war , überließ Josy die Kinder sich selbst . Sie hatte ja zu tun . In kurzem war dann Sprechstunde , und sie nahm alles streng gewissenhaft : kein Fall , den sie nicht nach der Konsultation reiflich bearbeitet hätte . Das Nachschlagen und Studieren kostete schon so viel Zeit , daß sie hier , im Herbstschnee , zwischen den Kindern , bereits mit ihren Gedanken bei der Arbeit war . Aber das wunde Gefühl , das sie hinausgetrieben , erwachte neu , als sie vor ihren Büchern saß . Was kann ich wirken , ich , deren Einfluß nicht einmal bis zu meinem eigenen Kinde reicht ? Sie sah sich selbst im Spiegel beim hastigen Vorbeigehen und erschrak vor ihrem traurigen , versonnenen Grüblergesicht . Zu wenig Liebe ! dachte sie , ja , das ist ' s , was mir fehlt ! Ich habe nicht Liebe genug ! Einen liebe ich ! Einem habe ich alles gegeben , für die anderen bleibt nichts . Verzweiflung ergriff sie . Nichts geblieben ! Nichts . Mein Herz ist eine Wüste ! Wenn ich den Buben liebte , dann liebte er auch mich , dann horchte er auf meine Worte , nicht auf seine , dann hätte ich ihn nicht verloren . Die Tür nach Helenes Zimmer stand offen , ein matter Tagesschein lag auf dem geflüchteten Bilde , auf dem Répinschen Bilde , hob die zurückgebäumte Gestalt des Jünglings im roten , zerfetzten Hemd aus allen anderen heraus . Josefine heftete ihre Augen auf das Bild , sehnsüchtig , hilfesuchend bei den Hilflosen . Sie sehnte sich nach den glühenden Tränen , die sie beim ersten Erblicken des Bildes vergossen . Damals hatte sie gefühlt . Damals hatte sie gelebt . Ihr war so hohl , so ausgetrocknet jetzt . Nie wieder werd ich so weinen , dachte sie , er hat alles mitgenommen , auch meine letzten Tränen . Und sie staunte mit zitternder Seele , was ihr Leben hätte sein können ... Rösi guckte herein , rosig von der Luft . » Wir haben alles fertig gemacht ! Komm und sieh , Mamme ! es sind fünfzehn Töpfe , du mußt kommen . « » Nein , nein , Liebling , später , ich habe nun zu tun . « Das Kind schlich näher , lauter Bitte und Vorwurf . » So will ich bei dir sein , Mamme . « » Du weißt doch , ich habe zu schaffen , Kind . « » Bitte , Mamme ! « » Sieh , Rösi , das ist so : die kranken Leute kommen , ich soll ihnen helfen . Aber ihr Leiden ist sehr verschiedenartig , und ich bin noch nicht sehr geübt . Also , weißt schreib ich mir vieles auf in dieses große Buch , weißt was die Kranken von ihrer Krankheit sagen , und nachher muß ich dann in meinen Büchern suchen und vervollständigen , was sie gesagt haben , um ein ganzes Krankheitsbild zu bekommen . Verstehst du das ? « Rösi nickte und seufzte . » Laß mich meine Aufgabe bei dir lernen , Mamme , ich will ganz still sein . « » Mein Rösi , sieh , das geht nicht . Wenn du bei mir bist , mein Schatzeli , dann seh ich immer nach dir hin , und dann vergeß ich , was ich nachschlagen will , verstehst ? Und dann kommt bald die Sprechstunde . « Das Kind schmiegte sich fest an die Mutter , wollte nicht loslassen . » Ach nein , Mamme , nein ! Du hast mich ja doch viel , viel lieber , Mamme , warum - « » Lieber als wen ? « Josefine begann leicht mit der Linken in dem vor ihr liegenden Buche zu blättern . Das Kind stürzte sich auf diese Hand wie ein wildes Tierchen , küßte und schlug sie , schob das Buch weit zurück ; war ganz ungebärdig . » Lieber als die ganze Welt ! « schrie sie , böse und weinerlich . Die Mutter zitterte , küßte lächelnd die feuchten , zurückgebogenen Wimpern über den weichen Bäckchen . » Ja , und nun ? « » Und warum bekümmerst du dich immer um die anderen , Mamme ? « » Um welche anderen ? « » Die du nicht so lieb hast , wie mich , Mamme ! Sitz lieber so mit mir ! « Josefine stutzte , nachdenklich schwieg sie , fühlte Röslis heftigen Herzschlag . » Auch mit denen , die man am liebsten hat , sitzt man nicht den ganzen Tag Arm in Arm , « sagte sie endlich lächelnd . » Oh doch ! « warf das Kind ein , » drüben ist ein Brautpaar , die sitzen immer so ! « Das liebliche Gesichtchen errötete verschämt . Eine Frühreife lag um den schwellenden , leicht aufgeworfenen Mund mit der kleinen , runden , purpurroten Unterlippe . Die Mutter betrachtete sie eine Sekunde lang überrascht . » Ein Brautpaar ? « sagte sie mechanisch , » und das hast du - « . Die dunklen Kinderaugen mit ihrer bodenlosen , spiegelnden Tiefe verwirrten sie . » Gelt , das sind närrische Leut ! « sagte sie ernst und schob die Kleine leicht hinweg . » Oh nein ! « summte Rösi kopfschüttelnd , errötete heftig und besah ihre Schuhspitze . » Ich werde auch eine . « » Was wirst du ? « » Eine Braut ! « Ihr Schelmenlächeln war so lieblich , daß Josefine sie an sich zog . » Oh , du mein dummes Maitli , « sagte sie und kniff Röslis weiches Ohrläppchen zusammen , » wir wollen schon sehen , was du wirst ! Ein starkes , gutes Mädchen , Schatzeli , das ist einmal die Hauptsach . Geh ! geh ! bis aufs Wiedersehen . « Schon während der letzten Worte hatte Josefine wieder nach dem Buch gegriffen , und noch ehe das Kind zur Tür hinaus war , schien seine Gestalt und sein Gesicht halb undeutlich zu werden und aus ihrem Bewußtsein zu schwinden . Sie vertiefte sich in ihr ärztliches Journal , immer von Furcht vor dem Gestörtwerden beklemmt ; als es draußen lebhaft wurde , stand sie auf und verriegelte ihre Tür . Aber dann , als sie sich wieder zu ihren Studien setzen wollte , kam ihr blitzartig ein anderer Einfall . Sie nahm einen Briefbogen und schrieb mit ihrer großen , eckigen Handschrift : » Lieber Georges ! Arbeite nicht gegen mich bei den Kindern ! « Den Bogen steckte sie hastig in ein großes Kuvert , schrieb darauf : » Herrn Dr. Georges Geyer « , dazu die volle Adresse und klebte eine Marke darauf . Dann legte sie das beiseite wie einen Sack , in den man seine Sorgen verpackt hat , und den man nun versenkt in die Tiefe . Wieder kamen die Bücher an die Reihe , aber nicht lange . Das Wartezimmer füllte sich , die Sprechstunde begann . - Josefine hatte Glück mit ihren Patientinnen : jede von ihr behandelte schickte ihr neue zu . Es gab Arbeit die Fülle . Am nächsten Tage brachte die Post einen Brief für Josefine , den sie mit gepreßten Lippen in Empfang nahm . Sie kannte die Handschrift . Der Brief war nicht viel länger als der ihre . Er lautete : » Liebe Séfine ! Auf deine Zuschrift in Lapidarstil habe ich nur eine Antwort : dein Wunsch ist mir Befehl . Gehorsamst Georges Geyer , Doktor der Medizin , approbierter Arzt außer Diensten . « Als die Frau diese Zeilen gelesen , glaubte sie ein Hohngelächter um sich zu hören . Sie verbrannte den Brief und verwünschte ihre Torheit , ihn herausgefordert zu haben . Dann betäubte sie sich durch Arbeit , bis sie von nichts mehr wußte , an nichts mehr dachte , als was der Tag und die Stunde von ihr als Ärztin forderten . Mitten in dieser Betäubtheit empfand sie zuweilen selbst eine Art Behagen , fast Schadenfreude . Da sitzt er und möchte mich ärgern und quälen , aber alles gleitet an mir ab . Ich bin sicher vor allem . Diese Tagesaufgabe ist wie ein Wall um mich herum . Es gab Böses genug außerdem . Laure Anaise folgte ihr eines Abends in ihr Zimmer , fiel ihr schluchzend um den Hals und bat , sie wegzuschicken . » Nein , nein ! aber was denkst du auch , « eiferte Josefine erschrocken , » sollen wir dich entbehren ? sollen die Kinder ganz verlassen sein ? « » Laß mich fort , Josy - mußt es mir nicht zu schwer machen , « weinte das Mädchen , » bleiben kann ich emal nimmer . « » Und warum nicht ? « Laure Anaise ließ den Kopf hängen . » Er hat nichts zu schaffen , und - und - « » Wen meinst du , Laure ? « stammelte Josefine erbleichend . » Laß mich fort ! « wiederholte das schöne Kind mit sprühenden Augen , » du bist blind , aber mir ist ' s verleidet , seit daß er im Hause ist . « Josefine ließ sie aus den Armen . » Ich weiß nicht , was du meinst , « sagte sie kühl , » wenn du gehen willst . Laure Anaise , wenn es dir verleidet ist , so geh . « Das Mädchen begann zu weinen . » Ich kann ja nicht dafür , Josefine , frage nur das Fräulein Leni und den Bernstein , die werden dir ' s schon sagen . « » Also - , « machte die Frau , » also - wann willst du fort ? « » Nun bist du noch taub12 worden , daß ich ' s Maul auftue ! « rief das Mädchen , » und recht hab ich doch ! « Josefine betrachtete sie schweigend . » Wohl ! wohl ! sie werden alle gehen ! Einer nach dem anderen ! Alle meine Freunde , alle die mir lieb sind ... « » Gott im Himmel weiß - « , fing Laure Anaise an . Unmutig seufzend wandte Josefine sich ab , winkte mit der Hand . » Geh , wenn du gehen willst . Was hab ich dir zu bieten ? « Das schöne Mädchen strich sich die schwarzen , krausen Haare aus den Augen . » Descht unrecht , Josy « , machte sie schluchzend , » weißt ' s , wie gern ich blieb . « Josefine warf wieder die Arme um sie . » Laure ! Laure ! Kind ! wie hab ich mich gefreut , als du zu mir kamst ! geh nicht von mir ! bleib , Laure , bleib bei mir ! « Laure weinte still , den Kopf auf Josys Schulter . » Du magst ihn nimmer , Josy , « flüsterte sie mit ihrer rauhen Stimme , » Jesis Gott , ich mag ihn auch nit , aber er plagt mich und streicht mir nach . « Wieder schob Josefine sie weg . » Du träumst , Kind - aber wenn du so widrige Dinge träumst , dann ist es besser , fortzugehen . Es ist das einzige . « Sie wollte das Mädchen küssen , und Laure Anaisens Mund kam ihr entgegen , aber plötzlich schüttelte sich Josy und küßte nicht . » Du warst mir sehr lieb . Ich bin dir ewig dankbar , « murmelte sie mit trockenen Lippen , kalt und tonlos . Und dann belebte sie sich und wurde freundlichfremd . » Nimm deine notwendigsten Sachen , Kind , und fahre noch heute zu deiner Mutter . Ich schreibe ihr , daß du Erholung brauchst . Dein Gepäck send ich nach . Für eine gute Stellung werd ich dir Sorge tragen . Ja , ja - so ist alles geordnet , nicht wahr ? Alles recht , gelt du ? « Laure Anaise sprach nicht mehr ; nickte nur zu allem und weinte . Sie fühlte sich von einer starken Hand gefaßt , die sie hin und her schob , und sie hatte nun keinen eigenen Willen mehr . Einmal nur , während sie ihre Habseligkeiten zusammenpackte mit Josefinens Hilfe , die sie nicht mehr aus den Augen ließ , schrie sie plötzlich auf , daß man sie fortschicke . Josefine antwortete mit einem traurigen Lächeln : » Fortschicken nicht , nur schützen ! Sage du wie ich , Laure Anaise , weiter bitt ich nichts . « Ihre Stimme wurde warm und eindringlich , während sie noch einmal zu ihr trat : » Sprich nichts von - hörst du ? Es ist so schwer ohnehin , Laure ! Sei treu , Kind , du schonst mich , wenn du - ihn - schonst . « Laure Anaise blickte sie wild an , verstand nichts . Aber sie beugte sich vor Josefine und versprach alles . Sie verließ das Haus , bevor die Kinder aus der Schule kamen . Rösi war außer sich - alle anderen nahmen die Nachricht , daß Laure Anaise dringend der Erholung bedürfe , und daß sie deshalb zu ihrer Mutter gereist sei , mit vielsagendem Schweigen auf ... Georges pfiff einen Gassenhauer . Der alte , knorrige Birnbaum neben dem Hause » Zum grauen Ackerstein « ächzte leise in stürmischen Winternächten . Wie auf einer Klippe stand das bebende , umtobte Haus frei und jedem Wetter zugänglich . » Nun erbarmt er mich wieder , « seufzte Josefine , wenn sie Georges ' rastloses Auf- und Ablaufen hörte . Einmal , an einem Sonntagmorgen , ging sie zu ihm hinein . Er saß in einem pelzgefütterten , alten Mantel , den er zuweilen ehemals auf Überlandfahrten getragen , am Fenster , auf einem niederen Hocker , die Knie heraufgezogen , den Kopf an die Fensterbrüstung gedrückt , den Mund offen , als schreie er verschmachtend . So saß er als Gefangener , dachte sie beim Eintreten , und ihr Herz wurde weich . » Nun , Georges , « sagte sie befangen und ungewöhnlich sanft , » hast du kalt ? was machst du jetzt ? « Sein Blick war leer , schweifte von dem Fenster zu ihr und dann über die Wände . » Ausgezeichnet , « murmelte er schläfrig , » wie immer . « » Du bist nicht zum Kaffee gekommen , « begann sie , näher tretend . Er verbeugte sich tief , ohne aufzustehen : » Danke , merci , madame . Meine verehrte Gebieterin ist immer huldreich . Ich liege hier wie ein zerrissener Lappen , und das Weib kommt , sich zu weiden . Tut den alten Koffer auf , blickt hinein : Lieg nur da , Lappen ! lieg nur ! Die Schaben wollen auch etwas ! Ja , ja . « Er schüttelte den Mantel , es stäubte von Wollflecken und zerfressenen Haaren . » Wir sind mottenfräßig , ja , ja . « Josefine setzte sich auf einen Stuhl . Das Zimmer mit dem vor Hitze surrenden Eisenöfchen , mit den unordentlich umhergestreuten Kleidern , mit der bestaubten Drehbank und dem verkommenen Bewohner , der hier vor Luftmangel zu sterben schien , angeklebt an die Scheibe wie eine der grauen Motten - all dieses erschien ihr plötzlich so schrecklich , so anklagend , so unnatürlich in ihrem Hause , da , zwischen ihr und den Kindern , daß sie sich wie träumend , und von einem Traumdruck beklemmt , die Augen rieb und flüsterte : » Ach , warum auch hier ? Wir wollen unter Menschen gehen , hörst du ? heute noch , Georges ! « Er legte die Hände schützend auf knisternde Papiere , schob das Tintenfaß gegen die Scheibe , daß sie erklirrte , und lächelte höhnisch . » Du schreibst ? « sagte sie aufspringend , » hier auf dem Fensterbrett ist ' s ja so unbequem ! Nein , das geht nicht länger ! das soll gleich - « Ein reuevolles Bedauern , das ihr fast den Atem raubte , machte ihr Gesicht jung und gütig . Sie sprang auf mit einer Gebärde , als wolle sie gleich , in diesem Augenblick , alles zurechtrücken , einrenken , als suchte sie nur , wo zuerst anzufangen sei - » Bist du nicht in deinem Hause , Georges ? Bist du nicht Herr ? « rief sie bittend , und sie fing an , von den Gründen zu reden , weshalb er hier jetzt so eingeschränkt sei , fing an , sich zu entschuldigen . » Diese plötzliche Rückkehr , Georges , ich konnte nichts vorbereiten , und dann ist es so geblieben ... Ich bin so überhäuft , dazu ist jetzt - « Sie brach erschrocken ab ; der Name , der ihr fast auf den Lippen schwebte , sollte nicht gesprochen werden . » Also du schreibst ? « sagte sie nähertretend , » wir wollen dir einen Tisch hereingeben , hörst du - « Er spie seitwärts auf den Boden , schien sie nicht zu beachten . Er machte sich beständig mit den Papieren zu tun , die er zum Teil unter den Mantel steckte . Auf einmal blickte er sie schief an , lachte mit einem blechernen Ton und murmelte etwas von Komödie , die sie hier tragiere . » Herr bin ich ? Wie ungewöhnlich witzig heute morgen ! Ach , du ! du ! Ja , es kommt einmal eine Abrechnung , « schrie er ihr zu , daß sie zusammenfuhr , » es kommt ! es kommt der Tag ! « Die Wut blinkte ihm in Tränen aus den Augenwinkeln , er konnte sich nicht mehr zurückhalten . » Dies irae , dies illa ! « rief er mit pathetischer Gebärde , » ihr Weiber von heute - wahrhaftig , zu viel nehmt ihr euch heraus ! Warte nur , bis die schreckliche Stimme aus der Tiefe der Gräber erklingt ; wann deine gottlose Überhebung zerplatzt vor dem Hauch des Ewigen - Weib ! Weib ! was wirst du ihm antworten ? « Josefine sah seine wutzitternden Adern auf der Stirn , seine nassen Augen - sie fühlte , daß er schwer litt in diesem Zustande , und sie sehnte sich , etwas zu seiner Erleichterung zu tun . Aber sie wußte auch , daß es ihre Anwesenheit hier war , die ihn in diesen Zustand versetzt hatte , und so ging sie , ihn mit traurigen Blicken fixierend und unwillkürlich schwer aufseufzend , nach der Tür . Augenblicklich sprang er ihr nach . » Nur über meine Leiche ! « keuchte er , die Zähne weisend wie ein wütender Hund , sinnlos , zu jeder Gewalttat bereit . Aber die Frau empfand keine Furcht , nicht an sich dachte sie . » Laß die Tür , « sagte sie bestimmt , » ich hole dir etwas , du bist - sehr - krank - Georges . « Und während sie diese Worte , einzeln nacheinander , wie ebensoviele Dolchstiche in ihn hineinbohrte , legte sie ihre starke und geschmeidige Hand auf seine Schulter , die unter ihrem Druck entwich , zusammenknickte wie morsches Lattenwerk . » Erbarme dich ! erbarme dich ! « schrie er auf und stürzte in die Knie , die Hände in ihr Kleid verkrampft , so daß es zerriß . » Séfine , Weib , vor Gott dem Allmächtigen und nach menschlicher Satzung mein Weib - das heißt meine Untergeordnete , meine Dienerin , widerstrebe nicht ! « kreischte er vom Boden auf . Sie befreite sich endlich , schlug seine Hände zur Seite wie die eines lästigen , sich anklammernden Kindes , wortlos , furchtlos , ohne auf seine Worte zu hören ; zuweilen huschte ein ganz unwillkürliches Lächeln über ihr gespanntes Gesicht , weil sie so stark war . Er rollte auf dem Boden rückwärts in einer Flut von Papieren , die sich aus dem zerfetzten Pelzmantel ergoß . » Hätte ich nur dich nie gesehen , « wimmerte er , » mein Unglück bist du ! meine Schande ! Solch ein Weib muß jeden Mann ruinieren ! Ach , ach , mein Kopf ! mein Herz ! Nimm mich wieder auf , hörst du ? Warum erbarmt ' s mich noch , daß ich sie nicht totschlage ? Gib einem Manne , was ihm gehört ! Sein Weib und die anderen Weiber ! Ist ja nicht der Wert , darüber zu reden ! Vom Teufel erdacht ! vom Teufel gemacht ! Uh ! Meine Ohnmacht ! « Er begann den Boden zu schlagen . » Halt ! « rief Josefine , nach einem aufwirbelnden Papierblatt haschend , » was ist doch das ? « Sie hatte die Überschrift gelesen , die ihr schon so bekannt war . Von den » Gelehrten Weibern und geprellten Ehemännern « war bereits die vierte Fortsetzung erschienen ; man sprach schon in der Stadt darüber , andere Zeitungen brachten Erwiderungen , der pseudonyme Verfasser wurde heftig angegriffen , noch heftiger verteidigt . Hier sogar , im Hause » Zum grauen Ackerstein « , hatte es lachende Debatten gegeben über diese Herzensbekenntnisse eines Verschmähten , dessen possenhaft frivoler Ton immer mehr in ein hallendes Pathos übergegangen war , und dessen wunderliche Zitate aus unbekannten Büchern auf einen klugen Schalken zu deuten schienen , der nichts als eine Mystifikation bezweckte und vielleicht am Schluß , nachdem er alle Gegner des Frauenstudiums hervorgelockt , mit Pritschenschlag und Nasendrehen hinter der Maske hervorspringen werde . Und nun ? Nun hielt Josefine das Manuskript in der Hand , und der auf dem Boden kauernd sinnlose Worte ausstieß - Worte , die auch in jenen Artikeln vorkamen - Georges war der Verfasser ! Ihr war , als habe sie einen Stich in die Ferse erhalten - die Schlange , die sich vor ihr feige zischend krümmte , hatte doch zugebissen . Georges der Verfasser ! Sie blickte auf das lange und breite Blatt in ihrer Hand , viel korrigiert , viel durchstrichen , bedeckt mit Georges ' verschnörkelten , pomphaft geschwollenen Schriftzügen . Es stand ihm zu Gesicht , dieses Blatt , es paßte zu der verzerrten Larve , die , halb Angst und halb Triumph , zu ihr in die Höhe starrte . Sie warf es heftig von sich , ihre Geduld , ihre Überlegung verließ sie . Hier war Schande , und die Schande traf sie mit . Sie schrie laut auf . » Du ! Du ! hast du Grund ? gerade du ? Was für ein Mann ! Ach , gemeingefährlich ! ach ja ! Solche Dinge schreibst du ? du ? Solche Dinge sagst du anderen , die dumm und roh sind ! Oh , ich schäme mich ! ich schäme mich für dich ! « Wie eine Flamme der Verachtung war ihr Gesicht , die Augen groß offen , die Nüstern gebläht .. » Dazu mißbraucht er seinen Verstand ! Schande ! « Und sie stürzte hinaus , ohne sich nach dem umzusehen , der mit angehaltenem Atem , bebend vor ihrer Verachtung und gestachelt von Schadenfreude in seinem mottenfräßigen Pelzmantel im Winkel lag , ein ewiger Gefangener seiner haßvergitterten , maulwurfblinden Seele . In den Tagen tiefer Niedergeschlagenheit und quälenden Brütens über diese neue schlimme Entdeckung fand die bedrängte Frau nur eine Zuflucht - ihren Beruf . Wie zuvor zum Studium , so flüchtete sie nun zu ihren Kranken . Was für ein Segen wurde für sie diese nervenerschütternde , opferfordernde , oft so aussichts-und fruchtlose Tätigkeit ! Hier fand sie sich selbst wieder . Hier allein . Zu Helene hatte sie nicht kommen mögen mit ihrer Bedrängung ; sie fürchtete Helenes rein verstandesmäßiges Urteil . Sie schämte sich vor ihr , schämte sich auch vor Bernstein . Es kam ihr in solchen Momenten zum Bewußtsein , daß er einem anderen Volke angehörte . Er würde lachen und sagen : » Sehen Sie , was diese Deutschen machen ! ( Den Unterschied zwischen Deutschen und Schweizern beachtete er niemals ! ) Wir in Rußland sehen so etwas nicht , nie in der Welt . « So gerecht und menschlich gut er sonst dachte - über seine Vorurteile konnte auch er nicht hinaus . Und wenn ihre flehenden Gedanken sich zu Hovannessian wendeten , dann , ja auch dann überkam sie Beschämung . Wäre er noch hier gewesen - auch ihm hätte sie ihre Wunden nicht entblößen können , das fühlte sie . Ihre Wunden , ihre eigenen Wunden , denn was der unglückliche Georges auch verbrach - sie trennte sein Tun nicht von dem ihren . Es schien ihr , als hätte der Mann , den sie anbetete , den sie so hoch über sich fühlte , sie mit verachten müssen für diese schmählichen Sudeleien gegen die Frauen . Dieser Georges , den sie einmal gewählt , den sie einmal geliebt - er zeugte gegen sie , so schien es ihr . So schwach war ihre Seele , so wenig Einfluß verstand sie zu üben , so wenig Achtung zu erzwingen , so wenig Liebe zu säen und zu ernten ! Und sehnsüchtig und gierig trank sie den seltenen Dank ihrer Kranken , denen sie geholfen , freute sich jedes freundlichen Lächelns einer Patientin , drückte wieder und wieder die Hand , die ihre gedrückt . Georges hat mich nie gekannt und wird mich niemals kennen , dachte sie , Hermann fürchtet mich und hintergeht mich , für mein Rösli selbst bin ich unverständlich - aber die Kranken , die ich behandele - die kennen mich ! Und es scheint ihr , daß diese fremden Mädchen und Frauen , die in ihre Sprechstunde kommen , sofort Vertrauen zu ihr gewinnen , daß sie ihr weder ihre Ängste noch ihre Verirrungen verbergen , daß sie ihre Tränen und ihre Hoffnungen vor ihr zeigen , und daß sie hier , hier unter den Leidenden Verständnis findet für ihre Hingebung , für ihre Bereitschaft , für die Liebe , die ihr Lebenselement ist . Und es mehren sich die Augenblicke , wo sie sogar die Überzeugung fühlt , etwas Gutes , Nützliches , bisher von keiner anderen Hand Geleistetes oder zu Leistendes zu vollbringen . Diese Mädchen und Frauen , die zu ihr , der Geschlechtsgenossin , kommen mit ihrem Vertrauen , früher und unbefangener als zu dem Geschlechtsfremden , vor dem die natürliche Schamhaftigkeit jede Unverdorbene zurückbeben läßt - die sie von Anfangsleiden heilt durch sorgsame und leichte Eingriffe und so vor drohendem Siechtum bewahrt , das der Vernachlässigung folgt , - die sie durch schwesterliche Ratschläge - Weib zum Weibe - stützt , leitet , anfeuert , erhebt , mit dem Gefühl ihrer Menschenwürde und ihrer hohen Verantwortung erfüllt - darf sie sich nicht sagen : diesen habe ich Gutes erwiesen ? Und vielleicht nicht ihnen allein , vielleicht auch ihren Kindern ! Vielleicht wird hier etwas von mir bleiben , eine leichte und doch unverwischbare Spur meines Lebens , meines Einflusses , und nicht ganz , nicht ganz werde ich verschwinden , wenn ich verschwinde ... Und mit Inbrunst und bis zu völliger Erschöpfung gab sie sich ihrem ärztlichen Berufe hin , in dem sie ein neues Leben gefunden für das alte , aufkeimend zwischen den Trümmern ihres persönlichen Glückes und stark und grün überwölbend , was Schutt und Staub geworden war ... Aber nicht immer rauscht der grüne , dornige , herb duftige Baum über ihr - das Nagen und Bohren in ihrer Seele schweigt nicht immer . Allen Ernstes : es ist eine Schande , daß unter ihrem , ihrem Dache Schmähschriften gegen die Frauen geschrieben und in die Welt geschickt werden . Darf sie das dulden ? Darf sie , deren leidenschaftlicher Wunsch , deren zielvolle Tätigkeit dahin geht , ihre Schwestern zu heben , darf sie - kann sie mit ansehen , daß aus unlauterer Quelle ein Schlammstrom quillt , bereit , alles zu besudeln , was bunt und blühend feste Quadern , zeitgefügte Mauern zersprengt hat und dem Licht entgegentastet mit verlangenden Organen ? Was tun ? Josefine schreibt an Georges : Ich bitte dich dringend , diese für dich selbst erniedrigenden und mich beschimpfenden Artikel abzubrechen . Sie schreibt das und zerreißt das Blatt . Warum ? Nun , vor ihr steht sein hohnlachendes Gesicht und sie weiß : er wird versprechen und nicht halten . Das Gegenteil wird er tun von dem , was er versprochen . Sie schreibt an die Redaktion der Zeitung , die Georges ' Aufsätze veröffentlichte : Mein Herr ! Diese Aufsätze werden nicht fortgesetzt . Der Verfasser ist ein geistig anormaler Mensch ; er bedauert selbst , daß seine Schrift an die Öffentlichkeit gelangt ist . Sie liest , was sie geschrieben , und wieder zerreißt sie das Blatt . Warum ? Ach , vor ihr windet sich der Unglückliche , von allen Bitterkeiten Trunkene , und ihr Fuß bebt , der ihn nun ganz vernichten will . Geistig anormal - die Menschen halten es für schimpflich , geistig anormal zu sein . Man darf sie schlecht , cynisch , frivol , hyperegoistisch heißen - nur nicht geisteskrank ! Wer geisteskrank ist , der ist tot . Muß sie ihn töten ? Sie schreibt an Georges : Ich verbiete dir die Fortsetzung der » Gelehrten Weiber « . Sie zerreißt den Zettel . Nein , Kerkermeister kann sie nicht sein ! Zensor sein ist ihr verhaßt . Und dieser Armselige ! Aber ein gemeingefährliches Unkraut wuchern lassen ? Dumme Vorurteile in Handweite haben und sie nicht ausraufen ? Ist das konsequent ? Ist das durch irgend welche Rücksicht zu verteidigen ? Mit Liebe hegt man jedes gute Samenkorn , und hier , wo Gift gestreut wird aus vollen Händen , soll man nichts tun , die Unheilshände aufzuhalten ? Der Gedanke an Hermann , an seine ungezügelte Schadenfreude über die Schmähungen gegen die strebenden Frauen machte sie endlich fest .