ihm nur gesagt , die Jugend gehe schnell vorbei , und nachher kommen die Sorgen , darum sei man dumm , wenn man seine Jugend mit Warten hinbringen wolle . Damals sei er an allem verzweifelt , und wenn er nicht aus der Schrift von Engels gegen Dühring gelernt hätte , daß die Handlungen der Menschen durch die Verhältnisse bestimmt werden , so hätte er vielleicht dem Mädchen etwas angetan ; nun aber sei das lange her , und er sehne sich nach Weib und Kind , und besonders wenn er bei Weiland gewesen sei , der zwar sehr leichtfertig gehandelt habe , daß er sich außer der Küche noch Stube und Schlafzimmer gemietet ; wenn er sich jedoch die Mädchen ansehe , so habe er zu keiner Lust , daß er sie heiraten möchte , denn mit den Jahren werde man immer bedenklicher , wiewohl ja alles Überlegen doch nicht vor einem falschen Schritte bewahren könne , denn Heiraten sei immer ein Glücksspiel . Aus diesen Reden ging hervor , daß der treuherzige Mann wohl schon seine Augen auf ein bestimmtes Mädchen gerichtet hatte , aber er scheute sich vor dem letzten Schritt aus Furcht , wie denn ja auch Personen seines Schlages , wenn sie nicht ein ganz besonderes Glück haben , übel anzulaufen pflegen in der Ehe . Als die Weihnachtszeit heranrückte , beschlossen Hans und Karl , nicht nach Hause zu reisen , sondern sie wollten das Fest bei ihren Freunden verleben , die ihrer Meinung nach ihrem Herzen jetzt am nächsten standen . So besorgten sie in Fröhlichkeit die kleinen Geschenke , die sie für einander und für die andern Freunde ausgesucht hatten , pilgerten hinaus zu der entfernten Straße und erstiegen die vielen Treppen der hohen Wohnung . Hier zeigte es sich , daß die Frau den Baum herrichtete , und daß der Mann mit den Gästen in der Küche warten mußte , und war außer den beiden Studenten noch Jordan anwesend und jenes Mädchen , mit dem Karl sein Liebeserlebnis gehabt ; über dieses unerwartete Wiedersehen schien Karl verlegener wie sie , denn sie reichte ihm unbefangen die Hand und schüttelte sie kräftig ; Jordan lachte , wie er Karls linkische Gebärde sah , und die andern merkten wohl , daß zwischen ihr und Jordan Einvernehmen war . Da wurde die Tür geöffnet und alle traten ins Zimmer , wo auf dem deckengeschützten Salontisch ein niedlicher Weihnachtsbaum brannte , und die Frau stand zur Seite und hatte das Kind auf den Armen , das zwar noch ziemlich teilnahmslos war , und hielt in einem Händchen seine Kinderklapper und sah mit etwas hängendem Kopf auf den Boden , ungeachtet aller Aufmunterung der Mutter , es solle den Weihnachtsbaum betrachten . Die andern legten verstohlen die mitgebrachten Geschenke an die passenden Plätze und zeigten dann ihre Bewunderung der Anordnung durch Ausrufe und Lobpreisungen , welche die Frau mit bescheidenem Stolze annahm . Der kleine Weihnachtsbaum mit seinen Kerzen zeigte sich noch einmal im Spiegel , neben dem die Bilder von Marx und Lassalle friedlich herabsahen . Aus vielen Wohnungen des viereckigen Hofes glänzten durch das Fenster andre Bäume , und das Bewußtsein , daß hier überall sich Menschen freuten , machte noch froher und glücklicher . Da stimmte Weiland mit Heller Stimme die Arbeitermarseillaise an : Wohlan , wer Recht und Wahrheit achtet , Zu unsrer Fahne steht zuhauf . Wenn auch die Lüg ' uns noch umnachtet , Bald steigt der Morgen hell herauf ! Ein schwerer Kampf ist ' s , den wir wagen , Zahllos ist unsrer Feinde Schar , Doch ob wie Flammen die Gefahr Mög ' über uns zusammenschlagen , Nicht zählen wir den Feind , nicht die Gefahren all ! Der kühnen Bahn nur folgen wir , Die uns geführt Lassall ' . Den Feind , den wir am tiefsten hassen , Der uns umlagert schwarz und dicht , Das ist der Unverstand der Massen , Den nur des Geistes Schwert durchbricht . Ist erst dies Bollwerk überstiegen , Wer will uns dann noch widerstehn ? Dann werden bald auf allen Höhn Der wahren Freiheit Banner fliegen ! Das freie Wahlrecht ist das Zeichen , In dem wir siegen ; nun wohlan ! Nicht predigen wir Haß den Reichen , Nur gleiches Recht für jedermann . Die Lieb ' soll uns zusammenkitten , Wir strecken aus die Bruderhand , Aus geist ' ger Schmach das Vaterland , Das Volk vom Elend zu erretten . Alle fielen ein , und die mächtigen und jubelnden Töne des Liedes erfüllten den engen Raum und klangen hinaus über den viereckigen Hof mit den gleichförmigen Lichterreihen der Fenster ; und bald öffneten sich hier und da Fenster , und neue Stimmen aus den andern Wohnungen fielen ein , und am Ende sangen alle die armen Leute , die rings um diesen Hof in dürftigen und engen Stuben wohnten , und ihr Lied stieg in die Höhe aus der Stätte ihrer täglichen Hoffnungslosigkeit und Sorge zu dem klaren und sternenfunkelnden Himmel ; und unser lieber Vater im Himmel hat es gewiß gern gehört , wenn es auch nicht fromm war und die großen Kinder nicht an ihn glauben wollten , und hat sich seines lieben deutschen Volkes gefreut , daß auch solche Leute , denen so wenig Gutes geschieht , doch so rechtlich und brav denken . Wie der Gesang beendet , waren alle tief ergriffen ; das waren einfache Arbeiter , die täglich in ihre Fabrik gehen und Schuhe machen für den gemeinen Bedarf , die ganzen langen Stunden des Tages hindurch ; und Studenten , die eben den ersten Schritt hinaus taten in die Freiheit des Geistes ; die armen Leute , die an die knechtische Arbeit für die Notdurft gefesselt sind , stehen gewiß auf der tiefsten Staffel der Leiter , und diejenigen , die zu geistiger Freiheit zu dringen vermögen , auch wenn sie äußerlich nur bescheidene Stellen erringen , stehen doch gewiß auf der höchsten Staffel ; aber wiewohl die größte Entfernung zwischen ihnen war , die unter Menschen möglich ist , so fühlten sie sich doch als wahre Brüder , die sich lieb hatten und sich nicht einer über den andern erhoben dachten ; und wurde so wieder einmal lebendige Tat , was unsre Vorfahren meinten , wenn sie sagten , daß vor Gott alle gleich sind , welches Wort heute für die meisten eine sinnlose Rede ist . In dieser neuen und wunderlichen Stimmung erhielten die armen Geschenke , die sie einander machten , und ihre Gefühle , die sie hatten , einen ganz andern und ernsteren Sinn wie vorher , denn es war ihnen wie frommen Leuten in der Kirche , und nachdem erst ein Schweigen auf den Gesang erfolgt war , wagten sie eine kurze Weile nicht laut zu sprechen . Hier begann nun Jordan , ergriff die Hand des Mädchens und sagte , daß er sich diesen Abend ausgesucht , um ihnen als seinen Freunden mitzuteilen , daß sie beide sich verlobt hätten . » Zwar weiß ich , « fuhr er fort , und das Mädchen erglühte rot , » was vorher mit ihr geschehen ist ; aber ich habe bedacht , daß ich selbst sogar mehrere Liebschaften früher gehabt habe , und deshalb wäre es ungerecht von mir , ste zu tadeln , vielmehr wollen wir doch alle , daß auch die Liebe frei und ohne Zwang sein soll ; denn freilich wäre jede solche Verbindung unsittlich , die nicht frei wäre , und wahrscheinlich werden in der künftigen Gesellschaft , wo die Not und die Gewalt fehlen , die heute alles Böse erzeugen , die Menschen in Bälde so veredelt sein , daß sie gleich zuerst und ohne einen Irrtum erkennen , für welchen Gatten ein jeder bestimmt ist , dem sie dann angehören ohne Wanken , in Freiheit , aber in Treue . « Nach diesen Worten schwieg er ; die andern aber freuten sich und wünschten ihnen beiden Glück , und als erster gab Karl der Braut die Hand mit frohem Gesicht . Hierauf mußte zuerst die Kleine zu Bett gebracht werden , und die Braut , die aus Verschämtheit nicht in der Gesellschaft der Männer ausharren mochte , ging in die Küche , den Tisch für alle zu decken und das Mitgebrachte auszupacken , das jeder für das gemeinsame Abendbrot hier niedergelegt hatte . Und während sie das glänzende Tischtuch ausbreitete und in die Mitte die Lampe stellte , und das wenige Geschirr verteilte , das nicht ausreichte für so viel Gäste , besprachen die vier Männer unter dem brennenden Baum ernste Dinge des Parteilebens , denn bei einer Haussuchung war eine Abrechnung gefunden , aus der auf die Einzelheiten der Organisation geschlossen werden konnte , und gleichzeitig mutmaßte man , daß die Polizei einen Angeber gefunden hatte , der vieles wußte , weil sie in der letzten Zeit ganz sonderbares Glück gehabt bei ihren Verhaftungen . Das erfüllte alle mit banger Sorge , und es wurde viel geraten und gedacht , wo wohl der Verräter zu suchen sei , und Weiland sagte , er habe jetzt immer ein schlechtes Gewissen , daß er in solchen Zeiten der Gefahr sich vom Leben der Partei so fern halte , aber die andern hielten ihm vor , daß es doch besser sei , wenn die Unverheirateten sich den Gefahren aussetzen , weil diese durch Gefängnis und Ausweisung ja nicht in ihrer Lebenshaltung bedroht würden wie ein Familienvater , denn ein solcher könne vielleicht ganz zugrunde gehen durch eine Verfolgung . Inzwischen hatte die Frau das Kind besorgt und war dann in die Küche gegangen , der andern zu helfen , und nun rief sie mit heiterem Gesicht die Männer in den engen und reinlichen Raum , wo durch die Küchenbank und den Holzstuhl und umgekehrte Kisten allerhand Sitzgelegenheiten geschaffen waren um den sauberen Tisch . Aber als sie eben sich unter allerhand Scherzen setzen wollten , ertönte plötzlich die Klingel im Flur ; die Frau rief noch fröhlich aus , das seien ihre Eltern , die sie überraschen wollten , trotzdem sie erst für den Feiertag einen Besuch verabredet hätten , und sprang glücklich zur Tür ; doch wie sie ungestüm öffnete und eben die Draußenstehenden umarmen wollte , prallte sie erstaunt zurück , denn ein feiner Herr im Zylinder , ein andrer Herr im gewöhnlichen Anzug , ein Polizeioffizier und zwei Schutzleute traten ein und gingen in die Stube , wo noch der Weihnachtsbaum brannte ; die andern kamen ihnen aus der Küche entgegen , und so war der enge Raum plötzlich ganz mit Menschen angefüllt . Da gab sich der Herr mit dem Zylinder als der Staatsanwalt zu erkennen , der andre Herr war sein Sekretär . Er teilte Weiland mit , daß er genötigt sei , bei ihm eine Haussuchung vorzunehmen , und drückte sein Bedauern aus , daß er gerade am heutigen Abend kommen müsse ; Weiland lachte über diese letzte Rede und deutete ihm an , er solle tun , was sein Amt verlange . Nun wurden zuerst die Anwesenden nach Namen , Wohnung und Grund ihres Hierseins befragt und ihre Antworten von dem Sekretär aufgeschrieben , dann begann das Nachsuchen , währenddessen die Schutzleute die Freunde genau beobachten mußten , wiewohl sie eine Art freundlichere Stimmung gegen die Überfallenen zu haben schienen , die freilich durch den Ernst der Amtspflicht verborgen wurde . Mit umständlicher Gründlichkeit wurde erst das Schränkchen untersucht nach etwaigen Schriftstücken ; zornbebend mußte die arme Frau zusehen , wie ihre geringe Wäsche von den Männern hin und her gewendet wurde , und mit Mühe hielt Jordan sie zurück , daß sie nicht schalt . Endlich fand der Polizeioffizier ein dünnes Paket Briefe auf , das er dem Staatsanwalt reichte , aber plötzlich stürzte sich die Frau auf ihn zu , entriß ihm das Paket und hielt es unter ihrer Schürze . Ein Lärmen und eine heftige Bewegung entstand , sie rief , das seien ihre Briefe , die sie ihrem Manne in der Verlobungszeit geschrieben ; der Staatsanwalt suchte die Peinlichkeit durch Beschwichtigungen zu heben , die Freunde redeten ihr zu , daß sie nicht durch unnützen Widerstand noch etwas Schlimmes anrichten möge ; da gab sie die Briefe zurück , das feurige Rot der Scham im Gesicht , warf die Schürze vor die Augen und setzte sich weinend in die Sofaecke , wo die Freundin sie mit unterdrückter Stimme zu trösten suchte . Unterdessen fuhren die andern mit ihren Nachforschungen fort in der wunderlichsten Weise , indem sie selbst die Bilder von der Wand nahmen und hinter ihnen versteckte Schriftstücke suchten , den Teppich aufhoben und sich an den Dielen bemühten . Mit einem Eifer und einer Ernsthaftigkeit verfuhren sie , als seien die wichtigsten Dinge hier aufzufinden , durch welche das Bestehen des Staates in Frage gestellt werde , und das glaubten sie auch wohl wirklich . Weiland hatte der Gesellschaft den Rücken gekehrt und sah schweigend durch die Fensterscheiben , weil er vermutete , daß er einen Ausweisungsbefehl bekommen werde , wenn auch die Haussuchung fruchtlos verlaufen mußte , und er wußte nicht , was dann mit seiner jungen Frau und dem Kinde werden sollte , bis er an anderm Ort wieder Arbeit gefunden hatte ; denn durch die Natur seiner Arbeit war er auf die wenigen großen Städte angewiesen , wo es Fabriken gab , in denen er arbeiten konnte ; die standen aber meistens unter dem Belagerungszustand . Und wenn er wirklich anderswo eine Stelle für sich ausfindig machte , wo er vor neuer Ausweisung sicher war , so dauerte es doch erst eine Weile , bis er wieder zu seinem gegenwärtigen Lohn kam , denn als ein tüchtiger und erprobter Arbeiter wurde er besonders gut bezahlt ; und dann machte der Umzug noch große Kosten , die er gar nicht aufzubringen vermochte , weil sie beide ihre Ersparnisse für die Einrichtung ausgegeben hatten . In Gedanken sagte er halblaut zu sich : » Das ist doch unrecht , das ist doch unrecht . « Hans , der neben ihm stand , drückte ihm still in einem überquellenden Gefühl die Hand . Auf dem Tisch unter dem Weihnachtsbaum lag der erste Band des » Kapital « von Marx , als ein Geschenk von Hans . Der Sekretär schlug das Buch auf , wies dem Staatsanwalt eine Seite mit vielen Formeln , die sehr gelehrt und schwer verständlich schien , und zuckte dabei als ein hochmütiger Subalterner die Schulter , indem er dabei doch die schuldige Demut gegen den Vorgesetzten zur Schau trug . Hierauf wurde sehr genau das kleine Bücherbrett durchsucht und die Bände einzeln herausgenommen und nach Schriftlichem durchblättert , und weil sich in der kleinen Sammlung mehrere Bücher und Hefte fanden , die verboten waren , so wurden die dem einen Schutzmann zum Mitnehmen übergeben . So gedrückt und unfrei allen zu Mute war , so mußte sich doch Hans fast des Lachens erwehren bei dem verängstigten Gesicht , das dieser machte , wie er die gefährlichen Drucksachen in seine braven , dicken Hände nahm . Wie die Nachforschungen im Schlafzimmer fortgesetzt wurden , erwachte die Kleine und begann jämmerlich zu schreien ; die Mutter trocknete sich das Gesicht ab , ging zu dem Wagen und nahm das Kind heraus ; aber die vielen Menschen und die ungewohnte Stunde mochten es wohl so erschreckt haben , daß es sich gar nicht beruhigen wollte . Der Schutzmann , dem die Bücher anvertraut waren , holte eine Uhr aus der Tasche und suchte die Kleine zufrieden zu stellen , indem er die vor ihr bewegte , und zuletzt wurde sie auch auf dieses Spielzeug abgelenkt , versuchte nach ihr zu greifen , fing endlich an zu lachen , und am Ende packte sie den Mann mit beiden Händen in seinen dichten , blonden Vollbart , und erst wie er mit ganz tiefer Stimme zu lachen begann , zog sie erstaunt die Händchen wieder zu sich . Dadurch aber war die Mutter so aufgeräumt geworden , daß sie gleichfalls lachte , zu erzählen begann und zu dem Kinde sprach . Plötzlich zwar hielt sie erschreckt inne , denn es kam ihr alles wieder zum Bewußtsein ; aber es war doch , als sei eine leichtere Stimmung über alle gekommen . Wie als eine Entschuldigung sagte der Mann : » Wir müssen doch unsre Pflicht tun . « Drittes Buch Einige Tage nach der Haussuchung bekamen Hans und Karl eine Vorladung vor den Universitätsrichter , denn die Polizei hatte der Universitätsbehörde Mitteilung davon gemacht , daß sie die beiden in Weilands Wohnung angetroffen , auch weitere Angaben über ihren sonstigen Umgang zugefügt , den sie bereits seit einiger Zeit mit Sorgfältigkeit beobachtet hatte . Ein alter Herr empfing sie in seinem Amtszimmer mit ernsten und bekümmerten Mienen , legte ihnen erst die Anzeige vor und fragte , ob sie die Nachrichten für richtig anerkannten ; da waren allerhand wunderliche Dinge berichtet , daß die beiden einmal in einer Wirtschaft an einem Tische mit bekannten Sozialdemokraten gesessen , und daß sie ein andermal auf der Straße beim Abschiednehmen gerufen : » Auf Wiedersehen am Wahltage ! « Die beiden waren durch die Feierlichkeit der Umstände befangen und gestanden mit stockender Stimme zu , daß die Nachrichten alle richtig seien ; da begann der alte Herr ihnen herzlich ins Gewissen zu reden , daß sie doch noch so jung seien und sich mit solchen Menschen zusammentun wollten , welche die Fürsten ermorden und alles umstürzen möchten , was uns heilig sei . Über diese Rede kam Hans in einen heftigen Ärger , daß er die jugendliche Schüchternheit gegen den weißhaarigen und würdigen Mann überwand und entgegnete , solche Meinungen über ihre Absichten seien unrichtig und wollte eine lange Auseinandersetzung beginnen . Diese schnitt der Richter aber kurz ab , indem er mit verächtlicher Gebärde fragte , ob er sich denn zu der Partei zähle ; und wie Hans mit einem Ja antwortete und in seiner Erklärung fortfahren wollte , unterbrach er ihn wieder und sagte , es sei gut . Hierdurch stieg noch die Empörung Hansens , und er sagte schnell , alle ehrlichen Leute müßten zu der Partei halten . Wie der Richter diese kecken Worte hörte , verfinsterte sich sein Gesicht sehr , und er neigte bedenklich den Kopf . Auf dem Flur draußen , nachdem sie entlassen waren , machte Karl Hansen Vorwürfe über seine Heftigkeit und unbedachtsame Rede ; aber er antwortete , er habe nicht anders gekonnt und ihm sei gewesen , als sitze plötzlich ein andrer Mensch in ihm , der sich auf den Richter losstürzen wolle , und er habe den noch zurückgehalten , und nur einmal als Kind habe er ein ähnliches Gefühl gehabt , wie er mit den Kindern des Grafen habe spielen sollen ; und selbst noch jetzt , wo er vor der Tür stehe und alles abgetan sei , geschehe ihm innerlich , als treibe ihn der andre , zurückzukehren und den Richter totzuschlagen . Das erschrecke ihn selber , denn er sei doch sonst ein sehr ruhiger Mensch . Nun nahm die Angelegenheit der beiden ihren weiteren behördlichen Gang mit Vernehmungen , Verhandlungen und Beschlüssen , und am Ende wurde ihnen » wegen unzulässiger Begünstigung der sozialdemokratischen Bestrebungen « das Consilium abeundi erteilt . Für Karl hatte der Schlag eine geringe Bedeutung , denn der hatte sich in der letzten Zeit gänzlich in die Literatur begeben und war ohnehin nicht willens , seine Universitätsstudien fortzusetzen ; Hans aber arbeitete an einer Doktorarbeit und hatte den Gedanken , später durch die Empfehlung seines Lehrers eine Beschäftigung bei einem großen gelehrten Unternehmen zu finden ; und so war für ihn dem Anschein nach eine große Gefahr vorhanden , daß sein Leben scheiterte ; denn es war wohl schwer , eine Universität zu finden , wo er nunmehr zur Promotion zugelassen wurde , und wenn ihm das wirklich gelang , so hatte es gewiß große Schwierigkeiten , nachher die gewünschte Beschäftigung zu bekommen . Weiland war aus Berlin ausgewiesen und hatte zunächst seine Familie zurückgelassen und sich auf die Suche nach einer neuen Stelle in einem anderen Orte begeben ; aber mehrmals war es schon geschehen , wenn er bei seiner Arbeit war , daß Polizeibeamte in die Fabrik kamen und ihn durchsuchten . Anfänglich schrieb er mir Lustigkeit , wenn er alsdann von seinem erschreckten Herrn verabschiedet wurde und wieder weiterreisen mußte ; aber zuletzt lauteten seine Briefe ganz verzweifelt ; denn er schämte sich , daß er kein Geld nach Hause schicken konnte . Die junge Frau hatte das Glück gehabt , daß sie die beiden Zimmer vermietete , und so schlug sie sich denn ärmlich mit dem Kinde durch , indem sie in der Küche wohnte ; aber sie verbrachte ihre Tage mit manchen heimlichen Tränen , wenn der eine Mieter ihre geliebten Möbelstücke rücksichtslos behandelte , etwa mit den Stiefeln auf dem Sofa lag oder mit der Zigarre ein Loch in die Tischdecke brannte . Sie klagte auch zuweilen dem andern Mieter , dem , welcher in der früheren Schlafstube wohnte ; derselbe war Aufseher in einer Fabrik , ein ruhiger und ordentlicher Mann von etwa dreißig Jahren , der verheiratet gewesen und von seiner liederlichen Frau verlassen war . Dieses Unglück Weilands drückte Hans noch besonders nieder , und wie er auch für sich so nirgends einen rechten Weg sah , den er gehen konnte , so erschien ihm sein ganzes Leben in trüber Zwecklosigkeit . Da bekam er unerwartet einen Brief von seinem Lehrer , daß er ihn aufsuchen möge ; denn wiewohl er dem durch sein Arbeiten nähergetreten war , hatte er doch nicht gewagt , jetzt zu ihm zu gehen , weil er sich schämte , wie denn Unglück argwöhnisch macht und die Menschen zu einem unsinnigen Stolz verhärten kann . Hansens Lehrer war ein alter Mann mit schneeweißen Haaren und blitzenden blauen Augen , den die Jahre nicht versteinert hatten wie die einen , daß er bei seinen vormaligen Meinungen stehen geblieben wäre , noch hatten sie ihn schwach gemacht wie die andern , daß er sich zu Gesinnungslosigkeit entwickelt hätte , sondern als eine nicht auf das Handeln angelegte Natur hatte er sich zu einer milden Skepsis entwickelt , die in verständigem Zuschauen ihr Genüge fand , und die Wärme seines Herzens hob er für die einzelnen Menschen auf , die ihm irgendwie nahetraten , wie unser Hans . So begrüßte er den mit dem Troste , er wolle dafür sorgen , daß er an einer schweizerischen Universität promoviere , und alsdann werde er auch eine Stelle für ihn finden , wo er zuerst in untergeordneter gelehrter Arbeit tätig sein könne und aber doch Zeit habe , eigenes zu leisten , wenn er es vermöge . Dann fuhr er fort : » Ich meine , daß für jeden jungen Menschen , wenn er anders Kraft in sich hat , eine Zeit kommen muß , wo ihm alle bestehenden Einrichtungen unsinnig erscheinen ; denn die haben ihren Grund ja nicht in den sittlichen Idealen , sondern in der menschlichen Gebrechlichkeit . Ein junger Mann aber kennt nur die sittlichen Ideale , weil er die in sich trägt ; von der menschlichen Gebrechlichkeit aber weiß er nichts , die lernt er erst durch das Leben kennen , an sich wie an andern . So erneuert sich , um nur ein Beispiel zu nehmen , für jede Generation immer wieder der Zweifel an der bestehenden Eheform , und wie der junge Mensch an die Stelle der Ehe die Liebe setzen möchte , so soll auch in allen andern Verhältnissen an den Platz des Rechtes die Sittlichkeit treten . Bei tüchtigen Personen kommt mit der Zeit die Erfahrung , die ihnen die relative Vernünftigkeit alles Bestehenden zeigt und sie bewegt , daß sie von ihrer Schwärmerei ablassen und vielmehr das Bestehende durch Liebe und Geistigkeit verklären , weil sie anders keinen Ausweg für ihren guten Willen haben ; untüchtige Personen aber lernen nicht durch die Erfahrung ; und indem sie bei der Schwärmerei verharren , werden sie am Ende aus ursprünglich guten und edeln Menschen zu Narren und Verbrechern , denn weil sie darin beharren , das Gesetz für unrechtmäßig zu halten und allein ihrer Sittlichkeit folgen wollen , verwechseln sie mit der Zeit die Sittlichkeit mit ihren Trieben , weil ja die Menschen bei zunehmenden Jahren immer selbstsüchtiger werden ; außerdem aber gibt es schon von Anfang an unter euch Verbesserern der Welt schlechte Menschen , nämlich solche , bei denen nicht das sittliche Ideal und der Mangel an Erfahrung der Grund ihres Abscheus gegen das Bestehende ist , sondern ein Mangel an Zucht und leerer Hochmut . In deinem Falle , mein lieber Hans , kommt noch dazu , daß wir heute in einer Zeit leben , wo ein jugendlicher Stand , nämlich die Klasse der industriellen Arbeiter , die erst vor kurzem durch die gesellschaftliche Entwicklung geschaffen ist , die ihm historisch gebührende Stelle erstrebt , welche um einiges wenige höher ist wie die , welche er gegenwärtig inne hat . So vereinigt er mit diesem Streben alle die jugendlichen Anschauungen von Gleichheit der Menschen , von erhöhter Sittlichkeit in allen Beziehungen und noch viele andere , die du ja kennst . Und wende mir nicht eure merkwürdige geschichtliche Auffassung und eure Entwicklungsvorstellungen ein : denn auch die sind nur eine jugendliche Illusion neben andern , besonders bezeichnend für unser braves , nachdenkendes und vielstudierendes deutsches Volk . Wenn erst die Verfolgung aufhört , so wird mit der Zeit auch die Illusion schwinden , wenn auch die Terminologie noch beibehalten werden mag . « Inzwischen bereiteten sich für Karl neue Liebesbande vor . Unvergessen war noch in seiner Seele die Leidenschaft für Johanna , die ihm die Jahre seiner angehenden Jünglingszeit verzehrt hatte , und es war nicht selten , daß ihm ihr eindringliches Gesicht des Nachts in verwirrten Träumen erschien , die wohl keine Erinnerung zurückließen , aber eine dunkle Sehnsucht und ein unbestimmtes Fühlen in der Helle des Tages erzeugten . Nun kam Johanna in diesen Zeiten nach Berlin und hatte bald , wie denn die Welt ja so klein ist , Beziehungen zu dem Kreise Karls gefunden , so daß sie ihm unerwartet entgegentrat . Das geschah aber so . In ihre kleine Stadt war ein Fremder eingezogen , ein etwa fünfzigjähriger Herr , der ein berühmter Geigenkünstler gewesen ; der hatte sich ein altertümliches Haus am Bergabhang gekauft , dessen großer Garten mit weitschattenden hohen Bäumen sich den Berg hinaufzog . Die alte Mauer um den Garten wurde durch ein eisernes Staket erhöht , an dem sich im zweiten Jahre Ranken des wilden Weins zeigten , die in Bälde so dicht und hoch wuchsen , daß niemand von irgend einem Punkte draußen in den weiten und schattigen Garten blicken konnte , und das Haus wurde fest verschlossen und nur auf langes Pochen mit dem alten Türklopfer den Boten und Geschäftsleuten geöffnet ; denn ein Besuch kam niemals an diese hohe und finstere Tür ; und als einzige Bedienung hatte der Herr ein altes Weib nebst deren gleichfalls nicht mehr jungen Tochter , die beide abenteuerliche Gerüchte über ihn in dem neugierigen Städtchen verbreiteten . Der Künstler hatte ein langjähriges Virtuosenleben geführt , war an Höfen und in Großstädten herumgereist , zuerst mit Übermut und Stolz , nachher in Langeweile und Ekel , und wie er alle Künstlereitelkeit bis auf das letzte befriedigt hatte und der Geschmack auf der Zunge ihm immer bitterer wurde , war ihm der Gedanke gekommen , sich an diesen stillen Ort zurückzuziehen und ganz nur sich selbst zu leben , denn in seinen zerstreuten und verwirrten Umständen zwischen vielen Menschen , die alle leer waren und ihm schmeichelten , war er auf den Gedanken gekommen , er sei ein Selbst , und es sei wichtig und sogar nötig , daß er dieses Selbst in Sammlung und Ruhe rein und groß aus sich herausstelle . Indessen vergingen ihm in dem alten Hause und stillen Garten die Tage und Wochen ; und zuerst hatte er gedacht , dieses müßige Dahingleiten der Zeit sei für das Nächste nötig , damit sich sein Geist erhole von dem zerreißenden Leben , das er geführt . Aber auch späterhin wartete er vergeblich auf eine Sammlung und Zunehmen der Kraft , vielmehr glitten die Tage und Wochen wie vorher dahin , wie in einem tiefen Flusse , schnell und ohne Halt , und auch seine Unruhe vermochte dieses Unheimliche nicht zu hemmen . Und während er vorher gedacht hatte , er könne keine Liebe zur Kunst in sich bilden , weil er nach der Willkür des Zufalls fremden Leuten an verschiedenen und gleichgültigen Orten äußerliche Musik vorspielen müsse , so zeigte es sich nun , daß er in der Einsamkeit gar nicht den Bogen anrühren mochte und es ihm ein heftiges Unbehagen bereitete , wenn er seinen kostbar eingelegten Geigenkasten ansah . Unterdessen hatten sich aus den Erzählungen der beiden Weiber in dem Städtchen viele Legenden um ihn gebildet , von denen er nichts ahnte ; denn er war als ein hochgewachsener und schlanker Mann von künstlermäßigem Aussehen ganz zu einem Helden phantastischer Bilder geschaffen . Auf Johanna , die damals gegen ihr neunzehntes Jahr ging , hatten diese Geschichten und der Anblick seiner Gestalt einen sehr tiefen Eindruck gemacht , so daß sie eine heftige Liebe zu ihm faßte und auf Mittel sann , wie sie sich mit ihm bekannt machen könne . Und am Ende fand sie eines , das freilich sehr gefährlicher Art war , aber dadurch gerade ihrem erregten Gemüt besonders zusagte . Der Fremde hielt sich nämlich zwar von aller Gesellschaft des Städtchens zurück , aber im Winter , wo auf dem großen See eine prächtige Schlittschuhbahn war , verschmähte er es nicht , sich auf dem Eise zu zeigen , denn er war von Jugend an ein eifriger Läufer gewesen ; und zwar ging er immer des Morgens auf die Eisbahn , wenn die andern