wir gefragt wurden , warum wir nicht in Trinidad gewartet hätten , antwortete ich : » Weil ich Veranlassung fand , auf eure Gesellschaft zu verzichten . Habe euch das wohl auch geschrieben . Ist der Brief in eure Hände gekommen ? « » Ja ; der Wirt gab ihn uns , sobald wir kamen und unsere Namen nannten , « erwiderte Sebulon . » Ihr nennt in diesem Briefe den Corner und den Howe unsere Freunde . Wir weisen das ganz entschieden zurück . Wir haben als Pferdehändler geschäftlich mit ihnen zu tun gehabt , sie aber , als wir sie näher kennen lernten , sofort fallen lassen ; sie sind nicht ehrlich . Aber wie kommt Ihr dazu , diese ihre Unehrlichkeit grad uns aufzuladen ? Darf ich fragen , wohin Ihr Euch von Trinidad aus gewendet habt ? « Da fiel das Herzle schnell ein : » Auf die Bärenjagd ! « Das war eine ebenso kurze wie vortreffliche Antwort durch welche wir allen Fragen in Beziehung auf die Devils pulpit entgingen . » Seid Ihr glücklich gewesen ? « erkundigte er sich . » Ja , « antwortete ich . » Es gibt bei uns nun Bärenschinken . Die Tatzen werden aber erst am Tavuntsit-Payah angeschnitten . « » Am Tavuntsit-Payah ? « fragte er rasch , indem er seinem Bruder einen sehr befriedigten Blick zuwarf . » Kennt Ihr den ? « » Ja . Von früher her . « » Wir wollen auch hin ! « » Auch ihr ? Weshalb ? « » Auf Wunsch der Sioux- und Utahhäuptlinge . « » Ah ! So habt ihr sie getroffen ? « » Ja . « » An der Devils pulpit ? « » Ja . Schade , daß ihr fort waret ! Wir hätten euch so gern mitgenommen ! « » Es ist nicht schade darum . Ich hätte mich doch nicht sehen lassen dürfen ! « » Aber es wäre Euch möglich gewesen , die Sache von fern mit anzusehen oder vielleicht gar Einiges zu belauschen . « » Wozu das ? Ich hoffe , jetzt von Euch zu erfahren , was sich zugetragen hat und was da Alles besprochen worden ist . « » Soll ich erzählen ? « » Ja . Ich bitte darum . « Er begann seinen Bericht . Er nannte uns die Namen der beiden Oberhäuptlinge . Er machte aus den achtzig Indianern , die es gewesen waren , volle vierhundert . Er verwandelte die paar Stunden ihres Aufenthaltes in drei Tage . Er sprach von außerordentlich wichtigen Verhandlungen , denen er mit seinem Bruder beigewohnt habe . Und er stellte das Alles so dar , als ob sie . Beide die Hauptpersonen gewesen und mit ganz besonderen Ehren überhäuft worden seien . Besonders ihren Abschied von den Roten schilderte er als einen sehr freundschaftlichen . Kiktahan Schonka und Tusahga Saritsch seien , als sie fortritten , zwei- , dreimal wieder umgekehrt , um ihnen noch einmal die Hand zu drücken . » So sind die Roten also eher fort als ihr ? « fragte ich . » Ja , « antwortete er . » Wohin ? « » Das ist ein tiefes Geheimnis , welches wir um keinen Preis verraten sollen . Euch aber will ich es sagen , damit Ihr erkennt , wie gut und wie ehrlich wir es mit Euch meinen . Sie sind nach einem Orte , den sie Pa-wiconte nennen . Ist er Euch vielleicht bekannt ? « » Ja . Es ist ein Wasser . Oder nicht ? « » Doch . Man hat uns den Weg dorthin genau beschrieben . « » So sollt also auch ihr hin ? « » Allerdings . Wir sollen dort den ganzen Feldzugsplan gegen die Apatschen und ihre Verbündeten erfahren . Ihr seht , wie unendlich wichtig das für Euch ist . Wünscht Ihr , daß wir das , was wir dort erfahren , Euch mitteilen ? « » Selbstverständlich ! « » Wir sind bereit , es zu tun , und hoffen dabei auf Eure Dankbarkeit . « » Ihr werdet ernten , was ihr säet . « » Ist dieses Pa-wiconte , dieses Wasser des Todes , sehr weit entfernt von dem dunkeln Wasser , in dem unser Vater starb ? « » Wenn ich mich recht erinnere , liegen beide gar nicht weit auseinander . Sobald ich hinkomme , werde ich besser im Bilde sein als jetzt . « Es wäre nicht klug gewesen , ihm zu sagen , daß unter den beiden verschiedenen Namen ein und derselbe See zu verstehen sei . » Ah ! Ihr habt also die Absicht , selbst auch mit hinzukommen ? « fragte er . » Gewiß . Oder ist Euch das nicht recht ? « Der Blick , den er jetzt seinem Bruder zuwarf , war ein triumphierender . Er war entzückt darüber , daß ich seinen Plänen so ahnungslos entgegenkam , während er doch derjenige war , dem jede Ahnung fehlte . » Uns nicht recht ? « rief er aus . » Welchen Grund hätten wir dazu ? Wir sind Eure Freunde . Wir haben Euch lieb gewonnen . Wir möchten uns am liebsten nie wieder von Euch trennen . Wir nehmen Euch unendlich gern mit nach dem Wasser des Todes . Doch setzen wir voraus , daß Ihr uns dafür den Nugget-tsil und das dunkle Wasser zeigt . « » Das werde ich tun . Wie aber kommt es , daß Kiktahan Schonka euch nicht gleich mitgenommen hat ? Warum schickt er euch nach dem Tavuntsit-Payah ? « » Um die Squaws der Sioux zu beobachten , die nach diesem Orte geritten sind , und ihm dann Bericht hierüber zu erstatten . Er hat uns den Weg genau beschrieben . Nach dieser Beschreibung können es von hier bis hin nur noch zwei Tage sein ? « » Das stimmt . Und nun bitte ich nur noch um Eins ; dann bin ich zufriedengestellt . Nämlich , es ist doch eigentlich sehr auffällig , daß Ihr Euch an mich gewendet habt , um zu erfahren , wo der Nugget-tsil und das dunkle Wasser liegen . Es erscheint als fast unglaublich , daß Ihr diese beiden Orte nicht schon längst gefunden habt . Ihr brauchtet Euch in Beziehung auf den Nugget-tsil nur bei den Kiowas zu erkundigen , bei ihrem Häuptling Tangua und seinem Sohne Pida . Und in Beziehung auf das dunkle Wasser war es doch wohl nicht unmöglich , einen der Apatschen zu finden , die damals mit mir dort gewesen sind . « » Das klingt nur so leicht , ist es aber nicht , « entgegnete er . » Ich bin bei den Kiowas gewesen . Der alte Tangua war wohl bereit , mir Auskunft zu erteilen , aber Pida , sein Sohn , hinderte ihn daran ; warum , das weiß ich nicht . Und unter all den Apatschen , die ich nach dem dunkeln Wasser fragte , hat es keinen einzigen gegeben , der mich nicht sofort als Feind betrachtete und mit Mißtrauen von sich wies . Sie sind unendlich vorsichtig , diese Halunken ! « » Diese Halunken sind meine Freunde , Mr. Enters . Beliebt es Euch , nur noch ein einzigesmal ein solches Wort zu gebrauchen , so sind wir geschiedene Leute ! Meine Frau mag jetzt das Abendessen bereiten . Ist das vorüber , legen wir uns schlafen . Und morgen früh bei Tagesanbruch verlassen wir diese Stelle , um nach dem Tavuntsit-Payah zu reiten . Ist euch das recht ? « » Ja . Doch werden wir unser Lager aber nicht hier , sondern ein wenig nach der Seite suchen . Wir sind arge Schnarcher , und es ist eine Lady hier , die wir nicht belästigen wollen . « Das war eine sehr durchsichtige Ausrede . Sie wollten allein sein , um ungestört sprechen zu können . Sogleich kam mir der Gedanke , sie dabei zu belauschen ; aber ich verzichtete darauf , ihn auszuführen . Was ich wissen wollte , konnte ich auf direktere und leichtere Weise erfahren , als durch das unbequeme Anschleichen und immerwährende Horchen und Lauschen nach allen Seiten , welches anstrengender ist , als man glaubt . Die soeben berichtete Unterhaltung war nur zwischen mir und Sebulon Enters geführt worden . Sein Bruder Hariman hatte kein einziges Wort dazu beigetragen . Es schien , als ob die Beiden miteinander uneinig seien , und zwar in nicht gewöhnlichem Grade . Sie vermieden , einander anzusehen oder doch ihre Blicke einander begegnen zu lassen . Ganz ebenso still hatte sich der » junge Adler « verhalten . Er tat so , als ob die Brüder gar nicht anwesend seien . Das eröffnete keine allzu freundliche Perspektive auf unser Zusammensein mit ihnen . Sie sonderten sich so , wie Sebulon gesagt hatte , nach dem Abendessen von uns ab und kamen erst am frühen Morgen wieder , als der Duft des Kaffees ihnen verriet , daß auch wir , schon munter seien . Als die Sonne erschien , war das Zelt abgebrochen , und der Weiterritt konnte beginnen . Hierbei fiel uns erst auf , daß jeder von ihnen einen sogenannten Stockspaten am Sattel hängen hatte . Als Pappermann sah , daß meine Augen verwundert an diesen Werkzeugen hingen , fragte er die Brüder : » Ihr habt euch mit Spaten versehen . Wollt ihr Schätze graben ? « » Vielleicht , « antwortete Sebulon mit einer Betonung , welche Pfiffigkeit bedeuten sollte . » Aber was für welche ? « » Weiß ich noch nicht . Jedenfalls haben wir Werkzeuge zum Graben , wenn wir welche brauchen . Kiktahan Schonka hat uns kein Geld versprochen , sondern Beute , Ware , Pferde und ähnliche Dinge . Auch Metalle , also Silber , Kupfer oder gar Gold . Daß es sich da um Bonanzen oder Diggings handelt , die wir erst untersuchen müssen , versteht sich ganz von selbst ! Darum haben wir die Spaten mit ! « Dieser Mann hatte , wie man sich vulgär auszudrücken pflegt » große Rosinen im Kopfe « . Und bei aller seiner Einbildung stand ihm der Gedanke fern , daß er nur ein Werkzeug war , welches später , wenn man es nicht mehr brauchte , weggeworfen werden sollte . Wir ritten heut genau denselben Weg , den ich damals mit Gates , Clay und Summer geritten war . Und am Abend lagerten wir an derselben Stelle der offenen Prairie , wo wir damals geschlafen hatten . Wir machten kein Feuer . Am andern Morgen sagte ich den beiden Enters , daß wir gegen Mittag den Tavuntsit- erreichen würden . Den Namen Mugworthill hütete ich mich sehr , auszusprechen . Er steht in meiner Schilderung , welche sie gelesen hatten . Sie kannten ihn also und hätten sofort gewußt , daß es sich um den Nugget-tsil handele . Das aber sollten sie , wenigstens jetzt , vorher noch nicht erfahren . Zu meiner Verwunderung wurde ich von Sebulon gefragt : » Kennt Ihr diesen Berg nur von weitem , nur vom Hörensagen , Mr. Burton , oder seid Ihr selbst schon dort gewesen ? « » Schon wiederholt war ich dort , « antwortete ich . » Es sollen einige Gräber dort sein . Drei oder vier . Ist das wahr ? « » Zwei habe ich gesehen , die andern nicht . Wer mag wohl da begraben sein ? « » Einige Häuptlinge der Kiowas . « » Wirklich ? « » Ja . Das wurde mir von Einem erzählt , der auch schon öfters dort gewesen ist . « » Wir werden an den beiden Gräbern , die ich gesehen habe , lagern . Es ist das der beste Platz dazu . « Während dieses Vormittages war meine Frau sehr nachdenklich . Wir nahten uns einem Orte , der für sie von einem nicht nur großen , sondern auch heiligen Interesse war . Sie hält das Andenken an die schöne Schwester Winnetous hoch , sehr hoch . Sie hatte wohl oft schon gesagt , daß sie herzlich wünsche , wenigstens das Grab der schönen , lieben Indianerin einmal zu sehen . Dabei war sie aber stets überzeugt gewesen , daß sie niemals nach Amerika kommen werde . Und nun war sie doch drüben , und die Erfüllung ihres Wunsches stand bevor . Auch der » junge Adler « schien sich mit ernsten Gedanken zu tragen . Bezogen sie sich etwa auf mich ? Er sah mich zuweilen so eigentümlich prüfend an , senkte aber schnell den Blick , wenn der meinige ihn dabei überraschte . Die beiden Enters kamen uns Dreien nicht zu nahe . Sie hielten sich hinter uns zu Pappermann , der heut sehr genau wußte , was er ihnen sagen durfte und was nicht . Ich hatte ihn gestern abend vor dem Schlafengehen genau instruiert . Es war noch nicht Mittag , als die Berge im Süden auftauchten . Sie wurden umso höher , je näher wir kamen . Auf ihrer höchsten , bewaldeten Kuppe stand noch immer jener Baum , der über alle andern emporragte . Auch dem Herzle fiel er auf . » Wie das so stimmt ! « sagte sie . » Nicht wahr , da hinauf hatte Winnetou seinen Späher geschickt ? « » Ja , « nickte ich . » Sag , wie ist es dir nur zu Mute ? Ich möchte weinen . Du nicht auch ? « Ich antwortete nicht . Wir umritten die dunklen Höhen auf ihrer westlichen Seite und bogen dann im Süden nach links ein , um an das tief hineinführende Tal zu kommen , welches meine Leser alle kennen . Diesem folgten wir bis an die betreffende Seitenschlucht , die uns weiter hinaufleitete und dann sich teilte . Da stiegen wir ab und kletterten , die Pferde an den Zügeln führend , zu der scharfkantigen Höhe empor , hinter welcher das Terrain sich wieder senkte . Dann ging es jenseits hinab und in gerader Richtung durch den Wald , bis wir unser Ziel erreichten . Da standen sie beide , das Grabmal , in welchem Intschu tschuna , der Vater meines Winnetou , hoch auf dem Rücken seines Pferdes saß , und die Steinpyramide , aus welcher der Baum zur Höhe stieg , an dessen Stamm Nscho-tschi zur Ruhe bestattet worden war . Ich hielt an . Es überkam mich ein Gefühl , als ob ich erst gestern zum letzten Male hier gewesen sei . Die Bäume waren höher geworden und das Unterholz etwas dichter . Sonst aber schien es , als ob die tiefe , ergreifende Ruhe dieses Ortes Jahrzehnte lang von keinem Windeshauch gestört worden sei . » Da liegen die Häuptlinge der Kiowas , « sagte Sebulon Enters . » Wir sind also an Ort und Stelle . Bleiben wir heute da ? « » Ja . Vielleicht auch morgen noch , « antwortete ich . » Schaffe die Beiden wenigstens einstweilen fort ! « bat meine Frau leise . » Sie sollen mir diese erste Stunde nicht verderben ! « Schon wollte ich ihr diesen Wunsch erfüllen , da kam Sebulon mir zuvor : » Soll ich vielleicht mit meinem Bruder gehen , um einen frischen Braten zu schießen ? Oder gibt es gleich jetzt die versprochenen Bärentatzen ? « » Ja , geht und versucht , ob ihr irgend Etwas vor das Rohr bekommt ! « fiel Klärchen schnell ein . » Ihr habt mehrere Stunden lang Zeit . Wir essen erst am Nachmittag . « Sie entfernten sich . Ich schlug mit Pappermann das Zelt auf . Der brave Alte vermied dabei so viel wie möglich alles Geräusch . Er sah , daß das Herzle am Grabe der Schwester kniete und betete . Ich darf es wohl verraten : sie betet oft und gern . Dann kam sie zu dem Grabe des Häuptlings . Am Fuße desselben , genau an der Westseite , gab es eine kleine , etwas eingesunkene Stelle , die aber auch , wie ihre Umgebung , mit moosigem Gras überwachsen war . » Hier hast du wohl damals gegraben ? « fragte sie . » Ja , « antwortete ich . » Ich habe das Loch zwar sehr sorgfältig wieder geschlossen , aber während des Grabens ist doch so viel Erde verloren gegangen , daß sie später fehlte , als die Füllung sich nach und nach setzte . Daher diese Vertiefung . « » Die aber auch Andere auf den Gedanken bringen kann , nachzugraben ! « » Mögen sie es tun ! Sie würden wohl nichts finden . « » Ich bitte dich , das nicht so sicher zu sagen . Ich habe nämlich einen Gedanken . « » Ah ! Wirklich ? « » Ja , wirklich ! Und zwar nicht erst jetzt , sondern schon während des ganzen Vormittages . « » Du schienst allerdings sehr nachdenklich zu sein . War es das ? « » Ja , nichts Anderes . « » So bitte , laß es mich wissen ! « Ich bin nämlich gewohnt , die Gedanken und Gefühle meiner Frau in allen Stücken mit in Erwägung zu ziehen . Ihr angeborener Scharfsinn kommt mir oft zu Hilfe , während mein mühsam erworbener Scharfblick mich in die Irre führt . Ich gebe gern zu , daß die Frau dem Manne in Beziehung auf die feineren Instinkte überlegen ist . Darum freue ich mich immer , wenn die meinige mir sagt , daß sie einen » Gedanken « oder eine » Ahnung « habe , denn ich weiß , daß es mir zur Hilfe dient . So auch jetzt . Sie antwortete : » Je näher wir heut diesen Bergen kamen , desto deutlicher und zusammenhängender trat Alles , was du von ihnen erzählt hast , vor mich hin . Und da kam mir ein Wort in den Sinn , welches nicht wieder weichen wollte . Winnetou hat es zu dir gesagt , und zwar wiederholt . Weißt du noch , wie er das Gold , die Nuggets , zu nennen pflegte ? « » Meinst du etwa deadly dust ? 17 « » Ja , deadly dust . Noch ganz kurz vor seinem Tode , als er mit dir von seinem Testamente sprach , hat er zu dir gesagt , daß du zu Besserem bestimmt seist , als nur um Gold zu besitzen . Und dennoch grubst du hier am Grabe seines Vaters nur nach Gold , nach weiter nichts . War das nicht ein Fehler , lieber Mann ? « » Ich glaube nicht . Das Gold , welches hier vergraben lag , war nicht für mich , sondern sehr wahrscheinlich für wohltätige , edle Zwecke . « » Sollte es wirklich nichts , gar nichts gegeben haben , was persönlich für dich , seinen besten Freund und Bruder , bestimmt war ? Und sollte Winnetou , der Weitsehende und Hochdenkende , grad bei Abfassung seines Testamentes vergessen haben , daß man auch für wohltätige , edle Zwecke noch weit Besseres geben kann als nur Gold und immer wieder nur Gold ? Bitte , überlege doch ! « » Hm ! Weißt du , Herzle , was du da sagst , ist richtig , unzweifelhaft richtig . Ich habe zwar die Ausrede , daß ich damals nur unter Lebensgefahr und in größter Eile nachsuchen konnte , aber das ist doch nicht geeignet , mich zu entschuldigen . Ich hatte ja später jahrelang Zeit , die versäumte Umsicht nachzuholen . Daran habe ich aber gar nicht gedacht - niemals , niemals . « » Ich auch nicht . Ich habe mir also ganz dieselbe Gedankenlosigkeit vorzuwerfen , wie du dir . Willst du mir einen Wunsch erfüllen ? « » Welchen ? « » Noch einmal nachzugraben ? Aber besser , sorgfältiger und tiefer als damals ? « » Gern - sehr gern . « » Ich glaube nämlich , wir finden noch Etwas , und zwar die Hauptsache . Die Goldanweisung lag nur zum Schutze des eigentlichen , wirklichen Schatzes oben darauf ! « » Wie du das sagst ! Als ob du es ganz genau wüßtest ! « » Ich weiß es nicht , aber ich fühle es . Winnetou war abgeklärter und größer als damals du , lieber Mann . Sein eigentlicher , sein unschätzbarster Wert lag nicht im Umgange mit dir , lag überhaupt nicht in deiner Nähe . Wir haben doppelt nachzugraben , nämlich hier , an der Gruft seines Vaters , und sodann ebenso in deiner Erinnerung . Da werden wir gewiß keinen deadly dust finden , wohl aber Perlen und Edelsteine , die aus tiefen , seelischen Bonanzen stammen . Wollen wir nicht gleich beginnen ? Es paßt so gut , weil die beiden Enters abwesend sind . « » Dieser Grund ist nicht maßgebend , weil die Spuren nicht so schnell zu verwischen wären , daß die Brüder nicht bemerkten , was während ihrer Abwesenheit hier vorgenommen worden ist . Wo über dreißig Jahre vergangen sind , wird es wohl keinen bösen Schaden machen , wenn noch einige wenige Stunden vergehen . Wir dürfen nicht vergessen , daß ich von Tatellah-Satah an die mittelste der fünf großen Blaufichten gewiesen bin . Er schreibt : Ihre Stimme sei dir wie die Stimme Manitous , des großen , ewigen und allliebenden Geistes ! Das ist also so wichtig und so eilig , daß es allem Anderen vorauszugehen hat . « » Ganz gewiß , ganz gewiß ! - Aber wo sind diese blauen Fichten ? Wo stehen sie ? « » Gar nicht weit von hier . Komm ! « Ich führte sie nach einer Stelle des Waldes , wo aus dem Boden sich mehrere Felsen erhoben , an deren Fuß ein Wassertümpel lag . Da standen die fünf Silber-Blaufichten , welche Tatellah-Satah meinte . Sie waren bis ganz herunter auf den Boden beästet . Unter diesen Aesten gab es einige wenige dürre . Kaum war mein Blick auf den mittelsten dieser Bäume gefallen , so wußte ich , woran ich war . Das Herzle aber stand da , schaute die Bäume ratlos an , schlug die Hände zusammen und seufzte : » Da sieht ja eine genau wie die andere aus , nur daß die mittlere ihre Schwestern um einige Ellen überragt ! Und auch ein Ast genau wie der andere ! So gedrungen , so reich und dicht benadelt ! Und dieser Baum , diese Fichte , soll zu dir sprechen ? Wie denn , wie ? Weißt du es ? « » Ja . « » Ich nicht . « » Das glaube ich wohl ! « » Also wie ? - Sag es mir ! « » Kannst du Fichte und Tanne unterscheiden ? « » Ich denke ! « » So betrachte die mittlere Fichte genauer ! Es gibt da unten einige dürre Zweige , an denen sich nur noch wenige Nadeln befinden . Bitte , zähle sie ! Von unten herauf ! Und zeige dabei mit dem Finger hin ! « Sie tat es . » Eins , zwei , drei , « zählte sie . » Vier , fünf , sechs ... « » Halt ! « unterbrach ich sie . » Betrachte diesen sechsten , dürren Zweig ! Ist das auch Fichte ? « » Nein , sondern Tanne . « » Merkst du nun , daß der Baum zu reden beginnt ? « » Ah ! So ist das , so , so ? « » Ja , so ! Kann dieser Tannenzweig an der Fichte gewachsen sein ? « » Gewiß nicht . Man hat den richtigen entfernt und diesen falschen an seine Stelle gebracht . Aber ist das nicht unvorsichtig oder gar gefährlich . Konnte das nicht ebensogut auch jeder Andere außer dir entdecken ? « » Nein . Wenn es grüne Zweige wären , dann ja . Da würde der Tannenzweig mit seiner ganz anderen Benadelung sofort auffallen . Da es aber vertrocknete Aeste sind , an denen man nur wenige Nadeln sitzen ließ , konnte nur ich allein den Treffer machen , und zwar auch nur deshalb , weil ich vorher ganz besonders aufmerksam gemacht worden war . Bitte , entferne diesen Zweig ! « » Abbrechen ? « » Nein , sondern herausziehen . « Sie tat es . Es war an der Stelle ursprünglichen Astes ein Loch gebohrt und der Tannenzweig dann hineingesteckt worden . Dieses Loch war jetzt zu sehen ; aber es hatte nur der Zweig darin gesteckt ; es war leer . Nun untersuchte ich den Stamm in der Nähe des Bohrloches . Ganz richtig ! Man hatte die Rinde in Form einer Klappe losgelöst und dann mit dem Ast wieder fest angesteckt . Als ich diese Klappe öffnete , fiel ein weißes Papier heraus . Das Herzle griff eiligst zu und rief freudig aus : » Das ist die Stimme des Baumes ! Das ist sie ! Oder nicht ? « » Gewiß ist sie es . « » Was so ein Indianer für ein scharfsinniger und gescheiter Mensch ist ! « » Ja , « lachte ich . » Und welch eine beispiellose Klugheit von einer weißen Squaw aus Radebeul , die das Alles sogleich entdeckt ! « Da lachte sie mit und sagte : » Habe ich diese Entdeckung etwa nicht dadurch eingeleitet , daß ich den Unterschied zwischen Tanne und Fichte sehr wohl kannte ? Laß uns lesen ! « Da sie daheim meine Sekretärin ist und fast meine ganze Korrespondenz besorgt , hielt sie sich für berechtigt , auch dieses Blatt zu öffnen und vorzulesen . Sie zog schon die Augenbrauen in die Höhe , um ein möglichst wichtiges Gesicht zu machen ; aber diese Wichtigkeit fiel sofort wieder in sich zusammen , und in sehr enttäuschtem Tone erklang die Klage : » Das kann ich aber nicht lesen - leider , leider ! « » Wohl indianische Bilderschrift ? « » Nein . Es sind englische Buchstaben ; aber die Sprache ist fremd . « » Zeig her ! « » Da ! Hier ! Aber setzen wir uns ! Im Stehen begreift man schwerer . « Sie setzte sich nieder und klopfte mit der Hand neben sich auf den Boden . Man weiß wohl bereits , was ich da zu tun hatte : Ich setzte mich neben sie nieder und las die Zeilen vor . Sie waren im Apatsche von derselben kalligraphisch geübten Hand auf dasselbe sehr gute Papier geschrieben wie der Brief , den ich daheim von Tatellah-Satah erhalten hatte . Die Uebersetzung lautete : » Warum suchtest du nur nach deadly dust ? Nach tödlichem , goldenem Staub ? Glaubtest du wirklich , Winnetou , der überschwänglich Reiche , könne der Menschheit nichts Besseres hinterlassen ? War Winnetou , den du doch kennen mußtest , so oberflächlich , daß du es verschmähen durftest , in größerer Tiefe zu suchen ? Nun weißt du , warum ich dir zürnte . Sei mir willkommen , wenn du verstehst , es mir zu sein ! « Das war der Brief des alten » Tausend Jahre « . Ich faltete das Papier zusammen und steckte es ein . Wir sahen einander an . » Ist das nicht sonderbar ? « fragte das Herzle . » Höchst sonderbar ! « nickte ich . » Er schreibt ganz dasselbe , was du gesagt hast . Ich bin beschämt , außerordentlich beschämt ! « » Nimm es dir nicht zu Herzen ! « » O doch ! Ich habe da eine Sünde an Winnetou begangen , die ich mir unmöglich verzeihen kann . Und nicht nur an Winnetou allein , sondern an seiner ganzen Rasse ! Jetzt bin auch ich überzeugt , daß wir noch mehr und noch viel Wichtigeres finden werden , als ich damals gefunden habe . « » Weil der alte Tatellah-Satah es sagt ? « » Nicht nur deshalb , sondern noch viel mehr aus dem Grunde , der in Winnetous Charakter liegt . Ich habe tief unter diesem hohen , edeln Charakter hinweg gesehen und tief unter ihm hinweg gehandelt . Das ist meine Sünde . Er würde gütig lächeln und mir verzeihen ; ich aber lächle nicht . Bedenke , daß über dreißig Jahre unnütz vergangen sind ! Ein volles Menschenleben ! Komm , Herzle , wir müssen graben ! « » Ja , solange die Enters fort sind , « stimmte sie bei . » Nicht das ! Mir ist es jetzt gleich , ob sie da sind oder nicht . Horch ! Ich höre ihre Stimmen . Sie sprechen mit Pappermann . Sie sind also schon zurück . « Ja , sie waren wieder da , und zwar mit einem Prairiehasen , der sich in die Berge herein verlaufen hatte . Sebulon tat Wunder , was das für eine Heldentat von ihnen sei ; ich aber fiel ihm kurz entschlossen in die prunkende Rede : » Legt das Häslein her ! Vielleicht braten wir es , vielleicht auch nicht . Es gibt jetzt Wichtigeres zu tun . « Ich hatte die Absicht gehabt , ihnen erst später , wenn wir von hier fort waren , zu sagen , daß wir dagewesen seien , denn ich fürchtete den Einfluß dieses Ortes und seiner Erinnerungen auf ihren Seelenzustand . Oder mit andern Worten , ich hatte psychiatrische Bedenken . Nun aber trieben mich ganz andere Gründe . Ich hatte höhere Rücksichten zu nehmen und fuhr darum fort : » Ich habe euch eine Entdeckung zu machen , die ich für später aufheben wollte . Ihr befindet euch nämlich über den Ort , an dem wir heut und morgen lagern werden , im Irrtum . Hier liegen nicht Kiowahäuptlinge begraben , sondern der Vater und die Schwester meines Winnetou . Der Tavuntsit-Payah ist unser Nugget-tsil . « Der Eindruck dieser