» Wie hat es Ihnen gefallen - es war ja ganz hübsch « . Sie wollte abwarten , daß sich das Publikum ganz verzogen hatte . Wie sie so dalag , rief sie sich die Bilder zurück , die an ihren geblendeten Augen vorübergezogen waren und schwelgte in den neuen Sensationen , unter denen sie erbebte und erglühte . » Grande amoureuse « - wie einmal ihre Mutter sie genannt - ja , als das fühlte sie sich jetzt . Eine große Liebende - das heißt , daß die Leidenschaft , die sich ihrer bemächtigt hatte , sie nicht schwach , sondern stark machte , daß das Glück , das zu nehmen und geben in ihrer Macht stand - ein überwältigendes , erhebendes - mit einem Wort voll Größe war . Ihr Bedienter wartete , wie ihm befohlen worden , geduldig vor der Tür , aber jetzt trat die Logenschließerin herein . » Ich bitt ' Euer Gnaden - es wird schon ausgelöscht . « Sylvia erhob sich und trat vor den Spiegel , um sich das Spitzentuch um den Kopf zu schlingen . Ihr eigener Anblick in dem zurückgestrahlten Bild war ihr fremd ; es lag etwas Verklärtes darin , ein süß-zärtlicher Zug um den Mund , der dunkler glühte als je , und es durchzuckte sie eine , zwar schon öfter , aber nie so intensiv empfundene Freude - die Freude , schön zu sein . Sie trat hinaus . Der Bediente legte ihr den mit Hermelin gefütterten Theatermantel um die Schultern . Langsamen Schrittes - sie fühlte sich so eigens abgeschlagen - - ging sie durch die Gänge und die Treppe hinab , in der Tat als letzte - es war schon alles leer . Nur an dem Pfeiler neben der untersten Stufe lehnte noch ein Mann . Als sie herankam , riß er den Hut vom Kopf und trat ihr entgegen : Hugo Bresser . » Also endlich , also doch ! « rief er . Sie hängte sich schweigend in ihn ein und ließ sich zum Ausgang führen . Hier standen sie nun Arm in Arm , während der Diener den Wagen holte . » Nun , « fragte er , » Ihr Urteil ? - Ich will Ihr Urteil hören ! « Ihre Hand drückte schwerer auf seinem Arm : » Herrlich ! « » Das beglückt mich ... Aber noch einen anderen Urteilsspruch erbitte ich mir ... nicht über das Stück , sondern über mich - über Tod und Leben für mich ... die zwanzig Lieder ? ... « Wieder ein Druck der weißbehandschuhten Hand auf dem schwarzen Ärmel und in innigstem Tone : » Mein Dichter ! « Der Diener kam zurück : » So , gräfliche Gnaden , der Wagen . « Hugo half der geliebten Frau beim Einsteigen . » Darf ich eine Strecke mitfahren ? « Eine Sekunde zögerte Sylvia , dann aber mit Entschiedenheit : » Nein . « » Und wann erlauben Sie , daß ich morgen - ? « » Warten Sie eine Zeile von mir ab . Gute , gute Nacht ! « XXV In derselben Woche hatte es noch eine Sensationspremière in Wien gegeben : Rudolfs erster öffentlicher Vortrag . Es war im großen Musikvereinssaal und an einem Sonntag Nachmittag , damit - bei freiem Eintritt - recht viele Leute aus den arbeitenden Klassen kommen könnten . Für vorherige Bekanntmachung durch die Zeitungen und durch Anschlagzettel war gesorgt worden , und so geschah es , daß der weite Raum sich noch als zu klein erwies . Einige vordere Reihen waren für die persönlichen Bekannten Dotzkys , die ihn hören wollten , reserviert ; das übrige Publikum war aus allen Schichten der Gesellschaft zusammengesetzt . Als die Türen geöffnet wurden , gab es ein Drängen und Hasten , und bald war der Saal bis an die Decke gefüllt . Viele mußten umkehren , ohne Einlaß zu finden . Rudolf stand vor der ersten Sitzreihe , mit seiner Mutter und Grafen Kolnos im Gespräch . Das Schwirren und Sausen , welches das Drängen und Niedersetzen all dieser Leute verursachte , machte ihm keinen anderen Eindruck , als ob er , von einer Strandterrasse aus , das Branden des Meeres gehört hätte . Ein fremdes , fernes Element , diese Menschenmenge , weiter nichts . Was er sprechen wollte , das galt ja nicht diesem zufällig hier versammelten Publikum , das galt der Mitwelt , der Öffentlichkeit überhaupt . Eine Handvoll Samenkörner wollte er ausstreuen , hier und anderswo , heute , und morgen wieder ; allmählich würde doch , an einer Stelle oder der anderen , die Ideensaat aufsprießen ; in einzelne Seelen würde wohl dringen , was die seinige erfüllte , und Nachfolger und Mitarbeiter würden ihm erstehen ; vielleicht auch solche , die ihn weit überflügelten - desto besser ! Von persönlicher Beifallssucht war in dem heiligen Feuer , das ihn durchglühte , auch nicht ein Funke enthalten . Eine Zuhörerschaft , die einen Redner beklatscht und ihm zujubelt , die hatte er in diesem selben Saale vor einigen Wochen gesehen , als anläßlich eines Katholikentages ein antisemitischer Volksmann eine mit ordinären Witzen gewürzte Haßrede gegen » Judenliberale und Freimaurer « , gegen » Aufkläricht und Wissenschaftsdünkel « losgelassen . Und es war ein gar vornehmes Publikum gewesen : Bischöfe und Minister , Generäle und Aristokraten , Damen aus hohen und höchsten Kreisen , und daneben , in vielen Exemplaren , auch » der kleine Mann « , dem stets geholfen werden soll . Noch größeren Jubel aber hatte er diesen Saal durchbrausen gehört , wenn auf dem Podium ein geschickter Geiger stand oder eine hübsche Diva schalkhafte Lieder zum besten gab : nein , um Applaus buhlte Rudolf wahrlich nicht . Weder als Volksgunstsänger noch als Redekünstler trat er auf , kein rhetorisches Virtuosenstücklein hatte er zu bieten - nur etwas zu sagen hatte er . Alle Plätze waren besetzt , die anberaumte Stunde war überschritten - es war Zeit zum Anfangen . Rudolf stieg auf das Podium ; das Summen der im Saal geführten Gespräche verstummte , erwartungsvolles Schweigen stellte sich ein . » Ich habe Herzklopfen , « flüsterte Martha dem nebensitzenden Kolnos zu . Sie war nicht die einzige . In einer der letzten Reihen - sie war vom Hause entschlüpft und mit einer Freundin hierher gekommen - saß Cajetane Ranegg und ihr Herz und alle ihre Pulse pochten so heftig , daß ihr beinahe die Besinnung verging . Dotzky selber zitterte nicht . Es war ja nicht das erstemal , daß er zu einer versammelten Menge sprechen sollte . Während seiner gescheiterten Wahlkampagne hatte er es häufig getan und dabei seine Fähigkeit erprobt , Stimme und Rede zu beherrschen . Hier war es freilich etwas anderes , aber etwas , das ihm ein erhöhtes Gefühl überlegener Sicherheit gab ; nicht um etwas von den Versammelten zu erreichen , stand er da , sondern um ihnen etwas zu geben . Er trat an das Pult , das vorn am Podium stand , und stellte sich seitwärts dazu , mit den Ellenbogen sich daran lehnend . Es lag keinerlei Manuskript auf dem Pult und er hielt auch keines in der Hand - er wollte frei sprechen . Mit lauter , fester Stimme hub er an : » Ihr Unzufriedenen ! Vorerst nur an diese , an die Unzufriedenen hier im Saale wende ich mich - Ihnen hab ' ich eine Botschaft zu verkünden : es wird besser werden ... Vielleicht bald , vielleicht noch lange nicht - das hängt von der Zahl und der Arbeit der Unzufriedenen ab . Aber unter denjenigen hier , die diese Ansprache auf sich beziehen können , muß ich - sollen meine Worte nicht an eine falsche Adresse gehen - genauer sichten , welche Gattung Unzufriedener ich meine . Jene sicher nicht , die damit unzufrieden sind , daß man allenthalben beginnt , an alten Zuständen zu rütteln ; auch jene nicht , die ihrer Unzufriedenheit durch Schimpf und Gehässigkeit Luft machen wollen - eine Methode , die von der Hetzrede bis zur geschleuderten Bombe reicht - und ebensowenig jene , die mit ihrer eigenen zufälligen Privatlage unzufrieden sind und nun wünschen , daß bloß diese - im Rahmen der bestehenden Verhältnisse , so viel auch andere davon bedrückt werden - sich zum Besseren gestalte . Nein , weder zu den Quietisten - im Sinne von quieta non movere - , noch zu den Anarchisten der Tat , noch zu den einfachen Egoisten rede ich , sondern zu denen , die ein heiliger Unmut erfüllt gegen das Unglück aller Bedrängten und Bedrückten - und ein heiliger Wagemut dazu , das Unglück wegschaffen zu wollen - für sich und für andere . Doch einzig mit Mitteln , die eben so rein seien , wie der Zweck . Nun will ich die Dinge herzählen , mit denen wir unzufrieden sind und sein müssen , wenn anders es wirklich besser werden soll . « Er machte eine kleine Pause und veränderte seine Stellung . Dann begann er mit gleichfalls verändertem Ton die angesagte Herzählung . Eins nach dem andern ließ er die Zustände und Einrichtungen Revue passieren , die das Ungemach und die Qualen des gegenwärtigen Gesellschaftslebens verschulden . An jede einzelne seiner Anklagen - denn indem er die Zustände nannte , klagte er sie an - knüpfte er eine Schilderung , beinahe eine Erzählung . Es war wie eine Reihe vorgeführter Bilder , fertig und lebensvoll : Arbeiterelend , Frauenerniedrigung , Soldatenmißhandlung , Konfessions- und Rassenhader , das Schicksal der Arbeitslosen und was sonst der beklagenswerten Erscheinungen in der herrschenden Gesellschaftsordnung mehr sind . » Eine Gesellschaftsordnung , die auf Privilegien aufgebaut , auf Gewalt gestützt , und von Ungerechtigkeit und Unwissenheit durchseucht ist . Eine Gesellschaftsordnung , die zwar alle Tugenden und Gebote kennt und verkündet , deren Herrschaft und Befolgung allgemeines Glück verbreiten würden - nämlich die Tugenden : Milde , Großmut , Nächstenliebe - Feindes liebe sogar ; die Gebote : töte nicht , lüge nicht , neide nicht ; die aber alle diese schönen Dinge in die Moralhandbücher , in die Religionsstunden , eigentlich ins Jenseits verbannt , im öffentlichen Leben aber ohne Geltung läßt und in ihren staatlichen Institutionen geradezu ins Gegenteil verkehrt . « Etwas wie ein eisiger Hauch wehte den Redner an . Hatte er leises Murren oder das Räuspern des Polizeiorgans gehört , oder war es nur jener geheimnisvolle Rapport , der zwischen einem Vortragenden und der ihm lauschenden Menge sich einstellt ? - Kurz , er wurde plötzlich gewahr , daß ein Teil der Zuhörerschaft tadelnden Widerspruch , wenn auch nicht äußerte , so doch empfand . Wenn er jetzt zurückwich , war er verloren . Ein feindseliges Publikum , das kann nicht besänftigt , das muß gebändigt werden . Er trat einen Schritt vor , mit verschränkten Armen , mit zurückgeworfenem Kopf . » Und jetzt ein Wort an die Zufriedenen hier im Saale . Ihnen habe ich nicht zu Dank gesprochen . Die Anklagen gegen Bestehendes klingen in Ihren Ohren wie Aufreizung zum Umsturz - und dabei könnte stürzen , was Ihre Zufriedenheit bedingt : Stellung , Reichtum , Karriere ... darum Handschellen und Knebel her für den aufwiegelnden Störenfried ! Zufriedene , meine Brüder - wir sind ja alle Brüder - Sie vergessen , daß Sie den Störenfrieden vergangener Tage alles danken , worauf Ihr heutiges Behagen , Ihre gegenwärtige Sicherheit und Freiheit - so viel oder , meines Erachtens , so wenig Sie davon haben - mit einem Wort , Ihre ganze Kultur ruht . Hätten alte Zustände niemals ihre Ankläger , neue niemals ihre Verteidiger gefunden , so wäre dieses ganze Publikum heute vielleicht bei einem auto da fé versammelt , oder , wenn man noch weiter zurückgreift , hauste es knochennagend in dunklen Höhlen ... Nur scheinbar ist der Verlust , wenn eine gewohnte , liebgewordene alte Ordnung einer moderneren Platz macht ; so haben die Ritter ihre Burgen aufgeben müssen , auf Knappen und Wassergräben verzichten - doch welcher von ihren Nachkommen lebt jetzt nicht sicherer und besser in den unverteidigten Landhäusern ? Welcher kann nicht bequemer die gebrauchten Waren sich verschaffen , wenn er sie in den Stadtläden einkauft , als wenn er sie durch Überfall fahrender Kaufleute sich erbeuten müßte ? Es kann kein Übel oder Leiden geben - wenn solches Übel und Leiden der einen den anderen auch Vorteil und Gewinn bringt - , dessen Fortschaffung nicht den anderen noch größeren Gewinn zuführte , als sein Bestehen ihnen gewährte . Darum : nur niemals erlahmen in der Bekämpfung einer als Übel erkannten Einrichtung ! Niemals zurückweichen aus Rücksicht für ihre Träger und Diener ; nicht die Sklaverei bestehen lassen wegen des Profits der Sklavenhändler , oder die Folter beibehalten wegen des Erwerbs der Folterknechte . Rücksichtslosigkeit ? Die gehört zu jeder Rettungsarbeit . Ertrinkende darf man bei den Haaren aus dem Wasser ziehen , aus brennenden Häusern mag man die Leute unsanft in die Rettungsschläuche stoßen , und aus sozialen Übelständen soll man die verblendet Zufriedenen durch rauhe Wahrworte zu befreien trachten . Befreien , erlösen : das sind nicht Aufgaben , die man erfüllt , indem man aus Füllhörnern Blumen schüttet , sondern « - der Sprecher trat noch einen Schritt vor und sprach mit lauterer Stimme - » sondern , indem man mit wuchtigen Hieben Ketten sprengt , mit kühn geschwungenem Speer Drachen fällt , oder mit zornig geschwungener Peitsche einen Tempel reinfegt ! « Lautes Händeklatschen . Da erschrak Rudolf und er fühlte sich erröten . Dieser Beifall erschien als Quittung für einen plumpen Theatereffekt . Von Hieben , Drachen und Peitschen hatte er gesprochen , dabei hatte seine Stimme gedröhnt , und das Publikum dankte ihm dafür , wie einem debütierenden Tenoristen für ein gut geschmettertes hohes C. Es hätte nur noch gefehlt , daß er sich höflichst verbeugte . Das tat er nicht . Er blieb mit verfinsterter Miene eine Weile regungslos ; dann hub er wieder an , indem er wie ruheheischend die Hand vorstreckte : » Es scheint mir , daß ich mißverstanden wurde . Axt und Speer und Peitsche , die mir einen Applaus eingetragen , als hätte ich diese Kraftwerkzeuge virtuosenhaft durch die Luft sausen lassen , die waren nur bildlich gemeint . Ich stehe hier , um gegen die rohe Gewalt zu sprechen ; aber für das Wort selber , diese Waffe des Gefühls und der Idee , wollte ich das Recht vindizieren , scharf und wuchtig zu sein - und kräftig und unerschrocken gebraucht zu werden , wie einst Axt und Speer und Peitsche gebraucht worden sind . Die Dinge , die ich bewältigt sehen wollte , waren da auch nur in bildlichem Sinne gedacht . Die Ketten sind nicht aus Eisen , die Drachen haben keine Schuppen und nicht auf steinernen Säulen ruhen die Tempel , die ich meine . Ich muß deutlicher werden - « Und nun ging er daran , in ruhigem Tone zu erläutern , was in seinen Augen die Ketten und Fesseln seien , mit welchen wir alle gebunden sind , und wie sie abzuschütteln wären ; was er sich unter dem hehren Tempel denkt , den die Händler entweihen , und wie man diese zu verjagen hätte ; und schließlich wie der Drache heißt , der in der Mitwelt so verheerend haust , und woraus die Sankt-Georgs-Tat bestehen soll , durch die das Ungetüm zu erlegen sei . » Jeder Mann wird als Sklave geboren . Er muß dienen , ob er will oder nicht , er muß ein vorgeschriebenes Lernpensum durchmachen , soll er nicht drei sondern nur ein Jahr dem Militärzwang unterliegen - und während er dieses Mußjahr dient , heißt er euphemistisch Freiwilliger . Von Freiwilligkeit und Selbstbestimmung sieht man im ganzen Gesellschaftsgetriebe nur wenig . Die Leibeigenschaft ist zwar aufgehoben - aber ist man nicht an die Scholle geklebt , wenn man nicht nach beliebigem Ziel und auf beliebige Zeit verreisen kann , ohne Deserteur zu heißen , und ist man etwa bewegungsfrei , wenn man die Galeerenkugel der Armut schleppt ? Wie all diese Ketten zu sprengen seien ? Durch die Lösung der sozialen Frage . Daß er diese Lösung hierher mitgebracht habe , in eine fertige Formel gedrängt : so viel törichte Vermessenheit würde man ihm hoffentlich nicht zumuten ; er habe nur diese Mahnung zu geben : die soziale Frage muß unablässig , ehrlich , wissenschaftlich studiert , Experimente müssen gewagt werden , so lange bis man die Lösung gefunden hat - der hehre Tempel , das ist die Natur , das ist das Leben selber . Beide so voll der Pracht und der Wunder , der Mysterien und der Schätze . Das Leben mit seiner angeborenen Lust - die Lebensfreude - und das Allerheiligste dazu - die Liebe . Die Natur in ihrer Ewigkeit und Unendlichkeit , in ihrer Allmachtskraft , ihren immerwirkenden Gesetzen und stetem Entfaltungswandel ... Und wie wird dieser Tempel - Natur und Leben , uns als Stätte der Andacht und der Seligkeit gegeben - wie wird der geschändet durch den darin betriebenen Täuschungsschwindel und Lügenschacher ! Heraus damit ! Zu dieser Reinigung braucht man nur das eine : Wahrheit und Wahrhaftigkeit . Mit anderen Worten : die Offenbarungen der Wissenschaft zum Dogma , - das stete Forschen nach Erkenntnis und deren mutige Verkündigung zum Kultus - und die unschuldigen Genüsse des Lebens zum Ritus erhoben . Genüsse , auf die alle den gleichen Anspruch haben sollen . Das haben die Kirchen gar wohl verstanden , daß auf ihre Feste und Feiern , auf Gnaden und Verheißungen alle gleich berechtigt sind - auch die Ärmsten und Niedrigsten - ebenso muß in dem Tempel , den ich meine , jeder gleichen Anspruch und Anteil an Lebensfreude haben - auch die Ärmsten und Niedrigsten . Oder vielmehr : Ärmste brauchte es nicht mehr zu geben , die Erde ist fruchtbar genug , damit keiner darbe - und niedrig darf niemand heißen , der nicht niedrig denkt ... Und nun der Drache - « Rudolf machte eine kurze Pause um sich zu sammeln . Jetzt wollte er das vorbringen , was ihm am tiefsten im Herzen brannte , und von dem er wußte , daß es einer Auffassung entstammt , die für neun Zehntel aller Gegenwartsmenschen ganz ferne lag . Ihm erschien als der feindliche Drache was jene als Götzen verehrten . Martha befiel eine leise Angst . Sie sah kommen , was ihr Sohn sagen wollte und sie zitterte , daß dies für manchen Anwesenden verletzend ausfallen könnte . In den Parkettreihen sah man zahlreiche Uniformen - und war das Ungeheuer , gegen das der Vortragende jetzt den Georgs-Speer zucken wollte , der Krieg - - » Ach Kolnos , « flüsterte sie ihrem Nachbar zu , » mir ist bange . « » Ich verstehe Sie , « gab er zurück . » Aber nur unverzagt , Martha Tilling - dort oben steht ein Kämpfer ... Er tut und sagt , was er muß . « » Freunde , Gegner und Gleichgültige hier im Saale , Glückliche und Bedrängte , Männer und Frauen , Reiche und Arme , Soldaten und Bürger , Aristokraten und Arbeiter - der Drache den ich meine , das ist nicht nur mein , das ist auch Ihr , ist unser aller heimtückischer Feind . Und seine Name ist - Gewalt . Aber nicht als ein zu Bekämpfendes , Verheerendes , Ungeheuerliches - mit einem Worte nicht als Drache wird von unserer Gesellschaft die Gewalt erkannt , sondern sie gilt und schaltet als deren legitime hochangesehene Herrscherin . Sie betrachtet man als Grundlage der Ordnung , als Schutz vor Gefahren ; sie ist die Spenderin der höchsten Ehren , die Vollzieherin des Rechts . Der Glanz und Stolz der Nationen beruht auf der gewaltgesicherten Macht ; Gewalttaten werden Großtaten genannt ; zur Erlangung von Orden und Würden , zur Betätigung von Pflichttreue und Mut , zur Verteidigung und Eroberung der höchsten Güter dient als Mittel der Totschlag . Und dieses System ist so tief gewurzelt in allen unseren Einrichtungen , in der Erziehung , im Unbewußten - daß die meisten unter uns im Dienste des Drachen Gewalt leben und sterben , ohne ihn nur einmal in die bluttriefenden Augen geschaut zu haben . Die wenigen , die das Ungetüm in seiner Entsetzlichkeit erkennen , die werden von tiefem Schauer durchbebt - Schauer und Schmerz . Töten , töten , töten ... wenn man sich in den Sinn dieses Wortes versenkt , und dabei die Einbildungskraft ( die ja bei abstrahierten Begriffen so selten mittut ) spielen läßt , und sich vorstellt , wie man das Eisen in die Brust des Bruders bohren , oder unter seinem Hieb verbluten soll , und wenn man als letzten Schluß der Zivilisation das Schlachtmesser - ob man es auch hochtrabend Schwert nennt - walten sieht , da wird man von dem St. Georgsfeuer erfaßt : das Scheusal muß überwunden werden . « Wieder eine Applaussalve . Kopfschüttelnd fuhr Rudolf fort : » Wenn ich im Eifer meines Gefühls mich zu etwas heftiger Sprache mit gewalttätigen Bildern hinreißen lasse , so lohnt mich Ihr Beifall . Aber , daß ich ' s nur gleich sage : Zur Überwindung der Gewalt denke ich mir keinerlei Gewalttaten . So lange man glaubt , das Böse mit Bösem vertreiben zu können , wird der Gewaltring nicht gebrochen , der uns umklammert hält . Der Gang der Kultur ist das Zurückweichen der Gewalt vor dem Recht . Noch sind wir auf diesem Wege nicht weit vorgeschritten ; aber jedenfalls wird die menschliche Gemeinschaft in dieselbe Richtung weiter sich bewegen , bis zum Eintritt in die gewaltlose Ära , in die kriegslose Zeit - wie dies vom Versöhnungsapostel Egidy - der selber ein tapferer Soldat war - geprägte Wort lautet . Was wir tun können , ist die Beschleunigung dieser Entwicklung ; - aber jedes brutale Mittel : Aufruhr , Attentat , Verfolgung - verfehlt den Zweck , und verzögert den Gang der Kultur . Revolution predige ich nicht . Ich rufe auch nicht dem Publikum zu : Gehet hin und schaffet dieses oder jenes ab , denn ich weiß , daß wir nicht direkt aus diesem Musiksaal herausgehen können , ein kleines Häuflein Leute , selbst wenn wir eines Sinnes wären , was wir gewiß nicht sind - um heute abend noch , oder morgen früh die gleichgültige Masse draußen mitzureißen , die Gegner zu bekehren und jahrtausend alte Institutionen umzustoßen . Ich sage nur dieses , den Unzufriedenen zum Trost , den Zufriedenen zur Warnung : die Wandlung vollzieht sich schon . « Und so wie er vorhin die Zustände aufgezählt , die mit ihren Qualen und Lasten die Gegenwart bedrücken , so nannte er jetzt , eine nach der anderen , die verschiedenen Bewegungen und Organisationen , welche eine glücklichere und gerechtere Zukunft vorbereiten ; und neben den sichtbaren Organisationen auch die unsichtbaren Stimmungen im Zeitgeist , durch die ein höheres Menschentum und damit auch eine höhere soziale Ordnung sich ankündigt . » Noch etwas zum Schluß . Ich habe von Eintracht , Wohlstand , Friede , Freiheit gesprochen und gezeigt , wie viele Keime schon sprießen , aus denen der Garten des kommenden Paradieses hervorblühen wird . Und da bin ich mir des Spottes wohl bewußt , der aus gar weisen Hirnen auf mich niederträufeln wird . - - Oh , der naive Tor , wird es heißen - er sieht nicht , wie die praktische Welt auf das Gegeneinander und nicht auf sein empfohlenes Neben- und Füreinander eingerichtet ist ; er sieht nicht , wie die Interessen überall im Kampfe liegen , er hört nichts vom Lärm der Parteizwiste , des Klassenhasses , der Rassenverfolgungen ; er weiß nicht , wie die Geister von altem und neuem Aberglauben befangen sind - oh der blinde , taube Träumer ! « » Darauf will ich antworten : Alles das sehen und hören wir nur zu deutlich , wir , die wir eine schönere Zukunft vorhersagen ; wir sehen und hören sogar schärfer als die anderen , denn unter der wuchernden alten Riesenvegetation sehen wir auch die blaßgrünen Hälmchen der künftigen Flora ; durch den wüsten Lärm des Heute vernehmen wir doch schon den noch fernen Heroldsruf des Morgen ... Als letztes Wort wiederhole ich also mit tiefster Zuversicht mein erstes : es wird besser . Aber mithelfen müssen wir dabei ! « Der Vortrag war zu Ende . Im Saale wurde geklatscht - nicht übermäßig , und das Publikum strömte den Ausgängen zu . Rudolf stand im Künstlerzimmer , wo ihn einige Freunde beglückwünschten . Mit Kopfschütteln wehrte er die Komplimente ab . Er fühlte sich unbefriedigt und abgespannt . XXVI Rudolf war vom Musikvereinssaal direkt nach Hause gefahren , ohne auch nur mit seiner Mutter gesprochen zu haben . Er sehnte sich danach , allein zu sein und auszuruhen . Die Sache hatte ihn heftiger aufgeregt als er sich ' s vorgestellt . Beim Auftreten war er ganz ruhig gewesen ; als aber während des Sprechens ihm zweierlei klar wurde : nämlich , daß ihm die Macht fehlte , alles so zu sagen , wie er wollte , und daß , was er sagte , teils nicht verstanden , teils mit zwar schweigendem , aber feindseligem Widerspruch aufgenommen wurde , da hatte sich seiner eine Aufregung bemächtigt , die peinlich und bitter war - so bitter , daß ihm davon in der Tat ein bitterer Geschmack im Gaumen blieb . Im Bette warf er sich hin und her und konnte keinen Schlaf finden . Er versuchte , sich zu erinnern , was er gesprochen und korrigierte daran herum : dies und jenes hätte er sagen sollen . Dabei verlor er aber immer wieder den Faden und mußte von vorn anfangen . Erst gegen Morgen verfiel er in einen fieberhaften Schlummer und als er um neun Uhr erwachte , fühlte er heftigen Kopfschmerz . Das gewohnte kalte Bad erfrischte ihn . Auf dem Frühstückstisch fand er die Zeitungen . Natürlich galt sein erster Blick den Berichten über den gestrigen Abend . Nicht ob Lob oder Tadel darin enthalten war , interessierte ihn , sondern ob der Inhalt seiner Rede in einem guten Auszuge wiedergegeben , ob sein Gedankengang , wennschon nicht vom Publikum , so doch von den anwesenden Journalisten richtig aufgefaßt worden war . Das war nicht der Fall . Einzelne , aus dem Zusammenhang gerissene Phrasen ; mitunter auch ganz entstellte Zitate und als eigenen Kommentar dazu die unter herablassendem Lob versteckte Andeutung , daß man es mit einem wohlmeinenden , aber die rauhen Wirklichkeiten des Lebens ignorierenden Idealisten zu tun habe . In solchen Wendungen hat das Wort Idealismus den Klang von Unvernunft . Die ernsten Praktiker haben nur ein gerührtes Lächeln dafür . Ein einziges Blatt brachte einen richtigen , die wichtigsten Punkte hervorhebenden Auszug und fügte ein begeistertes » habemus prophetam « hinzu . Neben den Zeitungen lag auch ein Briefchen in der gewissen verstellten Handschrift der Unbekannten . Es war vom vorigen Abend datiert : » Ich bin überwältigt . Als Sie das Podium betraten , war mir , als drehe sich der Saal um mich herum ; alle Lichter tanzten - ich war in eine andere Welt entrückt . Da stand ein Mann , der entsagungsund begeisterungsvoll für eine edle Sache - die Sache des Menschheitsglücks - seine Person einsetzt ... So gibt es also doch noch Größe in der Welt , - gibt es Menschen , die über die Massen der Alltagsleute hinausragen - und dabei so viel Kraft und Zauber haben . Rudolf Dotzky , ich danke Ihnen , daß Sie mir geoffenbart haben , was dem Leben Wert und Adel gibt , ich danke Ihnen , daß Sie sind , Rudolf Dotzky ! « Das Briefchen war , wie seine Vorgänger , ohne Unterschrift . Rudolf war noch kaum mit der eingelangten Post fertig , als seine Mutter bei ihm eintrat . Er sprang auf und eilte ihr entgegen . » Störe ich Dich , liebes Kind ? ... Du bist mir gestern entkommen - und ich muß doch über Deinen Vortrag mit Dir reden . « » Es ist wahr - ich habe gestern die Flucht ergriffen - ich war so unzufrieden mit mir und den anderen ... bitte , setz ' Dich ... Hier die Blätter - die sind auch nicht zufrieden ... « » Hab ' ich schon gelesen und mich geärgert . Die haben Dich nicht verstanden - « » Und Du - welchen Eindruck hattest Du ? « » Lach ' mich nicht aus , Rudolf , aber ich war so sehr Mutter des Debutanten - d.h. so von Lampenfieber geschüttelt , daß ich zu gar keinem ruhigen Urteil kam . « » Also sogar für Dich war der arme Teufel auf dem Podium - der doch nur im Dienste einer Sache - Deiner Sache dort oben stand , einfach ein - wie soll ich sagen ? - ein Konzertredner ... Als solcher habe ich allerdings nicht reüssiert , das fühlte ich gleich . « » Nein - kein Konzertredner - ein Kämpfer stand dort oben . So drückte sich Kolnos aus . Der hat Dich verstanden . « » Ja , ja , man wird nur immer von solchen richtig aufgefaßt , die ohnehin gleicher Meinung sind . Aber die anderen hinzureißen - und darauf kommt es doch an ... « » Hinreißen ? Ich meine : überzeugen , darauf käme es an . Auch das ist eine schwere Sache , die nicht mit einem Male gelingen kann . Es ist schon viel getan , wenn es gelingt , Gleichgesinnte in ihrer Gesinnung zu bestärken . Darum - weißt Du - ich hätte lieber gesehen , wenn Du Deine Kraft in den Dienst einer abgegrenzten Bewegung gestellt hättest , dieselbe , die in meinen roten Heften - « » Du meinst , wenn ich als Mitarbeiter und Redner mich