, zog mich an und schaute nach der Sonne . Es war seit dem Essen kaum eine Stunde vergangen . Was nun thun ? In den Werken des Ustad lesen ? Seine Zeitungen verbrennen ? Ja . Aber da fiel mir ein , daß es doch meine Pflicht sei , einmal nach dem kranken Scheik der Kalhuran zu sehen . Das konnte sofort geschehen . Ich ging also hinab . In der Halle saßen Hanneh und Schakara noch beisammen . Das Serir28 aber war fortgetragen worden . » Es ist mir heut unmöglich , einzuschlafen , « sagte ich . » Darum kann ich mein Versprechen leider nicht halten . Hoffentlich bin ich heut abend müde . « Da sahen sie einander an . Schakara blieb ernst . Hanneh aber lachte am ganzen Gesicht und sagte : » Du kannst nicht einschlafen , Sihdi ? Was hast du denn da während der ganzen , langen Zeit getrieben ? « » In welcher Zeit ? « fragte ich belehrend . » Es ist ja höchstens eine Stunde ! « » Eine Stunde ? So weißt du also wirklich nicht , daß du einen ganzen Tag geschlafen hast ? « Tableau , wie man im Abendlande sagt ! Aber zum Scheik der Kalhuran ging ich nun erst recht , aber natürlich erst , nachdem ich wieder für zwei Mann hatte essen müssen . Der neue Herr des hohen Hauses trat sein Amt , wie es schien , mit vieler Würde an ! Der Scheik befand sich in der besten Pflege . Er hoffte , schon in der kürzesten Zeit wieder aufzukönnen . Den Bluträcher erwähnte er nur ein einziges Mal , aber in einer Weise , die mehr als Worte sagte . Hierauf wollte ich nach den Pferden sehen . Ich hatte nicht weit zu gehen . Barkh und Assil Ben Rih standen im Hofe . Kara sattelte sie , um sie auszureiten . Mit seinem Ghalib hatte er schon am Vormittage eine Uebungstour gemacht . » Sihdi , wenn du nur wieder in den Sattel könntest , « sagte er . » Schau nur , wie dich dein Assil bittet ! « Der Rappe machte es allerdings sehr deutlich . Er tänzelte auf allen Vieren und schob sich dabei , ich mochte stehen wie ich wollte , so an mir vor , daß ich den Bügel in die Hand bekam . Das war drollig und rührend zugleich . Um dem Pferde eine , wenn auch nur kurze , Freude zu machen , hob ich den Fuß , setzte ihn auf und schwang mich in den Sitz . Ich wollte nur einen langsamen Gang durch den Hof , weiter nichts . Kaum aber saß ich oben , so war ich schon zum Tore hinaus , und ehe ich mich vorgebeugt und den herabhängenden Zügel aufgenommen hatte , war schon beinahe das Duar erreicht . Dabei fühlte ich weder Schmerzen noch sonst etwas , was mich hätte veranlassen können , abzusteigen . Es war mir sogar möglich , es zu einer Art von Schenkeldruck zu bringen . Ich saß ganz leidlich fest und wankte nicht . Kara hatte mich rasch eingeholt . Er freute sich wie ein König über den Streich , den mir das Pferd gespielt hatte . » Der macht kurzen Prozeß mit dir , Sihdi ! « lachte er . » Wie weit wirst du es wohl wagen können ? « » Wollen sehen , « antwortete ich . » Aber nur Schritt . Ich fühle mich ganz wohl ; ja , es ist sogar , als ob im Sattel noch alte Kraft von mir aufgespart sei , die mir nun jetzt zugute komme . Sonderbar ! « Wir ritten langsam durch das Dorf . Die Leute kamen aus den Zelten , Hütten und Häusern , grüßten froh und waren baß verwundert , ihren Patienten so plötzlich schon zu Pferde zu sehen . Dann ging es am Seeufer hin , nach Osten zu . Ein Viertelstündchen hielt ich es aus . Dann wurde ich müde und sagte Kara , daß ich absteigen und ruhen müsse . » Dann gleich hier , « antwortete er , nach dem Ufer deutend . » Das ist die Stelle , welche der Pedehr dir zeigen sollte . « » Woher weißt du das ? « » Er hat es mir gesagt , als ich gestern hier an ihm vorüberritt . « Das war mir interessant . Also der Ort , wo die Sillan ihre Pferde zu tränken pflegten ! Wir ließen die unseren an das Wasser gehen , und ich legte mich lang in das Gras . Da begann Kara Ben Halef : » Sihdi , bist du sehr müde ? Oder darf ich von einer Sache zu dir reden , die mir sehr wichtig erscheint ? So wichtig , daß ich es nur dir , keinem Andern mitteilen kann ? « » Sprich ! « » Tifl lügt ! « Er sagte nur diese beiden Worte ; dann war er still . » So ! « Ich sagte nur dieses eine Wort ; dann war auch ich still . Nach einer Weile fuhr er fort : » Ja , er lügt ! Und du weißt , daß ich die Lüge hasse und den Lügner verachte ! Und doch muß ich mit diesem Menschen sprechen , denn ich bin Gast ! « » Vielleicht irrst du dich , « warf ich ein . » Es ist ein großer Unterschied zwischen der absichtlichen Lüge , welche aus schlechten Gründen täuschen will , und einer Unwahrheit , die man mit gutem Gewissen verbreitet , weil man sie für Wahrheit hält . « » Das weiß ich gar wohl , Sihdi ; aber ich habe geprüft . Tifl weiß ganz genau , daß er lügt . Auch ist es nicht bloß leichtsinnige Schwatzhaftigkeit von ihm , die sich auf gleichgültige Dinge bezieht , sondern es handelt sich um Angelegenheiten , welche von größter Wichtigkeit für uns sind . Ich meine nämlich Ahriman Mirza . « » Hat er diesen belogen ? « » Nein , sondern dich - - - uns ! « » Wieso ? « » Du frugst ihn vorgestern vor dem Mordüberfalle , woher der Henker wohl wisse , wo deine Lagerstätte in der Halle sei . Er antwortete dir , er sei den Persern vorangeritten und habe gar nicht mit ihnen gesprochen . Aber Ahriman Mirza habe sich an die begleitenden Dschamikun gemacht und alles , was er wissen wollte , aus ihnen herausgelockt . Tifl behauptete sogar , daß er über diese unvorsichtige Schwätzerei sehr zornig gewesen sei . Besinnst du dich , Effendi ? « » Ja . Ich erinnere mich noch jedes Wortes . Bezieht sich deine Behauptung etwa auf diese seine Angabe ? « » Ja . Er hat gelogen , dir mit vollem Bewußtsein in das Gesicht gelogen ! Ahriman Mirza hat während des ganzen Rittes nach der Grenze mit keinem andern Dschamiki auch nur ein einziges Wort gesprochen . Bedenke seinen Stolz ! Aber er ist mit Tifl und dem Henker vorangeritten , Tifl zwischen ihnen , und diese drei haben sich sehr lebhaft , fast wie gute Freunde , unterhalten . Beim Scheiden haben der Mirza und Ghulam ihm sogar die Hand gereicht , um Abschied von ihm zu nehmen . Was sie erfuhren , konnte also nur aus seinem , aus keinem andern Munde stammen . « » Woher weißt du das , Kara ? « » Von Einem , der es am besten wissen muß , nämlich von Tifl selbst . Das war gestern abend , als ich den Pferden zum letzten Male Wasser gegeben hatte . Ich wollte noch nicht schlafen und ging ganz hinter , wo das Weideland aufhört und die Ruinen beginnen . Dort ragt ein großer Mauerstein aufrecht empor , und nur einige Schritte davon steht ein dichter Kyßylbusch29 , an welchem ich mich niedersetzte . Du wirst wohl noch nicht dort gewesen sein und die Stelle also nicht kennen . « » Ich kenne sie . Ich saß am Vormittage bei dem Steine und pflückte Veilchen bei dem Kyßylstrauch . « » So weißt du also , daß beide so nahe bei einander liegen , daß man am Kyßyl hören muß , was an dem Steine gesprochen wird . Ich war noch nicht lange dort , so kamen Pekala und Tifl . Sie setzten sich nieder , ohne zu ahnen , daß ich mich so nahe bei ihnen befand . Ich gab mir gar keine Mühe , mich zu verbergen , hatte aber auch keinen Grund , sie besonders auf mich aufmerksam zu machen . Sie brauchten nur einigermaßen aufmerksam zu sein , so mußten sie mich sehen ; aber es gibt Menschen , denen die Unvorsichtigkeit so zur zweiten Natur geworden ist , daß sie gar nicht mehr wissen , was man unter Vorsicht zu verstehen hat . Diese sonderbare Mutter sprach mit ihrem noch sonderbareren Kinde zunächst über allerlei , was mir vollständig gleichgültig war . Darum stand ich schon im Begriffe , mich leise zu entfernen ; da wurde dein Name genannt , und darum blieb ich sitzen . Was sie sagten , war keineswegs besonders klug zu nennen ; sie wissen nicht so recht , was sie aus dir machen sollen ; aber Pekala versicherte , daß sie dich in ihr Herz geschlossen habe , und Tifl meinte , man habe mit dir sehr freundlich und sehr höflich zu sein , weil man nicht wissen könne , was aus deiner Freundschaft mit dem Ustad entstehen werde . Bei ihm komme es vor allen Dingen darauf an , was du für ein Reiter seist , und da getraue er sich unbedingt , dich und deinen Assil auf der Stute des Ustad zu überholen . Was sagst du dazu , Effendi ? « » Kinderei ! « » Dieser Mensch ist ein Pferdejunge , aber doch kein Reiter ! Rohes Anklammern , Jagen und Hetzen , aber keine Spur von wahrer Reiterkunst ! Für solche Leute ist Pferd eben nichts als Pferd ! Dann sprachen sie vom Ustad . Ich muß dir sagen , Effendi , was ich da hörte , hat mir fast wehe getan . Sie gaben vor , ihn zu lieben ; sie lieben ihn wohl auch , jedoch in ihrer Weise . Beiden steht die Küche oder das Pferd des Ustad höher als er selbst . Sein Geist und seine Gedanken imponieren ihnen ; von seiner Person aber sprachen sie in einer Weise , die mir nicht gefallen konnte . Das war Klatsch ! Hierauf kam die Rede auf eine Person , welche Aschyk genannt wurde . Wer gemeint war , weiß ich nicht . Dieser Aschyk kommt regelmäßig nach vier Wochen , um Pekala hier bei dem Steine abzuholen . Nächsten Sonntag kommt er wieder , eine Stunde vor Mitternacht . Nun erwähnten sie eine große Empörung . Es soll Jemand abgesetzt werden ; aber wer , das konnte ich nicht verstehen . Dann reitet Pekala auf dem herrlichsten Kamele in einer großen Stadt ein , und Tifl wird ein sehr berühmter Mann . Auch aus dem Ustad wird etwas Bedeutendes , doch was , das blieb mir verborgen . Den Mirza und den Bluträcher hassen beide , doch müsse man sich gegen sie verstellen , denn der Aschyk habe es gewünscht . Und hiermit bin ich bei der Hauptsache angelangt : Als Tifl die Perser bis über die Grenze zu bringen hatte , wurde er von Ahriman und Ghulam in die Mitte genommen und ausgefragt . Er fürchtete sich , sie mit ihren Fragen abzuweisen , und sagte ihnen darum alles , was sie wissen wollten . Als du ihn dann in das Verhör nahmst , getraute er sich nicht , es zu verschweigen , und belog dich , um die Schuld auf seine Begleiter zu schieben . « » War Pekala damit einverstanden ? « » Ja . Sie lügen also beide ! Das von der Empörung und der hierauf folgenden Erhebung und Beförderung war wohl nur Kindergeschwätz . Aber das Andere hat mich sehr bedenklich gemacht . Pekala hat mir von Isphahan erzählt , von ihrem Vater , von Tifl , wie er betrunken gewesen ist , vom Ustad , der sich ihrer angenommen hat , von seinem Tode und von seinem Grabe hier im Hause . Sie weint dabei vor Rührung . Es kommen so schöne Stellen vor , auch Gedichte . Man wird da selbst gerührt und hält sie für ein frommes , liebes , seelensgutes Wesen . Aber sie hat das fast mit ganz denselben Worten und denselben Tränen auch meiner Mutter erzählt ; sie erzählt es überhaupt Jedem , der sich von ihr festhalten läßt , sogar den Hadeddihn , die mit uns gekommen sind . Dadurch wird ja das Heiligste entheiligt ! Und wenn sie bei jeder Gelegenheit hinzufügt , daß die Männer alle noch erzogen werden müssen , so wird sie lächerlich . Vor allen Dingen aber hat mich Folgendes empört : Kaum haben Pekala und Tifl von den hohen Eigenschaften ihres Ustad gesprochen , so dichten sie ihm eine Menge ganz gewöhnlicher , sogar gemeiner Fehler an , die er gar nicht besitzt , sondern die sie nur von sich selbst auf ihn übertragen , weil sie alles , was sie an ihm nicht verstehen können , für Mängel halten wie die ihrigen . Und das tun sie in so niederträchtig vertraulicher Weise , als ob er sie für Engel halte , an denen er sich gern ein Vorbild nehme ! Das ist teuflisch , doppelt teuflisch , weil es mit so freundlich lächelndem Munde und mit so warmer Rücksicht ausgesprochen wird . Ich habe es gehört ; Jeder hat es gehört ; Alle können es hören , die es hören wollen . Er allein , der vollständig Arglose , der stets und ganz Vertrauende , hat keine Ahnung von der Menge dieser giftigen Gedankenschlangen , die sich unablässig zu seinen Füßen ringeln , ohne daß er es bemerkt , weil er nie auf das Niedrige , auf das Gemeine achtet ! Sihdi , was mag ihm das wohl schon geschadet haben ! Wie gütig bist auch du zu dieser Pekala und diesem Tifl ! Ich aber halte sie für ein Gezücht , mit dem man keine Nachsicht üben sollte . Wer ist dieser Aschyk ? Ein Dschamiki wohl kaum . Sie verkehren mit ihm , und zwar heimlich , wie es scheint . Sie schildern auch ihm den Ustad gänzlich falsch . Er trägt es fort . Infolgedessen macht man sich da draußen im ganzen Lande über des Ustad sogenannte Fehler und Schwächen lustig , die aber nur in den schwachen Köpfen einer dicken Köchin und eines dünnen Pferdejungen existieren ! Die Feinde sind wohl klug genug , das zu wissen . Sie lachen heimlich über die Türkin und ihr Kind . Oeffentlich aber tun sie , als ob sie es glauben , und verbreiten es aus allen Kräften weiter . Daher der freche Blick , den Ahriman Mirza für den Ustad hatte ! Und daher auch die unverschämte Stirn des Multasim ! Hätten diese Menschen sich wohl in der Weise , wie sie es taten , in den Duar und hinüber zum Tempel gewagt , wenn der Ruf des Ustad nicht schon fast vernichtet wäre ? Sihdi , ich sage dir : Zwei solche Personen im eigenen Hause sind gefährlicher , weit gefährlicher als hundert offene Gegner , die keine Liebe heucheln ! Ich habe noch nie , noch nie in dieser Weise zu dir gesprochen . Jetzt aber mußte ich es tun . Und warum ? Verzeihe mir , daß ich es sage ! Um einer Person willen , die euch mit ihrer Kerbelsuppe nur scheinbar erheitert , in Wirklichkeit aber regiert ! « Hierauf setzte er sich nieder . Wartete er , was ich nun sagen werde ? Wenn ja , so ließ er es sich doch nicht merken . Er schaute über den See hinüber , wo soeben das Boot vom Ufer stieß . Es saßen zwei Männer darin . Der eine ruderte ; der andere schien zu lesen . » Das ist der Dschamiki , welcher den andern das Singen lehrt , « sagte Kara , als ob er unser Gespräch als abgebrochen betrachte . » Und du bist der Hadeddihn , der mich etwas anderes lehrt , « antwortete ich . » Ich habe geglaubt , mich nur auf meine eigenen Augen verlassen zu können . Darf ich von jetzt an auch die deinen mit zu Rate ziehen ? « Da sprang er schnell wieder auf , kam zu mir her , kniete neben mir nieder , griff nach meiner Hand und rief im Tone des Glückes , der innigsten Freude aus : » Sihdi , ich danke dir ! Weißt du , was du mir mit diesen deinen Worten schenkst ? « » Ich weiß es , Kara : Dich selbst ! Du warst bisher ein Glied ; nun aber bist du Person , vollständige Person . Es wurde über dich bestimmt ; nun sollst du selbst bestimmen . Sag , gibt es noch andere Leute hier , welche dir Mißtrauen eingeflößt haben ? « » Ja . « » Wer ? « » Willst du Vermutungen hören ? « » Nein . « » So laß mich erst noch prüfen , ehe ich Namen nenne . Ich kann wohl Verdacht hegen , aber ihn weiterverbreiten , ohne Beweise zu haben , das würde gewissenlos gehandelt sein . Das aber tut Kara Ben Halef nicht ! Ueber Menschen also schweige ich noch , doch über Dinge kann ich sprechen . Ich muß dir etwas zeigen , was ich gefunden habe . Ich weiß nicht , ob es Edelsteine sind oder ob es Glas ist , aber es funkelt wie lauter Diamanten . « Er zog aus der Innentasche seiner Weste eine schmale Blechkapsel und reichte sie mir , nachdem er sie geöffnet hatte . Sie enthielt eine Turbanagraffe mit rotem Pferdehaarbusch , welcher mittelst eines Charnieres umgelegt war , vor dem Gebrauche aber aufgeschlagen wurde . Der Halter bestand aus großen Facetten , welche die beiden Buchstaben Sa und Lam umschlossen , über denen das Verdoppelungszeichen stand . Die Facetten waren von Glas , doch gut geschliffen und brillant unterlegt , so daß sie bei künstlichem Lichte wahrscheinlich wie Diamanten funkelten . Diese Haaragraffen durften früher nur von sehr hochgestellten Personen an den Turbanen getragen werden . Der Schah schmückt bei festlichen Gelegenheiten seine Lammfellmütze noch heut in dieser Weise , natürlich aber mit echten Steinen . Die Imitation , welche ich jetzt in meinen Händen hielt , war ohne eigentlichen Wert , eine » Theateragraffe « , wie man bei uns sagen würde , für mich aber von einer Bedeutung , die mich veranlaßte , einen Ruf der Freude auszustoßen . » Also Edelsteine ? « fragte darum Kara . » Nein . Es ist nur Glas , wertloses Glas ; aber du hast trotzdem einen Fund gemacht , der wohl kaum mit Geld bezahlt werden könnte . Wie bist du zu dieser Agraffe gekommen , lieber Kara ? « » Es war auf dem Dschebel Adawa30 - - - « » Der liegt doch nicht hier , sondern schon im Gebiete der Takikurden ! « fiel ich ein . Taki heißt fromm . Die betreffenden Kurden führen diesen Namen , weil sie in Beziehung auf den Glauben sehr streng gegen Andere sind und mit großer Bestimmtheit behaupten , daß nur sie allein den Himmel erlangen werden . Jeder nicht ganz Gleichdenkende wird als verdammenswerter Ketzer betrachtet und mit unnachsichtlicher , herzloser Strenge verfolgt . » Ja ; ich bin aber dennoch oben gewesen , « antwortete er . » Wann ? « » Heut . « » Kennt schon Jemand diesen deinen Fund ? « » Nein ; nur du allein . « » So schweige jetzt noch gegen Andere ; mir aber erzähle ! « » Ich ritt gestern gegen Norden , ganz allein . In der ersten Zeit nahm ich Tifl stets mit ; jetzt aber tue ich das nicht mehr . Ich mag nicht Leute bei mir haben , die mir nicht gefallen . Da traf ich auf eine kleine Todeskarawane , lauter persische Schiiten , welche ihre Kamele und Maultiere mit Särgen belastet hatten . « » Eine Todeskarawane ? Hier ? Sonderbar ! Hier gibt es doch gar keinen Karawanenweg , welcher hinab nach Karbela oder Meschhed Ali führt ! « » Das sagte ich mir auch , und darum kamen mir diese Leute bedenklich vor . Als ich mich aber näher an sie heranmachen wollte , nannten sie mich einen sunnitischen Hund und drohten , auf mich zu schießen . Ich hielt also an und ließ sie von weitem an mir vorüber . Mein Pferd aber wurde ungeduldig und drängte vorwärts , als das letzte Kamel noch vorbeizugehen hatte . Darum kam ich so nahe an dasselbe heran , daß ich alles deutlich sehen konnte . Es trug vier Särge , an jeder Seite zwei . Einer war zerplatzt und mit einem Stricke wieder zusammengebunden , aber so liederlich , daß ich den Inhalt sehen konnte . « » Wohl keine Leiche ? « » Nein . Mir war schon aufgefallen , daß die Karawane nicht den geringsten Geruch verbreitete . Jetzt nun war das erklärt : Gewehre stinken ja doch nicht . « » Ah ! Gewehre ! Sahst du das genau ? « » Ja . Es war kein Irrtum möglich . Ich ritt weiter , zunächst ohne mich umzusehen , denn man sollte nicht merken , daß ich aufmerksam geworden war . Als ich mich aber weit genug entfernt hatte , lenkte ich hinter einen Felsen , um diesen angeblichen Leichenzug zu beobachten . Nachdem er in der Ferne verschwunden war , ritt ich ihm nach , wohl zwei Stunden lang , bis über die Grenze hinüber . Da bog er von seiner bisherigen Richtung ab und hielt auf den Dschebel Adawa zu . Nun folgte ich erst recht , doch so , daß ich nicht bemerkt werden konnte . Am Fuße des Berges gibt es Wasser . Die Tiere aber mußten an demselben vorüber und ohne Verzug die steile Wildnis hinauf . Warum ? Wozu ? Das war mir ein Rätsel , und ich beschloß , es zu ergründen . Doch mußte ich das für heut aufheben , denn der Tag war schon fast vorüber und ich wollte auch nichts unternehmen , ohne vorher mit dir gesprochen zu haben . Ich kam spät heim . Du schliefst . Ich stand zeitig auf . Du schliefst noch immer . Da beschloß ich , selbständig zu handeln , und ritt auf Ghalib wieder hin . « » Bist du Jemandem begegnet ? « » Nein ; keinem Menschen . Ich glaube auch nicht , daß mich wer gesehen hat . Als ich auf die gestrige Spur der Todeskarawane traf , sah ich zu meinem Erstaunen , daß es heut eine doppelte war ; sie führte nämlich auch wieder zurück . Diese Perser hatten die Nacht auf dem Berge zugebracht und waren dann wieder heimgeritten . « » Ah , hätte ich die Fährte sehen können ! « » Keine Sorge , Sihdi ! Ich habe von dir gelernt , wie solche Spuren zu lesen sind . Ich sah , daß man getrabt hatte . Der Sand lag hinten weit hinausgeworfen und die Stapfen waren vorn sehr scharf , aber flach und leicht . Wären die Tiere noch so schwer wie gestern beladen gewesen , so hätten sich die Eindrücke mehr vertieft . Die Gewehre waren also auf dem Dschebel Adawa abgeladen worden und ich beschloß , hinaufzureiten , aber sehr vorsichtig , denn es war doch mehr als möglich , daß die Personen , welche die Waffen erhalten hatten , sich noch oben befanden . Diese Befürchtung hob sich aber , als ich bei meiner Annäherung einen Reitertrupp bemerkte , welcher soeben herabgekommen war und sich nach West entfernte , wo die Weideplätze der Takikurden liegen . « » Hatten sie die Gewehre ? « » Nein . Ich hielt mich versteckt , bis ich sie nicht mehr sehen konnte ; dann ritt ich hinauf . Ich konnte nicht irren ; die Spuren zeigten mir den Weg . Oben aber war alles so wirr und warr und es liefen so viele Eindrücke in- und durcheinander , daß es mir ganz unmöglich war , mir ein Bild von dem zu machen , was man hier vorgenommen hatte . « » Gab es Bäume , Sträucher ? « » Genug ! Dazu eine große Ruine , wohl aus ganz uralter Zeit . In ihrem Innern hatte das Lagerfeuer gebrannt . Ich suchte mit Fleiß und überall , wohin die Ladung versteckt worden sei , doch war alle Mühe vergebens . Von dem vielen Umherkriechen müde , sah ich mich nach einem schattigen Ort um , mich für kurze Zeit auszuruhen . Er war sehr bald gefunden . Ich legte mich nieder und pfiff mein Pferd herbei . Indem es graste , betrachtete ich den alten Märwer31 , der neben mir am Mauerpfeiler stand . Er war hohl . Das Loch befand sich ungefähr zwei Fuß über der Erde . Und nun komme ich auf etwas , was du so oft behauptet hast , Sihdi , nämlich , daß es keinen Zufall gibt . Es war auch wirklich keiner , sondern ich fühlte es wie eine ganz deutliche Aufforderung in mir , in dieses Loch zu greifen , weil etwas darin stecke , was ich unbedingt sehen müsse . Begreifst du das ? « » Ja . Du griffst hinein und fandest diese Kapsel ! « » So ist es ! Wer war das , der es mir sagte ? « » Frage nicht , sondern begnüge dich mit dem Funde , der für uns viel , viel wichtiger ist , als du denkst ! Hast du dich dann noch lange auf dem Berge aufgehalten ? « » Nein . Sobald ich das Blech geöffnet und den Inhalt gesehen hatte , ritt ich heim . Ich kam zu spät zum Essen , aß aber nach . Als ich nach dir fragte , hörte ich , du schliefest immer noch . Darum sattelte ich . Vielleicht warst du am Abend zu sprechen . Da aber kamst du doch . Ich wollte nicht sofort beginnen , sondern dich bitten , abseits mit mir zu gehen . Denn niemand sollte sehen , was ich dir zu zeigen hatte . Da aber stiegst du auf und Assil ging schleunigst mit dir fort . Ich folgte schnell . So ist es gekommen , daß wir uns hier befinden . « » Ganz , als ob es genau so beabsichtigt worden wäre ! Du mußt schnell fort . « » Wohin ? « » Nach dem Dschebel Adawa . Wenn es möglich ist , lässest du dich unterwegs von keinem Menschen sehen . Hier nimm die Kapsel mit der Agraffe . Du steckst sie wieder in den hohlen Baum und reitest dann sogleich wieder heim . « » Warum das , Sihdi ? « » Es ist keine Zeit , es dir jetzt zu erklären . Ich sage es dir später . Der Mann , dem diese Agraffe gehört , darf nicht ahnen , daß sie in unseren Händen gewesen ist . Ich glaube zwar nicht , daß er heut nach dem Berge kommt , will aber sicher gehen . Du reitest augenblicklich und kommst nach deiner Rückkehr sogleich zu mir , damit ich erfahre , ob es dir gelungen ist , den Auftrag unbemerkt auszuführen . « » Darf ich dich denn verlassen , Sihdi ? Kannst du allein heimreiten ? « » Da kommt ja der Kahn . Der Chodj-y-Dschuna will , wie ich sehe , hier bei uns anlegen . Ich werde also nicht allein sein . « Da steckte er die Kapsel zu sich , schwang sich auf den Barkh und ritt davon , eben als das Boot an das Ufer stieß . » Erlaubst du , Effendi , daß ich dich für einige Augenblicke störe ? « fragte der Gesangslehrer , indem er ausstieg , während der Andere beim Ruder sitzen blieb . » Du störst mich nicht , « antwortete ich . » Es ist mir vielmehr eine Freude , daß du dich wieder einmal bei mir sehen lässest . Nimm bei mir Platz ! « Er ließ sich mit den Worten nieder : » Ich komme in einer sehr wichtigen Angelegenheit . Es gab für mich einen Grund , mit dir zu sprechen , ohne daß man darauf merkte , daß ich dich im hohen Hause besuchte . Ich überlegte soeben , wie ich dies anzufangen habe , da sah ich dich bei mir vorüberreiten und ging sogleich zum Boote , um hier auf deine Rückkehr zu warten . Da trifft es sich gut , daß du grad hier abgestiegen und gar nicht weitergeritten bist . « » So ist es etwas Heimliches , was du mir zu sagen hast ? « » Ja . « » Aber wir sind doch nicht allein ! « » Du meinst meinen Begleiter hier ? Der ist ein treuer Dschamiki und darf alles hören . Er weiß es sogar schon . « » Ein treuer Dschamiki ? Das klingt ja fast so , als ob es auch untreue gebe ! « » Wo das Gute wohnt , baut sich das Uebel immer auch ein Haus . Doch jetzt zu meiner Sache ! Ich habe einen Freund in Chorremabad , der Hauptstadt unserer Provinz . Er ist im Herzen ein guter Dschamiki und hat mir über die uns betreffenden Maßnahmen der Regierung schon manche heimliche Nachricht geschickt , welche ich dem Ustad mitzuteilen hatte . Heut , vorhin erst ,