deutete auf den brennenden Narbenstrich im Gesicht des Malimmes , » wenn du den da überstanden hast ! « » Drei Wochen Spittel hat er mich all weil gekostet . « Rasch fragte der Herzog : » Wann war das ? « » Grad einen Monat ist ' s her , daß ich aufgestanden bin . « » Nikodemus ! « Herr Heinrich drehte das Gesicht . » Hast du das gehört ? Ist das nicht seltsam ? « Einen Monat war es her , daß der Herzog an seinem hitzigen Fieber gelitten hatte , an einem Anfall seines Erbübels , vor dem die Ärzte ratlos standen . Und über Nacht war Herr Heinrich wieder genesen , man wußte nicht wie . » Was sagst du dazu ? « Der Kahlköpfige lachte . » Nicht viel , Herr ! Der helle Witz eines gesunden Menschen und die kranken , dunklen Dinge des Lebens haben nichts miteinander zu schaffen . « Der Herzog nickte ; doch die abergläubische Regung schien nicht völlig in ihm erloschen zu sein ; es war an dem scheuen Verwundern zu merken , mit dem er den Malimmes betrachtete . » Warum bist du den Nürembergern davongegangen ? « » Weil ich gern gesund bin , Herr ! In den Nüremberger Huschelgärten ist ' s arg parisisch zugegangen . Da bin ich lieber ein Deutscher blieben . « Herr Heinrich furchte die Brauen und nickte . Rasch griff er hinauf zu der Schulter des Söldners . » Gesund bleiben heißt ein Starker sein . Ja , Mensch ! Wahr deine Gesundheit ! « » Das tu ich , Herr ! Ich überfriß und übersauf mich nit . Regnet ' s Prügel , so deck ich mich . Wo ander Leut sich ärgern , tu ich lachen . Und mit den Weibern bin ich sparsam . Bloß daß man ledig wird seiner Plag . « Der Herzog betrachtete den langen Söldner . » Nikodemus ! Den seh dir an ! Das ist ein Mensch . « » Ja , Herr « , sagte Malimmes fröhlich , » oft ist mir selber zumut , als tät ich kein Viech nit sein . « » Soldest du bei meinem Hauptmann zu Plaien ? « » Da hab ich bloß Unterstand mit meinem Herrn . Und hab mich dem Hauptmann angetragen als Boten , weil ich ein fester Reiter bin . « » Magst du Hofmann werden ? Bei mir ? « » Ich hab einen guten Herrn , bei dem ich aushalt durch dick und dünn . « » Wer ist das ? « » Der Runotter von der Ramsau . Der ist in Fehd wider Berchtesgaden - « » So ? « Herr Heinrich lachte . » Hat flüchten müssen , und der Hauptmann von Plaien hat ihn unter Dach genommen . « Der Herzog sagte zum Tisch hinüber : » Schreib in den Brief hinein , daß ich dem Soldherrn dieses Boten gewogen bin . « Die Augen des Malimmes glänzten , als hätte er jetzt den Botenlohn empfangen , um dessentwillen er den jagenden Ritt getan und einen von den beiden Ackergäulen des Runotter zuschanden gehetzt hatte . Dem Kastellan , der bei der Türe stand , befahl der Herzog : » Man soll dem Mann da Trank und Speise reichen , als Botengab zehn rheinische Gulden ! « So verschwenderisch war Herr Heinrich selten . » Und für den Heimritt schenk ich ihm aus meinem Heerstall den Gaul , der nach meinem eignen Roß der beste ist . « Lachend faßte Herr Heinrich den Söldner an der Brust . » Bleib gesund , du ! Und wahr dich vor dem Galgenholz ! Ich kann nicht jedesmal als Schutzengel dabeistehen , wo man einen hinaufzieht . Und alle Stricke reißen nicht . « Heiter sah er dem Söldner nach , der mit dem Kastellan die Stube verließ . Als die Türe geschlossen war , ging der Herzog mit flinkem Schritt auf ein offenes Fenster zu , atmete tief und blickte eine Weile in die schöne Morgensonne hinaus . Dann fragte er über die Schulter : » Du ? Wie sagt der Lateiner bei einem guten Zeichen ? « » Omen accipio . « Herr Heinrich nickte . » Omen accipio ! Gott hat mir heute zeigen wollen , wie gesund ich bin . Und jetzt leg ich mich schlafen . Mach die Briefe fertig ! Und kommt der Hauptmann um die Weisung , so schick ihn zu meinem Bett . Mit dem Haller Füchslein mache , was du willst . Du weißt ja , wie ich ' s meine . « Als der Herzog rasch davonging , erhob sich der Kahlköpfige zu einer Verbeugung . Lauter und lauter wuchs der Lärm in den Burghöfen . Eine halbe Stunde später wurde Franzikopus Weiß aus der Herberg ins Schloß geholt . Bei seinem langsamen Anstieg durch die Burghöfe konnte er den Kriegshaufen schätzen , der da zum Ausmarsch geordnet wurde . So viel Hilfe hatte der heilige Zeno sich nicht ersehnt ; doch Franzikopus konnte lächeln ; schon im ersten Grau des Morgens waren seine beiden Boten , die zwei dienenden Brüder , mit den Briefen an Herzog Ernst zu München und Herzog Ludwig zu Ingolstadt als harmlose , unauffällige Bettelmönche zum Tor hinausgeschlüpft . In der Schreibstube des Nikodemus erwartete den Kaplan der armen Chorherren von Hall eine etwas unklare Sache - ein Vertrag des Wortlautes : » Auf inständiges Bitten des heiligen Zeno stellt Herzog Heinrich für den Schutz andächtiger Wallfahrer zwanzig Rosse und sechzig Spießknechte mit sechs Faustbüchsen zu Diensten , ohne Wissen , in welcher Weise der heilige Zeno diese Hilfstruppe zu verwenden gedenkt ; bei vorkommendem Mißbrauch von sehen des Heiligen entschlägt sich Herzog Heinrich jeder Verantwortung vor Gott , Papst und König . « Franzikopus machte den Einwurf , daß Herr Heinrich von vierzig Pferden , hundertzwanzig Spießknechten und einer Kammerbüchse gesprochen hätte . Ruhig erwiderte Nikodemus : » Mein gnädigster Fürst hat die Grüße des heiligen Zeno im Gewicht ums Doppelte überschätzt . Ich mußte als meines Herrn gewissenhafter Diener den Irrtum richtigstellen . « » Und der Kriegshaufe , der da drunten in den Höfen zum Ausmarsch geordnet steht ? « » Soll die Besatzung von Plaien und zwei andern Burgen ablösen . Das war schon bestimmt vor Wochen . « Als Franzikopus unterschrieb , hatte er ein krebsrotes Gesicht . Unter dem Geläut der Kirchenglocken und bei strahlender Morgensonne zog der rasselnde Kriegshauf in langem Zuge , mit vielen Troßwagen und einem lärmenden Schwärm von Gelägerdirnen zum Tor hinaus . Franzikopus , dem man von einer Reise im Wagen abgeraten hatte , ritt an der Spitze des Zuges zwischen dem Hauptmann Seipelstorfer und dem Büchsenmeister Kuen . Die beiden plauderten sehr freundlich mit dem Kaplan des heiligen Zeno . Auf der schönen Straße , über die sich der Heerzug dem blau in der südlichen Ferne stehenden Untersberge zubewegte , war Malimmes vor zwei Stunden im Trab davongeritten . Gegen das Bergland stieg der Weg . Und Malimmes , obwohl er Eile hatte , schonte den feinen , schlanken Falben , den er sich in Herrn Heinrichs Heerstall ausgesucht . Zu dieser Wahl hatte des Herzogs Stallmeister den Kopf geschüttelt . » Das ist ein Rößl für einen leichten Buben . Ein so fester Kerl wie du braucht einen schweren Gaul . « Doch Malimmes hatte seinen Sattel auf den zierlichen Falben gelegt : » Der taugt mir , den nimm ich . « Gegen die dritte Nachmittagsstunde erreichte er , vom Ufer der Saalach aufwärts reitend , den schütteren Buchenwald , der den Burghügel von Plaien umzog . Steil ging ' s hinauf . Doch trotz des siebenstündigen Rittes hatte der Falbe noch einen festen Schritt ; Malimmes klopfte ihm , während die Zugbrücke herunterknarrte , zärtlich den nassen Hals . Ein altes , enges , winkliges Mauernest , oft zerstört , immer neu wieder aufgebaut . Die Zinnen der Umwallung bestanden aus frischem Mörtel werk und hatten junge Schirmdächer ; die aus plumpen Felsen gefügten Grundmauern , die mit dem Gestein des Hügels verwachsen schienen , waren ein halbes Jahrtausend alt und hatten Teile , die noch älter waren ; eingemauerte Bogen und Pfeiler zeigten die braunen , stahlharten Ziegel jener versunkenen Zeit , in der ein römischer Wachtposten die das Saalachtal durchziehenden Salzfrachten geschützt hatte . Unter dem Torgewölb umdrängten die Söldner , die den Brückendienst versahen , den Malimmes mit ihren lärmenden Lobsprüchen . » Bist ein Kerl ! So ein Gewaltsritt ! Ist ein Ding , das dir nit leicht einer nachmacht ! « Und der feine Falbe , den der Bote als Geschenk des Herzogs mitbrachte , erregte Aufsehen . Beim Eintritt des Malimmes in den engen , schattenkühlen Schloßhof erhob sich einer , der wie ein unruhig Harrender auf der Stiege des Wehrganges gesessen , ein müder , gebeugter Mann mit völlig ergrautem Haar . Seit jenem Tag , an dem man in der Amtsstube des Herrn Someiner um die siegelwidrigen Kühe und die siegelgerechten Ochsen geredet hatte , schien Runotter um ein Jahrzehnt gealtert . Eine steinerne Trauer war in seinem abgemagerten Gesicht , aus dem die tiefliegenden Augen wie dunkle Zornflammen herausbrannten . Auf den lachenden Gruß des Malimmes antwortete Runotter nur mit einem stummen Nicken . Sein bohrender Blick forschte in dem Gesicht des Reiters . Leise sagte Malimmes : » Mir daucht , es wird Arbeit geben . Schon morgen . « Der Bauer streckte sich , als wäre dieses Wort eine Erfüllung seiner Sehnsucht . Doch die Trauer in seinen Augen vertiefte sich , als fiele aus dieser Nachricht auch ein neuer Sorgenstein auf seine Seele . » Und gut geredet hab ich mit dem Herzog « , flüsterte Malimmes weiter , » der Hauptmann wird dem Jul und dir das Dach nimmer künden , Bauer ! Von heut an bist zu Plaien ein Gast , dem der Herzog gewogen ist . « » So ? « » Und guck das Rößl an , das ich mitgebracht hab für den Jul ! Da wird er sitzen drauf wie ein Fürstensohn . « Die Augen des Malimmes suchten . » Wo ist der Bub ? « Runotter sagte müd : » Auf dem Turm hockt er und schaut , ich weiß nicht , wohin . « Als Malimmes antworten wollte , kam aus dem Herrenhaus ein festes , struwelhaariges Mannsbild in höchst unkriegerischen Filzpantoffeln herausgeschritten , Martin Grans , des Herzogs Hauptmann auf der Plaienburg . Malimmes sprang aus dem Sattel , machte seine Botenmeldung , übergab den gesiegelten Brief und führte , während der Hauptmann gleich zu lesen begann , den schwitzenden Falben zu einem der schlechten Ställe , die unter den Wehrgang eingebaut waren . Martin Grans schien an dem Auftrag , den er da zu lesen bekam , keine sonderliche Freude zu haben . Er knurrte einen Fluch durch die Zähne . Aus der offenen Stalltür klang die Stimme des Malimmes : » Her da , Heiner ! Tu mit sauberem Stroh das Rössel bürsten , bis es trücken ist ! Das Maul und die Hessen reib ihm mit einem Schlückl Branntwein ! Flink ! « So grau verstaubt , wie er in den Burgfried eingeritten , kam Malimmes aus dem Stall gesprungen und eilte hinüber zu der kleinen Eisentür des Turmes , der in der südlichen Ecke des Hofes plump hinaufstieg in das Blau . Mißmutig faltete der Hauptmann den Brief zusammen , ging auf Runotter zu , bot ihm die Hand und wurde freundlich . Zufrieden lachte Malimmes vor sich hin und verschwand in dem dunklen Türloch des Turmes . Von dem vierzehnstündigen Botenwege schienen seine Knochen nichts zu spüren . Bei jedem Sprunge nahm er drei von den hohen Steinstufen . Mit Geklirr und Gerassel ging ' s hinauf über steile Wendeltreppen , durch Wehrstuben , in denen Armbrusten und Faustbüchsen unter dem spärlichen Licht der winzigen Fenster hingen . In der Wachtstube des vierten Stockes saßen ein paar Spießknechte mit heiterem Lärm beim , Knöchelbecher . Noch eine letzte steile Stiege , und Malimmes tauchte durch die Bodenluke hinauf zum Söller des Turmes . Das wundersame Bild , das von allen Seiten über die Zinnen herleuchtete , war wie ein Farbenjauchzen der schönen Erde . Rings um die Tiefe des Turmes ein Gewoge von Wäldern . Gegen Norden ein sanft gehügeltes Land mit grünen Wiesen und gelben Feldern , mit weißen Straßen und silberblitzenden Bachläufen . Gegen Osten , Süden und Westen der ruhige Riesenkranz der Berge , mit grünen , grauen und weißen Gipfeln , mit bewohnten Tälern , mit dem besonnten Gemäuer der Berchtesgadnischen Festungswerke beim Hallturm , mit dem Dächergewirre von Reichenhall und den weißen Stiftsmauern des heiligen Zeno , dessen Münster nur mit den beiden Turmspitzen über einen bewaldeten Hügel herüberguckte . Und hinter diesen fernen , weißen Mauerstrichen war etwas Braunes und Graues zu sehen , gleich dem Budengewirr eines dörflichen Marktes , das Zelt- und Barackengeläger der andächtigen Bittgänger aus der Ramsau . Weiße Tauben flogen um den Turm , und Schwalben schössen er schrillem Gezwitscher blitzschnell durch die klare Sonne . In einer Zinnenscharte saß Jul auf dem Mauersaum , das vorgeneigte Gesicht vom schwarzen Haar umhangen , um die Brust den blank gefegten Plattenküraß . Versunken spähte der Bub zum Hallturm hinüber und in die Ferne des Berchtesgadnischen Landes . Malimmes legte ihm die Hand auf die Schulter . » Gottes Gruß , lieber Bub ! Da bin ich wieder . « Wie ein Erwachender hob Jul den Kopf mit dem schwankenden Haar . Die blauen stillen Augen in dem sonnverbrannten Gesicht hatten einen verlorenen Blick . » Wach auf ! Tag wird ' s ! « Malimmes rüttelte den Buben zärtlich an der Schulter . » Die müde Faulheit hat ein End . Es ist ein Kriegshauf unterwegs . In des Herzogs verdeckten Sudhafen schaut unsereins nit hinein . Aber ich denk , wir liegen morgen vor dem Hallturm und schlagen los . « Ein Schreck war in den Augen des Buben , ein jähes Erblassen ging ihm über Stirn und Wangen . » Du ! Wirst doch nit Angst haben ! « mahnte Malimmes mit lachender Herzlichkeit . Stumm schüttelte Jul den Kopf . » So freu dich ! Geh ! Da kannst du deinen Zorn wider die Herren austoben . Und wo du stehst , da steh ich bei dir . Streck dich , Bub ! Seit vierzehn Tag hast du was gelernt von mir . Reiten kannst du wie ein Jungherr . Ein Rößl hab ich dir gebracht , wie der heilige Peter keines im Stall hat . Und mit dem Eisen verstehst du dich aufs Klopfen wie ein Kesselschmied . « Jul erhob sich und wollte gehen . » Höia ? Was ist denn ? « Malimmes faßte den Buben am Arm . » So lauf mir doch nit allweil gleich davon ! « » Tu mich auslassen ! Ich muß hinunter zu ihm . « Wie dunkler Sammet war ' s im Klang dieser tiefen , wehen Knabenstimme . » Was morgen kommt , wird ihm hart werden . « » Hart ? « Jul nickte . » Sein Zorn muß schlagen , seine Treu verwehrt ' s ihm . « Er drehte langsam das Gesicht gegen die Ferne , in der die Gadnischen Berge blauten . » Müssen , was man mit will ? Das ist ein arges Ding . Und macht einen müd . « Den Arm aus der Faust des Malimmes lösend , ging Jul davon . Schweigend stand der Söldner , und wie ein frischer Blutstreif brannte die große Narbe in seinem Gesicht , als er den Buben durch die Dachluke des Turmsöllers hinuntertauchen sah . Die Schritte des Jul erloschen in dem heiteren Lärm , den da drunten in der Wehrstube die würfelnden Spießknechte machten . Nun drehte auch Malimmes das Gesicht gegen die Berchtesgadnische Ferne hin und tat einen leisen Pfiff . Er lachte hart . Flinke , rappelnde Tritte klangen auf der Holzstiege . Das blonde Mädel aus dem Ramsauer Leuthaus surrte erhitzt durch die Luke herauf , mit einer Schüssel und einem zinnernen Weinkrug . Heiße Freude glänzte in den Augen des verhärmten Gesichtes . » Da bist ja wieder ! « Er nickte und wollte an ihr vorbei . Erschrocken vertrat sie ihm den Weg und sagte sanft : » Magst nit essen und trinken ? Nach so einem weiten Weg ? « » Maidl ! « Malimmes sah ihr streng in die Augen . » Tu mich in Ruh lassen ! Unser Anfang ist ein End gewesen . Den Freudenpfennig legt man hin auf den Tisch . Man dreht ihn nit siebenmal um . Wenn dich dürsten tut nach einem Mannsbild - es sind doch feste Buben in der Burg , such dir halt einen aus . « Sie sah ihn an und Zähren kollerten ihr über den Mund herunter . » Wenn man einmal die Deinig gewesen ist , mag man keinen andern nimmer . « Malimmes schien verdrießlich zu werden . Doch er lachte . » Du Gänsl , du dummes ! Sei gescheit und tu dir das junge Leben nit beschweren ! « Der freundliche Klang seiner Worte machte ihr Mut . Sie schmiegte sich scheu an seinen Arm und flüsterte : » Ich muß dir was sagen . Seit gestern weiß ich ' s. « » Was ? « » Daß ich Mutter bin . Von dir . « » Nit schlecht ! « Heiter streckte sich Malimmes . » Wenn man hundertweis die Menschen totschlagt , müssen sie einschichtig wieder herwachsen . « Freundlich strich er mit der Hand über das Blondhaar des Mädels . » Tu dich freuen ! Mutter sein ist ein gutes Ding . Trag dein Kindl in Lieb und Sauberkeit ! Brauchst du was von mir , so verlangt ! Und wenn du kommst und bringst mir das Kindl , so reden wir weiter . Jetzt hab ich nit Zeit . Behüt dich derweil ! « Er ging mit Lachen davon und verschwand in der Luke . Traudi trocknete die Tränen vom Gesicht und trug dem Malimmes den Weinkrug und die Schüssel nach . Aus der Tiefe des Turmes klang wachsender Stimmenlärm und wirres Geräusch herauf . Hauptmann Grans begann die kleine Besatzung der Plaienburg für die Ablösung zu rüsten und ließ unter den Gehängen des Burghügels die Stallbuden für den Kriegstrupp aufschlagen , der am kommenden Morgen im Saalachtal erscheinen mußte . 10 Sechs Spießknechte , die der Hauptmann zu Plaien am späten Abend in seine Schlafstube gerufen hatte , verließen nach Einbruch der Nacht die Burg durch eine Schlupftür . Es hieß , sie sollten der nahenden Ablösung entgegenziehen und die Straße sichern . Um die zehnte Stunde war ' s ruhig in den Burghöfen . Droben in der Schlafstube des Hauptmanns brannte noch Licht , und von Zeit zu Zeit deckte der schwarze Schatten eines Mannes die rötliche Fensterhelle . Das war , als träte ein Ungeduldiger immer wieder an das Fenster , um in die Nacht hinauszuspähen . Im inneren Hofe saß ein Schlafloser vor der Türe des kleinen Gästehauses auf der Steinbank , regungslos , mit der Stirne zwischen den Fäusten . Jul , in einen Mantel gewickelt , trat aus der Tür und legte dem Gebeugten die Hand auf die Schulter : » Geh , tu rasten ein lützel ! « Runotter nickte . » Ich komm schon . Bald . « Jul ging in das Haus zurück . Und Runotter saß aufrecht gegen die Mauer gelehnt , mit den Fäusten auf den Knien . Seine Augen suchten in der stahlblauen Höhe , in der die ruhigen Sterne funkelten . Matter Lichtschein fiel aus den kleinen Fensterluken der Ställe . Manchmal hörte man das Schnauben und Wiehern eines Pferdes das Klirren einer Kette , die müde Stimme einer Stallwache . Und wie ein Chorgesang von tausend sanften Murmelklängen war das Rauschen der Saalach in der stillen Nacht . Die Felswände der Staufen und die Steinzinnen der Lattenberge wurden weiß vom Lichte des steigenden Vollmonds . Doch über Turm und Dächer von Plaien warf der schwarze Untersberg noch seinen finsteren Schatten . Oder kam auch da droben auf diesen dunklen Gehängen schon der Mond ? Eine wunderliche Helle zitterte über die steilen Wälder hinauf , und schwarze Waldmassen begannen sich mit rötlichem Schimmer zu säumen . Runotter erhob sich , höhlte die Hände um den Mund und rief gegen den Söller des Turmes hinauf : » Höi ! Wächter ! Siehst du da droben das Feuer nit ? « Aus der schwarzen Höhe klang eine Stimme : » Wohl , ich schau schon allweil und weiß nit , was ich denken soll . « Da wurde droben am Haus der Burg das erleuchtete Schlafstubenfenster aufgerissen , und der Hauptmann rief zum Turm hinüber : » Was ist denn ? « Während zwischen Haus und Turm die Stimmen hin und her klangen , wurde es in den Höfen lebendig . Die Söldner sprangen aus der Wachtstube und aus ihren Schlafkammern , die Roßbuben aus den Ställen , die Gesindleute aus dem Haus . Dann kam der Hauptmann scheltend herunter und bestieg den Turm . Auf dem Gehäng des Untersberges wuchs die Feuerhelle . Da droben lag der Hirschanger mit sieben bayrischen Bauernhöfen . Und man konnte nimmer zweifeln : Dort oben waren wieder ein paar leuchtende Sterne auf die schöne Erde gefallen . Man sah die Züngelflammen von Heustädeln und Hausdächern . Waren Spießknechte des heiligen Peter von Berchtesgaden brandschatzend auf bayrisches Gebiet geraten ? Anders konnte man sich die brennenden Feuer da droben nicht erklären . Aber noch immer schüttelte Hauptmann Grans den struwelhaarigen Kopf : » Die Gadnischen müßt ja doch der Teufel reiten bei so einer Frechheit ! « Da hörte man in der Nacht das Geschrei von Menschen , die durch den Wald herunterflüchteten , hörte das Gebrüll von Rindern , das Gerassel ihrer Schellen , und zwischen den schwarzen Bäumen zitterte ein Schein von Fackeln , die der Plaienburg immer näher kamen . Während der Vollmond über die Höhe des Gadnischen Hallturmes heraufstieg , das Tal der Saalach mit weißer Milch überflutete und neugierig aus dem ewigen Blau herunterguckte auf das sonderbare Treiben der Menschen , erreichte der Schwarm der Flüchtenden vom Hirschanger , an die dreißig Menschen - Männer , Weiber und Kinder , mit sechzig Rindern - das Tor der Plaienburg . Weil die kleine , enge Feste solchen Zulauf nicht fassen konnte , wurde das Vieh der Flüchtigen in den Baracken untergebracht , die man am Abend für die aus Burghausen angesagte Ablösungstruppe aufgeschlagen hatte . Die Bauern berichteten : Von der Gadnischen Seite wären Spießknechte brandschatzend eingefallen ; weil sie zuerst die auf den höheren Wiesen stehenden Heustädel niederbrannten , hätte sich alles Lebendige aus den Bauernhöfen noch rechtzeitig flüchten können , bevor das Feuer in die Häuser geworfen wurde . Hauptmann Grans brüllte vor Zorn über diesen gottsträflichen Friedensbruch . Und dennoch schien seine tobende Wut eine kühle Sache zu sein , die ihm den Herzfleck nicht heiß machte . Nur die obdachlos gewordenen Bauern hatten das richtige Zornfeuer in ihren Seelen , die Weiber weinten oder schimpften , die Kinder zitterten stumm oder heulten . Und die Söldner , weil sie Arbeit und Beute witterten , schlugen einen Spektakel auf , daß alles Gemäuer der Burg widerhallte von ihrem Geschrei . Es blieb dem Hauptmann Grans nach Brauch und Gesetz nichts andres übrig , als vier Reiter mit einem scharfzüngigen Sergeanten zum Berchtesgadnischen Hallturm hinaufzuschicken und in Herzog Heinrichs Namen strenge Sühne wegen dieser friedensbrecherischen Brandschatzung zu fordern . Nach blassen Mondscheinstunden begann der Morgen eines schönen Tages sich rosig zu erhellen . Die fünf Abgesandten brachten die Meldung : Der Hallturmer schwöre die heiligsten Eide , daß er von der Brandschatzung nichts wüßte und wider Herzog Heinrich schuldlos wäre ; keine Seele der Gadnischen Besatzung hatte während der Nacht den Burgfried und die Schanzen verlassen ; er müsse nach üblichen Rechten jede Sühne verweigern ; diesen brennenden Unfried hätte wohl der heilige Zeno in Falschheit angezunden , um den heiligen Peter von Berchtesgaden bei Herzog Heinrich schlecht zu machen . Die Antwort wurde von der Plaienschen Besatzung mit Hohn und schreiendem Lärm empfangen . Und während die Söldner und Bauern einen wilden Rumor erhoben und den Hauptmann hetzten , der unentschlossen und schweigsam war , schmetterte plötzlich auf der Turmhöhe der Ruf eines Hornes . Herr Martin Grans tat einen Atemzug der Erleichterung , sprang zum Turin hinüber und eilte hinauf zum Söller . Der Hornbläser empfing den Hauptmann mit den drei vergnügten Worten : » Sie kommen , Herr ! « Es ging schon auf die sechste Morgenstunde . Die Höhen der Berge glühten im jungen Sonnenschein , und die Farben der Täler waren hell und leuchtend , obwohl sie noch vom zarten Blauschatten des Morgens umschleiert lagen . In der nördlichen Ferne draußen war das hügelige Land der Tiefe schon eine goldig schimmernde Schönheit . Inmitten dieses friedsamen Erdenleuchtens sah man etwas wunderlich Dunkles . Auf der Pidinger Straße kam ' s heran . Und war wie eine lange , lange , bräunliche Schlange , die sich trag bewegte - war wie ein riesenhafter Tausendfüßler , stachlig und borstig - war wie ein rätselhaftes Untier , das sich in Windungen vorwärts schob , einen dicken staubgrauen Dampf aus seinen Ringen und Gliedern ausstieß und unter diesem wehenden Qualm ein Blitzen sehen ließ wie von metallenen Schuppen . Lachend rief der Hauptmann : » Jetzt bin ich erlöst ! Jetzt sollen die Berchtesgadner einen Dampf unter der Nase merken . « Er eilte hinunter in den Hof und schrie den Sergeanten an : » Was sagt der heilige Peter ? « » Daß er schuldlos wär und daß er - « Weiter ließ Herr Grans den Sergeanten nicht reden . » Reit hinauf ! Und sag , daß mein gnädigster Herr sich nit abspeisen läßt mit Lügen und Ausflüchten . Meine geschädigten Bauren schwören : Das sind Gadnische Brandschatzer gewesen , zehn oder zwölf oder mehr . Ich will sagen , es sind bloß acht gewesen . Die hat der heilige Peter bis zur neunten Morgenstund gebunden , barhäuptig und barfüßig vor mein Gericht zu schicken . Und bis zur gleichen Stund hat der heilige Peter für den angestifteten Schaden gerechte Buß zu geben : zehn Pfund Pfennig für jeden niedergebronnenen Heustadel , vierzig Pfund Pfennig für jedes gebrandschatzte Bauernhaus . Ist binnen drei Stunden nit glatte Rechnung gemacht , so steht Glock zehne mein gnädigster Fürst , Herr Herzog Heinrich , in gerechter Fehd wider Land und Volk und Hab und Gut des heiligen Peter ! « Beim Austritt des Sergeanten und der vier Geleitsknechte erfüllte ein jubelnder Lärm den Hof der Bürg . Die Söldner schienen verwandelt in einen Schwarm von Betrunkenen . Sie wußten : Für den Hallturmer war ' s ein unmögliches Ding , die Forderungen des Hauptmanns von Plaien zu erfüllen ; dann würde Glock zehn das Klopfen mit dem Eisen beginnen ; lang konnte sich der Gadnische Grenzwall wider einen festen Sturm nicht halten ; und vielleicht am Abend schon , doch sicher am kommenden Morgen , gab es ein lustiges Hetzen hinter den Fliehenden , und zu Berchtesgaden gab es Raub und Beute , Wein und Weiber . Freilich , Verwundete und Tote gab es wohl auch ! Doch jeder von diesen Hoffnungsvollen dachte : Das trifft den andern ! Ich leb und raub und sauf und lach und freu mich ! Neben dem lärmenden Jubel , der den Burghof erfüllte , stand das Häuflein der sieben Ramsauer stumm beisammen . Sechse hatten ernste Gesichter . Nur einer von ihnen blieb heiter , guckte lachend hinein in das rumorende Gewirr und sagte leise : » Wenn die Herren raufen , muß der Bauer Haar lassen . « Ein warmer Strahl der Sonne , die ihren Weg zur Höhe nahm , glitt über die Mauerkante in den Hof herunter . Da klammerte Runotter die Faust um das Handgelenk des Malimmes : » Tu nit lachen , Mensch ! « » Warum denn nit ? Narretei macht allweil lustig . « » Narretei ? Sag : Schlechtigkeit und Unrecht ! « » So ? « Malimmes lachte . » Merkst , wie der Schneider den Kittel flickt , wenn das Tuch nit reicht ? « » Ich merk : Vor einem schiechen Ding bin ich davongelaufen , in ein schieches Ding bin ich hineingerumpelt . « Mit brennenden Augen sah Runotter den Söldner an . » Mensch ? Wo ist denn ein Sträßl , auf dem das Gute lauft ? « » Das ist allweil hinter dem Berg « , Malimmes schmunzelte , » und da muß man halt hinüber . « Ernst werdend , legte er die Hand auf den Arm des Bauern . » Sei gescheit ! Nit sinnieren ! Tu lieber einen kühlen Trunk ! Und bleib das feste Mannsbild , das du gewesen ! Bloß für den , der sich selber verliert , ist alles hin . « Runotter wollte antworten . Aber da trat Herr Martin Grans auf ihn zu , mit verdrießlichem Gesicht , und sagte : » Wie ist das jetzt ? Wenn wir losschlagen Glock zehn ? Willst du ein verläßlicher Fehdgenoß meines Herrn sein ? « Der Bauer hob den Kopf . In seinem steinernen Gesicht bewegte sich kein Zug . Und seine Augen irrten ins Leere , während er dem Hauptmann die Hand hinstreckte . » Ich muß . Und will . Und mich und die Meinigen darf man hinstellen , wo ' s am härtesten ist . « Da wurde der Hauptmann freundlich und sagte lächelnd : » Gut ! So tu dich rüsten ! « Schweigend nickte Runotter und ging zur Türe des Gastbaues . » Komm , Jul ! « Malimmes legte den Arm um