der Mütze hervorquellen ; wie aufrecht er dahin ging ! Mit lauten gewaltigen Schlägen pochte ihr Herz ; die Erinnerung an gestern überkam sie mit aller Gluth , mit aller Seligkeit , und jetzt , jetzt faßte er die Thür ; wenn sie wieder in ’ s Schloß fiel , dann war es vorbei – für immer – rettungslos vergangen . „ Army ! “ schrie sie plötzlich auf und flog die Stufen hinunter , aber da schlug eben der eichene Flügel zu , und laut dröhnend klang die Schelle durch den hohen Flur . „ Army ! “ wiederholte sie noch einmal leise und streckte die Arme aus ; ein heißer Thränenstrom quoll aus den Augen und langsam schritt sie wieder hinauf in ihr kleines Stübchen . Rettnungslos vergangen ! Wie öde war die Welt geworden , wie namenlos öde ! Textdaten zum vorherigen Teil < < < > > > zum nächsten Teil zum Anfang Autor : W. Heimburg Titel : Lumpenmüllers Lieschen aus : Die Gartenlaube 1878 , Heft 51 , S. 837 – 843 Fortsetzungsroman – Teil 12 [ 837 ] 15. Die alte Baronin saß in ihrem Zimmer am Kamin und wartete in erregter Ungeduld auf das Erscheinen ihres Enkelsohnes . Schon dreimal hatte Sanna bei den Damen in den untern Räumen des Schlosses nach ihm gefragt , und jedesmal war sie mit dem Bescheid zu ihrer Herrin zurückgekehrt , der Herr Lieutenant sei noch immer nicht von seinem Spaziergang zurückgekommen . „ Gott steh ’ mir bei ! “ sagte die alte Dame und schritt zum Fenster , „ was soll aus ihm , was aus uns werden ? Da geht er in aller Seelenruhe spazieren , ohne daran zu denken , wie er den Zusammensturz des Hauses der Derenberg verhindern kann ; von mir hat er wahrhaftig kein Tröpfchen Blut in seinen Adern – orribile ! “ Vor ihren Blicken lag der weite Park in kalter , stummer Winterpracht ; die Mittagssonne glitzerte auf dem Anhang der Bäume und beleuchtete blendend die weißen Plätze . Todtenstille und Einsamkeit ringsum . Kein lebendes Wesen weit und breit ! Höchstens ein paar hungrige Vögel auf den kahlen Aesten ! Und so einsam und verlassen war es nun schon seit Jahren um diesem alte Schloß . Unwillkürlich schauerte sie zusammen . „ Warum eigentlich ? “ fragte sie sich selbst ; sie war es ja gewohnt , so vergessen zu leben . Aber sie hatte in den letzten Tagen längst vergangener lustdurchwehter Zeiten so oft gedacht ; und nun sollte sie weiter existiren in derselben trostlosen Weise , vielleicht noch jammervoller , wenn der Herzog von R. ihren Wunsch nicht erfüllte ! Nein , nein , das wäre ja unmöglich . „ Herr Gott , wenn er nicht – “ Sie ballte die feinen Hände . „ O diese Schlange , diese Blanka ! “ flüsterte sie , und die großen Augen blitzten düster . Ihre Züge hellten sich auch nicht auf , als sich in diesem Moment die rothen Vorhänge theilten und Army in das Zimmer trat . „ Bist Du wirklich schon zurück von Deinem Spaziergang ? “ fragte sie ironisch . „ Ich war nicht spazieren , “ entgegnete er scheinbar ruhig , aber die alte Dame hatte doch den tief aufgeregten Klang seiner Stimme vernommen , sie richtete forschend ihre Blicke auf ihn . „ Nicht ? Wo warst Du denn ? Ich habe bereits drei- oder viermal nach Dir fragen lassen . Jedenfalls wäre eine Unterredung zwischen uns nöthiger gewesen als das , was Du gerade vorhattest . Aber es ist einmal nicht anders : Du besitzt den Charakter Deiner Mutter . Du bist indolent bis zum Aeußersten . “ „ Im Gegentheil , Großmama – ich habe eben versucht , einen Deiner Rathschläge zu befolgen ; leider mißglückte das Experiment total . “ Er fuhr sich mit dem Taschentuch über das erhitzte Gesicht und warf die Mütze auf den nächsten Tisch . „ Wie ? “ fragte sie , „ ich verstehe nicht – einen meiner Rathschläge ? “ „ Gewiß , ich wollte – – ich habe soeben versucht , eine reiche Heirath zu machen , aber wie gesagt – “ Die Baronin trat einen Schritt zurück und starrte ihn an . „ Du bist erstaunt , Großmama , das ist natürlich – ich wunderte mich noch heute früh , daß Du nicht selbst auf den Gedanken gekommen warst , jetzt freilich ahnt mir , daß Dir nichts ferner liegen konnte , als eine Heirath zwischen mir und Lieschen Erving . “ „ Ich glaube , Du bist wahnsinnig , Army . “ „ Wieso denn ? Mein Gott , Du hast mir selbst gerathen , mich durch eine reiche Heirath zu retten , und sie ist reich genug , die Kleine , weiter bedarf es ja nichts nach Deiner Meinung . “ „ Nimmermehr gebe ich das zu , “ rief die alte Dame außer sich , „ ist es möglich , eine solche Idee zu fassen ! Dieses unausstehliche Ding – Deine Frau ? Es ist ja geradezu himmelschreiend . “ „ Ich sagte Dir ja schon , daß das Experiment nicht geglückt ist , “ beruhigte er ; er warf den Kopf zurück und fuhr mit der Hand spielend über den schwarzen Schnurrbart . „ Ich habe einen Korb bekommen , Großmama , einen recht deutlichen Korb ; ich möchte Dich jetzt aber bitten , nicht wieder von Indolenz zu reden . “ Es bebte ein tief verletztes Selbstgefühl in diesen Worten . „ Einen Korb ? “ fragte sie verwundert und ungläubig , „ einen Korb , sagst Du , Army ? “ „ Jawohl , Herr Erving erklärte mir erstens , daß er für sein Kind einen Mann beanspruche , der es liebe ; er wolle sie nicht als lästige Zugabe ihres Geldes betrachtet wissen – das war deutlich , nicht wahr ? Ich kann es dem Manne nicht übel nehmen , ich kam mir , als ich so vor ihm stand , doch verteufelt erbärmlich vor , wie nie in meinem Leben . “ Die Großmutter wendete ihm achselzuckend den Rücken . „ Ideale Phrasen ! “ sagte sie . „ Unter tausend Heirathen wird kaum eine aus anderen Rücksichten geschlossen ; ich kann mich nur wundern , daß Dir der Herr – Herr Erving einen solchen Bescheid gab ; diese Art Leute bezahlt gern noch dreimal mehr Schulden , wie Du sie hast , wird das Fräulein Tochter dafür Frau Baronin – jedenfalls steckt noch etwas Anderes dahinter . “ Sie setzte sich in ihren Lehnstuhl am Kamin und versuchte gleichgültig in die Flammen zu sehen . „ Du hast ganz recht , Großmama ; es steckt noch etwas [ 838 ] Anderes dahinter . Ich sagte dem Vater zwar , daß ich mich bemühe , ehrlich bemühen würde , Lieschen hoch zu halten , sie zu schützen und zu behüten , wie nur ein Mann es könne , und das war keine Lüge , sondern meine redliche Absicht . “ „ Wirklich ? “ fragte sie ironisch . Er wurde dunkelroth . „ Wirklich ! “ erwiderte er . „ Oder meinst Du vielleicht , ich würde das Mädchen , das mir vertrauensvoll ihre Hand reicht , fühlen lassen , daß mich nicht die Liebe zu ihr führte ? Vor allen Dingen , wenn mir ein so volles , kindlich-reines Herz entgegengebracht wird , wie das ihre ? “ „ Ei sieh , wo hat man solche Studien über ihr Herz gemacht ? “ „ Du vergißt , Großmama , daß wir zusammen aufgewachsen sind und daß ich in letzter Zeit oft genug Gelegenheit hatte , sie zu sehen – sie hat im Herbst wochenlang Mama gepflegt – “ „ Hast Du Dich vielleicht in die barmherzige Schwester verliebt ? Freilich , die Deutschen finden ja eine Frau nie reizender , als am Krankenbett oder in der Kinderstube ; jedenfalls war das Mädchen für Dich ein ganz pikanter Gegensatz zu Blanka . “ Der junge Mann runzelte finster die Stirn . „ Ich bitte Dich , Großmama , laß das ! “ sagte er , „ es ist vollständig unnütz , hier Vergleiche zu ziehen , aber – wir sind ganz von dem Gange unseres Gespräches abgekommen . Du sagtest , es stecke etwas Besonderes dahinter , daß ich Lieschen ’ s Hand nicht bekam ; nun wohl , dieses Besondere – Du entschuldigst wohl , daß ich es so unumwunden ausspreche – dieses Besondere sind Erfahrungen , die man einst dort unten in der Mühle bei einer ähnlichen Angelegenheit machen mußte , bittere , harte Erfahrungen , die lange Zeit die Trauer an das alte Haus bannten ; ich werde mich übrigens bemühen , Klarheit in diese Angelegeheit zu bringen . “ Der junge Officier hatte die letzten Worte laut und deutlich gesprochen und seine Augen ruhten unverwandt auf dem stolzen Gesichte ihm gegenüber . Es war ihm , als erbleichte es um eine leise Schattirung , aber kein Zug desselben veränderte sich . „ Gleichviel , welche Gründe den Müller veranlaßt haben , Dich zurückzuweisen , “ tönte es rauh zurück , „ seine Familienchronik kenne ich nicht , und mir ist jeder Grund willkommen , denn meine Einwilligung zu diesem hirnverrückten Project wäre nun und nimmermehr erfolgt . “ „ Dann wäre ich gezwungen gewesen , ohne diese zu heirathen , “ sagte er gelassen . „ Du begreifst , daß man mit solchen Dingen nicht spielt , ich habe dem Mädchen mein Wort gegeben , sie gab mir ihre Zusage , und das ist genug . Es wäre nur dann etwas Anderes , wenn sie selbst refüsirt hätte . Ich bin aber überzeugt , daß ich dennoch ihre Hand erhalten hätte , wenn nicht jene traurigen Begebenheiten dazwischen ständen ; die Eltern wollen ihr Kind nicht in das Haus geben , in welchem ihre alte Feindin wohnt – Du , Großmama ! “ „ Ich ! “ Die Baronin sprang heftig auf . „ Lächerlich ! “ sagte sie dann und ließ sich in den Sessel zurückfalle , „ mir sind die Leute stets in eminentem Grade gleichgültig gewesen , bis heute – “ Eine Weile blieb es still in dem Zimmer , die alte Dame athmete erleichtert auf ; der ängstliche Zug , der sich während der letzten Reden ihres Enkelsohnes um ihren Mund gelegt hatte , verschwand , und fast freundlich bittend sah sie zu ihm hinüber . „ Ich wollte mit Dir sprechen , Army , “ sagte sie endlich , „ wir müssen zusammen überlegen ; ich habe an den Herzog geschrieben und bin überzeugt , daß das Geld kommt , ich bin jedoch genöthigt , einen Theil desselben für mich zu behalten ; der andere bleibt für Dich ; hoffentlich reicht er aus , um die schlimmsten Gläubiger zu befriedigen . Aber was dann ? Und vor allen Dingen was – wenn die Hülfe wider alles Erwarten ausbleiben sollte ? “ „ An die Bereitwilligkeit des Herzogs glaube ich nicht . “ sagte er finster , „ und wenn auch , es ist ein Tropfen auf einen heißen Stein . Mir bleibt nichts , als – Amerika . “ Er fühlte sich plötzlich an der Schulter erfaßt , und das Gesicht seiner Mutter beugte sich über ihn . „ Army , “ fragte sie athemlos , „ was sagst Du ? Du wolltest fort – fort ? “ Er schrak zusammen und faßte ihre Hand ; er wollte sie beruhigen , aber die entsetzten , verweinten Augen hingen so forschend an seinem Gesicht – er ließ die Hand fallen und wandte sich ab . „ Cornelie , Du weißt , ich kann dieses unhörbare plötzliche Eintreten nicht leiden , “ schalt die alte Dame , aber jene hörte nicht ; ihr Herz stand beinahe still vor dem einen schrecklichen Worte – : Amerika . „ Allmächtiger Gott ! giebt es den Niemanden , der uns helfen kann ? Army , ich sterbe ja , wenn Du fortgehst ! “ flehte sie und hielt ihm die gefalteten Hände entgegen . „ Das ist das Letzte , das Schwerste . “ „ Weine doch nicht , ängstige Dich nicht , Mama ! “ sagte er , ohne sie anzusehen , „ ich , ich bleibe ja – “ „ Nein , nein , ich weiß , was Du thun willst . “ rief sie , „ Du wirst fortgehen , heimlich , ohne Abschied ; ich werde eines Morgens aufwachen und keinen Sohn mehr haben ; Army , kannst Du das ? Kannst Du fortgehen , wo Du weißt , daß Du mich nimmermehr wiedersiehst ? “ Schneidend und herzzerreißend klang der Jammer aus diesen Worten . „ Es wäre ja nicht für immer , “ sagte er stockend , „ ich käme ja einst wieder ; wir schreiben uns ; es – “ Der junge Mann fuhr sich plötzlich mit heftiger Geberde durch das Haar . „ Mein Gott ! “ rief er , „ ich bitte Dich , Mama , mache mir durch Deine Klagen die Sache nicht noch schwerer , überlege doch : ich habe massenhafte Schulden – das ist ein Factum ; bezahlen kann ich sie nicht – das ist das andere Factum . Ich habe das Mögliche versucht , um einen Ausweg zu finden – es war umsonst . Zum neuen Jahre kommt die Angelegenheit zum Klappen ; es sind Wechselschulden dabei ; die Festung ist mir gewiß – ich kann nicht weiter dienen – was bleibt mir da Anderes – ? Denkst Du , mir ist wohl dabei zu Muthe ? “ Er schritt hastig aus dem Zimmer und warf die Thür dröhnend hinter sich zu . Einen Augenblick hielt er zögernd den Fuß an ; es war ihm , als habe er einen Schrei seiner Mutter gehört , dann zog er weitergehend einen Brief aus seiner Uniform und erbrach ihn . „ Es ist richtig ; der Tanz geht los , “ flüsterte er , die Zeilen überfliegend ; er trat düster in sein Zimmer und warf sich in den Sessel , der vor dem alten Kamine stand . Heute früh hatte ihm noch einmal ein Hoffnungstrahl geleuchtet – Lieschen ; die Worte , die gestern Abend so leise flüsternd sein Ohr trafen unter der alten verschneiten Linde , sie hatten wie eine Friedensbotschaft nach den letzten stürmischen Wochen geklungen ; es waren so kinderreine einfache Worte gewesen , die aus einem seligen , jubelvollen Mädchenherzen kamen ; wie Veilchenhauch hatte ihn das süße verschämte Wesen der alten Spielgefährtin angemuthet ; das war echte , wahrhaftige Liebe , die ihm da entgegeblühte ! Echte Liebe ? Nein – die gab es wohl kaum noch . Sie fügte sich heute so willig dem Vater , als er ihr sagte : Du wirst unglücklich – laß von ihm ! Aber er konnte ihr kaum einen Vorwurf machen ; der Vater wird ihr gesagt haben : er liebt Dich nicht ; er liebt nur Dein Geld . Das war schon genug , und dann ? Was mochte das Andere sein mit der Großmama ? Baron Fritz und Lisett ! Herr Erving hatte sie genannt heute früh , als er von den hauptsächlichsten Gründen seiner Weigerung sprach ; Gott weiß , was Alles da passirt sein mochte ; er war so vorsichtig in seine Aeußerungen gewesen , aber bah – es ändert ja doch nichts mehr . Wie bald wird es in seiner Garnison heißen : „ der Lieutenant von Derenberg ist alle geworden , um die Ecke gegangen – natürlich Schulden , tolle Schulden ; es liegt so in der Familie ; der Vater hat sich ebenfalls erschossen ; das passirt ja alle Tage – kaum noch der Mühe werth , darüber zu sprechen . “ Lange saß er so und brütete . Seine Mutter ! Er hätte ihr eine Stütze sein sollen ; ja sie würde sterben , wenn er ginge – und Nelly , das arme kleine Ding – wenn sie dann gar allein bliebe ? – Er sprang hastig empor und riß die Uniform auf ; in der Mitte des Zimmers blieb er stehen und starrte nach der Wand ; dort hatte das Bild der schöne Agnese Mechthilde gehangen , das er sich vom Ahnensaal geholt , weil es ihr so ähnlich sah ; er hatte es herabgenommen damals , als sie ihm ihr Wort brach ; es lehnte noch immer verkehrt dort an der Wand . Er schritt hinüber , hob es empor und hing es an seinen Platz ; das wundervolle Gesicht mit den tief traurigen Augen schaute ihn wieder so vertraut , so unwiderstehlich bezaubernd an – er stellte sich mit verschränkten Armen davor und betrachtete es lange . Sie waren schuld , diese röthlich goldenen üppigen Haare , daß er geworden , was er jetzt war , durch eine thörichte , unselige Leidenschaft . Einen Augenblick überkam es ihn wie heiße Sehnsucht ; würde sie wohl einen Blick des Bedauerns haben , wenn sie erführe , wie weit es mit ihm gekommen ? Er lachte fast laut . Nein , die kalten funkelnden Augen , sie konnten [ 839 ] nicht mild blicken , wie diesen das Bild war nicht ähnlich , gar nicht , nur die Haare . Ein bitterer hohnvoller Zug legte sich um seinen Mund ! „ Sind sie aber ohne Tück , “ murmelte er , „ ohne Tück ? – Keine Einzige , keine ! “ Er hörte nicht , wie sich leise und zögernd die Thür seines Zimmers öffnete , wie ein blasses Mädchengesicht mit unsicheren Blicken hereinsah , wie eine schlanke Gestalt sich ihm leise und zögernd näherte . In der Mitte des Zimmers blieb sie stehen ; ihre Augen hafteten starr auf dem goldhaarigen Frauenkopfe dort im Bilde , den der junge Mann noch immer unverwandt ansah ; unwillkürlich machte sie eine Bewegung , als wollte sie fliehen – da wandte er sich . „ Lieschen ! “ stammelte er , „ Lieschen , Du – ? “ Sie antwortete nicht ; sie sah ihn nur schmerzlich an . „ Was willst Du , Lieschen ? “ sagte er , „ suchst Du Nelly ? Sie – ich weiß nicht , ob – – “ „ Nein , “ antwortete sie , „ ich komme zu Dir . “ „ Zu mir ? “ fragte er leise . „ Ja , ich – mich trieb die Angst , Army . Deine Mutter war bei uns und sagte , Du wolltest – O , geh ’ nicht fort , Army , geh ’ nicht fort ! Ich überleb ’ es nicht . “ Das Letzte klang wie ein Aufschrei ; sie schlug die Hände vor das erglühende Gesicht . „ Du bittest mich , Lieschen , und Du hast mich doch heute früh gehen lassen ? “ fragte er bitter . „ O , es that mir so weh , als Du fortgingst , Army , so weh , aber noch viel mehr , noch tausend Mal mehr schmerzt es , daß Du mich nicht lieb hast , daß Du mich nur willst um – – “ „ Das hat Dir Dein Vater gesagt , Lieschen ! “ „ Ja ! Und ist es nicht wahr , Army ? Und wenn ich noch gezweifelt hätte – als Deine Mutter vorhin in unser Haus trat , um Hülfe zu suchen bei dem Vater , damit Du nicht fort brauchtest in die weite Welt , da mußte es mir klar werden , mußte ich glauben , wogegen sich mein Herz sträubt mit aller Gewalt . “ „ Sie hat bei Deinem Vater gebettelt für mich ? “ fragte er laut und heftig und trat näher zu ihr . „ Das ist stark . “ „ Sie hat Dich so lieb , Army , und sie wußte ja nicht , daß Du mich – daß der Vater – “ sie sah angstvoll flehend zu ihm auf . „ Geh ’ nicht fort , Army , geh ’ nicht fort – – “ Da stand sie vor ihm , so reizend und einfach in dem kornblumenblauen Wollkleide , die Wimper tief gesenkt in mädchenhafter Verwirrung , die Brust stürmisch wogend vor Angst um ihn , vor Aufregung über den Schritt , den sie gethan ; die eine der langen Flechten hatte sich von dem eiligen Laufe gelöst und hing ihr über die Schulter ; sie merkte es nicht ; sie streckte die zitternden Hände , eng in einander gefaltet , ihm bittend entgegen , und er wagte nicht , diese zu ergreifen . Das war sie ja , in holdester Gestalt verkörpert : die große , Alles überwindende Liebe eines Frauenherzens , an der er noch eben gezweifelt ! „ Sei nicht stolz , Army , “ rang es sich endlich von ihren Lippen , „ um Deiner Mutter und – – um meinetwillen . Ich wäre ja elend ein ganzes Leben lang mit dem Bewußtsein , Dich nicht gerettet zu haben . Wir wollen Cameraden sein , gute Cameraden , wie einst , Army – – “ Eine lange Pause trat ein ; er hatte das Gesicht abgewandt und sah zu Boden , die Arme fest über einander geschlagen . Sie blickte fragend zu ihm hinüber , nach und nach aber überzog ein dunkles glühendes Roth ihr Gesicht , die verschlungenen Hände lösten sich , und ein paar große Tropfen quollen unter den Wimpern hervor . Ein brennendes Schamgefühl stieg siedend heiß , erstickend in ihrer Brust auf ; sie wandte sich und ging zur Thür . Da hörte sie Schritte draußen , eilige , wohlbekannte Schritte . Angstvoll irrten ihre großen Augen im Zimmer umher und hafteten an den seinen ; fassungslos blieb sie stehen . „ Die Muhme , “ flüsterte sie , „ sie kommt , mich zu suchen . “ Aber in demselben Moment stand Army neben ihr und zog sie schützend an sich ; verwirrt und angstvoll senkte sich ihr Kopf aus seine Schulter ; sie meinte , man müsse den lauten vollen Schlag ihres Herzens hören können ; jetzt wurde die Thür geöffnet ; unwillkürlich schmiegte sie sich fester an ihn , jeden Augenblick erwartend , eine wohlbekannte Stimme zürnend und vorwurfsvoll reden zu hören . Aber es blieb still ; die alte Frauengestalt dort auf der Schwelle stand regungslos , und die Augen ruhten schmerzlich staunend auf dem Bilde vor ihr ; dort in dem hohen halbdunklen Gemach gerade unter dem großen Kronleuchter aus Hirschgeweihen , dort stand ein junges Paar ; er hatte den Arm um die schlanke Gestalt gelegt ; er hielt sie an sich gepreßt und sah finster zu der alten Frau hinüber , als sei er böse auf die Störerin ; so standen die Beiden , ein Bild des süßesten Glückes . „ Also doch ! also doch ! Gegen die Liebe und den Tod , da ist kein Kraut gewachsen . “ Sie hatte es geahnt , als Lieschen so eilig das Haus verließ ; sie war ihr nachgeeilt , aber wer kann noch mit fünfundsechszig Jahren laufen wie ein junges leichtfüßiges Ding , und sie kam zu spät ! zu spät ! Das arme Kind war mit offenen Armen in sein Unglück gerannt . „ Lieschen ! “ rief sie vorwurfsvoll . Und da blickte sie auf und machte sich los aus seinen Armen . „ Ach , schilt nicht , “ bat sie leise , „ ich konnte nicht anders , Muhme , “ und streckte ihr die Hände entgegen . Sie versuchte dabei zu lächeln , aber es ging nicht – die Thränen drängten sich ihr mit aller Gewalt in die Augen ; fast leidenschaftlich schlang sie die Arme um den Hals der alten Frau , und unter Schluchzen rangen sich wieder die Worte von ihren Lippen : „ Ich konnte ja nicht anders , Muhme – ich konnte ja nicht anders . “ 16. Der folgende Tag brachte schlechtes Wetter ; es thaute , und die leuchtende Schneedecke war plötzlich verschwunden ; die nassen braunen Aeste streckten sich kahl gegen den grauen Himmel , und dazu stürmte und toste es an der Luft ; die Ellern am Mühlbach schwankten und bogen sich im Winde . Auf der Mühle herrschte eine gedrückte Stimmung ; die Mädchen in der Küche sprachen leise mit einander , und der Kutscher , der sich hinzu geschlichen , kratzte sich ein paar Mal mit vielsagender Miene hinter den Ohren . Aus der Wohnstube drang des Hausherrn Stimme bis hier herüber . Der junge Baron war da . Gestern war er schon einmal da gewesen , und Lieschen sah seit gestern so blaß aus wie der Kalk an der Wand . Da mußte Etwas nicht richtig sein ; das war ja sonnenklar , und die Muhme machte auch ein Gesicht wie der pure Essig – und nun gar der Herr ! Jetzt klappte die Thür der Wohnstube , und die Muhme schritt über den Flur die Treppe hinauf , wie Dörte bemerkte , die an dem Thürspalt lugte . „ Paß auf , Mine , unser Fräulein hat ’ s durchgesetzt , “ flüsterte sie , „ die Muhme holt sie herunter ; na – im Grunde , warum denn nicht ? Er ist ein hübscher Mann und ein Vornehmer , und gut waren sie sich ja schon , als er noch als Cadettentsoldat auf Urlaub kam . “ Peter fuhr wieder mit der Hand hinter die Ohren . „ Na , denn man zu ! “ meinte er , „ wenn ich der Herr wäre , ich sagte Nee ! von wegen der Alten auf dem Schlosse . “ „ Pst ! “ wisperte Dörte , „ wahrhaftig , sie kommt die Treppe herunter ; jetzt gehen sie in ’ s Wohnzimmer , Juchhe ! ein Verlobungsschmaus – das wird eine Lust . “ Im nächsten Moment stand sie aber schon wieder am Küchentisch bei ihren Tellern und Tassen , denn die Muhme näherte sich der Küche , und gleich darauf trat sie ein . Das alte Gesicht hatte einen sorgenvollen Zug , und die Augen sahen aus , als hätten sie recht inbrünstig geweint ; so dachten wenigstens die Mädchen . Sie stand wie in Gedanken verloren , dann hakte sie das Schlüsselbund von der Schürze und schritt zur Speisekammer . „ Gläser , Dörte ! “ befahl sie , als sie mit einigen Flaschen Wein wieder heraustrat , „ und binde Dir eine weiße Schürze vor , wenn Du sie hineinbringst ! “ Sie stellte die Flaschen auf den Küchentisch und ging , sich über die Augen wischend , wieder hinaus . „ Mein Gott ! “ rief das Mädchen , als sie aus der Wohnstube zurückkehrte und das leere Präsentirbrett heftig auf den Tisch setzte , „ das soll eine Verlobung sein ? Die ganze Gesellschaft macht ein Gesicht wie bei einem Leichenschmaus ; der Herr beißt sich auf die Lippen , als wollt ’ er sich das Weinen verjagen , die Frau weint , wie wenn das Liesel gestorben wär ’ , und die Muhme dazu ; der Herr Baron steht neben unserm Fräulein wie ein Stock , richtig wie ein Stock ; ich sah gerade , wie er ihr die Hand küßte , als ob nicht zu einer Verlobung ein richtiger ordentlicher [ 840 ] Kuß gehörte , und unser Liesel sieht aus – daß Gott erbarm , wenn das eine glückliche Braut sein soll ! “ Nach ungefähr einer halben Stunde schritt ein junges Brautpaar über die Schwelle des alten Hauses ; am Fenster stand die Muhme und schaute ihnen nach , und unter der Linde wandte sich ein blasses Gesichtchen noch einmal zurück zu den Fenstern ; es lag nichts von einem strahlenden süßen Glück darin , nichts von der verschämten knospenhaften Wonne einer jungen kindlichen Braut ; um den Mund spielte ein schmerzlicher herber Zug , und die Augen blickten unter den langen Wimpern hervor wie im tiefsten Weh . Der Bräutigam hatte ihren Arm genommen und in den seinen gelegt ; so schritten sie vorwärts , und der Schleier des Pelzmützchens , das die Braut trug , wirbelte im Winde hoch auf . Keines von Beiden sprach ein Wort . Da waren sie wieder an der alten Linde ; die Hand des jungen Mädchens zuckte leise , und eine dunkle Röthe flog einen Moment über ihr Gesicht . „ Du bist müde , Lieschen ? Ich ging zu rasch . “ „ O nein , aber ich – ich fürchte mich so vor Deiner Großmutter . “ Er biß sich auf die Lippen , aber blieb stumm ; war er doch selbst in keineswegs angenehmer Spannung , und er kannte seine Großmutter genug , um zu wissen , daß sie zu einer rücksichtslosen Handlung fähig sei . Wieder schritten sie vorwärts , und nun bogen sie in die Lindenallee ein ; der Wind heulte durch die lange Baumreihe und schlug die Aeste prasselnd zusammen ; das hohe Portal mit seinen alten Sandsteinbären schaute feucht und dunkel drein . Unwillkürlich schweiften Lieschen ’ s Augen über das Thor . „ Was heißt das ? “ fragte sie plötzlich und deutete auf den Wappenspruch . „ Nunquam retrorsum ! Niemals zurück ! “ erwiderte er . „ Das ist gut , “ sagte sie , tief Athem schöpfend ; dann beschleunigte sie ihren Schritt . Und nun standen sie vor dem Thurmpförtchen ; einen Augenblick kam es wie Schwäche über sie . „ Werde ich es ertragen wenn sie mich beleidigt ? “ fragte sie sich , und eine namenlose Angst vor der stolzen Großmutter quoll erstickend in ihrer Brust auf ; es war als müsse sich der Fuß wenden , als müsse sie noch fliehen , noch – ehe es zu spät war ; sie kam sich so hülflos vor ,