die ihn geboren ; jener andern galt das Wort , die noch nicht Mutter war und die es in wenigen Monaten werden sollte ... eines Kindes Mutter , von dem er der Vater war . Und nun klang das Wort plötzlich , als tönte etwas nie Gehörtes , nie Verstandenes , als schwängen geheimnisvoll singende Glocken in Zukunftsferne mit . Und Georg schämte sich , daß er allein hier herauf gekommen war , sich gleichsam hergestohlen hatte . Nun durfte er Anna nicht einmal erzählen , daß er hier gewesen . Am nächsten Morgen fuhren sie nach Rom . Und während Georg von Tag zu Tag sich heimischer , genußfähiger , frischer fühlte , begann Anna immer häufiger an schwerer Müdigkeit zu leiden . Oft blieb sie allein im Hotel zurück , während er in den Straßen herumschweifte , den Vatikan durchwanderte , auf Forum und Palatin sich erging . Sie hielt ihn nie zurück , aber doch fühlte er sich bemüßigt , sie zu trösten , ehe er fort ging , und pflegte zu sagen : » Nun , das sparst du dir für ein anderes Mal auf , hoffentlich kommen wir bald wieder her . « Da lächelte sie in ihrer verschmitzten Art , als zweifelte sie gar nicht mehr daran , daß sie einmal seine Frau sein würde ; und er selbst mußte sich gestehen , daß er diesen Ausgang nicht mehr für unmöglich hielt . Denn daß sie in diesem Herbst auseinandergehen sollten , mit einem Abschied für immer , das war ihm allmählich fast unfaßbar geworden . Doch sprachen sie in dieser Zeit nie mit klaren Worten von einer ferneren Zukunft . Er hatte Scheu davor und sie fühlte , daß sie gut daran täte , diese Scheu nicht aufzustören . Und gerade während dieser römischen Tage , in denen er oft stundenlang allein in der fremden Stadt umherspazierte , fühlte er , wie er Anna zuweilen in einer ihm nicht unangenehmen Weise entglitt . Eines Abends war er bis zur anbrechenden Dunkelheit zwischen den Trümmern der Kaiserpaläste umhergewandert , und von der Höhe des palatinischen Hügels , mit dem stolzen Entzücken des Einsamen , hatte er die Sonne in der Campagna versinken sehen . Dann hatte er sich eine Weile spazieren fahren lassen , längs der antiken Stadtmauer auf den Monte Pincio , und als er in seiner Wagenecke lehnend , über die Dächer hinweg den Blick zur Peterskuppel schweifen ließ , glaubte er , tief ergriffen , nun die erhabenste Stunde dieser ganzen Reise zu erleben . Erst spät kam er ins Hotel zurück , fand Anna am Fenster stehen , verweint , blaß , mit roten Flecken auf den gedunsenen Wangen . Seit zwei Stunden verging sie vor Angst , hatte sich eingebildet , daß er verunglückt , überfallen , umgebracht worden sei . Er beruhigte sie , fand aber nicht die herzlichen Worte , nach denen sie verlangte , da er sich in unwürdiger Weise gebunden und unfrei vorkam . Sie fühlte seine Kälte , gab ihm zu verstehen , daß er sie nicht genug liebte ; er antwortete gereizt , beinahe verzweifelt ; sie nannte ihn gefühllos und egoistisch . Er biß die Lippen zusammen , erwiderte nichts mehr und ging im Zimmer hin und her . Unversöhnt begaben sie sich in den Speisesaal , wo sie schweigend ihr Mahl einnahmen , und gingen zu Bette , ohne einander » Gute Nacht « zu sagen . Die nächsten Tage standen unter dem Schatten dieses Auftritts . Erst auf der Reise nach Neapel , allein im Kupee , in der Freude an der neuen Landschaft , durch die sie flogen , fanden sie einander wieder . Von nun an verließ er sie beinahe keinen Augenblick mehr , sie schien ihm hilflos und ein wenig rührend . Auf den Besuch der Museen verzichtete er , da sie ihn nicht begleiten konnte . Sie fuhren zusammen auf dem Posilipp und in der Villa Nationale spazieren . Auf der Wanderung durch Pompeji ging er , ein zärtlich geduldiger Ehemann , neben ihrem Tragsessel einher , und während der Führer in schlechtem Französisch seine Erklärungen vortrug , nahm Georg Annas Hand , küßte sie und versuchte mit begeisterten Worten sie an dem Entzücken teilnehmen zu lassen , das er selbst auch diesmal in der geheimnisvollen , dächerlosen Stadt empfand , die nach zweitausendjähriger Versunkenheit allmählich Straße für Straße , Haus für Haus dem unveränderlichen Lichte dieses blauen Himmels entgegenrückte . Und als sie an einer Stelle Halt machten , wo eben einige Arbeiter beschäftigt waren , mit vorsichtigen Schaufelschlägen eine gebrochene Säule aus der Asche hervorzutreiben , wies er Anna mit so leuchtenden Augen darauf hin , als wäre dieser Anblick ein Geschenk , das er ihr seit langem zugedacht , und als hätte er mit allem , was bisher geschehen , nur den Zweck verfolgt , sie in dieser Minute an diese Stelle hinzuführen und dieses Wunder schauen zu lassen . In einer dunkelblauen Maiennacht lagen sie in zwei Segeltuchstühlen auf dem Verdeck des Schiffes , das sie nach Genua führte . Ein alter Franzose mit hellen Augen , der bei der Abendmahlzeit ihr Gegenüber gewesen war , blieb eine Weile neben ihnen stehen und machte sie auf die Sterne aufmerksam , die wie schwere silberne Tropfen im Unendlichen hingen . Einzelne nannte er mit Namen , höflich und verbindlich , als fühle er sich gedrungen , die funkelnden Himmelswanderer und das junge Ehepaar miteinander bekannt zu machen . Dann empfahl er sich und stieg in seine Kajüte hinunter . Georg aber dachte an seine einsame Fahrt auf gleichem Wege unter gleichem Himmel im vorigen Frühjahr , nach seinem Abschied von Grace . Von ihr hatte er Anna erzählt , nicht so sehr aus einem innern Bedürfnis , als um durch das Lebendigmachen einer bestimmten Gestalt und Nennung eines bestimmten Namens seine Vergangenheit von dem rätselhaft Unheimlichen zu befreien , in dem sie sich für Anna manchmal zu verlieren schien . Anna wußte von Labinskis Tod , von Georgs Gespräch mit Grace an Labinskis Grab , von Georgs Aufenthalt mit ihr in Sizilien , sogar ein Bild von Grace hatte er ihr gezeigt . Und doch , mit leichtem Schauer gestand er sich ein , wie wenig Anna selbst von dieser Epoche seines Daseins wußte , über die er sich beinahe rückhaltslos mit ihr ausgesprochen hatte ; und er empfand , wie unmöglich es war , einem andern Wesen von einer Zeit , die es nicht miterlebt hatte , von dem Inhalt so vieler Tage und Nächte einen Begriff zu geben , deren jede Minute von Gegenwart erfüllt gewesen war . Er erkannte , wie wenig die kleinen Unaufrichtigkeiten , die er sich in seinen Erzählungen manchmal zuschulden kommen ließ , bedeuten mochten gegenüber dem unvertilgbaren Hauch der Lüge , den jede Erinnerung aus sich selbst gebiert , auf dem kurzen Weg von den Lippen des einen zu dem Ohr des andern . Und wenn Anna später einmal einem Freund , einem neuen Geliebten , so ehrlich , als sie nur vermochte , von der Zeit berichten wollte , die sie mit Georg verbracht , was konnte der am Ende erfahren ? Nicht viel mehr als eine Geschichte , wie er sie hundertmal in Büchern gelesen : von einem jungen Geschöpf , das einen jungen Mann geliebt hatte , mit ihm herumgereist war , Wonnen empfunden und zuweilen Langeweile , sich mit ihm vereint gefühlt hatte und manchmal doch einsam ; und selbst wenn sie versucht hätte , von jeder Minute Rechenschaft abzulegen ... es blieb doch ein unwiderbringlich Vergangenes , und für den , der es nicht selbst erlebt hatte , konnte Vergangenes nie Wahrheit werden . Die Sterne glitzerten über ihnen . Annas Kopf war langsam an seine Brust gesunken , und er stützte ihn sanft mit den Händen . Nur das leise Rauschen in der Tiefe verriet , daß das Schiff sich weiterbewegte . Nun ging es immer dem Morgen entgegen , der Heimat , der Zukunft . Zu klingen und zu kreisen begann die Zeit , die so lang stumm über ihnen geruht . Georg fühlte plötzlich , daß er sein Schicksal nicht mehr in der Hand hatte . Alles ging seinen Lauf . Und nun spürte ers durch den ganzen Körper gleichsam bis in die Haare , daß das Schiff unter seinen Füßen unaufhaltsam vorwärts eilte . In Genua blieben sie nur einen Tag . Beide sehnten sich nach Ruhe , Georg überdies auch nach seiner Arbeit . Nur noch ein paar Wochen wollten sie an einem italienischen See verweilen , und Mitte Juni nach Hause fahren . Bis dahin war wohl auch das Haus bereit , in dem Anna wohnen sollte . Frau Golowski hatte ein halbes Dutzend passende entdeckt , genaue Berichte an Anna gesandt , wartete auf die Entscheidung , suchte aber für alle Fälle noch weiter . Von Genua reisten sie nach Mailand , doch ertrugen sie das laute Leben der Stadt nicht mehr , und schon am nächsten Tag fuhren sie nach Lugano . Hier waren sie nun vier Wochen lang . Und Morgen für Morgen ging Georg den Weg , der ihn auch heute das heitere Ufer entlang , über Paradiso hinaus , an die Straßenbiegung zu einer immer neu ersehnten Aussicht führte . Nur noch wenige Tage des Aufenthalts standen bevor . So vortrefflich sich das Befinden Annas von Anfang an verhalten hatte , es war an der Zeit , die Nähe Wiens aufzusuchen , um allen Zufällen ruhig entgegensehen zu können . Die Tage in Lugano erschienen Georg als die besten , die er seit seiner Abfahrt aus Wien erlebt hatte . Und er fragte sich in manchem schönen Augenblick , ob es nicht vielleicht die beste Zeit seines ganzen Lebens wäre , die er hier verbrachte . Nie hatte er sich so wunschlos , in Voraussicht und Erinnerung so beruhigt gefühlt als hier , und mit Freude sah er , daß auch Anna vollkommen glücklich war . Erwartungsvolle Milde glänzte auf ihrer Stirn , ihre Augen blickten heiter und klug , wie in der Zeit , da Georg um ihren Besitz geworben . Ohne Unruhe , ohne Ungeduld , und , im Gefühl ihrer aufblühenden Mütterlichkeit weit hinausgetragen über die Erinnerung an heimatliche Vorurteile und über die Besorgnis vor künftigen Wirrnissen , sah sie der hohen Stunde beglückt entgegen , da sie dem wartenden Dasein als ein beseeltes Wesen wiedergeben sollte , was ihr Leib in einem halb unbewußten Augenblick der Wonne eingetrunken hatte . Freudig sah Georg in ihr die Gefährtin heranreifen , die er von Beginn an in ihr zu finden gehofft hatte , die ihm aber im Laufe der Tage manchmal entschwunden war . In Gesprächen über seine Arbeiten , die sie alle sorgfältig durchgesehen , über das Wesen des Gesangs , über allgemeinere musikalische Fragen , erschloß sie ihm mehr Wissen und Gefühl , als er je in ihr geahnt hatte . Ihm selbst , ohne daß er vieles niederschrieb , war zumute , als schritte er innerlich vorwärts . Melodien klangen in ihm , Harmonien kündigten sich an , und mit tiefem Verstehen erinnerte er sich einer Bemerkung Felicians , der einmal , nachdem er monatelang die Klinge nicht geübt , gesagt hatte : sein Arm wäre während dieser Zeit auf gute Gedanken gekommen . So erregte ihm auch die Zukunft keinerlei Sorgen . Er wußte , sobald er nach Wien kam , würde die ernste Arbeit beginnen , und dann lag in freier Aussicht sein Weg vor ihm . Längst stand Georg an der Straßenbiegung , der seine Schritte zugestrebt hatten . Eine kurze , breite Landzunge , von niederm Gesträuch dicht bewachsen , streckte sich von hier aus in den See , und leicht sich senkend führte ein schmaler Weg in wenig Schritten zu einer von der Straße aus unsichtbaren Holzbank , auf der Georg sich immer für eine kurze Weile niederzulassen pflegte , eh er ins Hotel zurückkehrte . Wie oft noch ! dachte er heute unwillkürlich . Fünf oder sechs Male vielleicht und dann zurück nach Wien . Und er fragte sich , was denn wohl geschähe , wenn sie nicht zurückkehrten , wenn sie sich irgendwo in Italien , oder in der Schweiz häuslich niederließen und mit dem Kind , im doppelten Frieden der Natur und der Ferne sich ein neues Leben aufbauten . Was geschähe ? ... Nichts . Kaum daß irgend jemand sich sonderlich wundern würde . Und vermissen , mit Schmerz vermissen , als unersetzlich , würde niemand weder ihn noch sie . In dieser Überlegung ward ihm eher leicht als traurig zumute ; nur verdroß es ihn , daß ihn manchmal doch eine Art Heimweh , ja sogar von Sehnsucht nach einzelnen Menschen überkam . Und auch jetzt , während er die Seeluft eintrank , sich von einem fremd-vertrauten Himmel überblauen ließ , das Vergnügen des Entrückt- und Alleinseins genoß , klopfte ihm das Herz , wenn er an die Wälder und Hügel um Wien , an die Ringstraße , den Klub , an sein großes Zimmer mit der Aussicht auf den Stadtpark dachte . Und es wäre ihm ein banges Gefühl gewesen , wenn sein Kind nicht in Wien zur Welt hätte kommen sollen . Plötzlich fiel ihm ein , daß ja heute wieder eine Nachricht von Frau Golowski da sein müsse , so wie manche andre Nachricht aus Wien , und so beschloß er noch vor der Rückkehr ins Hotel den Umweg über die Post zu nehmen . Denn , wie während der ganzen Reise , ließ er sich auch hier die Briefe nicht ins Hotel senden , weil er sich auf diese Weise freier gegenüber allen Zufälligkeiten fühlte , die von außen kommen mochten . Man schrieb ihm nicht eben viel aus Wien . Am meisten , bei aller Kürze , stand noch in den Briefen Heinrichs , was , wie Georg wohl fühlte , weniger einem besonderen Mitteilungsbedürfnis des Dichters zu danken war , als dem Umstand , daß es zu dessen Beruf gehörte , den Sätzen , die er schrieb , Lebenshauch einzuflößen . Die Briefe Felicians waren so kühl , als hätte er ganz jenes letzten innigeren Gespräch in Georgs Zimmer und des Bruderkusses vergessen , mit dem sie geschieden waren ... Er mochte wohl vermuten , dachte Georg , daß seine Briefe auch von Anna gelesen wurden , und sich nicht veranlaßt fühlen , diese fremde Dame in seine Privatverhältnisse und Privatgefühle Einblick nehmen zu lassen . Nürnberger hatte Georgs Kartengrüße ein paarmal kurz erwidert , und auf einen Brief aus Rom , in dem Georg herzlich der gemeinsamen Spaziergänge im Vorfrühling gedacht , hatte Nürnberger mit ironisch entschuldigenden Worten sein Bedauern ausgesprochen , daß er auf jenen Wanderungen Georg so viel von seinen eigenen Familienverhältnissen erzählt hatte , die den andern doch absolut nicht interessieren konnten . Vom alten Eißler war ein Brief nach Neapel gelangt , der berichtete , daß eine Vakanz an der Detmolder Hofbühne im nächsten Jahre wohl nicht vorauszusehen , daß Georg aber durch den Grafen Malnitz eingeladen wäre , als erwünschter Gast den Proben und Vorstellungen anzuwohnen , bei welcher Gelegenheit sich vielleicht ein näheres Verhältnis für die Zukunft anbahnen ließe . Georg hatte höflich gedankt , war aber vorläufig wenig geneigt , auf eine so vage Aussicht hin in der fremden Stadt längern Aufenthalt zu nehmen , und entschlossen gleich nach seinem Eintreffen in Wien sich nach einer sichern Stellung umzusehen . Sonst klang persönlich zu ihm aus der Heimat nichts herüber . Die ihm zugedachten Grüße , die Frau Rosner sich verpflichtet fühlte , den Briefen an die Tochter beizufügen , drangen nicht an sein Herz , trotzdem sie in der letzten Zeit nicht mehr an den » Herrn Baron « , sondern an » Georg « gerichtet waren . Er fühlte ja doch , daß die Eltern Annas einfach hinnahmen , was sie nicht ändern konnten , daß sie aber im Innersten gedrückt und ohne die wünschenswerte Einsicht geblieben waren . Wie gewöhnlich nahm Georg den Rückweg nicht das Ufer entlang . Durch enge Gassen , zwischen Gartenmauern , dann unter Bogengängen , endlich über einen großen Platz , von wo der Blick auf den See wieder frei war , gelangte er vor das Postgebäude , dessen hellgelber Anstrich die Sonne blendend widerstrahlte . Eine junge Dame , die Georg schon von weitem auf dem Trottoir auf- und abgehen gesehen hatte , blieb stehen , als er näher kam . Sie war weiß gekleidet und trug einen weißen Sonnenschirm aufgespannt über einem breiten Strohhut mit rotem Band . Wie Georg schon ganz nahe war , lächelte sie , und nun sah er mit einem Mal ein wohlbekanntes Gesicht unter dem weißen , getupften Tüllschleier . » Ist es möglich , Fräulein Therese « , rief er aus und nahm die Hand , die sie ihm entgegenstreckte . » Grüß Sie Gott Baron « , erwiderte sie harmlos , als wäre diese Begegnung das selbstverständlichste von der Welt . » Wie geht ' s der Anna ? « » Danke , sehr gut . Sie werden sie doch jedenfalls besuchen ? « » Wenn ' s erlaubt ist . « » Jetzt aber sagen Sie mir nur , wie kommen Sie hierher ! Sind Sie am Ende ... « und er ließ seinen Blick erstaunt über ihre ganze Erscheinung gleiten , » auf einer Agitationsreise ? « » Das kann man eigentlich nicht sagen « , erwiderte sie und schob ihr Kinn vor , ohne daß diese Bewegung diesmal , wie sonst , ihr Antlitz verhäßlicht hätte . » Es ist eher ein Ferienausflug . « Und ihr Gesicht glänzte vor innerm Lachen , als sie Georgs Blick auf das Tor gerichtet sah , aus dem eben , in weißschwarz gestreiftem Flanellanzug , Demeter Stanzides hervortrat . Er lüftete den weichen , grauen Hut zum Gruß und reichte Georg die Hand . » Guten Morgen Baron , es freut mich Sie wiederzusehen . « » Auch ich freu mich sehr , Herr Stanzides . « » Kein Brief für mich ? « wandte sich Therese an Demeter . » Nein Therese , nur für mich ein paar Karten « , und er steckte sie in die Tasche . » Seit wann sind Sie denn hier ? « fragte Georg und versuchte sich möglichst wenig überrascht zu zeigen . » Gestern Abend sind wir angekommen « , entgegnete Demeter . » Direkt aus Wien ? « fragte Georg . » Nein , aus Mailand . Wir sind schon acht Tage auf Reisen . « » Zuerst waren wir in Venedig , wie es üblich ist « , ergänzte Therese , zupfte lächelnd an ihrem Schleier und hing sich an Demeters Arm . » Sie sind ja viel länger fort « , sagte Demeter , » eine Karte von Ihnen sah ich vor ein paar Wochen bei Ehrenbergs . Haus der Vettier , Pompeji . « » Ja , ich hab eine wunderbare Reise hinter mir . « » Nun wollen wir uns ein wenig im Ort umsehen « , sagte Therese , » und im übrigen den Baron nicht weiter aufhalten , der sich jedenfalls Briefe abholen will . « » O das eilt nicht . Und wir sehen uns doch jedenfalls wieder ? « » Wollen Sie uns nicht das Vergnügen machen , Baron « , sagte Demeter , » heute im Europe , wo wir abgestiegen sind , mit uns zu lunchen ? « » Danke sehr , es geht leider nicht . Aber ... aber vielleicht paßt es Ihnen mit ... mit ... uns im Parkhotel zu dinieren , ja ? Um halb sieben , wenn ' s Ihnen recht ist . Ich lasse im Garten decken unter einem wunderschönen Platanenbaum , wo wir gewöhnlich speisen . « » Ja « , sagte Therese , » wir nehmen dankend an . Ich komme vielleicht schon eine Stunde früher , um mit Anna in Ruhe zu plaudern . « » Schön « , erwiderte Georg , » sie wird sich sehr freuen . « » Also auf Wiedersehen , Baron « , sagte Demeter , und indem er seine Hand herzlich drückte , fügte er hinzu : » Bitte meinen Handkuß zu Hause . « Therese winkte Georg vergnügt mit den Augen zu , dann schlug sie mit Demeter den Weg zum Ufer ein . Georg schaute ihnen nach . Hätt ich sie nicht gekannt , dachte er , Demeter hätte sie mir ohne weiteres als seine Gattin , geborene Prinzessin X. vorstellen können . Wie merkwürdig ! diese zwei ! ... Dann trat er in die Halle , ließ sich am Schalter seine Sendung geben und sah sie flüchtig durch . Das erste , was ihm in die Augen fiel , war eine Karte von Leo Golowski . Es stand nichts drauf als : » Lassen Sie sich ' s wohl ergehen , lieber Georg . « Dann war eine Karte da aus dem Waldsteingarten im Prater . » Haben soeben auf den verehrten Ausreißer unsre Gläser geleert . Guido Schönstein , Ralph Skelton , die Rattenmamsell . « Die Briefe von Felician , Frau Rosner , Heinrich wollte Georg erst zu Hause mit Anna zusammen in Ruhe lesen . Auch drängte es ihn , die Neuigkeit von der Ankunft des sonderbaren Paares Anna mitzuteilen . Er war nicht ganz ohne Unruhe . Denn Annas bürgerliche Instinkte wachten zuweilen in ganz unerwarteter Weise wieder auf . Jedenfalls beschloß Georg , ihr seine Einladung an Demeter und Therese als etwas vollkommen Selbstverständliches mitzuteilen und war bereit für den Fall , daß sie der Sache gekränkt , geärgert oder auch nur unsicher gegenüberstände , eine solche Auffassung mit Entschiedenheit abzulehnen . Er selbst freute sich auf den Abend , der ihm bevorstand , nach den vielen Wochen , die er ausschließlich in Annas Gesellschaft verbracht hatte . Beinahe spürte er ein wenig Neid auf Demeter , der sich nun auf einer so sorgenlosen Vergnügungsreise befand , in der Art wie er selbst sie im vorigen Jahr mit Grace gemacht hatte . Dazu kam , daß ihm Therese besser gefallen hatte als je . So vielen schönen Frauen er im Laufe der letzten Monate begegnet war , noch niemals , trotzdem Anna an weiblicher Anmut immer mehr verlor , war er in ernste Versuchung geraten . Heute zum erstenmal wieder fühlte er Sehnsucht nach neuen Umarmungen . Bald sah er durch die Gitterstäbe des Balkons das hellblaue Morgenkleid Annas schimmern . Georg pfiff , nach gewohnter Art sich anzukündigen , die ersten Takte der Beethovenschen fünften Symphonie , und gleich erschien über dem Geländer das blasse , sanfte Gesicht der Geliebten , und ihre großen Augen begrüßten ihn lächelnd . Er hielt das Päckchen Briefe in die Höhe , sie nickte befriedigt , dann eilte er rasch hinauf in ihr Zimmer auf den Balkon . Sie lehnte in einem Strohsessel vor dem Tischchen mit der grünlichen Schutzdecke , auf dem sie eine Handarbeit liegen hatte , so wie es beinahe immer der Fall war , wenn Georg von seinem Morgenspaziergang nach Hause kam . Er küßte sie auf die Stirn und auf den Mund . » Also was glaubst du , wem ich begegnet bin ? « fragte er hastig . » Else Ehrenberg « , antwortete Anna , ohne Besinnen . » Wie kommst du drauf ? Wie sollte die hierher geraten ? « » Nun « , sagte Anna pfiffig , » man könnte dir ja nachgereist sein . « » Man könnte , aber man ist es nicht . Also rat weiter . Dreimal darfst du . « » Heinrich Bermann . « » Aber keine Idee . Von dem ist übrigens ein Brief da . Also weiter . « Sie dachte nach . » Demeter Stanzides « , sagte sie dann . » Wie , weißt du am Ende etwas ? « » Was soll ich denn wissen ? Ist er wirklich da ? « » Donnerwetter du wirst ja ganz rot , o ! « Er kannte ihre Schwärmerei für Demeters melancholische Kavaliersschönheit , fühlte aber keine Spur von Eifersucht . » Also ist es Stanzides ? « fragte sie . » Ja , allerdings ist es Stanzides . « » Daran kann ich aber mit dem besten Willen nichts Merkwürdiges finden . « » Das ist auch nicht merkwürdig . Aber wenn du draufkommst , mit wem er da ist ... « » Mit Sissy Wyner . « » Aber ... « » Nun , ich dachte verheiratet ... das kommt ja auch vor . « » Nein , nicht mit Sissy und nicht verheiratet , sondern mit deiner Freundin Therese und so unvermählt als möglich . « » Na geh ... « » Wie ich dir sage , mit Therese . Seit acht Tagen sind sie auf Reisen . Was sagst du dazu ? In Venedig und Mailand waren sie . Hattest du eine Ahnung davon ? « » Nein . « » Wirklich nicht ? « » Wirklich nicht . Du weißt doch , daß mir Therese nur einmal flüchtig geschrieben hat , und du hast ja mit bekanntem Interesse ihren Brief gelesen . « » Du bist mir nicht genug erstaunt . « » Gott ich hab immer gewußt , daß sie einen guten Geschmack hat . « » Demeter auch « , rief Georg mit Überzeugung aus . » Wahlverwandtschaften « , bemerkte Anna mit hochgezogenen Brauen und häkelte weiter . » Und das ist nun die Mutter meines Kindes « , sagte Georg mit heiterm Kopfschütteln . Sie sah ihn lächelnd an . » Wann kommt sie denn zu mir ? « » Nachmittag so gegen sechs , denk ich . Und ... und Stanzides kommt auch ... etwas später . Sie werden mit uns speisen . Du hast doch nichts dagegen ? « » Dagegen ? Ich freu mich sehr « , erwiderte Anna einfach . Georg war angenehm berührt . Wenn Anna in ihrem Zustand Stanzides in Wien begegnet wäre ! ... dachte er . Wie doch das Entrücktsein aus der gewohnten Umgebung befreit und reinigt ! » Was haben sie denn Neues erzählt ? « fragte Anna . » Wir sind kaum drei Minuten zusammen gestanden , bei der Post . Er läßt dir übrigens die Hand küssen . « Anna antwortete nichts , und Georg schien es , als wandelten ihre Gedanken wieder auf sehr bürgerlichen Wegen . » Bist du schon lang aufgestanden ? fragte er rasch . » Ja , ich sitze schon eine ganze Weile da auf dem Balkon . Ich hab sogar ein bissel geschlummert , die Luft hat so was Ermattendes heute , und geträumt hab ich auch . « » Wovon hast du denn geträumt ? « » Vom Kind « , sagte sie . » Wieder ? « Sie nickte . » Ganz dasselbe wie neulich . Hier auf dem Balkon bin ich gesessen , auch im Traum , und hab ' s in meinem Arm gehabt , an der Brust ... « » Was war ' s denn ? Ein Bub oder ein Mädel ? « » Ich weiß nicht . Ein Kind halt . So klein und so süß . Und eine Wonne war das ... Nein , ich geb ' s nicht her « , sagte sie dann leise mit geschlossenen Augen . Er stand ans Geländer gelehnt und fühlte den leichten Mittagswind in seinen Haaren streichen . » Wenn du ' s nicht fortgeben willst « , sagte er , » so sollst du ' s auch nicht tun . « Und es fuhr ihm durch den Sinn : wär es nicht sogar das bequemste , wenn ich sie heiratete ? ... Aber irgend etwas hielt ihn zurück , es auszusprechen . Sie schwiegen beide . Er hatte die Briefe vor sich hin auf den Tisch gelegt . Nun nahm er sie und öffnete einen . » Sehen wir zuerst , was deine Mutter schreibt « , sagte er . Der Brief der Frau Rosner enthielt die Mitteilung , daß daheim alles wohl sei , daß man sich sehr freue , Anna bald wieder zu sehen , und daß Josef in der Administration des » Volksboten « mit fünfzig Gulden Monatsgehalt angestellt sei . Ferner wäre eine Anfrage von Frau Bittner eingelangt , wann Anna aus Dresden zurückkäme , und ob es überhaupt sicher wäre , daß sie im nächsten Herbst wieder da sei , weil man sich andernfalls doch nach einer neuen Lehrerin umsehen müßte ... Anna blieb regungslos und äußerte sich nicht . Dann las Georg Heinrichs Brief vor . Er lautete : » Lieber Georg , ich freue mich sehr , daß Sie so bald zurück sein werden , und schreib Ihnen das lieber heute , weil ich Ihnen ja doch , wenn Sie einmal da sind , nie sagen werde , wie sehr ich mich darüber freue . Vor ein paar Tagen an der Donau , auf einer abendlich einsamen Radpartie hab ich eine wahre Sehnsucht nach Ihnen bekommen . Was übrigens diese Ufer für einen unverwischbaren Duft von Einsamkeit haben ! Ich erinnere mich das schon vor fünf oder sechs Jahren einmal empfunden zu haben , an einem Sonntag , wie ich in , was man so nennt , lustiger Gesellschaft im Klosterneuburger Stiftskeller gesessen bin , in dem großen Garten , mit dem Blick auf die Berge und zu den Auen . Wie aus den Tiefen des Wassers kommt sie emporgestiegen , die Einsamkeit , die ja offenbar überhaupt etwas ganz anderes vorstellt , als man gewöhnlich meint . Keineswegs einen Gegensatz zur Geselligkeit . Ja vielleicht hat man nur unter Menschen das Recht , sich einsam zu fühlen . Nehmen Sie das als aphoristisch , lächerlich-unwahres Extrablättchen , oder legen Sie es auch als solches beiseite . Um wieder auf meine Donauuferfahrt zu kommen , gerade in jener etwas