, an den der Selbstmörder ein Bündel Manuskripte geschickt hat , nichts erfahren können . Man kann sie wohl in das eine Wort zusammenfassen : Delirium . Das war das Amen-Wort der Öffentlichkeit zum Lebensabschluß Stilpes . Das Leipziger Cénacle hatte den Vorzug , Stilpes eigene Meinung darüber zu vernehmen . Girlinger schrieb den Freunden : ... Nous allons , si tu veux , chanter le dernier psaume ... Hier sind die letzten Worte Schaunards . Seine Leiche ist , wie er wünschte , in der Anatomie . Ich habe sie gesehen und fürchte , daß ich den Anblick nie mehr los werde . Seid froh , daß ihr das nicht gesehen habt . Stilpes Brief an Girlinger lautete so : Landerirette ! Wie schreiben die kleinen Mädchen ( ach , ach , ach , wie nett das klingt , - Mädchen ist ein liebes Wort ) , die kleinen Mädchen , wenn sie sich vergiften ? So schreiben die kleinen Mädchen : » Lieber Emil ! Wenn Du diese Zeilen liest , dann bin ich tot ! « TOT Das Wort hat rechts und links eine Peitsche und in der Mitte ein Loch . Graphologie ! Graphologie ! Ist es nicht tiefsinnig ? Peitsche - Loch - Peitsche . Wie witzig ! Profund ! Und dann der Ton , wenn mans ein bischen dumpf und gedehnt sagt , - das O ist sublim . Wie wenn man über einen Flaschenhals hinpfeift . Heisere Sirenen . Indessen ! Höre mich ! Höre mich ! Ich sage Dir : Sterben ist ein dummes Wort . Man sollte Schtärben schreiben . Da käme die ganze breit hingeschmierte Gemeinheit des Wortes zu Tage . Ekel . Würgen . Fuselaufstoßen . Und quoad Fusel , ich weiß nicht recht : Ist der Fusel von heute schuld oder die ostpreußische Bowle von damals ... ? Schuld ? Schuld ? Das Wort macht mir Wut . Wie ein Brummer rennts an mich an . Bin ich eine Fensterscheibe ? Fliegenklatsche her ! Fliegenklatsche ! Sei ruhig ! Ich bin nicht betrunken . Wirklich nicht . Das ist es ja eben ! Ich bin nicht betrunken , und ich werde es niemals mehr sein . Blos manchmal verrückt . Entschieden , Alter ! Verrückt , das heißt : Geschüttelt , gezerrt , gestoßen , an die Wand geworfen , - und dazu lacht Einer . Das Lachen legt sich Dir um den Hals wie eine Peitschenschnur um den Kreisel , einmal , zweimal , dreimal , viermal , fünfmal , immer nochmal , immer noch , immer noch , immer nochmal ; - laß los ! laß los ! - Jetzt : Wwwt ! und Du drehst Dich wie ein Kreiselchen , Kreiselchen , drehst Dich wie ein Kreiselchen auf einem Nagelkopf , scheibum , scheibum , lalalala , lalalala , scheib - um ... Hund ! Hund ! Lache nicht , Peitsche , lache nicht ! Wwwt ! Wwwt ! Scheib - um ! Unwürdig , Staatsanwalt , unwürdig ! Ein homo sapiens ! Wie kann man nur ! Aber das ist es nicht . Auch nicht die roten Mäuse und die weißen Männerchen , und die lieben kleinen Drehdingerchen , die immer so hin und her und hin und her , und oben an der Decke und unten an der Diele , - tritt doch ! tritt doch ! rufen sie - , du lieber Gott , an die Menagerie bin ich gewöhnt . Wie lange denn schon ? Du , weißt Du noch , meine gelbe Mütze ? Oh , Jugendzeit ! Oh , Porterbier ! Lästig , wie sie kribbeln , die Gedanken ; laufen mir über die Brust wie Ameisen . Und die Springprozession der Flöhe : Meine Ideale . In - der - That ! I - de - ale ! Mit Deiner gütigen Erlaubnis : Ich habe wirklich welche . Sie lassen sich nicht wegsaufen , die höheren Ziele . Wie lange schon bemüh ich mich , durchaus ein Lump zu werden , - und es ist mir immer noch nicht gelungen . Wenn ich doch nur klar denken könnte ! Ich möchte Dirs so gerne auseinandersetzen , Jurist , der Du bist . Aber : Diese Blasen im Gehirn . Verschlammter Grund . Gurgelgase , Fuselgase . Ich weiß schon nicht mehr , was ich Dir auseinandersetzen wollte . Es wird wohl eine Lüge gewesen sein . Daran darf nicht gezweifelt werden ! Immer hab ich gelogen ! Immer ! Sieh nur meine Tagebücher durch . Die Verse ! Die Verse ! Am liebsten hab ich mich selber belogen , und rhythmisch . Wenn ich nur die Kraft gehabt hätte , das immer so zu fühlen , wie jetzt . Wenn ich mir nur über mein Talent nicht erst jetzt klar würde , wo es zu spät ist , wo ich nicht mehr die Kraft habe , es systematisch auszunutzen ! Ich hätte nie was wollen sollen . Das Wollen war für mich eine ungesunde Lüge . Dichter wollte ich werden , weil ich Verse machen konnte . Das war die Heckeratte , die infame . Wenn ich » Kritiker « geblieben wäre , - Du , was wäre ich da für ein ganzer Kerl geblieben , in Samet und in Seide , rund und aus einem Stücke , gar wohlgethan . Ein Lump von einem Kritiker meinst Du und beschwörst jenen Gotthold Ephraim . Was thuts ? Das sind Nüancen . Sag Feuilletonist statt Kritiker , sag Pickelhäring , Clown , Hanswurst der öffentlichen Meinung . Meinethalben . Aber das war mein Feld . Da hätt ich weiter ackern müssen . Aber das behagte mir nicht . Wollte oben hinaus . Die Hure , die Gouvernante sein möchte . Hol dich der Teufel ! Huren ist auch ein Talent . Bleib im Bette und nähre dich redlich ! Jetzt ists wieder so . Ich habe Dich letzthin belogen . Mich dichterts immer noch . Immer noch möcht ich auf den Poetenberg . Immer noch hebt sichs da drin und klingt und will . Verse überfallen mich und tönen mir gut . Oh , sie sind gut ! Höre ! Und hinter mir , dem schwarzen Adler gleich , Dem seine Schwingen feucht sind , weil er in Wolken war , Schwebt schwer die Nacht ... Fühlst Du , fühlst Du , daß das Poesie ist ? Von mir ! Von mir ! Bin ich ein Hund ? ! Nein : Diese Verse sind von mir ! Ah ! Höre ! Lau , ein Bad von Rosenblättern , Legt sich Sehnsucht um mich , Sehnsucht ; Sinke , Haupt , ertrinke , Seele , Stirb in diesen lauen Düften Und genieße die Erfüllung ... Wie ? Hat das nicht was ? Der Teufel auch . Das ist ausgezeichnet , sag ich Dir , mi fili ! Dann : Um mein Haus herum Schwirren die Fledermäuse des Grams . Zwei , sieh , hängen am Drachenbalken , Grau am Grau , Und blinzeln in den roten Lichtdunst meiner Lampe . Öde heißt die eine , Gier heißt die andre ; Die Schwirrenden pfeifen ... Ich lese mir das vor , mit leiser Stimme sprech ichs den Buchstaben nach ; mir ist es , als hörte ichs von tief unten wo her aus Glockenmunde mit meiner Stimme , und ich fühle : Das ist gut . Nein , ich bin keiner von den Schweren , Klebenden , in mir sind Stimmen aus der Tiefe , es ist ein Reichtum in mir . Ich habe mehr als ihr Almosenempfänger . Ich bin einer von den grands aumôniers des Herrgotts . Ich kann mich aufthun , und es fließt Leben in die Welt . In meiner Seele umschließen sich Zeugung und Empfängnis . Wie jene Blume bin ich , die Phallus und Vulva ist ; so steh ich da im Garten des HErrn und begatte mich : Liebe dich und löse Dich , Löse dich auf und gebier dich der Welt Aus der bebenden Lotosblume deiner Fülle ! - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Ich höre Dich lachen , Staatsanwalt ! Lache ! Lache ! Spei mir Dein Lachen ins Gesicht ! Ich will mich nicht einmal abwischen . Ich weiß es ja , jede Zelle meines Wesens fühlt es ja : Das Alles ist krüppelhaft . Ich , die erstaunliche Lilie im Garten des Herrn , stoße nichts als Halbgeburten aus , ich wälze mich in Zeugungswollust und kann nichts austragen . Und die fragmentarischen Bankerte verrecken unter dem Hohngelächter meiner Erkenntnis , daß ich fürs Ganze impotent bin . » Es fehlt dem Schüler an der rechten Ausdauer , seiner Begabung alles das abzugewinnen , was sie zu leisten vermöchte , wenn sie von Fleiß , Beharrlichkeit , Mäßigung unterstützt würde « ... Diese Worte , nebst einigen andern , habe ich einmal von einem Schulzeugnis weggewischt , aber als wenn ich sie auswendig gelernt hätte , stehen sie in mir fest und knarren sich heute mir vor . Sehr gut , Herr Doktor ! Sie sind ein guter Psychologe gewesen . Aber , weiß Gott , ein schlechter Pädagoge . Warum haben Sie mir alle die guten Dinge nicht beigebracht , Magister Sie ? Warum haben Sie mich schon auf der Schule verlumpen lassen ? War ich ein Talent , oh , Sie Halunke , warum haben Sie mich nicht gehütet ? Warum haben Sie mich verhöhnt , von sich weggetrieben , meinem Zorn und Trotz in die Arme , daß ich nun erst recht auf mir bestand ? Warum habt ihr mich überhaupt gequält mit eurer Rohheit , eurem Dünkel , eurer Gleichgültigkeit ? Warum habt ihr meine Seele , da sie jung war , wundgescheuert , daß sie ewig schmerzende Narben davontrug und immer zuckender , unstäter wurde ? Freilich , die meisten unter euch waren nicht einmal Psychologen , höchstens , daß sie instinktmäßig ahnten , daß in mir mehr war , als in ihnen , und dafür mußte ich geduckt werden . Geduckt , ich ! In mich hinein fraß ich einen Haß gegen Alles , das nicht ich war , meine ganze Jugend wurde ein Eitergeschwür , all mein Blut verdarb , weil ihr mich drücktet ! Wie das Alles auf einmal vor mir steht . Wie ein schwefelgelber , brunstrot geäderter Sonnenuntergang . Nie , seit Jahren nicht , sah ich so klar . Nie , seit Jahren nicht , war ich so bewegt . Nie , seit Jahren nicht , fühlte ich mich so frei wie in diesem jetzigen Augenblicke . Wird man hellseherisch durch einen großen Entschluß ? Oder - - - bin ich endlich , endlich wieder einmal betrunken ? Dann - - könnte ich ja den großen Entschluß wieder aufgeben ? Denn , - Ruhe ! Ruhe ! nur noch einen Augenblick Ruhe ! - warum hat sichs in mir eingenistet , eingegraben wie mit tausend feuchten Klauen , daß ich ein Ende machen muß ? Lauf mir nicht fort , Bewußtsein ! Bleib , daß ich mirs sage , klar , glatt , hell , daß ich es wenigstens einen Augenblick lang weiß . So ! So ! Ich habs ! Nur deshalb ... Nein ! Nebel ! Kopfschütteln . Müde . Trinken ! - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Ich laufe den ganzen Tag im Zimmer herum wie ein Tier im Käfig . Und ich merke , daß mich das hypnotisiert , wie einen Fakir das Kopfdrehen . Jetzt bin ich wunderbar ruhig . Das ist sehr schön . Nun weiß ich auch , warum ... Siehst Du , Robert ( hab ich Dich je Robert genannt , Du Schäker ? ) , so ists : Ich fühle , daß ich auch im Sumpf nicht ganz aufgehe . Nein , nicht einmal im Sumpf . Und doch ist Aufgehen Alles . Worin , das bleibt sich gleich ... Eine Weile schien Alles gut . Ich - fühlte mich wohl und akklimatisierte mich . Aber von dem Tage an , wo Du mit mir sprachst , begann das Ziehen wieder , das Hinaufwollen . Ein Taumel erst . Verse sprudelten auf , Fragment auf Fragment . Hohes Entzücken ! Phönix aus der Asche ! Dann aus allen Höhen herunter . Wirre Verzweiflung ... Zuckende Erkenntnis . ... Hin und her . Ich will ! Ich kann ! ... Nein ! Nein ! Hund ! Lump ! Mach ein Ende ! ... Nein ! Ich habe ja die volle Seele ! Ich muß nur ein einziges Mal mit aller Kraft mich ganz fassen ! ... Ach ! Ich bin mit dem Schädel gegen die Wand gerannt und habe mir , ganz biblisch , die Haare ausgerissen . Geheult und gekreischt in Weinen und Lachen ! Unsinn ! Unsinn ! Noch mehr saufen ! Ecce medicamentum . Vergeblich . Ich reagiere nicht mehr . Ich habe nur noch das Ekelgefühl und eine marode Sehnsucht . Fertig , weißt Du , was man so fertig nennt . Hin und wieder angenehm verrückte Anstöße , aber ich fühle : Die verdanke ich auch blos dem ... Entschluß . Der macht mir überhaupt viele Freude . Ja . Ich finde doch , daß ich nicht übel abgehe . Über den Geschmack der letzten Szene kann man ja streiten . Natürlich . Aber was geht das mich an ? Ich finde , daß sie ausdrucksvoll ist . Dem Leben die Zunge herausstrecken , eurem Leben , meine Lieben , das Plaisier müßt ihr mir schon gönnen . Ich bin nun mal auf die böse Seite hinübergerutscht , wo die Respektlosen , die Giftigen stehn . Wie kann da mein Geschmack der eure sein , ihr Leute von der Harmonie ? Wenn ich Bomben würfe , würde die Geschmacksdivergenz noch mehr klaffen . Genug ! Kommen wir zu meinem Vermächtnis : Meinen werten Leichnam , bitte , der Anatomie . Den Befund über das Gehirn mögt ihr dem Cenaclearchiv einverleiben . Meinen werten Feinden von der Presse wende ich Stoff für mindestens zwei Notizen zu . Wer sein Handwerk versteht , kann am Ende gar ein Feuilleton herausschlagen . Dir gehören meine sämmtlichen Werke . Wenn Du zu den Versen immer einen Anfang und ein Ende schmiedest , so kommt ein ganz netter Band Lyrik und Spruchweisheit heraus . Sonst hab ich wohl nichts zu vermachen . Qualis poeta pereo !