und jene Heiterkeit haben , die , menschlich angesehn , so ziemlich unser Bestes ist . « Dubslav lachte . » Ja , soviel ist richtig ; Kopfhängerei war nie meine Sache , und wäre das verdammte Geld nicht ... Hören Sie , Lorenzen , das mit dem Mammon und dem Goldnen Kalb , das sind doch eigentlich alles sehr feine Sachen . « » Gewiß , Herr von Stechlin . « » ... Und wäre das verdammte Geld nicht , so hätt ich den Kopf noch weniger hängenlassen , als ich getan . Aber das Geld . Da war , noch unter Friedrich Wilhelm III. , der alte General von der Marwitz auf Friedersdorf , von dem Sie gewiß mal gehört haben , der hat in seinen Memoiren irgendwo gesagt : er hätte sich aus dem Dienst gern schon früher zurückgezogen und sei bloß geblieben um des Schlechtesten willen , was es überhaupt gäbe , um des Geldes willen - und das hat damals , als ich es las , einen großen Eindruck auf mich gemacht . Denn es gehört was dazu , das so ruhig auszusprechen . Die Menschen sind in allen Stücken so verlogen und unehrlich , auch in Geldsachen , fast noch mehr als in Tugend . Und das will was sagen . Ja , Lorenzen , so ist es ... Na , lassen wir ' s , Sie wissen ja auch Bescheid . Und dann sind das schließlich auch keine Betrachtungen für heute , wo ich gewählt werden und den Triumphator spielen soll . Übrigens geh ich einem totalen Kladderadatsch entgegen . Ich werde nicht gewählt . « Lorenzen wurde verlegen , denn was Dubslav da zuletzt sagte , das stimmte nur zu sehr mit seiner eignen Meinung . Aber er mußte wohl oder übel , so schwer es ihm wurde , das Gegenteil versichern . » Ihre Wahl , Herr von Stechlin , steht , glaub ich , fest ; in unsrer Gegend wenigstens . Die Globsower und Dagower gehen mit gutem Beispiel voran . Lauter gute Leute . « » Vielleicht . Aber schlechte Musikanten . Alle Menschen sind Wetterfahnen , ein bißchen mehr , ein bißchen weniger . Und wir selber machen ' s auch so . Schwapp , sind wir auf der andern Seite . « » Ja , schwach ist jeder , und ich mag mich auch nicht für all ' und jeden verbürgen . Aber in diesem speziellen Falle ... Selbst Koseleger schien mir voll Zuversicht und Vertrauen , als er am Donnerstag noch mit mir plauderte . « » Koseleger voll Vertrauen ! Na , dann geht es gewiß in die Brüche . Wo Koseleger amen sagt , das ist schon so gut wie Letzte Ölung . Er hat keine glückliche Hand , dieser Ihr Amtsbruder und Vorgesetzter . « » Ich teile leider einigermaßen Ihre Bedenken gegen ihn . Aber was vielleicht mit ihm versöhnen kann , er hat angenehme Formen und durchaus etwas Verbindliches . « » Das hat er . Und doch , sosehr ich sonst für Formen und Verbindlichkeiten bin , nicht für seine . Man soll einem Menschen nicht seinen Namen vorhalten . Aber Koseleger ! Ich weiß immer nicht , ob er mehr Kose oder mehr Leger ist ; vielleicht beides gleich . Er ist wie ' ne Baisertorte , süß , aber ungesund . Nein , Lorenzen , da bin ich doch mehr für Sie . Sie taugen auch nicht viel , aber Sie sind doch wenigstens ehrlich . « » Vielleicht « , sagte Lorenzen . » Übrigens hat Koseleger inmitten seiner Verbindlichkeiten und schönen Worte doch auch wieder was Freies , beinah Gewagtes und ist mir da neulich mit Bekenntnissen gekommen , fast wie ein Charakter . « Dubslav lachte hell auf . » Charakter . Aber Lorenzen . Wie können Sie sich so hinters Licht führen lassen . Ich verwette mich , er hat Ihnen irgendwas über Ihre Gaben gesagt ; das ist jetzt so Lieblingswort , das die Pastoren immer gegenseitig brauchen . Es soll bescheiden und unpersönlich klingen und sozusagen alles auf Inspiration zurückführen , für die man ja , wie für alles , was von oben kommt , am Ende nicht kann . Es ist aber gerade dadurch das Hochmütigste ... War es so was ? Hat er meinen klugen Lorenzen , eh er sich als Charakter ausspielte , durch solche Schmeicheleien eingefangen ? « » Es war nicht so , Herr von Stechlin . Sie tun ihm hier ausnahmsweise unrecht . Er sprach überhaupt nicht über mich , sondern über sich und machte mir dabei seine Confessions . Er gestand mir beispielsweise , daß er sich unglücklich fühle . « » Warum ? « » Weil er in Quaden-Hennersdorf deplaciert sei . « » Deplaciert . Das ist auch solch Wort ; das kenn ich . Wenn man durchaus will , ist jeder deplaciert , ich , Sie , Krippenstapel , Engelke . Ich müßte Präses von einem Stammtisch oder vielleicht auch ein Badedirektor sein , Sie Missionar am Kongo , Krippenstapel Kustos an einem märkischen Museum , und Engelke , nun , der müßte gleich selbst hinein , Nummer hundertdreizehn . Deplaciert ! Alles bloß Eitelkeit und Größenwahn . Und dieser Koseleger mit dem Konsistorialratskinn ! Er war Galopin bei ' ner Großfürstin ; das kann er nicht vergessen , damit will er ' s nun zwingen , und in seinem Ärger und Unmut spielt er sich auf den Charakter aus und versteigt sich , wie Sie sagen , bis zu Confessions und Gewagtheiten . Und wenn er nun reüssierte ( Gott verhüt es ) , so haben Sie den Scheiterhaufenmann comme il faut . Und der erste , der rauf muß , das sind Sie . Denn er wird sofort das Bedürfnis spüren , seine Gewagtheiten von heute durch irgendein Brandopfer wieder wettzumachen . « Unter diesem Gespräche waren sie schließlich aus dem Walde heraus und näherten sich einem beinah meilenlangen und bis an den Horizont sich ausdehnenden Stück Bruchland , über das mehrere mit Kropfweiden und Silberpappeln besetzte Wege strahlenförmig auf Rheinsberg zuliefen . Alle diese Wege waren belebt , meist mit Fußgängern , aber auch mit Fuhrwerken . Eins davon , aus gelblichem Holz , das hell in der Sonne blinkte , war leicht zu erkennen . » Da fährt ja Katzler « , sagte Dubslav . » Überrascht mich beinah . Es ist nämlich , was Sie vielleicht noch nicht wissen werden , wieder was einpassiert ; er schickte mir heute früh einen Boten mit der Nachricht davon , und daraus schloß ich , er würde nicht zur Wahl kommen . Aber Ermyntrud mit ihrer grandiosen Pflichtvorstellung wird ihn wohl wieder fortgeschickt haben . « » Ist es wieder ein Mädchen ? « fragte Lorenzen . » Natürlich , und zwar das siebente . Bei sieben ( freilich müssen es Jungens sein ) darf man , glaub ich , den Kaiser zu Gevatter laden . Übrigens sind mehrere bereits tot , und alles in allem ist es wohl möglich , daß sich Ermyntrud über das beständige bloß Mädchen allerlei Sorgen und Gedanken macht . « Lorenzen nickte . » Kann mir ' s denken , daß die Prinzessin etwas wie eine zu leistende Sühne darin sieht , Sühne wegen des von ihr getanen Schrittes . Alles an ihr ist ein wenig überspannt . Und doch ist es eine sehr liebenswürdige Dame . « » Wovon niemand überzeugter ist als ich « , sagte Dubslav . » Freilich bin ich bestochen , denn sie sagt mir immer das Schmeichelhafteste . Sie plaudre so gern mit mir , was auch am Ende wohl zutrifft . Und dabei wird sie dann jedesmal ganz ausgelassen , trotzdem sie eigentlich hochgradig sentimental ist . Sentimental , was nicht überraschen darf ; denn aus Sentimentalität ist doch schließlich die ganze Katzlerei hervorgegangen . Bin übrigens ernstlich in Sorge , wo Hoheit den richtigen Taufnamen für das Jüngstgeborene hernehmen wird . In diesem Stücke , vielleicht dem einzigen , ist sie nämlich noch ganz und gar Prinzessin geblieben . Und Sie , lieber Lorenzen , werden dabei sicherlich mit zu Rate gezogen werden . « » Was ich mir nicht schwierig denken kann . « » Sagen Sie das nicht . Es gibt in diesem Falle viel weniger Brauchbares , als Sie sich vorzustellen scheinen . Prinzessinnennamen an und für sich , ohne weitere Zutat , ja , die gibt es genug . Aber damit ist Ermyntrud nicht zufrieden ; sie verlangt ihrer Natur nach zu dem Dynastisch-Genealogischen auch noch etwas poetisch Märchenhaftes . Und das kompliziert die Sache ganz erheblich . Sie können das sehen , wenn Sie die Katzlersche Kinderstube durchmustern oder sich die Namen der bisher Getauften ins Gedächtnis zurückrufen . Die Katzlersche Kronprinzeß heißt natürlich auch Ermyntrud . Und dann kommen ebenso selbstverständlich Dagmar und Thyra . Und danach begegnen wir einer Inez und einer Maud und zuletzt einer Arabella . Aber bei Arabella können Sie schon deutlich eine gewisse Verlegenheit wahrnehmen . Ich würde ihr , wenn sie sich wegen des Jüngstgeborenen an mich wendete , was Altjüdisches vorschlagen ; das ist schließlich immer das Beste . Was meinen Sie zu Rebekka ? « Lorenzen kam nicht mehr dazu , Dubslav diese Frage zu beantworten , denn eben jetzt waren sie durch das Stück Bruchland hindurch und rasselten bereits über einen ein weiteres Gespräch unmöglich machenden Steindamm weg , scharf auf Rheinsberg zu . Dubslav war in ausgezeichneter Laune . Das prachtvolle Herbstwetter , dazu das bunte Leben , alles hatte seine Stimmung gehoben , am meisten aber , daß er unterwegs und beim Passieren der Hauptstraße bereits Gelegenheit gehabt hatte , verschiedene gute Freunde zu begrüßen . Von der Kirche her schlug es zehn , als er vor dem als Wahllokal etablierten Gasthause » Zum Prinzregenten « hielt , in dessen Front denn auch bereits etliche mehr oder weniger verwogen aussehende Wahlmänner standen , alle bemüht , ihre Zettel an mutmaßliche Parteigenossen auszuteilen . Drinnen im Saal war der Wahlakt schon im Gange . Hinter der Urne präsidierte der alte Herr von Zühlen , ein guter Siebziger , der die groteskesten Feudalansichten mit ebenso grotesker Bonhomie zu verbinden wußte , was ihm , auch bei seinen politischen Gegnern , eine große Beliebtheit sicherte . Neben ihm , links und rechts , saßen Herr von Storbeck und Herr van dem Peerenboom , letzterer ein Holländer aus der Gegend von Delft , der vor wenig Jahren erst ein großes Gut im Ruppiner Kreise gekauft und sich seitdem zum Preußen und , was noch mehr sagen wollte , zum » Grafschaftler « herangebildet hatte . Man sah ihn aus allen möglichen Gründen - auch schon um seines » van « willen - nicht ganz für voll an , ließ aber nichts davon merken , weil er der bei den meisten Grafschaftlern stark ins Gewicht fallenden Haupteigenschaft eines vor soundso viel Jahren in Batavia geborenen holländisch-javanischen Kaffeehändlers nicht entbehrte . Seines Nachbarn von Storbeck Lebensgeschichte war durchschnittsmäßiger . Unter denen , die sonst noch am Komiteetisch saßen , befand sich auch Katzler , den Ermyntrud ( wie Dubslav ganz richtig vermutet ) mit der Bemerkung , » daß im modernen bürgerlichen Staate Wählen so gut wie Kämpfen sei « , von ihrem Wochenbette fortgeschickt hatte . » Das Kind wird inzwischen mein Engel sein , und das Gefühl erfüllter Pflicht soll mich bei Kraft erhalten . « Auch Gundermann , der immer mit dabeisein mußte , saß am Komiteetisch . Sein Benehmen hatte was Aufgeregtes , weil er - wie Lorenzen bereits angedeutet - wirklich im geheimen gegen Dubslav intrigiert hatte . Daß er selber unterliegen würde , war klar und beschäftigte ihn kaum noch , aber ihn erfüllte die Sorge , daß sein voraufgegangenes doppeltes Spiel vielleicht an den Tag kommen könne . Dubslav wollte die Sache gern hinter sich haben . Er trat deshalb , nachdem er sich draußen mit einigen Bekannten begrüßt und an jeden einzelnen ein paar Worte gerichtet hatte , vom Vorplatz her in das Wahllokal ein , um da so rasch wie möglich seinen Zettel in die Urne zu tun . Es traf ihn bei dieser Prozedur der Blick des alten Zühlen , der ihm in einer Mischung von Feierlichkeit und Ulk sagen zu wollen schien : » Ja , Stechlin , das hilft nu mal nicht ; man muß die Komödie mit durchmachen . « Dubslav kam übrigens kaum dazu , von diesem Blicke Notiz zu nehmen , weil er Katzlers gewahr wurde , dem er sofort entgegentrat , um ihm durch einen Händedruck zu dem siebenten Töchterchen zu gratulieren . An Gundermann ging der Alte ohne Notiznahme vorüber . Dies war aber nur Zufall ; er wußte nichts von den Zweideutigkeiten des Siebenmühlners , und nur dieser selbst , weil er ein schlechtes Gewissen hatte , wurde verlegen und empfand des Alten Haltung wie eine Absage . Als Dubslav wieder draußen war , war natürlich die große Frage : » Ja , was jetzt tun ? « Es ging erst auf elf , und vor sechs war die Geschichte nicht vorbei , wenn sich ' s nicht noch länger hinzog . Er sprach dies auch einer Anzahl von Herren aus , die sich auf einer vor dem Gasthause stehenden Bank niedergelassen und hier dem Liqueurkasten des » Prinzregenten « , der sonst immer erst nach dem Diner auftauchte , vorgreifend zugesprochen hatten . Es waren ihrer fünf , lauter Kreis- und Parteigenossen , aber nicht eigentlich Freunde , denn der alte Dubslav war nicht sehr für Freundschaften . Er sah zu sehr , was jedem einzelnen fehlte . Die da saßen und aus purer Langerweile sich über die Vorzüge von Allasch und Chartreuse stritten , waren die Herren von Molchow , von Krangen und von Gnewkow , dazu Baron Beetz und ein Freiherr von der Nonne , den die Natur mit besonderer Rücksicht auf seinen Namen geformt zu haben schien . Er trug eine hohe schwarze Krawatte , drauf ein kleiner vermickerter Kopf saß , und wenn er sprach , war es , wie wenn Mäuse pfeifen . Er war die komische Figur des Kreises und wurde gehänselt , nahm es aber nicht übel , weil seine Mutter eine schlesische Gräfin auf » inski « war , was ihm in seinen Augen ein solches Übergewicht sicherte , daß er , wie Friedrich der Große , jeden Augenblick bereit war , » die sich etwa einstellenden Pasquille niedriger hängen zu lassen « . » Ich denke , meine Herren « , sagte Dubslav , » wir gehen in den Park . Da hat man doch immer was . An der einen Stelle ruht das Herz des Prinzen , und an der andern Stelle ruht er selbst und hat sogar eine Pyramide zu Häupten , wie wenn er Sesostris gewesen wäre . Ich würde gern einen andern nennen , aber ich kenne bloß den . « » Natürlich gehen wir in den Park « , sagte von Gnewkow . » Und es ist schließlich immer noch ein Glück , daß man so was hat ... « » Und auch ein Glück « , ergänzte von Molchow , » daß man solchen Wahltag wie heute hat , der einen ordentlich zwingt , sich mal um Historisches und Bildungsmäßiges zu kümmern . Bismarcken is es auch mal so gegangen , noch dazu mit ' ner reichen Amerikanerin , und hat auch gleich ( das heißt eigentlich lange nachher ) das rechte Wort dafür gefunden . « » Der hat immer das rechte Wort gefunden . « » Immer . Aber weiter , Molchow . « » ... Und als nun also die reiche Amerikanerin so runde vierzig Jahr später ihn wiedersah und sich bei ihm bedanken wollte von wegen des Bildermuseums , in das er sie halb aus Verlegenheit und halb aus Ritterlichkeit begleitet und ihr mutmaßlich alle Bilder falsch erklärt hatte , da hat er all diesen Dank abgewiesen und ihr - ich seh und hör ihn ordentlich - in aller Fidelität gesagt , sie habe nicht ihm , sondern er habe ihr zu danken , denn wenn jener Tag nicht gewesen wäre , so hätt er das ganze Bildermuseum höchstwahrscheinlich nie zu sehen gekriegt . Ja , Glück hat er immer gehabt . Im großen und im kleinen . Es fehlt bloß noch , daß er hinterher auch noch Generaldirektor der Königlichen Museen geworden wäre , was er schließlich doch auch noch gekonnt hätte . Denn eigentlich konnt er alles und ist auch beinah alles gewesen . « » Ja « , nahm Gnewkow , der aus Langerweile viel gereist war , seinen Urgedanken , daß solcher Park eigentlich ein Glück sei , wieder auf . » Ich finde , was Molchow da gesagt hat , ganz richtig ; es kommt drauf an , daß man reingezwungen wird , sonst weiß man überhaupt gar nichts . Wenn ich so bloß an Italien zurückdenke . Sehen Sie , da läuft man nu so rum , was einen doch am Ende strapziert , und dabei dieser ewige pralle Sonnenschein . Ein paar Stunden geht es ; aber wenn man nu schon zweimal Kaffee getrunken und Granito gegessen hat , und es ist noch nicht mal Mittag , ja , ich bitte Sie , was hat man da ? Was fängt man da an ? Gradezu schrecklich . Und da kann ich Ihnen bloß sagen , da bin ich ein kirchlicher Mensch geworden . Und wenn man dann so von der Seite her still eintritt und hat mit einem Male die Kühle um sich rum , ja , da will man gar nicht wieder raus und sieht sich so seine funfzig Bilder an , man weiß nicht wie . Is doch immer noch besser als draußen . Und die Zeit vergeht , und die Stunde , wo man was Reguläres kriegt , läppert sich so heran . « » Ich glaube doch « , sagte der für kirchliche Kunst schwärmende Baron Beetz , » unser Freund Gnewkow unterschätzt die Wirkung , die , vielleicht gegen seinen Willen , die Quattrocentisten auf ihn gemacht haben . Er hat ihre Macht an sich selbst empfunden , aber er will es nicht wahrhaben , daß die Frische von ihnen ausgegangen sei . Jeder , der was davon versteht ... « » Ja , Baron , das is es eben . Wer was davon versteht ! Aber wer versteht was davon ? Ich jedenfalls nicht . « Unter diesen Worten war man , vom » Prinzregenten « aus , die Hauptstraße hinuntergeschritten und über eine kleine Brücke fort erst in den Schloßhof und dann in den Park eingetreten . Der See plätscherte leis . Kähne lagen da , mehrere an einem Steg , der von dem Kiesufer her in den See hineinlief . Ein paar der Herren , unter ihnen auch Dubslav , schritten die ziemlich wacklige Bretterlage hinunter und blickten , als sie bis ans Ende gekommen waren , wieder auf die beiden Schloßflügel und ihre kurz abgestumpften Türme zurück . Der Turm rechts war der , wo Kronprinz Fritz sein Arbeitszimmer gehabt hatte . » Dort hat er gewohnt « , sagte von der Nonne . » Wie begrenzt ist doch unser Können . Mir weckt der Anblick solcher Friderizianischen Stätten immer ein Schmerzgefühl über das Unzulängliche des Menschlichen überhaupt , freilich auch wieder ein Hochgefühl , daß wir dieser Unzulänglichkeit und Schwäche Herr werden können . Tod , wo ist dein Stachel , Hölle , wo ist dein Sieg ? Dieser König . Er war ein großer Geist , gewiß ; aber doch auch ein verirrter Geist . Und je patriotischer wir fühlen , je schmerzlicher berührt uns die Frage nach dem Heil seiner Seele . Die Seelenmessen - das empfind ich in solchem Augenblicke - sind doch eine wirklich trostspendende Seite des Katholizismus , und daß es ( selbstverständlich unter Gewähr eines höchsten Willens ) in die Macht Überlebender gelegt ist , eine Seele freizubeten , das ist und bleibt eine große Sache . « » Nonne « , sagte Molchow , » machen Sie sich nicht komisch . Was haben Sie für ' ne Vorstellung vom lieben Gott ? Wenn Sie kommen und den Alten Fritzen freibeten wollen , werden Sie rausgeschmissen . « Baron Beetz - auch ein Anzweifler des Philosophen von Sanssouci - wollte seinem Freunde Nonne zu Hilfe kommen und erwog einen Augenblick ernstlich , ob er nicht seinen in der ganzen Grafschaft längst bekannten Vortrag über die » schiefe Ebene « oder » c ' est le premier pas qui coûte « noch einmal zum besten geben solle . Klugerweise jedoch ließ er es wieder fallen und war einverstanden , als Dubslav sagte : » Meine Herren , ich meinerseits schlage vor , daß wir unsern Auslug von dem Wackelstege , drauf wir hier stehen ( jeden Augenblick kann einer von uns ins Wasser fallen ) , endlich aufgeben und uns lieber in einem der hier herumliegenden Kähne über den See setzen lassen . Unterwegs , wenn noch welche da sind , können wir Teichrosen pflücken und drüben am andern Ufer den großen Prinz-Heinrich-Obelisken mit seinen französischen Inschriften durchstudieren . Solche Rekapitulation stärkt einen immer historisch und patriotisch , und unser Etappenfranzösisch kommt auch wieder zu Kräften . « Alle waren einverstanden , selbst Nonne . Gegen vier war man von dem Ausfluge zurück und hielt wieder vor dem » Prinzregenten « , auf einem mit alten Bäumen besetzten Platz , der wegen seiner Dreiecksform schon von alter Zeit her den Namen » Triangelplatz « führte . Die Wahlresultate lagen noch keineswegs sicher vor ; es ließ sich aber schon ziemlich deutlich erkennen , daß viele Fortschrittlerstimmen auf den sozialdemokratischen Kandidaten , Feilenhauer Torgelow , übergehen würden , der , trotzdem er nicht persönlich zugegen war , die kleinen Leute hinter sich hatte . Hunderte seiner Parteigenossen standen in Gruppen auf dem Triangelplatz umher und unterhielten sich lachend über die Wahlreden , die während der letzten Tage teils in Rheinsberg und Wutz , teils auf dem platten Lande von Rednern der gegnerischen Parteien gehalten worden waren . Einer der mit unter den Bäumen Stehenden , ein Intimus Torgelows , war der Drechslergeselle Söderkopp , der sich schon lediglich in seiner Eigenschaft als Drechslergeselle eines großen Ansehns erfreute . Jeder dachte : der kann auch noch mal Bebel werden . » Warum nicht ? Bebel is alt , und dann haben wir den . « Aber Söderkopp verstand es auch wirklich , die Leute zu packen . Am schärfsten ging er gegen Gundermann vor . » Ja , dieser Gundermann , den kenn ich . Brettschneider und Börsenfilou ; jeder Groschen is zusammengejobbert . Sieben Mühlen hat er , aber bloß zwei Redensarten , und der Fortschritt ist abwechselnd die Vorfrucht und dann wieder der Vater der Sozialdemokratie . Vielleicht stammen wir auch noch von Gundermann ab . So einer bringt alles fertig . « Uncke , während Söderkopp so sprach , war von Baum zu Baum immer näher gerückt und machte seine Notizen . In weiterer Entfernung stand Pyterke , schmunzelnd und sichtlich verwundert , was Uncke wieder alles aufzuschreiben habe . Pyterkes Verwunderung über das » Aufschreiben « war nur zu berechtigt , aber sie wär es um ein gut Teil weniger gewesen , wenn sich Unckes aufhorchender Diensteifer statt dem Sozialdemokraten Söderkopp lieber dem Gespräch einer nebenstehenden Gruppe zugewandt hätte . Hier plauderten nämlich mehrere » Staatserhaltende « von dem mutmaßlichen Ausgange der Wahl und daß es mit dem Siege des alten Stechlin von Minute zu Minute schlechter stünde . Besonders die Rheinsberger schienen den Ausschlag zu seinen Ungunsten gehen zu sollen . » Hole der Teufel das ganze Rheinsberg ! « verschwor sich ein alter Herr von Kraatz , dessen roter Kopf , während er so sprach , immer röter wurde . » Dies elende Nest ! Wir bringen ihn wahr und wahrhaftig nicht durch , unsern guten alten Stechlin . Und was das sagen will , das wissen wir . Wer gegen uns stimmt , stimmt auch gegen den König . Das ist all eins . Das ist das , was man jetzt solidarisch nennt . « » Ja , Kraatz « , nahm Molchow , an den sich diese Rede vorzugsweise gerichtet hatte , das Wort , » nennen Sie ' s , wie Sie wollen , solidarisch oder nicht ; das eine sagt nichts , und das andre sagt auch nichts . Aber mit Ihrem Wort über Rheinsberg , da haben Sie ' s freilich getroffen . Aufmuckung war hier immer zu Hause , von Anfang an . Erst frondierte Fritz gegen seinen Vater , dann frondierte Heinrich gegen seinen Bruder , und zuletzt frondierte August , unser alter forscher Prinz August , den manche von uns ja noch gut gekannt haben , ich sage : frondierte unser alter August gegen die Moral . Und das war natürlich das schlimmste . « ( Zustimmung und Heiterkeit . ) » Und bestraft sich zuletzt auch immer . Denn wissen Sie denn , meine Herren , wie ' s mit Augusten schließlich ging , als er durchaus in den Himmel wollte ? « » Nein . Wie war es denn , Molchow ? « » Ja , er mußte da wohl ' ne halbe Stunde warten , und als er nu mit ' nem Anschnauzer gegen Petrus rausfahren wollte , da sagte ihm der Fels der Kirche : Königliche Hoheit , halten zu Gnaden , aber es ging nicht anders . Und warum nicht ? Er hatte die elftausend Jungfrauen erst in Sicherheit bringen müssen . « » Stimmt , stimmt « , sagte Kraatz . » So war der Alte . Der reine Deubelskerl . Aber schneidig . Und ein richtiger Prinz . Und dann , meine Herren - ja , du mein Gott , wenn man nu mal Prinz is , irgendwas muß man doch von der Sache haben ... Und soviel weiß ich , wenn ich Prinz wäre ... « Zwanzigstes Kapitel Um sechs stand das Wahlresultat so gut wie fest ; einige Meldungen fehlten noch , aber das war aus Ortschaften , die mit ihren paar Stimmen nichts mehr ändern konnten . Es lag zutage , daß die Sozialdemokraten einen beinahe glänzenden Sieg davongetragen hatten ; der alte Stechlin stand weit zurück , Fortschrittler Katzenstein aus Gransee noch weiter . Im ganzen aber ließen beide besiegte Parteien dies ruhig über sich ergehen ; bei den Freisinnigen war wenig , bei den Konservativen gar nichts von Verstimmung zu merken . Dubslav nahm es ganz von der heiteren Seite , seine Parteigenossen noch mehr , von denen eigentlich ein jeder dachte : » Siegen ist gut , aber zu Tische gehen ist noch besser . « Und in der Tat , gegessen mußte werden . Alles sehnte sich danach , bei Forellen und einem guten Chablis die langweilige Prozedur zu vergessen . Und war man erst mit den Forellen fertig und dämmerte der Rehrücken am Horizont herauf , so war auch der Sekt in Sicht . Im » Prinzregenten « hielt man auf eine gute Marke . Durch den oberen Saal hin zog sich die Tafel : der Mehrzahl nach Rittergutsbesitzer und Domänenpächter , aber auch Gerichtsräte , die so glücklich waren , den » Hauptmann in der Reserve « mit auf ihre Karte setzen zu können . Zu diesem gros d ' armée gesellten sich Forst- und Steuerbeamte , Rentmeister , Prediger und Gymnasiallehrer . An der Spitze dieser stand Rektor Thormeyer aus Rheinsberg , der große , vorstehende Augen , ein mächtiges Doppelkinn , noch mächtiger als Koseleger , und außerdem ein Renommee wegen seiner Geschichten hatte . Daß er nebenher auch ein in der Wolle gefärbter Konservativer war , versteht sich von selbst . Er hatte , was aber schon Jahrzehnte zurücklag , den großartigen Gedanken gefaßt und verwirklicht : die ostelbischen Provinzen , da , wo sie strauchelten , durch Gustav Kühnsche Bilderbogen auf den richtigen Pfad zurückzuführen , und war dafür dekoriert worden . Es hieß denn auch von ihm , » er gelte was nach oben hin « , was aber nicht recht zutraf . Man kannte ihn » oben « ganz gut . Um halb sieben ( Lichter und Kronleuchter brannten bereits ) war man unter den Klängen des Tannhäusermarsches die hie und da schon ausgelaufene Treppe hinaufgestiegen . Unmittelbar vorher hatte noch ein Schwanken wegen des Präsidiums bei Tafel stattgefunden . Einige waren für Dubslav gewesen , weil man sich von ihm etwas Anregendes versprach , auch speziell mit Rücksicht auf die Situation . Aber die Majorität hatte doch schließlich Dubslavs Vorsitz als ganz undenkbar abgelehnt , da der Edle Herr von Alten-Friesack , trotz seiner hohen Jahre , mit zur Wahl gekommen war ; der Edle Herr von Alten-Friesack , so hieß es , sei doch nun mal - und von einem gewissen Standpunkt aus auch mit Fug und Recht - der Stolz der Grafschaft , überhaupt ein Unikum , und ob er nun sprechen könne oder nicht , das sei , wo sich ' s um eine Prinzipienfrage handle , durchaus gleichgültig . Überhaupt , die ganze Geschichte mit dem » Sprechenkönnen « sei ein moderner Unsinn . Die einfache Tatsache , daß der Alte von Alten-Friesack dasäße , sei viel , viel wichtiger als eine Rede , und sein großes Präbendenkreuz ziere nicht bloß ihn , sondern den ganzen Tisch . Einige sprächen freilich immer von seinem Götzengesicht und seiner Häßlichkeit , aber auch das schade nichts . Heutzutage , wo die meisten Menschen einen Friseurkopf hätten , sei es eine ordentliche Erquickung , einem Gesicht zu begegnen , das in seiner Eigenart eigentlich gar nicht unterzubringen sei . Dieser von dem alten Zühlen , trotz seiner Vorliebe für Dubslav , eindringlich gehaltenen Rede war allgemein zugestimmt worden , und Baron Beetz hatte den götzenhaften Alten-Friesacker an seinen Ehrenplatz