wenig um dich zu bekümmern . Ich bin jetzt dein Vormund und ich befehle es . « Willenlos ließ ich mich mitziehen . Ich saß am Abend geduldig neben Frau v. Bendeleben und ließ mir erzählen von Hanna , und daß Ruth einen prächtigen Jungen besitze . Vorläufig sei nur noch ein großer Streit um die Vornamen . Ruth wolle , er solle Stanislaus heißen und Eberhardt habe gesagt , er werde dem Pastor schon die Namen aufschreiben . Der Baron bestimmte die Tage in der Woche , an denen ich auf dem Schlosse erscheinen sollte . » Ich werde mich erkundigen , Gretchen « , fügte er hinzu , » ob dein Grund ein stichhaltiger ist , wenn du einmal nicht kommst . Du darfst dich deinem Schmerz nicht so hingeben , dazu bist du noch viel zu jung , das ganze Leben liegt noch vor dir . « Das ganze Leben ! Ich erschrak förmlich – und das sollte ich so weiterleben ? Entsetzlicher Gedanke ! Läge ich doch da drunten bei meinen Eltern ! Das ganze Leben – wie lang ist so ein Menschenleben ! Unser Leben währet siebenzig Jahre – und ich war eben zwanzig gewesen . Aber Gott ist barmherzig , dachte ich , es kann ja nicht so lange dauern ! Ich war folgsam , ich kam pünktlich auf das Schloß , ich spielte mit dem Baron Schach und las die Zeitung vor , und am Tage saß ich unten im Dorf , pflegte Kathrin und leitete meine kleine Wirtschaft . Ich tat alles , aber ohne Freude , mit totem Herzen . Eines Abends war ich wieder oben im Schloß und bemühte mich , aufmerksam einen langen Bericht über Kartoffelernte anzuhören , da horchte Frau v. Bendeleben auf . » Es kommt Besuch « , sagte sie und legte ihre Arbeit hin , indem sie aufstand . Es wurden schon Stimmen laut , die Tür öffnete sich , und herein trat Ruth , gefolgt von ihrem Manne . Ich konnte nicht mehr fliehen , wie angewurzelt blieb ich stehen und sah ihn an . Auch er erblaßte leicht , als er mich erblickte , während die schöne Frau keine Notiz von mir zu nehmen schien und hastig , ihren Samtmantel abwerfend und die Mutter umarmend , fast unwillig ausrief : » Mamachen , du mußt einen Streit schlichten . Denke dir , die alte Gräfin Satewski in Wien ist gestorben . Man hat mir geschrieben , es sei wünschenswert , daß ich der Eröffnung des Testaments beiwohne – ich muß , ich will nach Wien , und mein teurer Gatte « – hier wendete sie sich zu Eberhardt , der die Lippen aufeinandergebissen hatte – » erklärte es für unnötig und wünscht , daß ich nicht reise , anstatt mir seine Begleitung anzubieten . « » Na , setzt euch nur erst « , unterbrach der Baron die Rede der jungen Frau , » dann können wir überlegen . Was hast du für Gründe dagegen , Wilhelm ? « fragte er seinen Schwiegersohn , der seinen Sessel möglichst aus dem Lichtkreise der Lampe geschoben hatte . » Tausend Gründe für einen « , sagte er ; » die Hauptsache aber ist , daß der Kleine kränkelt , er bekommt wahrscheinlich Zähnchen und weint den ganzen Tag . Auch weiß ich nicht , inwiefern Ruths Anwesenheit dort so unerläßlich notwendig sein soll , es leuchtet mir nicht ein , und ich finde ihre Gegenwart bei dem Kinde viel nötiger als bei der Testamentseröffnung . Das Resultat , wenn ' s überhaupt eins für sie gibt , kann ihr hierher mitgeteilt werden . « Seine Stimme klang ruhig und leidenschaftslos , mich traf sie bis ins innerste Herz . Ich wollte aufstehen und hinausgehen . » Nichts da ! « rief der Baron , » willst du schon wieder ausrücken ? Hiergeblieben ! « und er zog mich in den Sessel . Niemand außer ihm konnte ahnen , mit welchen Qualen ich dort saß . » Ich muß gestehen , Ruth « , fuhr der Baron fort , » dein Mann scheint recht zu haben . Möglicherweise hast du Unannehmlichkeiten in Wien zu erwarten . Mit den Verwandten deines ersten Gatten hast du dich so gut wie gar nicht gestanden . Ich würde lieber hierbleiben , abgesehen davon , daß das Unwohlsein des Kleinen schon einen triftigen Grund bietet . « » Es ist gar nicht so schlimm , Eberhardt übertreibt wie immer « , fuhr sie auf , und die Augen blitzten zornig zu ihm hinüber . » Die Amme ist eine ausgezeichnete Person , und außerdem kann er ja so lange hier bei Mama sein . « » Die Luft ist aber zu rauh , um eine solche Fahrt mit dem Kinde zu machen , bedenke das ! « sagte Frau v. Bendeleben . » So gern ich mein Enkelchen hier hätte , ich mag nicht zureden . « » Aber ich sag ' es euch , ich muß nach Wien ! « rief sie , und ein paar zornige Tränen blitzten in den Augen . » Ich muß ! « » Gut , mein Kind , reise – ich werde so lange Mutterstelle bei deinem Kind vertreten « , unterbrach sie Eberhardt , ebenso kühl wie vorhin . » Wer hat dir denn geschrieben , Ruth , daß deine Gegenwart so nötig ist ? « fragte der Baron . » Das ist ' s ja eben « , antwortete Eberhardt statt ihrer . » Sie sagt , sie habe einen Brief aus Wien – aber von wem ? das hat man mir nicht anvertraut . « Die schöne Frau sah plötzlich verlegen zu Boden . » Genug , daß dem so ist « , erwiderte sie . » Es ist mir geschrieben worden , und ich werde reisen – auf jeden Fall . – Papa , darf ich morgen meinen Reisewagen einmal ansehen ? Er steht noch von damals hier . Hoffentlich ist er noch so , daß ich ihn benutzen kann , er war ja noch ganz neu ! « » Wird auch wohl noch gut sein « , sagte der Baron . » Wann soll ' s denn losgehen ? « » Sobald wie möglich ; übermorgen denke ich . « Eberhardt war aufgestanden . » Rauchen wir vielleicht eine Zigarre in deinem Zimmer , Papa ? « fragte er ; dann gingen beide Herren hinaus . Sobald sie fort waren , brach ein wahrer Sturm von Vorwürfen über ihren Gatten aus dem Munde der jungen Frau . Bis in die Seele erschütterten mich die herben Worte , und wie ein Blitz stand auf einmal die schreckliche Gewißheit vor mir , daß er nicht glücklich sei . Wo war der Nimbus des Vollkommenen geblieben , der dieses schöne Paar umgab , als sie dort in der kleinen Kirche vor dem Altar standen ? Das strahlende Lächeln war von seinem Gesichte geschwunden , ein müder Zug lag um den stolzen Mund , und sie – sie mußte in der Tat sehr erbost auf ihn sein , daß sie in meiner Gegenwart so rücksichtslos seine Fehler und Untugenden , wie sie sich ausdrückte , an das Licht zog . Der Zorn ließ sie alle Klugheit vergessen – oder fürchtete sie nichts mehr von dem blassen , vergrämten Mädchen , das da mit entsetzter Miene den harten Worten lauschte ? » Ich sage dir , Mama , ich kann ' s nicht aushalten ! Oh , dieses spießbürgerliche Leben , diese tugendhaften , dummen Gänschen von Kameradenfrauen , diese Kaffeegesellschaften , wo sie mit Strickstrümpfen sitzen , dünnen Kaffee trinken und über Dienstmädchen und Kinderbrei sprechen ! Jedesmal , wenn solch verwünschte Einladung kommt , und ich will absagen , heißt es : › Du mußt hingehen , die Frau Major oder die Frau Hauptmann könnte es übelnehmen . ‹ Dabei sehen sie mich an , diese dummen Gänschen , als sei ich ein Wundertier , und sprechen von Extravaganzen und so weiter . Herrgott , wie hab ' ich doch früher gelebt ! Ach , mein Wien , mein schönes Wien , und nun gönnt man mir nicht einmal die Reise dahin ! « » Aber , Ruch , du bist ja außer dir und weißt nicht mehr , was du redest . Du solltest ebenfalls Interesse haben an Dienstmädchen und vor allem an Kinderbrei . Was macht dir denn eigentlich Spaß , wenn nicht das Interesse für dein Kind obenan steht ? « » Mein Gott , ja « , erwiderte die junge Frau , » der Junge ist ja ganz passabel und hübsch , aber ich kann nicht solchen Kultus mit ihm treiben wie Eberhardt , der von mir womöglich verlangt , daß ich den ganzen Tag in der Stellung der Murilloschen Madonna mit ihm umherziehe . Ich bin noch jung , ich will tanzen , ich will mich sehen lassen , ich will nicht die bürgerliche Hausfrau vorstellen ! Aber die halbe Stadt schlägt die Hände zusammen über mein Benehmen , über meine Toilette und was sie alles haben , es ist zum Verzweifeln . Das wäre nun aber schließlich gleichgültig , wenn nicht Eberhardt – – « sie schwieg . » Du läßt dich immer gleich zu argen Bitterkeiten hinreißen , Ruth « , tadelte Frau v. Bendeleben , » wenn du einmal Grund zu Unzufriedenheiten zu haben glaubst . Nach meinem Dafürhalten solltest du solche Szenen nicht zu oft herbeiführen , es stumpft das Gefühl für dich bei deinem Manne ab , du könntest ihm mit der Zeit gleichgültig werden . « » Ja so ! « lachte sie auf . » Bei allen guten Göttern , Mama , das bin ich ihm schon geworden ! Ich fühle , wie wir nur noch an einem losen Faden zusammenhängen ; wenn das Kind – « » Ruth ! Um des Himmels willen , bist du wahnsinnig ? « schrie Frau v. Bendeleben auf . » Schäme dich , hier vor mir solche Worte auszusprechen ; vergißt du ganz , was du dir und mir schuldig bist ? « Die schöne Frau zuckte mit den Schultern , sah mich an und lachte laut auf : » Was dieses blasse Kind für ein entsetztes Gesicht macht ! Nicht wahr , Kleine , Sie können das nicht fassen , daß man an Ihrem Ideal – und das war doch der gute Eberhardt früher – so ein bißchen auszusetzen findet ? › Ich hätte ihn glücklicher gemacht ‹ , sagen Sie gewiß leise vor sich hin . Mon dieu , ich habe es schon manchmal bedauert , Ihnen – « Da fiel die Hand der Frau v. Bendeleben schwer auf Ruths Schulter . » Kein Wort weiter ! « sagte sie leichenblaß , während mir das Blut vor Zorn und Scham heiß in die Wangen stieg . » Ich habe bis jetzt geglaubt , die gereizte Stimmung in deinen Briefen und deinen Worten sei eine Folge deines kränklichen Zustandes gewesen . Ich irre mich aber , du bist jetzt ganz gesund , und ich sehe , wie es steht : ihr lebt in keiner glücklichen Ehe , das ist furchtbar hart für ein Mutterherz , und du so wie er – ihr dauert mich aufs innigste . Deine spöttischen Reden aber lassen mich nicht einen Moment im Zweifel , wo ich den schuldigen Teil zu suchen habe . « » Nur nicht so tragisch , Mama « , sagte Ruth . » Wir werden schon noch ein Weilchen an unserem Joch weiterziehen . Übrigens hoffe ich , mir aus Wien wieder etwas Lebensmut mitzubringen . Ich kann ja ohne Sorgen reisen , er wird Tag und Nacht an der Wiege sitzen . « Eberhardt sah leichenblaß aus , als wir uns bei Tische gegenübersaßen . Ob er wohl daran dachte , wie wir uns einst heimlich die Hände gereicht hatten unter demselben alten Tische ? Ich weiß es nicht , aber ich fühlte , daß sein Auge zuweilen mein Gesicht streifte . Ruth sorgte , daß die unerquicklichsten Dinge dem Gespräch nicht fehlten . Die kleinen Ausfälle gegen Eberhardt waren zahllos , aber er blieb unempfindlich . Nach Tische empfahl er sich . » Ich ängstige mich zu sehr um den Kleinen « , sagte er , » und da Ruth morgen erst ihren Reisewagen besichtigen will , so werde ich diese Nacht noch zurückkehren . Der Wagen kann morgen mittag wieder hier sein , oder Papa laßt sie vielleicht fahren . « Er nahm eiligst Abschied , wobei er mich übersah , und fuhr fort . Ich lag in meinem Bett zu Hause und konnte es nicht fassen , daß er so unglücklich aussah . Heimlich hatte mir längst gebangt . Ich kannte ja den Charakter Ruths , hatte so manchen Einblick in dieses kalte , kokette Herz getan : es mußte ja so kommen , zu vermeiden war es nicht . Aber es tat mir weh , unendlich weh , dieses stolze , lebensfrohe Gesicht so müde , so teilnahmlos und abgemattet zu sehen . Mein Gott , du führst deine Kinder wunderbar ! dachte ich . Jeder kleine Groll , der sich vielleicht in irgendeinem Winkel meines Herzens noch gegen ihn verbarg , verschwand vor seinen traurig-stillen Blicken und häufte sich immer mehr als glühender Haß auf das Haupt seines Weibes . Sie war ja doch an allem allein schuld . Rätselhaftes Menschenherz ! Die ganze heiße Liebe für ihn war aufs neue emporgeflammt , als er mir so unverhofft gegenüberstand – um so heller und ungestümer , je mehr ich einsah , daß er nicht glücklich war . » Kathrin ! « sagte ich am andern Morgen noch mit bebender Stimme und kniete an ihrem Bette nieder , » weißt du , wen ich gestern abend gesehen habe ? « Sie blickte mich verwundert an , dann fragte sie , in meinen Augen irgend etwas Eigentümliches lesend : » Doch nicht etwa ihn , den Leutnant v. Eberhardt ? « » Ja , Kathrin , ich sah ihn wieder , aber wie ! « » Nun ? « fragte sie gespannt . » Er war nicht im besten Einvernehmen mit seiner Frau und sah so bekümmert aus – « » Ich weiß es schon lange « , nickte Kathrin , » und habe mich im stillen gefreut darüber . Es ist seine gerechte Strafe und durfte gar nicht anders kommen . Darum habe ich den lieben Gott gebeten , als ich dich hier so elend und verzweifelt sah . Mit Freude habe ich die ersten Andeutungen begrüßt , die mir verkündeten , seine Ehe wäre nicht so , wie sie sein sollte . Oh , es muß noch besser kommen , damit er einsieht , wie er sich versündigt hat an dir ! « » Pfui über dich , Kathrin ! « rief ich und sprang entsetzt auf . » Schäme dich ; ich hätte dir so rachsüchtige Gedanken gar nicht zugetraut . Wenn du ihn gesehen hättest , wie traurig , wie freudenarm er aussah – « » Gretchen , nimm dich zusammen « , unterbrach mich die Alte barsch ; » fang mir nicht wieder an . Dein Gefühl für ihn könnte Sünde werden – er hat Weib und Kind . « » Sünde ? « wiederholte ich . Einen Augenblick übergoß es mich wie mit siedendem Wasser . Ich drückte die Hände vor das Gesicht und holte tief Atem – wohin hätte ich mich da beinahe verirrt ! Ach , wäre er mir strahlend vor Glück entgegengetreten , so hätte ich mich ruhig zurückgezogen , mich an seinem Wohlergehen gesonnt – aber so – ! Es drängte mich mit aller Macht zu ihm hin , ihn zu trösten , ihm ein freundliches Wort zu sagen zum Ersatz für all den Hohn , den ihm sein Weib ins Gesicht warf . Und dieses Mitleid , diese Teilnahme sollte Sünde sein ? Und doch hatte sie recht , die alte Kathrin . Ich durfte nicht an ihn denken , er hatte mich ja so rauh von seinem Herzen gestoßen , er wollte ja gar nichts von mir wissen , und – er war der Gatte einer anderen . Unruhig verbrachte ich den ganzen Tag . Endlich faßte ich mir ein Herz . » Kathrin « , bat ich , » du sagtest heute früh , daß du schon länger wüßtest , er lebe nicht glücklich mit seiner Frau . Bitte , erzähle mir , was du weißt . « » Nun , Kind , das erzählen sich die Spatzen auf dem Dache « , begann die Alte , » das ganze Dorf ist voll davon . Die Herrlichkeit hat nicht gar lange gedauert , aber ich mochte dir ' s nicht sagen , weil ich schon vorher wußte , daß dein gutes Herz und deine alte Liebe gleich wieder in Flammen stehen würden . Die junge Frau soll bald nach der Hochzeit , als die Flitterwochen noch nicht vorüber waren , allerhand sonderbare Ansinnen an ihren Mann gestellt haben . Sie hat sich in der kleinen Festung nun einmal nicht einrichten können , und da hat sie von ihrem Manne verlangt , er solle den Soldatenrock an den Nagel hängen und mit ihr nach Wien ziehen . Da soll es denn auf dem Schlosse einen großen Spektakel gegeben haben , die Liesel erzählte mir davon . Der Herr Leutnant hat erklärt , er wäre mit Leib und Seele Soldat , und sie habe gewußt , was er sei , da sie ihn genommen . Er bleibe Offizier auf alle Fälle . Die junge Frau hat gescholten und getobt und sich zuletzt aufs Bitten verlegt . Er ist aber fest geblieben und hat gesagt , das Weib müsse sich in dem Stande wohl fühlen , in dem der Mann einmal sei . Die Frau Baronin hat sich zuerst der Tochter verzweifeltes Wesen sehr zu Herzen genommen und hat dem Baron Vorschläge gemacht , ob er sich nicht zur Ruhe setzen und Eberhardt das Gut übergeben wollte . Das habe aber der Baron sowohl wie der Herr Leutnant zurückgewiesen , der Baron , weil er noch zu jung sei , um schon auf der Bärenhaut zu liegen , sein Schwiegersohn , weil er Soldat bleiben wolle . Na , schließlich hat Frau v. Bendeleben gemeint , das aufgeregte Wesen liege in dem Zustande der jungen Frau , und wenn sie erst ein Kindel auf den Armen wiege , werde sich das alles machen . Nun hat sie einen herzigen Buben , wie die Liesel sagt , und ' s ist halt noch die alte Komödie . Was draus wird , mag Gott wissen . Ich sag ' , was ich sag ' , die Strafe bleibt nicht aus , es ist ein gerechter Gott da droben . « Ich hatte die Hände gefaltet . » Armer , armer Eberhardt ! « dachte ich und malte mir aus , welche häuslichen Szenen er mit jener schönen , ruhelosen , exzentrischen Frau durchgemacht haben mußte . » Die Eltern haben ' s natürlich gar gern gesehen , wie sie sich mit dem schmucken Neffen verlobte « , fuhr Kathrin fort . » Es soll da allerhand passiert sein in ihrer ersten Ehe , die Leute munkeln so manches . Der Kutscher , der sie damals , als der Graf Satewski gestorben war , über Hals und Kopf von Wien hat herfahren müssen , soll wunderliche Brocken herumgestreut und sich manchmal pfiffig hinterm Ohr gekratzt haben . Na , der Herr Baron hat ihn auch gleich am andern Tage wieder zurückgeschickt , aber in ein paar Stunden kann einer viel säen , was nachher aufgeht . Ich will nichts gesagt haben , die Menschen sind halt schlecht und reden , was sie dermaleinst nicht verantworten können ; aber aus der Luft fällt so was auch nicht immer . « Ich konnte es diesmal kaum erwarten , nach dem Schlosse zu gehen . Ich mußte wissen , ob die junge Frau wirklich nach Wien gereist sei . Richtig , sie war fort , und Frau v. Bendeleben hatte bereits einmal die Stadt besucht , um zu sehen , wie es dem Enkelkinde erging . » Eberhardt ist rührend « , sagte sie , » er sitzt den ganzen Tag zu Hause , wenn er nicht im Dienste ist . Ich wünschte , Ruth hätte etwas von diesem Sinn für Häuslichkeit : das wilde Wiener Leben hat ihn aber gänzlich erstickt . Als Gräfin Satewski umgab sie ein kleiner Hof , und es muß ihr wohl schwer fallen , sich in die Stellung einer Leutnantsfrau zu finden . Ich hoffe , Eberhardt wird sich noch einmal bereden lassen und seinen Dienst quittieren . Wir gedenken ihm einst das Gut zu übergeben , einen Sohn haben wir doch nicht , und Ruth ist die Älteste und Eberhardt unser Neffe . Wenn sie es nur verstände , so lange ihren Wünschen den Zügel anzulegen . « » Sind schon Nachrichten aus Wien da ? « fragte ich . » Jawohl , ein Brief an Eberhardt , aber ein sehr kurzer . Sie schreibt nur über die Erbschaftsangelegenheit , die nicht günstig für sie ausgefallen zu sein scheint . Der Universalerbe der großen Reichtümer sei ein Neffe der alten Gräfin Satewski , der einzige Sohn ihres einzigen Bruders , den sie immer sehr geliebt habe , ein junger Fürst Bodresky . – Nun , ich halte es nicht für ein so großes Unglück . Ruth ist immerhin durch das Vermögen ihres verstorbenen Gatten eine sehr reiche Frau geworden . Ich begreife nicht , wie sie darauf kommt , zu denken , die Schwiegermutter könne ihr Reichtümer vererben , die sie doch den Satewskis erst zubrachte . Diese besaßen eigentlich gar nichts wie ihren alten Namen . Sogar das Hotel in Wien , in dem die Satewskis gewohnt haben , stammt von den Bodreskys her , und die Satewskischen Familiengüter waren mehr als verschuldet . Als die Fürstin Bodresky den Grafen Satewski heiratete , hat sie sie mit ihrem Vermögen vor dem gerichtlichen Verkauf bewahrt . Ruth erhielt bereits nach dem Tode ihres Mannes ein bedeutendes Kapital . Wie sie jetzt noch mehr erwarten kann , begreife ich nicht . Ich meine , sie hätte zufrieden sein können , sie hat von Haus aus Vermögen , sie hat Eberhardt geheiratet , der ebenfalls ganz ansehnliche Mittel besitzt – « Frau v. Bendeleben schwieg , als hätte sie bereits zuviel gesagt . In der Tat , so vertraut war sie noch nie mit mir gewesen . Sie mochte sich wohl nach irgend jemand sehnen , mit dem sie sich aussprechen konnte . Sie schien unruhig und schmerzlich bewegt zu sein , als ob eine innere Angst sie peinige . Ich brachte die Rede auf Hanna , ein paar Worte wurden über ihren letzten Brief gesagt , dann kam wieder Ruth in den Vordergrund . » Du glaubst nicht , Gretchen « , begann sie aufs neue , » was für einen grenzenlosen Kummer es mir macht , Wilhelm und Ruth nicht so miteinander zu wissen , wie es eigentlich sein sollte zwischen einem jungen Ehepaar . Ich kann mir wahrhaftig das Zeugnis geben , daß ich Ruth gewarnt habe , als Eberhardt so plötzlich mit seiner Werbung vor mir stand . Ich habe ihr gesagt , daß sie sich nicht wohl fühlen würde in den kleinen Verhältnissen einer Offiziersfrau . Aber sie lachte mich aus und behauptete , sie liebe ihn einmal , und ich solle ihr nicht darein reden . Im Grunde waren wir ja froh , daß sie gerade Eberhardt gewählt , und wir hatten schließlich die besten Hoffnungen . Allein kein Jahr dauerte es , da fand sie ihre Stellung bereits unerträglich und Eberhardt nicht für sie paffend , selbst das Kind ist ihr langweilig . – Oh , mein Gott , was soll nur daraus werden ! « Ich saß ganz starr dabei ; also ist es doch wahr , was die Leute munkeln und was ich in den ersten Minuten gefühlt hatte , die ich mit dem jungen Paare zusammen verlebte . Meine Gedanken eilten zu Eberhardt , ich sah ihn einsam an dem Bettchen seines Kindes , mit seinem trüben Gesicht – was mochte er für Qualen ausstehen , wenn er an sein Weib dachte ! » Ich will Ruth nicht allein die ganze Schuld zuwälzen « , fuhr Frau v. Bendeleben fort und trocknete sich eine Träne aus dem Auge . » Eberhardt mag kein feuriger Liebhaber sein , der ihr beständig zu Füßen liegt und sie anbetet , wie sie es zu verlangen scheint von ihrem Manne . Er ist schweigsam und finster geworden als Ehemann und tritt ihr öfter sehr schroff entgegen , allerdings wohl meistens mit Recht . Sie ist verwöhnt durch ihren ersten Mann , der sich vor seiner schönen Frau wie ein Sklave bückte , um den Pantoffel zu küssen . Diese scheinbare Unterwürfigkeit , dieses stete Entzücktsein über jede ihrer Launen und Kapricen vermißt sie bei Eberhardt , der ein ernster Mann ist und das Leben anders auffaßt wie ein leichtblütiger , halbpolnischer Edelmann . Ich glaube , dieses Zuckerbrot ist dem verwöhnten Kinde vollständig unentbehrlich , sie kann es nicht ertragen , nicht jeden Morgen und Abend eine neue Liebeserklärung von ihrem Manne zu hören , wozu er wiederum gar nicht angetan ist . Wenn sie doch nur erst wieder hier wäre ! « Es dauerte indessen noch lange , ehe der Himmel diese Bitte erfüllte . Der November ging vorüber mit seinen Stürmen , der Dezember brach kalt und klar an , und noch immer war die schöne Frau in Wien . » Meine Bekannten wollen mich gar nicht fortlassen « , schrieb sie ihrer Mutter . » Ich will auch diese Zeit benutzen , wer weiß , ob ich jemals wieder hierherkomme . Fürst Bodresky ist übrigens ein liebenswürdiger Mann , er hat mir während der Zeit meines Aufenthaltes das Palais Satewski vollständig zur Verfügung gestellt . Ich wohne wieder in meinen Zimmern , und wenn ich morgens erwache , so kommt es mir manchmal vor , als hätte ich alles das , was ich später erlebte , nur geträumt . Ein Hauch aus jener berauschenden Zeit , da ich noch die gefeierte Gräfin Satewski war , weht mir hier aus jedem Raume entgegen und läßt mich auf Stunden vergessen , daß in der engen , schmutzigen preußischen Festung Pflichten meiner harren , an deren Erfüllung ich nur mit Widerwillen und Beängstigung denke . – Die Freiheit ist doch zu wundervoll , und ich bin noch so jung ! « Frau v. Bendeleben las mir diese Stelle vor und brach dann in Tränen aus . Es rührte mich , diese stolze Frau so elend zu sehen . » Es geht nicht länger « , erklärte sie , » Eberhardt muß ein Machtwort sprechen . Auf mich hört sie nicht mehr . Ich habe ihn schon öfter gebeten , sie ernstlich aufzufordern , endlich wiederzukommen ; er hat es nicht gewollt . › Was soll es , wenn sie gezwungen zurückkommt , Mamachen ? ‹ sagte er dann . › Freiwillig muß sie kommen . ‹ – Ach , ich glaube , wenn er darauf wartet , so kehrt sie gar nicht zurück . Er muß jetzt energisch darauf dringen , schon der Leute wegen . « Sie setzte sich eben an den Schreibtisch und ergriff die Feder . Ich nahm meine Arbeit , als der Baron eintrat , ein geöffnetes Schreiben in der Hand . » Ein Brief von Eberhardt , Klothilde « , sagte er und reichte seiner Frau das Blatt hin . » Er scheint jetzt die Geduld zu verlieren und hat Ruth aufgefordert , zurückzukommen . Er scheint dies sehr kühl und bestimmt getan zu haben . Aber nach meiner Ansicht verfehlt er damit den Zweck . Sie will doch nun einmal keinen Gebieter , sondern einen Untertan in ihrem Manne sehen . Er schreibt : Ich habe Ruth ersucht , zurückzukehren um ihres Kindes willen . Vielleicht besitzt die Mahnung an das Mutterherz noch die Gewalt über sie , welche die schwache Leidenschaft für ihren Gatten nicht mehr übt . « Frau v. Bendeleben seufzte : » Es ist gut , daß er überhaupt den Wunsch ausspricht , sie wieder zu haben . Ich wollte , ich wüßte erst , was daraus wird ! « Ruth kam wirklich zurück , aber diese Wiederkehr war beinahe beleidigender für ihren Gatten , als wäre sie gar nicht gekommen . Gleich nach den Weihnachtsfeiertagen traf sie ein , sie hatte das schöne Fest in ihrem Reisewagen zugebracht und es verschmäht , ihrem Kinde die Lichter am Tannenbaum anzuzünden und sich an seinem Lächeln zu erfreuen und das Jauchzen des Kleinen zu hören , wenn er verlangend die Ärmchen nach den bunten Herrlichkeiten ausstreckte . Sie hatte ihren Gatten allein gelassen an dem Abend , wo doch selbst das ärmste Tagelöhnerweib von ihrer harten Arbeit feiert und sich mit dem Manne des Jubels der Kinder freut unter dem dürftigen Weihnachtsbaum . Allein gelassen an dem Abend , wo er ihr vielleicht um des Kindes willen noch einmal herzlich und freundlich entgegengetreten wäre ! Ich war außer mir , als ich es von Frau v. Bendeleben vernahm . Sie hatte ja ebenfalls bestimmt darauf gerechnet , daß Ruth noch vor dem Feste zurückkehren würde . Ich weinte beinahe Tränen der tiefsten Empörung . Aber wer konnte hier helfen ? Es blieb ja doch alles , wie es war . Wieder war es Frühling geworden , und als ich eines Nachmittags in das Schloß trat , waren eben Herr und Frau v. Eberhardt angekommen . Es berührte mich nicht angenehm . Ich hatte zwar Eberhardt öfter wiedergesehen , doch schien er immer sichtlich bemüht , mir auszuweichen . Auch ich war verschiedene Male wieder nach