Volk , - jetzt mehr als je . Er haßte die Frommen und haßte die , die sich des religiösen Gewands entäußert hatten und wie Trümmer eines großen Baues verloren auf dem Ozean des Lebens trieben , verachtet oder mächtig , doch auf jeden Fall Schmarotzer aus einem fremden Stamm . Inmitten fremden Lebens ein fremdes Volk , voll gezwungener Fröhlichkeit , in einem unsichtbaren Ghetto . Der alte Herrlichkeitsgedanke ist verrauscht und mit den Spuren zweitausendjährigen Elends am Leibe spielen sie die Herren und bedecken ihre Wunden , ihre Unzulänglichkeit , die Schmach der Unterdrückung mit einem Mantel von Gold . Und er haßte auch die andern , diese ungroßmütigen Gastgeber mit ihrem Munde voll Lügen und Phrasen und falschen Versicherungen , mit ihren trügerischen Gesetzen und scheinheiligen Göttern . Und er haßte die Zeit , die sinnlos hinrollende , atemlose Zeit , die Hoffnung gibt , um sie nur mit dem Tode einzulösen und die Glieder mit Krankheit schlägt , wenn der Geist den Körper überwinden will . Gleichwohl erfüllte ihn die ungeheuerste Sehnsucht nach dem Leben irgendwo da draußen und er beschloß , auszugehen wie einst David , der sich ein Königreich gewann . Halb im Traum gewann sein Vorsatz Kraft und Unumstößlichkeit . Am andern Vormittag packte er ein schmales Bündel und reichte seiner Mutter die Hand zum Abschied . Frau Jette war so erschrocken , daß sie sich nicht fassen konnte . Sie konnte den Entschluß des Sohnes nicht mißbilligen , nur fragte sie , weshalb er gerade jetzt fort wolle , da der Vater auf den Tod krank sei . Agathon schüttelte den Kopf . Zwischen ihm und seinem Vater durfte kein Band mehr sein . Gewaltsam und unerbittlich drängte es ihn fort , und er ließ sich durch nichts bestimmen , zu sagen , wohin er sich wenden würde . Er nahm auch die paar Groschen , die ihm die Mutter bot , nicht an , sondern versicherte lächelnd , daß er kein Geld brauche . Er steckte ein Dutzend Äpfel in das Bündel , Käse und Brot , küßte die Mutter und die Geschwister und ging in den kalten Wintertag hinein . Dreizehntes Kapitel An Bojesen konnte man jenen leise fortschreitenden Verfall gewahren , der sich in einer mehr und mehr glänzenden Rocknaht offenbart ; in jener Vernachlässigung des Äußeren , die sich bis zum Trotz steigert ; in der Verringerung des Trinkgeldes für Kellner und Oberkellner : in der beflisseneren Art , vornehme , wenn auch sonst gehaßte Personen zu grüßen ; in der erkünstelten Ruhe , womit man in den Läden nach dem Preis der Waren fragt , - kurz , in all jenen Dingen , die so tief gehen , wie sie unbedeutend scheinen und mehr verwunden , als das offene Geständnis der Not . Die Behaglichkeit gesicherter Zustände ist dann das einzig Wünschens- und Ersehnenswerte , und wenn es zu Hause kalt ist , träumt man von einem offenen Kaminfeuer mit fallenden Glutkohlen , so wie man sonst die Gedanken in alle Tiefen der Metaphysik sandte . Er war verlassen , und er überredete sich , daß er in seiner Verlassenheit glücklich sei . Eine befremdliche Ruhelosigkeit war über ihn gekommen , die ihn von Rast zu Rast und von Arbeit zu Arbeit trieb ; aber die Rast war ohne Frieden und die Arbeit ohne Frucht . Die Häuser , die eingefrorenen Parkanlagen vor seinem Haus , die vorbeisausenden Züge der Eisenbahn , Menschen , Hunde und Steine , alles hatte sich verändert , hatte in seinen Augen etwas Flüssiges erhalten und schien durch die unlösbare Kette der Teilnahmlosigkeit , die alles und alle umfangen hielt , verächtlich . Ost wenn der Sturm bei Nacht um die Mauern fuhr , daß es schien , als koche die Atmosphäre , kam sich Bojesen als ein unermeßlich einsames Wesen vor im weiten Universum , das sich im Zustand des Wartens befand auf irgend einen magischen Befehl jener Dame , die die Lebensfäden so kühn und unberechenbar ineinanderstickt . Wie leer erfand sich schließlich die Wissenschaft vor seinem Nachdenken . Selbst die Lampe auf seinem Tisch , die Stühle , die Bücher im Regal , - sie hatten etwas Wesenloses für ihn . Um Geld zu verdienen , suchte er Stunden zu geben . Es gelang ihm , die zwei Söhne des Witwers Samuel Binsheim zum Privatunterricht zu bekommen . Dieser Herr Binsheim setzte einen eigenen Ehrgeiz darein , mit Bojesen gelehrte Gespräche zu führen . Er übersiel ihn also oft auf der Straße und versicherte ihm stets von neuem , daß er ein Materialist sei , ein Freidenker , Freigeist , ein Atheist und machte ihn mit seinem Plan bekannt , einen Atheistenverein zu gründen . Er sah darin die höchste Vollkommenheit des Geistes ; jeder Atheist war im Voraus sein Freund , er suchte Disziplin in die Atheisten zu bringen und wollte sie organisieren . Herr Binsheim war es auch , der ihm erzählte , Stefan Gudstikker habe ein Buch veröffentlicht , worin die Leiden eines tragisch endenden Schulknaben so meisterhaft geschildert seien , daß das Werk in kurzer Zeit das größte Aufsehen erregt habe . Bojesen bat Herrn Binsheim um das Buch , doch als er es lesen wollte , fand sich , daß Herr Binsheim die Blattränder dazu benutzt hatte , um seine Feder in kritischen Anmerkungen schwelgen zu lassen . Daher konnte sich Bojesen lange Zeit nicht zur Lektüre entschließen , denn ihm war , als solle er sich in ein Bett legen , das noch warm war vom Schlaf eines Fremden . Schließlich las er es doch und fand viel Gewandtheit der Darstellung in dem Buch , viele blendende Einzelheiten ; er fand viel Wollen , das nicht zur Kraft entwickelt war und jenes wunderbare Spiel mit Natürlichkeit , jene leicht überspannte Romantik der Gefühle , die sich um einfache Wirkungen herumlügt , weil sie des Einfachen nicht fähig ist . Ost wenn Bojesen nach Hause gekommen war und sich in seinem Zimmer eingeschlossen hatte , wurde vor der Türe ein schwaches Knistern hörbar . Dies Knistern stammte von einem Kleide , und die dies Kleid trug , war Fanny Bojesen . Fanny Bojesen schlich über die sich krümmenden Dielen dahin , schreckte bei jedem Laut zusammen und legte ihr Ohr an die Türe des Gemachs , hinter dem sich der einsame Mann verschanzt hatte vor dem Leben und vor der Liebe . Sie wurde nicht müde , zu lauern und zu lauschen , und nicht einmal ein Seufzen von drinnen belohnte ihre Qual . Oft nach solch fruchtlosem Spionieren setzte sie sich in ihrem Zimmer an den Tisch und schrieb , schrieb , schrieb ... die lange , klagende Epistel des unglücklichen Weibes , und am folgenden Morgen verbrannte sie was sie geschrieben . Wenn Bojesen ausging , versteckte sie sich ; wenn er kam , versteckte sie sich ; aber nie war ihr Gehör seiner und wachsamer gewesen für jedes Berausch , das auf sein Kommen oder Gehen deutete ; wenn sie sich zufällig begegneten , wußte sie ihr Gesicht von Gleichgültigkeit förmlich strotzen zu lassen , und war sie dann allein , so weinte sie stundenlang . Als später das Dienstmädchen abgeschafft wurde , war es an ihr , ihm die nicht allzu reichlichen Mahlzeiten zu servieren . Keine Regung ihres Innern war dann auf ihrem Antlitz zu gewahren , kein Erblassen , kein Zittern ihrer Hand zu sehen . Trotzdem schluckte Bojesen in dieser Zeit manche Träne ahnungslos mit hinunter , die ohne sein Wissen die Speisen gewürzt hatte . Er ergab sich jetzt den stillen Studien , die an der Grenze der Wissenschaft liegen und den Ausblick gestatten auf ein unermeßliches Reich von Hypothesen , auf die schrankenlose Nutznießung phantastischer Probleme . Es schien ihm oft , als ob sein Verstand dabei in die Brüche gehen müsse , aber dies gefährliche Tappen im Reich unumstößlicher Gesetze entzog ihn der Welt und seinen eigenen Sorgen , und wenn er spät , spät in der Nacht in irgend einer ungeheuerlichen Formel den Boden neuer Entdeckungen zu sehen glaubte , konnte er in eine erhitzte Wonne geraten , wie ein Wirt über das Bier , das er selbst gebraut und konnte vergessen , wie nahe ihm die Forderung praktischer und lohnender Arbeit gerückt sei . Eines Tages , der Schnee war im Schmelzen und laue Winde kamen , fühlte er sich gänzlich abgespannt , fühlte er sich alt . Es war ein wunderlich wissender Zustand , durch den er über sich selbst hinausspähen konnte und zugleich das Gefühl von Wichtigkeit verlor , das die Quelle nützlicher Leistungen ist . Da wurde ein Brief in sein Zimmer geworfelt , der den Poststempel Paris trug und so lautete : » Eines Wortes bist du noch wert . Ich erfülle deine Bitte : hier hast du ein Lebenszeichen . Ich kann es dir mit Recht senden , denn ich lebe hier . Hier hört man das Herz der Menschheit schlagen . Hier bin ich , die ich stets gewesen bin , nur unentdeckt gewesen bin , hier trinkst du dich wahnsinnig am immergefüllten Becher . Tausende purzeln , Hunderte steigen , Tausende jubeln und sterben zugleich . Aber es ist vielleicht nicht das Echte ; nicht Nektar , sondern Haschich . Nichts für deinesgleichen ! Nichts für gute Charaktere , für euch Perlen am alternden Hals Europas . Ich komme vielleicht zurück , weil es mich reizt , euch dort ein wenig toll zu machen . Ich habe erst hier von einem König gehört , der bei euch leben soll , - ein Heliogabal , jammervoll mißkannt , ein Sohn der Sonne . Und nun leb wohl , Erich , löse dich aus dem Niedrigen , das dich umfängt und denke ohne Groll an deine Jeanette . « Bojesen warf den Brief in eine Ecke , hob ihn jedoch wieder auf , legte ihn mit feierlichen Gebärden zusammen und zerriß ihn dann in lauter kleine Stückchen . In diesem Augenblick kam ihm alles , was er trieb , so erbärmlich vor , und alles , was er wußte , so oberflächlich , daß er in einer schmerzlichen Apathie die Augen schloß . Dann nahm er eine Feder zur Hand und schrieb auf das nächste Stück Papier : Wissenschaft . Es war ein Mann , ich weiß nicht , wie er hieß , Den das Geschick im tiefen Schoß der Erde Vor langer Zeit zum Leben kommen ließ , Und Finsternis war Mutter , die ihn nährte . Doch er vermochte nicht zu reimen ; auch fühlte er , daß sein Gedanke dabei die Klarheit verlor . Deshalb fuhr er in Prosa fort : Schweigen erfüllte sein Leben und nichts störte die Ruhe um ihn her , als ein beständiges dumpfes Summen und Dröhnen über ihm . Der Unterirdische setzte jedoch alle Geisteskräfte daran , den Grund des ewigen , drohenden , geheimnisvollen Dröhnens zu erforschen . Er glaubte nicht an ein Wunder ; er teilte auch den Glauben von dem göttlichen Ursprung des Dröhnens nicht , wie er in überlieferten Dokumenten las , sondern forschte , erfand Meßapparate und andere Instrumente , stellte Gesetze und Regeln auf , berechnete die Stärke des Dröhnens und die Zeit , die verging , bis der Schall an sein Ohr kam und viele andere Dinge mehr , die ihn zu gigantischen Spekulationen führten . Und nach langer , langer Zeit begann er zu graben , emporzugraben , und je mehr er grub , je vernehmlicher wurde das Dröhnen , bis endlich die letzte Schicht Erde fiel und der Sohn der Finsternis geblendet in die Höhe starrte , - ins Licht ! Da kehrte er zurück in seinen unterirdischen Wohnsitz und war beglückt , als er sah , daß das Licht die Ursache des Dröhnens war . Doch wie andere Dinge hatte er sehen können , wenn er noch hundert Meter höher gekrochen wäre ! Wie hatte das Surren und Brausen von tausend irdischen Dampfmaschinen sein einsamkeitgewöhntes Ohr betäubt ! Wie wäre er entsetzt gewesen von dem endlosen Krieg , der über ihm tobte , von den Schicksalen , die in das Stampfen der Motore verwoben waren ! Dabei hatte er vielleicht nicht einmal das wirkliche Licht erblickt , sondern nur das künstliche einer Maschinenhalle . Enttäuscht und gelangweilt legte Bojesen das beschriebene Blatt Papier in eine Schublade . Jetzt erst empfand er den nagenden Schmerz , den ihm jener Brief zugefügt hatte . Jeanettens Bild stieg heraus . Nun wußte er auch sein ruheloses Forschen zu deuten , und er blickte im Zimmer umher , als ob er sich vor den Möbeln schäme , daß er sie je getäuscht und hintergangen durch sein nächtliches Wachen . Er sah Jeanette unbeweglich stehen , wohin er auch blicken mochte , er sah sie in einem dunkelgrünen Kleid , das rote Haar gelöst , in den Augen eine schwermütige Ruhe , die er in Wirklichkeit nie bei ihr bemerkt . Er ging im Zimmer umher und dachte an nichts anderes , als wie er sie wieder gewinnen könne , und der törichteste Ausweg erschien ihm schließlich als der beste . Er schickte sich an , zu Baron Löwengard zu gehen . Sein wahnsinniges Verlangen redete ihm ein , daß Jeanettes Vater vielleicht Macht über sie besaß , oder daß es mit dessen Hilfe gelingen könne , Jeanette durch eine List zur Rückkehr zu bewegen . Er wußte kaum , was er tat . Eine Viertelstunde später trat er ins Löwengardsche Haus . Noch immer trugen die Karyatiden geduldig die Last des Balkons , noch immer besann sich Merkur auf dem Dache , ob er stiegen solle oder nicht . Außerdem tropfte das Schneewasser von den Rinnen und Brüstungen , so daß die Riesen zu schwitzen schienen , und eine ahnungsvolle Sonne vergoldete die Fassade . Auch im Innern des Hauses hatte sich nichts verändert . Die alte Pracht bestand noch ; nicht , als ob der Besitzer dieser Reichtümer kürzlich zu Fall gekommen wäre und Hunderte in Not gerissen hätte , sondern als ob irgend ein hochgeborener Gast die Ursache der vornehmen Stille sei . Bojesen wurde angemeldet und vorgelassen . Mit zusammengepreßten Lippen stand er vor dem Kaufmann , der ihn einige Zeit unbekümmert musterte , ehe er sich entschloß , ihm einen Sitz anzubieten . » Ich komme wegen Ihrer Tochter , « sagte Bojesen mit stockender Stimme . Das Gesicht des Bankiers veränderte sich im Nu . Er richtete sich straff empor , schob seine Hand in die Rockbrust und sein Gesicht wurde steinern , als er antwortete : » Meine Tochter hat mit der Firma Löwengard nichts zu tun . Wenn dies also der Zweck Ihrer Anwesenheit ist , muß ich bedauern . Wenn meine Tochter in Not ist , hat die Firma keinen Grund , diesem Umstand Aufmerksamkeit zu schenken . « » Ihre Tochter ist nicht in Not , « entgegnete Bojesen stirnrunzelnd . » Ich wollte nur fragen , ob Sie nicht Auskunft über ihren gegenwärtigen Aufenthalt wünschen oder ob Sie sie vielleicht zurückrufen wollen . In diesem Fall wäre ich bereit - « » Verehrter Herr , ich sagte Ihnen schon , daß meine Tochter mit den Angelegenheiten der Firma nichts zu schaffen hat . Sie ist tot für das Haus Löwengard . Ich sehe deshalb keinen Anlaß , dies Gespräch fortzusetzen . « Das war ein deutlicher Wink ; aber Bojesen blieb ruhig sitzen und folgte mit finsterem Blick dem Auf-und Abgehen des Bankiers , der die Hände auf dem Rücken hielt und mit den Fingern ein Geräusch machte , wie wenn man den Pfropfen aus einer Flasche reißt . » Vatergefühle und dergleichen kennen Sie wohl nicht ? « sagte er , empfand jedoch zugleich das Selbstsüchtige seiner Bitterkeit und errötete flüchtig . » Vatergefühle setzen Tochtergefühle voraus , « erwiderte der Bankier kalt . » Und Sohnesgefühle ! « fügte Bojesen verächtlich hinzu , indem er an Gedaljas Schicksal dachte . » Herr ! « rief der Bankier , feig werdend . Seine tückischen Augen blickten unsicher nach der Türe . Als Bojesen ging , war die Sonne im Sinken und ergoß Ströme purpurroten Lichts auf die tauenden Schneeflächen . Der Himmel , einem Teppich gleich , war mit seltsam regulären Wolkenmustern besät , und in der Tiefe des westlichen Horizonts stand ein Rest der Sonne als glühendes Segment und war bald verschwunden , eine gleichmäßig-brennende Röte hinter sich lassend . Bojesen schritt vorbei an den Schreibzimmern der Firma Löwengard , wo seit einigen Tagen wieder gearbeitet wurde , und sah durch die mit grünen Gittern versehenen Fenster . Pult an Pult ; Kommis neben Kommis : bleiche , langnasige Menschen mit trüben Augen , mit Augengläsern , mit beschäftigten , sorgenvollen Mienen , freudlose Rechenmaschinen . Staub ! Die Landschaft breitete sich flach und trostlos aus , nicht anziehender geworden durch die blendenden Abendgluten . Eisenbahnremisen , ein abgebrochener Zaun , durcheinanderlaufende Schienen , rötlich schimmernd im Widerschein des westlichen Feuers , einzelne Güterwagen , eine Lokomotive , stumm und kalt , ein Lastwagen , Bahnwärter- und Signalhäuschen , Telegraphenstangen , Güterhallen und weit drüben ein schüchternes Etwas von Wald , mit letztem Schnee behangen , und das erste oder vielleicht vorjährige blasse Grün einer Wiese . Und all das weckte in Bojesen auf wunderbare Art Erinnerungen an die Kindheit , ließ Bilder der Heimat in ihm wachsen , und er hatte Heimweh . Gleichwohl sehnte er sich nach Gesellschaft , und da er nicht weit von Nieberdings Villa entfernt war , wandte er sich dorthin . Er schritt an den feuchten Hängen hin , zwischen Gesträuchern ; zur Rechten war die Mauer des Kirchhofs , tief unten schimmerte das Wasser des Flusses und drüben lag das ebene Tal , das vom Horizont verschlungen wurde . Er fand das Tor der Villa offen , schritt die Treppe hinauf und pochte , da er niemand sah , an die nächste Tür und als niemand antwortete , ging er hinein . Das Zimmer war leer : er ging weiter , öffnete eine zweite Tür und stand betroffen still . An einem Sessel kniete , ganz zusammengeschrumpft und gekauert , Cornely Nieberding und richtete sich erst auf , als sich Bojesen verlegen räusperte . Sie warf mit einem energischen Schütteln das Haar zurück und rief angstvoll : » Was ist ? Ist er tot ? « Als Bojesen sie erschreckt anstarrte , trat sie auf ihn zu , bot ihm schüchtern die Hand und flehte : » Helfen Sie mir ! Seit zwei Tagen ist Eduard nicht nach Hause gekommen , hat keine Nachricht hinterlassen , keine Zeile geschrieben . Ich habe meine Leute auf die Polizei und zu allen Bekannten geschickt , helfen Sie mir ! « Bojesen sah gespannt in ihr blasses Gesicht , das unaufhörlichen Zuckungen unterworfen war und durch Schlaflosigkeit und Sorgen gealtert erschien . Als sie sich so schweigend betrachtet sah , ließ sie den Kopf sinken und ihre Ohren wurden glühend rot , während Stirn und Wangen bleich blieben . Bojesen suchte nach Worten . » Er ist ja mein Stiefbruder , « sagte Cornely mit einer krankhaften Versunkenheit und lächelte so schuldbewußt , daß es Bojesen wie ein Stich traf . » Er wird zurückkehren , Fräulein , « tröstete er mit gesellschaftlicher Liebenswürdigkeit . » Vielleicht beschäftigt ihn ein kleines Abenteuer . « Doch sogleich empfand er das Ungehörige seiner Worte , denn Cornely schaute ihn erschreckt und fremd an . Um den Fehler wieder gut zu machen und da ihr Schmerz etwas so Wühlendes und Gepreßtes hatte , daß er fast ungeduldig wurde , ihr beizustehen , fragte er , wodurch er ihr helfen könne . Sie dankte ihm durch einen Händedruck und teilte ihm mit ( zögernd , als ob sie durch das Versprechen des Schweigens gebunden sei ) , daß Nieberding seit einigen Wochen mit einem gewissen Baldewin Estrich in Nürnberg viel verkehre ; es sei ihr nicht bekannt , wo der Mann wohne , aber sie träfen sich stets in dem Kaffeehaus an der Frauenkirche . Wenn Bojesen sich ihr freundlich erweisen wolle , möge er nach Nürnberg fahren und dort Erkundigungen einziehen . Ohne viel Worte zu machen , entfernte sich Bojesen , war eine halbe Stunde darauf in Nürnberg und fragte in dem angegebenen Kaffeehaus nach Nieberding , - umsonst . Darauf nannte er den Namen Baldewin Estrich , den er von Cornely vernommen , und dieser Name war den Leuten bekannt ; es wurde Umschau gehalten und man schien erstaunt , den Herrn gerade heute zu vermissen , der seit Jahr und Tag um diese Stunde hier zu finden war . Als Bojesen durch die winklig-schiefen Gassen wieder zum Bahnhof eilte , - denn die Wohnung jenes Estrich hatte er nicht zu erfragen vermocht , - stutzte er plötzlich beim Anblick einer rasch vorübereilenden Frau , blieb dann wie angewurzelt stehen und lehnte sich an einen Laternenpfahl . Er hatte Jeanettes Züge zu erkennen geglaubt . Er war sich der Täuschung bewußt und doch zitterte er an Armen und Beinen . Spät am Abend kam er wieder in Nieberdings Haus und erfuhr von Cornely , daß ihr Bruder gekommen sei . Sie dankte ihm mit scheuer Herzlichkeit , führte ihn aber nicht ins Zimmer und sagte , Eduard sei krank und unbegreiflich erregt . Wieder schloß sich Bojesen tagelang mit seinen Büchern ein , brütete , grübelte , träumte ; draußen herrschten Frühjahrsstürme . Es pfiff und jauchzte und heulte und wühlte um die Mauern wie bei einem Wrack , das hilflos auf Felsenboden sitzt . Es sang und brummte und brodelte in den Lüften , und der ganze Himmel mit Wolken glich einer hurtig fahrenden Maschinerie , indes der Mond in der Nacht schreckhaft und fahl von Wolkenloch zu Wolkenloch stürzte . An einem solchen Abend ging Bojesen aus . Er fühlte sich erschüttert im Sturm und sein Herz wurde weit . Er sah Blitze leuchten im Osten und hörte den entfernten Donner eines Februargewitters . Als er in die Gegend des Marktes kam , hörte er eine Stimme hinter sich , die den Wind laut übertönte . Er glaubte diese Stimme zu kennen , verzögerte seinen Schritt und lauschte . » No sag ' selber , hab ' ich geschlafen sitter ach Täg ? Haste geschlossen gesehn meine Augen ? Bin ich gewesen in schlechter Gesellschaft , daß se mer gemacht hat e schlechtes Gewissen ? Haste schon emol son Sturmwind derlebt ? Hu - uch ! wirbel wirbel bl bll bll - ! « Bojesen war so entsetzt , daß er keinen Schritt mehr machen konnte . » Holla ! aach e Mann , den ich kenn ! « rief Gedalja und lachte unbändig . » Komm mit , Mann , komm mitle ! Ich , - ich kenn die Welt , ich kenn ' se in- un auswendig kenn ' ich se , oben un unten kenn ' ich se , hinten un vorn kenn ' ich se . « Bojesen wich zurück und packte die Frau , die den Greis begleitete , fest beim Arm . Es war Frau Hellmut . » Ist er betrunken ? « flüsterte er ihr zu . Sie schüttelte den Kopf . » Mein Sema hat ihn gebracht , so wie er ist . « » Und warum führen Sie ihn denn herum ? « » Er ist uns fortgerannt . He , halt ! halt ! « Und sie rannte dem alten Mann , in die Hände schlagend , nach , während er in der Mitte der Straße umhertanzte . Der Mond beschien ihn kalt und unheimlich . Bojesen empfand einen kühlen Schauder . Auf einmal wurde der Greis still und ließ sich führen wie ein Kind . Bojesen ging an Frau Hellmuts Seite , die sich in seiner Gesellschaft unbehaglich fühlte und ihm zweifelnde Seitenblicke zuwarf . » Ich kenne ihn , « sagte Bojesen . » Es erschreckt mich sehr , das alles . « » Wer sind Sie denn ? « » Bojesen . « » So ? Der Lehrer ? « » Gewesen , ja . « Als sie vor Frau Hellmuts Wohnung angelangt waren , ging Bojesen mit hinauf . Nach kurzer Weile kam auch Sema . Gedalja hockte auf einem Schemel , äffte den Wind und lachte . » Jeanetterl , kumm her ! kumm her , Jeanetterl ! Ich muß d ' r was sagn ! « flüsterte er kaum hörbar . » Ich hab ' d ' rs ja gleich g ' sagt . Geld will ich kaans . Ich pfeif d ' r af dei Geld . « Plötzlich fuhr er wie toll auf und stieß Sema , der ihn beruhigen wollte , mit voller Kraft weit von sich , daß der Knabe gegen den Ofen taumelte . » Dei Geld ? Na ! Dei Geld ? Da klebt Schweiß draa un Blut , lieber Sohn ! Es rollt - tief ! Komm herla , Eisenhäärla ! Chomezfresserla ! Chuzpeponim ! Ach , was haste gemacht mit en alten Mann ! « » Warum bringen Sie ihn nicht fort ? « fragte Bojesen erschüttert . » Morgen früh kommt er in die Anstalt , Herr Bojesen . « Bei dem Namen blickte Sema hastig empor und schaute Bojesen an . Dann stand er auf , trat zu Bojesen und fragte stehend : » Wo ist Agathon ? « Bojesen war erstaunt . Er schüttelte den Kopf , nahm Semas Hand und streichelte sie . Eine Zeitlang war es still . Bojesen war versunken in den Anblick des langsam einschlummernden Greises , dessen Rücken steif an die Wand gepreßt war . Sema saß vor Gedalja auf der Erde . Als Bojesen die finsteren Treppen hinabsteigen wollte , eilte ihm Sema nach . » Herr Bojesen , « rief er leise , » die Schüler ! « In abgerissenen Worten , atemlos , von dem Bestreben beseelt , ein Unglück abzuwenden , erzählte er , daß viele Schüler der obersten Klasse morgen Nacht den Rektor überfallen wollten , wenn er vom Wirtshaus heimging ; es sei eine Verschwörung , sie wollten sich auch verkleiden ; einer habe einen Aufruf geschrieben , worin die Rückkehr Bojesens gefordert sei , auch hätte eine Geldsammlung stattgefunden , um Bojesen ein Ehrengeschenk überreichen zu können . Er , Sema , sei von all dem durch einen guten Freund unterrichtet und er fürchte , daß es den Schülern schlecht ergehen werde . Bojesen sah nachdenklich ins Finstere . Er legte seine Hand beschwichtigend auf Semas Haupt , drückte ihm dann schweigend die Hand und ging , während ihm der Knabe hilflos nachschaute . Nebenan wohnte ein Firmenmaler , der in nächtlichen Mußestunden klassische Monologe einübte , und Sema hörte ihn brüllen , während er bang in die Nacht sah . Indes wurde Bojesen nicht müde , gegen den Sturm anzukämpfen . Er ging über die Felder ; die Landschaft schien zu wogen wie aufgewühlte See , der Fluß stürzte rauschend einher und war bis zum Rand angeschwollen . Bojesen empfand ein Grauen davor , heimzukehren und sann darüber nach , wo er den Rest der Nacht verbringen solle . Er kehrte um und stand alsbald unschlüssig vor dem Eingang zum siebenten Himmel . Während er noch überlegte , kam der Glühende heraus , begrüßte ihn und fragte , ob Bojesen nichts von den sonderbaren Ereignissen gehört habe , die sich heute Abend in Nürnberg abgespielt . Ein halbwahnsinniger Mensch , ein Goldmacher , habe das Volk aufgewiegelt , ein junger Mensch habe die Lorenzerkirche in Brand gesteckt und die ganze Stadt sei wie von Sinnen . Er gehe jetzt , um sich die Geschichte anzuschauen . Bojesen vernahm das alles wie im Traum . Schließlich verging die Nacht und verbrauste mit ihrem Sturm ; eine Nacht für alle und dann den Tod in den Wellen sterben , dachte er . War es nicht auch ein Traum gewesen , daß einst ein weißer Arm schmeichlerisch seinen Hals umschlungen hatte ? oder war dies vor langen Jahren geschehen , in einer entlegenen Zeit der Geschichte ? Am Morgen verließ er früh das Haus . Die Straßen waren vom Sturm reingeleckt . Ob er geschlafen oder nicht geschlafen , wußte er nicht . Einem Entschluß folgend , den er schon gestern bis in die Einzelheiten gefaßt und erwogen und der ihn jetzt von selber vorwärts trieb , ging er ins Schulhaus , um die Schüler zur Vernunft zu bringen und von törichten Streichen abzuhalten , die ihm und ihnen schaden mußten . Er tat es widerwillig , denn er hatte sich gesagt : laß diese Jugend einmal sich empören . Es schlug acht Uhr , als Bojesen die Klasse betrat . Sobald die Knaben ihn gewahrten , entstand ein feierliches Schweigen . Plötzlich kam ein junger Mensch mit offenem , liebenswürdigem Gesicht , das ein wenig an die Züge Agathons erinnerte , auf Bojesen zu und reichte ihm die Hand . Dann erhoben sich auf einmal alle in sorgloser Erregung , in mühsam verhaltenem Jubel , mit erstickten Ausrufen , stürmten auf den verstoßenen Lehrer ein , drückten und schüttelten seine Hände , sahen mit leuchtenden Augen zu ihm auf und die Boshaften , die Dummen und Launischen verloren alles , was sie abstoßend machte . Bojesen , in seiner Ergriffenheit , vermochte anfangs nicht zu reden ; doch bald bemerkten sie seine Absicht und schwiegen bereitwillig still . Er sagte ihnen , was er sagen wollte : ernst , verständlich und verständig , und sie schienen beschämt . In ihren Blicken war das offene Versprechen des Gehorsams zu lesen . In diesem Augenblick wurde die Türe aufgerissen und der Rektor trat ein . Bei dem Anblick , der sich ihm bot , ging eine förmliche Versteinerung mit ihm vor . Er lallte , und seine Brille fiel von der Stirn auf die Nase . Er ließ einen eisigen Blick auf Bojesen fallen und einen finsterdrohenden auf die Schüler