Pappenheimer vor mir hatte , fällte ich ihn allsogleich . Zur Besinnung kam ich erst , als mir Blut über die Augen floß und unser Trompeter Rückzug blies . Unsere Schar war zusammengeschmolzen , doch der feindliche Laufgraben angefüllt mit erschlagenen Pappenheimern . Meine Stirnwunde hatte wenig zu bedeuten . Immerhin ward ich auf Anordnung des Feldschers hinter die Zwingmauer geschickt , allwo die Wunde gewaschen und verbunden ward . Nach einem erquickenden Trunke verfiel ich auf dem Strohlager in tiefen Schlaf . Unter süßem Vogelzwitschern erwachte ich . In den grauen Morgen , wo ein rosenrot Wölklein schwebete , erhub sich jubilierend eine Lerche . Und die Geschütze schwiegen . Friede ! Friede ! O bliebe doch immer solch liebliche Ruhe ! Ein Bangen kam geschlichen , es möchte die Stille auf einmal unterbrochen werden . Ich atmete nur verstohlen . Dann drehte ich das Angesicht seitwärts . Da lagen die Verwundeten , und ein Bürger kniete , die Hände gefaltet . Ein Jubelgedanke zuckte mir durch durch den Sinn . Sollte König Gustav nahe , und Tilly im Abzug begriffen sein ? » Warum schießet man nicht ? Ist etwan der Schwedenkönig gekommen ? « fragte ich den Bürger . » Ja , er stehet bei Biederitz ! Von dorten hat er Feuerzeichen gegeben . « Ein Stich ging mir durchs Herze - so war der Lügenhaber aufgegangen und narrete mich mit leeren Hülsen . » Und Tilly ? « fragte ich weiter , indem ich mich aufrichtete - » warum schweigen seine Geschütze ? « » Mag sein , daß er sich rüstet , den Schwedenkönig zu bestehen . Vielleicht auch siehet er ein , daß zu einer Zeit , da die Magdeburger den Akkord beraten , füglich Waffenstillstand sein müsse . Ei Bruderherz , mich dünkt , der Tilly ist gar nicht so grausam . Da trink einmal , Bruderherz ! « Und er reichte mir die Flasche dar , aus der ich einen guten Schluck nahm . Auch er trank und redete listig blinzelnd weiter : » So oder so , - heut hab ' ich mein Feuerrohr zum letztenmal auf den Wall getragen . Jetzt geh ' ich heim und schlafe mich endlich mal tüchtig aus . « » Wie ? Hat Falkenberg das erlaubt ? « » Ei gewiß , hat er denn nicht selber den Wall verlassen ? Aufs Rathaus ist er gegangen , allwo jetzunder der letzte Kampf tobt - Gott sei Dank ein Wortgefecht . Mögen sie streiten ! So oder so - wir kriegen Ruhe . Ach Gott ja , der süße Schlaf ! « Er gähnte und dehnte sich , raunte dann geheimnisvoll : » Gott hat mir offenbaret , daß ich von heut ab Ruhe finden soll vor dem grausigen Waffenhandwerk . Das ist gewißlich wahr ! « Und mir zunickend ging der Bürger . Vom Wall herüber scholl feierlich der Kriegsgenossen Sang : » Verzage nicht , du Häuflein klein ! « Den Kopf auf mein Strohbündel zurückgelegt , träumte ich gen Himmel , allwo noch immer die Lerche trillerte , derweilen der Friede so erquickend war . Da auf einmal spürete ich ein Zwängen an meinem Herzen ; ein störender Mißklang , eines Weibes Wehklage , war an mein Ohr gedrungen . Ich versuchte , nicht hinzuhören ; aber deutlich vernahm ich die angstvolle Weiberstimme : » Ach Gott , ach Gott ! Das ist ein Fürzeichen - das bedeutet ein Unglück . « Verstört erhub ich mich - meine Stirnwunde schmerzete . Ich schnallte meinen Säbel um , nahm mein Feuerrohr und trat zu der Gruppe von Leuten , wo solche Rede ging . Eine Alte rang ihre knochigen Hände . » Das war der Gespensterwagen - der hat allemal was zu bedeuten . « » Maul gehalten , « herrschte ich die Alte an . » Höret Sie denn nicht , daß man auf dem Walle Gottesdienst abhält ? « » Ach , Herr Soldate ! Ein Spuk hat sich gezeiget . Meine Base liegt totkrank von dem Anblick . Am Fischerufer wohnt sie , und heute nacht , da ' s eben zwölf geschlagen , geht auf der Straße ein dumpf Getrappel los . Wie sie ans Fenster tritt , siehet sie einen Trupp geharnischter Männer mit Fackeln . Die geleiten einen rasselnden Wagen . Ein ungefüger eiserner Kasten war ' s , von starken Rappen gezogen - die Häuser haben vor ihm gebebet . « Ich lachte verächtlich : » Und das war der Gespensterwagen ? Gans , die Sie ist ! « » Ach , hör Er nur weiter , Herr Soldate - jetzo kommt ja eben das Gräßliche . Dicht an die Elbe ist der Wagen gefahren , und da haben die Geharnischten die Fackeln auf einen Haufen zusammengeworfen , und lauter blutige Leichen haben sie aus dem großen Eisenkasten geholt und alsodann ins Wasser geworfen . Und hat die Elbe mit den schwimmenden blutigen Leichen vom Feuer beleuchtet wie ein Schlachtfeld ausgesehen . Schlag eins ist der Spuk verschwunden , wie weggeblasen ; doch ist dabei ein schauxig Wimmern durch die Lüfte gegangen . Und so wahr ich allhie stehe , eine Menge Fischersleute haben das alles gesehen und haben die Leichen ins Wasser plumpsen hören . « » Schwätzerin , Närrin ! Maul gehalten ! « Und ich ging zum Walle - wollte das Geträtsch mir aus dem Sinne schlagen . Und doch hatte sich Unheimliches bei mir eingenistet , Grauen empfand ich und wußte nicht wovor . Begab mich zur Torwache , allwo die Leute auf ihrem Strohlager schnarcheten . Aus dem Wasserkruge tat ich einen Trunk , kühlete meinen brennenden Hautriß und verzehrete ein Stück Brot . Hierauf stieg ich durch den runden Turm zum Wall hinan . Auch hier fand ich die Kameraden dem Schlaf ergeben - regungslos lagen sie in der strahlenden Frühsonne , die Posten aber , die den Belagerer hätten im Auge behalten sollen , kehrten ihm den Rücken , an die Brustwehr hingekauert . Dem Geistlichen lauschten sie , so vom Propheten Daniel predigte , wie er , vom Tyrannen in die Löwengrube geworfen , gleichwohl heil geblieben und alsodann sein Dankgebet gesprochen : » Mein Gott hat seinen Engel gesandt , der den Löwen den Rachen zugehalten hat , daß sie mir kein Leid getan haben . « Bei diesen Worten klang in der Ferne ein langgezogener dumpfer Ton , ähnlich dem Brüllen eines Bullen . Es war das Horn des Türmers auf Sankt Katharinen . Sollte eine Feuersbrunst ausgebrochen sein ? Der Prädikant sprach unbekümmert weiter , wiewohl etliche Zuhörer zum Turm emporblickten , von wo noch immer das Horn erscholl . Auf einmal rief jemand dicht bei mir : » Waffen ! Waffen ! « Nach der Brustwehr zugewandt , sah ich , wie zween feindliche Soldaten von außen herübergestiegen kamen , dann ein dritter , ein vierter . » Feindioh ! « riefen die Unseren . » Waffen ! « Meinen Karbiner hatte ich , doch - Teufel - keine Munition . Schon knatterten Schüsse , und ein Gebrüll von Geschützen erhub sich . Einer unserer Posten stürzte , seine Muskete fiel vor meine Füße . Ich erhub sie wie einen Dreschflegel und ging auf einen Feind los . Der legte sein Pistol auf mich an und schoß . Ich schlug ihn mit dem Kolben nieder , stund aber allbereits vor einem neuen Gegner , der mit dem Schwerte nach mir stach . Ich parierte mit meiner Muskete und stieß sie ihm ins Gesicht , daß er hintaumelte . Inzwischen hatten sich etliche der Unseren den Pappenheimer Eindringlingen entgegengeworfen , sie niedergemacht und die Brustwehr gewonnen . Ratlos aber lief ein Teil unserer Wallmannschaft durcheinander und schrie : » Waffen ! Waffen ! « Manche hatten keinerlei Waffen , nicht einmal eine Partisane oder einen Morgenstern . Ich eilte zur Brustwehr und sahe nun , wie schlimm es mit uns stund . Es wimmelte von stürmenden Pappenheimern . Wie Meereswellen zum Strande rollen , kam Reihe auf Reihe herangeflutet . In der Ferne aber regte es sich hinter allen Hügeln und Gründen von Reitergeschwadern und Pickenierbataillonen , von Fahnen , Spießen und blinkenden Rüstungen . Und war ein Gelaufe im Feinde wie in einem aufgescheuchten Ameisenschwarme . Wie Katzen sprangen die Pappenheimer heran und renneten die Sturmleitern herauf , trugen auch immer neue Leitern herbei und lehnten sie an die Wallmauer , wiewohl die Unsrigen jetzo schossen und in rasender Wut Mauerbrocken auf die Emporklimmenden warfen . Nur schwach freilich konnten wir uns wehren , da wir auf Deckung bedacht sein mußten . Hageldicht schwirrten die Kugeln aus den feindlichen Laufgräben , und schon mancher Kamerad lag entseelt oder stöhnend vor unsern Füßen . Ich hatte die Lunte meiner Muskete entzündet und auch schon einen Pappenheimer von der Leiter geschossen . Da rief mich Kapitän Schulz an : » Korporal Tielsch , im Stall bei der Wachtstube steht mein Pferd , - reit Er , so schnell Er kann , zum Kommandanten Falkenberg - er ist auf dem Rathaus - Sukkurs soll er schicken - Sukkurs so viel als möglich - sonst halten wir den Wall nicht . « Ich sogleich fort , den Auftrag auszuführen . Im Turme , der des Walles Eingang war , hasteten mir die Unsrigen entgegen , so zum Kampfe eilten ; - mühsam brach ich mir durch ihr Gedränge Bahn , gelangte zum Stalle der Wachtstube , fand das Pferd , schwang mich in den Sattel und galoppierte durch die Gassen . Aus den Haustüren stürzten die Bewohner herfür , Weiber und Kinder rangen heulend die Hände , vom Katharinenturm brüllte der Alarm , und immer wilder knatterte das Gewehrfeuer . » Zur Hohenpforte ! « rief ich den Bürgern zu , die mit Waffen gelaufen kamen ; aus ihren Augen sprühete ein Grimm , der , angesammelt in der langen Zeit qualvollen Ringens , jetzo sich entlud , angezündet von dem Gedanken , daß Leib und Leben , Weib und Kind , Gut und Ehre , Glauben und Vaterland auf dem Spiele stehe . Vor dem Rathause stund bei einer Gruppe von Bürgersleuten der Page des Obersten Falkenberg und hielt das Roß seines Herrn am Zügel . Ich hin zu ihm , schwang mich aus dem Sattel , gab ihm auch noch mein Pferd zu halten und stürmte die Treppe hinan zum Sitzungssaal . In der Tür blieb ich eine knappe Weile atemlos stehen . Falkenberg redete zur Ratsversammlung . Wiewohl auf seinem Angesichte Schweiß und Erschöpfung lag , hielt er doch seine kalte , eiserne Trutzigkeit aufrecht . Ich aber trauete meinen Ohren nicht . Was diese Männer beschäftigte , war ja noch immer die Frage , ob mit Tilly zu ackordieren sei . Wußte man denn allhie noch nicht , wie die Dinge stunden ? » Nichts von Traktaten ! « rief Falkenberg ; » jede Stunde , die ihr heute länger ausharret , ist mit keiner Tonne Goldes zu bezahlen . Zum Abzuge ist Tilly entschlossen , und die Schüsse , so jetzunder gen unsere Mauern donnern , sind der Abschiedssalut ... « » Mit Verlaub , Herr Oberst , « rief ich und drängte mich durch die Versammlung . In diesem Augenblicke begann der Türmer der nahen Johanniskirche zu tuten . Die Augen aufgerissen horchte die Versammlung , und Falkenberg stutzte . Gleich darauf aber sprach er mit fester Stimme weiter : » Sollte der Feind aber wirklich wagen , unsere Mauern noch in letzter Stunde zu berennen , so mag er mit blutigem Kopfe heimziehen . O , daß er sich unterstünde ! Er wird sich den Kopf zerschellen ! « Indem ward hinter mir die Tür aufgerissen , und der Burgemeister Otto von Gericke kam hereingestürmt : » Der Feind ist allbereits in der Stadt - am Fischerufer plündern die Kroaten ! « Mit Rufen des Entsetzens sprang alles von den Stühlen und drängte zum Ausgang . Ich trat vor Falkenberg und meldete : » Die Pappenheimer stürmen bei der Hohenpforte , Kapitän Schulz läßt um schnellen Sukkurs bitten - der Feind ist allbereits auf dem Oberwalle . « Bleich und finster starrete mich der Oberst an . Dann verzerrte er das Angesicht zu einem höhnischen Grimme , und aus der breiten Heldenbrust preßte sich ein seltsamlicher Laut , zugleich ein Stöhnen und ein Triumphieren . » Auf ! « rief er in plötzlicher Entschlossenheit und stürmte mit Sporengeklirr zum Saal hinaus , die Treppe hinab . Ich hinter ihm drein . Bei seinem Pferde angelangt , das der Page - wie auch das meine - am Zügel hielt , wandte sich der Oberst zu mir : » Reit Er zur Marschschanze , Oberstleutnant Trost soll mit seinen Reitern der Hohenpforte Sukkurs bringen - schnell , fort ! « Und schon saßen wir beide im Sattel , gaben den Pferden einen Sporenhieb und galoppierten nach verschiedenen Richtungen . Ich den Johannisberg hinunter , über die Strombrücke auf die Insel , so man den Stadtmarsch heißet . Da kam mir der Oberistleutnant Trost mit seinen Reitern entgegen . Ich tat ihm Meldung und trabte gemeinsam mit dem Geschwader zum Orte des Kampfes , von wo das Schießen wie ein unaufhörlich Geknatter erscholl . Munition hatte ich nun . Als wir in die Große Lakenmacherstraße kamen , sahen wir das Mannsgetümmel mit Pulverdampf und blitzenden Waffen . Hinten aus den Häusern am Tore flogen Steine , Hausgeräte und Balken auf Feindes Haupt hernieder . Ein hölzern Haus stund in Flammen , in der sonnigen Maienfrühe seltsamlich anzuschauen , gleich einer Kerze , so milden Lichtes bei Tage brennt . » Platz gemacht , Platz ! « rief der Oberistleutnant Trost , da wir den kämpfenden Unseren im Rücken waren . Als diese nun zur Seite auswichen und eine Gasse eröffneten , rasselten wir wie ein Donnerwetter hindurch und pralleten wider den Feind , der dicht zusammengedrängt die Picken vorstreckte , während seine Musketiere wider uns eine Salve abgaben . Rings um mich brachen Rosse zusammen und Reiter stürzten , andere Rosse bäumten mit Angstgewieher , Blutquellen schossen aus Tieren und Menschen herfür , ein Stöhnen und Röcheln , ein Klappern aufschlagender Harnische und Waffen , ein Wehgeschrei und Wutgeheul erfüllte die Luft . Gleich darauf ward aus einem Fenster von nackten Weiberarmen ein Kessel geschwungen , und unter höhnischem Gekreische siedend Öl auf Feindeshaupt gegossen . Hinterher hagelte es Steine , Hausgeräte , brennende Fackeln und wuchtige Balken . Da gerieten die Pappenheimischen Picken in Unordnung . Den Moment nutzend und angetrieben von der Löwenstimme Falkenbergs , der auf einmal unsere Führung hatte , gab alles , was von den Unseren heil geblieben , darunter ich , dem Rosse die Sporen und brach hauend oder mit Pistol und Karbiner schießend in die feindliche Menschenmauer ein . Vor mir , neben mir hieben , stachen die Picken , Arme wurden geschwungen , Säbel sauseten , Helme prasselten , man schrie und heulete . Ich hieb wie rasend auf den Feind . Und abermals sahe ich Blutquellen herfürbrechen und manchen Getroffenen stürzen . Diesmal gewannen wir die Oberhand . Des Feindes Ordnung löste sich , und was nicht liegen blieb , retirierte zur Hohenpforte . » Gewonnen ! Gewonnen ! « Mit diesem Rufe spornten wir die Rosse zur Verfolgung , unsere Fußtruppen , so inzwischen ihre Musketen geladen hatten , kamen hinterdrein gerannt , wir Reiter machten ihnen eine Gasse , und sie brannten dem flüchtigen Feinde ihre Kugeln auf den Pelz , daß die Lappen flogen . Schon waren die Pappenheimischen Eindringlinge über den Oberwall zurück in die Faussebraye geworfen , und wir vermeinten , nun werde uns der völlige Sieg gelingen , als auf einmal eine furchtbare Salve groben Geschützes aus der Richtung des Krökentors in unsern Haufen schmetterte . Ich hörte , wie die Unseren auf dem Walle schrien und wimmerten , und dann rief eine Stimme : » Mit unserer eigenen Batterie erschießen uns die Hunde ! Auf ! Schmeißet sie hinunter ! « Drauf so gingen die Unseren mit Wutgebrüll vor . Wir Reiter wollten absitzen und gleichfalls auf den Wall eilen . Aber da kam Herr Uslar herangesprengt : » Her zu mir ! Vom Fischerufer kommen Kroaten ! Mir nach ! « Nun wendeten wir die Pferde und folgten dem Offizier . An der Ecke , wo eine Gasse zum Fischerufer hinunterführet , wimmelte es von Menschen . Bürger wollten hastig Ketten über die Gasse spannen . Doch der Oberste Falkenberg schrie : » Noch nicht ! Lasset unsere Reiter durch ! « Hierauf so schwenketen wir in die Gasse ein und sahen uns einem kroatischen Reitergeschwader gegenüber . Mit Karbinern schoß es nach den Fenstern , aus denen Steine und Balken geflogen kamen . » Auf und drein ! « rief Herr Falkenberg mit geschwungenem Schwerte , wir rasselten an den Feind und warfen ihn , daß er ausriß . Wir folgten ihm zum Fischerufer . Hier kamen Kroaten aus den Häusern , wo sie geplündert hatten . Wir hieben sie nieder . Doch da sahen wir , wie vom Rondel an der Elbe neue Kroaten geritten kamen ; der Wasserstand war also niedrig , daß die Pferde bei der Mauer waten konnten . Es half uns wenig , daß wir auf den Feind schoßen . Immer neue Schwadronen rückten heran , und weil alle ihre Feuerrohre geladen waren , verloren wir viel Leute und mußten weichen . Der nachrückende Feind kam in der engen Gasse nicht weit . Denn gleich hinter uns hatten die Bürger Ketten gespannt und ihre Häuser zu Festungen umgewandelt . Aber nun flammte eine neue Feuersbrunst auf . Der Feind warf Pechkränze in die Häuser , um durch Brand die Verteidiger auszutreiben . Wir hielten an der Ecke der Lakenmacherstraße , als auf einmal von der Hohenpforte her eine wilde Flucht der Unseren kam . Gleich hinterher wurden feindliche Harnischreiter sichtbar , und Rufe des Entsetzens gingen durch unsere Reihen : » Jesus ! Sie haben die Hohepforte ! Nun kommt die ganze Armada ! « Aber Falkenberg schwang sein blutig Heldenschwert mit dem Rufe : » Wer rettet die Stadt ? « Und allsogleich rannten wir wütend den Feind an . Gleich beim Anprall erlegte ich mit dem Pistol einen Gegner . Doch brach mein Pferd zusammen , und ich stürzte mit dem Kopfe wider einen Prellstein der Straße , daß mir die Sinne schwanden . Als ich wieder zu mir kam und mich verwundert aufrichtete , war die Straße ringsum besäet mit Toten und stöhnenden , zuckenden Verwundeten . Ich betastete meinen Kopf , er schmerzte und blutete , doch fand ich keinen Bruch am Schädel . Nun riß mich die Kriegsfuria aufs neue in den Kampf . Ich sprang auf und lud meinen Karbiner . Da flüchteten etliche unserer Reiterei an mir vorüber , und siehe , einer war der Herr Administrator des Erzstiftes Magdeburg . Doch gleich hinter ihm drein sprengten fünf feindliche Panzerreiter , von denen einer kostbare Federn auf dem Helme trug . Dieser Ritter verlegte dem Administrator den Weg und rief gebieterisch : » Ergebet Euch ! Ihr sollet Quartier haben ! « Da hielt der Administrator sein Pferd an , steckte sein Schwert in die Scheide und gab sich gefangen . Ich legte auf den Ritter an und wollte eben losbrennen , als plötzlich eine weibliche Stimme » Johannes « schrie . Es war die Jungfer Gräfin , meine Thekla , als ein Mann gekleidet , mit Blute bespritzt , ein Schwert in der Rechten , ein Pistol in der Linken . » Zu Hilfe , Johannes ! « rief sie und lief zu einer kämpfenden Gruppe . Ich folgte und sahe den Obersten Falkenberg , der vor sich auf dem Rosse einen ohnmächtigen Verwundeten hielt und an drei Harnischreiter , so ihn umzingelten , Schwerthiebe austeilte . Den wildesten Gegner des Obersten traf mein Karbinerschuß . Des andern Roß brach unter dem Schwertstich der Jungfer Thekla zusammen . Da brannte der dritte sein Feuerrohr auf den Obersten ab , stürzte aber gleich darauf , getroffen von einem Beilhiebe des Rottmeisters Hans Herkel , jenes Propheten , so gerufen hatte : » Meine Seele sterbe mit den Philistern ! « Der Oberste Falkenberg ließ sein Schwert fallen , griff sich nach der Brust und sank nach vorne über den Menschenkörper , der noch immer vor ihm lag . Ich nahm des Obersten Linke , während Hans Herkel auf der andern Seite des Rosses die Rechte ergriff , Thekla hielt des Rosses Zügel - und so führten wir den verwundeten Obersten aus dem Kampfgetümmel . Unweit war der Jakobikirchhof . Dorthinein zu den grünen Grabhügeln ging unser Zug . Bei der Wohnung des Totengräbers war ein Brunnen und eine Bütte mit Wasser . Ein unmündig Mägdlein , des Totengräbers Kind , stund dabei und staunete uns an . Hier machten wir Halt , ich und Hans Herkel ließen den Obersten vom Roß in unsere Arme gleiten und legten ihn an einen grünen Grabhügel , das Haupt zwischen Stiefmütterchen und Narzissen gebettet . Jungfer Thekla hielt indessen den andern Körper , den das Roß getragen und der noch immer querüber lag , bei den Schultern und schaute schluchzend in das bleiche Angesicht . Und siehe , dies Angesicht gehörte der Frau Falkenbergin . Gleich Thekla hatte sich die edle Frau in Mannesgewand getan und als ein Krieger in den Kampf gestürzt , an ihres Gatten Seite zu fallen . Als wir sie neben den Obersten betteten , spürten wir , daß sie tot war . Falkenberg drehte seinen Kopf zur Gattin , und ihre Hand legte ich in die seine . Er dankte mir mit einem Blicke und schaute mit wehmütiger Liebe nach seiner entseelten Frau . Hans Herkel und ich stunden schweigsam dabei . Das Knattern und Donnern der Schlacht scholl herüber . Auf einmal aber ertönte aus dem nahen Blütenbusche das Flöten einer Nachtigall , so süß , als sei in Todes Arm die holdeste Hochzeit . Zugleich hörte ich des Totengräbers Kindlein jauchzen . Mit seinen Händlein plätscherte es in der Wasserbütte und freute sich der glänzenden Wellen und sprühenden Tropfen . Da ging ich hin , schöpfte meinen Hut voll Wasser und gab dem Obersten zu trinken . Thekla wusch das Angesicht ihrer verblichenen Schwester und weinte heiße Zähren . Hans Herkel hatte des Obersten Koller aufgetan und suchte das Blut der Brustwunde zu stillen . Stöhnend richtete sich der Oberste auf . Da fielen Ascheflocken aus der Luft bei uns nieder , und gen Himmel richtete der Sterbende sein Auge groß und gierig . Droben flogen Rauchwolken und Funken . » Herkel ! « - stieß er mühsam herfür - » es ist Zeit - ans Werk ! Er hat das Zeughaus übernommen . « Ein heiser Schluchzen brach aus Hans Herkels Brust ; dann rief er wild : » Ich tu ' s ! « und rannte spornstreichs fort . Mit einem Lächeln des Triumphes sank der Oberste zurück in die Blumen . Dann sah er milden Auges abwechselnd mich und Thekla an . » Tielsch , « - hauchte er - » rette Er die Jungfer - in die Kirche - schnell fort ! « Keuchend rang des Helden Brust , ein Blutstrom brach aus seinem Munde , er röchelte - und verschied . Thekla schrie auf , warf sich zu den Toten auf den Boden und umschlang ihre Schwester schluchzend . Dann küßte sie des Obersten Hand . » Mein gnädig Fräulein « , mahnte ich . Da sie aber nicht hörte und von neuem aufschrie , so ergriff ich ihre Hand , hub die Jungfer empor und sprach : » Bitt Euch , gnädig Fräulein ! Wollet doch den letzten Willen des Toten erfüllen und eilends mit mir gehen . Oder möchtet Ihr in Feindes Hand fallen ? « Sie starrte mich tränenvollen Auges an , besann sich und sprach : » Ja doch , Johannes ! Ich komme allbereits . « Nun eilten wir über die Gräber zur Pforte der Jakobikirche . Ich pochte heftig und rief : » Machet doch auf ! Wir sind Magdeburger ! « Doch verschlossen blieb die Pforte . Hierauf verließen wir eilends den Kirchhof und liefen die Blaue Beilstraße entlang , die von Menschen ganz leer war , da sich alles in die Häuser verkrochen hatte . Als wir auf den Breiten Weg kamen , rannten Bürger , jammernde Weiber und Kinder an uns vorüber , nach links , während rechts vom Krökentore her ein feindlich Reitergeschwader anrückte mit Heerpauken und Drommeten . Wie eine blökende Schafherde vor dem Wolfe flüchtete das arme Stadtvolk . Ich hielt der Jungfer Hand und riß sie mit mir fort . Hinter uns krachte eine Salve , und etliche Leute wälzten sich im Blute . Wir waren heil geblieben und bogen um die nächste Straßenecke . » Zur Johanniskirche ! « rief ich , hoffend , dorten vielleicht Einlaß zu finden . Und wir rannten durch die Gassen . An der Ecke der Marktstraße aber hatte Thekla derart den Odem verloren , daß sie nicht weiter konnte und stehen blieb . Es war gerade bei einer Gruppe jammernder Menschen . Es stund allda ein Prädikant , angetan mit seines Amtes Tracht , die Heilige Schrift mit der Linken an seine Brust gedrückt . Um ihn herum zitterten etliche bange Herzen von Jungfrauen und älteren Weibsbildern . Das war ein Weinen und Händeringen : » Was sollen wir denn tun ? Was tun ? « Der bleiche Prädikant aber erhub nur immer die Rechte und sprach : » Gott allein weiß das ! Gott allein ! « Da packte mich die Jungfer Gräfin am Arm und schrie , die Augen wild aufgerissen : » Bring Er mich um , Johannes ! Tu Er mir die einzige Liebe ! Die Kroaten kriegen mich sonst ! Schieß Er mich tot ! auf der Stelle ! « Und sie reichte mir ihr Pistol . Ich riß es aus ihrer Hand , steckte es in meinen Koller und sprach : » Ja doch , mein gnädig Fräulein ! Lebendig soll Euch der Feind nicht kriegen - das gelobe ich ! Aber noch ist es nicht Zeit zum verzweifeln . Erst such ich , Euch zu retten ! So gebeut unseres teuren Obersten letzter Wille . Wollet ihn , mein Fräulein , doch respektieren ! « » Nun gut ! « entgegnete sie . » Johannes ! Geb Er mir das Pistol zurück . Ich folge Ihm ! Doch unser Plan ist schlecht . Bedenk Er nur : So es uns wirklich sollte gelingen , in die Johanniskirche hineinzukommen , was hilft uns das ? Der Feind wird die Pforten sprengen oder zu den Fenstern eindringen . Er verschonet die Kirche nicht , für ihn ist sie ein Ketzertempel . « Daß dieser Einwand richtig sei , leuchtete mir ein . Ich sah im Geiste das Innere der Johanniskirche , sah die hineingeflüchtete Menschenmenge , wie sie teils betete , teils zwischen den Säulen herumirrte und nach einem Verstecke suchte . Versteck ! Ja , wenn ich einen Versteck fände ! Einen unterirdischen ! » Gott sei gedankt ! « rief ich . » Ich weiß Rat ! Aus dem Keller des Predigerhauses führet ein unterirdischer Gang in die Johanniskirche und von dorten nach Kloster Berge . In den wollen wir eindringen ! « Und wieder ergriff ich des Fräuleins Hand und riß sie mit mir . Da wir zur Johanniskirche kamen , hörten wir , wie die Pforte von innen vernagelt und verrammelt ward . Wir liefen um die Sakristei herum , und da stund nun das traute Haus , allwo ich als Knabe mit den Eltern gewohnet . Doch die Haustür war verschlossen , und die Eisengitter vor den Fenstern hinderten das Hineinsteigen . Ich pochte heftig und rief : » Machet doch auf ! Wir gehören ja zu euch ! Sind evangelisch ! Ich bin allhie geboren - bin des ehemaligen Prädikanten Tielsch sein Sohn - jetzo schwedischer Korporal ! Machet auf ! Wir wollen euch ja helfen ! Wir wissen Rettung . Ei , so machet doch endlich auf ! « Vergebens ! Indessen blickte aus einem Fenster des Nachbarhauses ein Weibsbild und sagte : » Ach , ihr Soldaten ! Seid ihr wirklich Freunde ? « » Ja doch ! « entgegnete ich . » Und damit Sie erkennet , daß ich die Wahrheit rede , so sag ich : Mein Quartier ist auf dem Ringe beim Kaufmann Schmidt ; Sie kennt wohl seine Mutter , die alte Schmidtin . Und nebenan logieret - ach Gott , nein - hat logieret der Herr Oberste Falkenberg - Gott mache den Helden selig ! Und ich - bin ein Magdeburger Kind , vor 27 Jahren hier nebenan im Predigerhause geboren . « » Ich mache schon auf ! « rief das Weibsbild und verschwand . Gleich darauf wurde die Haustür aufgetan . Das Weibsbild , eine Hausmagd , Trude mit Namen , war ganz allein , sintemalen der Hausherr benebst Weib und Kindern in die Johanniskirche sich geflüchtet . Schon wollte die Magd die Haustüre hinter uns verschließen , als mir eine Kriegslist beifiel , den Feind zu täuschen , so jede Minute erscheinen konnte . » Höret mich an ! « sagte ich . » Ich weiß einen Rat ! Wir wollen dies Haus also zurichten , als ob die kroatischen Mausköpfe schon hieselbst gewesen wären . Vielleicht daß die Plünderer alsodann vorübergehen , weil sie denken : da ist nichts mehr zu holen . Trude , bringe Sie mir eine Axt . « Zur Jungfer Gräfin aber sprach ich : » Mein lieber Jaroslaus - so muß ich Euch nun wieder heißen - nimm den Säbel und schlitze die Betten auf - Stroh und Federn sollen verstreut werden . « Da Trude die Axt gebracht , gab ich ihr fürder auf , in den Hausflur einen