deiner Freundin ! « Nun erbarmte sie mir doch ; denn sie wurde erst rot , dann bleich und sagte bloß halblaut : » Geh zu , - boshafter Mensch ! « Worauf sie der Gregori noch einmal spöttisch ansah und dann zu einer der Gruppen trat , bei denen es am lautesten zuging . Ich aber blieb nun bei der traurigen Jungfer , setzte mich neben sie und fing ein Gespräch mit ihr an . Sie war nun recht freundlich , und wir unterhielten uns gar gut , indes ihre bleichen Wangen langsam wieder Farbe bekamen . Und ehe der Tanz wieder begann , fragte ich sie noch schnell um ihre Häuslichkeit und versprach , sie zum nächsten Sonntagskurs abzuholen ; darüber sie gar nicht ungehalten war . Mittlerweil wurde es gemach Zeit , daß wir ans Heimgehen dachten , und der Gregori nahm meinen Arm und zog mich aus dem Saal . Und also trabten wir gemütlich durch die matt erleuchteten Gassen und gingen heim , da schon die andern in weißen Hemdsärmeln um den Tisch in der Eßstube saßen und diskutierten , bis die Frau Meisterin im Sonntagsstaat mit Locken und silbernen Nadeln , mit gesticktem Mieder und goldener Riegelhaube eintrat und eine große Platte mit Würsten auftrug , jeden fragte , ob er auch in der Vesper oder im Rosenkranz gewesen wär , und daneben eine Schüssel voll Kraut herumreichte , indes der Meister am Kanapee lag , die Stirn in Falten zog und nach dem Bierkrug rief . Darauf ihm die Meisterin sein gottslästerliches Saufen vorhielt und ihn zu Bett brachte . So ging also der Tag um , der letzte , den ich als ein Malergsell verlebte ; denn schon der ander Morgen brachte mir ein Ereignis , das die Wahrheit des Sprichworts wieder einmal klar bewies : So sich einer die Suppen einbrockt , soll er sie auch auslöffeln . Im Turm Die Frau Meisterin hatte mir grad noch eine extrige Butterbretzel zu meinem Kaffeeweckl gelegt , nachdem ich ihr und dem Meister als erster einen guten Morgen gewunschen , da wurde draußen der schwere Türklopfer dreimal laut vernehmbar , und ins Haus traten zwei Gendarmen und ein Polizeidiener . » Mit Verlaub , Meister Behringer ! « sagte der Diener , da ihnen der Meister aufmachte . » Gut Morgen . - Haben was Fatals heut , - mit Respekt zu melden - ganz was Fatals . - Es soll nämlich - mit Verlaub - in Euerm Haus ein ganz gefährliches Individium - respektive - Subjekt sein , ein Erzspitzbub , Einbrecher , Straßenräuber und - mit Respekt zu melden - ein ganz gemeingefährliches Galgenfutter ! « Sprachlos starrte mein Meister die drei an , indes die Meisterin einen schwachen Schrei ausstieß und mit dem Seufzer : » Heiland ! I stirb ! « ohnmächtig mir in den Arm sank , der ich doch selber vor Schreck und Entsetzen wie ein Halm im Sturmwind schwankte ; denn ich hatte es im ersten Augenblick schon gewußt : die sind wegen deiner da , - jetzt kommt die Straf Gottes ! Ganz gebrochen und mit bebenden Händen half mir der fassungslose Meister seine Ehefrau aufs Kanapee legen und brachte nur die Worte heraus : » In mein Haus ! - In mein Haus ! - A Räuber in mein Haus ! « In diesem Augenblick kamen die Gesellen die Stiege herab , und einer um den andern trat in die Stube - starr und verwundert . In jener Stund hab ich auch ' s Beten vergessen und ' s Wünschen ; denn mein Schicksal schien mir besiegelt . Jetzt ists aus , - sagte ich mir ; - jetzt gehts dahin , und der Scharfrichter mißt dir jetzt gähend ein rots Halsbindl an , - anstatt daß d ' ein Künstler wirst und ein großer Herr ! Und überlegte also nur noch , wie ich meinem Meister die große Kümmernis ein wenigs abnehmen und mir die Schand ersparen kunnt , so vor dem ganzen Haus in Ketten gelegt und verarretiert zu werden . Nahm also meine Kraft zusammen und wandte mich an die Gendarmen : » Verschonts doch die armen Leut ! - Kommts da raus , - ich will euch über alles Aussag geben ! « Sie mußten mich für den Sohn des Hauses halten ; denn sogleich gab der Diener den beiden Gendarmen einen Wink , befahl , daß jeder Gsell in der Stube bleibe , und folgte mir auf den Gang hinaus . » Ihr kennt wohl alle , die hier in Arbeit stehen ? « fragte er mich alsdann . » Ja ! « erwiderte ich bebend . » Nennt den Namen ! « Da kams auch schon wie die Posaun vom jüngsten Tag : » Johannes Schröckh , Malergesell , geboren und katholisch getauft im Jänner des Jahres 1786 zu Traunstein in Baiern . « Alles Blut war aus meinem Gesicht gewichen ; eine Schwäche faßte mich , und ich mußte mich an das Stiegengeländer lehnen , um nicht zu sinken . Und sagte weiter nichts , als : » Es stimmt schon ; nehmts mi nur gleich mit ! - Ich bin der Johannes Schröckh gewesen . « Verblüfft sahen mich alle drei an ; aber ich hielt ihnen meine Händ hin zum Fesseln und sagte : » Es ist schon so . Ich heiß zwar Mathias Bichler , - aber ich bin unter dem Namen Schröckh da in Arbeit gestanden . - Warum , - das kann ich euch nit sagen ! « » Das kann man glauben und nicht glauben ! « meinte nun der Polizeidiener . » Da muß ich schon eine Gwißheit drüber kriegen ! « » Die sollts gleich haben ! « erwiderte ich und wollte hinaufgehen in die Kammer , meinen Passierschein aus dem Ranzen zu holen . Aber in eben dem Augenblick trat der Meister aus der Stube , blickte wild von einem zum andern und sagte endlich grollend : » Ihr werdts wohl irr gangen sein ! - In mein Haus arbeiten bloß ehrliche Leut , - koane Spitzbuben ! - Und jetz möcht i nachher wieder an Ruah in meiner Hütten ! - Verstanden , meine Herrn ! - I bin ein Bürger ! - Ein Münchner Bürger ! - Verstanden ! « » Ho , ho ho ! Meister ! « ließ sich da einer von den Gendarmen hören . » Teans Eahna fein net so auslassen ! - Mir san die hohe Obrigkeit - und das Gesetz - verstanden ! - Mir tean ganz einfach unser Pflicht - verstanden ! « » Jawohl - ganz richtig ! « pflichtete ihm der Diener bei . » Vor dem Gsetz und der Polizei hat jeder zu schweigen ! - Wie heißen Eure Gesellen ? - Vor- und Zunamen ! « Der gute Meister zitterte noch immer vor Zorn , und seine Stimme klang heiser , als er sagte : » Meine Gselln ? - Dees kinnts glei von jeden selber hörn ! - I sags Euch nachher schon , obs stimmt ! « Da sagte ich noch einmal : » Ich heiß Johannes Schröckh und bin aus Traunstein . - Moaster , - stimmts ? « » Jawohl , Hansl , - du bist es schon ! « erwiderte der gute Alte und sah mich schier zärtlich an . » Und was die andern betrifft , so derfts es grad fragn ! - I geh ! « Und spuckte also giftig aus , murmelte einen Fluch und ging in die Werkstatt , indes aus der Stube das laute Durcheinanderreden der Gesellen und klägliches Weinen der Frau Meisterin vernehmbar ward . Noch einmal hielt ich meine Hände hin ; die Gendarmen schlossen mich in Ketten und führten mich ab , wie ich ging und stand . Der Polizeidiener aber rief zur Stubentür hinein : » Ihr könnt an euer Gschäft gehn ! - Wir sind fertig ! « Ging und schlug das Haustor hinter sich zu , daß es krachte . Also ward ich als ein übler Verbrecher unter großem Zulauf des Volks durch die Gassen geführt und hinter der Kirch Sankt Peter in ein Gebäud und vor den Kriminalrichter gewiesen , der mir eine Stunde lang alle erdenklichen Kreuz- und Querfragen vorlegte , ohne doch was anderes zu erfahren als die Wahrheit , die ihn aber leider als die ärgste Lug dünkte . » Schade ! « sagte er am End ingrimmig . » Schade , daß wir die Folter nicht mehr so brauchen dürfen wie vordem ! - Aber du wirst schon bekennen , wenn man dich morgen einmal ein wenig auf die lange Bank legt , - deine Glieder streckt und dir so ein zwanzig , dreißig Streiche gibt ! - Ab jetzt - in die Keuchen ! - Wir finden schon was , um dich zur Wahrheit zu bringen , - Bürschlein ! - Deinen Kragen kostets dich so oder so ! - Morgen kommst du in den Falkenturm ! « Worauf mich einer abführte und in die Keuchen des Ratsturms sperrte . Da saß schon einer auf einem Schemel , hatte den Kopf in beide Hände gestützt und rührte sich nicht , da ich eintrat ; wandte auch den Kopf nicht , als der Schürg zu ihm sagte : » He , da ! bruet wohl wieder neue Bosheiten aus , der Gauner ! « und ihm dazu einen Rippenstoß gab , worauf er brummend wieder hinausging und hinter uns abschloß . Nun erst wandte der Gefangene langsam den Kopf und sah mich an ; - aber da stieß ich einen Schrei aus : es war der Magister . Auch er starrte mich ohne alle Fassung an , packte mich an den Armen und rief dann aus : » Mathiasl ! Ja zum Teufel ! Wie kommst denn du da rein ? « » Wie werd ich reinkommen sein ! « sagte ich bitter . » Zwegn deine verfluchten Malefizfetzen ! - Dein Herr Johannes Schröckh ist heut aufgabelt worden ! - Das hab ich bloß dir zu verdanken , daß ich jetz dasitz in der Schand ! - Der Richter redt gar schon von der Tortur , und daß s ' mich köpfen wolln oder hängen ! « » Ach was , Unsinn ! - Köpfen ! « sagte der Magister . » Wenns bei mir weiter nichts wär , wie bei dir , so könnt ich billig lachen ! - Dein Fall kann doch sofort geklärt werden ! - Für was bin denn ich noch da ! - Nur Kopf hoch und nicht gleich so verzwazelt sein ! - Ich halt , was ich versprochen hab ! « Dies gab mir wieder etwas Hoffnung in mein traurigs Gemüt ; auch wars mir trotz meines Grolls auf den Magister um vieles leichter , daß ich nicht ganz allein war in meiner Gefangenschaft ; daher erschrak ich nicht wenig , als der Diener nach einer Weil wiederkam und den Magister fortholte ; denn ich wähnte , man würde ihn jetzt wo anders unterbringen . Eine große Beklemmung kam über mich , und ich lief ruhelos zwischen den grauen Wänden hin und her , betrachtete scheu die elende Lagerstatt im Eck und den Stein , darauf ein Wasserkrug stand . Ein armseligs vergittertes Fensterloch ließ kaum ein wenig Tageslicht durch seine blinde Scheibe herein , und ein Unratkübel verbreitete einen bestialischen Gestank in der winzigen Keuchen . Mein Hirn brannte , und eine harte Angst schnürte mir die Brust zusammen , da ich der Drohung des Richters gedachte . Nun wußten es die Gesellen und der Meister schon , daß ich der Verbrecher war , den die Schürgen geholt ! Und der Meister Eberhard , der Birchmayer , erfuhr es wohl auch bald ! Ach Gott ! - Und alles bloß wegen dieses Leichtsinns ! - Wer weiß , was dieser Magister alles geliefert hatte , daß er hier saß ! - Er wollt mir helfen ! - Wie wollt er mir denn helfen ? - Dem schenkte ja doch niemand Glauben ! Und dacht also dies und jenes , dacht zurück in der Zeit und Weil und war schließlich am End , da ich in jener Nacht aus dem Haus der Lackenschusterin , meiner Kathrein , entwichen war . Da stieg es mir heiß auf ; - ich ließ mich auf die hölzerne Lagerstatt fallen und weinte bitterlich . Schäme mich annoch jetzund dieser Tränen nicht , da sie doch mein Herz erleichterten und meine Sinne willfährig machten einer tiefen Reu über alle Leichtfertigkeit meines Lebens . In solcher Zerknirschung fand mich nach einer geraumen Weil der Magister , als er wieder in das Loch gebracht wurde ; und er verwunderte sich höchlich darüber , da es doch gar nicht schlecht um mich stünd , wie er meinte . » Ich glaub gar , du flennst ! « sagte er . » Möcht mich wohl schämen an deiner Stell , zu heulen ! - Man hat mich geholt und mir befohlen , dich auszufragen über dein ganzes Leben , um dir die Tortur zu ersparen . - Ich werde mich also noch heut abends melden und über dich reden , wie sichs gehört . So . Und jetzt wird nimmer geheult ! - Pfui Deibel ! « Er spuckte giftig an die Wand und sagte nach einer Weil vertraulich : » Habs auch nicht gut gemacht , mein Sach ; hab einem Milchbauern seiner Kuh die Maulseuch abbeten wollen um zehn Taler . - Derweil zeigt mich der Hund an ! - Weils nichts geholfen hat ! - Jetzt kann ich zehn Tag brummen und darnach die Staup kriegen ! « Nach Verlauf etlicher Stunden ward ich abermals vor den Richter gestellt und mit vielen und beweglichen Worten ermahnt , doch zu gestehen : daß ich erstlich wirklich der Johannes Schröckh sei , zweitens , daß ich drüben bei Augsburg einem Handelsmann seine Barschaft geraubt und ihn durch Schläge mißhandelt und drittens das Gewölb eines Geschmeidhändlers erbrochen und ausgeraubt hätte . Und da ich auf meinen alten Angaben , also bei der Wahrheit , bestehen blieb , ließ der würdige alte Herr einen Schreiber kommen , der mir den Gang der Tortur von einem Bogen Pergament ablesen mußte . » Ist jemand vor dem Gesetz hinreichend verdächtig « , begann er , » ein Verbrechen begangen zu haben , und laugnet trotz aller Ermahnungen , so muß mit ihm zur üblichen Tortur geschritten werden . Diese besteht darin : daß erstens der Verdächtige in die Torturkammer geführt werde . Hier sind alle Wände ganz schwarz , rings mit Lichtern behangen , der Raum überall mit peinlichen Werkzeugen vollgestellt , so daß das Auge des Verbrechers keinen Ruhepunkt findet . - Nichts als Martergeräte . Dort wird er ausgekleidet , ihm das Torturhemd , welches rückwärts offen ist , angelegt , und er auf die Streckbank geworfen , Händ und Füß mit Stricken angebunden und sein Leib auf alle Weis gedehnt und gestrecket . Darnach dreißig harte Streiche mit der Rueten gegeben , daß ihm das Fleisch vom Gebein fallet . So das nicht nützet und der Verbrecher noch laugnet , zweitens : Den folgenden Tag Wiederholung der ersten Tortur , doch diesmal sechzig Streiche mit der Rueten . Bekennt er auch dann nicht , so wird er : drittens , über Nacht in einen eisernen Leibring gespannt , die Händ in eiserne Handschuh gestecket und den dritten Tag also vorbereitet in die Marterkammer geführt , vom Nachrichter in den Stachelstuhl geworfen , daß sich die eisernen Zinken ins Fleisch bohren , und darnach sechzig Streiche . Hierauf werden ihm die Daumen und großen Zehen kreuzweis mit Schnüren gebunden und eine Walze voll eiserner Spitzen unter die auf den Rucken gebundenen Arme geschoben ; alsdann schnellet der Nachrichter von Zeit zu Zeit an den Schnüren , daß es den Körper heftig durchzuckt . Dazwischen noch einmal sechzig bis siebenzig Streiche , dabei aber der Medikus Acht haben soll , ob der Verbrecher solches ohne Gefahr des Lebens bis zum End vertrage . « Also las der Schreiber dies erschreckliche Schriftstück , dabei mich ein kalter Schauer schüttelte und ich für eine Weil die Sprach verlor . In solchem elendigen Zustand fragte mich nun der Richter aufs neue , ob ich der besagte Johannes Schröckh sei oder nicht . Da sagte ich noch : » Bei Gott , nein ! - Mathias Bichler ... « Dann fiel ich wie ein Klotz zur Erden und wurde ohnmächtig in die Keuchen und zu dem Magister verbracht . Der bebte vor Zorn , da ich wieder zu mir kam , und versicherte mir hoch und heilig , daß er mich retten wollt um jeden Preis . Und da der Mittag kam und wir ein Schüsselchen Suppe zur Mahlzeit erhielten , sagte er zum Schürgen : » Sagt dem Richter , ich hätt was zu melden . « Dann forschte er mein ganzes Leben aus mir heraus , nannte besonders die Namen des Lackenschusters und des Meisters Eberhard Birchmayer etwan zwanzigmal und wiederholte das , was ich ihm erzählt , so lange halblaut , bis er zum Richter geholt wurde , daselbst er leichtlich eine Stunde verblieb . Hab eine harte Weil gehabt in jener Stund und billig unsers Herrn gedacht und seiner Not , da er vor seinem Sterben am Ölberg kniete und Blut schwitzte . Und es kam mir wieder das alte Gebet auf die Lippen , das meine Ziehmutter , die Weidhoferin selig , jeden Donnerstag beim Nachtläuten gebetet hatte : O du liebster Herr Jesu Christ , Traurig zum Ölberg gangen bist ; Denn du erkanntest in deinem Herzen , Daß du leiden müssest große Schmerzen , Den Vater batest mit Begier , Daß er nähm den Kelch von dir . Vor Todesangst war dir so heiß , Daß dir ausging der blutge Schweiß ; Und als du solchen überwunden , Hast deine Jünger schlafend funden . Als sie vor Traurigkeit dalagen , Tätst du mit großer Liebe sagen : Wachen und beten sollet ihr , Daß keine Versuchung euch verführ ! Nach solchem Beten setzt ich mich auf den Schemel , hielt die Händ gefaltet und überdachte noch einmal den Gang der Tortur und meine Lage . Und da ich so stumpf vor mich hinstarrte , fiel mir eine Schrift in die Augen , die mit einem scharfen , spitzen Ding in das Holz der Liegerstatt geritzt war . Mühselig entzifferte ich bei dem dämmerigen Licht das Gekritzel und las : » Drei Röslein im Garten , - Drei Enten im See , - Mein Everl mueß warten , - Bis i wieder außi geh ! « Darunter stand : » Heiliger Peterl mit den Himmelschlüsseln , spirr meine Keuchen auf und führ mi naus ! « Da ich dies gelesen hatte , wurde ich wieder gefaßter ; denn ich bedachte , daß auch vor mir schon mancher hier gebrummt und gezwirnt hatte , vielleicht mit noch geringerer Schuldigkeit - mit größerer Pein . Stand also auf und suchte an Tür und Wänden überall nach Zeichen von solchen , die das gleiche Unglück , wie ich , oder vielleicht ein größeres gehabt . Ach , da war schier kein Flecklein an der dicken Eichentür - kein Flecklein längs der grauen Wand , das nicht irgendein Mal , ein Zeichen oder sonst eine Inschrift gezeigt hätte ! Hier war ein Herz mit verschlungenen Buchstaben ; darunter stand das Verslein : » Du hast ein falsches Herz , Das hab ich geprügelt , Jetzt sitz ich voll Schmerz Beim Wasserkrügel . « Dort war ein Talerstück getreulich nachgezeichnet , darum die Worte standen : » Die Daler waren gar zu scheen , Deswegen mueß ich ins Zuchthaus gehn . « Wieder eine Inschrift hieß also : » Katherl , i kimm , wann i außi kimm ; Führ di in Gansbühl numero siem ! « Dazwischen waren allerhand Diebs- und Gaunerzeichen zu finden sowie geheime Zahlen und Zinken . An der Tür aber standen in Rotwelsch etliche Sätze und darunter die Worte : » Kamerusche , noppelt für den Jahrler Toni ! - Heut holchts in Falkenturm , morgen zur Inne , und in drei Jumen scheft ich kapore ! - Memento more ! « Indem ich noch las und buchstabierte , kam der Schürg mit dem Magister wieder zurück und ließ ihn ein . Der schmunzelte , sah nach der Tür zurück und sagte : » Haarbogen ! « Dann tat er einen Schluck aus dem Wasserkrug , streckte sich auf das hölzerne Lager , schob die Arme als Polster unter den Kopf und sah nachdenklich zur Weißdecke empor . Ich war aber nun neugierig geworden , was die Inschrift an der Tür zu bedeuten hätte , und sagte : » Magister , was heißt das ? « Und las ihm den ganzen Schmarren vor , worauf er ihn mir verdeutschte und sagte : » Das war einer von der Zunft ; der klagt : Die Streifer haben mich gefangen , mich dummen Hund ! - Jetzt bin ich Narr im Gefängnis ohne Kameraden . - Die Richter machen mir große Angst mit Stockschlägen und Tortur , wenn ich nicht gestehe . - Aber ich gestehe niemals ! - Wenn ich nur ausbrechen könnt ! - Ich fürcht , daß sie mich hängen oder köpfen , wenn sie meinen wahren Namen in die Nase kriegen . - Und das andere heißt : Kameraden , betet für den Waldler Toni ! - Heut gehts in den Falkenturm , morgen zur Tortur , - und in drei Tagen bin ich tot - kapore - memento more ! « Dann stand er auf , streckte sich und sagte : » Dem ist ganz recht geschehen , - das war ein wilder Bursch ; - der hat nicht wenig Bauern kalt gemacht und dazu genommen , was er erwischt hat . - Ist ein teuflischer Kerl gewesen - aber - hin ist hin . « Unter solchem Reden fiel mir mein eigenes Unglück wieder ein , und ich fragte den Magister , was er ausgericht hätt beim Richter ; doch war nicht um alles in der Welt eine Antwort aus ihm zu bringen . Er schob die Händ in den Sack , zuckte die Achseln und sagte bloß das eine Wort : » Abwarten ! « Also , daß ich aufs neue in große Kümmernis kam und nichts Gutes für den andern Morgen erwartete . Zugleich aber stieg nun mein Groll gegen den Magister , als den Urheber meines Unglücks , heftig in mir auf ; ich nannte ihn im stillen einen scheinheiligen Hund und sprach den ganzen Tag kein Wort mehr mit ihm . Und den Abend , da von den Türmen Sankt Peters und Heilig Geists das Angelusläuten ertönte , warf ich mich auf mein Lager , schlug die Händ vors Gesicht und würgte die heftig aufquellenden Tränen hinunter , indem ich der Schand gedachte , die meiner wartete . Ich aß auch nichts mehr und kehrte mich gegen die Wand , gab dem Magister auch auf sein Gut Nacht keinen Dank und entschlief , eh ichs bedachte . Mitten in der Nacht aber wachte ich auf ; - Fieber schüttelten mich , und ich sah mich im Geist schon auf der Bank ausgespannt liegen , zerschunden und zerfleischt . Die Haare standen mir zu Berg , und ich setzte mich auf , indes meine Glieder wie zerschlagen waren und schmerzten und brannten , daß ich aufstöhnte . Und in dieser Stunde machte ich den Vorsatz , den andern Morgen , wenn man mich fortführen wollt , alles zuzugeben , dessen man mich beschuldigte . Mocht man mich lieber als einen Fremden hängen , denn als Mathias Bichler schinden und schänden ! Nach solchem Entschluß ward ich wieder ruhiger und schloß die Augen . Ein fahles Rot schien den andern Morgen durch die trübe Fensterscheibe , spielte um die grauen Spinnweben daran und zeichnete die starken Gitterstäbe als ein großes Kreuz an die mattbeleuchtete Wand . Und also zog der Tag herauf , den ich mit der Ruhe und Entsagung eines sterbenden Klosterbruders erwartete . Der Schürg brachte eine Schüssel voll brauner Brennsuppe für jeden ; der Magister fuhr eilig von seiner Liegerstatt auf , rieb sich das Gesicht und aß sogleich mit großem Hunger . Schweigend goß ich ihm auch meinen Teil in seine Schüssel , dazu er lachte und sich bedankte : » Wirst ja ohnehin heut was Bessers kriegen ! « meinte er ; » ich wollt , ich wär du ! « » Is scho recht ! « erwiderte ich ihm bitter , setzte mich wieder auf meine Holzpritsche und verlor mich in allerhand trübe Gedanken , aus denen mich der Schürg aufschreckte , als er kam und sagte : » He da , Schröckh Hannes ! - Mitgehen ! « Wortlos , mit einem stechenden Schmerz in der Brust , folgte ich ihm in den Saal des Richters . Der saß mit etlichen anderen an seinem Tisch und schrieb , als ich eintrat . » Der Gefangene ist da , Euer Gestrengen ! « meldete nun ein Schreiber , worauf der Richter einen forschenden Blick zu mir herschickte , seine Feder weglegte und , sich räuspernd , in den Akten herumblätterte . Darnach fragte er einen Diener : » Sind die beiden da ? « » Mit Respekt zu melden : Ja , Euer Gestrengen ! « erwiderte dieser . Nun gings an mich . » Also , Er prätendiert , daß Er nicht die Person ist , als welche Ihn seine Legitimationes signiren ? « » Jawohl - nein , hoher Herr ! « antwortete ich mit Zähneklappern ; » ich gebs jetzt zu , daß ich der Lump bin ! « » Wie sagt Er ? - Er ists auf einmal ! - Er wollte doch gestern noch ... äh ... Mathias Bichler heißen ! « » Jawohl , hoher Herr ! - Aber heut nimmer « , sagte ich nun ; » ich geb alles zu . - Es ist alles so , wie der hohe Herr meint und sagt ! « » Subjekt ! - Er will uns wohl zum Narren halten ! « brüllte mich jetzt der Richter an , so daß mir vor Schreck und Ängsten bald schwarz , bald grün vor den Augen wurd . » Aber nein , hoher Herr ! « meinte ich zitternd und verzagt ; » ich will niemand nixen zleid tun ! - Wenn halt der hohe Herr glauben , ich bin der Schröckh , - so bin ichs , - wann nicht , - dann bin ichs auch nicht . « » Der Kerl ist verrückt worden ! « sagte der Richter darauf kopfschüttelnd , » Ihr habt doch gestern fest und steif behauptet , daß Ihr nicht Schröckh , sondern Bichler heißt ! « » Jawohl , hoher Herr ! « bestätigte ich . » Aber heut nimmer . - Heut sag ich zu allem Ja . « » Hirnloses Subjekt ! « donnerte nun der Richter und schlug mit der Faust in den Tisch . » Warum sagt Er zu allem Ja ? - Warum heißt Er heut nicht mehr Bichler ? « » Ach Gott , - weils mir halt graust vor der Schinderei , hoher Herr ! « sagte ich . » Ich hab mir denkt , es wär doch eine Sünd , wann ich die Herrn vom Gricht durch mein eigensinnigs Neinsagen dazu treiben tät , daß s ' mich foltern müßten . Da sag ich lieber Ja und laß mich gleich hängen ! « » Dummkopf ! « sagte einer von den Herren ; der Richter aber führte ein langgestieltes Spekulierglas an die Augen , besah meine schlotternde Jammergestalt eine Weile mit spöttischer Miene und sagte dann zum Schreiber : » Holt mir die beiden Zeugen herein ! « Der Schreiber lief hinaus und brachte die beiden , die ich aber nicht sehen konnte , da sie hinter mir Platz nahmen . Aber wie erschrak ich , als der Richter sagte : » Meister , wie heißt Ihr ? « und eine bekannte Stimme antwortete : » Eberhard Birchmayer . Ich bin Bildhauer und loschier in der Hundskugel beim Chirurgus Waltermair . « Dann trat er vor , indes ich meinen Kopf zur Seiten neigte und die Augen , wie mein geschnitzter Wandherrgott , schloß , und sagte mit mitleidigem Ton : » Ja , er ists schon , der Mathias ; - was hat er denn angstellt ? « » Das ist noch nicht genugsam eruieret ! « erwiderte der Richter . » Also , Ihr könnt einen Eid drauf geben , daß er Mathias Bichler heißt und aus Sonnenreuth ist ? « » Jawohl . So hat er mir erzählt « , sagte der Meister . » Es ist gut . - Tretet zur Seiten ! « winkte der Richter ab . - » Der zweite Zeuge soll vortreten ! - Wie ist sein Name ? « » Friedrich Glotz « ; klangs da an mein Ohr und ließ mich mit einemmal wieder aufschauen und für mein Leben hoffen . » Gebürtig ? « fragte der Richter weiter . » Aus Sonnenreuth . - Aber - mit Verlaub - das ist ja mein Ziehbruder ... ! « » Wart Er , bis Er gefragt wird ! « fuhr ihn der Richter an . » Das kommt erst jetzt ! - Also - Er kennt den Angeklagten ? « » Ja freilich , Herr Richter ! « rief der Fritz aus . » Er ist ja mit mir aufgwachsen im Weidhof zu Sonnenreuth ! - Is ja auf der Wanderschaft noch mit mir beinander gwesen , der Hiasl ! « Da wandte sich der Richter an mich : » Also - Er ist der Mathias Bichler . - Wie kommt Er aber zu den