- Das wäre schön , das wäre großmütig . - Ja , freilich wäre es das . - Aber - hatte denn Tschun einen Fremden je großmütig gesehen ? - Und vor allem : würde ihm sein Herr die ganze Geschichte überhaupt glauben ? - Die Fremden glaubten ja so oft das Erlogenste , Unmöglichste , worüber jedes chinesische Kind gelacht hätte - aber daneben wiederum wollten sie auch oftmals recht schlau scheinen und bezweifelten dann gerade solche Dinge , an denen alles klar und jedes Wort wahr gewesen ! - Unberechenbar waren die Barbaren , und niemand konnte im voraus wissen , wie sie eine Sache auffassen würden . - Und Tschun sah ein , daß er diesen einfachen , aufrichtigen Weg nicht riskieren durfte . Denn es konnte leicht sein , daß er dadurch die ganze Familie des Händlers in noch schwereres Unglück brachte , und Tschun wollte doch nicht teil daran haben , daß etwa neue grausame Strafe über diese Menschen verhängt würde . Sie waren ja unzurechnungsfähig durch Schmerz und Wut . Aber wie sie auch immer sein mochten , Tschun wollte überhaupt nie , nie Landsleute in die Hand der Fremden liefern ! - Tschun fühlte , wie sein Kopf ganz müde wurde von dem vielen Denken . Aber er hatte doch niemand , der ihm half , er mußte allein damit fertig werden . Und dann fiel ihm ein : Wie , wenn er nach der Beerdigung zu jenen ging , sie warnte , ihnen den ganzen bösen Plan auszureden suchte ? Würden sie auf ihn hören ? - Ach , das schien wenig aussichtsvoll . Zu deutlich erinnerte er sich der festentschlossenen Gesichter mit dem bösen , finsteren Ausdruck ! - Die betrachteten es als eine Frage des persönlichen Ansehens , die ungerechte Hinrichtung des Vetters nicht ungesühnt auf sich sitzen zu lassen . - Was sollte Tschun nur tun ? Er wollte so gerne für alle das Beste : Die Fremden , die in seine Hand gegeben , vor Gefahr bewahren ; die Landsleute an schwerem Unrecht hindern . Und für sich selbst wollte er etwas Ruhe . Ach ja , Ruhe . Er war ja so sehr , sehr müde ! So langte Tschun endlich im Yamen wieder an . Es war später geworden , als er gedacht . Einige der Soldaten und der böse Korporal standen ausschauend am Tor . » Na , « riefen sie höhnisch , » jetzt wirst Du es aber schön kriegen ! Der Herr hat mehrmals nach Dir gefragt . Er ist sehr aufgebracht , daß Du einfach wegläufst , wie es Dir paßt . « » Ja , « sagte der Korporal , » ich soll gleich melden , sobald Du zurück bist , zum mindesten kriegst Du schweren Arrest . « Im selben Augenblick kam aber auch schon Tschuns Herr selbst von seinem Hause her in den Hof . Die Soldaten salutierten und gingen dann in der Richtung ihrer Quartiere davon . Zögernd , um noch etwas von dem Auftritt zu erhaschen . Der Korporal trat ein paar Schritte seitwärts . » So , da bist Du also endlich wieder ! « rief der Offizier , Tschun gewahrend , und sein Gesicht ward ganz rot , » was soll denn das heißen , ohne Urlaub wegzulaufen ! Wo bist Du gewesen ? « » Ich war bei den Hinterbliebenen des Händlers , « antwortete Tschun . » Das ist ja noch schöner ! « brauste der Fremde auf , » zuerst empfiehlst Du mir leichtsinnigerweise , wenn nicht gar absichtlich , solch Boxergesindel , und nachher läufst Du auch noch selbst in ihr Haus . Was hattest Du denn da zu suchen ? « Tschun war ratlos , was zu antworten . Bei der Stimmung , in der sein Herr sich augenblicklich befand , und in Gegenwart des Korporals , konnte er unmöglich den wahren Zweck seines Besuchs nennen . Das hätte alles verdorben . Die verschiedensten Gedanken schossen ihm wirr durch den Kopf . Und dann sagte er , glücklich , eine Antwort gefunden zu haben : » Ich wollte Ihnen mein Beileid bezeigen . « Der Offizier sah Tschun zuerst verdutzt an und dann brach er in ein hartes Lachen aus . » Du willst mich wohl zum Narren halten , redest da wie ein großer Herr von » Beileid bezeigen « . Nun , ich frag ' Dich nochmals : Was wolltest Du dort ? Aber sprich die Wahrheit - sonst ... « » Aber es ist doch die Wahrheit ! « rief Tschun , jetzt ganz außer sich - denn es war ja schließlich die Wahrheit , was er da sagte ! Der Fremde sah ihn scharf an und zuckte die Achseln . » Na , « sagte er , » wenn Du es durchaus nicht anders willst , werden wir Dir die Flausen mal vertreiben , « - und er winkte den bösen Korporal heran . Der stand stramm , hörte , was der Herr ihm sagte , und salutierte . Und während dann der andere davonging , hatte er Tschun auch schon ergriffen . » Dorthin , marsch ! « kommandierte er , wies nach den Soldatenquartieren und gab Tschun einen Fußtritt , um ihn in die gewünschte Richtung zu dirigieren . Tschun taumelte ein paar Schritte vorwärts . » Heda Ihr dort , kommt mal her , « rief der Korporal einigen Soldaten zu , die da herumstanden . Dann gab er ihnen ein paar Befehle . Und ehe Tschun überhaupt begriffen , was geschehen sollte , hatten ihn zwei der Leute auch schon gepackt und umgedreht , und während sie ihn niederhielten , hieb ein Dritter auf seinen Rücken . Tschun war so erstarrt , daß er den Schmerz nicht mal fühlte . Er rührte sich nicht . Da sagte der Korporal : » Hau man zu , der Kerl muß ein dickes Fell haben , er muckst ja nicht mal ! « Aber Tschun war noch immer wie gelähmt . Er hätte sich gar nicht bewegen können , auch jetzt nicht , wo die Hiebe schärfer fielen . » Es ist eigentlich eine viel zu milde Strafe für so ' nen Boxerfreund , « sagte der Korporal . » Ohne viel Federlesens hätt ' man ihn erschießen sollen , wie den andern Kerl . « Und wie um dem möglichst nahe zu kommen , wurden die Schläge nun immer entsetzlicher . Aber Tschun rührte sich noch immer nicht . Er wäre lieber gestorben , als den Schmerz zu zeigen , den er empfand . Damit wäre ja das , was viel unerträglicher war als der Schmerz , die Schande , zugestanden gewesen . So biß er die Zähne aufeinander und wiederholte sich innerlich unablässig in bitterem Trotz : Ihr könnt mir doch nichts anhaben , Ihr könnt nicht , Ihr fremden Barbaren , Ihr ! Und das war seine Rettung : der Hohn , die Verachtung , die da in ihm erwachten . Und er sagte sich : Wenn mich ein wilder Stier niederstieße , wenn mich Wölfe zerfleischten , könnte ich mich ihrer ebenso wenig erwehren , und ich wäre darum doch auch nicht erniedrigt . Er suchte und tastete nach etwas , woran er sich halten könnte , um nicht alle Selbstachtung zu verlieren , daß er das ertragen mußte . Dann endlich ließen ihn die Soldaten los . Wie ein Bündel Lumpen sank er zusammen . Blieb regungslos , scheinbar tot , liegen , solange die Soldaten in der Nähe waren . Nur seine schmalen Augen lebten . Aus dem gelben , seltsam grünweiß gewordenen Gesicht blinzelten sie verstohlen hervor und beobachteten die Fremden mit einem neuen bösen Ausdruck - angstvoll und tückisch zugleich . Sobald aber die Soldaten mit dem Korporal davongegangen waren , kroch Tschun am Boden entlang zu seinem Schlafwinkel . Ganz merkwürdig tierische Bewegungen hatte er dabei . Wie eine Schlange , die verstohlen zwischen Laub dahingleitet , wie eine Kröte , die sich platt an den Boden drückt . Etwas von dem Gebaren all der Geschöpfe , die je getreten , geschlagen , verfolgt worden sind , schien , wie eine unwillkürliche Erinnerung an frühere Daseinsbedingungen , in ihm , dem Menschen , plötzlich wieder erwacht . Als passe er sich von neuem Zuständen an , die ihm in fernen früheren Existenzen gewohnt gewesen . Er war ja auch tatsächlich in diesem Augenblick nichts anderes als ein armes , getretenes Tier . Und ganz wie ein Tier hatte er nur das eine Streben , sich nicht auch noch von denen begaffen zu lassen , die ihn gepeinigt hatten , sich wenigstens verkriechen zu dürfen . So lag Tschun zusammengekauert in seinem Kämmerchen . Es war ganz still um ihn her . Das tat wohl . Er mußte , völlig erschöpft , dann eine ganze Weile so hingedämmert haben , denn als er einmal aufschaute , bemerkte er , daß es Nacht geworden . Durch das Papierfenster konnte er sehen , daß draußen der Mond in den Hof schien . Er hatte noch gar keinen Gedanken fassen können . Es war , als sei alles ausgewischt . Eine Leere . Doch jetzt die Stille brachte ihn , indem sie ihm zum Bewußtsein kam , dazu , wieder Gedanken zu formen . Und der erste Gedanke war ein Wunsch : daß es doch so still bleiben möchte . Das tat so wohl . Wo so vieles schmerzte . Aber es würde ja nicht mehr lange ruhig bleiben . Ein neuer Tag würde anbrechen . Und nun waren auch die Erinnerungen alle da . Tschun war zum Bewußtsein dessen erwacht , was er erlebt hatte . Schon lag er auch nicht mehr , sondern saß aufrecht da und starrte in die Finsternis . Was er vor sich sah und anstarrte , das waren ein paar Worte , die in flammenden Zeichen gegen die dunkle Wand gemalt zu sein schienen : » Hier kann ich nicht bleiben « . Und dann hörte er seine eigene Stimme sagen : » Hier will ich nicht bleiben « . Es war ganz elementar und unabweislich . Gerade wie damals , wo er , als Junge , bei der Ungerechtigkeit des alten Yang hung und der Seinen , dieses selbe zwingende Gebot empfunden hatte . Das schien ihm lang , lang her . Damals war er um Schutz zu den Fremden geflohen . Ja , da mußte es freilich lange her sein ! Denn heute ! ... Und Tschun lachte voll bitteren Hohnes bei dem Gedanken , daß er je , um Schutz und Gerechtigkeit zu finden , zu den Fremden habe fliehen können . Was warf er denn damals Yang hung und den Seinen vor ? Daß sie ihn geschlagen und Dieb genannt , ohne daß das von ihnen bewiesen . Ganz dasselbe taten ja aber diese Fremden und noch viel , viel mehr . Und dabei schauten sie mit Verachtung auf die Chinesen und nannten sich höhere Wesen ! Er selbst hatte sie einst auch dafür gehalten . War vertrauend zu ihnen gekommen , im Glauben , daß sie , wie für ihn , den einzelnen , so auch für das ganze Land , nur Wohlwollen und gute Gaben brächten . Welcher Wahn war das gewesen ! Nein ! wahrlich , die waren keine höheren Wesen , keine besseren Menschen ! Und sie brachten nichts Gutes und wollten niemand wohl . Sie wollten ja nur möglichst viel für sich selbst ! Aus Gier waren sie zuerst über die Meere von ihren fernen Ländern hergekommen . Und Gier blieb seitdem die treibende Kraft in all ihrem Tun und Trachten . Irgendeines Gewinnes halber opferten sie ihre Ueberzeugung ; duldeten , daß denen unrecht geschah , die doch zu ihnen und ihren angeblichen Lehren gehalten . Aus Angst , daß ja nicht einer einen Sondervorteil erhasche , hatten sie sich auch nie untereinander verständigen können , selbst da nicht , wo dringendste Gefährdung es geboten hätte , ließen statt dessen Unheil riesengroß anwachsen , daß es über Tausende hereinbrach und sie selbst beinahe mit verschlang . Gier hatte sie mit Blindheit geschlagen , so daß sie den Haß nicht heranwachsen sahen , den ihre Uebergriffe , ihr rastloses Wollen geweckt hatten . Ja , die Gier , die selbstzeugend Mißgunst , Zorn , Raub und Mord gebiert , die stets von neuem zu Feindschaft zwischen den einzelnen , zu Krieg zwischen Staaten führen muß , - die lag zu Grunde ihres Wesens . Gier , die Weltverderberin , Gier , der Menschheit Verhängnis . Heute erkannte Tschun all das ganz deutlich . Und dabei vergegenwärtigte er sich plötzlich , daß er es eigentlich schon lange geahnt , ja sogar mit Sicherheit gewußt habe - , daß er es nur immer wieder zurückgedrängt hatte , weil er es vor sich selbst nicht zugeben mochte , sondern noch immer wahr haben wollte , daß , nicht ihm allein , nein vor allem dem ganzen Lande , eine neue , schönere Zeit doch noch durch diese besseren Menschen beschieden sein solle . Die Jahre , die er im Fremdenviertel verlebt , zogen noch einmal im Fluge an ihm vorüber , die Jahre , die mit soviel seltsam schönen Erwartungen begonnen , und die nun heute so endeten - in Ekel und Empörung . Denn es war zu Ende . Unwiederbringlich . All sein Glaube an die Fremden war dahin . Nie mehr könnte er von ihnen Gutes erwarten . Nicht für sich . Nicht für sein Land . Sie erschienen ihm jetzt hassenswert . Und er haßte sie mit all seinen Kräften . Ja , er schöpfte neue Kräfte aus diesem großen Hasse . Und nie würde er von ihnen hinnehmen , was er schon als Kind von seinen eigenen Landsleuten nicht ertragen hatte . Nein , keinen Augenblick mehr konnte er bei diesen Menschen bleiben . Er mußte fort . Er wollte fort . Und als der Tag zu grauen begann , schlich Tschun aus seiner Kammer . Vorbei an den Quartieren der noch schlafenden fremden Soldaten . Rückwärts bei den Pferdeställen wollte er hinaus . Da würden nun bald die Kulis , die den Mist fortzuschaffen hatten , von draußen kommen und ihre Arbeit beginnen . So würde er unbemerkt entkommen können , und wenn ihn einer der Kulis etwa doch gewahren sollte , würde der ihn nicht hindern , noch angeben . Das waren ja Landsleute , Chinesen ! - Hinter einen Vorsprung der Stallgebäude gedrückt , wartete er eine Weile . Dann knarrten Türen . Schritte erschallten . Leben begann sich in dem weitläufigen Yamen zu regen . Ein verschlafener Soldat nahte und schloß das Tor für die schon draußen wartenden Kulis auf . Tschun erspähte einen günstigen Augenblick , wo niemand mehr an der Tür stand . Mit einem Satz war er draußen . Und nun lief er , trotz schmerzender Glieder , so schnell er konnte , davon , in tödlicher Angst , verfolgt und etwa gar gewaltsam zurückgeführt zu werden . Erst als eine weite Strecke zwischen ihm und dem Yamen lag , getraute er sich , seine Schritte allmählich zu verlangsamen . Und dann hielt er in seinem Lauf ganz inne . Er befand sich jetzt auf der gewölbten Brücke , die den Kanal im Gesandtschaftsviertel überspannt . Dieselbe Stelle war es , wo er , vor Jahren , als er von Yang hung zu der Taitai geflohen war , auch gerastet hatte . Aber der Anblick , der sich ihm heute bot , war sehr anders als damals . Lockend , voller Versprechungen , war ihm alles erschienen , an jenem fernen , flimmernden Frühlingsmorgen , wo spielendes Licht alle Dunkelheit löste . - Heute sah er von hier oben auf Reihen und Reihen verwüsteter Häuser . Zerlöchert , der Dächer beraubt , standen sie da , und er blickte in ihre rußigen Tiefen , sah ihr verkohltes Gebälk , ihre trostlos ragenden Mauern . Die einzige Aehnlichkeit mit dem damaligen Bilde waren die vielen fremden Fahnen , die auch heute an hohen Masten über den verstümmelten Gebäuden im kühlen Frühwind wehten . Und sie hatten sich noch sehr vermehrt , flatterten heute nicht nur über den Gesandtschaften , sondern waren auf den verschiedensten chinesischen Bauwerken aufgepflanzt , wo immer fremde Truppen einquartiert lagen . In allen Stadtteilen , ja selbst auf den höchsten Punkten der verbotenen Stadt , zwischen den herbstlich werdenden Bäumen , sah man sie wehen . - Als ob ganz Peking den Fremden gehöre . Bei diesem Gedanken vergaß Tschun die Schmach , die ihm selbst geschehen . Sie war ja nur ein kleiner Teil der großen Schmach , die auf dem ganzen Lande lastete , und die durch jede dieser sich blähenden fremden Fahnen versinnbildlicht wurde . Tschun selbst war es gelungen , sich von seinem fremden Herrn freizumachen . Er war ihm entronnen . - Aber das Land ? Wie würde das fahren ? - Konnte sich das je wieder befreien ? War es nicht unentrinnbar in ein Netz geraten , dessen Maschen sich fester und fester knüpften ? - Und selbst wenn die jetzigen Besatzungen abzögen , würde der Stempel fremder Herrschaft nicht doch unvertilgbar zurückbleiben ? - Diese unergründlich schlauen Fremden verstanden es ja so gut , ein Land in Abhängigkeit zu bringen ! Ganz friedlich begann der Verlauf , mit viel schönen Reden über Fortschritt und höhere Zivilisation . Wo bisher Genügen geherrscht , weckten sie zuerst künstlich neue Bedürfnisse , liehen dann Geld , sie zu befriedigen , regierten schließlich , durch Ratgeber und Syndikate , kraft dessen , was ihnen geschuldet wurde . Und wo es not tat , wußten sie Zwischenfälle hervorzurufen , immer gerade in dem Augenblick , da sie irgendwelche besondere Vorrechte erstrebten . Die mußten ihnen dann als Sühne zugestanden werden . - Versuchte dann aber lange angesammelter Groll das Netz gewaltsam zu zerreißen , so beschleunigte dies nur das unvermeidliche Geschehen . Für eine Weltgefahr , einen Herd ewiger Unruhe , unfähig zu staatlicher Selbstbestimmung , wurde solch Land erklärt , dessen Unglück es war , begehrt zu werden . Und Protektorat durch Einen oder allmähliche Zerbröckelung an Viele stand ihm zur Losung . Ja , wie Tschun so auf der hohen , gewölbten Brücke stand und herabblickte auf die Flaggen , die lauter einzelne Nationen repräsentierten , war ihm plötzlich , als überschaue er die ganze Welt , diese Riesenkugel , die durch den Weltenraum kreist . Und er glaubte zu sehen , wie , von allen Seiten , die verschiedenartigsten Menschen an der Kugel emporkrochen , alle nach einem bestimmten Punkte hin . Dieser Punkt aber war sein Land , sein China . Eines der letzten Gebiete der Welt , die noch nicht zerstückelt und aufgeteilt sind . Doch das war es ja gerade , was jetzt geschehen sollte ! Die verschiedenartigen , winzigen Wesen , die auf der Kugel so eilig herankrochen , die führten ja alle große Messer bei sich , und damit wollte jeder ein Stück des chinesischen Leibes für sich abtrennen - die Gier zu stillen , die in ihren Eingeweiden brannte , und die doch unstillbar war , die von der Erde in die Luft , von der Welt schließlich zu fernen Sternen greifen würde . Weiter , immer weiter ! Doch da , und während Tschun noch also sinnend auf der Brücke stand , kam von jenseits der hohen Mauer , aus der Chinesenstadt her , ein Schwarm grauer Tauben gezogen . Mit weit ausgestreckten Flügeln glitten sie dahin durch das kühle Licht des herbstlichen Morgens . Und aus den Bambuspfeifchen , die sie unter den Schwungfedern trugen , tönten seltsam wehmütige , langgezogene Klänge zur Erde herab . Wie ein gespenstischer Trauerchor wirkte es . Als klagten dort oben die Geister eines einstmaligen , stolz in sich abgeschlossenen Chinas um alles , was seil ihren Tagen ihrem Lande geschehen . - Und heute achtete Tschun auf diese Töne , heute verstand er ihre Sprache . Ein großes Heimweh erfaßte ihn nach jenem China , dem er einst selbst den Rücken gekehrt hatte , und zu dem er in dieser Stunde so gern zurückgekehrt wäre . - Aber das war unmöglich , denn jenes China war ja inzwischen gestorben . Seine Paläste standen zwar noch , und in den Lüften zogen noch seine grauen Tauben , aber trotzdem war es für immer tot . Und so wenig Tschun je wieder der kleine Junge sein konnte , der hier vor Jahren gestanden , so wenig konnte die Stadt da vor ihm je wieder zum früheren alten Peking werden . - - Das alles war unwiederbringlich dahin . Und Tschun begriff , daß , wenn sein China überhaupt weiter leben und bestehen sollte , es jetzt erst recht heißen mußte , weiterzustreben zu jenen Zielen , für die es alte Abgeschlossenheit einst aufgegeben . Aber zu diesen Zielen , so wollte ihm scheinen , mußten sich andere Wege finden lassen als die verdächtigen , von den stets eigensüchtigen Fremden gewiesenen . Fortschreiten galt es . Aber Fortschritt war doch nicht bloß ein Importgut , das ausschließlich bei den Fremden ellenweise gekauft werden konnte ? Fortschritt - der mußte sich doch entwickeln lassen - aus eigener Kraft . Aber blieb noch Zeit dazu ? Hatten in den vielen Regierungs-Yamen des ganzen Landes , vor allem aber dort drüben unter den goldenen Dächern der Kaiserlichen Paläste , weltfremde Machthaber nicht gar zu lange geschlummert ? Lag , unter den Trümmern des alten Chinas , die Möglichkeit eines neuen nicht vielleicht auch schon begraben ? - Wer vermochte es heute schon zu sagen ? Ein Frösteln , wie kalter Zweifel , überkam Tschun in dem kühlen Morgen . Doch unwillig schüttelte er es ab und straffte die Glieder . Seine Kräfte wenigstens sollten jener Möglichkeit gehören . Und wie er , dachten sicherlich viele Junge . - Die mußten sich sammeln zum Werke . - Und Tschun nahm seinen Lauf wieder auf . Hin zum kommenden China .