noch teil an derselben und starb kurz darauf ruhig und still , herzlich betrauert von dem jungen Paare . – » Da mein Vater ein kleines Vermögen besaß , trat zunächst die Not nicht an das junge Paar heran . Dann , als meine Brüder geboren waren , mußte mein Vater sich nach einer Brotstelle umsehen . Es war nicht leicht , das Nötige zu finden . Auf einem kleinen Gut konnte er eine Inspektorstelle nicht wohl annehmen , dort wollte man unverheiratete Leute als Beamte u. s. w. Administratorstellen gab ' s ausnahmslos nur auf adligen Gütern , und dort scheuten sich die Leute , einen Beamten anzustellen , der einer Gräfin Ehemann war . Wie sollten sie sich diesem gegenüber verhalten ? Die Frau zu ignorieren , ging nicht wohl , und ihn in den Kreis ihrer Geselligkeit zu ziehen , das war auch solche Sache , – kurz überall , wo er sich hinwandte , ein abschlägiger Bescheid . » Da gab es schwere Sorgentage und für meine Mutter noch schwerere Trauer durch den rasch nacheinander erfolgten Tod ihrer Eltern . Die Großmutter hatte ihr noch ihren Segen gesandt , aber der stolze Großvater war unversöhnt gestorben und hatte seine Tochter wirklich völlig enterbt . Eines Tages , als mein Vater niedergeschlagener als je dasaß mit einem abermaligen Absagebrief , schlich sich meine Mutter in ihre Schlafstube und schrieb dort heimlich an einen alten bärbeißigen Oheim , der sie einmal , als sie noch ein junges Komteßchen war , das an Glück und Liebe glaubte wie jedes andere junge Herz , zur Frau begehrt hatte . Er , der alte wunderliche Mann , der mitunter wochenlang mit Gicht im Lehnstuhl saß , sie die Zwanzigjährige ! Ganz empört hatte sie ihn mit einem großen Korbe heimgeschickt . Seitdem hatten sie nichts voneinander gehört . Gott mag es wissen , was dieser Bittbrief sie gekostet hat , aber belohnt wurde sie für ihre Demütigung . Erstlich sandte er ihr sofort eine größere Summe , und fürs zweite fragte er sie , ob ihr Gatte die Stelle eines Rentmeisters auf den Gütern seines Mündels anzunehmen gewillt sei . Der wäre noch ein Knabe und vater- und mutterlos , augenblicklich auf irgend einer vornehmen Schule , ich 271 glaube in Hannover . Er habe diese eben freigewordene Stellung als Vormund zu besetzen , mache aber darauf aufmerksam , daß sie sehr bescheiden sei . Was hätte Vater nicht angenommen ? Und alles war ja doch so günstig wie möglich : Wohnung im Schloß , ein immerhin anständiges Gehalt , eine Menge Naturalverpflegung und im Grunde weiter nichts zu tun als Buchführung und Rechnungslegung ohne irgend welchen Vorgesetzten in der Nähe , denn der alte Herr war viel zu bequem , um von Westfalen nach hier zu reisen , und begnügte sich mit dem schriftlichen Bericht über die Gutsverwaltung seines Mündels , des Barons Zweistetten . » Hier lebten nun meine Eltern , und hier wurde ich geboren . Meine Kinderzeit war sehr glücklich . In unserm Familienkreise herrschte eine seltene Einigkeit , mir ist nie eine Meinungsverschiedenheit zwischen meinen Eltern aufgefallen . Mutter war es aber , die wir Kinder unwillkürlich bevorzugten . Sie war lebhaft , sie spielte mit uns , sie entschied in fast allen Fragen des täglichen Lebens . Mein Vater war ein schöner , großer , blonder Mann , das Urbild eines Germanen . Umso wunderlicher stach von dieser sieghaften Erscheinung sein müdes , stilles Wesen ab . Er sprach wenig und hatte seltsam schwermütige Augen , Augen , die sehnsüchtig nach irgend etwas zu suchen schienen . » Meistens saß er arbeitend in seinem Bureau , das unserer Wohnung gegenüber im herrschaftlichen Flügel hofseitig lag . Und auch in den Stunden , wo er in unserem Kreise weilte , wurde er selten gesprächig . Eines war mir schon als Kind als besonders hervorstechend aufgefallen : eine gewisse Empfindlichkeit im persönlichen oder brieflichen Verkehr mit Fremden . Er konnte förmlich grübeln darüber , ob ihm auch die gebührenden Titel und das Wohlgeboren und die nötige Artigkeit erwiesen wurden . Es wurde dies zu einer fixen Idee , die meine Mutter stets liebenswürdig mit Scherzen oder mit Zärtlichkeit abzuschwächen versuchte , was ihr nicht immer gelang . Zuweilen hörte ich ihn bei irgend welcher feierlichen Veranlassung , etwa bei Geburtstagen oder bei Neujahrsanfang , leise die Mutter fragen : Bereust du es , Ilse ? Und sie pflegte dann die Arme um seinen Hals zu schlingen und 272 zu versichern : › Ich bereue nichts . Und du , Heinrich ? ‹ – Dann gab er ihr einen Kuß und wiederholte : › Ich bereue auch nichts und ich danke dir . ‹ » Mutter selbst unterrichtete mich , ich lernte spielend Französisch und Englisch , später lehrte sie mich ein wenig Wirtschaften und Kochen und so gut sie es vermochte , Nähen und Stricken . Man merkte wohl , daß sie zu solchen Dingen nicht aufgezogen war , aber ihr guter Wille dazu ließ doch alles gelingen . Als ich eben siebzehn Jahr alt gewesen , wurde eines Tages der Erbe , der junge Herr , der mittlerweile großjährig geworden war und alter Familiensitte gemäß einige Jahre auf Reisen verbracht hatte , zum ersten Male auf dem Stammsitz seiner Väter erwartet . Ich erinnere mich , daß mein Vater mit Eintreffen dieser Nachricht noch gedrückter und verstimmter wurde als sonst . Am Tage , an dem Baron Walter ankommen sollte , war er indessen wieder in gewohnter Stimmung und Mutter und ich wanden Kränze für das Portal des Hauses , damit das leere Nest , in das er kam , ein wenig freundlich zum Empfang gerüstet erscheinen sollte . Wir saßen im Garten unter der Linde und waren eifrig bei der Arbeit . Auf einmal fiel meiner Mutter ein , daß sie irgend eine Anordnung im Hause vergessen habe , und sie verließ mich mit den Worten : › Ich bin gleich wieder hier , Helene , arbeite nur ruhig weiter ! ‹ Ich sehe sie noch , wie sie den Kiesweg hinausschritt in ihrem einsfchen dunklen Kleide , das gegen die herrschende Mode , welche die Krinoline erheischte , faltig und schlank von den Hüften 275 fiel und ihre feine Gestalt vorteilhaft zeigte . Auf dem dunklen Haar trug sie ein Häubchen aus schwarzer Spitze , dessen Barben zu beiden Seiten der Scheitel niederfielen . Das Schlüsselkörbchen hing ihr am Arm . Ich weiß noch , daß ich ihr nachsah und dann wieder ein Büschel Spargelkraut und eine Zentifolie ergriff und der Girlande einfügte . Es war gerade Johannistag und die ganze Luft durchduftet von Rosen . So wie in diesem Garten die Zentifolien blühten , habe ich sie nie wieder gesehen . » Es war Nachmittags gegen vier Uhr , um Sieben sollte der Baron , der schlechtweg hier › der junge Herr ‹ genannt wurde , eintreffen . Die Johannissonne schien heiß , und es war eine große Schwüle in der Luft , wie vor einem Gewitter , obgleich der Himmel herrlich blau durch die Zweige der mächtigen Rotbuche schien . » Kein Lüftchen rührte sich . Eine sonderbare Müdigkeit kam in dieser Stille über mich , ich schloß die Augen und verlor mich in eine Art Halbschlaf . Dann war es , als fiele ein Schatten über meine Augenlider , durch die ich das Licht purpurn gefühlt hatte . Ich sah unwillkürlich empor und erblickte einen Herrn in grauem Joppenanzuge , der vor dem Tische stand , die Hände leicht aufgestützt , und mich lächelnd betrachtete . » Er hatte den Hut abgenommen , und wir sahen uns beide eine Weile wortlos an . Ich konnte sein Gesicht kaum erkennen , denn die Sonne stand hinter ihm , so daß er wie eine dunkle Silhouette auf dem flimmernden Hintergrund erschien . Nur seine großen blauen Augen , die unter dunklen Brauen hervorflammten , die sah ich deutlich . Ich kann dir nicht genau sagen , Anne Dore , wie ' s weiter ging , ob ich dumm oder klug ausgesehen habe in diesem Augenblick , ich weiß auch nicht mehr , wer zuerst gesprochen hat von uns und was es für ein paar Verlegenheitsphrasen gewesen sind , die wir wechselten , aber das weiß ich , daß mein Herz sonderbar in schweren , vollen Schlägen ging und daß ich noch unbeweglich wie eine Statue dasaß , als meine Mutter zurückkam . » Ganz selbstverständlich und ruhig mit ihrer vornehmen Einfachheit hieß sie den Baron willkommen , da er ja nun verfrüht eingetroffen sei und sich um die feierliche Begrüßung der 276 Gutsleute und des Waldburger Gesangvereins gebracht habe . Der junge Mann lachte darauf herzlich und freimütig , ergriff die Hand meiner Mutter , küßte dieselbe und meinte , er habe so etwas geahnt , und deshalb , gerade deshalb sei er früher erschienen , und von allen Empfangsfeierlichkeiten wolle er nichts weiter als die Girlande dort , und wenn ihm überhaupt noch eine Bitte auszusprechen erlaubt sei , so sei es die , ihn um Gottes willen nicht allein zu Abend speisen zu lassen , sondern ihm freundlichst ein Plätzchen am Familientisch des Herrn und der Frau Rentmeister zu gönnen . – Wir gingen bald darauf ins Schloß zurück , er die halbfertige Girlande tragend , die er sich wie eine Boa um den Hals geschlungen hatte , und ich erinnere mich , daß mein Vater ein nahezu verblüfftes , keineswegs liebenswürdiges Gesicht machte , als er am offenen Fenster stehend uns drei so daherkommen sah . » Am Abend erschien mir unser Wohnzimmer wie ein Festsaal . Es fiel mir kaum auf , daß unser Gast der allein Redende war , daß er sich vielleicht aus Zufall nie in seiner Rede an den Vater wandte , daß dieser immer blasser und meine Mutter immer stiller wurde . Er erzählte und erzählte in froher Laune , welche die Heimat ihm geweckt haben mochte , von seinen Reisen . Er berichtete von interessanten Menschen , die er kennen gelernt hatte , und dabei hingen unsere Blicke aneinander wie gebannt . Ich hatte den Tisch mit Rosen geschmückt und ein weißes Kleid angelegt . Die letzte rote Abenddämmerung glühte durch die Fenster , vom Garten herein kamen ein paar Schmetterlinge , wie getragen von den Klängen der alten Volkslieder , welche die Mägde jenseit des Gartens sangen . » Als die Schale mit Erdbeeren , aus der unser Nachtisch bestand , mehrere Male herumgegangen war und niemand mehr zulangte , hob meine Mutter die Tafel auf . Man unterhielt sich noch eine Zeitlang , dann sagte der junge Baron Gute Nacht , küßte meiner Mutter die Hand , nickte ein wenig herablassend dem Vater zu , der ihn aus der Tür geleitete , und machte mir zuletzt eine Verbeugung , als wäre ich eine Königin . » Wir standen alle drei wie unter einem Bann , so , als hätten 277 wir uns noch etwas zu sagen , als müßten wir uns unsere Eindrücke mitteilen , aber keines fand ein Wort . » Nach einem Weilchen nahm ich ein Tuch vom Haken und wollte meiner alten lieben Gewohnheit nach in den Garten gehen , um frische Luft zu schöpfen , wie ich es jeden Abend bisher getan . Zumal heute war es mir geradezu ein Bedürfnis , allein zu sein . Ein ungewöhnlich strenger Ruf von Mutter : › Bleib , hier , Helene ! ‹ hielt mich zurück . › Das abendliche Herumstreifen im Garten hört von heute an auf , mein Herz , ‹ fügte sie hinzu . » › Solange der Baron hier ist , ‹ ergänzte mein Vater , › das wirst du begreifen . ‹ Und er trat zu mir und streichelte mir das Gesicht . Seine Augen hingen mit einem seltsamen Ausdruck an den meinen . Wieder war es , als wollte er sprechen , aber er sagte weiter nichts , als : › Hilf Mutter ein wenig , Helene . ‹ » Als ich an diesem Abend zu Bett lag , konnte ich zum ersten Male nicht schlafen . Nebenan sprachen die Eltern noch , es klang fast , als hätten sie eine Meinungsverschiedenheit . Ich wußte nicht , was beginnen vor anstürmenden Gedanken . Immer sah ich seine Augen vor mir , schließlich fing ich an zu weinen , ohne einen rechten Grund dafür zu haben . Da kam meine Mutter , trat an mein Bett , und ich tat nun , als ob ich schliefe , denn ich hatte eine sonderbare 278 Scheu , mit ihr zu reden . Sie aber beugte sich über mich und sagte ganz dicht an meinem Ohr , als wüßte sie , daß ich mich verstellte : › Habe nur immer Vertrauen zu mir , Kind , dann wird mit Gottes Hilfe alles gut ! ‹ » Am anderen Morgen wußte ich nicht , ob ich das geträumt , oder ob sie wirklich jene Worte gesprochen hatte , aber ich mochte sie nicht fragen darum . » Es kam nun eine sonderbare Zeit im Hause . Mein Vater wurde oft zu dem Baron gerufen , von früh bis spät wünschte der lebhafte junge Herr ihn zu fragen und zum Begleiter zu haben . » Er nannte meinen Vater dabei › lieber Rentmeister ‹ oder nur bei seinem Namen , und da er eine andere Tageseinteilung gewöhnt war , ließ er ihn bisweilen vom Essen abrufen . Einmal ging Vater mit beleidigtem Gesicht , denn als der Diener wiederholt sozusagen in die Suppenschüssel fiel und Vater zu dem gnädigen Herrn entbot , fuhr er den verblüfften Menschen hart an : › Sagen Sie dem Herrn Baron , ich sei bei Tische . ‹ Er aß indessen nicht weiter , sondern warf hochrot vor Zorn den Löffel in den Teller und verließ das Zimmer . Mutter schüttelte den Kopf , seufzte und ging ihm nach . › Karl , du mußt nicht so sein , ‹ hörte ich sie im Hineingehen in die Schlafstube sprechen , › er meint ' s nicht bös , er denkt nicht daran , dich zu kränken . ‹ Dann fiel die Tür zu . » Gelegentlich einer anderen Szene aber , in der mein Vater in meinem Beisein seiner Empörung freien Lauf ließ , sich in harten Ausdrücken gegen den Baron erging , entdeckte ich , und die Entdeckung erschreckte mich förmlich , daß ich den Geschmähten liebte ! Und diese Liebe wuchs , je stärker die Abneigung Vaters gegen ihn zu Tage trat ! Ohne nach den Gründen zu forschen , die meinen Vater etwa leiten mochten , nahm ich nun in meinem Herzen aufs entschiedenste Partei für den , dem mein Herz gehörte . Er tat in meinen Augen nichts Verdammenswertes . Je mehr ich mich aber verlor in meiner Liebe , die den Eltern kaum verborgen bleiben konnte , da auch der Baron offenbar meine Gegenwart suchte , umso kummervoller wurden die Gesichter meiner Eltern . Ich fühlte mich stets beobachtet von beiden , ich wurde unermüdlich beschäftigt von Mutter . Von dem Baron sprach 279 man nie , es war , als wäre er nicht auf der Welt . Ich empfand das alles wie eine Ungerechtigkeit gegen mich , gegen ihn . So lebte ich ein aufregendes innerliches Leben damals , so still auch scheinbar alles zuging . » Eines Abends aber kam die Katastrophe . » Eine Freundin hatte mich besucht , oder vielmehr die Freundin , ich hatte nur eine . Meine Mutter pflegte mich von den anderen jungen Mädchen , den Töchtern des Hüttenbesitzers , des jungen Lehrers und des Försters , fern zu halten , einzig und allein mit Pastors Cäcilie durfte ich umgehen . Also die hatte mich besucht , war von mir mit Kuchen und Kaffee im Garten bewirtet worden , und ich begleitete sie nun bis zu der kleinen Pforte , die aus dem Obstgarten direkt in die sogenannte Kirchgasse führt , in welcher das Pfarrhaus lag . Cäcilie war ein blondes , schwärmerisches Mädchen , sie hatte an diesem Tage immerfort geredet , und mir war es recht gewesen . Ich konnte meine eigenen Gedanken dabei ungestört denken und wußte zum Schluß kaum noch , was sie alles berichtet hatte . Als wir abschiednehmend in dem Mauerpförtchen standen , kam ein Herr die Gasse daher und grüßte uns . Er war modisch aber einfach angezogen , trug einen Hut von weißem Stroh . Ein paar kluge graue Augen hinter Brillengläsern streiften uns bei seinem Gruß . Ich hatte nur ganz mechanisch acht auf ihn . › Siehst du , das war › Er ‹ , er kommt von Vater . Alle Tage besucht er Vater und läßt sich von ihm erzählen über die Dorfleute , ‹ flüsterte Cäcilie hocherglüht . » › Wer ist er ? ‹ fragte ich verwundert . » Dem blonden Cäcilchen blieb der Mund offen . › Bist du denn taub gewesen , Helene ? Ich habe dir ja haarklein die ganze Geschichte erzählt vorhin . Der neue Arzt , der Doktor Bodenstedt , dem der Onkel Schröder seine Praxis abgegeben hat , der war es . ‹ » Ach so , richtig , Onkel Schröder , der alte langjährige Arzt von Waldburg , hatte sich zur Ruhe gesetzt , und sein Nachfolger war seit etwa drei Wochen hier , ich hatte auch seinen Namen schon gehört . Aber mich interessierte es nicht . Mein Herz hing an dem alten Herrn , der uns Kindern bunte Steinchen und Schneckenhäuser mitzubringen pflegte in die Krankenstube und so 280 herrliche Geschichten erzählen konnte , daß wir Kopf- und Halsschmerzen darüber zu vergessen pflegten . » Cäcilie begriff meine Teilnahmslosigkeit offenbar nicht und verabschiedete sich etwas steif von mir . Ich verschloß hinter ihr die Pforte wieder und kehrte , über die Grasnarbe des Obstgartens schreitend , zurück zum Park . Keine Ahnung sagte mir , daß ich da eben meinem Glück begegnet war , vielmehr glaubte ich es kommen zu sehen , als ich herzklopfend in der Kastanienallee des Parkes den jungen Gutsherrn mir entgegenkommensah . » Und doch bog ich rasch in einen Seitengang ein in heißer Scheu vor seinen Blicken , seinen Worten . » Einmal im Schutze des dichten Gebüsches , das diesen Weg fast dunkel machte , lief ich wie gehetzt und blieb an der Mündung des Weges in den einen Hauptgang betroffen stehen vor dem Baron , der , mein Ausweichen gewahrend , quer durch das Boskett gebrochen war , um mir nun lachend den schmalen Weg zu verstellen . › Endlich ! ‹ sagte er und aus seinen Augen flog es über mich hin wie zwei Flammen . Niemals wieder habe ich solche Augen , habe ich überhaupt solch schönen Menschen gesehen , wie ihn in seiner durch jede ritterliche Übung entfalteten Jugendkraft . » Und , Kind , so kam es denn – ich wußte kaum wie – , ich hörte nur noch seine zärtliche , flehende Stimme , das Geständnis seiner Liebe und fühlte den heißen Druck seiner Hände , welche 281 die meinigen nicht mehr loslassen wollten . Sprechen konnte ich kein Wort , aber er spürte doch wohl , daß mein Herz ihm schon gehörte ! » Die Glocke , die um halb acht Uhr geläutet wurde aus dem Gutshof drüben , schreckte uns nach wenigen Minuten auseinander . Mit dem ersten dieser Glockenschläge pflegten sich meine Eltern zu Tische zu setzen . So trennte ich mich denn , fast taumelnd unter der Last meines Glückes , von dem Baron und hörte nur noch sein : › Schlaf süß ! Morgen spreche ich mit Mama . ‹ » Ich erinnere mich , daß ich tiefatmend einen Augenblick vor der Wohnstubentür stehen blieb und bemüht war , mich zu fassen , eine gleichgültige Miene anzunehmen . Es war mir aber , als schwebte ich über der Erde , als müßte ich einen Jubelschrei ausstoßen , der bis zu den Bergen drüben klingen müßte . » Und wie ich dann mühsam beherrscht in unser altes , liebes Zimmer trat , fand ich es leer . » Wie einen Sturz kalten Wassers empfand ich diese Abwesenheit der Eltern – – das war noch nie dagewesen . Was sollte es bedeuten ? Draußen verklang das Abendläuten . Auf dem Eßtisch dampfte die mit Milchsuppe gefüllte Terrine . Ein Teller , der meines Vaters , war halb gefüllt , neben ihm lag zusammengeknüllt die Serviette , die Stühle an dem Platz der Eltern waren schräg gerückt , so , als hätten sie hastig ihre Mahlzeit unterbrochen , als hätte sie jemand gestört dabei . Beunruhigt ging ich zu der Tür des Schlafzimmers hinüber , leise drückte ich gegen die Klinke – es war verschlossen . Doch hörte ich hinter der Tür ein heftiges Auf- und Abschreiten . » Zitternd von allem , was über mich gekommen war in den 282 letzten Minuten , sank ich auf den Stuhl , der hart neben der Tür stand , und legte wie erschöpft den Kopf an den weißlackierten Rahmen derselben , der Dinge harrend , die da kommen sollten . » Und da traf auf einmal Vaters Stimme mein Ohr , daß ich taumelnd auffuhr , so deutlich und hart schallte es heraus . Ein Ton war darin , wie ich ihn noch nie gehört von ihm , ein mühsam unterdrücktes Grollen , ein Warnen ! » › Laß uns aufhören davon , Ilse , laß uns aufhören , bitte , werde mir einmal gerecht in diesem Einen , Ilse ! Gib nach ! ‹ So hatte er gerufen . Eine kurze Pause entstand . » Dann hörte ich meine Mutter sagen : › Und du meinst , bis jetzt wärest du stets der Nachgebende gewesen , Karl ? ‹ Es klang erstaunt und verletzt . » › Weißt du es anders ? ‹ fragte mein Vater dagegen . › Sieh mich nicht so starr an , Ilse ! Es ist so , und ich habe gern nachgegeben , bei Gott ! Als wir vor dem Altar standen miteinander , da flocht der Prediger in seine Rede auch das Wort ein : Er soll dein Herr sein ! Ich aber gelobte mir – ausgenommen in schweren , ernsten Lebensfragen , wo wir gemeinsam beschließen müßten , solltest du nie den › Herrn ‹ in mir sehen – und sieh , so ist ' s geworden . Alles gab ich in deine Hände , alles hat sich deinem Willen gefügt . Und so dünkte es mich recht ! Für alles , was du mir geopfert hast , war es ja auch der mindeste Dank , daß ich dich in unserer kleinen Welt herrschen ließ . Und gut und klug hast du geherrscht bis jetzt . Jetzt aber , wo unseres Kindes Zukunft in Frage kommt , wo sein Wohl und Wehe auf der Wage liegt – heute zum ersten Male behaupte ich mein Recht als dein Herr , Ilse . Helene darf den Baron nicht mehr sehen , sie soll nicht das erdulden , was du und ich erduldet haben . Und da wir einmal nun doch bei einer Aussprache sind , laß sie uns auch zu Ende führen ! Siehst du , ich habe dich ja tatsächlich zu mir heruntergezogen aus der Höhe deiner gesellschaftlichen Stellung . Und ich habe in deiner Seele mitgelebt , ich sah , wie du klaglos gelitten hast , wie fest die Fäden noch heute sind , die dich mit jener Sphäre verknüpfen . Du hast ja nie geklagt , Ilse , du bist eben eine starke Seele . Eine minder 283 starke wäre zu Grunde gegangen daran . Aber glücklich bist du nicht gewesen ! Und wenn du es jetzt behauptest , so ist es Rücksicht auf mich , dem du dich gegeben hast . Widersprich nicht , Ilse , es ist so ! Ich habe schwer unter dieser Erkenntnis gelitten neben dir , und doch bist du mir das Liebste auf der Welt ! Den Stachel , den mir die Deinen in die Seele gedrückt haben , den konnte eben selbst deine Hingabe nicht entfernen ! Was konnte ich dir auch bieten ? Was bin ich in der Welt , was habe ich geleistet ? Nichts ! Ich bin der Rechnungsführer eines Fremden , und in dieser Stellung vegetierst du neben mir . Das ist nun einmal so . Wir können es nicht mehr ändern . Aber an unser Kind soll mir keiner rühren ! Du meinst : wenn er sie heiratete ? Nun , für ein Glück möchte ich auch das nicht erachten , sie würde ja auch dann unglücklich , weil man ihr in ihrem neuen Kreise nie vergeben würde , daß ihr Vater ein untergeordneter Mensch ist , den der hochgeborene Graf Illerode , dein Bruder , einst mit Schimpf aus seinem Hause jagte – – nein , laß mich ausreden , es muß sein , daß ich dich an diese fürchterlichste Stunde meines Lebens erinnere , Ilse , damit du meine Weigerung würdigst , – hochmütig wie dein Bruder – Gott hab ' ihn selig – war , ist ja auch der junge Herr Baron , sind sie alle , diese hochgeborenen Herren . Eine Zeitlang mit solch hübschem kleinen Mädchen spielen und es dann sitzen lassen ! Nein , da sei Gott vor ! Dazu ist mir unsere Tochter zu gut ! So , nun weißt du es ! So sage du es deiner Tochter ! Wendet sie sich trotzdem von uns , nun dann wäre es besser , ich erlebte den Tag nicht mehr . Aber sie wird nicht , Ilse , sie wird ja nicht – ‹ » Das bitterliche Weinen meiner Mutter unterbrach ihn , dazwischen stieß sie abgebrochen die Worte aus : › Ich verstehe dich ja , sprich nicht mehr , ich will , was du willst , Karl . Du sollst nicht noch unglücklicher werden – ich will , wie du willst – . ‹ Sie mochte wohl den Kopf an seine Schulter geschmiegt stehen , von seinen Armen umfangen , und ihr Schluchzen mochte zu gleichen Teilen dem Scheitern ihres stolzen Planes , die Tochter wieder in ihren Kreisen zu wissen , gelten , halb dem Glück , dem Manne ihrer Wahl zeigen zu können , wie sehr sie 284 ihn liebe , ihn verstehe , wie gern sie ihm ein zweites Opfer bringe . » Ich aber erhob mich von dem Stuhl , auf dem ich wie gelähmt gesessen hatte , und schlich hinaus durch die Küche , wo die alte Margarete am Tisch saß , in mein Stübchen , todunglücklich , irre geworden an der ganzen Welt . Da saß ich trostlos die halbe Nacht auf meinem Bett , bis ich endlich in dumpfem Schlaf meinen Kummer vergaß . Mein Vater fand mich so , als er mich wecken kam gegen Morgen . Mutter wäre krank geworden , sagte er mir . Ich fand sie fiebernd und offenbar große Schmerzen leidend ; sie streckte mir die Hand entgegen , als hätte sie mir etwas abzubitten . So saß ich , ihre Rechte in der meinen haltend , neben ihr , bis der Arzt eintraf , nach dem man geschickt hatte . Als er gekommen war und die Untersuchung der Kranken beendet hatte , meinte er , er könnte noch nicht genau bestimmen , was für eine Krankheit im Anznge sei , aber nach allem scheine es ein Typhus werden zu wollen . Und so war es auch . » Ich pflegte meine Mutter und betete für sie . Aber in alle Angst und kindliche Liebe mischte sich die Hoffnung , daß mein Vater ihr , der Todkranken , zuliebe seinen Sinn ändern und nachgeben werde . » Ich sah , wie schwer er litt , aber auf ihre Fieberreden , in denen sie mich beklagte , sagte er kein Wort . » Zehnmal des Tages schlich ich von dem Krankenbett der Mutter fort und zum Fenster hinüber – umsonst , ich sah ihn nicht . Kein Mensch sprach von ihm , und Vater zu fragen , hielten mich Stolz und Trotz ab . » Einmal hörte ich , es war spät Abends , einen kurzen Wortwechsel im Garten . Es schien mir des Barons Stimme zu sein . Bald darauf trat mein Vater mit seltsam erregtem Gesicht in die Krankenstube , setzte sich still ans Bett und sah auf die Kranke mit trüben Augen . » Eine Stunde später fuhr ein Wagen vom Hof , man hörte es deutlich durch die halb geöffneten Fenster . Es war davon die Rede gewesen , daß noch der Arzt aus der Stadt zugezogen werden sollte auf unseres jungen Doktors Wunsch , falls der Zustand sich 285 verschlimmern würde . Erschrocken fragte ich Vater : › Fährt der Wagen in die Stadt zum Arzt ? ‹ » Da antwortete er zögernd und sah an mir vorüber : › Nein , der Baron ist eben abgereist . Wir hatten eine Meinungsverschiedenheit – ich habe ihm gekündigt zum ersten April . ‹ » Ich starrte ihn an , als ob Tod und Leben abhingen für mich von dem , was er noch erläuternd hinzufügen werde . Aber er schwieg und starrte noch ein Weilchen auf die Kranke , dann faßte er meine Hand , drückte sie und ging schwerfällig in die Wohnstube . Und nun wußte ich es , es war keine Hoffnung mehr für meine Liebe , er würde nicht zurückkehren . » Wie unglücklich ich war , brauche ich dir nicht zu schildern , ich meine , du hast dasselbe durchgemacht , – ich habe es dir wohl angesehen und ich habe aufs neue mit dir gelitten , denn ob man seine Liebe auf diese oder jene Weise verliert , ist ja gleichgültig , der Schmerz bleibt derselbe , gutes Kind . – » Wie ich die folgenden Wochen überstand , weiß