- - - - - - - - - - - - - - - - - Tag um Tag schlich dahin , Woche um Woche , und immer noch saß ich in der Zelle . Um zwölf Uhr durften wir täglich hinunter in den Gefängnishof und mit anderen Untersuchungsgefangenen und Sträflingen zu zweit 40 Minuten im Kreis herumgehen auf der nassen Erde . Miteinander zu reden , war verboten . In der Mitte des Platzes stand ein kahler , sterbender Baum , in dessen Rinde ein ovales Glasbild der Muttergottes eingewachsen war . An den Mauern wuchsen kümmerliche Ligusterstauden , die Blätter fast schwarz vom fallenden Ruß . Ringsum die Gitter der Zellen , aus denen zuweilen ein kittgraues Gesicht mit blutleeren Lippen herunterschaute . Dann ging ' s wieder hinauf in die gewohnten Grüfte zu Brot , Wasser und Wurstabsud und sonntags zu faulenden Linsen . Erst einmal war ich wieder vernommen worden : Ob ich Zeugen hätte , daß mir » Herr « Wassertrum angeblich die Uhr geschenkt habe ? » Ja : Herrn Schemajah Hillel - - das heißt - nein « ( ich erinnerte mich , er war nicht dabei gewesen ) - - » aber Herr Charousek - nein , auch er war ja nicht dabei . « » Kurz : also niemand war dabei ? « » Nein , niemand war dabei , Herr Untersuchungsrichter . « Wieder das Gemecker hinter dem Schreibtisch und wieder das : » Führen Sie den Mann hinaus , Gefangenwärter ! « - - - Meine Besorgnis um Angelina war einer dumpfen Resignation gewichen : Der Zeitpunkt , wo ich um sie zittern mußte , war vorüber . Entweder Wassertrums Racheplan war längst geglückt , oder Charousek hatte eingegriffen , sagte ich mir . Aber die Sorge um Mirjam trieb mich jetzt fast zum Wahnsinn . Ich stellte mir vor , wie sie Stunde um Stunde darauf wartete , daß sich das Wunder erneuere , - wie sie früh am Morgen , wenn der Bäcker kam , hinauslief und mit bebenden Händen das Brot untersuchte , - wie sie vielleicht um meinetwillen vor Angst verging . Oft in der Nacht peitschte es mich aus dem Schlaf , und ich stieg auf das Wandbrett und starrte empor zu dem kupfernen Gesicht der Turmuhr und verzehrte mich in dem Wunsch , meine Gedanken möchten zu Hillel dringen und ihm ins Ohr schreien , er solle Mirjam helfen und sie erlösen von der Qual des Hoffens auf ein Wunder . Dann wieder warf ich mich auf das Stroh und hielt den Atem an , bis mir die Brust fast zersprang , - um das Bild meines Doppelgängers vor mich zu zwingen , damit ich ihn zu ihr schicken könnte als einen Trost . Und einmal war er auch erschienen neben meinem Lager mit den Buchstaben : Chabrat Zereh Aur Bocher in Spiegelschrift auf der Brust , und ich wollte aufschreien vor Jubel , daß jetzt alles wieder gut würde , aber er war in den Boden versunken , noch ehe ich ihm den Befehl geben konnte , Mirjam zu erscheinen . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Daß ich so gar keine Nachricht bekam von meinen Freunden ! Ob es denn verboten sei , einem Briefe zu schicken ? fragte ich meine Zellengenossen . Sie wußten es nicht . Sie hätten noch nie welche bekommen - allerdings wäre auch niemand da , der ihnen schreiben könnte , sagten sie . Der Gefangenwärter versprach mir , sich gelegentlich zu erkundigen . - - Meine Nägel waren rissig geworden vom Abbeißen und mein Haar verwildert , denn Schere , Kamm und Bürste gab es nicht . Auch kein Wasser zum Waschen . Fast ununterbrochen kämpfte ich mit Brechreiz , denn der Wurstabsud war mit Soda gewürzt statt mit Salz . - - Eine Gefängnisvorschrift , um dem » Überhandnehmen des Geschlechtstriebs vorzubeugen . « - - Die Zeit verging in grauer , furchtbarer Eintönigkeit . Drehte sich wie im Kreis wie ein Rad der Qual . Da gab es die gewissen Momente , die jeder von uns kannte , wo plötzlich einer oder der andere aufsprang und stundenlang auf und nieder lief wie ein wildes Tier , um sich dann wieder gebrochen auf die Pritsche fallen zu lassen und stumpfsinnig weiter zu warten - zu warten - zu warten . Wenn der Abend kam , zogen die Wanzen in Scharen gleich Ameisen über die Wände und ich fragte mich erstaunt , warum denn der Kerl in Säbel und Unterhosen mich so gewissenhaft ausgeforscht habe , ob ich kein Ungeziefer hätte . Fürchtete man vielleicht im Landesgericht , es könne eine Kreuzung fremder Insektenrassen entstehen ? Mittwoch vormittags kam gewöhnlich ein Schweinskopf herein mit Schlapphut und zuckenden Hosenbeinen : der Gefängnisarzt Dr. Rosenblatt , und überzeugte sich , daß alle vor Gesundheit strotzten . Und wenn einer sich beschwerte , gleichgültig worüber , so verschrieb er - Zinksalbe zum Einreiben der Brust . Einmal kam auch der Landgerichtspräsident - ein hochgewachsener , parfümierter Halunke der » guten Gesellschaft « , dem die gemeinsten Laster im Gesicht geschrieben standen , und sah nach , ob - alles in Ordnung sei : » ob sich noch immer kaner derhenkt hobe « , wie sich der Frisierte ausdrückte . Ich war auf ihn zugetreten , um ihm eine Bitte vorzutragen , da hatte er einen Satz hinter den Gefangenwärter gemacht und mir einen Revolver vorgehalten . - » Was ich denn wolle « , schrie er mich an . Ob Briefe für mich da seien , fragte ich höflich . Statt der Antwort bekam ich einen Stoß vor die Brust vom Herrn Dr. Rosenblatt , der gleich darauf das Weite suchte . Auch der Herr Präsident zog sich zurück und höhnte durch den Türausschnitt : - ich solle lieber den Mord gestehen . Eher bekäme ich in diesem Leben keine Briefe . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Ich hatte mich längst an die schlechte Luft und die Hitze gewöhnt und fröstelte beständig . Selbst , wenn die Sonne schien . Zwei der Gefangenen hatten schon einige Male gewechselt , aber ich achtete nicht darauf . Diese Woche waren es ein Taschendieb und ein Wegelagerer , das nächste Mal ein Falschmünzer oder ein Hehler , die hereingeführt wurden . Was ich gestern erlebte , war heute vergessen . Gegen das Wühlen der Sorge um Mirjam verblaßten alle äußeren Begebenheiten . Nur ein Ereignis hatte sich mir tiefer eingeprägt - es verfolgte mich zuweilen als Zerrbild bis in den Traum . Ich hatte auf dem Wandbrett gestanden , um hinauf in den Himmel zu starren , da fühlte ich plötzlich , daß mich ein spitzer Gegenstand in die Hüfte stach , und als ich nachsah , bemerkte ich , daß es die Feile gewesen war , die sich mir durch die Tasche zwischen Rock und Futter gebohrt hatte . Sie mußte schon lange dort gesteckt haben , sonst hätte sie der Mann in der Flurstube gewiß bemerkt . Ich zog sie heraus und warf sie achtlos auf meinen Strohsack . Als ich dann herunterstieg , war sie verschwunden , und ich zweifelte keinen Augenblick , daß nur Loisa sie genommen haben konnte . Einige Tage später holte man ihn aus der Zelle , um ihn einen Stock tiefer unterzubringen . Es dürfe nicht sein , daß zwei Untersuchungsgefangene , die desselben Verbrechens beschuldigt wären , wie er und ich , in der gleichen Zelle säßen , hatte der Gefangenwärter gesagt . Aus ganzem Herzen wünschte ich , es möchte dem armen Burschen gelingen , sich mit Hilfe der Feile zu befreien . Mai Auf meine Frage , welches Datum denn wäre - die Sonne schien so warm wie im Hochsommer und der müde Baum im Hof trieb ein paar Knospen - hatte der Gefangenwärter zuerst geschwiegen , dann aber mir zugeflüstert , es sei der 15. Mai . Eigentlich dürfe er es nicht sagen , denn es sei verboten , mit den Gefangenen zu sprechen , - insbesondere solche , die noch nicht gestanden hätten , müßten hinsichtlich der Zeit im unklaren gehalten werden . Drei volle Monate war ich also schon im Gefängnis und noch immer keine Nachricht aus der Welt da draußen . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Wenn es Abend wurde , drangen leise Klänge eines Klaviers durch das Gitterfenster , das jetzt an warmen Tagen offen war . Die Tochter des Beschließers unten spiele , hatte mir ein Sträfling gesagt . - - Tag und Nacht träumte ich von Mirjam . Wie es ihr wohl ging ? ! Zuzeiten hatte ich das tröstliche Gefühl , als seien meine Gedanken zu ihr gedrungen und stünden an ihrem Bette , während sie schlief , und legten ihr lindernd die Hand auf die Stirne . Dann wieder , in Momenten der Hoffnungslosigkeit , wenn einer nach dem andern meiner Zellengenossen zum Verhör gefuhrt wurde , - nur ich nicht , - drosselte mich eine dumpfe Furcht , sie sei vielleicht schon lange tot . Da stellte ich dann Fragen an das Schicksal , ob sie noch lebe oder nicht , krank sei oder gesund , und die Anzahl einer Handvoll Halme , die ich aus dem Strohsack riß , sollte mir Antwort geben . Und fast jedesmal » ging es schlecht aus « , und ich wühlte in meinem Innern nach einem Blick in die Zukunft ; - suchte meine Seele , die mir das Geheimnis verbarg , zu überlisten durch die scheinbar abseits liegende Frage , ob wohl für mich dereinst noch ein Tag kommen würde , wo ich heiter sein und wieder lachen könnte . Immer bejahte das Orakel in solchen Fällen , und dann war ich eine Stunde lang glücklich und froh . Wie eine Pflanze heimlich wächst und sproßt , war allmählich in mir eine unbegreifliche , tiefe Liebe zu Mirjam erwacht , und ich faßte es nicht , daß ich so oft hatte bei ihr sitzen und mit ihr reden können , ohne mir damals schon klar darüber geworden zu sein . Der zitternde Wunsch , daß auch sie mit gleichen Gefühlen an mich denken möchte , steigerte sich in solchen Augenblicken oft bis zur Ahnung der Gewißheit , und wenn ich dann auf dem Gange draußen einen Schritt hörte , fürchtete ich mich beinahe davor , man könnte mich holen und freilassen und mein Traum würde in der groben Wirklichkeit der Außenwelt in nichts zerrinnen . Mein Ohr war in der langen Zeit der Haft so scharf geworden , daß ich auch das leiseste Geräusch vernahm . Jedesmal bei Anbruch der Nacht hörte ich in der Ferne einen Wagen fahren und zergrübelte mir den Kopf , wer wohl dann sitzen möchte . Es lag etwas seltsam Fremdartiges in dem Gedanken , daß es Menschen gab da draußen , die tun und lassen durften , was sie wollten , - die sich frei bewegen konnten und da und dort hingehen , und es dennoch nicht als unbeschreiblichen Jubel empfanden . Daß auch ich jemals wieder so glücklich werden würde , im Sonnenschein durch die Straßen wandern zu können - - ich war nicht mehr imstande , es mir vorzustellen . Der Tag , an dem ich Angelina in den Armen gehalten , schien mir einem längstverflossenen Dasein anzugehören ; - ich dachte daran zurück mit jener leisen Wehmut , wie sie einen beschleicht , wenn man ein Buch aufschlägt und findet dann welke Blumen , die einst die Geliebte der Jugendjahre getragen hat . Ob wohl der alte Zwakh noch immer Abend für Abend mit Vrieslander und Prokop beim » Ungelt « saß und der vertrockneten Eulalia das Hirn konfus machte ? Nein , es war doch Mai - die Zeit , wo er mit seinem Marionettenkasten durch die Provinznester zog und auf grünen Wiesen vor den Toren den Ritter Blaubart spielte . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Ich saß allein in der Zelle . - Vóssatka , der Brandstifter , mein einziger Gefährte seit einer Woche , war vor ein paar Stunden zum Untersuchungsrichter geholt worden . Merkwürdig lange dauerte diesmal sein Verhör . Da . Die eiserne Vorlegstange klirrte an der Tür . Und mit freudestrahlender Miene stürmte Vóssatka herein , warf ein Bündel Kleider auf die Pritsche und begann , sich mit Windeseile umzukleiden . Den Sträflingsanzug warf er Stück für Stück mit einem Fluch auf den Boden . » Nix hamms mer beweisen könna , dö Hallodri . - Brandstiftung ! - Ja doder « er zog mit dem Zeigefinger an seinem unteren Augenlid . » Auf den schwarzen Vóssatka sans jung . - Der Wind war ' s , hab i g ' sagt . Und bi fest blimm . Den kennens iazt eispirrn , wanns ' n derwischen - den Herrn von Wind . - No servus heit abend ! - Do werd aufdraht . Beim Loisitschek . « - Er breitete die Arme aus und tanzte einen » G ' strampften « . - » Nur einmahl im Leböhn blie-het der Mai . « Er stülpte sich mit einem Krach einen steifen Deckel mit einer kleinen blaugesprenkelten Nußhäherfeder darauf über den Schädel . - » Ja , richtig , das wird Ihna intrissirn , Herr Graf : wissens was Neies ? Eana Freund , der Loisa , is ausbrochen ! - Grad hab i ' s erfahrehn oben bei die Hallodri . Schon vurigen Monat - gegen Uldimoh hat er das Weide gesucht und ist längst ieber - pbhuit « - er schlug sich mit den Fingern auf den Handrücken - » ieber alle Bergöh . « - » Aha , die Feile « , dachte ich mir und lächelte . » Alsdann haltens Ihna jetzt auch bald dazu , Herr Graf , « der Brandstifter streckte mir kameradschaftlich die Hand hin , » daß Sie möglichst bei Zeitöhn freikommen . - Und wenn Sie mal kein Geld nicht habehn , fragen Sie sich nur beim Loisitschek nach dem schwarzen Vóssatka . - Kennte mich jedes Mädel durten . So ! - Alsdann Servus , Herr Graf . War mir ein Vergniegen . « Er stand noch in der Türe , da schob der Wärter schon einen neuen Untersuchungsgefangenen in die Zelle . Auf den ersten Blick erkannte ich in ihm den Schlot mit der Soldatenmütze , der einmal neben mir bei Regenwetter in dem Torbogen der Hahnpaßgasse gestanden hatte . Eine freudige Überraschung ! Vielleicht wußte er zufällig etwas über Hillel und Zwakh und alle die andern ? Ich wollte sofort anfangen , ihn auszufragen , aber zu meinem größten Erstaunen legte er mit geheimnisvoller Miene den Finger an den Mund und bedeutete mir , ich solle schweigen . Erst als die Tür von außen abgesperrt und der Schritt des Gefangenwärters auf dem Gange verhallt war , kam Leben in ihn . Mir schlug das Herz vor Aufregung . Was sollte das bedeuten ? Kannte er mich denn , und was wollte er ? Das erste , was der Schlot tat , war , daß er sich niedersetzte und seinen linken Stiefel auszog . Dann zerrte er mit den Zähnen einen Stöpsel aus dem Absatz , entnahm dem entstandenen Hohlraum ein kleines gebogenes Eisenblech , riß die anscheinend nur locker befestigte Schuhsohle ab und reichte mir beides mit stolzer Miene hin . - Alles in Windeseile und ohne auf meine erregten Fragen auch nur im geringsten zu achten . » So ! Einen schönen Gruß vom Herrn Charousek . « Ich war so verblüfft , daß ich kein Wort herausbringen konnte . - » Brauchens ' bloß Eisenblechl nähmen und Sohlen ausanand brechen in der Nacht . Oder wann sunst niemand siecht . - Ise nämlich hohl inewändig « - erklärte der Schlot mit überlegener Miene , » und finden Sie sich drinn eine Brieffel von Herrn Charousek . « Im Übermaß meines Entzückens fiel ich dem Schlot um den Hals , und die Tränen stürzten mir aus den Augen . Er wehrte mich voll Milde ab und sagte vorwurfsvoll : » Missen sich mehr zusammennähmen , Herr von Pernath ! Mir habens me nicht eine Minutten zum Zeitverlieren . Es kann sich soffort herauskommen , daß ich in der falschen Zellen bin . Der Franzl und ich habens me unt beim Pordjöh die Nummern mitsamm vertauscht . « - Ich mußte wohl ein sehr dummes Gesicht gemacht haben , denn der Schlot fuhr fort : » Wann Sie das auch nicht verstähn , macht nix . Kurz : ich bin hier , Pasta ! « » Sagen Sie doch , « fiel ich ihm ins Wort , » sagen Sie doch , Herr - - Herr - - - « » Wenzel , « - half mir der Schlot aus , » ich heiß ' der schöne Wenzel . « » Sagen Sie mir doch , Wenzel , was macht der Archivar Hillel , und wie geht es seiner Tochter ? « » Dazu ist jetz keine Zeit nicht « , unterbrach mich der schöne Wenzel ungeduldig . » Ich kann ich doch im näxen Augenblick herausgeschmissen werden . - Also : ich bin ich hier , weil ich einen Raubanfall extra eingestanden hab - - « » Was , Sie haben bloß meinetwegen , und um zu mir kommen zu können , einen Raubanfall begangen , Wenzel ? « fragte ich erschüttert . Der Schlot schüttelte verächtlich den Kopf : » Wenn ich wirklich einen Raub auf all begangen hätt , mecht ich ihm doch nicht eingestähen . Was glauben Sie von mir ! ? « Ich verstand allmählich : - der brave Kerl hatte eine List gebraucht , um mir den Brief Charouseks ins Gefängnis zu schmuggeln . » So ; zuverderscht « - er machte ein äußerst wichtiges Gesicht - » muß ich Ihnen Unterricht in der Ebilebsie gäben . « » Worin ? « » In der Ebilebsie ! - Gäbm S ' amal scharf Obacht und merkens Ihna alles genau ! - Alsdann schaugens här : Zuerscht macht me Speichel in der Goschen ; « - er blies die Backen auf und bewegte sie hin und her , wie jemand , der sich den Mund ausspült - » dann kriegt me Schaum vorm Maul , sengen S ' so « : - er machte auch dies . Mit widerwärtiger Natürlichkeit . » Nachhe drehte ma die Daumen in die Faust . - Nachhe kugelt me die Augen raus « - er schielte entsetzlich - » und dann - das ise sich bisl schwär - stoßt me so halbeten Schrei aus . Segen S ' , so : Bö - bö - bö , und gleichzeitig fallt me sich um . « Er ließ sich der Länge nach zu Boden fallen , daß das Haus zitterte , und sagte beim Aufstehen : » Das ise sich die natierliche Ebilebsie , wie ' s uns der Dr. Hulbert gottsälig beim Bataljohn gelernt hat . « » Ja , ja , es ist täuschend ähnlich , « gab ich zu , » aber wozu dient das alles ? « » Weil Sie sich zuerscht aus der Zellen rausmissen ! « , erklärte der schöne Wenzel . » Der Dr. Rosenblatt is doch ein Mordsochs ! Wenn einer schon gar kan Kopf mehr hat , sagt der Rosenblatt immer noch : der Mann ise sich pumperlgesund ! - Nur vor die Ebilebsie hat e ' an Viechsräschpäkt . Wann aner daas gut kann : gleich ise drieben in der Krankenzelle . - - Und da ise sich das Ausbrechen dann ein Kinderspielzeug ; « - er wurde tief geheimnisvoll - » den Fenstergitter in der Krankenzelle ise nämlich durchgesägt und nur schwach mit Dreck zusammengepappt . - Es ise sich das ein Geheimnis vom Bataljohn ! - Sie brauchen dann bloß ein paar Nächte scharf aufpassen und , wenn Sie eine Seilschlingen vom Dach herunter bis vors Fenster kommen segen , heben Sie leise den Gitter aus , damit niemand nicht aufwacht , steckens die Schultern in die Schlinge , und mir ziegen Ihnen hinauf aufs Dach und lassen Ihnen auf der andern Seiten hinunter auf die Straßen . - Pasta . « » Weshalb soll ich denn aus dem Gefängnis ausbrechen ? « wandte ich schüchtern ein , » ich bin doch unschuldig . « » Das ise doch kein Grund , um nicht auszubrechen ! « , widerlegte mich der schöne Wenzel und machte vor Erstaunen kreisrunde Augen . Ich mußte meine ganze Beredsamkeit aufbieten , um ihm den verwegenen Plan , der , wie er sagte , das Resultat eines » Bataillons « beschlusses war , auszureden . Daß ich » die Gabe Gottes « von der Hand wies und lieber warten wollte , bis ich von selbst freikommen würde , war ihm unbegreiflich . » Jedenfalls danke ich Ihnen und Ihren braven Kameraden auf das allerherzlichste , « sagte ich gerührt und drückte ihm die Hand . » Wenn die schwere Zeit für mich vorüber ist , wird es mein erstes sein , mich Ihnen allen erkenntlich zu zeigen . « » Ise gar nicht nätig « , lehnte Wenzel freundlich ab . » Wann Sie ein paar Glas Pils zahlen , nähmen wir sich dankbar an , abe sunst nix . Pan Charousek , was ise jetz Schatzmistr vom Bataljohn hat e ' uns schon erzählt , was Sie für ein heimlicher Wohltäter sin . Soll ich ihm was ausrichten , wenn ich in paar Täg wieder herauskomm ? « » Ja , bitte , « fiel ich rasch ein , » sagen Sie ihm , er möchte zu Hillel gehen und ihm mitteilen , ich hätte soviel Angst wegen der Gesundheit seiner Tochter Mirjam . Herr Hillel solle sie nicht aus den Augen lassen . - Werden Sie sich den Namen merken ? : Hillel ! « » Hirräl ? « » Nein : Hillel . « » Hillär ? « » Nein : Hill-el . « Wenzel zerbrach sich fast die Zunge an dem für einen Tschechen unmöglichen Namen , aber schließlich bewältigte er ihn doch unter wilden Grimassen . » Und dann noch eins : Herr Charousek möge - ich lasse ihn herzlich drum bitten - sich auch , soweit es in seiner Macht steht , der » vornehmen Dame « - er weiß schon , wer darunter zu verstehen ist - annehmen . « » Sie meinen sich wahrscheinlich die adlige Flietschen , die was da Gspusi ghabt hat mit dem Niemetz - dem Dr. Sapoli ? - No , die hat sich doch scheiden lassen und ise mit dem Kind und dem Sapoli fürt . « » Wissen Sie das bestimmt ? « Ich fühlte meine Stimme zittern . So sehr ich mich um Angelinas willen freute , - es krampfte mir doch das Herz zusammen . Wieviel Sorge hatte ich ihretwegen getragen und jetzt - - - war ich vergessen . Vielleicht glaubte sie , ich sei wirklich ein Raubmörder . Ein bitterer Geschmack stieg mir in die Kehle . Der Schlot schien mit dem Feingefühl , das verwahrlosten Menschen seltsamerweise eigen ist bei allen Dingen , die sich um Liebe drehen , erraten zu haben , wie mir zumute war , denn er blickte scheu weg und antwortete nicht . » Wissen Sie vielleicht auch , wie es Herrn Hillels Tochter , dem Fräulein Mirjam geht ? Kennen Sie sie ? « , fragte ich gepreßt . » Mirjam ? Mirjam ? « - Wenzel legte sein Gesicht in nachdenkliche Falten - » Mirjam ? - Gäht sich die öfters in der Nacht zum Loisitschek ? « Ich mußte unwillkürlich lächeln . » Nein . Bestimmt nicht . « » Dann kenn ich sie nicht « , sagte Wenzel trocken . Wir schwiegen eine Weile . Vielleicht steht in dem Briefchen etwas über sie , hoffte ich . » Daß den Wassertrum der Deiwel g ' holt hat « , fing Wenzel plötzlich wieder an , » wärden Sie sich wohl schon gehärt haben ? « Ich fuhr entsetzt auf . » No ja . « - Wenzel deutete auf seine Kehle . - » Murxi , murxi ! Ich sag ich Ihnän ; es war Ihnän schaislich . Wie sie den Laden aufgebrochen haben , weil er sich paar Täg nicht hat segen lassen , war ich natierlich der erschte drin ; - wie denn nicht ! - Und da hat e ' durten g ' sässen , der Wassertrum , in einem dreckigen Lähnsessel , die Brust voller Blut und die Augen wie aus Glas . - - - Wissen S ' , ich bin ich ein handfeste Kerl , aber mir hat sich alles gedräht , sag ich Ihnän , und ich hab ' gemeint , ich hau ich ohnmächtig hi-iin . Furt ' a furt ' hab ' ich mir vorsagen missen : Wenzel , hab ' ich mir vorg ' sagt , Wenzel , reg ' dich nicht auf , es is doch bloß ein toter Jud . - Er hat eine Feile in der Kehle stecken gehabt und im Laden war sich alles umedum geschmissen . - Ein Raubmord natierlich . « » Die Feile ! Die Feile ! « Ich fühlte , wie mir der Atem kalt wurde vor Grausen . Die Feile ! So hatte sie also doch ihren Weg gefunden ! » Ich weiß ich auch , wer ' s war « , fuhr Wenzel nach einer Pause halblaut fort . » Niemand anders , sag ich Ihnän , als der blattersteppige Loiso . - Ich hab ' ich nämlich sein Taschenmesser auf dem Boden im Laden entdeckt und rasch eing ' stäckt , damit sich die Polizei nicht draufkommt . - Er ise sich durch einen unterirdischen Gang in den Laden - - - « er brach mit einem Ruck seine Rede ab und horchte ein paar Sekunden lang angestrengt , dann warf er sich auf die Pritsche und fing an , fürchterlich zu schnarchen . Gleich darauf klirrte das Vorhängeschloß und der Gefängniswärter kam herein und musterte mich argwöhnisch . Ich machte ein teilnahmsloses Gesicht und Wenzel war kaum zu erwecken . Erst nach vielen Püffen richtete er sich gähnend auf und taumelte , gefolgt von dem Wärter , schlaftrunken hinaus . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Fiebernd vor Spannung faltete ich Charouseks Brief auseinander und las : Den 12. Mai . » Mein lieber armer Freund und Wohltäter ! Woche um Woche habe ich gewartet , daß Sie endlich freikommen würden , - immer vergebens , - habe alle möglichen Schritte versucht , um Entlastungsmaterial für Sie zu sammeln , aber ich fand keins . Ich bat den Untersuchungsrichter , das Verfahren zu beschleunigen , aber jedesmal hieß es , er könne nichts tun - es sei Sache der Staatsanwaltschaft und nicht die seinige . Amtsschimmel ! Eben erst , vor einer Stunde , gelang mir jedoch etwas , von dem ich mir den besten Erfolg erhoffe : ich habe erfahren , daß Jaromir dem Wassertrum eine goldene Taschenuhr , die er nach der damaligen Verhaftung seines Bruders Loisa in dessen Bett gefunden hatte , verkauft hat . Beim Loisitschek , wo , wie Sie wissen , die Detektivs verkehren , geht das Gerücht , man hätte die Uhr des angeblich ermordeten Zottmann - dessen Leiche übrigens noch immer nicht entdeckt ist - als corpus delicti bei Ihnen gefunden . Das übrige reimte ich mir zusammen : Wassertrum et cetera ! Ich habe mir Jaromir sofort vorgenommen , ihm 1000 fl . gegeben - - « Ich ließ den Brief sinken , und die Freudentränen traten mir in die Augen : nur Angelina konnte Charousek die Summe gegeben haben . Weder Zwakh , noch Prokop , noch Vrieslander besaßen so viel Geld . - Sie hatte mich also doch nicht vergessen ! - Ich las weiter : » - 1000 fl . gegeben und ihm weitere 2000 fl . versprochen , wenn er mit mir sofort zur Polizei ginge und eingestünde , die Uhr seinem Bruder zu Hause entwendet und verkauft zu haben . Das alles kann aber erst geschehen , wenn dieser Brief durch Wenzel bereits an Sie unterwegs ist . Die Zeit reicht nicht aus . Aber seien Sie versichert : es wird geschehen . Heute noch . Ich bürge Ihnen dafür . Ich zweifle keinen Augenblick , daß Loisa den Mord begangen hat und die Uhr die Zottmanns ist . Sollte sie es wider Erwarten nicht sein , - nun , dann weiß Jaromir , was er zu tun hat : - Jedenfalls wird er sie als die bei Ihnen gefundene agnoszieren . Also : harren Sie aus und verzweifeln Sie nicht ! Der Tag , wo Sie frei sein werden , steht vielleicht bald bevor . Ob trotzdem ein Tag kommen wird , wo wir uns wiedersehen ? Ich weiß es nicht . Fast möchte ich sagen : ich glaube es nicht , denn mit mir geht ' s rasch zu Ende , und ich muß auf der Hut sein