» Ja ! « und schritt weiter . Manasse zäumte die Pferde wieder und fuhr hinter ihm her . Bald hatte er ihn eingeholt und begann seine Fragen von neuem : ob Russen in dieser Gegend seien ? Der Bauer schüttelte den Kopf - ob da drüben , von wo er herkäme , schon welche wären ? » Ja . « Nun peitschte der Alte die Pferde , und in kurzem sah er auch die Hütten eines Heidedörfchens vor sich . Gleich aus dem ersten Hause guckte ein alter Judenkopf nach den Ankömmlingen . Manasse hielt still , denn das war ihm ein Zeichen , daß er vor dem Wirtshause sei . Die meisten der polnischen Schenken sind im Besitz von Israeliten . Die Verwundeten wurden ins Haus gebracht . Das Zimmer begann sogleich an der Haustür , der Fußboden war ohne Dielen , ein großer Ofen stand in einer Ecke des weiten Raumes , und Feuer und Rauch drangen aus seinen vielen Ritzen . Dort legte Manasse seinen Sohn nieder , versorgte die Pferde , verschaffte sich warmes Wasser , zog ein chirurgisches Besteck unter dem seidenen Rocke hervor und kniete nun hin vor seinen Sohn , um die Wunde zu untersuchen . Aus den festen und sicheren Handgriffen konnte man schnell ersehen , daß er in dieser Beschäftigung vollkommen erfahren war . Als er die Wunde abgewaschen hatte , stöhnte er vor Schmerz , als säße die Kugel , welche er entdeckte , in seinem Fleische . Unterdes trat auch der Bauer ein , forderte ein Glas Schnaps und sah der Operation zu . Aufmerksam betrachtete er die Uniformen der Reisenden ; sie waren das erste , was seinen Indifferentismus zu stören schien . Zur Stärkung für die Verschmachtenden war nichts zu finden , als ein Glas Schnaps , ein Stück Brot und ein Töpfchen alter Kartoffeln , das Manasse ans Feuer setzte . 5. Die Operation war glücklich vollendet . Joel lag am Ofen und . war vom Schmerz erschöpft eingeschlafen . Manasse saß neben ihm an der Erde und bewachte aufmerksam seinen Schlummer . Er hatte noch immer keine Nahrung genossen und verlangte noch immer keine . Seine Augen ruhten nur auf den Zügen seines Sohnes . Es ward allmählich dunkel in dem Raume , und der schwarze , magere Alte mit der Habichtsnase , dem schwarzen Käppchen auf dem Haupte , glich in seiner zusammengekrümmten Stellung einem alten Raubvogel , welcher sein Junges hütet . Das unsicher flimmernde Licht aus den Ofenritzen erhöhte das Phantastische des Anblicks . Der Hauswirt , welcher öfter als nötig war an der Gruppe vorüberging , fragte endlich leise Valerius , ob der Schlafende ein Verwandter Manasses sei . Bei der Antwort schwieg er . Nach einer Weile trat er an den Alten hin und sagte leise : » Ist des Rabbi Manasse Fleisch ein Krieger unter den Nazarenern ? « » Sprich nichts Unnützes ! « erwiderte hastig ebenso leise der Alte , » bis dazu kommt die gelegene Zeit . « Der polnische Bauer hatte sich unterdessen an Valerius gemacht und ihm mitgeteilt , er wolle Soldat werden , ob ihm dieser nicht sagen könne , wo er polnische Truppen fände . Valerius erkundigte sich nach seinen näheren Umständen , und der Bauer gab ihm in wenig Worten Auskunft . Er heiße Thaddäus Magiak und sei drüben aus Wawre , wo die Russen stünden . Eigentlich habe er nicht viel Lust zum Kriege gehabt , als er aber die Russen gesehen habe , da sei ihm den Groll gekommen , und er sei zur Hintertür hinausgesprungen , um die Soldaten seiner Landsleute zu suchen . » Was soll ich auch daheim , « setzte er hinzu , » Arbeit gibt es während des Krieges nicht , der Herr ist fort , den Feinden mag ich keinen Handgriff tun , und die Russen hassen wir alle . Es sind mir viel Kameraden begegnet hier herüber , die auch davongegangen sind ; allein kommt aber jeder am besten durch - die Weichsel ist breit , und unsere Lanzen sind lang . Als die Moskowiter gestern zurückkamen , haben wir ' s wieder erfahren , - helft mir zu einer Lanze , Herr . « In diesem Augenblick stürzte der jüdische Wirt mit dem Geschrei in die Stube : » Die Russen ! die Russen ! Ich höre ihr Geschrei im Walde . « Im Nu hatte Manasse seinen Sohn auf den Armen und stürzte hinaus zum Wagen . Thaddäus war auch wie ein Blitz bei der Hand und zäumte den einen Gaul , der Alte schrie : » Genug , genug , « sprang auf den Wagen und wollte fort , eh ' Valerius noch eingestiegen war . Der flinke Bauer riß ihm aber die Zügel aus der Hand , stieß ihn rücklings in den Wagen sprang selbst hinauf , hob Valerius zu sich , entriß dem Alten die Peitsche und jagte in den Wald hinein . Hier hielt er still , zäumte rasch auch das andere Pferd , gab Valerius die Zügel , horchte einen Augenblick und sagte dann : » Der Jude hat nicht gelogen , das ist Kosakengeschrei . - Wohin willst du ? « fragte er den Alten kurz . Manasse nannte den Namen eines Städtchens , wo er zu Hause sei . » Wenn die Kosaken hier sind , « erwiderte Thaddäus , » so sind sie auch längst in Eurem Orte . « Manasse seufzte tief . Joel , der aufgewacht war , nannte das Schloß eines Grafen . » Ich weiß , « rief Thaddäus , und fort ging ' s im Galopp . Es war finster geworden , der neue Kutscher schien aber des Weges vollkommen sicher zu sein ; Valerius kroch aus Frost mit in den Wagen und sank in Schlaf . Als er wachte , war es schon heller Tag , und das Fuhrwerk stand still . Manasse und Joel waren schon abgestiegen , die Pferde waren ausgespannt und Thaddäus wartete seiner , am Kutschersitze stehend . Die vernachlässigte Wunde hatte sich gerächt und machte ihm große Schmerzen , ja , als er sich aufrichten wollte , verlor er das Bewußtsein . Da er wieder zu sich kam , fand er sich auf einem harten Bett in einem großen Gemache ; die Sonne schien hell durch schmutzige Fenster , von Möbel fiel ein glänzender Sekretär von Mahagoniholz in die Augen , daneben stand aber ein fichtener Schemel , und ein grober , gewöhnlicher Tisch war an das Bett geschoben . Die Decke , welche auf ihm lag , war von dunkelroter Seide und auf das sauberste gearbeitet . Man sah an allen Winkeln des Zimmers , daß es lange nicht bewohnt worden sei . Thaddäus stand neben dem Tische und sah mit fröhlichen Augen auf den sich bewegenden und ermunternden Kranken . Valerius blickte ihn lange an , der frische Polack mit dem roten , frischen Luftgesicht war ihm eine tüchtige Verheißung der Gesundheit . Thaddäus war auch wirklich ein Repräsentant jenes schlanken und doch fleischig und saftigen polnischen Nationalkörpers , an dessen Bewegungen man überall Kraft und Geschmeidigkeit erblickt . Er mochte sechsundzwanzig bis achtundzwanzig Jahre alt sein , das lichtbraune Haar hing ihm glatt geschnitten um den Kopf , die blaugrauen Augen sahen verschlagen unter langen Wimpern hervor , ein weicher Bart , der nie geschoren sein mochte , lag auf Lippen und Kinn , und der nackte Hals sah wetterhart aus dem schmutzigen Pelze . Er sprach nicht eher , als bis Valerius ihn fragte . Dann unterrichtete er ihn , soweit er es vermochte . Sie seien auf dem Schlosse eines reichen Grafen , welchem die ganze Umgegend zugehöre . Als man gehört , daß Valerius ein Freiwilliger aus Deutschland und bei Grochow verwundet sei , habe man ihn auf das bereitwilligste empfangen . Manasse habe ihn verbunden und sei alsdann nach seinem Städtchen gewandert , um seine Habseligkeiten zu schützen . Joel sei noch da , und könne schon am Stock umhergehen ; das ganze Haus lebe übrigens in großer Fröhlichkeit , weil nach allen Nachrichten und den Bewegungen der Russen kein Zweifel obwalte , daß die Schlacht bei Grochow von den Polen gewonnen worden . Er selbst - Thaddäus - sei zu Valerius ' Pflege dageblieben , weil die meisten männlichen Domestiken Soldaten geworden , und weil die Wunde des Herrn aus Deutschland nach Manasses Versicherung ihm bald gestatten würde , den Thaddäus mit nach Warschau zu nehmen . Valerius konnte bald das Bett verlassen , der Graf ließ sich entschuldigen , daß er dem Gast nicht aufwarte - das Podagra fessele ihn an sein Zimmer . Er eilte ans Fenster , um sich zu orientieren . Das Schloß schien ein großes Gebäude zu sein , es war aber offenbar schlecht erhalten , der Putz war an vielen Stellen abgefallen , die Stufen , welche zum Portal führten , waren schadhaft oder fehlten ganz , die Rinnen hingen zerstört von der Traufe , auch das Dach mußte schadhaft sein , denn im Zimmer des Valerius , das sich im zweiten Stock befand , war ein Teil der Decke so mit Feuchtigkeit angefüllt , daß er jeden Augenblick herunterzustürzen drohte . Die Aussicht vom Fenster führte auf den nahen Wald . Wirtschaftsgebäude und Scheuern lagen zerstreut umher und gewährten einen unerfreulichen Anblick . Sie waren nachlässig aus Lehm gebaut und mit Stroh gedeckt . Hie und da bemerkte man große Lücken in Dach und Mauern . Die dünne Schneelage , welche alles bedeckte , schmolz eben unter der hervortretenden Sonne , und das Ganze bekam ein schwarzes , unwirtliches Ansehen . Valerius stand mit untergeschlagenen Armen am Fenster , und ein tiefer Seufzer drang aus seinem Herzen . Er war aus Deutschland gekommen , um diesem tapferen Volke zur Erkämpfung der Freiheit seinen Arm zu leihen . Mut und Patriotismus ohnegleichen hatte er allerdings gefunden , sonst aber alles in traurigem Zustande . Hohe gesellige Kultur neben aller Vernachlässigung des häuslichen Lebensmaterials , Ehrgeiz ohne Maß und ohne Berücksichtigung der Allgemeinheit , keine Spur von deutscher Häbigkeit und Wohlfahrt . » Es ist ein ander Volk , ein ander Land , « sprach er oft zu sich , » du mußt dich einleben , es nicht nach andern Formen bemessen . « Aber froh wurde er doch nicht . Wir glauben es nicht , wieviel äußere Freiheit wir entbehren können für den zierlichen und behaglichen Herd , für die anregende und befriedigende Gesellschaft . So daß die gesellige Kultur oft mächtiger erscheint als der Drang nach Freiheit . Dies macht es auch allein erklärlich , wie ganze Völker ohne Klage in den erniedrigendsten Regierungsformen fortleben , ja sich befriedigt fühlen können . Die Behaglichkeit eines heimlichen , hergebrachten Zustandes ist die größte Macht des Bestehenden , da immer nur der kleinste Teil des Volkes von Ideen angeregt wird und aus dem warmen Bett in die kalte Luft hinausspringt . Joel kam herbeigehinkt und unterrichtete den Kranken über Personen , Eigentümlichkeit und Zusammenhang des Hauses . 6. Einige Tage darauf war Valerius so weit hergestellt , um der Familie des Hauses seine Aufwartung machen zu können . Er fand den Grafen in einem weiten , leeren Saale . Dort saß er auf einem Räderstuhle , große Jagdhunde lagen daneben , die Füße waren in weite Pelzstiefeln gehüllt , ein reicher Zobelpelz schützte ihn gegen die ziemlich unbehagliche Temperatur des öden Raums . Der Graf empfing ihn mit der Höflichkeit eines gewandten Weltmannes , Valerius mußte sich einen der schlechten Stühle nehmen , welche in geringer Anzahl und unordentlich im Saale herumstanden , und das Gespräch war sogleich mitten im Kriege . Der Graf hatte eines jener verwüsteten Gesichter , die auch mitten in der Verwüstung noch Spuren von großem Reiz entwickeln . Die Formen sind ursprünglich scharf und schön gewesen , das Leben hat sie hie und da abgestumpft , die Mienen sind durch tausend Affekte ein wenig verzerrt worden . Die Mienen sind aber die Sprache der Formen , und so machte der Anblick des Grafen keinen wohltuenden Eindruck . Das graue Haar lockte sich nur spärlich noch um die Schläfe , das Haupt war schon kahl ; auf der hohen Stirne liefen allerlei Leidenschaften wild durcheinander , und die Augen lauerten dreist , oder kamen frech angesprungen . Um den Mund , welchen ein schwarzer Knebelbart zur Hälfte verbarg , flogen jene schnell wechselnden , ungewöhnlichen Falten und Eindrücke , die wie ein unbekanntes Alphabet aussahen , dessen Buchstaben man nicht zusammenreimen kann . Das war der Mann , welcher vor Valerius saß , heftig schilderte , verbindlich dazwischen sprach , einen der Hunde über den Kopf schlug , die Peitsche nach dem alten Diener warf , der den Tisch zu decken kam , und mit dem Fuße an einen der Hunde stieß , schnell wieder verbindlich gegen den Fremden lächelte , und mit vielerlei Redensarten das Gespräch fortzuspinnen wußte . Aber in dem einen Punkte war er wie die Besten : alles ward hingegeben für Polen , alles aufs Spiel gesetzt - der Graf brauchte nur seltener das Wort » Vaterland « , er sprach vom Königreich Polen . Selbst diese Eigenschaft hatte für Valerius etwas Unheimliches . Dies Gefühl ward noch gesteigert durch die Mutter des Grafen , welche bald darauf eintrat . Es war eine Matrone von achtzig Jahren , aber sie trug ihre hohe Figur noch kerzengerade , und ihr starres , mageres Gesicht war noch voll angefangener Erzählungen von früherer außerordentlicher Schönheit . Sie machte den Eindruck eines Gespenstes auf Valerius , denn sie war schwarz gekleidet vom Scheitel bis zur Zehe , und ihre Manieren waren steif und förmlich , wie man sie an alten spanischen und französischen Hofdamen beschreibt . Eine kurze Rede , welche sie an ihn richtete , und worin sie im Namen der Nation dankte , daß er aus fremdem Lande zum polnischen Kriege gekommen sei , machte einen peinlichen Eindruck auf den Deutschen . Die Worte kamen wie aus dem Grabe und waren kühl wie die Luft der Grüfte . Und doch war diese Frau eigentlich das Ehrwürdigste , was man sehen konnte . Als achtzehnjähriges Mädchen hatte sie die erste Teilung erlebt und jene erste Wut des Adels gesehen , die noch nicht wußte , wie sie sich gestalten sollte über die grinsende Neuheit der Dinge . Sie war am Hofe des gelehrten Stanislaus , des letzten Königs gewesen , sie hatte Kosciusko durch ihre Schönheit und ihre Rede begeistert , ihr Gatte war mit ihm bei Maciejovice gefallen , fünf ihrer Söhne waren in den Napoleonischen Kriegen untergegangen , im Jahre zwölf hatte sie zu Napoleon gesprochen vom Königreiche Polen , vor wenig Tagen war ihr letzter Enkel bei Grochow in der Schlacht gewesen , und sie wußt ' es noch nicht , ob er noch lebte , und fragte auch nicht danach . Seit Kosciuskos Falle hatte niemand sie mehr lächeln sehen , und sie trug nun sechsunddreißig Jahre die schwarzen Kleider . » Wenn man von Wilna bis an die Karpathen kein russisch Wort mehr hören wird , « pflegte sie zu sagen , » dann sollt ihr mich mit einem weißen Kleide in den Sarg legen , und ich will im Tode wieder lächeln . Ich will auch nicht eher sterben , als bis dies geschieht , oder bis man noch einmal schreibt : Es gibt kein Polen mehr . Und ließe Gott , unser Gott , das letztere geschehen , dann sollt ihr meinen Leichnam auf das freie Feld werfen für die Vögel des Himmels , damit die Kunde von unserem Unglück durch alle Lüfte getragen werde , und Gott sie hören muß . « Es ist ein tiefes Geheimnis um die Heimat , und es ist ein wahres Wort : Was uns wohl tun soll , muß uns heimatlich werden . Valerius staunte die lange Grabesfrau an , er sah in das untraulich lächelnde Gesicht des Grafen , aber es war ihm kalt im Herzen . Er fühlte es mit tiefem Weh , daß ihn nur ein Begriff mit diesen Leuten vereine , kein Tropfen warmen Blutes ; daß die Nationalitäten , die ihm stets unwichtig erschienen waren , von gewaltiger Bedeutung und Trennung seien . Nur die Tochter des Hauses , die schöne Hedwig , erinnerte ihn an das frische polnische Element , an die ewige , tragische Jugend dieses Volkes , die nimmer klagt und wimmert , und unter Tränen lacht . Sie und der liebenswürdige Joel hielten seinen Mut aufrecht in dieser unnahbaren Fremde . Die Liebenswürdigkeit ist überall daheim . 7. Die beiden Jugendgestalten waren es allein , die seinen Geist ein wenig aufheiterten . War es Folge der Krankheit , oder rührte es von andern Einflüssen her : Valerius befand sich fortwährend in einer Stimmung , die ihm das Leben ohne alle Farben , ohne alle Reize darstellte . Er war durchgehends unzufrieden mit sich selbst , unzufrieden , daß er sich früher jedem Anregen zur Begeisterung hingegeben hatte , unzufrieden , daß ihm jetzt alles grau , unerquicklich , uninteressant erschien . Es war ein rauher Abend , als ihm diese Gedanken quälender als je auf Herz und Lippe traten . Er saß in dem großen Saale , wo die Familie zu Abend gegessen hatte . Die alte Gräfin und der Graf waren nach ihren Zimmern gebracht , Cölestin , der betagte Diener , räumte den Tisch ab und brachte die leeren Flaschen beiseit . Das war ein Geschäft , das der regierende Herr Graf alle Tage einigemal nötig machte . Der weite wüste Saal lag in unheimlicher Dämmerung , ein Licht , das für Valerius bestimmt war , brannte flackernd an einem Fenster , und der Luftzug , der durch die schlecht verwahrten Rahmen drang , drohte es zu verlöschen . Der alte Domestik ging leisen Schrittes schweigend ab und zu ; in dem fernsten Winkel des Saales stand Valerius und blickte in die unfreundliche Nacht hinaus . Hie und da sah er eine Schneeflocke vorübergleiten . Er war in einer traurigen Stimmung , wie sie im jungen Mannesalter bei einem prüfenden , strebenden Geiste leider nicht so selten erscheint , als man zu glauben geneigt ist . Sein Charakter war nicht von jenem leidenschaftlichen Schwunge gehoben , der ohne weiteres auf den Dingen und Erscheinungen hinfliegt , welche sich ihm bieten . Obwohl der begeisterndsten Gefühle fähig , war doch ein gewisses , rationelles Wesen in seinem Innern mächtig . Er hatte selten rasch und leidenschaftlich eine Richtung eingeschlagen ; blieb er nun zwar im Verfolgen derselben um so standhafter und hartnäckiger , je tiefer allmählich seine Überzeugung Wurzel geschlagen hatte , so fehlte ihm doch in kritischen Momenten jener schwärmerische Fanatismus , der alle Zweifel überflügelt und mit bunten Farben die blasse Wirklichkeit übertüncht . Jenes begeisternde Element Alexanders des Großen ging ihm ab , das dieser von seiner exaltierten Mutter Olympia geerbt hatten . Man erzählt von dieser , daß sie die wildeste unter den Frauen gewesen sei , welche mit aufgelöstem Haar und brennenden Fackeln und Augen in dunkler Nacht zum Opfer der Götter schritten . In der Nacht , bevor sie Alexander empfing , hatte sie geträumt , Jupiters Blitze schlüge in ihren Schoß . Dieser Blitz des Jupiter , der die zweifellosen Helden und Verbrecher schafft , der Blitz des Fanatismus , fehlte dem Valerius . Sein Wesen war fern von der schwanken Unentschlossenheit , von dem charakterlosen Umhertappen . Es war eben im Gegenteil zuviel Charakter in ihm , als daß er hätte gerade fortschreiten können , ohne wiederholt zu prüfen ; es war zuviel Humanität in ihm , als daß eine entschiedene , unerschütterliche Feindschaft in seinem Herzen hätte entstehen können . Die Humanität verträgt sich nicht mit dem romantischen Heldentume . Valerius hatte sich Polen anders gedacht , und er schalt sich , daß er sich wie ein Kind romantischen Vorstellungen hingegeben hatte . » Ist es nicht töricht , andere Zustände von einem Lande verlangen zu wollen , dessen Entwicklung so gewaltsam gestört worden ist ! Bedarf ' s denn äußerer bunter Illusionen , um die Begeisterung für einen schönen Begriff lebendig zu erhalten ? - - Leider ist es so ; unsere Augen sind die schnellsten Boten , wir tun immer nur halb so viel für ein garstiges Mädchen , als für ein schönes , wenn wir auch glauben , es mit jener so gut zu meinen , als mit dieser . « So sprach er leise vor sich hin . Er kam nicht einmal zu dem Geständnisse , daß das Unbehagliche um ihn her , der wüste Saal , das Unordentliche des Hauses das meiste beitrügen zu seinem Übelbefinden . Er vergaß es völlig , daß er die Ansprüche eines Deutschen an eine fremde Nation mache , daß es jene Gemütlichkeit , jenes Beisammensitzen , jenes Schwätzen sei , was er vermisse . Über die Nationalunterschiede glaubte er so weit hinweg zu sein , und wußte nicht , daß sie bis in die geheimsten Winkel unseres Wesens eingepreßt sind , und am lautesten sprechen , wenn man wer weiß welch hohe Motive zu hören glaubt . Wir erfreuen uns anders , wir erholen uns anders , wir hassen und lieben anders - das wirkliche Nationalleben Italiens und Spaniens würde uns lange Zeit ebenso unbequem erscheinen ; und vorzüglich zu Zeiten allgemeiner Erregtheit , wo das angewöhnte Wesen ohne Hülle hervortritt . Die Völker sind in gegenseitiger Beurteilung noch lange nicht vorsichtig genug . Valerius gestand sich ' s , daß er in einem wohnlichen Zimmer , im breiten Gespräch mit deutschen Freunden Welt und Dinge plötzlich anders ansehen würde . Cölestin war unterdes schon lange mit seinen Geschäften zu Ende gekommen , hatte das Licht wieder auf den Tisch gestellt , und schien den Aufbruch des Gastes vom Hause erwarten zu wollen . Zur deutschen Nationalität des Valerius mochte es auch gehören , daß er keinen Diener warten lassen , hinter dem Stuhle bei Tisch sehen konnte ; es quälte ihn , es benahm ihm alle Ruhe , wenn er wußte , daß ein Mensch eine Zeitlang lediglich von ihm und seinen Launen bestimmt werde . Rasch ging er nach dem alten Cölestin hin . Zu seinem Erstaunen sah Valerius in einer andern Ecke des Saales Joel auf einem Stuhle sitzen ; er hatte das Gesicht in die Hand gedrückt und schien zu schlafen . Valerius zog ihm die Hand weg und fand das blasse Gesicht seines jungen Freundes in Tränen gebadet . Wenn man solche Tränen nicht errät , muß man nicht danach fragen . Das war Valers erster Gedanke , indes glaubte er ihre Quelle zum Teil zu kennen , und er wollte den jungen Mann zu trösten versuchen . Gleich als ob er selbst dazu einer behaglicheren Stimmung bedurft hätte , fragte er Cölestin , ob es möglich sei , in dem Kamin Feuer anzumachen . Dem Alten schien die Frage so völlig überraschend zu sein , daß er sich lange besinnen mußte , ehe ein gedehntes » O ja ! « zum Vorschein kam . Es befand sich nämlich wirklich ein geschmackvoller Kamin im Saale . Er war nach Art der Pariser eingerichtet und wie jene mit einer messingnen Einfassung umgeben . Alles war indessen mit Staub bedeckt , und Cölestin antwortete , daß seit fünfzehn Jahren kein Feuer darin gewesen sei . Damals wäre der regierende Herr Graf von Paris gekommen und habe den Kamin anlegen lassen ; die selige , gnädige Gräfin wäre ein paarmal dagesessen , wenn sich Besuch auf dem Schlosse eingefunden hätte ; die neue Gewohnheit sei aber bald wieder vergessen worden . Magyac ward gerufen , um den Kamin zu reinigen , Valerius nahm Joel unter den Arm und ging schweigend mit ihm auf und ab . In kurzem brannte eine lustige Flamme und erleuchtete den wüsten Saal , ja das Licht lief bis in den nahen Wald hinüber . Die jungen Männer setzten sich an den Kamin . Cölestin und Magyac hatten sich in einen Winkel zurückgezogen und sahen mit einer Art von Neugierde auf das Feuer . Magyacs luftrotes Gesicht stach wunderlich ab von dem schneeweißen Haare des alten Domestiken . Cölestin war groß , das Alter hatte seine Schultern schon etwas nach vorn gebogen , aber sein Schnurrbart war noch pechschwarz , und die eingefallenen Züge traten noch mit großer Strenge hervor . Er hatte ein Auge verlogen und das andere war immer zur Hälfte bedeckt vom Augenlide , so daß man selten das frische Schwarz des Augapfels erblickte . Die ferne Flamme spielte wunderliche Lichter auf die beiden Sarmatengestalten , und Valerius , ein lebhafter Freund von solchen Bildern , machte eben seinen Nachbar auf die ganze lichte und dunkle Umgebung aufmerksam , als die Szene noch lebendiger wurde durch den Eintritt Hedwigs . Sie klatschte in die Hände und kam zum Kamin gesprungen ; ihre französische Zofe rief entzückt , sie sehe Paris wieder ; sogar Joel wurde munter , und man schwatzte ein Weilchen heiter und lustig . Das frische sechzehnjährige Mädchen glänzte wie ein zweites Feuer vor den Flammen mit ihren blitzenden , mutwilligen Augen , den weißen Schultern und den braunen Flechten , die ihr halb aufgelöst um den Nacken flogen . Es schien , als habe sie eben zu Bett gehen wollen , da sie die unerwartete Gesellschaft im Saal gefunden hatte . Das Halstuch trug sie in der Hand , und den Kamm , welcher schon aus dem Mittelpunkt der Flechten gezogen war , steckte sie scherzend in den Scheitel des offenen Haares . An sich harmlos , von Jugend auf unter Männern , war sie dreist und am fernsten von aller Prüderie . Ihre Großmutter war ja auch ein Mann und kümmerte sich nur um die Befreiung des Vaterlandes , nicht aber um das Busentuch ihrer Enkelin , die jetzt über Nacht zur Jungfrau emporgewachsen war . Ihre Mutter hatte sie kaum gekannt . So war sie denn wie ein lustiges , freies Füllen gediehen , war natürlich dreist und doch voll echten Schamgefühls . Als sie ihre Freude am Feuer gesättigt hatte , sagte sie » Bonne nuit , Messieurs « , und sprang davon . Es trat eine augenblickliche Stille ein , Valerius warf neues Holz aufs Feuer , Joel sah gedankenvoll in die Flammen hinein , als wollte er sein Leben bis in die fernste Zukunft darin entdecken . Da hörte man plötzlich außerhalb des Hauses einen gellenden Pfiff durch die Luft schwirren . Joel schrak sichtbar zusammen , Valerius wendete sich schnell um und fragte die noch im Winkel stehenden Bedienten , was dies zu bedeuten habe . Sie erklärten mit halben Worten ihre Unwissenheit ; es war aber dem Valerius nicht entgangen , daß Cölestin seine Hand nach dem Rockzipfel Magyacs ausgestreckt hatte , wahrscheinlich , um diesen vor einer Unvorsichtigkeit zu warnen . Magyac war offenbar am meisten beunruhigt , und da er noch weniger an die unterwürfige Domestikenform Cölestins gewöhnt war , dessen Körper wie eine Bildsäule unbeweglich stand , während die Befehle seiner Herrschaft ruhten , so wagte er ' s , sich ans Fenster zu schleichen und hinauszublicken . Er ging sogar auf die entgegengesetzte Seite des Gemachs zu einer halb zerschlagenen Glastür , die auf einen verfallenen Balkon führte . Dabei schlich er aber auf den Zehen , als sollte Valerius , den er wie seinen Herrn betrachtete , die Dreistigkeit seines Herumstreichens im Saale nicht bemerken . Verdrießlich über das Verleugnen einer Erscheinung , die seinen Umgebungen weniger unbekannt zu sein schien , hieß er die beiden Leute zu Bett gehen . Cölestin war wie ein Blitz verschwunden , und Magyac verbarg seine Eile wenig . Die freundliche Behandlung , welche er bisher von Valerius erfahren hatte , war nicht ohne tiefen Eindruck auf den jungen Polen geblieben . Er war an rauhere Hände gewöhnt , und bewies dem deutschen Herrn eine lebhafte Hingebung . Valerius hatte oft große Mühe , sich den Versuchen Magyacs zu entziehen , wenn er ihm den Arm oder den Rockzipfel küssen wollte . An jenem Abende machte ihm diese orientalische Manier Magyacs keine Sorge . Wie ein Fuchs klemmte er sich mit seinem Pelze durch die halboffene Saaltür und verschwand . » Gegen die besten Freunde ist diese Nation mißtrauisch und stolz , « brummte Valerius mürrisch vor sich hin , und setzte sich wieder ans Feuer ; er sah Joel fast unmerklich mit dem Kopfe nicken , tonlos die Lippen bewegen und in die Flamme starren . Es war totenstill ; nach einer Weile glaubte Valerius gegen den Wald zu wiederum jenes Pfeifen zu vernehmen , wenn auch ganz leise - er horchte aufmerksam : alles blieb still , nur die Saaltür knarrte im Luftzuge . 8. Die beiden jungen Männer brachten noch eine lange Zeit schweigend zu . Jeder war offenbar in trübe , düstere Gedanken versunken . Joels Traurigkeit schien indes weicher und von höherer Reizbarkeit zu sein : zuweilen rollten dicke Tränen über seine Wangen . » Der Freiheitskrieg eines Volkes , « sagte endlich Valerius leise vor sich hin , » ist wie ein Liebeskrieg , man nimmt die Unterstützung eines Fremden an , aber betrachtet ihn gleichgültig wie ein Werkzeug , in den Herzensrat kann er nimmer aufgenommen werden . « Da sah er zwei große Tränen des armen Joel ; er schalt sich , daß er so drängendes , nahes Leid über seinen Grillen habe vergessen können , und suchte nach einem Eingange , dem Kranken nahe zu treten , ohne ihn durch Beileidsgeschrei noch schlimmer an seine Krankheit zu erinnern . Alle Leiden sind von einer Familie , die meisten Trostgedanken passen auf alle , und die edelsten Leiden sind wie die edelsten Familien : sie hören sich nicht gern selbst nennen , wenn man über ihre Schmerzen spricht . Das Unglück hat die zarteste Schamhaftigkeit . Deshalb suchte Valerius einen fernen und doch verwandten Gedankengang , um nur in die