letzte Programmnummer in Betracht ziehen könne . Seine Liebe zu Lotte würde ihr dabei nicht dauernd im Wege sein . Wie die Dinge bei Lotte lagen , würde sie nie daran denken . Franz Krieger zu heiraten . Für sie selbst freilich wäre die Affaire Gerhart Schmittlein , falls sie überhaupt im stande gewesen wäre , jemals eine solche Dummheit zu begehen , kein Hinderungsgrund gewesen ; Lotte dagegen würde nach allem Vorhergegangenen sich niemals zu diesem Schritt entschliessen können . Fortgesetzt ohne Aussicht auf Erfolg zu werben , ist nicht Mannessache . Franz würde von dieser Regel schwerlich eine Ausnahme machen . Dem starken russischen Thee waren appetitlich hergerichtete Brötchen . Bier und Cognac gefolgt . Der Laden war längst geschlossen . Zehn Uhr war vorüber , als Franz sich endlich zum Fortgehen rüstete . Wie im Fluge waren ihm die Stunden vergangen . Wie war es nur möglich gewesen , dass die kleine Zauberin ihn so lange festgehalten hatte ! Träumte er , oder war die junge weltsichere Dame , der er jetzt in einer Anwandlung von Zärtlichkeit , wärmer als notwendig gewesen wäre , zum Abschied die Hand küsste , wirklich Lena , das kleine , schninnische , selbstsüchtige , launenhafte Geschöpf , das er nie hatte leiden mögen , weil es ihm bei Lotte stets im Wege gewesen war ? Draussen in der kalten Nachtluft erst wurde er wieder Herr seiner aufgeregten Sinne . Die schwüle Luft in dem kleinen blumendurchdufteten Gemach , der starke Thee und der alte Cognac , die schweren türkischen Cigaretten mussten ihn völlig umnebelt haben , dass er in Lena ein so begehrenswertes Geschöpf gesehen hatte . Er machte eine heftige Bewegung , als wenn er etwas abschütteln wollte , was nicht zu ihm gehörte . Es gelang ihm nur zum Teil . Der feine Duft , der Lenas Kleidern entströmte , der eigentümlich lockende Blick ihrer schwarzen Augen , der Druck ihrer feinen weissen Hand , die er länger in der seinen gehalten hatte , als es sich mit einer blossen Jugendfreundschaft vertrug , liess etwas durch seine Sinne nachzittern , das ihn bis in seine Träume verfolgte . Gegen morgen erst fand er seinen festen gesunden Schlaf wieder , und als er Lotte Mittags aufsuchte , erinnerte er sich seines Rausches überhaupt nicht mehr . Lotte selbst brachte ihn erst wieder darauf , als sie von Lena zu sprechen begann . Aber er wollte nichts davon hören , die schwüle Stunde sich nicht wieder ins Gedächtnis zurückrufen lassen , die bei seiner tiefen Neigung zu Lotte beschämend für ihn war . So brachte er das Gespräch bald auf andere Dinge , zu Lottes geringer Befriedigung . Sie hatte sich ' s nun einmal in den Kopf gesetzt , diese beiden zusammenzubringen , koste es ihr was es wolle ! An demselben Tage hatte Franz ein geeignetes Geschäftslokal gefunden . Freilich nicht wie Lena geplant hatte , in der Französischenstrasse , der Friedrichstrasse oder Unter den Linden , sondern im Südosten der Stadt , nahe dem Moritzplatz . Am nächsten Morgen sollte der Mietskontrakt abgeschlossen werden . Mit dem letzten Zuge wollte Franz dann zurück , um die Uebersiedelung zu Ende März vorzubereiten . Diesen letzten Tag wollte er noch ganz mit Lotte verleben . Lena wieder zu begegnen mied er . Im Gegensatz zu dem sonnigen Tage ihres ersten Wiedersehens war der Abschiedstag grau und regenschwer . Förmliche Aprillaune zeigte dieser Februar . Sonnenschein und Regen wechselten fast übergangslos ab ; der heutige Tag aber schien sich völlig auf Regen eingeschworen zu haben . Lottes Stimmung war nicht besser als die Stimmung draussen in der Natur . Frau Korn versuchte vergebens zu trösten . Grau und schwer wie der Himmel draussen schien ihr heute das Leben zu sein . Nichts mehr von jener freudigen Gehobenheit , die sie vor wenig Tagen noch beseelt hatte , war übrig geblieben . Luischen war krank gewesen . Sie mochte sie doch wohl zu lange im freien umhergetragen haben . Franz ' häufiger Anwesenheit wegen hatte sie nicht hinausgekonnt , hatte sie auch nicht hinausgewollt , in der Furcht , sich ihm unter dem Eindruck unmittelbarer Erlebnisse zu verraten . Nun erfuhr sie erst heute , dass ihr Liebling gelitten und sie ihn nicht hatte pflegen dürfen . Nur rasch ein Ende machen mit dieser unerträglichen Zwiespältigkeit des Daseins ! Wenn es sein musste , allen zum Trotz . Wer riet ? Wer half ? Nur einen einzigen andern Ratgeber noch haben , als ihr eigenes , verlangendes Herz ! Franz , Frau Wohlgebrecht ! Das war ' s ja gerade , was an ihr frass , dass diese beiden liebsten Menschen nichts von ihrem eigensten innersten Leben wissen durften . Mochte die ganze Welt erfahren , dass sie Mutter sei , wenn nur diese beiden nicht darum wussten , an deren Achtung ihr mehr gelegen war als an der der ganzen übrigen Welt . Frau Korn war gerade über diesen Punkt nach wie vor ganz anderer Meinung . Beinahe im Zorn hatte sie ihren Schützling heute verlassen . Da sass die Lotte nun und quälte und härmte sich , anstatt das natürlichste und einfachste zu thun und sich den beiden Menschen anzuvertrauen , die es sichtbarlich so gut mit ihr meinten ! Der hübsche stattliche Mann aus der Heimat gewiss nicht minder als die herzensgute Frau Wohlgebrecht ! Es war ein rechtes Kreuz mit dem Mädchen ! Lotte sass am Fenster und starrte mit thränenlosen Augen in den grauen Himmel , auf die immer gleichmässig leise niederrinnenden Tropfen . Das Herz war ihr übervoll . Sie sehnte sich so unendlich nach einem andern Herzen , das ganz mit dem ihren fühlte , das all ihre Nöte und Sorgen verstand . Gottlob , dass Franz sie nicht mehr liebte ! Wo hätte sie in ihrer Verlassenheit die Kraft hernehmen sollen , stark gegen diese Liebe zu sein ! Wie sie so dasass , tief in Gedanken verloren , über vergangenes , gegenwärtiges und zukünftiges nachdenkend , wurde es ihr zum erstenmal ganz klar , mit wie verschiedener Liebe Gerhart und Franz sie geliebt hatten . Der eine mit selbstsüchtiger Leidenschaft , die vor der ersten sittlichen Forderung aufgeflogen war wie Spreu vor dem Winde , der andere mit herzlich selbstloser Neigung , die sterben musste , weil sie hoffnungslos war . Und während ihr die Thränen langsam über die Wangen rannen , fühlte sie mit stechendem Schmerz , dass sie heute Franz ' Liebe hätte erwidern können , wenn sie sie noch besessen hätte und ihrer würdig gewesen wäre . Wäre sie rein geblieben , heute würde diese Liebe ihr Glück und , was mehr noch war , der Friede und die Kraft ihres Lebens gewesen sein . Da klopfte es leise an ihre Thür . Franz trat herein , in der Hand einen feuchten , süssduftenden Veilchenstrauss . Das Wasser lief ihm vom Rock und von der Hutkrämpe herab , auf seinem Gesicht aber stand der Sonnenschein heiterer Zuversicht . In allen Dingen war ihm das Glück in Berlin so hold gewesen , warum sollte es ihm gerade bei Lottchen untreu werden ? Seit den letzten vierundzwanzig Stunden stand es bei ihm fest , ohne ihr Jawort nicht abzureisen . Die letzten Tage hatten ihm Mut gemacht . Seiner gesamten Zukunft gewiss , wollte er nach Haus zurückkehren . Er war sehr bestürzt , als er Lottes blasses , verweintes Gesicht sah . Aber sie blickte ihn lieb und herzlich an , und je näher er zusah , je mehr fand er von der alten Lotte in ihr , von dem zaghaften , hilflosen , lieblichen Geschöpf , das er so schweren Herzens nach Berlin hatte ziehen lassen . Das stärkte seinen Mut . Wenn nur das erste Wort erst gefunden war ! Lotte war so tief in ihre eigenen Gedanken versunken , dass ihr der Wechsel in dem Wesen des Freundes nicht besonders auffiel . Der Gedanke , dass er sie nicht mehr liebte , hatte sich so völlig in ihr festgesetzt , dass sie nicht einmal daran dachte , noch nach möglichen Symptomen einer Neigung zu suchen . Die fürsorgende Zärtlichkeit , die er heute für sie an den Tag legte , dünkte ihr nichts als selbstverständliche Freundschaft zu sein . Hätte sie diese Freundschaft nur durch volles Vertrauen lohnen können ! Je weniger sie ihn verstand , desto mehr wuchs seine Unruhe und Ungeduld . Er riss die Uhr aus der Tasche . Gleich drei ! Um sieben Uhr ging der Zug . Er wollte doch auch noch etwas von seiner Braut haben , und aufschieben liess sich die Abreise nicht . Es war eigentlich lächerlich , so feige zu sein und nicht gerade heraus zu sprechen . Das schlimmste war doch , dass sie » nein « sagte , und darauf war er früher ja stets gefasst gewesen . Warum jetzt nicht mehr ? Warum trug er sich plötzlich mit den unsinnigsten Hoffnungen ? Und wenn sie dennoch fehlschlugen ? Etwas merkwürdig Ahnungsvolles stieg bei diesen Gedanken in ihm auf und legte sich ihm schwer auf die Brust . Es würde ein grosses Unglück für ihn sein . Nicht nur , dass Lotte nicht sein Weib wurde , noch ein anderes , unheilschwangeres Schicksal schien sein Haupt mit dunklen Fittigen zu umkreisen . Das Herz schnürte sich ihm zusammen . Die Last auf seiner Brust wuchs zentnerschwer . Er fühlte , dass alles Blut ihm zum Herzen zurücktrat . Er musste wohl auch merkwürdig und sehr entstellt aussehen , denn Lotte fragte plötzlich schreckhaft durch die Stille hindurch : » Ist Dir nicht wohl , Franz ? Du siehst ja totenbleich aus ! « Da hielt es ihn nicht länger . Er wollte , er musste Gewissheit haben . Die Leidenschaft übermannte den sonst so ruhigen , besonnenen Mann , und mit einer verzweifelten Glut , deren er sich selbst nicht für fähig gehalten hätte , flehte er Lotte um ihre Liebe , um ihre Hand . So plötzlich war das gekommen , dass Lotte wie versteinert dastand . Sie hörte ihm mit grossen , weitgeöffneten Augen zu und sagte sich immer nur das eine und wieder das eine : » Nur nicht schwach werden , nicht schwach werden ! Du darfst ihn nicht erhören , Du hast das Recht verwirkt . « Bis er zu Ende war , hatte sie sich wirklich gelasst . Ganz ruhig trat sie ein paar Schritte von ihm fort und leise , um die Thranen nicht za verraten , die ihr in der Kehle sassen , sagte sie : » Ich danke Dir für Deine Liebe , Franz , aber ich kann , Deine Frau nicht werden ! « Er riss den Stuhl an sich , auf dem er zuerst gesessen hatte , von dem er dann , hingerissen von seiner Leidenschaft , aufgesprungen war , um ihr ganz nahe zu sein , sie in seine Arme schliessen zu können . Die morsche Lehne zerbrach unter dem wuchtigen Druck seiner Hand . Aber auch seine Stimme blieb ruhig , so heiss auch die fürchterliche Enttäuschung in ihm tobte . » Und kannst Du mir sagen , weshalb Du meine Frau nicht werden kannst ? « Aufs Geratewohl gab sie die Antwort : » Weil ich Dich nicht liebe , wie man einen Mann lieben muss . « Es war ja doch alles eine grosse Luge . Warum erst lange nach Worten suchen und wägen ? » Liebst Du einen andern , Lottchen ? « Sie hatte es auf der Zunge zu sagen : » Ein anderes ja , dem mein ganzes Leben gehört , um dessentwillen ich Dir entsagen muss - « Aber sie schwieg und schüttelte statt jeder Antwort langsam den feinen blonden Kopf . » Und dies ist Dein letztes Wort ? « » Mein letztes , Franz . « » Und Du glaubst nicht , dass es jemals anders werden kann ? « » Niemals - nie ! « Er nahm den regenschweren Rock über den Arm , den Hut in die Hand und verbeugte sich steif , ohne einen Schritt näher auf sie zuzugehen , ohne ihre Hand zu berühren . » Lebwohl , Lotte . « Sie hatte ein paar Schritte auf ihn zu gemacht . Sie brachte es nicht übers Herz , ihn so gehen zu lassen . Sie streckte ihm die Hand entgegen , die er zögernd ergriff , und wie eine Liebkosung klang ihre Stimme , als sie jetzt sagte : » Adieu , Franz , und auf Wiedersehen ! Gebe Gott , dass Du verschmerzt hast , was ich Dir anthun musste , bis wir wieder beisammen sind . « Er sagte nichts mehr , sondern starrte sie nur aus trostlosen Augen an , dann wandte er sich kurz und zog die Thür rasch hinter sich zu . Sie drückte den Veilchenstrauss an die Lippen und blickte ihm schmerzverloren nach , aber sie brach nicht zusammen . Das Bewusstsein hielt sie aufrecht , den schwersten Sieg errungen zu haben , den ein Mensch zu erringen vermag , den Sieg über sich selbst ! Lena hatte Franz ' Besuch täglich erwartet . Sie war sehr ungehalten darüber , dass er ausblieb . Vernachlässigung war sie nicht gewöhnt . Aber gerade , dass sie ihr einmal zu teil wurde , steigerte ihren Wunsch , Franz zu gewinnen bis ins unermessliche . Sie stieg zu Lotte herauf , die sie jetzt selten genug besuchte . Wenn sie sich getäuscht haben sollte , wenn diese beiden dennoch einig mit einander geworden wären ! Lena überzeugte sich bald von dem Gegenteil . Franz war längst abgereist , und Lotte schien nicht das geringste Interesse weder an dieser Abreise , noch an Franz überhaupt zu nehmen . Sie hatte nur Sinn für Luischen . Luischen war ihr drittes Wort . Ob Lena denn nicht endlich einmal mit ihr nach Schmargendorf heraus wolle , das liebe kleine Geschöpf kennen zu lernen ? » Im Frühjahr , ja . Hat Franz nicht gesagt , wann er zurückkommt ? « » Ich glaube , um Ende März . « Das war alles , was sie aus Lotte herausgebracht hatte . Daran musste sie sich bis auf weiteres genügen lassen , aber ihre Laune wurde durch dies negative Ergebnis ihrer Nachfragen nicht gerade verbessert . Am schwersten hatte Bornstein unter Lenas Stimmung zu leiden , und da er sie noch immer wirklich gern hatte , litt er in der That . Zuweilen schalt er sich einen ausbündigen Narren , dass er noch immer um ein Mädchen sich bemühte , das trotz allem was er für sie gethan hatte , nicht gewillt schien , auch nur um Haaresbreite seinen Wünschen entgegen zu kommen . Aber gerade das reizte ihn . Sollte er nun , da er so lange um sie geworben hatte , unverrichteter Sache wieder abziehen ? Er wollte sich wenigstens sagen dürfen , dass er einmal sein Herrenrecht geltend gemacht , dass er sie einmal besessen hatte . Einstweilen schien er indess weniger Aussicht zu haben denn je , seine Stellung Lena gegenüber zu verbessern . Hatte sich die kleine Launenhafte den ganzen Winter über nicht gerade hingebend gezeigt , hatte sie den meisten seiner Wünsche einen unbeugsamen Trotz entgegengestellt , war es ihr niemals eingefallen , Rücksicht darauf zu nehmen , dass er doch wohl das Recht habe , ihre Gesellschaft zuweilen allein zu geniessen , hatte sie , im ausgesprochensten Gegensatz zu diesen seinen Wünschen , sich nur um so häufiger mit einer förmlichen Schar von Verehrern und Freunden umgeben , so schien Lena jetzt nach dem Frühjahr zu dies alles noch zuspitzen zu wollen . Bornstein war so gereizt , dass er schon daran gedacht hatte , sie vor die bündige Entscheidung zu stellen : » Entweder Du änderst Dich , oder wir sind geschiedene Leute . « Da er aber Lena dazu im stande hielt , dem letzteren Vorschlag mit ihrem pikantesten und überlegensten Lächeln zuzustimmen , verschob er den entscheidenden Schritt von Tag zu Tag . Um die zweite Hälfte März musste Bornstein nach Dahlow hinaus . Es war nicht unmöglich , dass er vierzehn Tage dort festgehalten werden würde . Neuanlagen , Umbauten waren zu besprechen . Der Verwalter war nicht mehr so auf dem Posten wie früher , die Leute nicht mehr ordentlich im Zuge . Es war höchste Zeit , dass er selbst mal nach dem Rechten sah . Er ging schwereren Herzens denn je . Wenn er nur jemanden gehabt hätte , der ihm während seiner Abwesenheit zuverlässigen Bericht über Lena hätte zugehen lassen ! Er schwankte lange , schliesslich bat er Kurt um diesen Freundschaftsdienst . Strehsen war selbstverständlich , wie stets bereit , Bornstein zu willen zu sein . Selbst wenn Kurt nicht gewollt hätte , er hätte nicht anders gekonnt , denn er war mit der Zeit völlig abhängig von Bornstein geworden . Er hätte einfach quittieren oder sich eine Kugel durch den Kopf schiessen müssen , wenn der Freund die Hand von ihm abgezogen hätte . Ein Bedenken , ob er den delikaten Auftrag übernehmen oder ablehnen solle , gab es also nicht . Es blieb Kurt keine Wahl , als Bornstein auf Ehrenwort zu versichern , dass er ein aufmerksames Auge auf Lena haben und ihm alles auffällige unverzüglich melden würde . Verhältnismässig beruhigt fuhr Bornstein ab . Er wusste , er durfte sich auf Kurt verlassen . Er wollte ja auch nichts weiter , als , nachdem er weit über ein Jahr um Lena geworben hatte , nicht gerade einen andern die Früchte pflücken sehen , die für ihn stets zu hoch gehangen hatten . So war Kurt jetzt täglicher Gast bei Lena , Oberspion , wie er selbst sich nannte . Seine Besuche waren ihr augenscheinlich ebenso gleichgültig , wie die aller andern . Sie machte keinen Unterschied und behandelte jeden , der über ihre Schwelle kam , mit derselben kühlen Nachlässigkeit . Kurt konnte die beruhigendsten Berichte nach Dahlow schicken . Dass Lena auf einen wartete , der noch immer nicht wiederkommen wollte , dass sie aus diesem Grunde für niemand sonst etwas übrig hatte , das freilich ahnte der wachthabende Leutnant nicht . Zehn Tage etwa mochte Bornstein von Berlin abwesend sein , als an einem Nachmittag zu Ende März die Thür zu dem türkischen Boudoir für jeden Besucher , auch für Kurt , verschlossen blieb . Vergeblich ersuchte der Leutnant das blondgekrauste Ladenmädchen , ihn zu melden . Er bot seine ganze , noch immer recht knabenhafte Autorität auf , vergebens . Selbst gegen ein ansehnliches Trinkgeld blieb der blonde Cerberus unerbittlich . So dreist das Mädchen gegen jeden war , vor ihrer jungen Prinzipalin hatte sie einen heillosen Respekt ; nicht um die Welt hätte sie einem Gebot von ihr getrotzt . Als Kurt sah , dass ihm der Eintritt verweigert blieb , fing er an , sie auszufragen . Aber auch damit hatte er wenig Glück . Wer denn bei Fräulein Lena drin sei ? Das Mädchen zuckte die Achseln . » Herr Bornstein selbst etwa ? « Sie lachte frech auf . » Ein Fremder ? « » Ja ! « Mehr wisse sie nicht , er solle sie nun in Ruhe lassen . Kurt ging , weil ihm nichts anderes übrig blieb . Am liebsten hätte er gleich an Bornstein telegraphiert , dass Gefahr im Verzuge sei . Aber er hatte ja nicht den geringsten Beweis dafür , dass es wirklich so war . Der Fremde konnte ebenso gut ein Geschäftsmann sein , der mit Lena zu thun hatte , als ein neuer unbekannter Verehrer . Warum sollte sie gerade diesen bei verschlossenen Thüren empfangen , da sie es mit einem von ihnen niemals gethan hatte , nicht einmal mit Bornstein ! Er wollte gegen Abend noch einmal hinausfahren und Lena gewissenhaft aufs Korn nehmen . Zeigte sich dann irgend etwas Verdächtiges , war es immer noch Zeit , Bornstein zu benachrichtigen . Als Kurt zwei Stunden später wiederkam , war die Luft rein , und Lena gerade so kühl , ruhig und überlegen , wie sie es in letzter Zeit stets zu sein pflegte . Ungefragt erzählte sie ihm mit grösster Kaltblütigkeit von dem Besuch eines Landmannes , den sie nachmittags gehabt habe . Er sei Geschäftsmann und wolle sich hier etablieren . Da er ihren Rat in verschiedenen geschäftlichen Dingen erbeten , habe sie während seiner Anwesenheit niemand sonst empfangen können . Es thue ihr leid , dass er gerade um diese Zeit und vergebens bei ihr vorgesprochen habe . Kurt war sehr zufrieden , dass er in seiner Herzensangst nicht gleich zum Telegraphenamt gestürzt war . Es wäre eine schöne Blamage gewesen . Weniger kaltblütig wie Lena , brachte Franz Krieger die Stunden nach dem langen Beisammensein unter vier Augen mit ihr zu . Merkwürdig war es ihm mit diesem Mädchen ergangen . Während der drei Wochen , die er nach Lottes Abweisung noch zu Haus hatte zubringen müssen , war Lena so gut wie vergessen gewesen . Die Wunde , die Lotte ihm geschlagen hatte , sass zu tief , brannte zu schmerzlich , als dass ein anderer Gedanke daneben hätte aufkommen können . Er litt unsäglich , aber er litt ruhig und gefasst , in einer Art stumpfer Betäubung . Sie liebte ihn nicht , er musste lernen es zu tragen . Erst seit er in Berlin war , hatte sein Schmerz einen durchaus andern Ausdruck angenommen . Vorbei war es mit der Ruhe , der Fassung , der Resignation . Hier , wo er geglaubt hatte , mit ihr glücklich zu sein , war eine peinigende Unruhe über ihn gekommen , ein brennendes Verlangen zu vergessen , was sie ihm angethan hatte . Was sollte er hier in dieser heisspulsierenden mächtig sich regenden Stadt mit seinem totwunden Herzen ? Sollte er als ein bleicher , abgestorbener Schatten sein neues Leben beginnen , um es willensunfähig gleich wieder mit einem Schiffbruch enden zu lassen ? Müde und gebrochen in eine Schaffensperiode treten , die den ganzen Mann forderte ? Nein , was es auch kostete , er musste seines Schmerzes Herr werden , musste sich herausreissen aus der dumpfen Betäubung , aus der er noch immer nicht erwacht war , seit er die vier steilen Treppen von Lottes Dachstübchen heruntergestiegen war . Er suchte Vergnügungen auf ; so neu und ungewohnt sie ihm waren , sie ekelten ihn an . Er trank mit fremden Kneipkumpanen - Bekannte und Freunde hatte er nicht in Berlin - zu dem schweren Herzen gesellte sich ein schwerer Kopf und machte ihn noch arbeitsunfähiger , als sein Kummer ihn ohnedies gemacht hatte . Endlich fiel ihm Lena ein . Ja , Lena war das rechte ! Wenn irgendwo , so war es möglich , bei ihr das Vergessen zu lernen . Und vergessen wollte er . Lenas kaum verhehlte Freude ihn wiederzusehen , rührte ihn beinah . Ja , sie hatte ihn wirklich gern , sie hatte es nie vor ihm verborgen . Wie im Fluge waren die Stunden mit ihr wiederum vergangen . Das erste Mal , seit Lotte jede Hoffnung , jede Lebensfreude in ihm ertötet hatte , dass er den langsamen , schleichenden Gang der Zeit nicht empfunden hatte . An Lena wollte er sich halten . In ihrer Nähe vergass er die nagende Pein um Lotte . Sie wirkte auf ihn wie starker Wein , süss und berauschend . In diesem Rausch lief er stundenlang umher , bis er den Weg zu seiner entfernten Wohnung im Südosten der Stadt wiedergefunden hatte . Er dachte nichts anderes und wollte nichts anderes denken , als an den lockenden , verheissenden Blick ihrer schwarzen Augen , an die weichen Formen ihrer zur Ueppigkeit neigenden Gestalt , an den Druck ihrer feinen , mit funkelnden Steinen geschmückten Hand , der ihm noch in der Erinnerung , wie ein elektrischer Schlag durch die Glieder ging . Am Sonntag hatte sie ihm erlaubt wiederzukommen . Heute war erst Donnerstag ! Eine lange Zeit für einen , der sich vor seinen Gedanken fürchtet . Als er am Sonntag den Laden betrat , tönten ihm aus dem türkischen Boudoir Stimmen und Lachen entgegen . Er wollte sofort die Flucht ergreifen . Lena in Gesellschaft anderer zu sehen , war ihm ein unerträglicher Gedanke . Er fühlte instinktiv , dass sie nur unter vier Augen jene alles vergessende Wirkung würde auf ihn ausüben können , deren er bedurfte , um zu leben , zu arbeiten . Aber das blonde Mädchen liess ihn nicht fort . » Das Fräulein hat ' s mir extra eingeschärft , Sie hereinzuführen . Unangemeldet sogar « , fügte sie mit ihrem dreistesten Lächeln hinzu . Als Franz eintrat , verstummte die Unterhaltung Lena stand auf und begrüsste ihn mit stark betonter Liebenswürdigkeit . Dann stellte sie ihn als einen lieben Jugendfreund , der sich soeben in Berlin etabliert habe , den übrigen Anwesenden vor und bat Kurt in ihrer kurzen Art , die keinen Widerspruch duldete , Herrn Krieger den Platz an ihrer Seite abzutreten . Kurt erhob sich sofort , aber er zog seine schärfste Spähermiene auf . Jetzt galt es aufzupassen . Das also war der Geschäftsfreund , der bei verschlossenen Thüren empfangen worden war . Dies war am Ende doch eine Sache , die Bornstein etwas anging . Wer weiss , was nicht schon verfehlt war dadurch , dass er neulich nicht gleich telegraphiert hatte ! Er liess die beiden nicht mehr aus den Augen , und genug gab es für ihn zu hören und zu sehen . Lena gab sich nicht die geringste Mühe , ihre Vorliebe für diesen Jugendfreund zu verbergen , und er war so vollständig in ihrem Bann , dass er alles andere darüber vergass . Je länger die Intimität der beiden dauerte , um so unbehaglicher wurde es Kurt zu Mut . Schliesslich sass er wie auf Kohlen . Die übrigen Besucher hatten sich längst verabschiedet . Nur dieser täppisch verliebte Mensch und er sassen noch immer mit Lena an dem kostbar eingelegten Tisch und rauchten eine Cigarette nach der andern . Was sollte er thun ? Es war höchste Zeit , an Bornstein zu telegraphieren , wenn der Freund morgen mit dem ersten Zug abfahren sollte . Und das schien Strehsen nicht nur geraten , nein , geradezu gebotene Notwendigkeit . Wie aber sollte er es anfangen , ohne die beiden allein zu lassen ? Endlich sah Lena auf die Uhr . » Schon zehn ? Mein Gott , darum bin ich auch so müde . Ich muss Sie jetzt entlassen , meine Herren . Auf Wiedersehen , Herr von Strehsen . « Sie reichte ihm flüchtig die Fingerspitzen zum Kuss . Dann stahl sie ihre Hand zu Kurts Entsetzen ganz ungeniert in die des » provinziellen Menschen « und sagte mit ihrem verführerischsten Lächeln : » Du kommst wohl morgen abend um acht , wie wir verabredet haben , lieber Franz ? « Draussen nahm Kurt sich kaum Zeit , sich von dem Friedensstörer zu verabschieden . Wie ein Verfolgter stürzte er auf den nächsten Taxameter zu und schrie ihn an , so schnell die Mähre laufen könne , nach dem Haupt-Telegraphenamt zu fahren . - Mit einem der Vormittagszüge traf Bornstein ein . Da er Kurt telegraphisch davon benachrichtigt hatte , erwartete ihn der Leutnant auf dem Bahnhof . Bornstein kochte vor Grimm , nachdem er Kurt gehört hatte . Dennoch nahm er sich Zeit . Seinen letzten Trumpf durfte er nicht leichtsinnig ausspielen . Um acht Uhr hatte sie diesen Menschen zu sich bestellt . Er würde warten bis dahin . In flagranti würde er sie ertappen . Und dann , dann sollte reiner Tisch zwischen ihnen gemacht werden . Er hielt dieses Leben nicht mehr länger aus . Entweder oder . Biegen oder Brechen . Sie hatte ihn lange genug gefoppt . Seine Geduld war zu Ende . Um ein viertel auf neun schritt er durch den Laden , ohne den Gruss des blonden Mädchens zu erwidern , gerade auf das türkische Zimmer zu , in dem Lena ausnahmslos ihre Besuche zu empfangen pflegte . Das Mädchen rief ihm etwas nach , was er nicht verstand . Er hörte auch gar nicht auf sie . Er riss die Thür auf . Das Zimmer war leer . Da erst wandte er sich zu der jetzt dicht an seiner Seite Stehenden um . Sie erschrak vor dem Ausdruck seines sonst so gutmütigen phlegmatischen Gesichts . Wie Wetterleuchten zuckte es darüber hin . Das spärliche rötliche Haar unter dem weit aus der Stirn zurückgeschobenen Hut schien sich förmlich zu sträuben . Mit eisernem Griff umfasste er die Hand des Mädchens . » Wo ist Fräulein Weiss ? Lügen Sie nicht , ich rate es Ihnen . « Weit stiess er sie von sich und spuckte in einem grossen Bogen vor ihr aus . » Pfui , Sie - Sie Gelegenheitsmacherin Sie ! « Das dreiste rohe Geschöpf zitterte an allen Gliedern . Sie glaubte nicht anders , als dass Bornstein plötzlich wahnsinnig geworden sei . » Fräulein ist schon in ihrem Schlafzimmer . Sie wollte früh schlafen gehen . Sie sagte , sie wäre sehr müde ! « Er lachte laut und höhnisch auf . » Wie Du schlau bist , Kröte ! Aber es hilft Dir nichts . Glaubst Du , ich wüsste nicht , dass jemand bei ihr ist ? Marsch , mach ' Platz , ich will hinein ! « Er stiess sie zur Seite wie eine giftige Natter und stürzte durch den kleinen Gang , der von dem Laden zu Lenas Wohnung führte . Die Verbindungsthür war schon verschlossen . Er riss an der Klingel , einmal , zweimal . Als nicht gleich jemand kam , donnerte er mit den Fäusten dagegen . Jetzt wurde der Riegel zurückgeschoben . Lenas Köchin stand vor ihm . Er schob sie bei Seite und schlug die Thür hinter