spät - er stieß sie fast hinweg - er umkrallte den Rand des offenen Schiebefaches ... » Was willst Du ? ... Hier ist Allerts Brief ... , « schrie sie . Er dachte nicht mehr an Allert - oder nicht mehr an ihn allein - da waren andere Handschriften - in Bündeln , wohlgehäuft , lagen sie da - das Herz und Hirn seiner Frau spiegelten sie - hineinsehen konnte er nun - wissen , wissen , wissen - - Sie rang mit ihm . Umsonst . Und endlich kauerte sie , die Ellbogen auf den Knien , das Gesicht in den Händen , auf dem Rand des Ruhebettes . Nicht mehr eine Verführerin , sondern ein für den Augenblick geschlagenes Weib , das nun trachtete , sich zu sammeln , seine Hilfskräfte zu bedenken , sich klarzumachen , wie der Mann dennoch zu besiegen sei ... Dieser bettelhafte Mann . Oder war er nicht mehr der gierig Verlangende , von ihrer Gnade Lebende - vor ihrem Blick Zitternde ? - Nicht mehr ? Er saß vor dem Schreibtisch - über die aufgezogene Schublade geneigt - die wie ein Stück entblößtes , aufgewühltes Dasein war . Feine Goldfäden wurden zerrissen - sauber geordnete Briefbündel glitten auseinander , als seien sie in lauter kleine Schollen aufgelöst worden - aus ihren glatten , stillen , weißen , flachen Lagern standen die Worte wieder auf , die ihr Leben nur durch die Augen haben , die sie liest - die nicht sind , wenn das Papier nicht entfaltet wird , darauf sie sich hinreihen . Hier waren aber kalte , feste Finger , die aus dem Spaltenmund dereinst in fiebernder Wonne geöffneter Umschläge nun die zusammengelegten Bogen nahmen . Hier waren stechende Blicke , die in furchtbarer Ruhe lasen . - - Die Minuten liefen . Außer dem Rascheln der Papiere kein Laut . Die Frau seufzte nicht einmal - sie horchte - sie dachte - sie erwog . - Und da stand er auf . Befreit . Ein Mann . Er fühlte keinen Schmerz - noch nicht - in dieser Stunde noch nicht . Ganz wunderbar beschwingt und erlöst war ihm . Er hatte seine Hörigkeit zerbrochen . Nicht einmal Liebeshaß war in ihm - nur das Gefühl , daß irgend etwas Ungeheures von ihm genommen , daß Schimpfliches zu Ende sei . Eine Schmach beendet . Er ging auf die Frau zu . Sie erhob ihr Gesicht aus den Händen und sah ihn an . » Laß mich Dir sagen ... « » Nichts ! « unterbrach er sie ; » Du wirst zu tun haben , was ich Dir befehle . Es mag jetzt halb elf - elf sein - in einer halben Stunde kannst Du das Nötige gepackt haben . Um Mitternacht gehen Züge - einerlei wohin - nach Köln , nach Frankfurt - oder Du kannst nach Altona hinüber fahren , im Hotel bleiben , morgen früh reisen - - « » Aber laß doch mich ... « » Nichts ! « sagte er . Und er sah sie an - mit seinen hellen Augen - fest , kalt - erstaunt fast - und langsam quoll nun doch etwas in ihm auf - als Vorbote künftigen Grames : ein furchtbarer Zorn gegen die Frau , die auch Mutter war ... Er sah diese arme , junge , hochaufgeschossene Ingeborg , die immer verlegen war und sich überflüssig fühlte neben der schönen Mutter - und er sah das dunkeläugige Kind mit dem spanischen Namen und dem tollen Temperament - - Sie erkannte einen Wechsel in seinem Auge . Daß da was aufglomm . Es wirkte furchtbar . Und eine wahnwitzige Idee zuckte durch ihr Hirn . Wenn er haßte , sich rächen , sich von ihr befreien wollte ... Er brauchte nicht Dolche und Kugel . Er beherrschte eine fürchterliche Wissenschaft - sie machte ihn , wenn er wollte , zum Herrn über Leben und Tod - leise , unentdeckbar , konnte er hinwegräumen , was seiner Rache verfallen war . Sie fror vor Angst . Und wenn sie auch in dieser Stunde so lange rang und flehte und log und verführte , bis ihr Sieg ward . - - Er konnte morgen , in wiedererwachendem Haß , ihre Speisen mischen und ihr jeden Trunk zu einem schleichenden Todesurteil machen . Dieser Wahnsinn - diese Furcht vor der Rache eines , den sie feige gekannt , brach ihren Willen - gab ihm die neue Richtung : nur fort - fort - - um ihr Leben schien es zu gehen - nur fort . - - Sie erhob sich . Mit ihrer letzten Kraft versuchte sie Hochmut zu heucheln . » Geh , « sagte er . Und sie ging . Allert war von jener merkwürdigen Gefaßtheit wie gebunden , die so oft einem großen Schreck nachfolgt . Ganz erstaunlich kaltblütig und ruhig fühlte er sich , als er langsam die Treppen hinunterging . Er ging nach Hause . Es war weit . Das gelassene Dahinschreiten tat gut . Er fragte sich : und jetzt ? Das nächste war klar : an Patow schreiben : Komme sofort und stehe mir in einer Ehrensache bei . Von heute auf morgen ließ die sich natürlich nicht abwickeln . Wen hatte denn Dorne ? Hier keinen Menschen . Er gehörte einer schlagenden Verbindung an . Er mußte sich einen von seinen alten Korpsbrüdern herbeizitieren . Also das gab eine Verzögerung . Und die schien zunächst das allerärgerlichste . Eine Beleidigung soll sofort abgewaschen werden - solange sie es nicht ist , brennt sie wie Feuer weiter - Der Kerl war verrückt ! dachte Allert kräftig . Nun , das sind die Sinnlosen ja immer . Aber ihre Taten ziehen die Besonnenen mit in den Wirbel und Abgrund . Allert fühlte voll Empörung , daß er nicht die mindeste Lust habe , sich totschießen oder schwer verwunden zu lassen . Wegen so einer Frau ! Das war denn doch zu toll . Ihm fiel ein weiser Ausspruch ein , den Fritz Patow früher mal getan : Bei wirklich schuldvollen und gefährlichen Geschichten hat man viel mehr Sicherheit als bei bloßen Unvorsichtigkeiten ! Schuld meidet eben den Schein , die Unbefangenen tappen oft zu dumm in was ' rein . Und hier konnte ja nicht einmal von Unvorsichtigkeit und dummem Hineintappen die Rede sein . Auf welche Weise hätte er sich denn diesem Zusammensein entziehen sollen ? Er war doch an den Mann gekettet . Da ließ es sich schwer einrichten , die Frau zu meiden . Daß die Eifersucht des Mannes sich so jäh gegen ihn gewendet hatte , war Allert nicht sehr verwunderlich . Da hatte eine Zündschnur lange geglimmt und das Feuer des Argwohns sich allmählich herangefressen an den Sprengstoff . Dem armen Menschen konnte man aber jetzt seinen bösen Irrtum nicht klarmachen . Vor der Hand handelte es sich einzig um seine eigene verletzte Ehre und darum , die erfahrene Beschimpfung abzuwehren . Allert schüttelte den Kopf . Es gibt wahnwitzige Sachen , dachte er . Wie lange , wie oft war dieser Ehemann wohl blind gewesen . Und nun - ausgerechnet diesmal , wo keine Ursache war ... Es hätte nicht viel gefehlt , daß Allert auflachte . In allem ist auch immer eine verborgene Komik . Die spürte Allert stets deutlich heraus , dazu hatte er ein förmliches Talent . Aber diese Geschichte ging ihn denn doch zu peinlich nah an , als daß er sich wohlgefällig am Grotesken darin hätte erbauen können ... Ihm kam die Frage : wie die zwei nun wohl miteinander abrechnen ? Welcher Genuß für die Frau , welche famose Chance , als unschuldig Angeklagte aufzutrumpfen ! Um danach und dadurch sich desto sicherer als Herrin dieses hörigen Sklaven zu fühlen . Na , immer zu . Jeder Mann hat die Frau , die er verdient ... Man kann zu einer kommen , die man nicht verdient hat - aber was man dann behält , das ist eben nicht mehr Sache des Schicksals , sondern des Charakters . Seine Gedanken verließen das Ehepaar und begannen wieder die Regelung der Ehrenfrage zu umkreisen . Allert wußte , daß er von dem Augenblick an , wo er Patow bitten mußte : nimm das in die Hand - ordne das ! eigentlich willenlos wurde . Dann hatte er sich ganz einfach in das zu fügen , was seine Sekundanten ausmachten ... Eine rasende Ungeduld stieg in ihm auf . Daß man nicht gleich und ganz primitiv sich selbst seine Genugtuung nehmen konnte ! - Er beneidete dem Mann aus dem Volke sein Faustrecht . - Dem Beleidiger auf der Stelle einbläuen dürfen : was unterstehst Du Dich ! Wie entladend , wie herrlich entspannend mußte das sein . Nun hieß es schwüle Tage voll qualvoller Stimmungen ertragen . Allert dachte daran , daß sein Dasein doch gerade in diesem Augenblick sehr reich sei - Kampf um Erfolg - Kampf um ein Weib . Ja , rechtes Mannesleben war das . Und nun ? Sollte eine Ironie des Schicksals all das enden ? Sollte er , gerade er seine Brust den Schüssen darbieten , die zukömmlichere Ziele bei anderen Gelegenheiten hätten finden können ? Nein . Ein unzerstörbares Vorgefühl sagte ihm , daß er nicht an einer Albernheit scheitern würde . Die Geschichte würde sich ordnungsgemäß abwickeln ; man schösse vielleicht ein paar Löcher in die Luft - hüben und drüben - denn der zur Besinnung gekommene Dorne würde ja wohl nicht an ihm zum Mörder werden wollen , und er selbst hatte nicht die mindeste Lust , dem Gatten der lüsternen Frau Julia das Leben zu nehmen . Also das mußte nun mit anständiger Haltung - zu der vor allem Geduld gehörte - durchgemacht werden . Und dann Schluß - Er kam so , in überlegener Fassung , in seine Wohnung . Die paar Zeilen an den Vetter Hauptmann waren rasch entworfen - ein Ruf , daß Fritz so schleunig als möglich sich herbeibemühen möge . Schererei für Fritz , dachte er . Sekundant sein , ist immer lästig - freilich , es gibt auch da freudige Spezialisten - aber so einer war ja Fritz Patow nicht . Nun , er würde aber die Situation mit Würde beherrschen . Plötzlich fiel Allert ganz etwas anderes ein . Und er blieb wie versteinert stehen - gerade vor dem Briefkasten , in den er das Schreiben an Fritz werfen wollte - die nächtliche Straße war so einsam - und durch ihre Stille kamen deutlich die Geräusche - wie sich wenige Figuren von einem leeren Hintergrunde genauer abheben als vor einem Menschengewühl - das pünktliche Stampfen irgendeiner Maschine - das rasche , puffende Ausstoßen von Dämpfen aus einem Ventil - wie aus keuchender Menschenbrust kam das . Allert hörte ein Weilchen zu , wie um den Gedanken , die ihn so schreckhaft überfallen hatten , erst noch Sammlung zu gönnen . Ein greller Pfiff , den eine Dampfpfeife irgendwo auf dem Kanal oder in einer Fabrik hinausschrie , riß ihn dann aus dieser Pause - Was hieß das : und dann Schluß ! ? - Er konnte ja gar nicht mit dem Manne Schluß machen . Solche Teilhaberschaft löst sich nicht von heute auf morgen ! Ganz abgesehen von dem schlechten Eindruck in der Geschäftswelt ... Ende November hatte man sich zusammengetan - im April lief man wieder auseinander ? Nein - ganz einfach - das war unmöglich . Das hätte die Firma in einen zweifelhaften Ruf gebracht - das hieße , alles an junger Ehre , erwachendem Ansehen , aufsprießender Ernte preisgeben , was man in vier Jahren sich blutsauer erkämpft ... Und viel mehr noch : nicht nur um des Ansehens willen , des moralischen Kredits halber konnte er sich nicht von diesem Teilhaber trennen . Da war ja dies Geld ! Dieses so bitter nötige Kapital - um dessentwillen er sich ja doch überhaupt mit Dorne zusammengetan hatte . Und wenn sich das Unternehmen noch auf der gleichen Basis befunden hätte ! Noch begrenzter und kleiner , wie vor Dornes Eintritt - wie vor dem großen Brande ! Vor Allerts Erinnerung stieg die hohe Flamme wieder auf , die so prachtvoll und furchtbar in die Winternacht emporloderte ... Nach dieser großartigen Vernichtung hatte man begonnen , das Dichterwort wahr zu machen und neues Leben aus den Ruinen blühen zu lassen . Die Neubauten - schon waren sie im Rohen und Aeußeren vollendet , und drinnen begannen die Monteure und Installateure die betriebstechnischen Einrichtungen - diese Neubauten waren für eine doppelt so große Fabrikation , für einen stark erhöhten Umsatz angelegt worden ... Und mit dem Gelde dieses Mannes ... Ich kann nicht von ihm los ! dachte er . Aber man kann sich doch heute nicht mit jemand schießen , der einen Lügner und Schuft genannt hat , und morgen mit diesem selben , friedlich und von den gleichen Interessen beseelt , geschäftliche Dinge beraten ? Allert fühlte einen furchtbaren Widerwillen gegen den Mann und sein still vornehmes Gesicht mit den hellen , stechenden Augen in sich emporkommen . Dieser Mann - begabt , tüchtig , fleißig - dieser Mann : feig , sklavisch , blind , unwürdig verliebt - Und er dachte bitter : ein Mann , der ernste Pflichten hat , der mit seinem Kapital , seiner Arbeitskraft , seinem Unternehmungsgeist sich in das große volkswirtschaftliche Getriebe hineinbegab , der darf sich nicht durch ein Weib aus der Richtung werfen lassen . - Nun , das dürfte natürlich kein Mann . Aber für einen , der kämpft , ist das alles schwerer - man steht nicht allein , man steht nicht sicher - die eigene Unruhe gefährdet andere - der eigene Sturz reißt andere mit ... Was sollte nun werden ? Konnte er sich denn überhaupt mit einem Mann schlagen , mit dem er dann gleichen Tags zusammen weiterarbeiten mußte ? Unmöglich - ganz unmöglich - Aber wie sollte sich dies lösen ? Hieß es , sich einfach gleich zufrieden geben , wenn der Beleidiger kam und um Verzeihung bat ? Weil Geldinteressen zur bereitwilligen Nachsicht zwingen ? Ging es etwa in dieser Welt so zu - in dieser , für seinen Stand neuen Welt ? » Hab ' ich eine andere Ehre bekommen ? Eine von lockeren Linien - die sich dehnen lassen - die man gelegentlich nicht zu streng ziehen darf ? « Und er wog den Brief zweifelnd in der Hand ... Nein - tausendmal nein - Edelmann - Kaufmann - Ehre bleibt dasselbe . Und er schob entschlossen das Schreiben in den Kasten - die Drahtzähne des Kastenmundes klapperten - nun war es geschehen . Allert ging heim . Das gab eine Nacht ohne Schlaf . Zwei Gewißheiten sprachen immerfort laute , deutliche Worte zu ihm . Diese : » Du kannst mit dem Mann nicht mehr zusammen arbeiten . « Und dann dagegen , ebenso bestimmt : » Du kannst nicht ohne ihn arbeiten . « Allerlei Geschichten fielen ihm ein , von feindlichen Teilhabern , die nie direkt ein Wort zusammen sprachen , sondern sich alles durch eine Mittelsperson sagten , und die in Haß , Gift , Groll doch zusammenblieben , weil ihr Unternehmen blühte und weil sie das Geld hereinströmen sahen . Nein , dachte Allert , das wäre nichts für mich . An solchen Verhältnissen würde seine Lebensenergie , sein Humor versiegen . Arbeit muß in Fröhlichkeit getan werden , dann allein ist sie eine beglückende Kraftübung . Arbeit in Groll - die verbittert - zehrt auf . Aber woher Kapital nehmen ? Die Frage stand vor einem halben Jahr erst vor ihm . Dornes Eintritt in die Fabrik löste sie - scheinbar glücklich . Nun war diese elendeste aller Fragen abermals da ... Aber sie stellte sich mit härteren Zügen hin und sah Allert böser an ... Dem Morgen ging er entgegen , als steige da ein Schicksalstag herauf - - Er brachte aber viel Peinlicheres als Schlag und Krach . Er brachte unklare Stille . Fritz Patow kam . Und alles bißchen Typische - diese kleinen Gewohnheiten , die an der Grenze stehen und sich so leicht bespötteln lassen , die waren wie weggewischt . Ernst , sachlich nahm er die Mitteilung entgegen ... Allert war ja Reserveoffizier - die Angelegenheit mußte dem Ehrenrat unterbreitet werden - zugleich aber auch mußte Patow sich von Doktor Dorne dessen Sekundanten nennen lassen ... Das hatte alles seinen vorgeschriebenen Gang . Das Unfaßliche schien Allert nur , daß er in sein Büro gehen müsse ... Man würde suchen , sich zu vermeiden - aber gab nicht jeder Tag zehnmal die Gelegenheit und Notwendigkeit zu Begegnungen und Besprechungen ? Aber er hörte dann : Herr Doktor Dorne war nicht in seinem Laboratorium . Der junge Assistent , den Dorne sich vor kurzem genommen , kam mit Fragen zu Allert . Dieser riet : telefonieren Sie ... Und bald danach kam aus der Dorneschen Wohnung die Nachricht : die gnädige Frau sei heute nacht , der Herr Doktor mit beiden Töchtern heute morgen abgereist . Das auskunftgebende Mädchen schien zu glauben , daß eine Schwester des Herrn schwer erkrankt und daß die Familie zu ihr gereist sei . Später brachte der Bursche des Hauptmanns von Patow einen Brief , der kürzer ähnliches berichtete : » Ganze Familie Dorne von der Bildfläche verschwunden . Soweit ich verstand : Madame allein in der Nacht ; der Mann früh mit den Töchtern . Ich deponiere mein Ersuchen somit schriftlich in seiner Wohnung . Es heißt also seine Rückkehr abwarten . Fataler Zustand . Aber das ist so oft in diesen Sachen , daß die so erwünschte prestissimo Abwicklung sich nicht erzwingen läßt . « Warten - warten . Das war in dieser Lage unerträglich . Und dazu kam eine dumpfe Unruhe . Daß die Frau in der Nacht allein abgereist sei , ließ einfache Erklärungen zu . Es war zwischen den Gatten zum Bruch gekommen . Vielleicht hatte er ein großes , ein furchtbares Gericht gehalten . Wenn erst einmal so ein Bau zusammenstürzt , den nur Betrug und geweltsame Selbsttäuschung so lange aufrecht erhalten ! Wie aus einer Versenkung emporgekommen , mochten da vergangene Geschichten und Namen auf der Szene erschienen sein . Und freiwillig oder davongejagt - sie war gegangen . Aber der Mann ... Und mit den Töchtern ... Es fröstelte Allert . Die qualvolle Vorstellung von entsetzlichen Möglichkeiten beschlich ihn ... Konnte denn dieser unselige Mann überhaupt noch leben , wenn er den Glauben an das Weib hatte einbüßen müssen ? Daß diese ganze Sache sich seiner Mutter nicht verbergen lassen könne , sah er ein . Aber da war ja Tulla Rositz . Diese junge Tulla , die er immer von neuem als etwas ganz Fremdes empfand . - Welche Störung . Er telefonierte an seine Mutter : » Schaffe Tulla für heute abend fort , ich muß allein mit Dir sein . « Und ganz ahnungslos erwog seine Mutter laut am Telefon , ob sie Frau Doktor Dorne bitten könne , mit Tulla ins Theater zu gehen . » Was ? - Die ist verreist ? So , das wußte ich nicht - ja - dann - mir scheint , so einfach Marieluis bitten , sich ihrer anzunehmen , das können wir uns nicht erlauben ... Oder meinst Du ? « Hierzu schwieg er vollkommen . Und es war gerade , als ob dies starre Schweigen durch das Telefon zur Mutter hinüberwirkte , denn sie sagte unfrei : » Nun - ich muß mal sehen ... « Als Allert dann am Abend kam , zeigte es sich , daß seine Mutter keinen andern Ausweg gefunden hatte als den , Tulla allein in die Oper zu schicken . Gegen den Versuch , daß man ihr Marieluis als Gesellschaft einlade , wehrte sie sich . Lieber wolle sie allein in » Aïda « sitzen . Fräulein Marieluis Amster sei ihr zu ... ja , sie wisse nicht was ... zu bedeutend vielleicht ... so überlegen . » Merkwürdig , « sagte Allert geärgert , » sonst sieht man junge Mädchen allzu flink dicke Freundschaften schließen . Und mit diesen beiden will es gar nicht . « » Sie sind sehr verschieden , « begütigte Sophie . Und beinahe hätte sie gesagt : Raspe und Du - Ihr seid auch verschieden . Nun hieß es , der Mutter , die in eigenen Sachen so tapfer , aber so völlig verängstet war , wenn es die Söhne anging , alles Vorgefallene berichten . Natürlich klammerte sie sich mit ihren Gedanken zunächst an das Unabänderliche . » Aber wie konnte er nur . Wie durfte er glauben , daß Du ... ? « Und daß der Mann ihren Sohn eines Verrates für fähig gehalten , war ihr zunächst die Hauptsache . Er wurde etwas ungeduldig . » Das alles wird ja in den gegebenen Formen ausgeglichen werden . « » Ein Duell ? « » Was denn sonst ? « » Nun ja . « Sie dachte nach . Sie stellte sich ihren großen , kraftvollen , stattlichen Sohn vor - sah den ihm so familienähnlichen Fritz Patow als Sekundanten daneben - sah auch den gebückten , stillen Mann mit den hellen Augen . Das Bild erschreckte sie nicht . Die Edelfrau in ihr hob voll Stolz den Kopf höher . Sie fürchtete nichts . Und diese Reise , fluchtartig . » Vielleicht vor einem Duell davongelaufen ? « » Nein , « sagte Allert , » er gehörte einer schlagenden Verbindung an - er trägt die Farben eines sehr angesehenen Korps - er wird niemals kneifen . Das wird sich klären mit der Reise . Der Mann ist wohl sinnlos . « » Und weiter ? « Da sagte er es denn , daß ihm der Gedanke furchtbar , mit dem Manne weiter verbunden zu bleiben in gemeinsamer Arbeit . Aber wie auseinanderkommen ? Das Lösemittel hieß : viel Geld ! Wo es hernehmen ? Nach dem Brande hatte man alles so groß , in bedeutend erweiterten Dimensionen angelegt . Die besten , teuersten Maschinen und Apparate waren bestellt . Die Fabrik sollte in ihrer neuen Gestalt etwas Vollkommenes , Vorbildliches werden , alle Konkurrenz übertreffend ... Ohne das Feuer befände man sich noch in bescheidenerem Rahmen . Aber nun . Fast wie eine günstige Schicksalsfügung hatte er , nach Ueberwindung der ersten Rückschläge , den Brand ansehen gelernt . Voll heißer Vorfreude war er gewesen und voll Stolz . Ja , es würde sich vorwärts arbeiten lassen ... Und jetzt ? ... Es zerriß Sophie das Herz . Sie sah , wie ihr Sohn litt , wie er sich daran erbitterte , daß ihm sein Arbeitsleben so verwirrt wurde , daß das Schicksal Hemmnisse hineinschob . Was sollte werden ? ! » Hätte ich Kapital ! Ich zahlte ihn in aller Stille aus . Aber dazu gehörten , nach dem augenblicklichen Stande des Neubaues und aller Bestellung und Vorarbeiten und für den vergrößerten Betrieb , mindestens hundertfünfzigtausend Mark ... Woher sie nehmen ... Man könnte ja sagen : ich solle mich zurückziehen . Er könne mich nun auszahlen ! Dann bekäm ' ich das Geld heraus , was Onkel Just mir gab , und vielleicht eine Bagatelle darüber . Aber - Mutter - verstehst Du das wohl ? Das zerrisse mir schlechtweg das Herz . Ich hab ' das alles gegründet . Ich hab ' schlaflose Nächte drum durchgemacht . Ich hab ' meinen Namen der Firma gegeben - ich hab ' das alles lieb - das ist ein Stück von mir - glaub nur - ein Kaufmann liebt sein Haus wie ein Edelmann seine Scholle . Oder sollen wir liquidieren ? Und dann soll ich von vorn anfangen ? O nein - es gibt ja doch wohl noch Gerechtigkeit in der Welt . « Sophie sah , wie leidenschaftlich erregt er war . Sie fühlte den Ernst der Stunde . Und sie wußte : eine Lösung lag nah - eine beglückende Lösung . - Marieluis ... Sie sah ihren Sohn an . So beredt , so ganz von dem Wunsch durchzittert , er möge in ihren Augen das lesen , was sie nicht laut sagen durfte . » Was siehst Du mich so an ? « fragte er . » Ich denke , « begann sie zögernd , daß er fühlen mußte , sie habe eine Fülle von Gedanken und wähle sehr vorsichtig aus , was davon sie laut werden lassen könne . » Ich denke - wenn Rositz noch lebte . Er würde uns raten - mehr : er würde uns helfen . Aber wir haben auch hier Freunde - sehr sachverständige in kaufmännischen Fragen . - Wenn Du mit Amster sprächest ? « Und ganz geschwind schloß sie an : » Ich meine - ihn um Rat bätest - nur um Rat . « Und dachte dabei : er liebt sie doch - und sie ihn - ich weiß , ich fühle es . Und Marieluis ' Mitgift , die Hälfte des ihr zugedachten Amsterschen Vermögensanteils , war noch mehr als die Summe , deren er bedurfte . Konnten Herz und Verstand in vollerem Einklang stehen als hier ? Allert wurde rot wie ein Knabe . » Nein , « sagte er kurz . Und dieses knappe Nein verriet der Mutter , daß ihre Hoffnungen noch weit von Erfüllungen entfernt waren . Das machte ihr Herz traurig . Ein kurzes Schweigen entstand . Und sie , in der tiefen Innigkeit , die sie verband , fühlten einander förmlich all die Geständnisse ab , die der Mund verschweigen mußte . Wie kann ich denn um sie werben ! grollten seine Gedanken , ich liebe sie - aber schwere Fragen sind noch unbeantwortet zwischen ihr und mir - und die Bedenken , die mich gestern abhielten , ihr zu Füßen zu stürzen , soll ich heute vergessen , weil ich ihr Geld brauchen könnte ? Und die Mutter flehte ihn an - ihr ganzes Gemüt war ja voll von diesem Wunsch , diesen Gedanken : Habe doch den Mut ! Das , was zwischen ihr und Dir steht , wirst Du in der Ehe und gerade nur in der Ehe besiegen . Denke auch daran , daß ein liebendes Weib beglückt ist , wenn ihre Hand dem Manne Hilfe bringen darf ... Aber sie wußte wohl , sie mußte das beschweigen . Und dies Zwischenspiel von zärtlichen Wünschen , das sich so unversehens unter die rauhen Sorgen geschlichen , schloß sie mit einem Seufzer ab . Ihr ganzes Wesen verwandelte sich plötzlich in Energie und in mütterliche Autorität , und sie sprach : » So wirst Du nun meine Ersparnisse in Dein Geschäft nehmen . Sie reichen nicht ganz - aber das Fehlende gibt dann doch vielleicht Onkel Just oder eine Bank ... « » Nein . Du hast gespart , damit wir unsere Heimat wieder erwerben können - einst - wenn Du so weiter verdienst und sparst , kannst Du es in fünf Jahren erreichen . Gibst Du mir Dein Geld , verschiebt sich alles in ungewisse Ferne - wird vielleicht unmöglich - selbst bei gutem Geschäftsgange - erst hieße es doch , Onkel Just ausbezahlen . « » Ich habe es längst aufgegeben , für Muschenfelde zu sparen , « sagte Sophie tapfer . » Du sagst es - uns - Dir selbst ! Aber Du weißt doch gut : tief unter unsern Worten sitzen noch Dinge , die man nicht heraufkommen lassen will . Und das ist bei Dir die ewige Sehnsucht nach der eigenen Scholle « - Sophie wurde ein wenig blaß . » Aber noch stärker ist mein Wunsch , Dich sorglos emporkommen zu sehen ; noch größer wäre mein Glück , wenn Du das wirst , was Du nun doch einmal werden wolltest : der Beherrscher eines großen Unternehmens , das weithin Ansehen genießt - Du bist ein Hellbingsdorf - unser Zweig hat Unglück gehabt - bring ' ihm die Blüte zurück , auf neuem Felde - und nimm mein bißchen Geld . « Er nahm dankbar die Mutter in die Arme . Für diesen Augenblick mußte alles unabgeschlossen bleiben . Aber er fühlte so ganz die Wohltat , mit einer klugen , warmherzigen , arbeitenden Frau seine Sorgen teilen zu können ... Als er es sagte , meinte sie - vielleicht ein wenig heuchlerisch , denn im tiefsten Grunde denken Mütter ja doch : Keiner versteht ihn wie ich - » Und ich bin nur die Mutter - ein Weib - o , das ist doch noch ein ganz anderes Teilen . « » Ja , wenn die Frau all ihre Gedanken und all ihre Zeit dem Mann und dem Gedeihen des gemeinsamen Lebens widmet ! - Wenn sie nicht in Spelunken und schlechten Gassen die Sittlichkeit heben muß « - » Nun - nun - nicht so kraß ! « warnte sie schmeichelnd und streichelte ihm die Schulter . Er trat aber spröde hinweg - er wollte nicht umschmeichelt sein . Und er sah sich sehr genau das Bildnis des Papstes Julius II. an , das seine Mutter mal kopiert hatte , und das nun hier , über der Barockkommode aus Familienbesitz , an der hell gestreiften Wand hing . Nun kam auch Tulla heim und wurde von ihrer mütterlichen Gastgeberin auf das sorgsamste mit einem späten Imbiß bedient . Und Tulla sah sehr hübsch aus , in schwarzen Spitzen , die den Hals frei ließen , und mit einer glitzernden , schwarzen Jettspange im Haar . Das gab Allert sich zu . Aber es ärgerte ihn irgendwie , daß seine Mutter das junge Ding so fürsorglich verpflegte . Es kam ihm vor , als mache seine Mutter ihr beinahe den Hof . Er war nicht unbefangen , er sah nicht , daß seine Mutter nicht mehr tat , als selbst dem jungen Gast gegenüber am Platze war , er vergaß , daß dann immer alles bei seiner Mutter