wußte nicht , daß die buddhistische Lehre im Grunde auf Vernunftsschlüsse hinzielt « , sagte er . » Die vollkommene Reinigung von sentimentalen Motiven hat die modernisierte Schule des Buddhismus erbracht . Es ist ein nüchterner Kodex edler Lebensführung , den sie umschließt . Milde , Verstand und Wissen , logische Ergebung sind ihre Ziele . Untätigkeit bringt sie nur im Sinne einer Loslösung vom Gemenge weltlichen Getümmels mit sich , - dafür rastlose innere Mission an sich selbst . Das ist ihr Sinn . Und ihr letzter Schluß : das Seelenheil - erreichbar hienieden , - durch Verstand und Maß . Keine geheimnisvollen Riten , keine mystische , sondern eine vernünftige Ergebungstheorie , keine Gottgläubigkeit und auch keine Spekulation auf Nirwana mehr . Eine hochherzige , von Aberglauben gereinigte , vorwiegend intellektuelle Lehre . « » Geben Sie mir mehr , - noch mehr davon « , stieß Hoffmann hervor , und sein Auge hing , wie der Blick eines Verdurstenden an der labenden Frucht , am Mund der Erzählers . Mit ernster Freundlichkeit erwiderte Herr von Bredow : » Sie haben mich darnach schon so oft gefragt , mein Freund , und ich konnte Ihnen immer nur Stückwerk geben . Aber es existiert jetzt eine von der buddhistischen Gesellschaft Großbritanniens und Irlands ins Leben gerufene Aktion , die die Verbreitung des modernen Buddhismus bezweckt . Einzelne von ihr entsandte Propagandisten sollen auch schon auf dem Kontinent sein . Ich werde mich erkundigen , wo sie zu finden sind und es Sie wissen lassen . Sie können dann dort direkten Anschluß suchen . « Hoffmann versank in tiefes Sinnen ... Olga wandte sich an die Baronin . » Ich habe Ihre Verse im Manuskript lesen dürfen . Ich glaube , Sie sind stark in der Anschauung und ruhig und klar im Wort , - trotz der leidenschaftlichen Gefühle , die Sie ausdrücken . « Die Baronin neigte dankend den Kopf . Die großen Pupillen , mit der flimmernden Iris , begegneten einen Augenblick den dunklen und doch so klar durchleuchteten Augen des Mädchens . Herr von Bredow sprach mit Stanislaus über das Problem der Stiefvaterfamilie , das ihn beschäftigte . Er riet ihm eine Reise durch Deutschland und empfahl genaue , statistische Untersuchungen . Olga sah , wie Stiller wieder eintrat . Er nickte ihr , zu , legte seinen Sommerüberzieher und das steife , schäbige Hütchen ab und nahm in einer entfernten Ecke Platz , wo er einen Berg von Zeitungen vor sich auftürmte . Als die Baronin und Herr von Bredow aufbrachen , lud die Baronin die Geschwister , Dr. Emmerich und Werner Hoffmann ein , sie zu besuchen . » Sie sind uns ja kein Fremder mehr « , sagte sie zu Werner . Werners Blicke umglitten scheu die Hoheit ihrer Gestalt . Er neigte den Kopf , wie in Ergebung , als leiste er , einer höheren Macht gegenüber , keinen Widerstand mehr ... Dann ging er an den Kleiderständer und holte den Pelzmantel der Baronin . Olgas Blick folgte ihm . Plötzlich überkam sie ein Gefühl , wie einen Menschen , den , im Meer , eine hohe Welle erfaßt , die er herankommen sieht , bis sie ihm den Atem und die Besinnung nimmt , während sie ihn brausend überflutet : sie glaubte eine Sekunde lang gesehen zu haben , als streiche Werners Hand , - heimlich und zitternd , - über das schimmernde , schwarze Sealfell des Pelzes , den er dann langsam vom Haken hob ... Als sie gegangen waren , sprach man von der Ehe der Baronin . » Sie war die Tochter einer verarmten Offiziersfamilie « , berichtete Werner » und ernährte sich durch Bureauarbeit . Die Entbehrung zwang sie auch , im Kabarett aufzutreten , wo sie ihre Gedichte vorlas . Hier sah sie Baron von Kellenberg . - Sie leben nicht gut zusammen « , fügte er kurz hinzu . » Woraus schließen Sie das « , fragte Stanislaus . » Sie sagte mir einmal , « entgegnete Werner nachdenklich , » sie wäre oft böse und gereizt gegen ihren Mann , und darum « - es kam fast drohend über seine Lippen - » möchte sie ihn lieber verlassen . « » Weil sie böse gegen ihn ist , möchte sie ihn verlassen ? « fragte Stanislaus . » Leuchtet Ihnen das nicht ein , « antwortete Werner , ungewöhnlich schroff , » Menschen , die unser Wesen reizen , passen nicht für uns . « Niemand hatte etwas zu sagen . Nach einer beklommenen Pause fragte Werner nach Olgas Zeitung ; ob denn gute Beiträge zu beschaffen seien . - Sie nannte einige Namen . » Zuviel vom Frauenklub « , meinte er stirnrunzelnd . » Welchen Frauenklub meinen Sie ? « » En bloc gesprochen . - - Sie müssen vor allem trachten , - moralische Probleme zu erörtern ; aber freilich , hier versagen die Frauen . « Ein kalter Glanz kam in ihre Augen . Der Kopf , der trübe und schwer gesenkt gewesen , hob sich . » Dann müssen Sie noch weiter gehen « , sagte sie , mit bebender Stimme , - » und behaupten , daß Frauen auch niemals im Sinn einer tieferen Moral zu verfügen wissen . « » Wie - persönlich « ! Er hob wie abwehrend die Hand . » Um Phrasen so allgemeiner Art ins rechte Licht zu setzen , ist das notwendig . « Sie rang sich die Worte ab . » Falsch - falsch « , sagte er und machte wieder die abwehrende Geste . Ein Schauer überlief sie . Von der fröstelnden Haut drang diese Kälte in ihr Innerstes . » Wie spät ist ' s ? « , sagte sie müd . Es war über Mitternacht . Drüben sah sie Stiller aufstehen und sich ankleiden . Da er zögernd zu ihr hinblickte , verließ sie ihren Platz und ging zu ihm hinüber . » Auf Wiederschaun , Freil ' n ! Ich geh jetzt ein paar Stunden schlafen . « » Für mich wird ' s auch Zeit « , sagte sie . » Aber warum nur ein paar Stunden ? Sind Sie ein Vormittagsarbeiter ? Da dürften Sie nicht so spät im Café sitzen . « » Bewahre , « sagte er , » ich schlaf wie a Ratz ' , wann ich kann . Aber morgen früh , « - er blickte hinaus in das Schneegestöber , - » morgen früh heißt ' s , am Platz sein . « Und mit gedämpfter Stimme fügte er , da er ihren fragenden Blick sah , hinzu : » Jawohl , so is es . Da tritt man im Morgengrauen beim Magistrat von Charlottenburg an und laßt sich Schaufel und Besen geben . « Sie starrte ihn an ... » Ja , ja , « sagte er , hielt ihren Blick standhaft aus und nickte , - » das ist der gute , liebe Schnee , - der gibt Brot « ... Und er drückte ihr die Hand und ging dem Ausgang zu . An der Tür wandte er sich noch einmal um , als hätte er etwas vergessen und kam zurück . Sie stand noch immer regungslos an seinem Tisch . » Richtig ! Wann ' s den Koszinsky sehen , Freil ' n , - sagen ' s ihm , ich bitt ' Sie , er soll nicht bös an mich denken . Ich bitt ' Sie , - sagen ' s ihm ' s « » Ich habe ihn lange nicht gesehen . Seine Konzerttruppe gastiert irgendwo in der Provinz . « » Also , wann ' s ihn sehen , - ich bitt ' Sie ! « Und er drückte ihr noch einmal die Hand , schlug den Mantelkragen hoch und stapfte hinaus , in die Winternacht . Olga ging zurück zu ihrem Tisch . Sie setzte sich nicht mehr . Sie nahm ihre schwarze Jacke von schwerem Tuch , die für den strengeren , österreichischen Winter paßte , vom Haken und legte sie mechanisch über einen Stuhl . Einen weißen Seidenschal steckte sie über den Ausschnitt ihres Kleides fest und schlüpfte dann in die Jacke , die der Kellner bereit hielt . Man brach auf . Stanislaus , der sich an dem letzten Gespräch zwischen Werner und Olga nicht mehr beteiligt hatte , verabschiedete sich hastig . Doktor Emmerich und Werner boten ihr ihre Begleitung an , sie aber dankte und meinte , sie ginge gut und gern allein das kleine Stück Weges zur Hochbahn , die sie dann zum Vorortbahnhof bringe . Sie eilte davon ... Sie versuchte , ihren schweren Atem niederzuhalten ... Licht , silberig , friedlich fielen die Flocken , legten sich auf ihre Kleider , auf ihr Haar , auf die Brauen und Wimpern ihrer Augen , und sie fühlte , wie sie da zerflossen und kühl ihre brennenden Lider deckten . Und auf einmal kam es heiß und salzig aus der Tiefe ihres verwundeten Herzens und schoß ihr aus den Augen , - strömte unaufhaltsam . - - Schwer hoben sich die schneebedeckten Füße und setzten sich , in einförmigem Marsche , voreinander . Sie ging am Hochbahnhof vorüber , weiter und weiter , planlos durch die nächtlichen , einsamen Straßen . Und laut aufstöhnend , barg sie manchmal ihr heiß überflutetes Gesicht in dem Astrachan ihres alten , kleinen Kindermuffes ... Sechstes Kapitel Finsternis » So du hundert Meter gehest ohne Liebe , gehst du in deinem eignen Sterbehemd , zu deinem eignen Begräbnis . « Walt Whitman . Die indischen Puris haben nur ein Wort für gestern , heute und morgen . Und so wie dem wunschlos Weisen die Zeit nur ein ungegliedertes Einziges ist , das zu überwinden er eingesetzt wurde , - so dem , dem das Leid die wechselnde Gestalt der Stunden und Tage verwischt . Nichts geschieht in solchen Tagen , auch dann nicht , wenn sie ihre Forderungen mit fest gegen die Erde gestemmten Beinen uns in den Weg stellen , nichts geschieht für unser Bewußtsein , - als daß wir älter werden und täglich dem Dunkel näher kommen . Wozu die Pein , denkt dann das leidende Herz , wozu die Freude , wozu die Tat , da dieses Dunkle dich bald verschlingt , wie alle , alle ... Die Mächte der Finsternis griffen nach dem getäuschten , einsamen Mädchen . Sie umklammerten sie mit bohrenden Fingern und erschütterten sie bis zu den Wurzeln , aus denen die starke und edle Fügung ihres Wesens erwachsen war . Die gleichende Kraft ihrer Seele , das Schwergewicht , das die Natur ihr , vor vielen anderen , gegeben , das die Gaben ihres Herzens und ihrer Vernunft niemals verflattern ließ , sondern immer stärker und dauernder das Passende zusammengefügt , das triebhaft Wuchernde ausgeschieden hatte , - diese gleichende , schwerende Kraft war aufgehoben , die strengen Bande ihres Seins gelockert und gelöst und ihre Seele preisgegeben dem » dunkelnächtigen Getier « , - den Dämonen , die sie immer enger umzingelten . Da waren sie alle , die dunklen Gesellen , und stritten um die Herrschaft auf der neu erstürmten Feste . Da war der Zweifel , - an sich selbst und an denen , auf die man vertraut ; da war das Übelwollen und sein stärkerer Bruder , der Groll ; da war die beleidigte Liebe , mit dem finster verzerrten Gesicht , das sie ihrem Todfeinde , dem Haß , so erschreckend ähnlich machte ; da war die Buße und Selbsterniedrigung , der giftrot schillernde Hohn und die Furcht , die gespenstig fahle . Und sie lagerten sich um ihr Herz und drängten hinein , - bis der Dämon mit dem Medusenantlitz , der Liebeshaß , triumphierend als der Mächtigste darin saß ... Und er zog die Gedanken aus ihrem hellen Reich hinab , in das nächtliche Herz , spannte sie in seinen Dienst , ließ sie unendliche Lasten immer aufs neue wälzen und heben und peitschte sie wirbelnd im Kreise , bis sie der Wirrnis so nahe waren , daß keiner mehr von sich und vom anderen wußte . - - - Werner hatte sich seit jenem Abend nicht wieder blicken lassen , und sie wußte , daß er eine andere liebte und daß sie ihn verloren hatte . Zuzeiten , wenn die Besonnenheit sich über den Aufruhr ihres Herzens schwang , fragte sie sich , warum sie darüber verbittert und verzweifelt war , warum der Groll in ihr wühlte . Aber wie sehr sie sich auch selbst zusprach , wie einer fremden , zweiten Person , die sie von der Notwendigkeit dieses Geschehens zu überzeugen hatte , - es nützte nichts . Die Stunden , wo sie , fahlen Gesichtes , zusammengekauert , frierend , trotz voller Heizung und warmer Tücher , in einer Ecke saß und die bösen Gefühle in ihr hin und her strömten , vom Gehirn zum Herzen und wieder dahin zurück , - häuften sich mehr und mehr . Sie saß da , eine Beute trostloser Gedanken , verwühlt in bohrendes Grübeln und hielt im Geiste jene furchtbarste Zwiesprache , die der machtlos Verirrte mit seinem entdoppelten , zerspaltenen Selbst führt . Verklagte sie mit dem einen Ich den Mann , bezichtete ihn elender Gefühlsschwäche , des Unvermögens zur Gestaltung und Festigung eines guten Empfindens , der Beeinflußbarkeit von jedem neuen Reiz , der sein Hirn traf , der Beirrbarkeit der Anschauung , der Direktionslosigkeit , des Mangels an seelischem Orientierungsvermögen , an wegeweisenden , heilen Instinkten , der Triebschwäche , die das Begehren mißleitet und hemmt , kurz des Mangels an starker Menschlichkeit , an ungebrochener Männlichkeit , - so ging sie mit sich selbst nicht schonungsvoller um . Sie nannte sich eine Stümperin , die plump geradeaus ging , die zu schwer und zu ahnungslos war , aus den gewundenen Wegen des Irrgartens der Liebe herauszufinden ins beglückende Freie , - dahin , wo es keinen Zweifel mehr gab , kein quälendes Suchen nacheinander , - wo die Sonne der vollen Gewißheit schien , der ruhenden Zuversicht , der Geborgenheit . Dort war die Heimat , der das Weib zustrebte , - von allem Anfang an bis zu allem Ende , - mochte sich seine Stellung zur Welt durch die Jahrtausende immer wieder verändern , mochte es Sklavin oder Herrin sein , als Traumwesen dämmern oder wachsamen Auges am Strome stehen , mochte es , pflanzenhaft verwurzelt , in seinen Trieben weben oder frei sich sein Teil nehmen am Rechte der Selbstbewegung , - dort , unter jener Sonne friedvoll erfüllter Gefährtenschaft war immer seine Heimat , dorthin , durch alles hindurch , führte sein Weg . Mit halben Gefühlen , bedrückt von Zweifeln , hatte sie dieses Verhältnis begonnen . Sie war hineingeraten , fast gegen ihren Willen und Vorsatz . Aber dann hatte es sie immer fester gefaßt , - es war ihr gegangen , wie den Frauen zumeist : so , daß sie erst » über der Situation « gestanden , dann mehr und mehr in sie hineingeraten , und sich schließlich von ihr überwältigen lassen . Die » Situation « ist die Liebe ... Vielleicht , so grübelte sie , hatte sie zu viel verlangt - und darum nichts erlangt ? Vielleicht auf falsche Art gegeben , - so gegeben , daß sich darin zeigte , daß sie selbst etwas wollte und brauchte ? Hatte gegeben , hingegeben , wie ein Mensch , der in Abhängigkeit geraten ist , - anstatt stolz zu spenden ? Zum erstenmal zeigte sich ihr , wie unter vergrößernder Linse , das , was sie bisher für ein Einziges und Einheitliches gehalten , als hundertfältig zusammengesetzt und gegliedert . Das eigene , leidvolle Erlebnis hatte ihr das Auge geschärft für diese geheimnisvollen , vielfältigen Windungen , die den Boden der Menschenseele durchziehn und im Liebeskampf bestimmend wirken . Schonungslos fragte sie sich , was sie denn , mit bangen Ahnungen von Anfang an , dazu getrieben , sich in die Gefahr zu stürzen . Ja , es war mehr als Ahnung , es war , zu Anfang , manchmal ein erschreckend klares Wissen gewesen , - daß dieses Erlebnis ein Abbiegen von ihrem Wege sei ; freilich , der Weg war versandet und einsam , und um die Biegung herum lockte das ewige Grün . - - - Und der Groll ihrer bittersten Stunden wechselte mit der wehen Sensucht , ihn wiederzusehen . Zärtlichkeit hatte sie gelabt , - nun dürstete sie . Durfte sie ihn beschuldigen , sie verraten zu haben ? Sie gab sich die Antwort : Verrat kann nur begangen werden an dem , der alles gab . Sie , ja sie hatte gegeben - aber nicht alles , was sie zu geben hatte . Niemals hatte sie ihr Wesen sich auflösen gefühlt in Werners Nähe , und sie wußte , daß das große Fühlen , dieses bis an die Wurzeln Erschütternde , nie über sie gekommen war , - nie , dieses Erbeben , das die restlose Wonne begleitet und das der Jubel des Herzens übertönt : - er ist ' s , er ist ' s ! ... Und so hielt sie zwischen Groll und Weh und Sehnsucht - Abrechnung mit sich selbst . Sie beschuldigte sich des verirrten , selbstsüchtigen Wollens , an dessen Unreinheit , Verschwommenheit und Schwächlichkeit sie nun scheiterte . Gerecht und billig war , was ihr geschah , - so sagte sie sich , während sie tatenlos in ihrer Ecke zusammengesunken saß und fror und grübelte , und die Gespräche , hinter ihrer Stirn , sich endlos spannen . Sie sah ihr blasses , wie erloschenes , verweintes Gesicht im Spiegel und fand es häßlich . Sie litt unter der zunehmenden Kürze der Tage , dem Mangel an Sonne . Unmöglich schien es ihr , ihre berufliche Arbeit zu leisten und , wie sie es bisher getan , ihre kleine Wohnung in Ordnung zu halten ; auch zum Mittagessen auszugehen war ihr unerträglich . Sie ertappte sich auf leisem Gemurmel : .. » der Intellekt ist ein Stück weiter als der Wille , - als die moralische Kraft , - das ist ' s - - - darum ist alles verzerrt ... « So suchte sie einen geistigen Schlüssel zu ihrem Erlebnis , weil sie nicht vermochte , es rein als Erfahrung zu bewältigen , - wie der Organismus der Einfachen , für den es geheißen hätte : darüber hinweg - oder daran zugrunde . Mit stachelnder Selbstverhöhnung rief sie sich die Hindernisse in Erinnerung , die sie bisher überklommen hatte , - um ihren Weg zu gehen , wie sie geglaubt . Sich allen hemmenden Anklammerungen entziehen , sich herauswinden aus allem , was einen lahm legen wollte , - das war , unbewußt vielleicht , der Antrieb ihres Tuns gewesen . Nun wurde sie selbst auf diese Art erledigt . Sie hatte sich hartnäckig und energisch aus ihrer heimatlichen Umgebung losgemacht . Das Bild des einsamen Greises , der ihr Vater war , stieg vor ihr auf und erfüllte ihr geschwächtes Gewissen mit Bangen . Und der drohende Schatten war nicht allein , - die Erinnerung an Koszinsky kam dicht hinter ihm vor ihre erschreckte Seele ... Der hatte sich an sie klammern wollen , daß sie ihm helfen möge , - aber sie - sie hatte ihn fortgeschoben , - er taugte ihr nicht auf ihrem Wege . Nun war er ein Lebendigtoter . Immer dichter drängten sich die Halluzinationen der Gewissensangst . Vergebens rief die Stimme ihrer Vernunft in das chaotische Wogen ab und zu ihr bannendes Wort : » Du hast getan , wie du mußtest und solltest ! « Vergebens , - denn das auf den Tod verwundete Geschlecht hatte die Seele zum Tummelplatz gemacht für die Fiebervisionen der Buße . Und sprach die Stimme : » Wer sonst hätte dir am Wege helfen sollen , wenn nicht du selbst ? Nur indem du dich hieltest gegen alles und alle , konntest du weiter , - in die Nähe deiner wahren Pflichten , « - so stöhnte sie sich die Antwort zu : » Aber dann habe auch die Kraft , die Folgen zu tragen - ohne Reue ! « » Feige wärest du gewesen , « sagte die verteidigende Stimme , » wärest du vor dem Erlebnis , das deiner reifen Weiblichkeit gebührte , gewaltsam geflohen . « » Feige bist du , « erhob sich die zornige Antwort , - » weil du nun , zu Tode geschwächt , zerbröckelt , gedemütigt bist , - wo du ruhiger und stärker weiter müßtest . « Bis in die Nächte hinein drängten sich die schreckhaften Bilder . Ihre Träume bekamen eine Lebendigkeit , vor der ihr graute . Sie sah sich auf einer Wanderschaft im Wiener Wald . Hochsommer war ' s , und der dichte Laubwald stand in bleierner Schwüle . Sie suchte ein entlegenes Dorf und war vom Wege abgekommen . Das charakteristische Scenarium der Wiener Waldlandschaft entrollte sich hier , zu ihrem Entsetzen . Immer neue Talmulden und Hügelketten breiteten sich vor ihr aus , so oft sie stöhnend eine Höhe überklommen hatte . Immer dichter verschlangen sich die belaubten , sich hoch oben bogenförmig ineinander verflechtenden Äste ; niedriges Gestrüpp hemmte den Weg und schlug ihr ins Gesicht . Wie eine ferne Vision stieg in diesem von Hitze dampfenden Laubwald - die Vedute der märkischen Landschaft , die sie liebte , vor ihr auf . Während sie sich , keuchend , weiter rang , vom glühend heißen Sirokko umstrichen und fühlte , wie der Schweiß auf ihrem ganzen Körper immer stärker ausbrach , - dachte sie an die weiten Seen , in deren dunklem Glanz milde das Sonnenlicht spielte , dachte an die Erquickung dieser durchfeuchteten Luft im märkischen Kiefernwalde ... Sie dachte an das Haus der alten Frau Wallentin , die sie manchmal besucht hatte , an dieses Haus im Park , mit den pinienartigen Kiefern , - wie an ein ewig verlorenes Bild . Aber sie mußte weiter , durch eine von Hitze verbrannte Hecke hindurch , die sich ihr immer enger an den Leib drängte und ihr Kleid in Stücke riß ... Schweißgebadet und zitternd erwachte sie . Bei Tage quälten sie böse Erinnerungen . Es kam ihr ins Gedächtnis , wie sie einmal , in einer Wiener Vorstadt , in einem bescheidenen Schusterladen ein Paar schöne , gute Schuhe gekauft hatte . Sie kaufte sonst nur in großen Geschäften , aber der billige Preis und die schöne Form der Schuhe lockten sie . Sie trat ein , ließ sich ihre Schuhe vom Schuster , einem alten Mann mit sanftem Gesicht , aufschnüren . Seine Augen hatten erfreut aufgeleuchtet , als die Kundin den Laden betrat . Während er ihr die neuen Schuhe probierte , wurde ihr klar , daß sie so viel , wie die Schuhe kosteten , jetzt gerade doch nicht ausgeben durfte . Sie begann , etwas vom Preis herunterzuhandeln . Es glückte ihr . Sie erhielt die Schuhe . Aber als sie ihm das Paket abnahm , sah sie , daß der alte Mann enttäuscht und niedergeschlagen aussah ... Ohne jeden bewußten Zusammenhang erinnerte sie sich eines Bahnhofsgedränges , in das sie einmal geraten war , - und wie sie dabei , zum Waggon drängend , wie die anderen , einem Buckligen , der neben ihr stand , unbewußt die Ellbogen so fest an die verwachsene Brust gebohrt , daß jener laut aufgeschrieen hatte und ihr klagend , mit weinerlicher Stimme , zurief , er sei eben erst von einer schweren Krankheit aufgestanden ... Warum quälten sie diese Bilder der Buße ? - - Schwer und beladen , ging sie über die Straße . Sie schlich gebeugt , in ihrer alten , schwarzen Jacke , dicht an den Gittern der Vorgärten entlang . Manchmal blieb sie stehen , atmete erschöpft ; sie ging , als zöge sie die Schwere der Erde nieder . Sie fuhr in die Stadt , um da Besorgungen zu erledigen . Als eine Wüste an Verlassenheit erschien ihr auf einmal das große Berlin , dessen Gleichgültigkeit sie zuerst so deckend und schirmend empfunden . Und was ihr an den Menschen , mit denen sie hier zu tun hatte , früher als beruhigende Sachlichkeit wohlgetan , empfand sie jetzt als Mangel an Wärme und an lebhaftem Gefühl . Und diese Restaurants , - wie hatten sie ihr nur anfangs gefallen können ? Sie wich den weiten Speisesälen mit den Plüschmöbeln aus und trat gegen Nachmittag , als es schon zu dämmern begann , in das kleine , schlecht ventilierte Lokal eines vegetarischen Speisehauses , das in einer breiten , vom Verkehr überfüllten Geschäftsstraße des alten Westens lag . Die Luft war hier muffig und dumpf , und es roch nach fetten Gemüsen . Außer ihr waren nur noch wenige Leute hier , einsam an ihren Tischen , wie sie . Ein altes , verwelktes Mädchen saß da , das schäbige Hütchen nach Männerart tief in die Stirn gedrückt , auf der kein Löckchen sich kräuselte , - wohl eine Lehrerin , da sie einen Stoß Hefte neben sich hatte ; dann eine alte Dame in Schwarz , die ganz vertieft war in die Lektüre eines theosophischen Blättchens , das hier aushing , und ein dürftig gekleideter junger Mensch , anscheinend ein Student , der eine Portion Gemüse mit Heißhunger verschlang und einen ganzen Korb voll Brot dazu aß . Die Lampe wurde schon angesteckt , als sie ihr Gericht erhielt . Sie aß und griff dann müde nach einer Zeitung , die neben ihr auf dem Stuhle lag . Das Feuilleton feierte einen Gedenktag , der dem amerikanischen Apostel , dem Dichter Walt Whitman galt . Sie las , worüber er geschrieben , und sie fand auch den Satz : » So du hundert Meter gehest ohne Liebe , gehst du in deinem eigenen Sterbehemd , zu deinem eigenen Begräbnis . « Da erschrak sie , - und das Blatt entglitt ihren erkalteten Fingern . - - - Eine Schreckensbotschaft rüttelte sie auf . Sie kam aus Wien , von Eva . Im Hause von Gustav Diamant , dem Professor und Krebsforscher , bereitete sich eine Katastrophe vor . Professor Diamant war nicht nur in bezug auf die Frühdiagnose und die Behandlung des Krebses zu neuen Methoden gelangt , sondern er trat auch als Verfechter der sogenannten parasitären Theorie auf . Er behauptete , im Widerspruch zu der großen Mehrheit seiner Kollegen , daß das Karzinom durch einen Parasiten hervorgebracht werde . Seit Jahren machte er Tierexperimente . Es war ihm gelungen , Krebsgeschwülste von einem Tier auf das andere , besonders bei Mäusen , zu übertragen . Die meisten Forscher betrachteten aber auch diesen Vorgang nicht als Infektion , sondern als Fortzüchtung , Transplantation . Das schlimmste aber war nicht die wissenschaftliche Ablehnung seiner Hypothese , - sondern die furchtbare Tatsache , daß er , Gustav , sich selbst krank fühlte , - - und den Verdacht eines Krebsleidens an sich selbst ausgesprochen hatte . » Er behauptet , « schrieb Eva , » mit hoher Wahrscheinlichkeit annehmen zu müssen , daß schmerzhafte Druckzustände im Kopf Symptome des schrecklichen Leidens wären und sieht in sich selbst ein Opfer seiner Untersuchungen und einen Beweis für seine Theorie . Er nimmt mit Bestimmtheit an , sich die Krankheit durch Infektion zugezogen zu haben . « Und sie schilderte die ergreifende Tragik seiner Haltung , berichtete , wie der Mann , der sich für todgeweiht hielt , sein Schicksal heroisch trug , in der Hoffnung , daß sein eigener » Fall « , wie er es kaltblütig nannte , das entscheidende Licht in die noch ungelöste Frage bringen und die Wissenschaft überzeugen werde . » Ich habe den Eindruck , « schrieb Eva , - » daß Gustav unter dem Bann eines Gedankens , der sich seiner mehr und mehr bemächtigt , sich zu einer furchtbaren Opferung vorbereitet . Er meint , - es überlief mich kalt , als er davon sprach , - daß gerade in dem Stadium , in dem die Krankheit , seiner Diagnose nach , sich bei ihm befindet , - die mikroskopische Untersuchung von Geschwulstteilen die volle Klarheit geben müsse . Er bedauerte « , schrieb sie , - » in seiner gewohnten kühlen , trockenen Art , daß der Sitz des Leidens nicht in der Bauchhöhle oder in der Niere sei , - denn diese könne man freilegen , und den Patienten dennoch retten , - sondern im Gehirn ... « Ein Schauer kroch unter Olgas Haar und hob es hoch . Sie stürzte ans Telephon , sie wollte Stanislaus rufen . Aber wie sollte sie das , da er telephonisch nicht erreichbar war ? Sofort mußte es geschehen , denn einer von ihnen mußte nach Wien . Sie entschloß sich , Werner anzurufen . Sie vergaß es in diesem Augenblick , vergaß es vollständig , wie sie zu ihm stand . Jetzt war er ihr nur der nächste , der Stanislaus , in dessen Nähe er wohnte , schnell holen konnte . Sie rief ihn an , in seinem Verlagsbureau . Als er ihre Stimme erkannte und sie sich nannte , antwortete er mit fremdem , eisigem Ton , durch den Furcht und Abwehr durchklangen . Aber als er ihre Gleichgültigkeit für ihn selbst aus dem Gespräch erfuhr , - in dem sie ihm kurz mitteilte , was man ihr aus Wien geschrieben und ihn bat , Stanislaus sofort aufzusuchen und zu ihr zu senden , - da wurde seine Stimme voll und warm , und er sprach zu ihr mit innerster Teilnahme , wie einer , der ihr ein Freund war . In einer Viertelstunde rief er sie an . Er berichtete , er sei soeben in Stanislaus ' Wohnung gewesen , aber er habe ihn nicht gefunden . Die Wirtin hatte ihm gesagt , Stanislaus hätte