Blutrache nach . Denn ein Bedürfnis nach Aufregung würd ich doch wohl zeitlebens gehabt haben ; Leopold ist etwas schläfrig . Ja , so hätt ich gelebt . « » Du bleibst immer dieselbe und malst dich schlimmer , als du bist . « » Kaum ; aber freilich auch nicht besser . Und deshalb glaubst du mir wohl auch , wenn ich dir jetzt versichre , daß ich froh bin , aus dem allen heraus zu sein . Ich habe von früh an den Sinn für Äußerlichkeiten gehabt und hab ihn vielleicht noch , aber seine Befriedigung kann doch zu teuer erkauft werden , das hab ich jetzt einsehen gelernt . « Marcell wollte noch einmal unterbrechen , aber sie litt es nicht . » Nein , Marcell , ich muß noch ein paar Worte sagen . Sieh , das mit dem Leopold , das wäre vielleicht gegangen , warum am Ende nicht ? Einen schwachen , guten , unbedeutenden Menschen zur Seite zu haben kann sogar angenehm sein , kann einen Vorzug bedeuten . Aber diese Mama , diese furchtbare Frau ! Gewiß , Besitz und Geld haben einen Zauber , wär es nicht so , so wäre mir meine Verirrung erspart geblieben ; aber wenn Geld alles ist und Herz und Sinn verengt und zum Überfluß Hand in Hand geht mit Sentimentalität und Tränen - dann empört sich ' s hier , und das hinzunehmen wäre mir hart angekommen , wenn ich ' s auch vielleicht ertragen hätte . Denn ich gehe davon aus , der Mensch in einem guten Bett und in guter Pflege kann eigentlich viel ertragen . « Den zweiten Tag danach stand es in den Zeitungen , und zugleich mit den öffentlichen Anzeigen trafen Karten ein . Auch bei Kommerzienrats . Treibel , der , nach vorgängigem Einblick in das Couvert , ein starkes Gefühl von der Wichtigkeit dieser Nachricht und ihrem Einfluß auf die Wiederherstellung häuslichen Friedens und passabler Laune hatte , säumte nicht , in das Damenzimmer hinüberzugehen , wo Jenny mit Hildegard frühstückte . Schon beim Eintreten hielt er den Brief in die Höhe und sagte : » Was kriege ich , wenn ich euch den Inhalt dieses Briefes mitteile ? « » Fordere « , sagte Jenny , in der vielleicht eine Hoffnung dämmerte . » Einen Kuß . « » Keine Albernheiten , Treibel . « » Nun , wenn es von dir nicht sein kann , dann wenigstens von Hildegard . « » Zugestanden « , sagte diese . » Aber nun lies . « Und Treibel las : » Die am heutigen Tage stattgehabte Verlobung meiner Tochter ... , ja , meine Damen , welcher Tochter ? Es gibt viele Töchter . Noch einmal also , ratet . Ich verdoppele den von mir gestellten Preis . .. also meiner Tochter Corinna mit dem Doktor Marcell Wedderkopp , Oberlehrer und Lieutenant der Reserve im brandenburgischen Füsilierregiment Nr. 35 , habe ich die Ehre hiermit ganz ergebenst anzuzeigen . Doktor Wilibald Schmidt , Professor und Oberlehrer am Gymnasium zum Heiligen Geist . « Jenny , durch Hildegards Gegenwart behindert , begnügte sich , ihrem Gatten einen triumphierenden Blick zuzuwerfen , Hildegard selbst aber , die sofort wieder auf Suche nach einem Formfehler war , sagte nur : » Ist das alles ? Soviel ich weiß , pflegt es Sache der Verlobten zu sein , auch ihrerseits noch ein Wort zu sagen . Aber die Schmidt-Wedderkopps haben am Ende darauf verzichtet . « » Doch nicht , teure Hildegard . Auf dem zweiten Blatt , das ich unterschlagen habe , haben auch die Brautleute gesprochen . Ich überlasse dir das Schriftstück als Andenken an deinen Berliner Aufenthalt und als Beweis für den allmählichen Fortschritt hiesiger Kulturformen . Natürlich stehen wir noch eine gute Strecke zurück , aber es macht sich allmählich . Und nun bitt ich um meinen Kuß . « Hildegard gab ihm zwei , und so stürmisch , daß ihre Bedeutung klar war . Dieser Tag bedeutete zwei Verlobungen . Der letzte Sonnabend im Juli war als Marcells und Corinnas Hochzeitstag angesetzt worden ; » nur keine langen Verlobungen « , betonte Wilibald Schmidt , und die Brautleute hatten begreiflicherweise gegen ein beschleunigtes Verfahren nichts einzuwenden . Einzig und allein die Schmolke , die ' s mit der Verlobung so eilig gehabt hatte , wollte von solcher Beschleunigung nicht viel wissen und meinte , bis dahin sei ja bloß noch drei Wochen , also nur gerade noch Zeit genug , » um dreimal von der Kanzel zu fallen « , und das ginge nicht , das sei zu kurz , darüber redeten die Leute ; schließlich aber gab sie sich zufrieden oder tröstete sich wenigstens mit dem Satze : geredet wird doch . Am siebenundzwanzigsten war kleiner Polterabend in der Schmidtschen Wohnung , den Tag darauf Hochzeit im » Englischen Hause « . Prediger Thomas traute . Drei Uhr fuhren die Wagen vor der Nikolaikirche vor , sechs Brautjungfern , unter denen die beiden Kuhschen Kälber und die zwei Felgentreus waren . Letztere , wie schon hier verraten werden mag , verlobten sich in einer Tanzpause mit den zwei Referendarien vom Quartett , denselben jungen Herren , die die Halenseepartie mitgemacht hatten . Der natürlich auch geladene Jodler wurde von den Kuhs heftig in Angriff genommen , widerstand aber , weil er , als Eckhaussohn , an solche Sturmangriffe gewöhnt war . Die Kuhschen Töchter selbst fanden sich ziemlich leicht in diesen Echec - » er war der erste nicht , er wird der letzte nicht sein « , sagte Schmidt - , und nur die Mutter zeigte bis zuletzt eine starke Verstimmung . Sonst war es eine durchaus heitere Hochzeit , was zum Teil damit zusammenhing , daß man von Anfang an alles auf die leichte Schulter genommen hatte . Man wollte vergeben und vergessen , hüben und drüben , und so kam es denn auch , daß , um die Hauptsache vorwegzunehmen , alle Treibels nicht nur geladen , sondern mit alleiniger Ausnahme von Leopold , der an demselben Nachmittage nach dem Eierhäuschen ritt , auch vollzählig erschienen waren . Allerdings hatte die Kommerzienrätin anfänglich stark geschwankt , ja , sogar von Taktlosigkeit und Affront gesprochen , aber ihr zweiter Gedanke war doch der gewesen , den ganzen Vorfall als eine Kinderei zu nehmen und dadurch das schon hier und da laut gewordene Gerede der Menschen auf die leichteste Weise totzumachen . Bei diesem zweiten Gedanken blieb es denn auch ; die Rätin , freundlich-lächelnd wie immer , trat in pontificalibus auf und bildete ganz unbestritten das Glanz-und Repräsentationsstück der Hochzeitstafel . Selbst die Honig und die Wulsten waren auf Corinnas dringenden Wunsch eingeladen worden ; erstere kam auch , die Wulsten dagegen entschuldigte sich brieflich , » weil sie Lizzi , das süße Kind , doch nicht allein lassen könne « . Dicht unter der Stelle » das süße Kind « war ein Fleck , und Marcell sagte zu Corinna : » Eine Träne , und ich glaube , eine echte . « Von den Professoren waren , außer den schon genannten Kuhs , nur Distelkamp und Rindfleisch zugegen , da sich die mit jüngerem Nachwuchs Gesegneten sämtlich in Kösen , Ahlbeck und Stolpemünde befanden . Trotz dieser Personal-Einbuße war an Toasten kein Mangel ; der Distelkampsche war der beste , der Felgentreusche der logisch ungeheuerlichste , weshalb ihm ein hervorragender , vom Ausbringer allerdings unbeabsichtigter Lacherfolg zuteil wurde . Mit dem Herumreichen des Konfekts war begonnen , und Schmidt ging eben von Platz zu Platz , um den älteren und auch einigen jüngeren Damen allerlei Liebenswürdiges zu sagen , als der schon vielfach erschienene Telegraphenbote noch einmal in den Saal und gleich danach an den alten Schmidt herantrat . Dieser , von dem Verlangen erfüllt , den Überbringer so vieler Herzenswünsche schließlich wie den Goetheschen Sänger königlich zu belohnen , füllte ein neben ihm stehendes Becherglas mit Champagner und kredenzte es dem Boten , der es , unter vorgängiger Verbeugung gegen das Brautpaar , mit einem gewissen Avec leerte . Großer Beifall . Dann öffnete Schmidt das Telegramm , überflog es und sagte : » Vom stammverwandten Volk der Briten . « » Lesen , lesen . « » ... To Doctor Marcell Wedderkopp . « » Lauter . « » England expects that every man will do his duty ... Unterzeichnet John Nelson . « Im Kreise der sachlich und sprachlich Eingeweihten brach ein Jubel aus , und Treibel sagte zu Schmidt : » Ich denke mir , Marcell ist Bürge dafür . « Corinna selbst war ungemein erfreut und erheitert über das Telegramm , aber es gebrach ihr bereits an Zeit , ihrer glücklichen Stimmung Ausdruck zu geben , denn es war acht Uhr , und um neuneinhalb Uhr ging der Zug , der sie zunächst bis München und von da nach Verona oder , wie Schmidt mit Vorliebe sich ausdrückte , » bis an das Grab der Julia « führen sollte . Schmidt nannte das übrigens alles nur Kleinkram und » Vorschmack « , sprach überhaupt ziemlich hochmütig und orakelte , zum Ärger Kuhs , von Messenien und dem Taygetos , darin sich gewiß noch ein paar Grabkammern finden würden , wenn nicht von Aristomenes selbst , so doch von seinem Vater . Und als er endlich schwieg und Distelkamp ein vergnügtes Lächeln über seinen mal wieder sein Steckenpferd tummelnden Freund Schmidt zeigte , nahm man wahr , daß Marcell und Corinna den Saal inzwischen verlassen hatten . Die Gäste blieben noch . Aber gegen zehn Uhr hatten sich die Reihen doch stark gelichtet ; Jenny , die Honig , Helene waren aufgebrochen , und mit Helene natürlich auch Otto , trotzdem er gern noch eine Stunde zugegeben hätte . Nur der alte Kommerzienrat hatte sich emanzipiert und saß neben seinem Bruder Schmidt , eine Anekdote nach der andern aus dem » Schatzkästlein deutscher Nation « hervorholend , lauter blutrote Karfunkelsteine , von deren » reinem Glanze « zu sprechen Vermessenheit gewesen wäre . Treibel , trotzdem Goldammer fehlte , sah sich dabei von verschiedenen Seiten her unterstützt , am ausgiebigsten von Adolar Krola , dem denn auch Fachmänner wahrscheinlich den Preis zuerkannt haben würden . Längst brannten die Lichter , Zigarrenwölkchen kräuselten sich in großen und kleinen Ringen , und junge Paare zogen sich mehr und mehr in ein paar Saalecken zurück , in denen ziemlich unmotiviert vier , fünf Lorbeerbäume zusammenstanden und eine gegen Profanblicke schützende Hecke bildeten . Hier wurden auch die Kuhschen gesehen , die noch einmal , vielleicht auf Rat der Mutter , einen energischen Vorstoß auf den Jodler unternahmen , aber auch diesmal umsonst . Zu gleicher Zeit klimperte man bereits auf dem Flügel , und es war sichtlich der Zeitpunkt nahe , wo die Jugend ihr gutes Recht beim Tanze behaupten würde . Diesen gefahrdrohenden Moment ergriff der schon vielfach mit » du « und » Bruder « operierende Schmidt mit einer gewissen Feldherrngeschicklichkeit und sagte , während er Krola eine neue Zigarrenkiste zuschob : » Hören Sie , Sänger und Bruder , carpe diem . Wir Lateiner legen den Akzent auf die letzte Silbe . Nutze den Tag . Über ein kleines , und irgendein Klavierpauker wird die Gesamtsituation beherrschen und uns unsere Überflüssigkeit fühlen lassen . Also noch einmal , was du tun willst , tue bald . Der Augenblick ist da ; Krola , du mußt mir einen Gefallen tun und Jennys Lied singen . Du hast es hundertmal begleitet und wirst es wohl auch singen können . Ich glaube , Wagnersche Schwierigkeiten sind nicht drin . Und unser Treibel wird es nicht übelnehmen , daß wir das Herzenslied seiner Eheliebsten in gewissem Sinne profanieren . Denn jedes Schaustellen eines Heiligsten ist das , was ich Profanierung nenne . Hab ich recht , Treibel , oder täusch ich mich in dir ? Ich kann mich in dir nicht täuschen . In einem Manne wie du kann man sich nicht täuschen , du hast ein klares und offnes Gesicht . Und nun komm , Krola . Mehr Licht - das war damals ein großes Wort unseres Olympiers ; aber wir bedürfen seiner nicht mehr , wenigstens hier nicht , hier sind Lichter die Hülle und Fülle . Komm . Ich möchte diesen Tag als ein Ehrenmann beschließen und in Freundschaft mit aller Welt und nicht zum wenigsten mit dir , mit Adolar Krola . « Dieser , der an hundert Tafeln wetterfest geworden und im Vergleich zu Schmidt noch ganz leidlich im Stande war , schritt , ohne langes Sträuben , auf den Flügel zu , während ihm Schmidt und Treibel Arm in Arm folgten , und ehe der Rest der Gesellschaft noch eine Ahnung haben konnte , daß der Vortrag eines Liedes geplant war , legte Krola die Zigarre beiseite und hob an : » Glück , von allen deinen Losen Eines nur erwähl ich mir , Was soll Gold ? Ich liebe Rosen Und der Blumen schlichte Zier . Und ich höre Waldesrauschen , Und ich seh ein flatternd Band - Aug in Auge Blicke tauschen , Und ein Kuß auf deine Hand . Geben , nehmen , nehmen , geben , Und dein Haar umspielt der Wind . Ach , nur das , nur das ist Leben , Wo sich Herz zum Herzen findt . « Alles war heller Jubel , denn Krolas Stimme war immer noch voll Kraft und Klang , wenigstens verglichen mit dem , was man sonst in diesem Kreise hörte . Schmidt weinte vor sich hin . Aber mit einem Male war er wieder da . » Bruder « , sagte er , » das hat mir wohlgetan . Bravissimo . Treibel , unsere Jenny hat doch recht . Es ist was damit , es ist was drin ; ich weiß nicht genau , was , aber das ist es eben - es ist ein wirkliches Lied . Alle echte Lyrik hat was Geheimnisvolles . Ich hätte doch am Ende dabei bleiben sollen ... « Treibel und Krola sahen sich an und nickten dann zustimmend . » ... Und die arme Corinna ! Jetzt ist sie bei Trebbin , erste Etappe zu Julias Grab ... Julia Capulet , wie das klingt . Es soll übrigens eine ägyptische Sargkiste sein , was eigentlich noch interessanter ist ... Und dann alles in allem , ich weiß nicht , ob es recht ist , die Nacht so durchzufahren ; früher war das nicht Brauch , früher war man natürlicher , ich möchte sagen sittlicher . Schade , daß meine Freundin Jenny fort ist , die sollte darüber entscheiden . Für mich persönlich steht es fest , Natur ist Sittlichkeit und überhaupt die Hauptsache . Geld ist Unsinn , Wissenschaft ist Unsinn , alles ist Unsinn . Professor auch . Wer es bestreitet , ist ein pecus . Nicht wahr , Kuh ... ? Kommen Sie , meine Herren , komm , Krola ... Wir wollen nach Hause gehen . «