was verstanden , und ' s Roß braucht it so hart liegen . « » Bei mir g ' schieht dös , was i will . Und dös mirkst dir amal guat ! « Der Hansgirgl räumte verdrossen den Mist zusammen und streute frisch auf . Wie er mit der Arbeit fertig war , band er den Schurz ab und zog seinen Janker an . Eine Viertelstunde später saß er beim Wirt , und drei Stunden später saß er noch dort . Seinen Hut schob er von einem Ohr auf das andere , und jedesmal , wenn ihm die Kellnerin eine frische Halbe brachte , ließ er sie trinken . Er sagte , daß er sich nichts gefallen lasse . Und das müsse schon eine ganz andere Herrschaft sein , von der er sich was gefallen lasse . Er wolle die Arbeit tun , akkurat so , wie beim Dallhammer von Webling ; das Neumodische kenne er nicht und wolle er nicht , und es reue ihn , daß er vom Dallhammer weggegangen sei . Die Pferde daheim wurden unruhig , als zur Futterzeit niemand kam . Da ging der Schuller in den Stall und sah , daß der Hansgirgl ausgeblieben war . Er schüttete selber vor und war zornig über den Knecht , der nach so kurzer Zeit schon liederlich wurde . Als er ihn später durch den Hof gehen sah , trat er auf ihn zu . » Wo kimmst denn du her ? « - » I ? « » Ja , du . Woaßt du it , wann Fuatterzeit is ? « » I waar scho kemma . « » Du waar ' st scho kemma ! Müassen d ' Roß warten , bis du g ' nua g ' soffen hoscht . Du stinkst nach ' n Bier ! « » I ho gar it g ' soffen . Wegen dera Halbe brauch ' i mi net schimpfen lassen . « » Balst ma dös nomal tuast , daß d ' unter der Zeit zu ' n Wirt laafst , nacha schmeiß ' i di außi . « » So , du schmeißt mi außi ? « » Jawohl , schnell g ' nua . « » Na , dös tuast du net ! I geh ' a so und schaug mir um an richtigen Deanst in an richtigen Haus . « » Nimm di z ' samm ! « » I nimm mi gar it z ' samm . Mi hat ' s a so den ersten Tag g ' reut , daß i zu dir kemma bi . A jeder Mensch sagt ' s , daß ma bei dir it bleib ' n soll . Du bist ja gar koa Christ ! Du bist ja gar neamd ! « » Geh in dei Kammer und pack dei Sach ' ! Morg ' n in da Fruah machst , daß d ' weiter kimmst . Dei Büachl und dein Lohn für dös Monat schick ' i dir umi . Und sehg ' n will i di nimmer ! « Der Hansgirgl zog am nächsten Morgen ab . Einige Tage später ging auch die Mitterdirn nach einem geringfügigen Wortwechsel mit der Bäuerin . Die Bäcker Ulrich Marie wußte ihr einen besseren Platz , wo sie ihr Seelenheil nicht auf das Spiel setzen mußte . Fünfzehntes Kapitel » Der rechte Fuß setzt im Takt ein , der linke zieht einen Bogen nach rechts ! Also nochmal ! Eins , zwei , drei - vier , fünf , sechs ! « Der ehemalige herzogliche Hoftänzer Merkle gab Tanzunterricht , und es waren im Saale des Schimmelwirtes ein Dutzend Studenten und ebensoviel Bürgermädchen anwesend , welche die gesellige Kunst in sechs Lektionen erlernen wollten . Und Merkle war der Mann dazu , sie jedem beizubringen , weil er sie ernst nahm . Er hatte ein Buch über die Tanzkunst geschrieben und das begann so : » Der Tanz als Kunst ist die vollendetste ästhetische Formenbewegung , also das Symbol der plastischen Schönheit . Er ist das Streben , dem Körper die höchste Schönheit zu verleihen , ihn durch Anmut zu verklären , ihm ästhetische Bedeutung zu geben ; das wenigstens ist der Standpunkt , den ich als Repräsentant der modernen Tanzkunst einnehme . « Und er lebte nach diesem Glauben . Niemals stellte er seine Beine in gewöhnlicher Weise nebeneinander auf den Boden ; immer ruhte eines auf der Fußspitze , indem es sich in schönem Halbbogen wölbte ; niemals ballten sich seine Hände zu Fäusten zusammen , niemals steckten sie in Taschen , oder hingen bedeutungslos an ihren Gelenken . Sie vorzüglich hatten , wie Merkle sagte , die Aufgabe , durch Attitüden das Symbol der plastischen Schönheit darzustellen . Man erreicht dieses Ziel , indem man die kleinen Finger sich von den übrigen wegstrecken läßt und die gerundeten Zeigefinger an die Daumen preßt . Aber wenn Merkle für sich diese Vollendung erreichte , so war es ihm doch unendlich schwer , sie anderen mitzuteilen . Denn unter seinen Schülern waren Menschen , deren Gliederbau nicht zierlicher war als der von jungen Hühnerhunden ; und welche erst reiflichen Nachdenkens bedurften , wenn sie eine entferntere Extremität in Bewegung setzen wollten ; und welche eine runde Linie herstellten , indem sie eine gerade zwei-oder dreimal knickten . Es waren Menschen da , welche niemals einsahen , warum ihre Fersen nicht auch am Vergnügen teilhaben sollten , und welche wie vom Blitz getroffen umfielen , wenn sie ihr Dasein auf die Fußspitzen verlegen wollten . Und dann gab es Mädchen , welche die ganze Hilflosigkeit ihres Geschlechtes begriffen , wenn der Tanz begann . Und welche sich an die Herren klammerten , als müßten sie durch einen reißenden Fluß hindurchwaten , oder als würden sie aus einem brennenden Hause gerettet . Und wirklich , es war nicht leicht , sie alle so abzurichten , daß ihr Tanz als Symbol der plastischen Schönheit gelten mußte . Aber Merkle war der Mann dazu . Er gab dem fetten Herrn am Klavier ein Zeichen . Und dieser begann wieder : » Komm herab , o Madonna Theresa ! Sieh doch , wie schön ist die Nacht ! « Ein junger Mann riß eine Blondine grausam von den Freundinnen weg und begann , um sie herumzulaufen , und stieß ihr die Knie in den Leib und versuchte , ihr die Hüften abzudrehen , und schüttelte sie , als wolle er ihren ganzen Inhalt verstreuen . » Halt ! « Das Klavier schwieg . » Sie sind zu heftig , mein Herr ! « sagte Merkle . » Gerade der Walzer erleichtert den elastischen Schwung und verleiht dem Körper eine ungemein natürliche Grazie . Sehen Sie her ! So ! Der rechte Fuß setzt im Takt ein , der linke Fuß zieht einen Bogen nach rechts . « Die Musik begann wieder . » Komm herab , o Madonna Theresa ! Sieh doch , wie schön ist die Nacht ! « Der junge Mann versuchte aufs neue , die Hindernisse zu besiegen . Er biß die Zähne zusammen und schaute starr auf den Boden und trat mit den Stiefeln darauf herum , als müsse er eine Menge Ungeziefer tottreten , und dann schleuderte er wieder seine Füße von sich weg , als wolle er sie nie mehr in seinem Leben sehen , und dann drehte er sich in einem Wirbel um sich selber herum , als wäre durch seinen Leib eine Eisenstange gezogen . Und das blonde Mädchen hüpfte für sich allein auf und ab , da es diese ungeahnten Bewegungen nicht mitmachen konnte . » Halt ! « kommandierte Merkle . » Mein Herr , Sie müssen noch die Positionen der Füße üben ; in der Führung der Dame sind Sie nicht sicher genug . Ein anderes Paar ! Darf ich bitten ? « Ein langer Jüngling trat aus der Reihe vor und hielt seine rotwangige Tänzerin mit gestreckten Armen von sich weg . » Nehmen Sie eine ungezwungene Haltung an ! « mahnte Merkle . » Die Dame muß sich anschmiegen . In natürlicher Grazie , aber nicht zärtlich ! So ist es schon besser . Eins , zwei , drei - vier , fünf , sechs ! Gut ! Bravo ! Es geht ganz ordentlich , Herr Mang . Sie müssen nur Zwanglosigkeit zeigen . « Sylvester kam mit Ehren um den Saal herum , und der Tanzmeister sagte : » Sie werden eine gute Figur auf dem Kränzchen machen ; ich wäre sehr froh , wenn alle Herren so vorgeschritten wären . « Diese Übungen wurden nämlich nicht abgehalten in dem Streben , dem Körper die höchste Schönheit zu verleihen ; sie hatten einen besonderen Zweck . Die studentische Verbindung » Klio « wollte ein Kränzchen veranstalten , und ihre jungen Mitglieder mußten sich darauf vorbereiten . Sylvester war von einem Schulfreunde eingeladen worden , an der Tanzstunde teilzunehmen und das Kränzchen mitzumachen . Er sagte nicht sogleich zu , weil er in seiner Lage üble Deutungen und Nachreden scheute . Aber der alte Schratt erklärte ihm , daß es zu den notwendigen Erfahrungen des Lebens gehöre , ein hübsches Mädel im Tanze herumzuschwenken , und der Schulfreund erzählte ihm , daß die besten Familien eingeladen wären , und daß sehr feine Mädchen kommen würden , als zum Beispiel die Töchter des Herrn Rektors , und die Töchter des Magistratsrates Küfel , und die Tochter des Kaufmanns Sporner . Da ging Sylvester noch einmal in sich und sagte seine Beteiligung zu . Er hatte mit Traudchen nie mehr gesprochen seit jenem Abend . Gesehen hatte er sie des öfteren , d.h. zweimal , wie er genau wußte . Zuerst in der Woche vor Weihnachten , als er abends durch die Theatinerstraße wandelte . Da drängten sich die Leute und bewunderten die festliche Pracht der Auslagen . Plötzlich sah er vor einem Laden eine stattliche Dame stehen , neben ihr ein schlankes Mädchen , dessen reiches Haar in einem schönen Knoten gebunden war . Und der Studiosus Mang verspürte ganz plötzlich Herzklopfen und blieb wie angewurzelt stehen , indem er seine Augen auf das Pelzbarett und den Haarknoten gerichtet hielt . Zufällig wandte die junge Dame den Kopf , und zufällig traf ihr Blick den langen Studenten . Er zog hastig den Hut , aber er war zu schüchtern , um sie genau anzusehen . Überdies stieg ihm das Blut heiß in den Kopf , und außerdem hatte er Ohrensausen . Das alles gab mit dem Herzklopfen bedenkliche Krankheitserscheinungen und trübte seine Beobachtungsgabe . So wußte er nicht , hatte sie ihm wirklich zugenickt , und hatte sie wirklich freundlich gelächelt , und war sie wirklich rot geworden ? Oder kam das von den bunten Glühlampen , welche hinter dem Auslagefenster brannten ? Sylvester dachte lange über diese Sache nach und kam zu keinem abschließenden Urteile . Die zweite Begegnung fand einige Wochen später statt . Den 3. Januar , nachmittags , auf dem Maximiliansplatze . Sylvester ging mit dem Sohne des Hannes Weiß aus Pirmasens . Er belehrte ihn , daß der Diktator Lucius Cornelius Sulla nicht , wie John White jun. angenomen hatte , den Cajus Julius Cäsar ermordete , und daß man einen solchen Verdacht schon deshalb nicht nähren könne , weil der Cornelius Sulla ungefähr vierunddreißig Jahre vor dem ruchlosen Morde gestorben war . In diesem Vortrage hielt Sylvester plötzlich inne , als zwei junge Mädchen mit fröhlichem Lachen um die Ecke bogen . Und er zog wieder hastig seinen Hut und wußte wieder nicht , ob Fräulein Traudchen Sporner seinen Gruß freundlich aufgenommen hatte . Diesmal aber erhielt er Gewißheit . Als er seine Rede etwas zerstreut wieder aufnahm und sich über die persönlichen Verhältnisse des Cornelius Sulla ausließ , sagte John White jun. : » Ich glaube , sie hat gewartet , daß Sie mit ihr sprechen . « » Wer ? « » Die junge Dame , welche Sie gegrüßt haben . Sie ist mit der anderen vor dem Laden stehen geblieben und hat hineingesehen . « » Das wissen Sie nicht , John . Man darf eine Dame nicht anreden . « Sylvester sagte das so bestimmt , als verkünde er eine große Wahrheit . Innerlich machte er sich Vorwürfe über sein Verhalten . Er malte sich umständlich aus , wie er sich hätte benehmen sollen , und was dann gewesen wäre . Wenn er zum Beispiel Fräulein Traudchen angesprochen hätte : » Ich wollte mich nur nach dem Befinden Ihrer werten Eltern erkundigen « , oder : » Darf ich mir die Frage erlauben , ob Sie im Klavierspielen noch immer so große Fortschritte machen ? « Es war zu vermuten , daß die junge Dame freundlich geantwortet hätte , und dann war die Möglichkeit geboten , noch einige detaillierte Fragen zu stellen nach dem besonderen Befinden des Papa Sporner und dem besonderen Befinden der Mama Sporner , ja , sogar nach den Erlebnissen der Tochter selbst . Sylvester nahm sich fest vor , die nächste Gelegenheit nicht wieder so töricht zu versäumen und gründlich das Gesetz zu übertreten , welches er soeben feierlich dem John White jun. kundgegeben hatte . Aber das Schicksal ließ ihn diesen Fehltritt nicht begehen . Obwohl er von nun ab für seine belehrenden Spaziergänge immer wieder den Maximiliansplatz wählte , unterbrachen ihn keine lachenden Mädchen mehr , und er konnte ganz ungestört alle Irrtümer beseitigen , welche sich in die geschichtlichen Kenntnisse seines Schülers eingeschlichen hatten . Jetzt ging Sylvester in seinen kühnen Plänen weiter . Er wollte möglichst oft den Weg durch die Rosengasse nehmen und so den ersehnten Zufall mit Gewalt herbeiführen . Er konnte doch wie andere Menschen ganz unbefangen an der Firma Sporners selige Erben vorübergehen , auch zufällig zum dritten Fenster im ersten Stocke hinaufsehen und zufällig einem Mitgliede der Familie begegnen . Solche Vorsätze faßte Sylvester Mang und hielt an ihnen fest , bis er an die Ecke der Rosengasse kam . Hier kehrte er jedesmal wieder um und legte sich die Gründe vor , welche gegen das Unternehmen sprachen . Doch einmal faßte er sich ein Herz und bog mit unbefangener Miene in die Gasse ein . Aber seine Schritte wurden langsamer , je näher er an das Haus kam . Er schlich hart an der Wand von Sporners seligen Erben vorbei , und als er zur Ladentüre kam , machte er mit abgewandtem Gesichte drei große Schritte , um den Blicken der Madame Sporner zu entgehen , welche von der Kasse aus die Straße übersehen konnte . Ach , wie lieblich duftete der Kaffee ! Wie freundlich glänzte der Messinggriff an der Türe ! Und wie lustig rauchte der Neger auf dem gemalten Schilde ! Das würde nun so kommen , dachte Sylvester . Herr Assessor Schratt und er würden den Ball besuchen . Herr Assessor Schratt würde die Familie Sporner begrüßen , und da müßte sich eine gute Gelegenheit finden , daß er sich gleichfalls dem Papa , der Mama und dem Fräulein in Erinnerung bringen konnte . » Warum soll ich noch auf einen Ball gehen ? « fragte Schratt . » Bitte , sagen Sie zu ! Sie werden sich sehr gut unterhalten , « bat Sylvester . » Das weiß ich nun gar nicht . « » Gewiß ; Sie werden sehen . Hufnagel sagt , es kommen sehr feine Familien . « » Wer ist Hufnagel ? « » Der Vorstand der ' Klio ' . Er studiert Philologie . « » Das verrät allerdings eine gewisse Gediegenheit des Charakters . Und er übernimmt die Garantie , daß nur feine Familien kommen ? « » Ja , bekannte Bürger und höhere Beamte . « » Höhere Beamte , bekannte Bürger . Sagen Sie , Sylvester , wird sich unter den bekannten Bürgern auch ein gewisser Michael Sporner befinden ? Mich interessiert das , weil dieser Herr mein Tee- und Tabaklieferant ist . « Sylvester wurde rot , und der alte Max Schratt nahm die Pfeife aus dem Munde und lachte herzlich . » Sie sind einmal ein Duckmäuser ! Seit zwei Tagen schildern Sie mir alle Herrlichkeiten , die mich auf dem Balle erwarten , und die Hauptsache verschweigen Sie ! « » Ich dachte ... « » Sie dachten , daß ich hingehen sollte , um wieder einmal höhere Beamte zu sehen ? « » Also werden Sie kommen ? « » Vielleicht . Weil Sie ein guter Kerl sind . « » Ich kann Ihnen nicht sagen , wie mich das freut . Ich bin Ihnen so dankbar ! « » Was versprechen Sie sich eigentlich von mir ? Soll ich den Eltern Ihre Vorzüge schildern ? « » Nein , wenn Sie nur dort sind ! Dann traue ich mich , mit der Familie zu reden . « » Schön ! Reden Sie mit der Familie , vergessen Sie dabei aber nicht , das hübsche Fräulein Traudel zu engagieren ! Ich werde mein möglichstes tun , um das Gemüt des Herrn Sporner zu erheitern . Post epulas sermones haberi solent . Nach dem Souper gibt man sich Gesprächen hin . Ich will ihn fragen , wo der beste Teestrauch wächst . « Dem Sylvester Mang war eine große Last vom Herzen genommen , als er die Zusage seines alten Freundes hatte . Er sollte ihm ein Schild sein gegen die erstaunten Blicke der Madame Sporner , ein Bote seiner aufrichtigen Verehrung für sie , der wohlwollende Erklärer aller Tatsachen , welche seine Teilnahme an solchen Lustbarkeiten entschuldigen konnten . Der Ball wurde abgehalten im Hackerbräusaale ; begann des Abends acht Uhr mit einer Polonäse und endete am frühen Morgen mit einem Kotillon ; begann mit steifen Verbeugungen der jungen Männer , scheuen Blicken der Mädchen und endete mit fröhlichem Plaudern , begann mit einem schmerzlichen Lächeln des Herrn Merkle und endete mit der ausdrucksvollen Gebärde seiner Zufriedenheit . Sylvester war frühzeitig gekommen . Er wollte auf Schratt warten , aber der schickte ihn fort . » Ich muß mit Gemütsruhe essen , « sagte er . » Und ich will Ihre herzklopfende Ungeduld nicht auf die Probe stellen . Sie würden heimlich die Minuten zählen und mich für ein gefühlloses Scheusal halten . Gehen Sie nur voran und erwarten Sie mich auf dem Schlachtfelde ! « Dann stand Sylvester an der Saaltüre bei den Jüngern der Klio . Keiner zeigte Fröhlichkeit oder jugendlichen Leichtsinn . Einige zerrten an ihren Handschuhen , andere richteten ihre Scheitel ; alle blickten sorgenvoll in die Welt . Merkle trat unter sie und gab ihnen die letzten Verhaltungsmaßregeln . » Also ein devotes Komplimang , wenn Damen eintreten . Anweisen der Plätze durch die Komiteemitglieder . Sieht man Bekannte , so eilt man auf sie zu , begrüßt sie herzlich und ist ihnen hehilflich . Und heiter , meine Herren ! Fröhliche Mienen ! Damit sofort eine gehobene Stimmung Platz greift . Mit dem Engagieren erst beginnen , wenn die Gäste möglichst vollzählig erschienen sind ! Man nähert sich hierbei der jungen Dame bis auf zwei Schritte , macht ein Komplimang , tritt noch einen halben Schritt vor und sagt : ' Gnädiges Fräulein , darf ich ergebenst um die Tanzkarte bitten ? ' Dann zeichnet man seinen Namen mit deutlicher Schrift ein : die Dame tut das Gleiche . Es ist Sache der Herren , sich genau den Namen , auch den Platz der Dame zu merken . Verwechslungen können zu sehr unangenehmen Ereignissen führen . Und jetzt noch einmal , fröhliche Mienen ! Man kommt . « Der Diener öffnete die Saaltüre . Ein beleibter Herr , eine stattliche Dame , zwei Engel in rosafarbenen Kleidern . Der lange Jakob Hufnagel stürzte auf sie los , als wollte er einen feindlichen Angriff gegen sie ausführen . Die stattliche Dame wich ihm aus , und Merkle eilte herbei , um diese erste Verwirrung zu schlichten . Es gelang ihm , die Familie zu beruhigen und dem beleibten Herrn zu erklären , daß sich der Präses Hufnagel lediglich die Ehre geben wolle , den Herrschaften Plätze anzuweisen . Von jetzt an war die Saaltüre in steter Bewegung . Duftige Gestalten schwebten herein , geschmückte Mädchen drängten sich aneinander und flüsterten sich Geheimnisse zu , kernige Bürger schritten neben ihren Gattinnen einher , und über die Köpfe der Eintretenden weg fiel der Blick auf leuchtende Gestalten , die sich in der Garderobe aus ihren Mänteln schälten . Unaufhörlich flutete es in den Saal , vorüber an den Söhnen der Klio , welche angesichts der Herrlichkeiten immer beklommener wurden . Sylvester ließ seine Blicke suchend über die Gäste gleiten . » Jetzt ! « dachte er , so oft die Türe geöffnet wurde . » Nein . Wieder nicht . « Seine Hoffnung sank . Vermutlich würden sie nicht kommen . Vermutlich hatte Madame Sporner erfahren , daß Leute erscheinen würden , welche sie schon einmal hatte zurechtweisen müssen . Und da hatte Madame Sporner gewiß erklärt , es sei unpassend , diese Unterhaltung zu besuchen . Die tiefe Baßstimme Hufnagels weckte ihn aus seinen düsteren Gedanken . » Mang , glaubst du nicht , es wäre allmählich Zeit , mit dem Engagieren zu beginnen ? « Sylvester blickte den Freund verständnislos an . Was bedeutete diese Sache für ihn ? Was bedeutete der ganze Ball für ihn ? Er antwortete irgend etwas und sah nach der Türe , die sich soeben wieder auftat . Da ! Die majestätische Gestalt der Frau Sophie Sporner erschien . Ihr Seidengewand rauschte so lebhaft , wie sich das ein echter und gediegener Stoff erlauben darf . Dann kam eine junge Dame in Weiß , deren Augen ein wenig forschend im Saale herumwanderten und lustig blitzten , als sie auf Sylvester fielen . Und dann kam im Bratenrocke der gutmütige Papa . Es war nicht mehr anzuzweifeln , die Firma war anwesend . Sylvester überlegte . Sollte er hineilen und die Eltern begrüßen ? Merkle hatte dies vorgeschrieben ; aber seine Lehre war für geübte Truppen berechnet , nicht für Jünglinge , denen Ehrfurcht die Kehlen zuschnürt . Sylvester sagte sich , daß er auf Schratt warten müsse . In drei Minuten war es acht Uhr , und er hatte versprochen , pünktlich zu sein . Wieder sagte die Baßstimme neben Mang : » Jetzt sollten wir zum Engagement schreiten ! « Zum Glück für Sylvester war der zweite Vorstand des Vereines , Herr Theodor Schmelzte , ein Jurist und erklärte , daß der Wortlaut des Programmes maßgebend sei . Hiernach beginne der Ball Punkt acht Uhr , das Engagieren bilde aber einen Bestandteil des Balles , und ergo treffe auch hierfür die Zeitbestimmung zu . Ob das richtig war oder nicht , jedenfalls dauerte die Interpretation so lange , daß in der Zwischenzeit der ungeduldig erwartete Schratt auftauchte . Sylvester begrüßte ihn stürmisch . » Ich habe schon geglaubt , Sie kommen zu spät . Das Engagieren kann nicht mehr verschoben werden ! « » So ? Na , einen Platz werde ich noch kriegen . Ist die angesehene Bürgersfamilie bereits anwesend ? « » Ja . « » Die wollen wir aufsuchen . « Schratt ging auf die Familie Sporner zu mit einem Mute , der Sylvester Bewunderung einflößte . Er fand freundlichen Willkommen . Und Frau Sporner sagte mit sichtlichem Vergnügen : » Der Herr Assessor ! An Sie hätte ich wirklich nicht gedacht . « » Das klingt beinahe wie ein Vorwurf und tut mir in der Seele weh . Aber erlauben Sie , daß ich Ihnen einen jungen Freund vorstelle ? Herr Studiosus Mang . « » Ja , der Herr Mang ! Wie geht ' s Ihnen denn ? Und warum sieht man Ihnen denn gar nimmer ? « Papa Sporner hatte ein schlechtes Gedächtnis , und er verstand es nie , seine Gefühle zu meistern , zu temperieren und zu dirigieren . Er schüttelte Sylvester so herzlich die Hand , als hätte man ihm niemals angeraten , vorsichtig zu sein , und er brachte es fertig , diesen jungen Mann ganz ehrlich zu fragen , warum er so plötzlich seine Besuche unterlassen habe . Vielleicht zog er sich durch dieses Benehmen gerechten Tadel zu ; vorerst aber verscheuchte er damit alle Verlegenheiten . Madame Sophie war gütig , Traudchen war fröhlich , und in Sylvester erwachte eine seltsame Kühnheit . Als man das Zeichen zur Polonäse gab , bot er dem jungen Mädchen furchtlos seinen Arm an und führte es sicher und männlich durch die Reihen der Gäste , daß sich der Kandidat Hufnagel höchlich darüber wunderte . Denn er selbst war erst nach manchen Fährlichkeiten von Merkle an die führende Stelle gebracht worden . An seinem Arme hing der eine von den rosafarbenen Engeln und reichte ihm kaum zum zweiten Knopfe seiner Weste . Anfänglich hatte das Mädchen versucht , ein Gespräch zu führen , aber seine Stimme drang nur schwach zu dieser Höhe hinauf . Und seine Mitteilungen klangen wehmütig und trostlos . Hufnagel hörte zuerst darauf und beugte seinen Oberkörper vor , als blicke er in einen Brunnen , aus dessen Tiefe jemand um Hilfe schrie . Er schickte seine Stimme hinunter zu dem armen Wesen und sagte ihm , daß der Boden glatt sei , und daß man sich vor dem Fallen hüten müsse . Nach diesen Warnungen schwieg er . Das Mädchen konnte nicht leugnen , daß sie berechtigt waren , denn als die Polonäse begann und Hufnagel mit seinen langen Beinen weite Spuren setzte und das Mädchen atemlos neben ihm herlief und den Arm immer höher strecken mußte , um den letzten Halt nicht zu verlieren , da hatte es oftmals die Füße in der Luft und dankte jedesmal dem lieben Gott , wenn es wieder festen Boden gewann . Aber was bedeutete das gegen die Schrecknisse des Walzers ? Gegen die Gefahren , als jetzt Hufnagel um die Jungfrau herumsprang ? Als seine Beine sich gebärdeten , als wären sie ganz für sich allein wahnsinnig geworden , während der Oberkörper immer steifer wurde ? Als seine Stiefel die wütendsten Angriffe gegen ihre kleinen Ballschuhe machten , auf sie lostraten , wo sie sich nur blicken ließen ? Was blieb ihr übrig , als angstvoll auf den Boden zu stieren und ihre Füßchen vor diesen rasenden Ungeheuern zu retten ? Sie konnte nicht fliehen , denn zwei derbe Hände hielten sie fest , sie konnte nicht schreien , denn die Musik verschlang ihre Stimme . Sie konnte nichts tun , als dulden und durch verzweifelte Sprünge ihre Zehen in Sicherheit bringen . Endlich war der Tanz zu Ende . Die feindlichen Beine machten noch einige Zuckungen und kamen langsam zur Ruhe . Und dann führte Hufnagel das zitternde Mädchen zu seiner Mutter und verbeugte sich vor ihm und lächelte ihm zu und sagte , er würde hoffentlich noch einmal die Ehre haben . Sylvester war glücklich . Aber das Glück machte ihn nicht gesprächig ; er ging schweigend neben seiner Tänzerin und freute sich , ihre kleine Hand auf seinem Arme zu fühlen . Einmal fanden sich ihre Augen , da wurden die zwei jungen Menschen rot . Und nach einer Weile sagte Sylvester : » Ich habe Sie seit dem Abend nur zweimal gesehen . « Traudchen lächelte . » Das letztemal auf dem Maximiliansplatz . « » Ja , ich wollte mir erlauben , Sie anzusprechen und mich nach Ihrem Befinden erkundigen . « » Warum haben Sie es nicht getan ? « » Ich war nicht allein , und Sie waren in Gesellschaft . « » Meine Freundin , die Käthl Hauck . Sie ist heute auch da ; Sie müssen mit ihr tanzen . « » Gerne . « » Können Sie jetzt tanzen ? Sie haben mir früher erzählt , daß Sie nie dazu kamen . « » Ich habe es jetzt gelernt . « » Mama war , glaube ich , überrascht , daß Sie auf dem Ball sind . « - » Sie auch ? « Traudchen errötete leicht , und dann lachte sie fröhlich . » Ich habe gewußt , daß Sie kommen . « » Wer hat es Ihnen gesagt ? « » Die Käthl Hauck , und die hat es von Herrn Hufnagel gehört oder von seiner Schwester . Das ist das ganze Geheimnis . Aber jetzt kommt der Walzer . « Sylvester machte sein Kompliment nach der Vorschrift des Herrn Merkle und nahm das frische Mädel um die Mitte . Und schwenkte es tapfer im Reigen . Nach dem Tanze führte er Traudel zu den Eltern , plauderte mit ihnen , ließ sich dem Fräulein Hauck vorstellen und benahm sich mit einer so fröhlichen Sicherheit , daß der alte Schratt ihn vergnügt betrachtete . Auch Madame Sporner sah ihn prüfend an . Dieser junge Mann hatte sich verändert ; nicht zu seinem Nachteile , das mußte sie gestehen , aber sein Wesen bestärkte sie in einer Vermutung . Manche flüchtige Bemerkung des alten Schratt war ihr aufgefallen ; sie hatte nicht bloß das warme Interesse für Sylvester herausgehört , auch eine bestimmte Absicht . Es war so , als wollte er andeuten , daß ein Kandidat der Theologie nicht immer Pfarrer werde . Die Bemerkungen waren in scherzhaftem Tone gemacht , so nebenbei und unauffällig . Aber Madame Sporner hatte gute Ohren . Michael Sporner nicht . Michael Sporner war ahnungslos und schwor , daß keine Klatscherei von bissigen alten Jungfern ihn abhalten könne , brave musikalische Jünglinge zu bewirten . Und draußen im Saale ging der Ball weiter . Merkle sah mit Zufriedenheit , daß der Ton lebhafter wurde . Die jungen Herren suchten nicht mehr mit schmerzverzerrten Gesichtern nach Unterhaltungsstoffen ; die Mädchen zeigten nicht mehr die Mienen , welche sie für Kondolenzbesuche gelernt hatten ; sie waren dankbar für jedes scherzhafte Wort und belohnten es mit hellem Gelächter . Sylvester war mitten im Strudel und holte sich von allen Seiten Anerkennung und Lob .