nannte , nach wie vor allein . Nur so gegen Abend , in der Dämmerung , kam er herüber in das Wohnzimmer , setzte sich still in eine Ecke des Sofas und lauschte dem Klavierspiel Hedwigs . Sie war keine Virtuosin , sie klimperte eigentlich nur , aber ihr Anschlag war weich und zart , und die Stimmen der Kinder jubelten so hell und frisch , und der weiche Alt des Mädchens klang anmutig dazwischen , wenn sie die alten Volkslieder sangen , die er schon von seiner Mutter gehört , den „ Jäger aus Kurpfalz “ , den „ schönen grünen Jungfernkranz “ und „ Ueber der Heide schimmert es rot “ . Noch bevor die letzten Töne verhallten , pflegte er wieder zu verschwinden . So lebte er dahin , schien nichts zu vermissen und zufrieden zu sein in diesen wunderlich stillen Gewohnheiten . Und wenn ihm Hede des Morgens heimlich nachblickte , wie er , die Büchse über der Schulter , in den Forst schritt , so aufrecht und kernig wie die Eichen im Walde oder Schlag , auf die er so stolz war , dann mußte sie ihn unwillkürlich mit Heinz vergleichen , den die letzten Jahre gebeugt hatten , als stehe er bereits an der Schwelle des Alters – armer Heinz ! Hede ging selten hinauf ; zwischen ihr und der Schwägerin und Tante Gruber hatte sich das Verhältnis in nichts gebessert . Er war ihr eine Qual , dieser Besuch , wenn er einmal sein mußte , zu seinem Geburtstage , oder dem des kleinen Heini . Sie kam immer todunglücklich zurück und brauchte Tage , um sich zu beruhigen . In der Stadt war die unglückliche Ehe das Gespräch aller bösen Zungen , männlichen und weiblichen Geschlechts . Infolgedessen hatte sich Hede , die anfänglich , durch Heinz und den Oberförster veranlaßt , bei einigen Damen – der Superintendentin , der Frau Oberamtmann und Frau Medizinalrat – verkehrte , ganz zurückgezogen . Nur zu der letzteren pflegte sie mitunter einmal hinüberzuhuschen ; die Frau erregte ihr Interesse , sie war so vorsündflutlich und so originell in ihren Urteilen und Ansichten , und sie trug an irgend einem schweren Kummer . Sie wirtschaftete dabei emsig in dem schmucken Häuschen , und wenn sie unten fertig war , fing sie oben wieder an und war nicht zufrieden , wenn sie das heimlich lachende kleine Dienstmädchen nicht ausschelten konnte . Frau Rat hielt noch immer mit Vorliebe Mädchen , die letzte Ostern konfirmiert worden waren , diese das Wirtschaften zu lehren auf eine so energische Art , daß den armen Dingern vor Angst die Augen übergingen , sie umher zu jagen , daß sie „ Schuh und Pantoffel verloren “ , das gehörte zur Lebensluft für sie . Wenn sie von ihrer Tochter sprach , dann seufzte sie . „ Ach Gott , das ist doch kein Leben für ein richtiges Frauenzimmer , “ hatte sie erst vor kurzem zu Hedwig gesagt , „ den ganzen Morgen Singübungen und wieder Singübungen machen , und selbst beim Ausruhn noch Lungengymnastik treiben , wie sie ’ s nennen , und mittags sich halb satt essen und abends in die Fleischerläden gehen und ein viertel Pfund Aufschnitt kaufen , wie sie schreiben – o lieber Gott , man sah ’ s ja auch ; als sie im letzten Sommer uns besuchte , war sie ganz abgemagert . “ Auch heute früh war Hede drüben gewesen und Frau Rat hatte gerade toller im Hause umhergescholten als je ; aber in ihrem Gesicht lag so etwas Eigenes , die vollen Wangen waren ganz blaß , um den Mund zuckte es ; sie stand vor dem Wäscheschrank und suchte ihre feinsten Leinenbezüge , ihre schönsten Damastgedecke aus . „ Sie müssen entschuldigen , Fräulein von Kerkow , “ sagte sie zu Hede , „ um sieben Uhr können sie schon hier sein , die Aenne und die Emilie , und bis dahin giebt ’ s noch massenhaft zu thun . Das alberne Ding , die Line , kann ja nicht einmal eine Taube rupfen und so was Dummes von Benehmen beim Spargelstechen hab ’ ich noch nicht gesehen ! Und glauben Sie wohl , daß sie imstande ist , eine Guirlande zu winden ? – Alles muß man selbst machen . Aber gehen Sie nur ein bißchen hinein zu meinem Mann , der liest die Festzeitung , da steht ganz was Großmächtiges drin über die Aenne ! “ „ Frau Rätin , das kann ich zu Hause lesen , jetzt helfe ich Ihnen Kränze winden , “ sagte Hedwig . „ Wo ist das Grün ? Wo sind die Blumen ? “ Und es dauerte nicht lange , da saß sie draußen vor dem Küchenfenster auf der Bank und wand eine Guirlande aus dunklen Tannenreisern mit zartgrünen Spitzen , und die roten Päonien drin nahmen sich aus wie die herrlichsten Rosen . Vor ihr aber stand der alte Medizinalrat und hinter ihr schaute die Frau Rat aus dem Küchenfenster , und hinter jener wieder lauschte das „ Ostermädchen “ , denn der Herr las aus der Zeitung vor . Hede wußte noch jedes Wort , obgleich nach den meisten Sätzen ein Räuspern und Schlucken in der Kehle des alten Herrn gewesen war und obgleich die Frau hinter ihr alle Augenblicke die Nase schneuzte und bei allzu begeisterten Ausdrücken sagte . „ Nun – nun , May ! “ – Worauf er antwortete : „ Ich hab ’ s doch nicht geschrieben , Mutter ! “ Ein Stern am Himmel der Kunst wurde sie genannt , eine Sängerin , der eine verheißungsvolle Zukunft winke . Ihre tiefe Auffassung , ihre Innigkeit , die Klangfülle der Stimme seien einzig , und man bedaure nur , daß das junge Mädchen eigensinnig darauf beharre , die Bretter , die die Welt bedeuten , nicht zu betreten . Es sei doch gewiß phänomenal , daß eine unbekannte Konservatoristin mit einem ersten Auftreten solchen Sturm der Begeisterung erregt habe , und man hoffe bestimmt , daß es den Ueberredungen des Intendanten einer unserer ersten Hofbühnen gelingen werde , sie zur Bühnenlaufbahn zu bewegen . Sie waren dann alle Drei stumm geworden nur der Herr Rat hatte nach einigen Minuten gesagt : „ Und das ist unsere Aenne – Alte – unsere Aenne ! “ Die Mutter aber fand keine Antwort , sie zog sich still weinend vom Küchenfenster zurück . Und Hedwig hatte den ganzen Tag an dieses Mädchen gedacht , der das Schicksal so Herrliches in den Schoß geworfen , ein großes Talent , Jugend und Schönheit . Lieber Gott , wenn sie jetzt hier lebte als Günthers Weib – eine Nachtigall im Käfig ! Nun war sie wohl schon angekommen im Vaterhause und schlief in ihrem kleinen Mädchenstübchen den süßen Schlummer ihrer Kindertage . – Ob sie an den Mann dachte , dem sie ihr Wort gebrochen hatte ? Ach , Aenne schlief so wenig wie Hedwig Kerkow und wie Heinz neben dem Bettchen des Kindes . Auch sie stand am Fenster , und ihre Augen hingen am Schlosse droben wie gebannt . Sie war heimgekommen mit einer ganzen Last von Glück , mehr als sie zu hoffen gewagt ; noch faßte sie es selber nicht , noch lehnten sich ihr Zartsinn , ihre Bescheidenheit förmlich auf gegen die Lobposaunenklänge , die ihr von überall entgegentönten , und in dieser Stille , in dem Zauber der Abgeschiedenheit meinte sie , es sei alles ein Traum und sie stehe hier wie damals , in der einzigen glücklichen Zeit ihres Lebens , und schaue nach dem Lichtlein empor , das ihres Daseins Stern bedeutet hatte . Ach ja , sie war nicht imstande gewesen , das zu vergessen , immer und überall hatte die Erinnerung daran sie verfolgt . Der dumpfe Schmerz zwar war milder geworden da draußen in der Fremde , im heißen Ringen nach dem großen Ziel , aber er brannte stetig fort , sie fühlte ihn beständig . Wie mochte es Heinz ergehen ? Und ob sie ihn hier wohl einmal sehen würde ? Erst gegen Morgen schlief sie ein und war doch vor Tau und Tag wieder munter , und als vor ihrem Fenster die heimatliche Welt im lachenden Frühsonnenschein lag , so grün , so frisch , so lieb und vertraut – als die herrliche erquickende Bergluft sie so wohlig umfächelte , wie sie den Kopf hervorstreckte , da hielt sie es nicht länger , sie zog ihr graues einfaches Reisekleidchen an , setzte den alten Gartenhut , der noch von damals hier hing , auf das eilig frisierte Haar und schlüpfte aus dem Hause in den Schloßgarten hinüber . Und hier schritt sie in die alten abgeschiedenen dämmerigen Gänge hinein , die sie so geliebt , auf denen sie ihre jungen seligen Liebesgedanken und dann ihren Gram spazieren geführt ; die Wege am Wildgatter hin , auf denen sie mit Jeannette Hochleitner gewandert war , um von der Kunst zu reden . Sie war im Umsehen drüben an den Stallgebäuden vorbeigeschritten und nun stand sie tiefatmend in der dämmerigen , berühmten Lindenallee des herzoglichen Gartens . Ach , das war schön – das war schön daheim ! Und so einsam , so köstlich einsam ! Wie hatte sie bei ihrem angestrengten Leben in Dresden den Umgang mit der Natur vermißt , wie hatte sie den Waldesodem entbehrt droben im vierten Stockwerk der Christianstraße ! Und da war noch die beste Luft , da kam sie vom „ Großen Garten “ herüber , und im Frühjahr brachte der Wind wirklich zuweilen einen schwachen Hauch von Syringenduft mit , der sie dann fast krank machte vor [ 203 ] Heimweh . Ja , schwere Jahre hatte sie hinter sich , die kleine Aenne May ! Oftmals war es knapp , ganz knapp bei ihnen zugegangen da droben in der Mansarde , denn Tantens Kapitalien und ihre geringe Witwenpension wollten sich der Großstadt doch nicht ganz gewachsen zeigen , und Aenne war doch recht sehr an die Fleischtöpfe der guten Mutter gewöhnt , ihr junger , ungeduldiger Magen mußte ebenso entsagen lernen wie ihr Herz . Aber geschadet hatte es ihr nichts ! Sie war noch gewachsen , sie trug ihre schöne Figur kraftvoll aufrecht , und wenn auch das Gesicht nicht mehr so kinderhaft gerundet erschien , so war es dafür desto edler und reizvoller geworden . Und der Medizinalrat hatte recht , als er zu seiner Frau sagte : „ Ist bildhübsch geworden , die Aenne – schlägt meiner seligen Mutter nach , Alte ! “ Die „ Alte “ gab das gutmütig lächelnd zu . Von ihr hatte Aenne allerdings die Reize nicht , von der kleinen , kugelrunden , etwas stumpfnäsigen Frau Rat . Und Aenne schritt dahin und nickte jedem Baume zu , den Linden , den Rotbuchen den Hängeweiden am Teich . Das zahme Reh kam wie sonst auf ihr Rufen heran . „ Liese , bist du ’ s denn wirklich noch ? “ fragte sie gerührt , als das Tier sie anblickte aus den braunen , zutraulichen Augen . Alles wie sonst , und so schön , so schön ! „ Morgen bringe ich dir etwas mit “ , sagte sie laut , „ und deinem Hans auch . Lebt denn dein Hans noch ? Und wo sind denn deine Kinder ? “ Aber Liese sah sie nur stumm und groß an . Ach ja , sie hätte immer fragen mögen , wie ist ’ s euch ergangen seither und – habt ihr den Heinz nicht gesehen , den Heinz Kerkow ? Aber nach ihm wagte sie niemand auszuforschen . Mitunter hatte sie auf den Rand ihrer Briefe an die Eltern , einem mächtigen Drange nachgebend , gekritzelt , „ Wie geht es denn eigentlich den Kerkows ? Sind sie noch in Breitenfels ? “ Aber sie hatte sich nicht entschließen können , diese Briefe abzusenden , hatte die Stelle entweder so gründlich ausgestrichen , daß keiner auch nur einen Buchstaben hätte entziffern können , oder hatte das Streifchen abgeschnitten . Geschrieben hatte ihr niemand über Heinz , über ihn nicht und über Günther nicht . Als sie vor drei Jahren , das einzige Mal während ihres Studiums , hier war in der Weihnachtszeit , hatte sie wohl von ihm sprechen hören , damals war er also noch dagewesen . Sie hatte auch erfahren , daß Hedwig Kerkow die Hausdame des Oberförsters geworden sei , gesehen hatte sie weder den einen noch den andern , und sich näher nach Heinz zu erkundigen , das litt ihr trotziges Herz nicht . Es wurde ihr plötzlich heiß , sie nahm den Hut vom Kopfe und ging , ihn lässig in der Hand haltend , gesenkten Hauptes weiter . Auf den weiten Rasenflächen hatte man das erste Gras geschnitten , wunderbar harmonierte der Duft mit der ganzen Frühlingsstimmung . So war sie , ohne acht darauf zu haben , zum Luisenschlößchen emporgestiegen und wollte , wie sonst , daran vorüberschreiten , um in den Weg zu gelangen , der an der äußersten Grenze des Parkes hinlief . Da blieb sie verwundert stehen . Der alte , halbzerfallene Bau war renoviert , frisch gestrichen , schaute er gar schmuck aus den dunklen Tannen heraus , die ihn im Halbkreise umstanden . Das Erdgeschoß schien bewohnt , es leuchteten schneeweiße Gardinen hinter den kleinen Scheiben der hohen Fenster . Ein Frauenkopf erschien dort einen Augenblick , Aenne flüchtig musternd , sonst auch hier alles spukhaft still . Ueber den frisch abgeschütteten Kiesplatz lief eine schmale Räderspur und verlor sich nach dem Garten zu , der , durch ein ganz neues Gitter eingefriedet , erst neuerdings geschaffen sein mußte , als Haus- und Privatgärtchen der Schloßbewohner . Aenne ging der Räderspur nach und lugte über das Staket . Unter der großen Buche , die eine neugezimmerte Laube in der rechten Ecke des Gartens beschirmte , stand das Wägelchen , dessen Spur sie gefolgt , eigentlich ein fahrbares Krankenbettchen , ein kleiner Sonnenschirm ohne Stiel hing darüber . Aus den weißen Kissen aber sah ein gelbliches Kindergesicht , um das sich goldblonde , weiche , seidige Härchen krausten . Zur Seite kniete eine Person , die dem kranken Geschöpfchen eine Tasse schäumiger Milch an die Lippen hielt . Die Finger des Kinderhändchens , welche die Tasse hielten , waren unheimlich abgezehrt und durchsichtig . „ Nun , wird ’ s bald , Heini ? “ fragte die rotbackige Person barsch , „ man bekommt ja blaue Flecke von dem ewigen Knieen . “ Das Kind hörte sofort auf zu trinken , schob die Hände der Wärterin mitsamt der Tasse zurück und drehte das Gesicht auf die andere Seite , ein armes , blasses , geduldiges Kindergesicht . Aenne sah , wie sich die Person erhob , und hörte , wie sie schalt . Dummer Junge , wenn du nicht so ein erbärmliches Häufchen Unglück wärst , kriegtest du ordentliche Fingerklapse , abscheulicher Bengel du ! “ Aenne fühlte , wie ihr das Blut zu Kopfe stieg . Sie war im nächsten Augenblick im Garten und stand wie hingezaubert vor dem erschreckten Mädchen . „ Wem gehört das Kind ? “ stieß sie hervor , entschlossen , es den Eltern mitzuteilen , wie der kranke Liebling behandelt werde in ihrer Abwesenheit . Sie nahm bestimmt an , daß das Kind irgend einer Berliner oder Magdeburger Familie gehöre , die der schönen Luft wegen mit dem kleinen Patienten Breitenfels aufgesucht haben . Die Person antwortete nicht , halb trotzig , halb verlegen schaute sie die schöne Dame an , die da so strafend vor ihr stand . „ Wie heißt du denn , mein Kleiner ? “ fragte Aenne , sich zu dem Kinde niederbeugend . „ Wohnst du denn hier ? “ Und sie strich über die goldigen Härchen . „ Heini Kerkow , “ sagte das Kind , und als Aennes Hand zuckte , fragte es . „ Hast du dir wehgethan ! “ „ Nein ! “ antwortete sie mit versagender Stimme und kniete neben dem Wagen . „ Nein , Heini ! “ „ Und warum weinst du denn ? “ forschte das Kind weiter . „ Ich weine ja nicht , mein lieber Junge , ich freue mich , dich zu sehen . Soll ich dir jetzt deine Milch geben ? “ „ Ja ! “ antwortete der Kleine . Sie befahl , den Becher frisch zu füllen , stützte das matte Köpfchen und ließ ihn trinken . Ganz langsam , in kleinen Schlückchen nippte das Kind und Aenne kämpfte mit ihrer Erschütterung . – Das war Heinz Kerkows Kind ! „ Danke ! “ sagte der kleine Bursche endlich ganz artig und blickte sie aus den unnatürlich großen Augen an , wie verwundert ob dieser Freundlichkeit . „ Heinichen muß jetzt nach Hause , “ erklärte die Wärterin , rot vor Aerger , und trat hinter den Wagen , „ sein Papa kommt uns alle Morgen bis zur steinernen Bank entgegen . Er ängstigt sich , wenn wir nicht pünktlich sind . “ „ Adieu , mein lieber Junge ! “ sagte Aenne weich , und noch vor dem Gefährt verließ sie den Garten . Ihr war auf einmal , als sei der Himmel nicht mehr so blau , die Sonne nicht mehr so golden angesichts dieses Leids . Ihre innige Heimatsfreude , ihre jubelnde Dankbarkeit war verschwunden , ihr rosiges Gesicht erblaßt . Ihre Augen sahen wie fragend in die grüne Wirrnis – warum läßt Gott es zu , daß in dieser herrlichen , frühlingsseligen Welt ein armes unschuldiges Geschöpf so leidet ? “ sprach es aus ihnen . Und dann stockte ihr Fuß . Sie war so hastig weiter geschritten , daß sie gar nicht gemerkt hatte , wie sie schon in um mittelbarer Nähe des „ Theepavillons “ stand . Das kleine , aus Brettern im japanischen Stil geformte Häuschen , das ganz am Ende des Parkes lag , verdankte sein Entstehen und seinen Namen dem verstorbenen Herzog , der im Beginn seiner Krankheit hier in der Einsamkeit stundenlang zu weilen pflegte . Das Innere der Hütte barg damals in einem Wandschränkchen die Gerätschaften und Ingredienzien zur Herstellung einer Tasse Thee , die der Herzog sich selbst zubereitete . Als diese Marotte einer andern wich , veränderte das zierliche Tempelchen mit seinem seltsam geschweiften Dache , und außer einem Gartenarbeiter , der vielleicht seine Mittagsruhe darin hielt , besuchte es sonst höchstens noch Aenne gelegentlich ihres Umherstreifens . Heute klangen Stimmen heraus . Ein mißmutiges . „ Gut , wir werden ja sehen – Adieu ! ’ und aus der Thür flog wie ein Schmetterling eine zierliche , kleine Frauengestalt in lichtblauem Kleide und lief , den abwärts führenden Pfad hinunter , dem Teiche zu . Die Sonnenstrahlen huschten über das flachsblonde , zu einem Knoten am Hinterkopf aufgesteckte Haar , dies ausdruckslose Haar , das Aenne so genau kannte , das sie zuletzt unter dem bräutlichen Schleier schimmern sah , als Heinz Kerkow Hochzeit hielt . „ Toni Ribbeneck – Toni Kerkow ! “ flüsterten ihre Lippen . Und hinter dieser Frau trat , noch immer lachend und den Schnurrbart streichend , ein blonder Offizier heraus und schritt ihr langsam nach . Er trug den Ueberrock , hatte die Mütze schief [ 206 ] aufgesetzt wie ein Ulanenoffizier die Czapka und schwenkte eine Reitpeitsche in der Hand . Aenne starrte ihm nach wie entgeistert , die ausgestreckte Hand gegen den Stamm einer Buche gestemmt . Hatte sie denn recht gesehen ? Und plötzlich überflutete eine Purpurröte ihr Gesicht , sie raffte den Hut , der ihr entfallen , von der Erde auf und schritt in entgegengesetzter Richtung davon , hastig , als sei in der Nähe des kleinen Pavillons die Luft verpestet . Erst als sie den Schloßplatz betrat , als sie die Fenster ihres Vaterhauses erblickte , wich das Gefühl von Ekel und Beschämung , das sich ihrer bemächtigt hatte . Aber sie sah noch ganz elend aus , nun sie die Eßstube betrat , in der eben die Mutter den Kaffeetisch deckte , über dessen Geräte die Sonnenstrahlen golden spielten , die durch die jungen Blätter der Kastanien blitzten . Tante Emilie stand am offenen Fenster und fütterte die Hühner ; sie hatte das Vergnügen so lange entbehren müssen . „ Da ist sie schon wieder im Park umhergerannt , “ knurrte Frau Rat und schnitt den Napfkuchen an , der für Aenne gebacken war . „ Kriege ich einen Kuß – oder nicht ? “ „ Zwei , Mütterchen ! Siehst du , ich hatte so große Sehnsucht nach dem alten Garten . “ „ Der ist der alte geblieben , “ sagte die Rätin , „ aber sonst ist vieles anders geworden . „ Wie geht ’ s denn Kerkow ? “ fragte sie leise und sah dabei Tante Emilie an , die eben die letzten Brocken dem Hühnervolk zuwarf . „ Kerkow ? “ Frau Rat zuckte die Achseln , ordnete noch ein wenig die Tassen und fügte dann hinzu . „ Ist ein hochmütiger Simpel geworden nach außen und – – “ „ Und ? “ fragte Aenne . „ Und daheim ist er Kindermädchen . “ „ Hat er mehrere Kinder ? “ „ Zum Glück nur eins , das Krüppelchen , das sein Elend der eignen Mutter zu verdanken hat . “ Aenne atmete auf . Gottlob , das arme kleine Geschöpf hatte wenigstens einen Vater , der es liebte ! Und sie setzte sich schweigend an den alten Familientisch . “ „ Armer Heinz ! “ klang es in ihrer Seele , „ armer Heinz ! “ Frau von Kerkow war in sommerlicher Gesellschaftstoilette , der Wagen stand vor der Thür , sie wartete nur noch auf Frau von Gruber . Das große Konzert des Sängerfestes in der benachbarten preußischen Kreisstadt Brendenburg sollte heute abend stattfinden . Natürlich hatte Heinz ihre Aufforderung , sie zu begleiten , einfach abgelehnt , ohne irgend welchen Grund anzugeben , die Familie Arnstein hatte Trauer bekommen – und so war die junge Frau genötigt gewesen , sich nach einer andern Beschützerin umzusehen , denn es schickte sich natürlich nicht , daß sie allein mit Lieutenant Grellert drei Meilen über Land fuhr und mit ihm bei nachtschlafender Zeit zurückkehrte ! Es war ja nun einmal so in dieser albernen , verklatschten Welt ! Toni von Kerkow hatte also die Tante Gruber mit allen Ueberredungskünsten bestürmt , die sie für diesen ihren brennendsten Wunsch nur erdenken konnte . Die alte Dame hegte begründete Bedenken ihrer Gesundheit halber , aber sie wichen endlich dem Schmeicheln der jungen Frau . Toni von Kerkow richtete eigenhändig die Toilette des lieben Tantchens her , drängte ihr einen Spitzensonnenschirm auf , den sie im vorigen Sommer getragen , und sagte zu Ende der Besprechung noch , indem sie die letzten Stiche an dem Faconhütchen der Tante machte . „ Nun , und sieh ’ ’ mal , wenn es dir ja zu anstrengend werden sollte , so fährst du früher wieder heim , Grellert und ich werden schon irgend eine Gelegenheit zur Rückfahrt finden , schlimmstenfalls mit einem Mietswagen . Es ist ja nur , daß diese braven Spießbürgerinnen , diese Klatschtanten – die Frau Oberamtmann , die Medizinalrätin und die Superintendentin – mich nicht solo mit Grellert abfahren sehen , sie machten sicher einen großartigen Skandal daraus zurecht das Nachhausekommen sieht ja keine von ihnen . Frau von Gruber hatte ob dieser etwas zweifelhaften Auseinandersetzung eine spitze Nase bekommen und sich scharf geräuspert , aber die junge Frau war lächelnd und mit einer Kußhand aus dem Zimmer geeilt , und die pensionierte Hofdame hatte ihre Sittenpredigt nicht mehr zu den Ohren der leichtlebigen Nichte bringen können . – Es war ein heißer Frühsommernachmittag , gegen fünf Uhr . Toni von Kerkow hatte am Fenster gestanden und alle die herrschaftlichen Wagen gezählt , die bereits die Chaussee hinabfuhren . Oberamtsmann und Superintendent im Break zusammen , und die pensionierten Offiziersfamilien im langen Omnibus des Hotels : Mays in einem Landauer . Natürlich fuhr heute die ganze Familie May , da die Tochter die große Solopartie zu singen hatte . – Wo nur Tante blieb , oder vielmehr Tantens Jungfer , die melden sollte , daß die alte Dame bereit sei ? Von dem Jungen und ihrem Manne hatte Toni bereits nach Tische Abschied genommen . Heinz saß nun in seiner Eigenschaft als Bonne wieder irgendwo im Park mit dem Kind . – Nun , wenn es ihm Spaß machte ! Sie seufzte tief und runzelte die Stirn – es war zum Verzweifeln , an diesen Mann gekettet zu sein ! Endlich pochte es , die Jungfer der alten Hofdame trat ein . „ Gnädige Frau lassen bitten , Frau von Kerkow möchten nicht böse sein , aber es sei ihr unmöglich , mitzufahren . Gnädige Frau haben eben einen Ohnmachtsanfall gehabt , wahrscheinlich infolge der Hitze . “ Toni sah plötzlich ganz blaß aus . „ Friedrich soll den Herrn Schloßhauptmann suchen , “ befahl sie dann , „ und sagen Sie meiner Tante , daß ich sehr bedauere , und ich lasse gute Besserung wünschen . Pflegen Sie Ihre Dame gut , ich kann leider nicht mehr persönlich nachsehen . Es hat doch wohl nichts auf sich ? “ „ Nur der alte Gesichtsschmerz , aber stärker , gnädige Frau , “ antwortete das alte Mädchen , mit dem spitzen , ewig griesgrämigen Gesicht . „ Sagen Sie Friedrich nur , er solle sich beeilen der Herr wird in der Nähe des kleinen Pavillons sitzen mit Heini . “ Heinz trat nach wenigen Minuten wirklich ein . Toni stand in der Mitte des Zimmers neben einem zierlichen Tischchen , auf dem sich eine Glasschale mit weißen Rosen befand . Das Dämmerlicht , das durch die halb geschlossenen Jalousien fiel , hatte eine grünlich kalte Färbung , und Heinz , der soeben aus dem strahlenden goldigen Sommersonnenschein kam , war wie geblendet , und das erregte Gesicht seiner in blaßlila Foulard gekleideten Frau entging ihm dadurch . „ Wünschst du noch etwas ? “ fragte er in seiner müden Art. „ Ja , “ sagte sie . „ Du mußt mich begleiten nach Brendenburg , ich bitte dich , beeile deine Toilette , sonst versäumen wir den Anfang des Konzertes . „ Ich muß dich begleiten ? Warum denn ? “ „ Weil ich nicht allein fahren kann mit Lieutenant Grellert . “ „ Hattest du denn beabsichtigt , ihn in deinem Wagen mitzunehmen ? Davon wußte ich nichts ! “ „ Das hast du natürlich wieder vergessen ! “ „ Du warst ja dabei vor ein paar Tagen , als ich ihn aufforderte dazu . Na , kurz und gut , Tante ist krank geworden , und aus diesem Grunde bitte ich dich , daß du mitkommst , das ist doch schrecklich einfach ! “ „ Ich fahre nicht mit , “ sagte er ruhig . „ Wenn es durchaus sein muß , daß du dabei bist , so laß Hedwig bitten , dich zu begleiten ; am richtigsten finde ich aber , du bleibst zu Hause . Heini gefällt mir heute nicht , er fiebert entschieden , und da auch Tante krank ist , wie du sagst , so – – “ „ So werde ich allein mit Grellert fahren “ unterbrach sie Heinz , nahm ihren Sonnenschirm vom Tische sowie ein paar Marschall Niel-Rosen und trat vor einen in der Ecke angebrachten riesigen Spiegel , als prüfte sie noch einmal ihre Toilette . Heinz sah , wie die seidene Schleife , mit der ihr Capothütchen zur Seite des Kinnes geknüpft war , bebte , wie ihre Finger zitterten als sie die Rosen in den Gürtel zu stecken bemüht war . „ Das wirst du nicht ! “ sagte er ruhig . Sie fuhr herum wie von einer Schlange gebissen „ Ich würde nicht – nicht thun dürfen , was ich will ? Du erlaubst dir , mir zu verbieten – – “ „ Ja , ich verbiete dir , in Begleitung des Lieutenants Grellert nach Brendenburg zu fahren . “ Sie lachte kurz auf und ihre Augen funkelten ihn an . „ Solange du noch meine Frau bist , verbiete ich es dir , ich habe nicht Lust , die lächerliche Rolle eines hintergangenen Ehemanns zu spielen . [ 207 ] [ 222 ] [ 223 ] „ Nun , dann leb ’ wohl , Heinz – es ist besser , du bleibst allein , “ sagte sie . Er hielt ihr die Hand hin . „ Sei nicht böse , Hede , mich quält vieles so sehr ! “ „ Wo werd ’ ich dir böse sein , Heinz ! Ich bin auch gar nicht gewöhnt , daß sich meinetwegen jemand geniert in seinen Launen “ , lächelte sie . Er sprang empor und sah erschreckt in ihr Gesicht , und sie blickte ihn an mit den ruhigen grauen Augen , in denen es nun feucht emporquoll . „ Meine arme Hede , “ sagte er und zog sie an sich . „ Mir fehlt gar nichts , Heinz , “ wehrte sie eifrig , „ es geht mir so gut , viel zu gut , Heinz ! “ Er nickte . „ Ja , ja , nichts als ein bissel Sonne – man hat sich ’ s so anders vorgestellt , aber , es ist nichts , darüber zu reden , hast recht ! Komm , Heini , wir begleiten die Tante durch den Park nach Hause ! “ Er erfaßte den Handgriff des Wägelchens und die Geschwister wanderten langsam nebeneinander her durch den einsamen verlassenen Garten . Am Marstallthor trennten sie sich ; Hede ging der Oberförsterei zu , Heinz fuhr seinen kleinen Kranken auf kürzestem Wege zum Schlosse empor . „ Bist du böse , Papa ? “ fragte das Kind