gefunden . Er sah rein nichts sonst . Er fühlte nur , als wenn jetzt der letzte Zwang plötzlich gewichen und er frei geworden wäre zur eigensten Betriebsamkeit . Dazu kam , daß Johanna einen echt mütterlichen Zug hatte . Sie begann für Einhart zu sorgen , um den sich all die Jahre nur höchstens einmal eine gutgelaunte Wirtin zufällig umgesehen . Jetzt saß Johanna stundenlang bei ihm am Tage und versah allmählich alles . Es war garnicht gut für Einhart . In der ersten Zeit kam deshalb Einhart wochenlang nicht mehr auf die Straße . Und bald hatte sich Einhart an Johannas Anwesenheit derartig gewöhnt , daß er rein nichts zu tun vermochte , wenn nicht die ein wenig dumpfe , kindliche Plauderstimme um ihn und in seine Arbeit hineinfloß . Doktor Poncet kannte Johanna jetzt auch längst . Er hatte sie auch gleich gern gehabt . Ihm war unsäglich wohl nur schon deshalb , weil ihm in den beiden Räumen , von denen der Atelierraum groß und geräumig war , nichts als eine arglose Menschlichkeit und ein rechtes Lebensvergnügen entgegenkam . Daheim bei ihm war das anders . Er saß oft lange in seinen weiten Mantel gehüllt auf irgend einem Kasten voll Skizzen und sah , wie Einhart , gespannt äugend und sein und spitz lächelnd , die Farben auf die Leinwanden hinbrachte , und sah Johanna an , wie sie unterdessen um den kleinen Eisenofen herumhantierte oder das Teetablett oder sonst etwas herzutrug . Einhart hatte jetzt einigermaßen auskömmlich zu leben . Obwohl das auch noch schwankte , was ihn garnicht weiter anfocht . Denn jetzt , wo er mit Johanna lebte , war er schnell in eine wahre Arbeitsleidenschaft hineingerissen . Daß Bild um Bild aus dieser Erhitzung aufging . Und auf allen Bildern erschien jetzt Einhart und Johanna . Einhart malte jetzt sich in allen möglichen Schicksalen und Gefühlen , und immer Johanna dazu , als eine süße , selige Begleitung , als die eigentliche Melodie des Lebens , um die es sich allein lohnte , solcher Musik zuzuhören . Er malte Johanna als schwebende Vision gegen den lichten Himmel , oder in paradiesischer Nacktheit selig und schön unter Blumen , oder mit Kindern ein neckisches Spiel auf freien Wiesen treibend , immer in hellen Tönen sie , immer ihre großen Kindsaugen mit den erstaunten Blicken , immer auch mit der ganzen Drolligkeit ihrer entzückenden Anmut . Und allenthalben auf den Bildern stand er irgendwo in der Nähe Johannas , wie ein trutziger Ritter , dem man das Frühlingsglück der holden Frau nicht mit einem Augenzucken nur trüben durfte . Der Ausdruck des strengen Wächters über seiner Liebe ging durch alle Bilder hindurch . Der sanfte , arbeitversunkene , spitzlächelnde Einhart wußte es gar nicht , daß einer immer jetzt sich so fehdehaft und kampfsicher aus ihm hinausgab . Doktor Poncet stand oft heimlich erstaunt über die Fülle und Kraft solchen Ausdrucks , und über die schwebende Seligkeit , die durch solche Kontraste sich ins Blut schrieb aus den durchaus stummen Malerspielen . Alle Dinge haben eine Sprache . Jede Sprache schlägt nur die Tasten der Seele an . Immer sind wir es , in denen die Erkennung aufwacht . Alle Dinge können jenes heimliche Leben wecken , daß es in uns von ihnen redet , wenn sich die Seele ihnen nur innig genug dargeboten . Die Sprache der Rede ist nur eine unter tausend . Deshalb saß jetzt auch Poncet oft stumm und sann und horchte in die Leinwanden Einharts . Er fühlte genau , welche Ketten und Bande bald sich zwischen Einhart und Johanna gewoben . Er fühlte vor allem , daß an solcher wesenhaften , innigen Verstrickung niemand hätte rütteln dürfen , es wäre denn um Einharts Einfalt getan gewesen . Ein heißer , niederträchtiger , hassender , zäher Zigeuner womöglich wäre aus ihm herausgesprungen , wie der , den er mit einem Dolche unter der Glutrose und mit dem blitzenden Glutblick schon gemalt hatte . Und Johanna sah jetzt um sich wie einen Garten aus allerlei Pracht . Aus jeder Umhegung lächelte sie . In jeder Laube saß sie als Glück . Allenthalben wandelte sie als Selige hin . Sie war umklungen und umsungen von ihrem eigenen Scheine und Glänzen . Ein jeder Hauch im Räume sagte es ihr stumm , daß Einhart wie ein Toller und Ausbund war , der nichts anderes sonst denken konnte , als ihrer Liebe Lied in alle Himmel zu singen , sie zu Preisen in den Hymnen seiner Farben und Bilder und nichts sonst . Und sie lächelte heimlich , wenn es aus den Bildern redete , daß er zum Mörder oder Räuber werden könnte gegen jeden , der es wagte , auch nur wie eine Wespe oder Motte sich in den Glanz seines Glückes zu verfliegen . Aber Einhart war jetzt recht eigentlich wieder ganz Kind . Er liebte , wie Kinder lieben mit spielender , strahlender Verklärung . Denn wahrhaftig , er fand nach außen gar keinen Anlaß gegen jemand sich zu verwahren . Es störte ihn niemand . Er lebte ganz einsam mit Johanna . Und sie war täglich liebend um ihn und zärtlich dienend in allem . Doktor Poncet , der einzige , der kam , war ein ganz anderer Mensch als Einhart . Poncet hatte die Liebe in der Welt reichlich genossen . Er staunte in das kindliche Spiel , das sich in Einharts Werkstatt darbot . Er war müde der Liebe , kann man sagen . Heiß , wie er gewesen , hatte er die Leidensfeuer längst in Asche gelegt . Er fand kein Genügen mehr im Rausche . Er lächelte nur manchmal ein wenig ätzend , wenn er Einhart und Johanna plaudern hörte . Aber Einhart war in seinem tätigsten Behagen , daß man ihm zum ersten Male seit jenen Tagen , wo er einst nach Zigeunern ausgezogen , den Lächler wieder ganz ansah . Johannas Nähe hatte ihn richtig zu einem kecken Jungen gemacht . Und als wenn er nun die ganze Welt nur so hinmalen könnte , die ganze , weite , selige Welt , die keines Kommentars und keiner Mühe und Arbeit bedurfte , um ganz und gar erkannt und geliebt zu sein . Die ganze selige Welt : Johanna und Einhart . 9 Daheim in Poncets Hause war keine Einigkeit . Frau Poncet , die eine feine Seele war , war ihrem Manne ganz unvertraulich . Ihre Liebe schien langst grau in grau und wenig anderes noch , als hassende Erinnerungen . Die beiden Kinder , ein Knabe und ein Mädchen , waren lieb zu ihm . Aber sonst fehlte die stille Flamme hüben und drüben . Es gibt Männer , die vorzeitig nach allerhand Frauen greifen , gattungsgebunden und unpersönlich in verfrühten Süchten . Das zärtlich scheue , kindlich sehnende Berühren fehlte , das schon Platon als den süßen Beginn aller Liebe geschildert . So will sich aus jungem Drängen in solchen Naturen nie der harte , klare , blinkende Rubin zusammenfinden . Wie der Uhrmacher , so muß der Menschenkenner bei jedem fragen , auf wieviel Steinen die Seele geht , und ob es heimlich im Grunde einen Halt gibt ? Und ob es heimlich funkelt ? In Poncet war kein klarer Stein kristallisiert . Das Leben seiner Liebe war in Asche zerfallen . Kein inneres Funkeln in allen Strahlenwundern , nur Brände zuerst und Asche dann . So auch mit Frau Poncet . Aber wenn jetzt Poncet zu Einhart kam , begann sich ihm eine neue Welt aufzutun . All die kleinen Handreichungen des Lebens , die er nie geachtet , gewannen einen tiefen Glückseligkeitssinn auch für ihn . » Das Leben ist gar keine Idealität . Es ist immer nur das einfache Leben , « sagte Einhart . Er wußte es nicht , daß er damit den tiefsten Lebenssinn gegen all die großen Worte in Wissenschaft und Religion verteidigte . » Das Leben ist immer nur diese kleine , einfache Verrichtung mit Hand und Fuß , immer nur auf dieser steinigen Erde , die wir mit Auge und Sinnen erfassen und anstaunen , « sagte Einhart . » Immer nur dieses : eine liebende Stimme hören , in liebende Augen sehen oder in hassende . Ist immer nur Wandel in Regen oder in Sturm . Oder in weicher Nacht , wenn Sterne und der Mond blinken . Oder wenn es stockbrandfinster ist mit dem kleinen Scheine unsres Laternenlichts in der eigenen Stunde . Ist sich kalt fühlen , sich in seinen Mantel warm hüllen , oder eintreten an ein warmes Kaminfeuer und unter gute Blicke , die uns zulachen und uns willkommen heißen . Ist diese steinige , weite Erde , deren Wege der Frühling umblüht und umsonnt . Oder auch wenn uns Kümmernisse um Liebe und Geliebte das Herz bedrohen . Diese eine sonnenfrohe oder nächtigeisige , hinausgestoßene Erde . Ist aufatmen , jung hinaus und in die höchsten Hoffnungen sich heben mit Flügeln so scheint ' s. Oder mit blinden Augen schreiten , geführt und ängstlich und mit der süßen Ahnung dessen , was ewiger Schlaf dem Menschengemüte an letzten Lasten aufhebt . Es ist das eine kleine Leben , mit Hand und Fuß , mit Auge und Seele , mit der einen kleinen , einsamen Seele , die einzeln sitzt in jedes Gehäuse , und die ihren Traum doch laut hinausträumt von dem Verein der Seelen , auf den Millionen verlangend lauschen . « Das war , wie es Einhart jetzt und immer lebhaft verkündigte . Doktor Poncet kam oft . Er war daheim , seitdem er zum ersten Male das gute , einige , zitternde , irdische Seelenspiel Einharts und Johannas angesehen , noch mehr losgetrennt . Er begann einzusehen , daß er durch alle sogenannte Idealität durchmüßte zu der kleinen , großen , einsamen Seele . Er begann beglückt zu sein von ferne . » Man muß es mit den Sinnen greifen . Nur mit den Sinnen hält der Mensch sich fest in der Welt , wie der Baum mit den Wurzeln in der Erde . « Einhart sagte es nicht . Aber Poncet sagte es jetzt , weil es Einhart lebte . Poncet begann allmählich kindlich zu lachen wie Einhart . Wenn er kam , saß er stundenlang . Johanna fand ihn angenehm . Ihre Eulenaugen sahen zu ihm hinüber . Ihre Augen waren immer zärtlich im Blick . Poncet begann sie oft anzusehen . Einhart fühlte , daß Poncet sich heimlich neu zu sehnen angefangen . » Die kleinen Handreichungen des Lebens sind es , « sagte er einmal vor sich hin . Er sah Johanna oft nicht mit bloßer Achtlosigkeit an . Und einmal war es gekommen , gegen das Frühjahr , wie Einhart zufällig nicht daheim war . Da hatte Poncet lange nur stumm dagesessen und hatte Johanna dadurch geradezu verlegen gemacht . Wie es kam ? Wer weiß . Die Augen Johannas waren mitleidig . Sie wollte auch gleich noch wegspringen erst , um unten in dem kleinen Gemüse- und Butterladen einzuholen . Dann war sie doch geblieben . Es war in ihrem Gesicht gleich eine große Röte . Außerdem sind die brennenden Blicke dunkler Augen , wie die sehnsüchtigen Poncets eine wundersame Sprache des Preisens . Das Herz der Frau wird neugierig . Die Eulenaugen Johannas baten gegen Poncet , wie er so immer noch stumm als Schatten auf der Skizzenkiste unter dem großen Atelierfenster saß . Aber sie versuchten Poncet auch um so mehr . Die Neugier Johannas war so hart in ihr geworden , daß sie einfach nicht mehr hinaus konnte . So blieb sie und hantierte lange vor Poncet . Eine Weile dachte sie noch immer , daß Einhart kommen müßte . Aber je mehr sie hoffte , desto bestimmter sprachen ihre Blicke Sanftheit hin in den stummen , in sich verzehrten Poncet . » O Gott Gott ! « hatte er schon manchmal vor sich hin gesagt . Jetzt rang er heimlich sich zu überwinden . Aber Männer , die die Leidenschaft zu früh blind gemacht , stehen unter einem unentrinnbaren Zwange . » O Gott ! nein ! daß Einhart nicht kommt ! « stieß nun auch Johanna heraus , gleichsam seine Angst vor sich aufnehmend , und weil auch schon die Dämmerung in den Raum spann . Dann griff sie endlich eine leichte Hülle , einen bunten , leichten Seidenschal , um doch noch jetzt hinauszufliehen . Da waren Poncets Süchte plötzlich hart aufgebrannt , daß er sie atem-und lautlos von der Tür zurück und an sich gerissen und sie sinnlos hastig und heiß brünstig geküßt hatte . Johanna in ihrer Kindlichkeit hatte sich lange küssen lassen , mit hastigem , aber nicht starkem Widerstreben und hatte dann erst noch eine Weile drollig zärtlich gelacht , ehe sie unversehens ebenso hart aufgeschluchzt . » Wie ? Was ? Pfui ! Pfui ! o ! Nein nein ! nein aber , wie Sie nur können ! « hatte sie noch herausgestoßen , als Einhart auf der Treppe draußen hörbar wurde . In demselben Augenblick hatte Johanna gleich mit ihren Eulenaugen zärtlich zu Poncet hin gebeten , reckte sich aufrecht , sich gleich einfindend in eine gleichgültige Hantierung . Und als Einhart mit einem Strauß Maiglöckchen eintrat , ganz beglückt nur von der Absicht sprechend , bald in eine ländliche Einsamkeit , ins Gebirge oder ans Meer zu gehen , saß Poncet wieder als Schatten gegen das Dämmerlicht . Einhart war ganz achtlos und arglos . Er streichelte Johanna und begrüßte Poncet mit kräftigem Handdruck . Er achtete gar nicht , daß er fast ins Dunkel kam , worin die beiden gesessen . 10 Als der Frühling den vereinzelten Obstbaum im Hofe des Stadthauses , wo Einhart oben unter Dach sein Atelier besaß , blühen machte , drängte Johanna selber , aus der Stadt zu gehen . Es war wenige Wochen nach der Annäherung , die Doktor Poncet versucht hatte . Johanna war eine Drollige . Der Gedanke daran machte sie jetzt heimlich lachen mit ihrem lieblichsten Lachen . Und so oft Doktor Poncet auch gekommen war , er hatte in dem sanften , fröhlichen Leben von Johanna nur eine Hingabe an Einhart , aus den funkelnden Augen und erheiterten Worten ganz nur ein Mit-ihm-sein und -leben wollen spüren müssen . Gar nichts hatte ihn an eigene Vertraulichkeiten auch nur von ferne erinnert . Wenn ihn nicht gar eine herbe und strenge Miene , sobald Johannas große , feuchte Dunkelaugen ihm begegnen mußten , heimlich geradezu wie ein Vorwurf manchmal getroffen hätte . Johanna war nur innig zufrieden , daß Einhart arglos und voll frohen Arbeitssinnes ungestört vorwärts lebte . Um so mehr wünschte sie also jetzt ins Freie hinaus , ins Landleben . » Meinetwegen ins Gebirge , noch besser an die See ! « So waren Einhart und Johanna bald mit Packen und Malwerkzeugen nach dem Norden zu abgereist und hatten auch einsam und gut , nach dem Rate Poncets , eine friedsame Sommerherrlichkeit ausgefunden . Das Häuschen , worin sie Wohnung nahmen , lag mit seinem breiten Strohdach nahe einem alten Eichenwalde , ein kleines , gemächliches Fischerhaus mit vier ungewöhnlich großen und hohen Fenstern nach vorn . Um die Haustür und um das hölzerne , hohe Gartentor hingen Rosenranken , die eben ergrünten . Ringsherum dehnten sich Wiesen , von Sauerampfer blühend und glühend , deren schlanke , zitternde Pracht sich reichlich zwischen roten Nelken , Glockenblumen und Kamillen in die flüsternden Lüfte aufhob . In der Ferne strich der Wind das junge , grüne Korn der weiten Felder , wenn Johanna am Morgen die Fenster frei auftat . Dorther blinkten hinter Hecken und maigrünem Buschlaub die Silberflecken der spiegelnden Scheiben eines vornehmen Landsitzes mit Gutsgebäuden zu beiden Seiten . Dorther kam täglich nun den ganzen Sommer lang auch Johannas Freude . Johanna war jetzt losgebunden wie ein Vogel , ohne Pflicht , so recht hineingestellt in die lichte , freie , blühende und reisende Welt . Wenn die Herde Mutterschafe und die Lämmchen sich aus dem Tor der entfernten Gehöfte ergoß und in einer Wolke Staub naher und naher herankam , stand sie , alles vergessend , und harrte mit einem wahren Jubellachen , das Einhart viele Male heimlich entzückte . Johanna hielt dann schon ewig Büschel Blumen in ihren Händen , der Herde entgegen laufend , um sie den Lämmchen zum schrobenden Fraße anzubieten . Der alte Hirte , der einen verschmutzten Pelzflausch trug , war gegen Johanna äußerst scharmant . Er hätte ihr den ganzen Tag Geschichten vom guten Lämmchen erzählen wollen . Er wußte Schmeicheleien von ihrer Lieblichkeit und von ihren großen Augen , die wie schwarze Stiefmutterblumen im Schloßgarten wären , wohl anzubringen . Und Johanna stand ganze Morgen lang auf der weiten Blumenwiese unter den blökenden , grauen Mutterschafen und den wolligen Lämmern im Licht , hob sich die kleinen Schreihälse zärtlich auf den Schoß , oder vergnügte sich , ein zutunliches Lieblingslämmchen im Arme zu halten und an ihrer Brust zu wärmen . Wie eine frohe Heilige im Garten Gottes , verloren für sich in die Lüfte lachend . Der weiße , zottige Spitz räsonnierte von Zeit zu Zeit und schoß um die lässigen Wolltiere . Unterdessen Schäfer und Lüfte und Düfte , die Wolken im blauen Himmel und die Augen der Lämmer und der Schafe , und auch Johannas Blicke arglos und wohlig und eintönig verwehend über die Weide tändelten . Das waren Johannas Feierstunden jetzt am Morgen . Aber Einhart war in dieser Zeit leidenschaftliche Arbeit an Ecken und Enden . Einhart war dann gewöhnlich gleich nach dem Frühstück einsam gegen den Strand hin gegangen . Er besah sich jetzt die Erde neu von allen Seiten . Schon durch den Streifen Eichwald , der die Blumenwiesen vom Meere trennte , wanderte er mit wahrer Spannung . Er genoß entzückt den lautlosen Eintritt in die hohen , einsamen Wipfelwölbungen , um deren Tragesäulen Schmetterlinge taumelten , und Hummeln eilig vorüberbrummten . Er sah an jedem Stamme empor , wo eine Eichkatze die Rinde reißend hinaufhuschte , oder ein schmelzender Vogel unsichtbar seine Liebesmelodie tirilierte . Er horchte dem Spechtpochen und verfolgte den seltsamen Schwung seines Fluges , wenn er ihn absichtslos verscheucht hatte . Und sah ihn noch lange rüstig hintauchen zwischen den Schatten der Wölbung . Er begegnete Hirsch und Hinde . Der Hirsch , mit dem Blick eines Ernsten , Erstaunten , der plötzlich aus dem Dickicht herausbrechend , in gereckter Gestalt vor ihm stand , lange unerschüttert äugend , zwei Tiere und ein Junges scheu zur Seite hinter sich . Daß auch Einhart gleich völlig erstarrte . Daß die Blicke beider , Einharts und des reich gehörnten , mächtigen Waldkönigs sich fest ansahen und immer noch hielten . Bis das erstaunte Tier , seine Gabelung vehement in den Nacken werfend , um seine Flanken zu schützen , ebenso plötzlich mit königlichem Sprunge gegen die Waldwirrnis sprang und den Seinen mit dem Geweih wie mit einer Pflugschar durch Ast und Dorne den Weg fegend ' unter erstaunlich flüchtigem Zerkrachen und Zerbrechen von Buschwerk verschwand . Einharts Leben war jetzt ganz innerlich und froh erfüllt , wie das Leben des Vogels im Schattenwipfel oder das Leben der Woge im Meer . Der Strand breitete sich hellblendend , wenn Einhart die letzte Eiche des Waldgürtels zurückgelassen . Er stapfte tief im Sande auf den hellen Dünenhügel . Auf dessen leichter Höhe zitterten die Strandgräser . Dort lag vor ihm das weite , schäumende Meer ausgebreitet . Im Sande halbvergraben lag ein verfallenes Boot . Weit und breit war keine Menschenspur sichtbar . Hoch im Sonnenraum hing oder kreiste ein Seeadler einsame Runden , dann und wann einen kreischenden Wecklaut herniedergebend . Die glasigen Wogen hatten Schäume weit hinaus . Aus Nordosten flatterte der Meerwind . Und am Strande schlürften die Fluten breit heran , sich leise überstürzend immer und zurücksaugend , rieselnd und zerschäumend und neu zusammenrinnend . Immer wieder . Immer wieder . So weit der Blick Einharts an dem weiten Bogen des flachen Seestrandes sich verlor . Wenn die Mittagsonne warm schien , hockte Einhart gewöhnlich auf einem Waldfelsen über dem Strande , auf den er vom Meere aus zurückgegangen . Einhart liebte den Ausblick von oben , den frohhebenden Eindruck der Wogenwelt aus der Höhe . Von dort aus konnte er Johanna kommen sehen . Das galt Einhart eine Heiterkeit ohne Ende , wenn die verabredete Stunde heran war . Er hatte den Morgen lang beobachtet , skizziert , oder auch Malarbeit in Studien getan . Durch die silbernen Stämme von einigen Buchen dämmerte schon Johannas flatternde , lichte Gestalt . Sie ging in losen Ballisten und hielt einen Schal um die Schultern , der im Laufthauch winkte und wehte . Sie lachte von ferne , wie ein Specht lacht zwischen den Stämmen . Hören hätte es Einhart kaum können . Meerrauschen füllte mit ewigem Überstürzen und Branden , mit genug Lärm die sonnenlichte Strandeinsamkeit . Aber Einhart sah es klingen in Johannas Augen . Johannas Augen sahen groß aus Dunkel her . Ihre sanfte , schlanke Lieblichkeit , so eilfertig heranstrebend , schien nicht anders , als zuzugehören zu dieser blendenden Dünenwelt zwischen Meerflutschäumen und Waldeswehen . Auch Einharts Blutwelle pulsierte dann singend , als wäre er die Seele dieser einsamen Welt von Dünen , von Wald , Felsen und Wogen . Dann waren die Flatterwinde still . Die leichten Kleider warfen sie in den weißen Meersand . Johannas lieblicher , rosiger Leib enthob sich den letzten Hüllen . Sie sprang mit anmutigem Gezeter alsogleich in die heranstürzenden Wogenschäume . Sie kreischte lieblich . Sie fiel von der Kraft der Wasserstürze gestoßen und tauchte nieder unter die Flut . Da konnte auch Einhart aufjauchzen derart , als hätte er plötzlich die Stimme eines alten Tritonen , so voll . Da konnte er in die hohlen Hände trompeten , als ob er in eine Muschel dumpf tutend hineinblies . Da konnte er hinter der ängstlich kreischenden Johanna drein in den flachen Wellen schaumsprühend springen , mit vollen Händen Diamanten in Sonne und Lüfte und über Johanna unbarmherzig schöpfend und sprühend . Daß der Seeadler neu aus der Ferne heranstrich , fühlbar erregt hoch über ihnen seine Kreise ziehend , und dann und wann wie im Zorn niederstoßend . Als wenn er jetzt dächte , daß weiße , große Meerwesen aus ihren Wasserpalästen in der Tiefe aufgetaucht , die sich dreimal selig vergnügten im strahlenden Licht . Dann lagen die beiden lange noch im heißen Sande . Einhart war auf die Idee gekommen , Johanna tiefer und tiefer einzugraben . Sie sah allmählich aus wie eine neckische Sphinx . Kopf und Schultern und Brust hatte er freigelassen . Es waren lauter törichte Spiele , die ihnen wohl Appetit machten , daß sie dann endlich durch den Wald eilig zurückgingen , Hand in Hand und lachend wie Kinder . Und auch beim Mittagsmahle konnten sie nicht genug immer wieder alles sich erzählen , was ein jeder doch wußte , weil er es eben erst erlebt hatte . Aber so ist ein Schatz auch das Erzählen von glücklichen Dingen . Es gibt einen Hauch wieder , wenn das Glück verloren ist , und das Glück hier erneuerte sich jeden Tag und jeden Tag den ganzen Sommer lang . Nie war Johanna freier gewesen im ganzen Leben . Ihre Seele war wie eine Blumenwiese so reich bestellt und wie eine Meereswelle eilig . An Poncet dachte sie nie . Oder geradezu mit Ärger jetzt , wo sie Einhart so in Übermut um sich hatte und in wahrer , freier Sommerfreude . Und Einhart hing leidenschaftlich an der wachsenden Ernte seiner Sommerarbeit , aber jetzt auch voll an dem Taumel , Johannas Schönheit allenthalben in Wald oder Wellen anzustaunen und sein zu fühlen . 11 Einhart hatte ein paarmal an Doktor Poncet geschrieben , er möchte kommen . Aber Johanna war es sehr recht , daß trotz Poncets Zusagen den ganzen Sommer nichts daraus geworden war . Wie der Herbst kam , waren sie also in die Stadt zurückgegangen und kamen braungebrannt , robust auch ordentlich Johanna , in die alten Verhältnisse zurück . Das Leben am Meer hatte Johanna vollkommen in die einige Sicherheit zu Einhart eingewöhnt . Daß auch der Winter nur weiter ein tätiges , ruhiges , launiges Leben , und nichts anderes , hinging . Poncet kam oft . Aber wenn Johanna jetzt eine Empfindung für ihn hatte , so war es die , ihn vor sich selber schützen zu wollen . Weil sie selbst sich in dieser ersten Zeit durchaus nicht mehr bedroht dünkte . Außerdem war Poncets Leben offenbar auch heiterer geworden . Poncet hatte eine große Herbstreise nach Amerika und Spanien gemacht . Er war danach auch in allerlei Arbeiten leidenschaftlich hineingeraten . Man hatte also allerseits die Hände voll zu tun , und Kopf und Herz , den ganzen Winter lang . Daß die nächste Frühlingsausstellung herankam , so schien es , als hätten die Werke einfach die Zeit eingesogen . Die Ausstellung enthielt ein paar große Phantasiestücke von Einhart . Als Einhart in den Ausstellungssälen zum ersten Male herumging , Johanna mit einem blumigen Frühlingshut eigenster , freier Erfindung neben ihm , sahen ihn , den Zigeuner-Grandseigneur in Zylinder , und sie , diese kleine , wippende Dame mit hoher Krempe und viel Schleier , wie eine Herzogin von Goya so zierlich und so schnippisch , die vornehmen Besucher der Eröffnungsfeier alle mit sonderlicher Neugier und mit absichtlosem , heimlich lauschenden Umprüfen und Umwandeln an . Weil sie wohl von ferne ahnten , daß die lustige , launige Windsbraut von Seele hinter dem feinen , duftigen Stoff- und Schleierwerke , das sie jetzt licht und lose hüllte , einmal hüllenlos in die Bilder an den Wänden , die von Einhart irgendwo hingen , so recht eine kichernde Eva hineingesprungen . Auch Doktor Poncet war oft dabei , wenn sie in der Ausstellung herumgingen . Poncet im beginnenden Frühling schon wieder heimlich gequält immer um Johanna . Aber Johanna hielt sich nur an Einhart . Johanna war das anmutig liebende Leben selber , so dienstwillig und zutunlich , wenn es um Einhart ging . Und Poncet desgleichen . Poncet war ganz und gar nur zu Einhart der liebende Freund , der den andern voll gewähren läßt . Und Einhart war ein Narr , wie schon als Junge , wie immer bis ans Ende vielleicht , eingesponnen in allerhand eigene Schau und in die Froheit seiner Gesichte . Er ahnte ganz und gar nichts , daß mit dem neuen Sommer auch neu leise Unruhen in Johanna aufzutauchen begannen . Er ahnte ganz und gar nichts , daß Johannas sanftes Blicken nur erst wie zufällig noch , aber nicht gleichgültig mehr , über die wachsenden Versunkenheiten des verachtenden , bleichen Poncet hinglitten . Einhart war unter der kindlichen Freiheit Johannas noch vollends wieder zum Traumnarren geworden . Er hatte jetzt gar keine Leidenschaft ans Leben , als die Ergreifung dessen , was sich als Gehalt und Gestalt aus ihm gebar . Das Hinauswachsen im Werk galt ihm alles . Das sonstige Leben nahm er lachend als Zier und Laune , die sich um seine Kunstarbeit froh herumrankte . Bei Doktor Poncet verhielt sich das ganz anders . Poncets Leben war auch durchaus nur ringende Arbeit . » Aber was kommt dabei heraus für mich ? « sagte er oft verbittert . Es war kein Verklären und Finden von sich selber , und von dem , was ihm die Stunde je gewesen . Poncet hatte allerlei hinausgegeben . Aber der Wind hatte die Früchte noch immer fortgeführt auf Nimmerwiedersehen . Er lag ewig im Streite mit sich und im Harme um sich . Er sehnte sich beständig , etwas vom eigenen Leben zu greifen , geläutert , wie die Kunst es zu dauerndem Genüsse darbringt . Und Poncet sah das Glück und den Glanz , die Einhart um sich und Johanna wob . Und wahrhaftig , Johanna wuchs jetzt noch mehr zu einem Wunder der Verklärung auch vor seinen Augen . Poncet konnte in diesen ganzen Frühlingsmonaten nur noch nagen und sinnen , wie er aus einem leidenschaftlichen , schwelenden Zwange nach ihr zur Ruhe käme ? Aber Johanna war innerlich bestimmt dawider gewesen , daß man ein gemeinsames Ziel für den Sommeraufenthalt fände . Und Einhart und Johanna hatten also , wie das Jahr vorher , mit genug ausfüllender Arbeit und frohen Launen allein oben am Meere gesessen . In den letzten Augusttagen kam dann doch Poncet nach . Es war eine sehr warme Zeit . Das Wasser des Meeres lag fast immer spiegelblank , wie eine weite , silberne Scheibe , über die die feinen Unruhen des Lichtes und des Windhauchs in lieblichem Wellengekräusel hinstrichen . Johanna war ein wenig erschrocken gleich , als Poncet kam . Es hatte ihn von daheim fortgetrieben . Es hatte Zerwürfnisse gegeben . Aber Einhart freute sich . Poncet war unerwartet gekommen . Er kam sanft und entschuldigend , fast ein wenig demütig gegen Einhart . Und die ersten Abende saß man gemeinsam auf dem verbleichenden Dünenhügel am Strande . Man sah zu , wie die Dämmerungen über die leuchtenden Wellen hereinsanken , wie durchsichtige Flöre . Man sah , ohne in Minuten Worte zu wechseln , verloren in den nachtlichtenden Nordschein . Und wenn Einhart am Tage malen ging und erhaschen der Welt auf seine Weise , blieb Poncet in gelehrter Arbeit in der Stube im Fischerhause zurück . Da war Johanna in kleinen Betriebsamkeiten oder in dem launigen Leben in Wald und auf den Wiesen dann für sich festgehalten . Johanna mied es noch immer , mit Poncet allein zusammen zu sein . Aber das Kindstum von früher war in ihr jetzt doch heimlich ganz eingeschlafen . Wenn sie mit dem Hirten unter den Schafen plaudernd stand , sah sie viele Male neugierig nach der Richtung aus , woher Poncet kommen konnte . Poncets überlegene , verachtende Männlichkeit lockte sie