ewiger Unruhe ; glücklicherweise kam Gieshübler im Laufe des Nachmittags und half über eine Stunde weg . Endlich um sieben Uhr fuhr der Wagen vor , Effi trat hinaus , und man begrüßte sich . Innstetten war in einer ihm sonst fremden Erregung , und so kam es , daß er die Verlegenheit nicht sah , die sich in Effis Herzlichkeit mischte . Drinnen im Flur brannten die Lampen und Lichter , und das Teezeug , das Friedrich schon auf einen der zwischen den Schränken stehenden Tische gestellt hatte , reflektierte den Lichterglanz . » Das sieht ja ganz so aus wie damals , als wir hier ankamen . Weißt du noch , Effi ? « Sie nickte . » Nur der Haifisch mit seinem Fichtenzweig verhält sich heute ruhiger , und auch Rollo spielt den Zurückhaltenden und legt mir nicht mehr die Pfoten auf die Schulter . Was ist das mit dir , Rollo ? « Rollo strich an seinem Herrn vorbei und wedelte . » Der ist nicht recht zufrieden , entweder mit mir nicht oder mit andern . Nun , ich will annehmen , mit mir . Jedenfalls laß uns eintreten . « Und er trat in sein Zimmer und bat Effi , während er sich aufs Sofa niederließ , neben ihm Platz zu nehmen . » Es war so hübsch in Berlin , über Erwarten ; aber in all meiner Freude habe ich mich immer zurückgesehnt . Und wie gut du aussiehst ! Ein bißchen blaß und auch ein bißchen verändert , aber es kleidet dich . « Effi wurde rot . » Und nun wirst du auch noch rot . Aber es ist , wie ich dir sage . Du hattest so was von einem verwöhnten Kind , mit einemmal siehst du aus wie eine Frau . « » Das hör ich gern , Geert , aber ich glaube , du sagst es nur so . « » Nein , nein , du kannst es dir gutschreiben , wenn es etwas Gutes ist ... « » Ich dächte doch . « » Und nun rate , von wem ich dir Grüße bringe . « » Das ist nicht schwer , Geert . Außerdem , wir Frauen , zu denen ich mich , seitdem du wieder da bist , ja rechnen darf « ( und sie reichte ihm die Hand und lachte ) , » wir Frauen , wir raten leicht . Wir sind nicht so schwerfällig wie ihr . « » Nun von wem ? « » Nun natürlich von Vetter Briest . Er ist ja der einzige , den ich in Berlin kenne , die Tanten abgerechnet , die du nicht aufgesucht haben wirst und die viel zu neidisch sind , um mich grüßen zu lassen . Hast du nicht auch gefunden , alle alten Tanten sind neidisch . « » Ja , Effi , das ist wahr . Und daß du das sagst , das ist ganz meine alte Effi wieder . Denn du mußt wissen , die alte Effi , die noch aussah wie ein Kind , nun , die war auch nach meinem Geschmack . Grad so wie die jetzige gnäd ' ge Frau . « » Meinst du ? Und wenn du dich zwischen beiden entscheiden solltest ... « » Das ist eine Doktorfrage , darauf lasse ich mich nicht ein . Aber da bringt Friedrich den Tee . Wie hat ' s mich nach dieser Stunde verlangt ! Und hab es auch ausgesprochen , sogar zu deinem Vetter Briest , als wir bei Dressel saßen und in Champagner dein Wohl tranken ... Die Ohren müssen dir geklungen haben ... Und weißt du , was dein Vetter dabei sagte ? « » Gewiß etwas Albernes . Darin ist er groß . « » Das ist der schwärzeste Undank , den ich all mein Lebtag erlebt habe . Lassen wir Effi leben , sagte er , meine schöne Cousine ... Wissen Sie , Innstetten , daß ich Sie am liebsten fordern und totschießen möchte ? Denn Effi ist ein Engel , und Sie haben mich um diesen Engel gebracht . Und dabei sah er so ernst und wehmütig aus , daß man ' s beinah hätte glauben können . « » Oh , diese Stimmung kenn ich an ihm . Bei der wievielten wart ihr ? « » Ich hab es nicht mehr gegenwärtig , und vielleicht hätte ich es auch damals nicht mehr sagen können . Aber das glaub ich , daß es ihm ganz ernst war . Und vielleicht wäre es auch das richtige gewesen . Glaubst du nicht , daß du mit ihm hättest leben können ? « » Leben können ? Das ist wenig , Geert . Aber beinah möchte ich sagen , ich hätte auch nicht einmal mit ihm leben können . « » Warum nicht ? Er ist wirklich ein liebenswürdiger und netter Mensch und auch ganz gescheit . « » Ja , das ist er ... « » Aber ... « » Aber er ist dalbrig . Und das ist keine Eigenschaft , die wir Frauen lieben , auch nicht einmal dann , wenn wir noch halbe Kinder sind , wohin du mich immer gerechnet hast und vielleicht , trotz meiner Fortschritte , auch jetzt noch rechnest . Das Dalbrige , das ist nicht unsre Sache . Männer müssen Männer sein . « » Gut , daß du das sagst . Alle Teufel , da muß man sich ja zusammennehmen . Und ich kann von Glück sagen , daß ich von so was , das wie Zusammennehmen aussieht oder wenigstens ein Zusammennehmen in Zukunft fordert , so gut wie direkt herkomme ... Sage , wie denkst du dir ein Ministerium ? « » Ein Ministerium ? Nun , das kann zweierlei sein . Es können Menschen sein , kluge , vornehme Herren , die den Staat regieren , und es kann auch bloß ein Haus sein , ein Palazzo , ein Palazzo Strozzi oder Pitti oder , wenn die nicht passen , irgendein andrer . Du siehst , ich habe meine italienische Reise nicht umsonst gemacht . « » Und könntest du dich entschließen , in solchem Palazzo zu wohnen ? Ich meine in solchem Ministerium ? « » Um Gottes willen , Geert , sie haben dich doch nicht zum Minister gemacht ? Gieshübler sagte so was . Und der Fürst kann alles . Gott , der hat es am Ende durchgesetzt , und ich bin erst achtzehn . « Innstetten lachte . » Nein , Effi , nicht Minister , soweit sind wir noch nicht . Aber vielleicht kommen noch allerhand Gaben in mir heraus , und dann ist es nicht unmöglich . « » Also jetzt noch nicht , noch nicht Minister ? « » Nein . Und wir werden , die Wahrheit zu sagen , auch nicht einmal in einem Ministerium wohnen , aber ich werde täglich ins Ministerium gehen , wie ich jetzt in unser Landratsamt gehe , und werde dem Minister Vortrag halten und mit ihm reisen , wenn er die Provinzialbehörden inspiziert . Und du wirst eine Ministerialrätin sein und in Berlin leben , und in einem halben Jahre wirst du kaum noch wissen , daß du hier in Kessin gewesen bist und nichts gehabt hast als Gieshübler und die Dünen und die Plantage . « Effi sagte kein Wort , und nur ihre Augen wurden immer größer ; um ihre Mundwinkel war ein nervöses Zucken , und ihr ganzer zarter Körper zitterte . Mit einem Male aber glitt sie von ihrem Sitze vor Innstetten nieder , umklammerte seine Knie und sagte in einem Tone , wie wenn sie betete : » Gott sei Dank ! « Innstetten verfärbte sich . Was war das ? Etwas , was seit Wochen flüchtig , aber doch immer sich erneuernd über ihn kam , war wieder da und sprach so deutlich aus seinem Auge , daß Effi davor erschrak . Sie hatte sich durch ein schönes Gefühl , das nicht viel was andres als ein Bekenntnis ihrer Schuld war , hinreißen lassen und dabei mehr gesagt , als sie sagen durfte . Sie mußte das wieder ausgleichen , mußte was finden , irgendeinen Ausweg , es koste , was es wolle . » Steh auf , Effi . Was hast du ? « Effi erhob sich rasch . Aber sie nahm ihren Platz auf dem Sofa nicht wieder ein , sondern schob einen Stuhl mit hoher Lehne heran , augenscheinlich , weil sie nicht Kraft genug fühlte , sich ohne Stütze zu halten . » Was hast du ? « wiederholte Innstetten . » Ich dachte , du hättest hier glückliche Tage verlebt . Und nun rufst du Gott sei Dank , als ob dir hier alles nur ein Schrecknis gewesen wäre . War ich dir ein Schrecknis ? Oder war es was andres ? Sprich . « » Daß du noch fragen kannst , Geert « , sagte sie , während sie mit einer äußersten Anstrengung das Zittern ihrer Stimme zu bezwingen suchte . » Glückliche Tage ! Ja , gewiß , glückliche Tage , aber doch auch andre . Nie bin ich die Angst hier ganz losgeworden , nie . Noch keine vierzehn Tage , daß es mir wieder über die Schulter sah , dasselbe Gesicht , derselbe fahle Teint . Und diese letzten Nächte , wo du fort warst , war es auch wieder da , nicht das Gesicht , aber es schlurrte wieder , und Rollo schlug wieder an , und Roswitha , die ' s auch gehört , kam an mein Bett und setzte sich zu mir , und erst als es schon dämmerte , schliefen wir wieder ein . Es ist ein Spukhaus , und ich hab es auch glauben sollen , das mit dem Spuk - denn du bist ein Erzieher . Ja , Geert , das bist du . Aber laß es sein , wie ' s will , soviel weiß ich , ich habe mich ein ganzes Jahr lang und länger in diesem Hause gefürchtet , und wenn ich von hier fortkomme , so wird es , denk ich , von mir abfallen , und ich werde wieder frei sein . « Innstetten hatte kein Auge von ihr gelassen und war jedem Worte gefolgt . Was sollte das heißen : » Du bist ein Erzieher ? « und dann das andre , was vorausging : » Und ich hab es auch glauben sollen , das mit dem Spuk . « Was war das alles ? Wo kam das her ? Und er fühlte seinen leisen Argwohn sich wieder regen und fester einnisten . Aber er hatte lange genug gelebt , um zu wissen , daß alle Zeichen trügen und daß wir in unsrer Eifersucht , trotz ihrer hundert Augen , oft noch mehr in die Irre gehen als in der Blindheit unsres Vertrauens . Es konnte ja so sein , wie sie sagte . Und wenn es so war , warum sollte sie nicht ausrufen : » Gott sei Dank ! « Und so , rasch alle Möglichkeiten ins Auge fassend , wurde er seines Argwohns wieder Herr und reichte ihr die Hand über den Tisch hin : » Verzeih mir , Effi , aber ich war so sehr überrascht von dem allen . Freilich wohl meine Schuld . Ich bin immer zu sehr mit mir beschäftigt gewesen . Wir Männer sind alle Egoisten . Aber das soll nun anders werden . Ein Gutes hat Berlin gewiß : Spukhäuser gibt es da nicht . Wo sollen die auch herkommen ? Und nun laß uns hinübergehen , daß ich Annie sehe ; Roswitha verklagt mich sonst als einen unzärtlichen Vater . « Effi war unter diesen Worten allmählich ruhiger geworden , und das Gefühl , aus einer selbstgeschaffenen Gefahr sich glücklich befreit zu haben , gab ihr ihre Spannkraft und gute Haltung wieder zurück . Zweiundzwanzigstes Kapitel Am andern Morgen nahmen beide gemeinschaftlich ihr etwas verspätetes Frühstück . Innstetten hatte seine Mißstimmung und Schlimmeres überwunden , und Effi lebte so ganz dem Gefühl ihrer Befreiung , daß sie nicht bloß die Fähigkeit einer gewissen erkünstelten guten Laune , sondern fast auch ihre frühere Unbefangenheit wiedergewonnen hatte . Sie war noch in Kessin , und doch war ihr schon zumute , als läge es weit hinter ihr . » Ich habe mir ' s überlegt , Effi « , sagte Innstetten , » du hast nicht so ganz unrecht mit allem , was du gegen unser Haus hier gesagt hast . Für Kapitän Thomsen war es gerade gut genug , aber nicht für eine junge verwöhnte Frau ; alles altmodisch , kein Platz . Da sollst du ' s in Berlin besser haben , auch einen Saal , aber einen andern als hier , und auf Flur und Treppe hohe bunte Glasfenster , Kaiser Wilhelm mit Zepter und Krone oder auch was Kirchliches , heilige Elisabeth oder Jungfrau Maria . Sagen wir Jungfrau Maria , das sind wir Roswitha schuldig . « Effi lachte . » So soll es sein . Aber wer sucht uns eine Wohnung ? Ich kann doch nicht Vetter Briest auf die Suche schicken . Oder gar die Tanten ! Die finden alles gut genug . « » Ja , das Wohnungsuchen . Das macht einem keiner zu Dank . Ich denke , da mußt du selber hin . « » Und wann meinst du ? « » Mitte März . « » Oh , das ist viel zu spät , Geert , dann ist ja alles fort . Die guten Wohnungen werden schwerlich auf uns warten ! « » Ist schon recht . Aber ich bin erst seit gestern wieder hier und kann doch nicht sagen reise morgen . Das würde mich schlecht kleiden und paßte mir auch wenig ; ich bin froh , daß ich dich wiederhabe . « » Nein « , sagte sie , während sie das Kaffeegeschirr , um eine aufsteigende Verlegenheit zu verbergen , ziemlich geräuschvoll zusammenrückte , » nein , so soll ' s auch nicht sein , nicht heut und nicht morgen , aber doch in den nächsten Tagen . Und wenn ich etwas finde , so bin ich rasch wieder zurück . Aber noch eins , Roswitha und Annie müssen mit . Am schönsten wär es , du auch . Aber ich sehe ein , das geht nicht . Und ich denke , die Trennung soll nicht lange dauern . Ich weiß auch schon , wo ich miete ... « » Nun ? « » Das bleibt mein Geheimnis . Ich will auch ein Geheimnis haben . Damit will ich dich dann überraschen . « In diesem Augenblick trat Friedrich ein , um die Postsachen abzugeben . Das meiste war Dienstliches und Zeitungen . » Ah , da ist auch ein Brief für dich « , sagte Innstetten . » Und wenn ich nicht irre , die Handschrift der Mama . « Effi nahm den Brief . » Ja , von der Mama . Aber das ist ja nicht der Friesacker Poststempel ; sieh nur , das heißt ja deutlich Berlin . « » Freilich « , lachte Innstetten . » Du tust , als ob es ein Wunder wäre . Die Mama wird in Berlin sein und hat ihrem Liebling von ihrem Hotel aus einen Brief geschrieben . « » Ja « , sagte Effi , » so wird es sein . Aber ich ängstige mich doch beinah und kann keinen rechten Trost darin finden , daß Hulda Niemeyer immer sagte : Wenn man sich ängstigt , ist es besser , als wenn man hofft . Was meinst du dazu ? « » Für eine Pastorstochter nicht ganz auf der Höhe . Aber nun lies den Brief . Hier ist ein Papiermesser . « Effi schnitt das Couvert auf und las : » Meine liebe Effi . Seit 24 Stunden bin ich hier in Berlin ; Konsultationen bei Schweigger . Als er mich sieht , beglückwünscht er mich , und als ich erstaunt ihn frage , wozu , erfahr ich , daß Ministerialdirektor Wüllersdorf eben bei ihm gewesen und ihm erzählt habe : Innstetten sei ins Ministerium berufen . Ich bin ein wenig ärgerlich , daß man dergleichen von einem Dritten erfahren muß . Aber in meinem Stolz und meiner Freude sei Euch verziehen . Ich habe es übrigens immer gewußt ( schon als 1. noch bei den Rathenowern war ) , daß etwas aus ihm werden würde . Nun kommt es Dir zugute . Natürlich müßt Ihr eine Wohnung haben und eine andere Einrichtung . Wenn du , meine liebe Effi , glaubst , meines Rates dabei bedürfen zu können , so komme , so rasch es Dir Deine Zeit erlaubt . Ich bleibe acht Tage hier in Kur , und wenn es nicht anschlägt , vielleicht noch etwas länger ; Schweigger drückt sich unbestimmt darüber aus . Ich habe eine Privatwohnung in der Schadowstraße genommen ; neben dem meinigen sind noch Zimmer frei . Was es mit meinem Auge ist , darüber mündlich ; vorläufig beschäftigt mich nur Eure Zukunft . Briest wird unendlich glücklich sein , er tut immer so gleichgültig gegen dergleichen , eigentlich hängt er aber mehr daran als ich . Grüße Innstetten , küsse Annie , die Du vielleicht mitbringst . Wie immer Deine Dich zärtlich liebende Mutter Luise von B. « Effi legte den Brief aus der Hand und sagte nichts . Was sie zu tun habe , das stand bei ihr fest ; aber sie wollte es nicht selber aussprechen , Innstetten sollte damit kommen , und dann wollte sie zögernd ja sagen . Innstetten ging auch wirklich in die Falle . » Nun , Effi , du bleibst so ruhig . « » Ach , Geert , es hat alles so seine zwei Seiten . Auf der einen Seite beglückt es mich , die Mama wiederzusehen und vielleicht sogar schon in wenig Tagen . Aber es spricht auch so vieles dagegen . « » Was ? « » Die Mama , wie du weißt , ist sehr bestimmt und kennt nur ihren eignen Willen . Dem Papa gegenüber hat sie alles durchsetzen können . Aber ich möchte gern eine Wohnung haben , die nach meinem Geschmack ist , und eine neue Einrichtung , die mir gefällt . « Innstetten lachte . » Und das ist alles ? « » Nun , es wäre grade genug . Aber es ist nicht alles . « Und nun nahm sie sich zusammen und sah ihn an und sagte : » Und dann , Geert , ich möchte nicht gleich wieder von dir fort . « » Schelm , das sagst du so , weil du meine Schwäche kennst . Aber wir sind alle so eitel , und ich will es glauben . Ich will es glauben und doch zugleich auch den Heroischen spielen , den Entsagenden . Reise , sobald du ' s für nötig hältst und vor deinem Herzen verantworten kannst . « » So darfst du nicht sprechen , Geert . Was heißt das , vor meinem Herzen verantworten . Damit schiebst du mir , halb gewaltsam , eine Zärtlichkeitsrolle zu , und ich muß dir dann aus reiner Koketterie sagen : Ach , Geert , dann reise ich nie . Oder doch so etwas Ähnliches . « Innstetten drohte ihr mit dem Finger . » Effi , du bist mir zu fein . Ich dachte immer , du wärst ein Kind , und sehe nun , daß du das Maß hast wie alle andern . Aber lassen wir das , oder wie dein Papa immer sagte : Das ist ein zu weites Feld . Sage lieber , wann willst du fort ? « » Heute haben wir Dienstag . Sagen wir also Freitag mittag mit dem Schiff . Dann bin ich am Abend in Berlin . « » Abgemacht . Und wann zurück ? « » Nun , sagen wir Montag abend . Das sind dann drei Tage . « » Geht nicht . Das ist zu früh . In drei Tagen kannst du ' s nicht zwingen . Und so rasch läßt dich die Mama auch nicht fort . « » Also auf Diskretion . « » Gut . « Und damit erhob sich Innstetten , um nach dem Landratsamte hinüberzugehen . Die Tage bis zur Abreise vergingen wie im Fluge . Roswitha war sehr glücklich . » Ach , gnädigste Frau , Kessin , nun ja ... aber Berlin ist es nicht . Und die Pferdebahn . Und wenn es dann so klingelt und man nicht weiß , ob man links oder rechts soll , und mitunter ist mir schon gewesen , als ginge alles grad über mich weg . Nein , so was ist hier nicht . Ich glaube , manchen Tag sehen wir keine sechs Menschen . Und immer bloß die Dünen und draußen die See . Und das rauscht und rauscht , aber weiter ist es auch nichts . « » Ja , Roswitha , du hast recht . Es rauscht und rauscht immer , aber es ist kein richtiges Leben . Und dann kommen einem allerhand dumme Gedanken . Das kannst du doch nicht bestreiten , das mit dem Kruse war nicht in der Richtigkeit . « » Ach , gnädigste Frau ... « » Nun , ich will nicht weiter nachforschen . Du wirst es natürlich nicht zugeben . Und nimm nur nicht zuwenig Sachen mit . Deine Sachen kannst du eigentlich ganz mitnehmen und Annies auch . « » Ich denke , wir kommen noch mal wieder . « » Ja , ich . Der Herr wünscht es . Aber ihr könnt vielleicht dableiben , bei meiner Mutter . Sorge nur , daß sie Anniechen nicht zu sehr verwöhnt . Gegen mich war sie mitunter streng , aber ein Enkelkind ... « » Und dann ist Anniechen ja auch so zum Anbeißen . Da muß ja jeder zärtlich sein . « Das war am Donnerstag , am Tage vor der Abreise . Innstetten war über Land gefahren und wurde erst gegen Abend zurückerwartet . Am Nachmittag ging Effi in die Stadt , bis auf den Marktplatz , und trat hier in die Apotheke und bat um eine Flasche Sal volatile . » Man weiß nie , mit wem man reist « , sagte sie zu dem alten Gehülfen , mit dem sie auf dem Plauderfuße stand und der sie anschwärmte wie Gieshübler selbst . » Ist der Herr Doktor zu Hause ? « fragte sie weiter , als sie das Fläschchen eingesteckt hatte . » Gewiß , gnädigste Frau ; er ist hier nebenan und liest die Zeitungen . « » Ich werde ihn doch nicht stören ? « » Oh , nie . « Und Effi trat ein . Es war eine kleine , hohe Stube , mit Regalen ringsherum , auf denen allerlei Kolben und Retorten standen ; nur an der einen Wand befanden sich alphabetisch geordnete , vorn mit einem Eisenringe versehene Kästen , in denen die Rezepte lagen . Gieshübler war beglückt und verlegen . » Welche Ehre . Hier unter meinen Retorten . Darf ich die gnädige Frau auffordern , einen Augenblick Platz zu nehmen ? « » Gewiß , lieber Gieshübler . Aber auch wirklich nur einen Augenblick . Ich will Ihnen adieu sagen . « » Aber meine gnädigste Frau , Sie kommen ja doch wieder . Ich habe gehört , nur auf drei , vier Tage ... « » Ja , lieber Freund , ich soll wiederkommen , und es ist sogar verabredet , daß ich spätestens in einer Woche wieder in Kessin bin . Aber ich könnte doch auch nicht wiederkommen . Muß ich Ihnen sagen , welche tausend Möglichkeiten es gibt ... Ich sehe , Sie wollen mir sagen , daß ich noch zu jung sei ... auch Junge können sterben . Und dann so vieles andere noch . Und da will ich doch lieber Abschied nehmen von Ihnen , als wär es für immer . « » Aber meine gnädigste Frau ... « » Als wär es für immer . Und ich will Ihnen danken , lieber Gieshübler . Denn Sie waren das Beste hier ; natürlich , weil Sie der Beste waren . Und wenn ich hundert Jahr alt würde , so werde ich Sie nicht vergessen . Ich habe mich hier mitunter einsam gefühlt , und mitunter war mir so schwer ums Herz , schwerer , als Sie wissen können ; ich habe es nicht immer richtig eingerichtet ; aber wenn ich Sie gesehen habe , vom ersten Tage an , dann habe ich mich immer wohler gefühlt und auch besser . « » Aber meine gnädigste Frau . « » Und dafür wollte ich Ihnen danken . Ich habe mir eben ein Fläschchen mit Sal volatile gekauft ; im Coupé sind mitunter so merkwürdige Menschen und wollen einem nicht mal erlauben , daß man ein Fenster aufmacht ; und wenn mir dann vielleicht - denn es steigt einem ja ordentlich zu Kopf , ich meine das Salz - die Augen übergehen , dann will ich an Sie denken . Adieu , lieber Freund , und grüßen Sie Ihre Freundin , die Trippelli . Ich habe in den letzten Wochen öfter an sie gedacht und an Fürst Kotschukoff . Ein eigentümliches Verhältnis bleibt es doch . Aber ich kann mich hineinfinden ... Und lassen Sie einmal von sich hören . Oder ich werde schreiben . « Damit ging Effi . Gieshübler begleitete sie bis auf den Platz hinaus . Er war wie benommen , so sehr , daß er über manches Rätselhafte , was sie gesprochen , ganz hinwegsah . Effi ging wieder nach Haus . » Bringen Sie mir die Lampe , Johanna « , sagte sie , » aber in mein Schlafzimmer . Und dann eine Tasse Tee . Ich hab es so kalt und kann nicht warten , bis der Herr wieder da ist . « Beides kam . Effi saß schon an ihrem kleinen Schreibtisch , einen Briefbogen vor sich , die Feder in der Hand . » Bitte , Johanna , den Tee auf den Tisch da . « Als Johanna das Zimmer wieder verlassen hatte , schloß Effi sich ein , sah einen Augenblick in den Spiegel und setzte sich dann wieder . Und nun schrieb sie : » Ich reise morgen mit dem Schiff , und dies sind Abschiedszeilen . Innstetten erwartet mich in wenig Tagen zurück , aber ich komme nicht wieder ... Warum ich nicht wiederkomme , Sie wissen es ... Es wäre das beste gewesen , ich hätte dies Stück Erde nie gesehen . Ich beschwöre Sie , dies nicht als einen Vorwurf zu fassen ; alle Schuld ist bei mir . Blick ich auf Ihr Haus . .. Ihr Tun mag entschuldbar sein , nicht das meine . Meine Schuld ist sehr schwer . Aber vielleicht kann ich noch heraus . Daß wir hier abberufen wurden , ist mir wie ein Zeichen , daß ich noch zu Gnaden angenommen werden kann . Vergessen Sie das Geschehene , vergessen Sie mich . Ihre Effi . « Sie überflog die Zeilen noch einmal , am fremdesten war ihr das » Sie « ; aber auch das mußte sein ; es sollte ausdrücken , daß keine Brücke mehr da sei . Und nun schob sie die Zeilen in ein Couvert und ging auf ein Haus zu , zwischen dem Kirchhof und der Waldecke . Ein dünner Rauch stieg aus dem halb eingefallenen Schornstein . Da gab sie die Zeilen ab . Als sie wieder zurück war , war Innstetten schon da , und sie setzte sich zu ihm und erzählte ihm von Gieshübler und dem Sal volatile . Innstetten lachte . » Wo hast du nur dein Latein her , Effi ? « Das Schiff , ein leichtes Segelschiff ( die Dampfboote gingen nur sommers ) , fuhr um zwölf . Schon eine Viertelstunde vorher waren Effi und Innstetten an Bord ; auch Roswitha und Annie . Das Gepäck war größer , als es für einen auf so wenig Tage geplanten Ausflug geboten erschien . Innstetten sprach mit dem Kapitän : Effi , in einem Regenmantel und hellgrauen Reisehut , stand auf dem Hinterdeck , nahe am Steuer , und musterte von hier aus das Bollwerk und die hübsche Häuserreihe , die dem Zuge des Bollwerks folgte . Gerade der Landungsbrücke gegenüber lag Hoppensacks Hotel , ein drei Stock hohes Gebäude , von dessen Giebeldach eine gelbe Flagge , mit Kreuz und Krone darin , schlaff in der stillen , etwas nebeligen Luft herniederhing . Effi sah eine Weile nach der Flagge hinauf , ließ dann aber ihr Auge wieder abwärts gleiten und verweilte zuletzt auf einer Anzahl von Personen , die neugierig am Bollwerk umherstanden . In diesem Augenblicke wurde geläutet . Effi war ganz eigen zumut , das Schiff setzte sich langsam in Bewegung , und als sie die Landungsbrücke noch einmal musterte , sah sie , daß Crampas in vorderster Reihe stand . Sie erschrak bei seinem Anblick und freute sich doch auch . Er seinerseits , in seiner ganzen Haltung verändert , war sichtlich bewegt und grüßte ernst zu ihr hinüber , ein Gruß , den sie ebenso , aber doch zugleich in großer Freundlichkeit , erwiderte ; dabei lag etwas Bittendes in ihrem Auge . Dann ging sie rasch auf die Kajüte zu , wo sich Roswitha mit Annie schon eingerichtet hatte . Hier , in dem etwas stickigen Raume , blieb sie , bis man aus dem Fluß in die weite Bucht des Breitling eingefahren war ; da kam Innstetten und rief sie nach oben , daß sie sich an dem herrlichen Anblick erfreue , den die Landschaft gerade an dieser Stelle bot . Sie ging dann auch hinauf . Über dem Wasserspiegel hingen graue