. Der Herr gab dem Kutscher noch Weisungen und schritt dann der Dame nach ins Haus . Edmund Schmeiß hatte die Szene mit Neugier verfolgt und sich die Physiognomien genau eingeprägt . Er trat an den Wagen heran , nahm den Hut ab und fragte den Kutscher , wer das gewesen sei . Der Kutscher nannte den Namen seiner Herrschaft . Der Kommissionär war zufrieden , nun wußte er doch , daß der Graf zu Haus sei . Er sah sich noch einmal Wagen und Pferde an . Die Geschirre , die Livreen , bis herab auf die Bockdecke und die Handschuhe von Kutscher und Diener , alles vom Besten , geschmackvoll und gediegen . Edmund Schmeiß ließ ein paar Minuten verstreichen , während der er auf dem Trottoir auf und ab ging , und begab sich dann ins Haus . Ein Kammerdiener öffnete auf sein Klingeln . Der Kommissionär hatte eine gleichgültig überlegene Miene vorbereitet , von der er annahm , sie müsse auf einen Bediensteten Eindruck machen . Der Diener , ein großer , bartloser Graukopf , mit der gemessenen Haltung eines Lords , warf einen einzigen prüfenden Blick auf den Fremden und erklärte darauf , der Herr Graf seien nicht zu Haus . Damit wollte er die Tür schließen , aber der Kommissionär , fix im Auffassen wie im Handeln , hatte sich zwischen Tür und Angel gestellt , so daß jener nicht zumachen konnte . » Sagen Sie dem Herrn Grafen , « rief er mit einer Stimme , die berechnet war , auch in den Zimmern gehört zu werden , » ich hätte dem Herrn Grafen wichtige Nachrichten von der Herrschaft Saland zu bringen . Hier ist meine Karte . « Der Kammerdiener las die Karte , betrachtete sich den Mann noch einmal , zuckte die Achseln und verschwand darauf . Nachdem man den Agenten eine geraume Zeit hatte warten lassen , erschien der alte Diener wieder . Sein Benehmen hatte an Geringschätzung zugenommen . Die Herrschaften wären jetzt beim Luncheon , erklärte er , der Graf ließe dem Herrn aber sagen , wenn er mit ihm sprechen wolle , möchte er in einiger Zeit wiederkommen . Edmund Schmeiß überlegte . Sollte er gehn und in einer Stunde wiederkommen ? Vielleicht war man da wieder nicht zu Haus für ihn . Das war wohl nur eine Finte , um ihn auf gute Manier los zu werden ! Nein , er blieb ! Nun hatte er sich einmal den Eintritt erzwungen in das Quartier ; diesen Vorteil wollte er nicht wieder fahren lassen . Er erklärte dem Kammerdiener , daß er hier warten wolle , bis das Luncheon vorüber sei . Der Diener maß ihn mit einem verächtlichen Blicke . » Wenn Sie wollen - hier , bitte ! « Er öffnete eine Tür . » Hier können Sie warten . « Der Kommissionär sah sich in einem schmalen , einfenstrigen Zimmer , einer Art Garderobe . Es hingen Pelzmäntel und andere Kleidungsstücke an einem Rechen , unter einem Regal stand Schuhwerk . Ein Schlafsofa war aufgestellt , an den Wänden hingen Bilder und Photographien , die offenbar ausgemustert waren . Geheizt war der Raum nicht . Obgleich das Ehrgefühl bei Schmeiß nicht sonderlich entwickelt war , fühlte er sich doch für den Augenblick nicht angenehm berührt , als er bemerkte , wohin man ihn gewiesen hatte . Seine Eitelkeit war gekränkt Trotz des neuen Zylinders und des pikfeinen Aufzuges hatte ihn dieser großbrodige Schuft von einem Kammerdiener nicht für voll angesehen . Er besah sich in einem Stehspiegel , der in einer Ecke des Zimmers stand und wohl eines Sprunges wegen hierher verbannt worden war . Seiner Ansicht nach war alles » prima « an ihm . Er hätte ebensogut ein Offizier in Zivil , ein Baron , ein Graf sein können . Was solche Lakaien doch für eine Witterung haben mußten ! - Aber Schmeiß war nicht der Mann , der sich durch peinliche Empfindungen für längere Zeit niederdrücken ließ . Die Behandlung , die ihm zuteil geworden , war sicher nicht freundlich zu nennen , aber das mußte man schließlich aufs Geschäft schlagen ; er sah auf das Resultat , und da war der unzweifelhafte Erfolg zu verzeichnen , daß es ihm gelungen war , in die Nähe des Grafen zu gelangen , der ihn nun doch nicht mehr abweisen lassen konnte . Den Leuten auf den Leib rücken , das war beim Geschäfte immer das Schwierigste und das Wichtigste . Nun er einmal hier war , schien ihm der Erfolg so gut wie sicher . Er hatte sich auf das Schlafsofa gesetzt und sah sich im Zimmer um . Dort auf dem Tische standen verschiedene Lampen von Bronze , Majolika , ein paar von Berliner Porzellan , Prachtstücke aus der Königlichen Manufaktur . So ein Winter in Berlin mußte dem Grafen eine Menge Geld kosten mit Familie , Dienerschaft , Equipage und dazu erste Etage in » den Zelten « . Schmeiß machte einen Überschlag . Seine Aufmerksamkeit wurde abgelenkt durch Geräusche aus dem Nebenzimmer . Er hörte Tellerklappern , und Stimmendurcheinander . Aha , das Eßzimmer ! Er konnte weibliche Stimmen unterscheiden . Man schien sich gut zu unterhalten , es wurde viel gelacht . Der Kommissionär wechselte den Platz , um besser zu hören . Mit Grafen und Komtessen hatte er noch niemals zu Tische gesessen ; es interessierte ihn doch , etwas davon aufzuschnappen , wie diese Art sich eigentlich unterhalten mochte , wenn sie unter sich war . Schmeiß hatte ein scharfes Gehör , trotzdem konnte er anfangs kaum mehr verstehen als einzelne Worte und Sätze , die aus dem Zusammenhange gerissen keinen Sinn ergaben . Man schien abgespeist zu haben , er hörte wenigstens kein Tellerklappern mehr . Die Unterhaltung wurde in lebhaftester Weise geführt . Er konnte jetzt einzelnes verstehen , weil er inzwischen gelernt hatte , die Stimmen zu unterscheiden . Es schienen recht gleichgültige Dinge , von denen sie sprachen . Ein paar Namen hatte der Lauscher auch schon herausgehört . Eine » Wanda « schien da zu sein und eine » Ida « ; jedenfalls also der Graf mit seinen nächsten Angehörigen . Jetzt rückte man mit den Stühlen , man erhob sich . Es klang dem Kommissionär fast , als würde ein Tischgebet gesprochen , worüber er sich nicht wenig wunderte . Gleich darauf hörte er eine männliche Stimme sagen : » Herr Graf , der Herr ist auch noch da ! « - » Welcher Herr ? « fragte jemand . Darauf hörte der Kommissionär seinen eigenen Namen nennen . » Was will der Mensch nur ! « hieß es . Gleichzeitig ertönte übermütiges Frauenlachen . » Schmeiß ! hast du gehört ? Schmeiß heißt der Mensch ! « Ein Kichern und dann : » Möchtest du Frau Schmeiß heißen , Ida ? « - Das übrige verlor sich in Gelächter . Edmund Schmeiß war errötet , was ihm selten begegnete . Die Kränkung hatte gesessen . Er knirschte mit den Zähnen . Wer ihn jetzt gesehen hätte , würde haben ahnen können , wessen dieser Mensch fähig war , wenn er beleidigt war . Die Tür vom Korridor wurde gleich darauf geöffnet , der grauköpfige Kammerdiener trat ein und teilte mit , der Herr Graf wolle Herrn Schmeiß jetzt annehmen . Der Kommissionär fuhr sich schnell noch einmal mit der Hand über den Schnurrbart , zog die Manschetten unter den Ärmeln vor und folgte dem Diener . Der Graf empfing ihn in seinem Zimmer . Er war ein großer , schlanker Herr . Sein Kopf schien älter als seine Figur . Das blonde Haar lichtete sich bereits stark . Die Nase war lang und etwas zu spitz , um schön zu sein . Die Augen leuchteten groß und freundlich ; sie waren das einzig Lebhafte in dem bleichen , etwas verlebten Gesichte , dem auch der Schnurrbart nichts Martialisches gab . Der Graf trug den Interimsrock . Edmund Schmeiß hatte zunächst das unangenehme , ihn bedrückende Gefühl niederzukämpfen , einem vornehmen Manne gegenüber zu stehen . Aber das war nur vorübergehend , er beschloß , sich durch nichts imponieren zu lassen . Vornehmheit , gut ! die wollte er jenem lassen ; aber ob der Mann so klug sei wie er , das würde sich erst noch ausweisen . Der Graf erwiderte die tiefe Verbeugung des Fremden mit einem Kopfnicken , wies auf einen Stuhl , zum Zeichen , daß er Platz nehmen möge , und setzte sich selbst . » Nun , also Herr « ...... Der Graf dehnte das » Herr « nach dem Namen suchend . » Schmeiß ist mein Name , « ergänzte der Kommissionär . » Ganz recht , Herr Schmeiß ! also was führt Sie zu mir ? « Edmund Schmeiß hatte einen Fuß vorgesetzt und stemmte den Zylinder auf das Knie . Dann begann er mit Manieren , die zwischen Unterwürfigkeit , schnüffelnder Neugier und dreister Zudringlichkeit unausgesetzt wechselten , den Zweck seines Kommens in seichter , dabei glatt fließender Rede , wie sie den Handlungsreisenden eigen ist , auseinanderzusetzen . Der Graf hörte ihm eine Weile mit gelangweilter Miene zu ; er feilte inzwischen an seinen Fingernägeln . Als er mit allen zehn Fingern durch war , blickte er auf und meinte in leicht näselndem Tone : » Ja , mein Bester - ich weiß nicht - Sie haben behauptet , Sie brächten mir Nachrichten von Saland - unter dieser Voraussetzung allein habe ich Sie angenommen . Ich sehe wirklich nicht ein , was das hier eigentlich soll ! « » Doch , Herr Graf ! der Herr Graf wollen mir nur gütigst gestatten , auszureden . Ich meine nämlich , daß die Interessen der Herrschaft Saland mit meinem Vorschlage sehr eng verknüpft sind . Der Wald des Büttnerschen Bauerngutes grenzt mit dem der Herrschaft , liegt wie ein Keil in dem Forst des Herrn Grafen eingesprengt ... « » Das weiß ich selbst , wahrscheinlich genauer als Sie ! « meinte der Graf , welcher ungeduldig zu werden anfing . » Um diesen Wald handle ich schon seit Jahren . Ich werde wohl nun endlich mal dazu kommen . Um lumpige fünfzig oder sechzig Morgen handelt es sich , glaube ich . « » Der Herr Graf werden aber viel zu hoch bezahlen . Wir würden dem Herrn Grafen den Wald billiger verschaffen . « Der Graf musterte den Sprecher mit erstaunter Miene . Erst jetzt sah er sich den Menschen richtig an , der sich mit solcher Unverfrorenheit an ihn herandrängte . Das schien ja ein possierlicher Bursche zu sein ! Der Graf lachte . » Wer sind Sie denn eigentlich , Verehrter ! Ich wollte Ihnen bloß bemerken , daß ich keine Zwischenhändler brauche , wenn ich mit einem meiner Bauern handeln will . « » Herr Graf ! Ich komme nicht im eignen Namen , das würde ich mir nicht erlauben . Ich bin Kommissionär . Ich komme im Auftrage der Firma Samuel Harrassowitz . Der Name ist Ihnen gewiß bekannt , Herr Graf . Eine große Getreidehandlung , der Inhaber ist ein feiner und durch und durch reeller Geschäftsmann . « Bei Nennung des Namens » Harrassowitz « stutzte der Graf . Er war aufgestanden und suchte etwas auf der Schreibtischplatte . » Mir schreibt hier mein Güterdirektor « ... Er wühlte in einem Berge von Papieren , die einen etwas ungeordneten Eindruck machten . » Ich kann den Brief gerade nicht finden . « Den Späheraugen des Kommissionärs entging die Nachlässigkeit , mit der der Graf in den Papieren stöberte , nicht . » Na , egal Hauptmann Schroff schreibt mir , daß dieser - dieser ... den Sie eben nannten ... « » Harrassowitz ! « beeilte sich Schmeiß zu ergänzen , der schon bemerkt hatte , daß das Namensgedächtnis des Grafen ziemlich mangelhaft war . » Ganz recht ! Dieser Harrassowitz soll sich ja mit Güterschlächterei befassen . « Jetzt hielt es Edmund Schmeiß für zeitgemäß , einen Trumpf auszuspielen . Er erhob sich mit gekränkter Miene und sagte : » Ich bedaure , daß der Herr Graf so falsch berichtet sind . Harrassowitz ist ein Ehrenmann durch und durch . Er ist mein Freund ! « Er knöpfte seinen Rock zu , wie er es auf dem Theater von beleidigten Helden gesehen hatte , und machte ernsthaft Miene zu gehen . Menschenkenntnis war gerade nicht die starke Seite des Grafen . Er war arglos und gutmütig von Natur . Der Gedanke , jemanden gekränkt zu haben , war ihm peinlich . Er meinte in beschwichtigendem Tone : » Na , bleiben Sie nur , bleiben Sie ! Die Sache wird wohl nicht so gefährlich sein . « » Ja , aber Güterschlächterei ist ein schwerwiegendes Wort , Herr Graf ! Wenn ich mir meinen Freund Harrassowitz dazu denke . - Ich will ihm die Bemerkung des Herrn Grafen lieber nicht hinterbringen . « Der Graf merkte die versteckte Drohung nicht , die in diesen Worten liegen sollte . Völlig arglos sagte er : » Die Sache ist nun gut ! Setzen Sie sich wieder und echauffieren Sie sich nicht unnötig ! « » Wollen der Herr Graf mich weiter anhören ? « fragte Schmeiß mit gut geheuchelter Miene eines Verletzten , der sich zur Versöhnung bereit finden lassen will . Im Innern triumphierte er . » Ja , bitte , fahren Sie fort ! Was wollen Sie denn eigentlich , oder was will Ihr Harrassowitz von mir ? Das verstehe ich immer noch nicht . Da ist dieser Bauer , dieser ... dieser ... in Halbenau . « » Büttner ! meinen der Herr Graf jedenfalls . « » Jawohl , Büttner ! Ein alter , ehrlicher Kerl , wie mir scheint , dem die Zwangsversteigerung droht , wie Hauptmann Schroff schreibt . Der Mann soll mit ein paar tausend Mark zu retten sein . « » Gestatten der Herr Graf , daß ich hier unterbreche ! Die Erfahrungen , die wir mit dem alten Büttner gemacht haben , sind etwas anders geartet . Wir sind der Ansicht , daß der Herr Graf verlockt werden sollen , einen Unwürdigen zu unterstützen . Der Herr Graf sollen Ihr gutes Geld hergeben für eine Sache , die , gelinde ausgedrückt , sehr zweifelhaft ist . Das ist der Plan , hinter den wir gekommen sind . Und um das zu verhindern , Herr Graf , bin ich nach Berlin gereist . « Schmeiß beobachtete , während er mit der Miene des moralisch entrüsteten Biedermanns sprach , die Züge des Grafen mit einer Aufmerksamkeit , der nichts entging . Wenn dem Herrn das hier glatt einging , dann konnte er noch eine ganze Portion mehr vertragen . Der Graf ließ seine Augen mit dem Ausdrucke höchster Überraschung auf dem Sprecher ruhen , er hatte den Mund halb offen und sah in diesem Augenblicke nicht besonders geistreich aus . » Kennen Sie denn diesen - diesen Büttner so genau ? « fragte er nach einigem Besinnen . » Wir haben genügende Erfahrung mit dem Manne , ich kann sagen , mit der ganzen Familie gemacht , um erklären zu dürfen , wir kennen die Sippschaft gründlich . « » Mein Güterdirektor lobt mir die Leute in seinem Briefe . « » Das Urteil des Herrn Hauptmann Schroff scheint mir - nun , ich will nichts gesagt haben , weil der Herr Graf etwas auf den Herrn zu halten scheinen . Aber nachdem er über meinen Freund Harrassowitz derartig geurteilt hat , kann mir sein Urteil nichts mehr gelten ! Der Herr Graf werden das verstehen ! « » Der alte Bauer soll durch Familienunglück in Bedrängnis geraten sein , glaube ich . « » Durch schlechte Wirtschaft und weiter nichts , Herr Graf ! Der alte Mann ist ein liederlicher Wirt und leider auch ein Trinker . Die Söhne sind noch schlimmer , und bei den Töchtern jagt ein uneheliches Kind das andere . Wollen sich der Herr Graf nur erkundigen , dann werden Sie schon erfahren , daß ich nicht übertreibe . Ich bin selbst in dem Hause gewesen , ich kenne die Leute . Auf diese Weise ist die Wirtschaft natürlich immer tiefer heruntergekommen . Jetzt sitzt der Mann in Schulden bis über die Ohren . Harrassowitz ist er Geld schuldig , auch ich habe an ihn verloren . Wir sind mit dem Manne gründlich betrogen worden , weil wir ihn für reell hielten . Wir werden unser Geld einbüßen . Und so geht es verschiedenen ehrlichen Geschäftsleuten . Auch mit seiner eigenen Familie hat er sich überworfen . Der eigene Schwager hat ihn ausgeklagt . Der Herr Graf wollen nur mal nachfragen lassen . Die ganze Sache ist oberfaul ! « Der Graf schüttelte den Kopf . » Wenn das so ist - dann läge die Sache ja in der Tat etwas anders . Aber warum ist mir denn das so dargestellt worden ? « » Die bekannte Großmut des Herrn Grafen soll ausgenutzt werden . Man denkt vielleicht : Der Herr Graf ist weit weg , in Berlin , und auf ein paar tausend Mark kommt ' s ihm nicht an . Man rechnet mit der Menschenfreundlichkeit des Herrn Grafen . Aber hier wäre Generosität , so schön sie auch sonst ist , nicht am Platze . Gesetzt der Fall , der Herr Graf reißen den Mann jetzt heraus - übrigens ist das mit ein paar tausend Mark keineswegs getan ; ich weiß , daß der alte Büttner namhafte Posten schuldet , bei Leuten , die sich noch gar nicht gemeldet haben - also , wenn der Herr Graf jetzt auch bezahlen , werden immer noch Forderungen nachkommen . Das ist wie ein Sieb , wo das Wasser , das man hineingießt , durchläuft . Und wenn der Bauer jetzt auch noch so viel verspricht , in Jahresfrist ist doch wieder alles beim Alten . Dann ist neuer Bankerott da . Der Herr Graf werden nichts als Ärger und Verdruß gehabt haben und Ihr Geld einbüßen . « » Das ist doch wirklich traurig ! « sagte der Graf , und dem Tone , in welchem er das sagte , war anzuhören , daß es ihm von Herzen kam . » Ja , es ist tieftraurig ! « echote Schmeiß . » Solchen Menschen ist dann allerdings nicht zu helfen . « » Ganz sicher ist solchen Leuten nicht zu helfen , Herr Graf , « sagte Edmund Schmeiß mit wichtiger Miene und ernsten Blicken . » Ganz sicher nicht ! Da wird so viel geschrieben in den Blättern über die traurige Lage des Bauernstandes . Besonders die Blätter einer freieren Richtung , die demokratischen Organe , sind da immer schnell bereit , dem Großgrundbesitz die Schuld in die Schuhe zu schieben . Die Magnaten werden angeklagt , den Bauern zu ruinieren , aufsaugen , wie es da heißt . Von Bauernlegen wird gesprochen . Aber daß die Bauern meistens selbst an ihrem Untergange schuld sind , das sagt niemand . Die Leute treiben ' s danach ! Der Bauernstand geht an sich selbst zugrunde , Herr Graf , nicht durch den Großgrundbesitz . Hier an dem alten Büttnerbauern haben wir einen schlagenden Beleg dafür ! « Edmund Schmeiß hatte die letzten Sätze mit einer gewissen Feierlichkeit in Ton und Gebärde gesprochen , als decke er seine innerste Gesinnung auf . Bei dem Grafen waren solche Worte nicht verloren . Auch an ihn waren Klagen und Forderungen , welche die Neuzeit gegen den Großgrundbesitz erhebt , herangeklungen , und hatten ihn verdrossen . Diese Verteidigung der Magnaten klang ihm angenehm in den Ohren . » Was diese demokratischen Blätter sagen , ist alles Gewäsch ! « erklärte er . » Was verstehen denn diese Leute von der Bauernfrage ! Die mögen nur erst mal aufs Land hinausgehen und sehen , wie ' s dort zugeht , ehe sie ihre roten Artikel schreiben . Ja , wirklich solche Leute , Redakteure und überhaupt Zeitungsschreiber , die müßten alle mal zur Strafe ein paar Wochen das Feld - bestellen was ? Die Art Leute hinter dem Pfluge oder beim Düngerladen , wie denken Sie sich das ? « Der Graf geruhte zu lachen über seine eigene Bemerkung , und Edmund Schmeiß verfehlte nicht , mitzulachen ; auch er fand den Gedanken hochkomisch . Die Unterhaltung hatte entschieden einen wärmeren Ton angenommen , und der Graf war nicht mehr so unnahbar und von oben herab wie zu Anfang . » Nicht wahr ? Da kann einem doch niemand einen Vorwurf daraus machen , wenn man solch einen Mann seinem wohlverdienten Schicksale überläßt ? « fragte der Graf schließlich . » Im Gegenteil , Herr Graf ! « rief der Kommissionär . » Ich meine , es wäre unverantwortlich , wenn man hier einen Finger zur Hilfe rühren wollte . Diesen Leuten ist eben nicht zu helfen , und kein vernünftiger Mensch wird wagen , dies von dem Herrn Grafen zu verlangen . « Schmeiß hatte nun keine große Mühe weiter , den Grafen zu überreden . Leute von geringem Urteil und großer Gutmütigkeit , wie der Graf , sind leicht zur Härte zu verführen . Der Graf ärgerte sich bereits , daß seine Güte wieder mal hatte mißbraucht werden sollen , und er gedachte , seinem Güterdirektor diesen Versuch nicht zu vergessen . Der Kommissionär ging von ihm mit dem Bewußtsein , seine Aufgabe in glänzender Weise gelöst zu haben . Und außerdem kam noch die angenehme Genugtuung befriedigter Eitelkeit hinzu . Der Graf hatte ihn schließlich gar nicht mehr schlecht behandelt . Sogar eine Zigarre war ihm vor dem Weggehen angeboten worden . Mit gehobenem Selbstgefühl verließ Edmund Schmeiß das Haus , und dem prickelnden Gedanken , daß diese Aristokraten zwar äußerlich recht vornehm , im Grunde aber doch fürchterlich dumm seien . IV. Eines Tages , als Gustav die Dorfgasse hinabging , begegnete ihm Hauptmann Schroff zu Pferde . » Gut , daß ich Sie treffe , Büttner ! « sagte der Hauptmann . » Ich wollte eben zu Ihnen . Ich habe Nachrichten in unserer Sache . Leider keine guten ! Kommen Sie ein paar Schritte mit mir . Die Stute steht nicht gerne . « Gustav schritt neben dem Reiten her , welcher weiter berichtete : » Der Graf will nicht ! Rundweg abgelehnt meinen Vorschlag , nachdem er erst Lust gezeigt , und ich infolgedessen unserem Rechtsanwalt schon Auftrag gegeben hatte , mit dem Kretschamwirt zu verhandeln . Nun ist auf einmal Kontreordre gekommen von Berlin , sogar auf telegraphischem Wege . Was da vorgegangen sein mag , soll der Teufel wissen ! Auf lumpige zweitausend Mark kommt ' s dem Grafen doch sonst nicht an ! Können Sie sich denn denken , was passiert sein kann , Büttner ? « Gustav vermochte auch keine Erklärung zu geben . » Ich habe sofort noch einmal an den Grafen geschrieben , weil mir die Sache am Herzen lag . Er hat mir äußerst kurz geantwortet und mich bedeutet , daß , wenn er nein sage , das nicht ja heiße . Dadurch ist die Sache für mich natürlich erledigt . Ich habe mich zu fügen . Traurig ist das allerdings , tieftraurig ! « Der Hauptmann blickte mit düsterem Gesicht in die Ferne , seine Miene war voll Gram . » Der Teufel verblendet den großen Herren die Augen ! « sagte er , mehr für sich , und biß die Zähne aufeinander . Die Stute begann unter ihm nervös hin und her zu tänzeln ; er hatte sie in Gedanken zu fest gehalten . Er ließ , als er den Grund erkannte , ganz mechanisch die Kandarenzügel locker und zog die Trense etwas an . » Hoo , hoo ! « rief er , dem Pferde zuredend , und klopfte es am Widerrist . » Ja , da ist nun nichts weiter zu machen , mein guter Büttner ! « sagte er nach längerem Schweigen . » Ich wenigstens kann nichts mehr tun , mir sind die Hände gebunden . Nahe geht mir die Sache , das kann ich wohl sagen ! Auf dem Laufenden können Sie mich immerhin erhalten , verstehen Sie , Büttner ! « - » Nun , Gott befohlen ! « Damit gab er der Stute einen unmerklichen Schenkeldruck . Die krümmte den Hals , schob das Hinterteil unter und trug den Reiter in gleichmäßig wiegenden Galoppsprüngen die Dorfstraße hinab . Gustav blickte ihm mit Wehmut nach . Er war so sehr Kavallerist geblieben , daß er selbst in diesem Augenblicke , wo ganz andere Sorgen und Kümmernisse ihm näher lagen , doch noch Raum fand für das Gefühl des Neides dem Manne gegenüber , der ein solches Pferd reiten durfte . Er verfolgte den Reiter mit seinen Blicken , bis er ihm hinter den Häusern verschwunden war . Dann wandte er sich seufzend , um nach Hause zu gehen und dem Vater die schlechten Nachrichten zu überbringen . Der junge Mann fühlte sich sehr niedergedrückt . Die Aussicht , die ihm Hauptmann Schroff eröffnet , war so wunderbar gewesen , daß er wirklich geglaubt hatte , es werde nun alles gut werden . Er hatte seine Pläne für die Zukunft ganz auf das Gelingen dieses Planes gestellt , und nun war in elfter Stunde alles gescheitert ! Auf den alten Bauern machte die Nachricht keinen tieferen Eindruck . Er hatte ja nicht an eine Wendung zum Besseren geglaubt . Der alte Mann hatte sich wieder ganz in sich selbst zurückgezogen . Niemand , selbst Gustav nicht , wußte , ob er überhaupt noch etwas hoffe . Scheinbar ließ er die Dinge gehen , wie sie gehen wollten . Selbst die Nachricht vom Gericht , daß Termin zur Zwangsversteigerung angesetzt sei , schien ihn nicht merklich zu erregen . In der Wirtschaft ging alles seinen gewohnten Gang weiter . Hier merkte man gar nicht , welches Verhängnis drohend über dem Gute hing . Die Frühjahrsbestellung wurde wie alljährlich vorbereitet . Karl fuhr Dünger auf den Kartoffelacker und Jauche auf die Wiesen . Die Frage , wer die Früchte ernten werde , stellte man nicht . Man tat seine Arbeit und schwieg . Die Maschine schnurrte weiter , weil sie einmal im Gange war . Wenn nun plötzlich eine fremde Hand eingriff und sie zum Stillstand brachte , was dann ? - Der alte Bauer schien mit einem gewissen Trotz dieser Frage aus dem Wege zu gehen . Reden ließ er auch nicht mit sich darüber . Gustav bekam zu hören , daß er ein » grüner Junge « sei , als er einmal davon zu sprechen anfing , was eigentlich nach der Subhastation werden solle . Und dabei lag die Notwendigkeit , daran zu denken , so nahe . Wer konnte denn wissen , wer der Ersteher des Gutes sei und was er mit Haus und Hof anfangen werde . Sie mußten gewärtig sein , ihr Heim auf dem Flecke zu verlassen ; dann würden sie obdachlos auf der Straße liegen , wohl gar der Armenfürsorge anheimfallen . Gustav geriet auch in anderem mit dem Alten in Widerspruch . Der Büttnerbauer steckte noch immer Geld in das Gut , obgleich es bereits an allen Ecken und Enden zu mangeln begann . Der junge Mann war der Ansicht , daß jetzt keine Verbesserungen mehr vorgenommen werden dürften , da es doch feststand , daß der Besitz nicht mehr der Familie erhalten werden könne . Aber der Bauer schien es sich in den Kopf gesetzt zu haben , der verlorenen Sache noch möglichst viel nachzuwerfen . Er schaffte einen neuen Pflug an , besserte an den Wegen , stopfte Löcher im Fachwerk des Scheunengiebels und sprach sogar davon , den Kuhstall umdecken zu lassen . Darüber kam es zwischen Vater und Sohn zu einem heftigen Auftritt . Die Folge war , daß der junge Mann sich mehr denn je von zu Hause wegsehnte . Jeder Tag vermehrte seine Einsicht , daß hier alles unhaltbar geworden sei . Wozu sein Geschick noch länger an das seines Vaters knüpfen , der zu alt zu sein schien , um noch Vernunft anzunehmen . Im Elternhause wurde es immer öder und trauriger . Der alte Bauer lebte ein Leben völlig für sich . Wie ein böser Hund fuhr er aus seiner Hütte , bereit , jeden zu beißen , der ihn in seiner Verdrossenheit störte . Die Bäuerin weinte viel und hatte an ihrem Leiden zu tragen . Therese zankte mit Karl . Toni sah in schwüler Gleichgültigkeit ihrer Entbindung entgegen . Bei Ernestine begannen sich unter dem Einflüsse all des Widrigen , dessen das junge Ding Zeuge geworden , Eigensucht und Vorwitz in nicht gewöhnlichem Grade zu entwickeln . Gustav hielt sich infolgedessen dem Elternhause , das ihm die Hölle auf Erden zu werden drohte , so viel als möglich fern . Um so mehr war er bei Pauline Katschner zu finden . Sie und der Junge mußten ihm jetzt Eltern und Geschwister ersetzen . Der Termin der Hochzeit rückte näher und näher , und Gustav hatte noch immer keine Stellung gefunden . Er dachte manchmal daran , ob es nicht das beste sei , auszuwandern . Man sah es ja : die Verwandten alle , die von Halbenau weggegangen waren , hatten es zu Vermögen und Ansehen gebracht . Im Dorfe konnte man nie und nimmer zu etwas kommen . Die Heimat war ihm vergällt und verekelt durch so viel traurige Erlebnisse . Also , nur fort ! Den Staub von Halbenau von den Füßen geschüttelt und anderwärts sein Glück versucht ! Aber das war leichter gedacht als ausgeführt . Zunächst einmal : wo sollte er hingehen ? In die Stadt ! Wer stand ihm dafür , daß er dort Arbeit fand . Und dann mit Weib und Kind wanderte es sich nicht so leicht , als wenn einer nur den Ranzen zu schnüren und den Stab in die Hand zu