? Gesa kann es nicht glauben und richtet sich an diesen Briefen wieder auf , aber wie eine Schlafwandlerin geht sie die Tage über Deich und Wurt , wartet auf den Briefträger und blickt über die Elbe . Sie hat keinen Schlaf und keine Ruhe mehr , bis sie gewiß weiß , daß ihr Junge lebt . Sie hat so viel an ihm gutzumachen , die arme Mutter , - daß er wiederkäme ! Den Nachbarinnen weicht sie beharrlich aus : sie kann deren fragende Augen nicht ertragen und will nichts hören und nichts sehen . Morgens , wenn die Sonne aufgeht , ist sie voll Hoffnung , aber nachts gibt sie wieder alles verloren . Ihre Augen sind von dem vielen Weinen geschwollen , und um ihren Mund hat sich eine Falte gegraben . Wäre nicht das Viehzeug , das sein Futter und seine Wartung verlangte , so hätte sie sich wohl eingeschlossen und wäre tiefdenkern geworden . * * * Den fünften Tag hielt sie einen Brief mit dem Geestemünder Stempel in der Hand und riß ihn jäh auf , daß Jan sie verwundert anguckte . Sie las , daß Störtebeker gesund und munter wäre , dann aber kamen die Zweifel wieder über sie , sie stöhnte auf und zerknüllte den Brief . » Dat lügst du , Klaus Mees , he is verdrunken ! « schrie ihre gemarterte Seele . In der Nacht umbrauste der Wind das Haus , daß sie wenig Schlaf finden konnte und keine klaren Gedanken zu fassen vermochte . Ihre Seele war krank und wund , und aus dem Rauschen der Linden und Eschen klang ihr die klagende Stimme des Jungen . Als der Morgen dämmerte , war sie entschlossen , mit der Eisenbahn nach der Weser zu fahren und sich Gewißheit zu verschaffen . Sie mußte Ruhe haben : sie konnte es nicht mehr aushalten . Da zog sie ihr schwarzseidenes Kleid an und machte sich reisefertig . Als sie alles bereit hatte , - es gehörte sehr viel dazu , denn sie war erst wenig mit der Eisenbahn gefahren , - vertraute sie Haus und Hof dem alten Jäger an , der gar nicht wußte , was los war und es auch nicht herausbekommen konnte , denn sie sagte nur , daß sie etwas in der Stadt zu besorgen habe und erst den andern Abend zurückkomme . Die Frauen , die vor den Türen oder auf dem Deich standen , erwiderten ihren Gruß in etwas langgezogenem Ton , der besagt : na , was hast du denn vor , willst es uns nicht erzählen ? Aber sie ging nicht darauf ein , sondern machte , daß sie weiterkam , denn das , was Klaus Mewes ein Quell der Freude und Erquickung war , den Deich entlang zu gehen , jeden anzuholen und vor allen Türen stehen zu bleiben , erschien ihr , der Ortsfremden , wie ein Spießrutenlaufen mit Hindernissen . Wenn sie vorbei war , steckten die Frauen die Köpfe zusammen und sahen ihr nach . » Se hett jo man bloß den eenen Jungen « , hieß es dann . Bei der Post dachte sie daran , ob es nicht besser wäre , nach Geestemünde schlagen zu lassen und ihre Ankunft zu melden . Sie tat es aber nicht , damit Klaus nicht nach See ginge , bevor sie da wäre . Er sollte nicht wissen , daß sie unterwegs war . Wenn sie ihn nicht mehr antraf , konnte sie gewiß bei den andern Ewern die Wahrheit erfahren . Der Klapperkasten » Courier « paddelte langsam , aber sicher aus dem Fleet und setzte sie zu St. Pauli ab . Dort stieg sie in die Pferdebahn und fuhr nach dem Hannoverschen Bahnhof , den die Hamburger so gern den Pariser nannten . * * * Der Bahnfahrt ungewohnt , kam sie am späten Nachmittag müde und angegriffen zu Geestendorf an und fragte sich nach der Geeste . Sie erreichte auch den Deich , sah im Westen und Norden die breite Außenweser und ging nach der Kaje hinunter , an der die Fischerewer in langer , doppelter und dreifacher Reihe lagen , denn der Wind hatte viele von ihnen hergeweht . Obgleich sie an weiter nichts dachte , als an ihren Jungen und weiter nichts suchte als H.F. 125 , sah sie doch , daß hier an der Geeste eigentlich gar nichts Besonderes war ; da waren Eisschuppen und da Werften , hüben waren Holzstapel und drüben schmutzige , graue Maschinenhäuser und weiter nichts als höchstens noch Kohlenhaufen : was Klaus wohl hatte , daß er immer so gern nach der Weser segelte , wenn es weiter nichts war als diese graue Ecke , die sich mit dem grünen Deich doch nimmermehr vergleichen konnte ? Sie las die Nummern der Ewer und suchte den Laertes . Fragen mochte sie nicht , obgleich einige Jungen an Deck standen . Da rief Jannis Sloo sie an , der mit einem Norderneyer Schaluppenfischer sprach : » Süh , Gesa , ok mol oberreist ? « Sie gab keine Antwort , sondern ging weiter . » Klaus liggt dor wieder rup « rief er ihr noch nach . » Dor eben vörre Brügg , de Flagg dor , dat is he ! « Die Flagge , - sie mußte bitter und schmerzlich lächeln : so wenig Seefischerfrau war sie , daß sie nicht einmal an das allgemein bekannte Zeichen des Ewers gedacht hatte . Ja , da wehte die deutsche Flagge auf der Besan , wehte lustig und fröhlich , wie sie immer geweht hatte : aber ihr tat sie diesmal weh , weil Klaus sie nicht einmal halbstock gesetzt hatte . Es wollte schon schummerig werden , als sie vor dem Ewer stand . Tief aufatmend , hielt sie sich einen Augenblick am Pfahl fest . In ihren Ohren sauste es , und ihr Herz klopfte schmerzhaft : sollte sie nicht doch noch umkehren ? In der Kajüte brannte schon Licht , weil die Schienkapp aber halb von der Fock bedeckt war , konnte man von der Kaje aus niemand erkennen . Wie willenlos schlich Gesa sich auf den Ewer und stieg die Treppe hinunter . Dann stand sie auf der dunkeln Diele und blickte durch das rautenförmige Türfenster in die erhellte Kajüte hinein . Da war der Tisch aufgeklappt , und die dampfende Klütenpfanne stand darauf , auf einem Tauring , und die Seefischer saßen im Kreise herum , hatten die Gabeln in den Händen und langten tüchtig zu . Obenan saß Klaus Mewes , groß und breit , da saß Kap Horn mit seinem Gelehrtengesicht und erzählte von der großen Hitze im Roten Meer , da saß Hein Mück mit einem Gesicht , das besagteheißen sollte : un wenn du teinmol Kap Horn heest un vant Rode Meer snacken kannst , dorüm büst un bliwst du doch een Butenlanner för mi , - da saß der griese Seemann und liebäugelte mit den gebratenen Klößen , zwischen Seemann und Klaus Mewes aber saß mit lachendem Gesicht der kleine Klaus Störtebeker und fragte in einemfort dazwischen . Gesa stand regunglos im Dunkeln . Es war ihr , als hörte sie eine Stimme hinter sich , die sie lange nicht mehr vernommen hatte , die ihrer Mutter auf der Geest : das ist ein Traum , Gesa , wenn du dich besinnst und die Augen aufmachst , dann stehst du nicht mehr auf der Ewerdiele und siehst kein Licht mehr : dann ist alles dunkel , und du findest dich in deinem einsamen Bett am Deich wieder . Sieh deinen Jungen still an und halt ihn fest , den Traum . Da rief Störtebeker : » Dat is wat to dull mit di , Hein Mück , jedesmol mokst du de Brotklüten to sult ! « Und er stand auf , um aus dem Wasserfaß auf der Diele zu trinken . Als er die Tür aufriß , war es mit Gesas Kraft zu Ende . » Klaus , mien Klaus ! « schrie sie auf und sank um . * * * Schiffer und Frau waren allein in der Kajüte : als Klaus Mewes seine Gesa aufgehoben und in das Licht getragen hatte , waren die andern einer nach dem andern hinausgeschlichen , um nicht zu stören . Hein Mück war nach dem Tingeltangel gegangen , um sich etwas vorsingen zu lassen , Kap Horn und Störtebeker aber standen auf Deck und guckten nach dem englischen Dampfer im Trockendock von Wenke , an dem noch bei Licht eifrig gearbeitet wurde . Der Junge war schweigsam geworden : er gab kaum noch Antwort , denn er ahnte , daß es unten um ihn ging , daß er von Bord sollte . Der Knecht fühlte es auch und machte sich Gedanken darüber . * * * Es ging um Störtebeker . Zäh und leidenschaftlich rang die Mutter um ihr Kind , mit krankhafter Heftigkeit verlangte sie es zurück , sie drohte und warnte , bat und schmeichelte , weinte und schluchzte . Ruhig und gelassen verteidigte Klaus Mewes seinen Jungen und lachte ihrer Angriffe . Er gab nicht so leicht etwas auf , was er hatte , und hielt es meistens mit dem lübischen Recht : wat wi hebbt , dat hebbt wi ! Und hier stand er auf gutem Grund und Boden , denn das Recht der Gesunden schien ihm höher zu stehen als das der Kranken . Aber Gesa ließ nicht nach : die lang unterdrückte und gehemmte Mutterliebe gab ihr Worte und Gedanken ein , die ihn schließlich doch aus seiner Ruhe brachten . Und als er sich hinreißen ließ , heftig zu werden , da verspielte er schließlich . Er mußte einwilligen , daß der Junge mit nach Hause reise . Als er sein Wort gegeben hatte , stand er auf und ging unruhig auf und ab . Er war uneins mit sich geworden , und es rief beständig in ihm : du steuerst verkehrt , Klaus Mewes , du steuerst verkehrt ! Gib den Jungen nicht hin , laß ihn nicht von Bord : der gehört zu dir und zu niemand anders . Aber er hatte sein Wort gegeben , ihn vor dem Herbst abzumustern , nicht einmal , siebenmal hatte er es versprochen , und mußte es endlich halten , denn Gesa war gekommen und hatte die Unruhe und den Herbst in sein Herz gebracht . Sie wollte nicht ohne den Jungen von Bord gehen und ging nicht ohne ihn von Bord . Ein schiefes , verkehrtes Ende der schönen Sommerfahrt war dieser Beschluß , darüber kam er nicht hinweg . Er hätte den Jungen selbst nach dem Neß bringen müssen , mit seinem Ewer : darein hätte er sich vielleicht gefügt ! Noch einmal machte er den Versuch , Gesa zu bewegen , an Bord zu bleiben und die eine Reise , die gewiß nach der Elbe gehen solle , mitzumachen , aber sie ging nicht darauf ein . Er mußte Wort halten . Der schwerste Streek kam : er mußte es seinem Jungen sagen . Als er rief , sagte Störtebeker hastig zu Kap Horn : » Un ik goh ne mit un goh ne mit ! « Dann trat er in den Lichtkreis . Klaus Mewes studierte das Wetterglas , als er es ihm sagte . Störtebeker erwiderte kein Wort . Er hatte das Gefühl , als ob sein Vater ihn schlüge , und bei Schlägen sagte er nichts . Seemann richtete sich an seinem Bein auf , als wenn er ihn trösten wolle : er wurde es gar nicht gewahr . Hätte seine Mutter ihn in diesem Augenblick umarmt , er hätte etwas Häßliches getan , aber sie war klug genug , es nicht zu tun . Erst als er nachher draußen auf der Diele in der Segelkoje lag ( denn in seines Vaters Koje war kein Platz mehr für ihn , und bei Kap Horn wollte er nicht schlafen ) , löste sich der Bann , und er wimmerte wie ein wundes Tier , die ganze Nacht , weil sein Vater ihn nicht wieder mit nach See haben wollte . Er glaubte , sie hörten ihn nicht , aber sein Vater , der auch nicht schlafen konnte , hörte ihn wohl , und wenn er nicht gefürchtet hätte , Gesa oder die Leute möchten es merken , so wäre er aufgestanden und zu seinem Jungen in die Koje gekrochen . In den Wanten brauste der Wind , und schwerer Regen klatschte auf das Deck . Den andern Morgen half Störtebeker noch getreulich beim Pumpen , während seine Mutter schon seine Sachen einpackte , die er mithaben sollte . Sie hatte gelernt , wie die beiden genommen werden mußten , und handelte danach . Klaus Mewes ging auf dem Achterdeck auf und ab und guckte den Heben an , aber ohne Teilnahme . Er hätte lieber einen schweren Sturm auf der großen Fischerbank ausgestanden , als daß er nun seinen Jungen von Bord jagen mußte wie einen unbrauchbaren , seekranken Koch ! Im Traum hatte er gesehen , daß Störtebeker sich im letzten Augenblick an den Wanten angeklammert hatte : mit Gewalt hatte er ihm die Hände lösen müssen : dann war er unter die Winsch gekrochen , zuletzt war er sogar in den achtersten Mast geklettert und hatte gerufen : Holst du mi dol , Vadder , denn riet ik dien Flagg twei ! Da hatte der Wind stark aufgeheult und ihn aufgeweckt . Störtebeker half beim Deckschrubben und sprach mit dem Knecht und dem Jungen , aber mit seinem Vater sprach er nicht . Als sähe er ihn nicht , so tat er . Da guckte Gesa aus der Kapp und rief : » Kumm , Klaus , du müß di klor moken ! « Sie war schon ganz angezogen , dunkel wie das Schicksal selbst . Störtebeker tat , als wenn er nichts gehört hätte . » Dien Mudder hett di ropen , Klaus , goh dol « , sagte Klaus Mewes ernst . Da setzte der Junge die Pütze hin und sah ihn zum erstenmal wieder an . » Schall ik würklich van Burd , Vadder ? « fragte er mit heiserer Stimme . Klaus Mewes nickte ernst . Da ging der Junge schweigend in die Kajüte und ließ die Mutter mit ihm machen , was sie wollte . Was sie ihm dabei erzählte , vom Deich und seinen Spielkameraden , war ihm zuwider , und er hörte deshalb auch kaum darauf . Schließlich nahm er an Deck Abschied von dem Ewer und von Hein und Kap Horn . » Hol di man fuchtig « , sagte Hein , ohne sich viel dabei zu denken , Kap Horn aber , der tiefer sah und den Jammer des Jungen fühlte , gab ihm die Hand und tröstete : » Nich bang wesen , Klaus Störtebeker , nich bang wesen ! Wi kriegt all nich unsen Willen ! Annern Sommer kummst du wedder mit no See ! « Störtebeker wandte sich ab , als wenn er sagen wollte : das glaubst du ja doch selbst nicht ! » Adjüst , mien Seemann « , sagte er und streichelte dem Hund das struppige Fell . » De bringt di noch langs « , rief Klaus Mewes , der sich auch fertig gemacht hatte , um sie nach dem Bahnhof zu begleiten . Als sie den Deich erreicht hatten , sah Störtebeker noch einmal verloren nach der Geeste und suchte die Flagge , aber er konnte sie nicht mehr sehen , denn die Eisschuppen hatten sich dazwischengedrängt . Nur von der meeresbreiten , grauen Weser konnte er noch einen Streifen sehen . Er sagte aber nichts . * * * Auf dem Bahnhof drängte Gesa zum Einsteigen , obwohl noch Zeit genug vorhanden war . Sie suchte einen guten Fensterplatz in der Mitte des Zuges aus und blickte mit ihrem Jungen aus dem Fenster . Die Lokomotive pfiff , und die Wagen setzten sich langsam in Bewegung . » Adjüst mien Jung ! « » Adjüst , Vadder , jüst Seemann ! « Störtebeker blickte noch lange Zeit starr aus dem Fenster und winkte , bis Gesa ihn wortlos an sich zog . Da löste es sich in ihm , und er legte den Kopf auf ihren Schoß und weinte bitterlich . Da beide allein in dem Abteil waren , sagte sie nichts dagegen , sondern strich ihm nur leise und weich über das sonnenhelle Haar . * * * Klaus Mewes aber ging langsam und in Gedanken nach seinem Ewer zurück . Seemann blieb manchmal fragend stehen , denn es ging nicht den richtigen Weg . Erst als sie beim Petroleumhafen inmitten der hohen , weißen Erdöltanks waren , merkte der Seefischer , daß er sich verlaufen hatte , und ging über die Geleise zurück . Wie in eine Totenkammer trat er in seine Kajüte und ließ sich müde auf die Kojenbank fallen , denn er hatte einen schweren Streek hinter sich . Was für einen sonderbaren Traum hast du gehabt , Klaus Mewes , sprach eine Stimme in ihm , dir träumte , daß Gesa gekommen sei und den Jungen mitgenommen hätte , und du weißt doch ganz gut , daß der kleine Klaus Störtebeker vor der Weser über Bord gekommen und ertrunken ist : sie haben es ja sogar schon am Deich laut erzählt ! Den Tag schmeckten ihm keine Arbeit und kein Essen , denn der Junge fehlte ihm dabei . Überall guckten ihn die klaren , lachenden , blauen Augen an . Ruhelos ging er vom Deck in die Kajüte und wieder nach oben , als ob er etwas verloren hätte , das er nicht wiederfinden könne . Er war gänzlich aus dem Kurs gekommen und hatte einen heißen Zorn auf sich , daß er sich so hatte unterkriegen lassen . Dem alten , getreuen Knecht erging es wenig besser , auch er hatte die halben Segel back gebraßt und konnte keine Fahrt machen . Störtebeker fehlte vorn und achtern . Wieviel er von dem Jungen hielt , fühlte er erst jetzt so recht . Mitunter sahen Schiffer und Knecht einander scheu an , wie Leute , die kein gutes Gewissen hatten , denn sie hatten ihren fröhlichen Maaten verraten und verkauft , wie die Kinder Israel ihren Bruder Josef , und fühlten , daß sie das nicht wieder gutmachen könnten , und daß der Junge es nicht verwinden noch vergessen würde . Als das Wetter gegen Abend aufklärte , setzten sie die Segel auf und gingen hinaus , um auf See Trost zu suchen . Vierzehnter Stremel . Der Deich war noch nicht eingesunken , und die Elbe war noch nicht zugeschüttet , kein Graben war ausgetrocknet , und keine Esche war umgeweht , Kluß saß noch struppig und vergnügt in seinem Hummerkasten , und die Kaninchen musselten noch in ihrem Stroh herum : das ganze bunte Reich auf dem Neß war noch so , wie es vorher gewesen war , aber der mit der Eisenbahn von der Weser zurückgekommen war , der war anders geworden , der ging wie ein Fremder den Deich entlang und stand wie im Traum unter den Linden . Er fand sich nicht mehr in seinem kleinen Herzogtum zurecht , weil er es nicht wollte . Zu viel hatte er von der See und von der Schifffahrt gekostet ! Was galten ihm noch die schmalen , seichten Gräben , der die ungeheure , tiefe See gesehen hatte ! Was galten ihm noch Blankenese und das Alteland , der auf Helgoland und in Bremen gewesen war ! Was sollte er noch mit den Gören spielen , der einen ganzen Sommer Seefischer gewesen war und einen großen Fischerewer allein gesteuert hatte , was sollte er mit ihnen durch den Schlick waten oder am Bollwerk spaddeln , der vom Steven hinabgesprungen war und mit seinem Vater in der See geschwommen hatte ! Wohl fütterte er sein Viehwerk wieder , er fischte in den Gräben und streifte in den Pütten umher , aber er tat es nur , um sich die Zeit zu vertreiben , und nicht , weil es ihm Spaß machte . Wenn er wenigstens seine Siebenmeilenstiefel gehabt hätte , die er an Bord zurückgelassen hatte , und seinen grünen , nordischen Kahn , der noch unter den Luken stand ! Wie in einem Gefängnis verbrachte er seine Tage , ging seiner Mutter weit aus dem Wege und guckte viel nach dem Ewer aus , denn wenn er seinem Vater auch gram war , so verlangte ihn doch schon wieder sehr nach ihm : das Leben ohne seinen Vater war überhaupt kein Leben mehr für ihn . Mit den andern Jungen konnte er sich nicht mehr stellen . Nach und nach erzürnte er sich mit allen , daß zuletzt kaum noch einer mit ihm sprach und keiner mehr nach dem Neß kam , mit ihm loszugehen , denn er sprach wie ein Großer mit ihnen , befahl noch mehr als früher , konnte keinen Widerspruch mehr vertragen , namentlich nicht in Fischer- und Wetterdingen ( » dat mütt ik as Fohrnsmann doch woll beter weeten as du Kiekinnewilt « , hieß es herrisch ) , - und das ließen sie sich bald nicht mehr von ihm gefallen . So war er die meiste Zeit allein . Gesa ließ ihn in Ruhe . Wenn sie sich auch innerlich quälte , daß er ihr selten ein gutes Wort gönnte und einen Bogen um sie machte , so ließ sie sich äußerlich doch nichts anmerken , sondern wartete geduldig , daß die Zeit die große Wunde heile . Sie vertraute fest darauf , daß der Junge die See vergäße : so wenig kannte sie ihn . Nach zwölf Tagen schwenkte Störtebeker den Kieker vor Freude und rief ins Haus : » Vadder kummt up ! « Gesa lächelte und dachte : ei , Klaus Mewes , ist dir die Elbe nun mit einem Mal nicht mehr zu abgelegen ? Dann ging sie hinaus und fragte , wo der Ewer sei . Störtebeker ließ sie durch das Glas gucken , und wies ihr einen dunkeln Punkt weit hinten , zwischen Hahnöfer und Schweinesand . Sie konnte kaum erkennen , daß es ein Fischerewer war , aber er blieb dabei , es wäre sein Vater , er kenne ihn ganz genau an den Segeln ; sie könne getrost Essen machen . Und Störtebeker behielt recht : es war sein Vater , der mit der Flut und dem Westwind herankam und größer und größer wurde . Die braunen Lappen wuchsen , und der grüne Steven hob sich höher aus dem Wasser . Nun war auch die Nummer schon zu lesen : H.F. 125 . Störtebeker blieb am Bollwerk stehen und sah ihm unverwandt entgegen . Hätte er seinen Kahn schon gehabt , er wäre wieder hinausgewriggt und hätte das Fahrzeug jubelnd umkreist . Da stand sein Vater am Ruder , und Seemann lief eifrig hin und her , sprang über Schoten und Blöcke und tat , als ob er der wichtigste Mann an Bord wäre . Da stand Kap Horn im Steven hinter dem Spill , um auf den ersten Ruf des Schiffers den Anker in die Tiefe donnern zu lassen , und Hein Mück hatte schon Hand an das Fockfall gelegt . » Höh , Vadder ! « So rief es über das Wasser und rief wieder und wieder : » Höh , Vadder ! Höh , Kap Horn ! Höh , Hein Mück ! « Junge , da guckten die Fahrensleute rasch auf , und als sie den Jungen zwischen den Wicheln erkannt hatten , da freuten sie sich über die Maßen und winkten und riefen . Klaus Mewes hatte schon damit gerechnet , daß der trotzige Junge wegliefe , wenn er wieder nach Hause käme und siech nicht um ihn bekümmere , - und er hätte es ihm gar nicht einmal so sehr verdacht . Wie freute er sich nun , daß Störtebeker gesund und fröhlich am Wasser stand und Ausguck hielt ! » Gohn den Draggen ! Fock dol ! « scholl es dann über Deck , und das Echo am Bollwerk wiederholte laut und übermütig , denn das Herz war ihm warm geworden : » Gohn den Draggen ! Fock dol ! « Da gewahrte auch Seemann seinen Kameraden , den er auf See so manches Mal vergeblich gesucht hatte , wenn sein Herr fragte : neem is Störtebeker , Seemann ? - und er stellte sich mit den Vorderpfoten auf den Schwertkopf und bellte grüßend , während die Kette durch die Klüse rollte und der Ewer schwoite . Rillend fiel die Fock , dann bargen sie den großen Klüver , nahmen das Toppsegel weg , warfen das Großsegel dal und fierten die Besan herunter . Die Freude trieb die Fischer , aber dem Jungen dauerte es dennoch viel zu lange , er konnte schon gar nicht mehr warten und ging ungeduldig zwischen den Bäumen hin und her . Endlich , endlich waren die Segel zusammengebunden , und das Boot konnte über Bord gesetzt werden . Es wurde aber auch Zeit , denn Störtebeker konnte sich nicht entsinnen , daß es jemals so lange gedauert hätte ! War Kap Horn schon zu alt für die Fahrt geworden , oder woran konnte es sonst liegen ? Das ging ja bannig sinnig ! » Mien Kohn ne vergeten , Vadder ! « rief er . Klaus Mewes hob die Hand zum Zeichen , daß er verstanden hatte , und es dauerte nicht lange , da wiegte der kleine grüne Kahn sich neben dem Boot auf der leichten Dünung , die vom Fahrwasser herüberwallte . Dann nahm Hein die getrockneten Scharben von der Leine und warf sie in eine Kiepe , Kap Horn öffnete die Luken und stieg nach den Eiskisten hinunter , um einige Fische für den Deich einzupacken , Klaus Mewes aber kam mit seinem Reisekorb und einigen Beuteln in der rechten Hand und Störtebekers Seestiefeln in der linken aus der Kapp und stieg ins Boot . Endlich kamen sie an : Hein Mück wriggte , wie es ihm als Jungen zukam , Seemann stand auf der vordersten Ducht als Lotse , Klaus Mewes und Kap Horn saßen im Mittel auf der Mastenducht , und der Kahn schleppte an der Kette nach . Es wurde aber auch hohe Zeit , denn Störtebeker hatte schon mehrmals seine Hand ins Wasser gesteckt , und wenn es noch länger gedauert hätte , hätte er sich nackt ausgezogen und wäre nach dem Ewer geschwommen . » Seemann , Seemann , biet mi doch ne de Nees af « , lachte er nun und wehrte dem Hunde , dann griff er nach seinen großen Stiefeln und trug sie im Triumph den Deich hinan , der Herold der langsam nachkommenden Seefischer . Seemann , der auch etwas tragen wollte , hatte sich ein Stückchen Segeltuchws aus dem Boot geschnüffelt und schleppte sich damit ab . Da war große Freude auf dem Neß : erst tranken sie köstlichen Kaffee in der Küche , und die gelben Birnen und rotbackigen Äpfel , die sich leicht im Winde wiegten , lachten sie von draußen an . Und köstlich war die Fragerei von Störtebeker nach dem Wetter und nach dem Fang : er hörte nicht eher auf , bis er die ganze Reise von Streek zu Streek wie ein buntes Bilderbuch vor sich ausgebreitet sah . Gesa wunderte sich auch sehr über seine große Munterkeit , und sie sah Klaus mehrmals bedeutsam an ; er wußte aber nicht , was sie damit sagen wollte . Nach dem Kaffee hängte Störtebeker mit Hein Mück die Scharben auf , dann versorgte er die Nachbarschaft mit Schollen vom letzten Hol und half die Fische zumachen , die sie selbst braten wollten , denn er konnte schon Flossen und Steerte abschneiden . Alle seine Unlust war verweht und verflogen : er lebte und lachte wieder . Er schipperte mit seinem Vater , in dessen Augen auch ein Leuchten stand , an Bord und ging wieder auf seinem großen , schönen Ewer umher , er pumpte und schrubbte , er bewegte das Ruder , als wenn er steuerte , er drehte die Winsch , um sich an das Einziehen der Kurre erinnern zu lassen , er kletterte in die Wanten , als wenn er den dicken Neuwerker Feuerturm an der Kimmung suchen wollte , er blickte nach dem Kompaß und nach allem . Den Abends saß er oben im Wipfel des Lindenbaumes der Tür und piepte wie ein Sperling , während sein Vater und seine Mutter , Kap Horn und der Jäger in der Dämmerung auf der Bank saßen , nach den Lichtern auf der Elbe guckten und in geruhigem Gespräch verweilten . Als der Spatz aber gar nicht ins Nest wollte , ergriff Klaus Mewes ihn zuletzt an den nackten Beinen , zog ihn herunter und steckte ihn in die Kapuze . * * * In der Nacht um zwei lief der Wecker ab . Klaus Mewes und Störtebeker standen auf und zogen sich an , dann gingen sie im Dunkel den Deich entlang nach der Neßkule , in der der Kahn lag . Es war nebelig und naßkalt . Die Bäume tropften , und in den Pappeln saß ein Flüstern , wie die Seen es an sich haben , wenn sie um den Steven glucken . Auf den Feldern braute der Fuchs . Störtebeker trug ein dickes , wollenes Halstuch und hatte seine großen Stiefel an . Sie kletterten schweigend in das Fahrzeug und stießen vom Lande ab . Der Junge wriggte . Neben ihnen rauschte das Reet und in der Schleuse murmelte das Wasser . Auf der Wisch lagen die schwarzen Kühe regungslos im Gras und erwarteten den Morgen . Eine wilde Ente flog auf und verschwand surrend . Als sie die Elbe erreicht hatten , wurde es noch kälter . Der fliegende Nebel wischte seine feuchten Hände an ihnen