der Kneipe auf die Hartwich schimpfst . Überlege Dir einmal , ob eine böse Macht so gute , weiche Ge ­ fühle eingeben könnte und lausche , so oft Du willst , den Harfenklängen , sie behexen Dich nicht , sie ver ­ edeln Dich nur . “ Der Bauer schaute den freundlichen Sprecher er ­ staunt an . „ Ich habe Sie nicht so ganz verstanden , aber ich glaube Ihnen , daß Sie ’ s gut meinen , Herr . “ „ Und woher kommt Dir dies Vertrauen ? “ fragte Johannes , „ da Du mich doch gar nicht kennst ? “ „ Ei , Sie — Sie sehen so rechtschaffen aus , Herr “ , sagte der Bursche voll Zuversicht , Johannes in die Augen sehend . „ Nun , dann mußt Du mir auch glauben , wenn ich Dich versichere , daß Du der Hartwich Unrecht tust ! Weißt Du — ich kenne sie — schon von Kindheit an und verbürge mich dafür , daß sie brav und gut ist ! “ Johannes sandte einen vollen Blick an dem Schloß empor , unter dem sie vorüberschritten . Eine ältliche Frau öffnete soeben ein Fenster im oberen Stockwerk . „ Sehen Sie “ , rief der Bauer , „ das ist die Haushälterin , die Willmers , jetzt steht das Fräulein erst auf , es ist neun Uhr . “ — „ Gesegnet sei Dein heutiges Erwachen ! “ hauchte Johannes vor sich hin . — Und von Blütenstaub und Morgenluft getragen stieg dieses Wort empor zu ihr , die müde von einer durchwachten Nacht , befangen von einem zu schnell abgekürzten Morgenschlummer am offenen Fenster ruhte . Sie hatte den Kopf auf das Gesims gelegt und ließ den balsamischen Sommerhauch über ihr traumumwobenes Haupt streichen . Der Segensgruß , den Johannes gesprochen , umwallte sie in einem Meere von Duft und Licht und sie empfand ihn , ohne ihn zu verstehen . Sie öffnete endlich die bren ­ nenden , geschlossenen Lider und blickte hinaus , noch war es , als sähe sie alles nur durch einen grauen Schleier , den die Ermattung um ihre Blicke gebreitet , nach und nach aber enthüllte sich das sonnige Bild , überwölbt von dem klaren , wolkenlosen Firmament vor ihr in ganzer Pracht . Sie erhob sich und lehnte sich hinaus mit einem tiefen , schmerzlichen Seufzer . Sie kannte kein Glück , als das des gesättigten Ehr ­ geizes , sie vermochte sich kein anderes vorzustellen , deshalb wünschte sie kein anderes , denn man kann nicht wünschen , wovon man keine Vorstellung hat . Und dennoch lachte ihr im Sonnenschein , rauschte ihr in finsterer Nacht , wallte ihr aus dem Tale herauf und von den Bergen herunter die Verheißung eines anderen Glückes , nach welchem sie sich in Sehnsucht verzehrte , ohne es zu kennen . Und aus jeder Stimme der Natur , jedem Vogelsang , jedem Murmeln eines Quells , aus dem Sausen des Stur ­ mes und dem Tosen des Donners tönte ein Ruf an ihr Ohr , sie wußte nicht woher , nicht wohin , aber sie hätte sich in den See stürzen mögen , um ihm zu folgen . „ Es gibt kein besseres Mittel , sich vor jedem unbestimmten Verlangen zu behüten , als indem man arbeitet , sich vor jedem Verlieren ins Allgemeine zu retten , als indem man sich mit ganzer Kraft ins Einzelne versenkt “ , hatte ihr Oheim gesagt , wenn er solche Stimmungen an ihr wahrnahm . „ Drängt es Dich , das Ganze zu erfassen , so erfasse zuerst die Teile . Treibt es Dich , zum Himmel aufzufliegen , so bedenke , daß die Sternwarte der einzige Weg dahin ist . Gelüstet Dich , den warmen Pulsschlag des Lebens zu fühlen , so bedenke , daß er sich Dir nirgend besser , als am Seziertisch zeigt . “ Und sie war schweigend , klaglos von ihrem Flug in ferne Welten zum Teleskop zurückgekehrt , oder hatte mit dem vollen , überströmenden Herzen , das eine Welt umfassen wollte , mikroskopische Organismen zerlegt.25 So war sie im Laufe langer Jahre daran gewöhnt worden , Empfindungen wie die heutige zu unterdrücken und nur selten tauchten sie noch auf , wie man die Glocken der , im Meer versunkenen Stadt läuten hört , wenn ’ s Sonntag ist.26 — Es war zwar heute kein Sonntag , aber ein Jahrestag . Heute vor zwölf Jahren war sie in jener ersten und einzigen Gesellschaft gewesen , die sie jemals besucht , hatte sie ihr Vater fast totgeschlagen und hatte ihr Leben eine ganz andere Wendung genommen . Sie wußte das Datum genau , denn der folgende war der Todestag , ihres Vaters . Alle die alten Gestalten zogen an ihr vorüber